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Tour 3: Essen - Zagreb (1680 km)


VG WORTZugfahrkarte Zagreb - Essen 1983
Zugfahrkarte Zagreb-Essen

Bike-Blog & Routen-Karte & Etappen-Übersicht
Essen - Wien - Budapest - Zagreb (27.3.-12.4.1983)
Mit Bischofssuite & Fisch-Mäc durch Ostern & den Ostblock


Mini-Rucksack
Das ganze Gepäck
in einem winzigen Rucksack
(Foto 1984 bei Jericho)
Wir hatten in unserem Studentenwohnheim während meines ersten Semesters, dem Winter-Semester 1982/83, einen Gast aus Ungarn, der meine Frage nur belächelte: Ob es in Ungarn richtige Straßen gebe, auf denen man gut Fahrrad fahren könne.
Meine Vorstellungen vom "Ostblock" waren geprägt durch die siebziger Jahre, einen Besuch beim Katholikentag in Berlin und einer Woche im Süden der DDR. Dort Fahrrad zu fahren, schien nahezu unmöglich. Natürlich, meinte unser Besucher, sei es möglich, in Ungarn Fahrrad zu fahren.
Eine jener winzigen Begegnungen im Leben, die sich unbewusst festsetzen und uns ein gutes Stück fernsteuern. Am Palmsonntag bin ich dann mehr oder weniger spontan losgeradelt. Auf einem kleinen quadratischen Notizblock-Zettel stand die Route, z.B. "Aschaffenburg - Passau B8". Karte hatte ich keine und der winzige hellblaue Leinen-Rucksack (Foto links), mit dem ich losfuhr, fasste maximal fünf Kilo Gepäck. Es war Naivität, Ignoranz und Größenwahn. Und funktionierte.
Es war eine Fahrt, die mir nach der (Gruppen-)Dynamik der Erstsemester-Monate ganz großen Abstand bringen sollte. Spontan reingequetscht in die letzten vorlesungsfreien Tage. Wie viel sie wirkte in meinem Leben, meinem späteren "Touren-Leben", zeigt sich erst viel später im Rückblick. Erstaunt habe ich da entdeckt, wie viele Notizen ich mir damals gemacht habe, wie viel von jedem Tag dieser Tour noch in meiner Erinnerung lebendig ist, 25 Jahre danach.
Christoph Gocke 1983 in der Ungarischen Botschaft, Wien
Passfoto für das Ungarn-Visum
in der Wiener Botschaft

"Der war's"
Palmsonntag, 27. März 1983: Essen - Witten - Hagen - Olpe Biggesee (115 km)

Mit Palmzweig am Fahrrad geht's durchs das bergige Bergische Land.
Mann: "Und dann immer geradeaus..." Handbewegung: geschlängelt auf und ab.

Palmsonntag
Am
sonnigen
Palmsonntag
hieß
alles
lediglich
Leid
Leben
Teer

Menschen am Rande: "Der war's."
Eine Motorradkolonne rast in größeren und kleineren Abständen an mir vorbei. Plötzlich stößt mich ein Beifahrer in die Seite. Ich blicke erschrocken auf - kein Blick zurück. Nur der Hintermann guckt sich fragend um.
Ein paar Kilometer weiter stehen sie am Rand - die ganze Gruppe. Ich halte an, gehe auf sie zu. Plötzlich fängt einer an, streckt den Finger aus: "Der war's." Und (fast) alle stimmen ein: "Der war's."

Sonntag halb vier
Läuten
Warten
Der Schlüssel dreht sich
Ein Mann im Bademantel
"Ja, hier runter, dann noch 12-15 Kilometer".
Ein paar Meter weiter ein Schild: 20 Kilometer.
Scheiße.


Schnee
Montag, 28. März 1983: Biggesee - Siegen - Wetzlar (90 km)

JH Biggesee
"Hast Du Dich entschieden?"
"Ja, ich fahr jetzt los."
"Und was bewegt dich dazu?"

Am Morgen 15 cm Neuschnee
"Hast du Schneeketten?"

Erst mal 'nen Korn
Siegen-Ortsende
Gaststätte Schiffskajüte
Schuhe naß, Füße eiskalt
Strümpfe & Schuhe kommen auf die Heizung
Elfriede Massbaum - Wirtin, Witwe:
"Junge, ich geb Dir erst mal 'nen Korn, damit Du warm wirst.
Hier hast Du Strümpfe und Schuhe von meinem Mann.
Die Strümpfe kannst Du behalten, die Schuhe sind Dir zu groß.
Die hat er nur auf Reisen angezogen."


Schnee von Hagen-Süd bis Haiger/Burbach
Wie im Verkehrsfunk auf der Sauerlandlinie A 45

Shopping in Dillenburg
Herrliches Dilltal: Sonne, Hügel, Wälder

JH Wetzlar
Endlich mal eine JH,
die nicht auf dem Berg liegt
alt, urig, gemütlich,
klein, friedlich, persönlich.
Die Herbergsmutter
redet, redet, redet
Auf dem Berg steht die neue JH.
Im November ist Eröffnung.


Kirche und Theater im Trainingsanzug
Dienstag, 29. März 1983: Wetzlar - Hanau - Aschaffenburg (99 km)

JH Aschaffenburg - 14:45 Uhr
"Kann ich eine Nacht hier schlafen?"
"Anmeldung ist erst um fünf."
"Kann ich mich denn irgendwo duschen?"
"Die Duschen sind erst ab fünf geöffnet."
"Kann ich mich denn waschen?"
"Unten rechts"
Ich dusche erst einmal in Ruhe - unten ganz links.
Um fünf bekomme ich mein Zimmer im Keller unten rechts.

Aschaffenburg, St. Pius
"Wo komme ich hier in die Kirche rein?"
"Von hinten. Aber was wollen Sie denn da?"

Wendy
JR Burger, Hot Chocolate und grenzenlos: Salatbar.
Eine notwendige Pause auf der Toilette nach dem dritten Salatgang.
Danach: Alles ist weg. Fast food. It's America.
Ein jugendlicher Amerikaner ruft mit it's-fun-Lächeln:
"He took it away."

Aschaffenburg Theater
The Winslow Boy - von Terence Rattigan
Im Trainingsanzug
Was anderes hab ich nicht dabei


Gemeinsam frieren - halb so kalt
Mittwoch, 30. März 1983: Aschaffenburg - Würzburg - Kitzingen (94 km)

Autobahn-Raststätte Rohrbrunn im Spessart
Ein merkwürdiger Weise bewegender Moment:
Ich fahre auf der Landstraße an einer Autobahn-Raststätte vorbei.
Könnte auf die große Fahrbahn wechseln.
Die ich hier kurz darauf überquere.
Ich muss höher steigen als die motorisierten Wagen.
Und denke seitdem bei jeder Fahrt auf der A3 daran.

Gespräch am Nebentisch
"Nee, nee, was die Kirche einem alles aus der Tasche zieht."
"Hier nen Zehner, da 'ne Kollekte, Kirchneubau."
"Das ganze ist doch sowieso nur Geschäft."
"Und wie die sich benehmen und wie die schon gekleidet sind."

JH Kitzingen
"Ich wollte eine Nacht hier schlafen."
"Ist aber kalt"
Eiskalt, wie sich schnell herausstellt.
"Haben Sie keine Heizung?"
"Nein."
Lüge, wie sich später herausstellt.

16:30 Uhr Messe Kitzingen

21:00 Uhr Rückkehr
Glück: fünf weitere Gäste
Uli, Dani, Norman, Angela, Monika -
alle 12. Schuljahr mit Fahrrad
aus Taunusstein bei Wiesbaden
Gemeinschaft
Erzählen
Gemeinsam frieren - halb so kalt.
Lästern und einen warmen Ofen - man braucht halt einen Techniker.
21:55 Uhr Herbergsmutter: "Ist aber bald Schluß hier."
22:15 Uhr Herbergsmutter: "Es ist schon viertel elf."
7:30 Uhr Herbergsmutter: "Unverschämtheit - der Ofen war die ganze Nacht an."


Frühling
Gründonnerstag, 31. März 1983: Kitzingen - Nürnberg - Neumarkt (125 km)

JH Kitzingen
"Seminarist - das sieht man dir an."
"Fahrt ihr am Karfreitag?"
"Ja, wir studieren ja keine Theologie."

Nürnberg
"Wo ist hier der Christkindlmarkt?"
"Do isch jetzt nichts."

Mittagessen
friedlich
harmlos
schön
alles ist ruhig
nach einer halben Stunde
tuckert ein
kleines Motorschiff
den Rhein-Main-Donau-Kanal
entlang

13.45 h
Weite, weite Ebene
Schneeberg weit, weit hinter mir
Plötzlich
Frische in der Luft
grün und herb
Duft von Blüten
Sonne -
Frühling

Gasthof Schwan
Neumarkt, Untere Marktstraße 21
"Sie wollen ein billiges Zimmer, stimmt's?
Ein Zimmer mit Garage."

Gründonnerstag-Abend
Ergebnis der Panikeinkäufe wegen Karfreitag:
eine bayrische Lebensmittelleistungsschau

1/2 l Buttermilch mit Zitrone
2 Äpfel
2 l Frankenfrucht Orangennektar
2 Roggenbrötchen
1 Mohnbrötchen
1 normales Brötchen
1 Giantburger
1 Tafel Schokolade Ritter Sport Joghurt
1 Tafel Schokolade Ritter Sport Rum-Trauben-Nuß
1 Packung Erdnüsse
1 Dickmilch Heidelbeer
1 Dickmilch Erdbeer
1 Dickmilch Pfirsich
1/2 Pfünder Apfel Magermilchjoghurt
1 Kirschstreusel
1 Bienenstich


Fisch-Mäc und Gotik an Karfreitag
Karfreitag, 1. April 1983: Neumarkt - Regensburg - Straubing (109 km)

Regensburg Kathedrale
Ein Penner zeigt mir die Kathedrale.
Erklärt mir die Gotik.
Für's Leben.
Wie sie nach oben reißt.
Schweben läßt.
Himmlisch ist.

"Die Menschen scheinen heute in besonders heiliger Stimmung zu sein."
"Glaubst du so'n bißchen an Gott? Dann können wir uns besser unterhalten."
"Du sollst dem Bösen keinen Widerstand leisten.
Ich muß noch viel darüber nachdenken."

Gäuboden
Nach Regensburg
weichen die Berge zurück.
Eine Fläche dehnt sich ins Unendliche.
Erst erhebt sich links noch majestätisch mit Distanz der Bayerische Wald.
Doch dann versinkt alles in der Ewigkeit, geschluckt von weißer, grauer Wand.
Ein langer, langer, mühsamer Weg führt hindurch.

14 Uhr
Wärmer, wärmer
schwül und sonnig
Hitze und die steile Straße
Leg dich hin
aufs freie Feld
da das Häuschen, freie Felder, Felsen an der langen Wand - Sommer da.

Straubing I
Junge aus Nürnberg:
"tiefstes Bayern"

Straubing II
McDonald's
Fisch-Mäc 2 Mark 40
Fisch-Mäc 2 Mark 40
Fisch-Mäc 2 Mark 40
Karfreitag


"Bei McDonald's arbeiten Hunderte froh gelaunter Mitarbeiter" (McDonald's über McDonald's)


Eiskalte Osternacht und die Typen in der JH Passau
Karsamstag, 2. April 1983: Straubing - Deggendorf - Niederalteich - Passau (106 km)

Ich freue mich - ein halber Ruhetag. 80 Kilometer - nur an der Donau. In der JH ein Junge - 18 Jahre - Christoph: Gestern: Passau - Straubing. Heute: Straubing - Passau. Ideal - ein Einheimischer mit dem Know-how, das ich brauche - denke ich. Er lotst mich von der Bundesstraße - Abkürzungen! D.h.: Schotter, Schotter, Schotter. Erschöpft, kaputt kommen wir an. 15 Uhr - 106 km. Gar kein Ruhetag.

JH Passau I
Eine Frau
kommt herein.
Mein Tip:
Leid und Liebe.
Ich stehe von der Treppe auf.
"Du solltest dich nicht auf die kalte Treppe setzen.
Ich habe damals nach dem Krieg...
und bis heute..."
Ich weise auf mein lädiertes Knie.
"Das hilft, das hilft, das hilft...
und beten,
aber nur, wenn du dran glaubst.

JH Passau II
große
klare
blaue
tiefe
Augen
ein Junge - ein Traum

JH Passau III - Harry Hirsch I
Ein Typ
1. Eindruck: öde
2. Eindruck: öde
3. Eindruck: öde
Was macht er?
Das, was ich mache.
Ein-Wort-Antworten:
Fahrradfahrten -
mehrere -
alleine -
keiner fährt mit -
Maschinenbau-Ingenieur -
6. Semester -
Darmstadt -
Aalen -
Linz
Bob (aus NY): Der ist tot.

Eiskalte Osternacht im Adidas-Trainingsanzug im Dom - die JH hat länger geöffnet.


Der Antisportler strampelt los
Ostersonntag, 3. April 1983: Passau - Eferding - Linz (95 km)

"Essen, joah, doas kenn i. Das liegt bei Mannheim." (Axel, 15 Jahre, aus Linz)
"Essen - son Ruhrort." (Clemens, 14 Jahre, aus Linz)

"Während der Wochentagsmessen sind die 6 vorderen Bänke geheizt." (Linz, Stadtpfarrkirche)

JH Linz - Harry Hirsch II
Nach Botanischem Garten, Neuem Dom, Altem Dom, McDonald's und Mozarts D-Dur Missa brevis in der Stadtpfarrkirche bekomme ich ein Vier-Bett-Zimmer mit Dusche im Jugendgästehaus: besser als viele Hotels. Teppichboden, Sauberkeit, Bettwäsche incl. Ich nutze die Gelegenheit und wasche ein paar Sachen, verteile sie übers ganze Zimmer.
Während ich dusche, höre ich jemanden mein Zimmer betreten und wieder verlassen. Aus der Dusche kommend sehe ich die Bescherung: Harry Hirschs Gepäck. Eine Schultasche vollgepackt für vier Tage. Begeistert begrüßen wir uns.
Er ist erst nachmittags wie ein Wilder losgestrampelt - eine tolle Zeit, hätte ich ihm nicht zugetraut: Harry Hirsch sieht aus wie ein Antisportler schlechthin: Frisur, Brille, Körperhaltung, Kleidung alles wirkt unsportlich. Während er wieder seine Lebensmittel auf dem Bett auspackt, lade ich ihn an den Tisch zu einem gemeinsamen Abendessen ein. Dass ich ihm einen meiner Äpfel anbiete, erstaunt ihn. Er lebt für sich - trotzdem entschließt er sich, mit mir zusammen morgen nach Melk zu fahren, obwohl er eigentlich weiter möchte bis St. Pölten.
Ratlos steht er mit dem Bettbezug ohne Knöpfen in den Händen: "Wie soll denn das gehen?" in einwandfreiem Hessisch. Kurzerhand übernehme ich die Sache, während ein zu uns gestoßener Schweizer und ein Japaner, der in Köln studiert, längst in der Horizontalen liegen.

Der Japaner und seine Photos
Ohne gefragt zu sein, zeigt er sie: mit girls in den Armen auf dem ganzen europäischen Halbkontinent. Die japanische Kamera druckt gleich das date in Quietschrosa auf jedes Photo - alles unter Kontrolle, nur nichts mehr selbst behalten, alles richtig eingeordnet, abgeheftet, erledigt erlebt.


Isabelle
Ostermontag, 4. April 1983: Linz - Mitterkirchen - Melk (119 km)

Harry Hirsch strampelt los: X-Beine, die Lackschuhe stehen quer auf den Pedalen des 750-Mark-Alu-Rads. Irres Tempo, er fährt voraus, fährt dahin, wo er will. Es stellt sich raus, dass er erst zum Bahnhof will. Er kann mir so was nicht vorher mitteilen. Ich folge.

JH Melk: Harry Hirsch III und Isabelle
Zu dritt allein in der Jugendherberge.
Harry Hirsch, ich und ... Isabelle.
Französin.
Wenig älter.
Ich spüre Willen.
Verlangen.
Harry Hirsch sieht hilflos
unser Entflammen.
In der Kälte.
Im Dunkel der Treppe.
Zieht sie mich zu sich.
Öffnet ihren Mund.
Und dann meinen.
In eine neue Welt.
Will in die nächste Welt.
Und spricht Sätze, die mich verfolgen.
"Du bist zu schön, um Pfarrer zu werden."
"Man muß alles einmal ausprobieren."
"Meine Tür steht dir immer offen."
So leiden wir eine unendliche Nacht.
In Zimmern, die eine einzige breite Matratze sind.
Sie allein im Mädchenzimmer.
Mit der Tür, die mir offen steht.
Ich neben Harry Hirsch im Jungenzimmer.
Wand an Wand.
Regelmäßig stürmt sie durch den Flur.
Ißt alles.
Le temps passe.
Mais le souvenir reste.
À jamais.


Wienerwald
Dienstag, 5. April 1983: Melk - St. Pölten - Neulengbach - Wien (90 km)

Den Wienerwald gibt's wirklich. Nicht nur als Hendl-Restaurant-Kette. Ein kleines Gebirge. Eine schöne Abkürzung von der Donau nach Wien. Durch Wald eben. Wienerwald.


Manipulations-Gebühr und Toni Polster
Mittwoch, 6. April 1983: Wien

Christoph Gocke 1983 in der Ungarischen Botschaft, WienDas Ungarn-Visum und die Manipulations-Gebühr
Visum-Gebühr: 150 Schilling
Plus Manipulations-Gebühr: 5 Schilling
"Was ist eine Manipulations-Gebühr?"
"Die zahlt hier jeder."
"Wer manipuliert denn hier?"
"Ich, zum Beispiel."
Morgen früh ist das Visum fertig.
(rechts: Passfoto aus dem Automaten in der ungarischen Botschaft)

"Entschuldigung, wissen Sie, wer die Straße so gebaut hat?"
"Das ist eben so."
(Mann im Angesicht gerader Steigung von zehn Prozent)

"Ich lese keine Zeitung mehr. Die schreiben ja nur Märchen."
(Pensionär auf dem Kahlenberg, der mir seine Kronen-Zeitung schenkt)

Minoritenkirche
Scheinbar normal anormal, doch plötzlich lenkt sich der Blick unwillkürlich nach links, der Raum schein sich zu weiten - mit Öffnungen ins Unendliche. Jemand ist mit dabei - souverän hat er den Raum im Griff. Leonardo da Vinci - Abendmahl. Noch am Gründonnerstag-Abend habe ich davon gehört: der Pfarrer predigte just über dieses Bild. Das Original ist überwältigend. Obwohl es nicht für diesen Raum geschaffen wurde.

Nationalratswahl am 24. April 1983
Aufschwung sichern, Kreisky wählen (Wahlplakat der SPÖ)
Mit Möck den Aufschwung schaffen (Wahlplakat der ÖVP)
Wieviel schöner wäre unser Wien ohne die Skandale (Wahlplakat der FPÖ)

Wien ohne Konferenzpalast - lieber einen Arbeitsplatz
Machen wir's wie in O.Ö. (Wahlplakat der ÖVP)

Wikipedia: "1982 wurde von der ÖVP das Volksbegehren gegen das Konferenzzentrum in der Wiener UNO-City initiiert, welches er (i.e. Bruno Kreisky) trotz 1.361.562 Unterschriften gegen das Projekt bauen ließ. Kreisky verlor dadurch an Popularität. Zudem begann er sichtlich unter den Folgen einer Niereninsuffizienz zu leiden, die permanente Dialyse erforderte. Als die SPÖ bei der Nationalratswahl 1983 nicht mehr die absolute Mehrheit bekam, lehnte Kreisky eine weitere Kanzlerperiode ab. Er legte den Parteivorsitz nieder und zog sich, nachdem er zuvor eine „Kleine Koalition“ mit der FPÖ ausverhandelt hatte, ins Privatleben zurück."

PolsterToni im Prater-Stadion
Prater am Abend. Ins Prater-Stadion. 19:30 Uhr. Europapokal der Pokalsieger. Halbfinale: Austria Wien - Real Madrid. 40.000 Zuschauer. In der fünften Minute schießt Anton Polster, wie ich 19 Jahre alt, den sie später beim 1. FC Köln und Borussia Mönchengladbach als "Toni Polster" verehren, das 1:0 für Austria. 2:2 steht es am Ende. Das Rückspiel verlieren sie zwei Wochen später in Madrid 1:3; da bin ich längst wieder in Bochum.


Zur falschen Zeit am falschen Ort
Donnerstag, 7. April 1983: Wien - Mosonmagyaróvár - Hédervár - Györ (139 km)

Christoph Gocke 1983 Ungarisches Visum mit Ein- und Ausreisestempel Christoph Gocke Reisepass-Foto 1980 Endlos zieht sich Wien hin: zehn Kilometer hinein, zur ungarischen Botschaft: das Visum ist fertig (Foto links; mit Ein- und Ausreisestempel; rechts Passfoto). Zehn Kilometer hinaus, ein Friedhof: der Zentralfriedhof. Ich steige ab. "Was kann man hier sehen?" "Bäääthoven." "Wo?" "Vor der Kirche." Erst kommt rechter Hand eine "Grabmalschau", dann die Ehrengräber. Franz Werfel ist der erste, den ich entdecke. Nur bei Mozart und Beethoven viele, viele Blumen. Daneben Franz Schubert, Brahms...
Dann endlich der Flughafen, ein Flugzeug steigt Richtung Budapest, die Stadt zu Ende, Ebene, doch Regentropfen. Bei Bruck an der Leitha ist das Haydn-Geburtshaus, doch zu weit von der Strecke. Ich gebe meine letzten Schilling aus. Erstaunt darüber, wieviel ich beim Bäcker dafür bekomme, wird mir bewußt wie sich die Relationen verschoben haben, durch das teure Wien.
Das Burgenland. Ungarn, wo kommst du? Drei Kilometer links: Potzneusiedl, Österreichisches Ikonenmuseum. Zu weit. Ungarn, was Neues.

GRENZE
Visum für 155 Schilling
7 Minuten
4 Mal Paß zeigen
3 Schlagbäume
BRD heißt hier NSZK

Ungarn, Ungarn
'54, '56
was weiß ich schon mehr
klein und harmlos
liegt es
mitten auf der Landkarte
kein Eiserner Vorhang
schon bin ich drin

Ungarn: Durchfahrt verboten für Träcker, Pferdefuhrwerke und FahrräderEigentlich hätten mich die Grenzer gar nicht mit Fahrrad über die Grenze fahren lassen dürfen. Denn die Straße schmückt direkt hinter der Grenze ein Fahrradverbotsschild. Eines der typischer Weise dreigeteilten Verbotsschilder: für Träcker, für Pferdefuhrwerke, für Fahrräder (wie man sie auch heute noch überall auf ungarischen Straßen finden kann: Foto links). Ich radle trotz Verbotsschild. Bei erstbester Gelegenheit weiche ich auf Nebenstraßen aus. Fahre über die Dörfer. Durch die Kirschblüte. Das ist so schlimm: dass in dem Bild vom Ostblock, wie es uns in Kindheit und Jugend der siebziger Jahre vermittelt wurde, eine Kirschblüte keinen Platz hatte. Diese herrlich grünen Felder und Fluß-Auen. Von einem eisernen Vorhang nichts zu sehen.
Dann Györ (Raab). Irgendwoher habe ich die Information, dass es hier eine Jugendherberge gibt. Ich frage danach. Und begreife, dass niemand mich versteht. Deutsch-, Englisch-, Französisch-, Latein-, Griechisch- und Hebräisch-Kenntnisse sind komplett nutzlos. Ich steige auf Zeichensprache um: Schlafen. Wo?
Ich lasse mich schließlich zu einem mittleren Hochhaus schicken. Viele junge Menschen sind hier, die sich bestens unterhaltend in alle Richtungen bewegen. Sogar eine Pforte. Mit Pförtner. Aber auch er versteht nichts. Gar nichts. Nie hab ich mich bisher in meinem kleinen Leben so einsam gefühlt wie in der sprachlosen Tristesse von Györ. Ich bleibe verzweifelt im Eingangsbereich des Wohnheims stehen, von dem ich ahne, dass es ein Studentenwohnheim ist. Keiner versteht mich. Keiner.
Hankiss Attila 2005Und dann spricht mich plötzlich ein vorbeikommender Junge an: "Kann ich helfen?" Ja, er spricht Deutsch. Er kann helfen. Und wie. Attila, Hankiss Attila (Foto links 2005) ist zur richtigen Zeit am richtigen Ort, wohnt in diesem Studentenwohnheim. In einem der üblichen Drei-Bett-Zimmer; durch ein winziges Bad mit einem weiteren Drei-Bett-Zimmer verbunden. Und eines der drei Betten in seinem Zimmer ist grad nicht belegt.
Nicht, dass sie Ausländer hier unterbringen dürften. Sie tun es einfach. Attila tut es. Und wir verbringen einen tollen Abend. Alle möglichen Mädchen kommen vorbei, laut Attila vor allem wegen meines Adidas-Trainingsanzugs. Der bei uns längst aus der Mode ist. Huren seien sie alle, sagt Attila. Er erklärt mir Ungarn. Diese unglaublich hohe Suizid-Rate. Der Alkohol. Die Ideologie. Die Macht, die seinem Vater, einem Arzt, den Professoren-Titel verweigert, weil er kein KP-Mitglied ist.

Hankiss Attila mit seiner Familie am 25. Juni 2006, dem Tag des AttentatsJahrelang haben wir uns seitdem geschrieben. Auch gesehen, als ich nach dem Ende des Eisernen Vorhangs gelegentlich in Budapest war. Attila wurde Geschäftsmann. Ein erfolgreicher Geschäftsmann. Er gründete Firmen und eine Familie.
Als ich anlässlich meines letzten Budapest-Besuchs 2008 im Internet recherchierte, schockte mich seine Homepage: "Hankiss Attila 1964-2006" Von einer ungarisch-englischen Übersetzungs-Website ließ ich mir seinen Lebenslauf übersetzen - bis zum bitteren Ende.
Am 25. Juni 2006, einem Sonntag, während Deutschland im Rausch der Fußball-WM kaum Auslands-Nachrichten wahrnahm, werden bei einem kurdischen Bomben-Attentat an einem beliebten Ausflugsziel für Touristen, den Wasserfällen von Manavgat bei Antalya, 28 Menschen verletzt und vier Menschen getötet: Ein einheimischer Kellner und drei Touristen. Einer von ihnen ist Hankiss Attila. Er war nur zur falschen Zeit am falschen Ort.


Attila verdanke ich auch meinen zwei Wörter umfassenden ungarischen Wortschatz:
Köszönöm (Danke) und Viszontlátásra (Auf Wiedersehen).
Köszönöm, Attila! Viszontlátásra, Attila!

Nena ist 1982/83 grad ein Star geworden und ihre Lieder hört man damals auch in Ungarn überall:

Nena: Nur Geträumt (Mai 1982)
Ich hab' heute nichts versäumt
Denn ich hab' nur von dir geträumt
Wir haben uns lang nicht mehr gesehen
Ich werd' mal zu dir rüber gehen
Alles was ich an dir mag
Ich mein das so wie ich das sag
Ich bin total verwirrt
Ich werd' verrückt wenn's heut passiert


Drei-Bett-Zimmer, Mensa und die Bischofs-Suite
Freitag, 8. April 1983: Györ - Kocs - Tata - Tatabánya - Biatorbágy - Budapest (133 km)

Ich habe in diesen Stunden im Studentenwohnheim von Györ mehr gelernt vom real existierenden Sozialismus als in vielen, vielen Geschichts- und Politikstunden auf der Schule. Mit ihrem ganzen Geschick haben einige Studenten das einzige Telefon bei der Pförtnerloge so manipuliert, dass man mit einer Münze im Wert von fünf Pfennigen unbegrenzt in alle Welt telefonieren kann, z.B. mit meinen Eltern in Essen. Papa: "Und was soll ich jetzt der Mama erzählen?"
Morgens darf ich mit zum Frühstück in die nahe gelegene Mensa. Was liegt alles zwischen diesem Studenten-Alltag im Drei-Bett-Zimmer mit den winzigen Klapp-Schreibtischen, der Massenabfertigung schon beim Frühstück in der Mensa in Györ und unserer beschaulichen Welt der Kollegstraße 10 in Bochum.

Der quälend lange Weg zur Bischofs-Suite
Wie komme ich in einer osteuropäischen Hauptstadt schnell an ein billiges Bett? Gar nicht!
Budapest, Osterfreitag, 17 Uhr. Nach einer halben Stunde Budapest, malerisch liegen die zentralen Stadtteile in der Sonne, habe ich mich längst trotz meines Globus-artigen Stadtplanes verfahren, fahre wegen des nie abreißenden sechsspurigen Verkehrs auf der Elisabethbrücke einmal nach Pest, dann zurück nach Buda, wo mich eine steile Felswand erwartet.
Lang zieht sich die Straße hinauf, hinunter, zufällig ein Schild in entgegengesetzter Richtung: "Hotel Express" - das suche ich. Hinauf. Französisch: "Complet, un groupe des Russes." Ich spüre: er hat Plätze frei, werde aggressiv, bin müde. Er schickt mich zur staats-monopolistischen Tourismus-Agentur Ibusz am Südbahnhof. "Sprechen Sie Deutsch?" "Ja!" Langsam, langsam gelingt es mir, klarzumachen, dass ich nicht mein Fahrrad in die Weltgeschichte bewegen lassen möchte, sondern ein Zimmer suche. Doch keine Hilfe.
Zur Beruhigung einen Hamburger (frisch gemacht für siebzig Pfennig), mit vollem Mund ins schließende Reisebüro. Ein Lichtblick: Gutes Deutsch und gute Adresse. Aber keine Bestellung, kein Plan und keine Notiz: Wie soll ich das finden? Mein Hirn: Da war doch eine Telefonnummer: 179-800. Ja, Hotel in der Nähe: BudaPenta. Um die Hausnummer zu erfahren muß ich ein zweites Mal anrufen. "Wie teuer ist hier ein Einzelzimmer?" "Hundert Mark... Ja, da gibt es billigere im Zentrum: Place, Metro. 700-800 Forint."
Ich schleppe mich weiter mit dem Fahrrad, in die falsche Straße, zurück. Da, ein Lebensmittelgeschäft. 18:45 Uhr: schon wird geputzt. Ich laufe trotzdem durch, bekomme, was ich brauche.
Oben auf dem Berg. Busse vor dem Hotel, ein bulgarischer, ein deutscher, ein russischer... alles belegt - diesmal auf Englisch. "Jugendherberge?" "Ja, im Sommer."
Entnervt überlege ich: Botschaft? Coca-Cola? Das Telefonhäuschen ist sowieso geschlossen. Was tun? Kirche! Da ist eine - gerade seit 19:30 Uhr Messe, Franziskanerkirche. Der Portier spricht weder Enzösisch noch Franglisch und schickt mich in die Kirche. Mühsam halte ich meine Augen offen, wanke zur Kommunion, in die Sakristei. Einer spricht Französisch. Ich erkläre, was ich brauche. Ja, sie hätten Betten, der Superior vergäbe sie an Prêtre. Ob ich einer sei. Ein Halber, sage ich, Seminarist. Ja, auf der andern Donau-Seite seien auch Franziskaner. Die hätten Betten. Ich sage, er möge alles aufschreiben.
Mit Zettel bewaffnet stehe ich vor geschlossener Pforte. Da kommt ein Ehepaar, fragt. Ich zeige nur den Zettel. Von da ab managen sie alles. Ich folge nur noch mechanisch - zeige den Zettel, wenn gewünscht. Nach drei Mal fragen, schließt der Mann selbst die Klosterpforte auf. Ob ich einen Ausweis als Seminarist habe, will der Pater wissen. Weiter, weiter, zwei Etagen höher, eine Frau, auch nichts.
Ein Problem: Eigentlich müssen Übernachtungs-Gäste bei den Behörden angemeldet werden. Schließlich offensichtlich das Priesterseminar von Budapest. Portier ruft zigmal an. Der Vizerektor endlich spricht Deutsch, war in Bochum, kennt Essen. Ok, aber nur eine Nacht. Die kleinen Zimmer sind alle belegt, deshalb kommt nur eine Bischofssuite für mich in Frage. "Bleibt alles sauber, wie in Deutschland!?" 21:30 Uhr - ich versinke im weichen Bett der Bischofssuite.


Besichtigung am Tag - Fahrt in der Nacht
Samstag, 9. April 1983: Budapest - Szekesfehérvár - Balatonszabadi (109 km)

Mit Begeisterung stürzt sich beim Frühstück der Neutestamentler im Priesterseminar auf mich. Für ihn eine günstige Gelegenheit, das Deutsch, das er für seine Fachdisziplin beherrschen muss, praktisch zu erproben. Für mich eine ideale Gelegenheit, eine tolle Führung durch Budapest zu bekommen. Die Deadline ist klar: es gibt kein Zurück ins Priesterseminar. Nur eine Nacht.
So radle ich am Nachmittag südwestlich aus Budapest hinaus Richtung Plattensee. Wieder eine ungewiße Nacht vor mir.
Ich radle, radle. In die Dunkelheit. Plötzlich links Autos, Menschen, ein Polizist stürzt vor mir auf die Fahrbahn, bringt, zwingt mich zum Stehen. Ich bin zu Tode erschrocken. Der düstere Ostblock, in dem schon so viele Menschen für immer verschwanden.
Wieder Sprachprobleme. Aber schließlich greift der Polizist zu meinem Dynamo. Ich soll mit Licht fahren durch die Dunkelheit, meint er. Keine ganz dumme Idee.
Es wird kälter. Es ist immer noch Anfang April. Ich verliere Lust und Wärme. Besteige einen Rohbau. Versuche hier zu schlafen. Es ist zu kalt. Beinah am Gefrierpunkt. Ich suche am Straßenrand Ästchen zusammen, zünde sie an. Erst später im Morgenlicht erkenne ich, dass ich mit Feuerresten ein Feuer entfacht habe. Schwarze Hände, die Folge...


Trance
Weißer Sonntag, 10. April 1983 Balatonszabadi - Balatonföldvár (25 km)

... Im Morgengrauen rolle ich hinab zum Plattensee. Hier ist es deutlich wärmer. Am Seeufer lässt sich lässig fahren. Ich erreiche eine Jugendherberge, eine ganz moderne, freundliche.

JH Balatonföldvár
"Sprechen Sie Deutsch?"
"Natürlich."
JH-Papa in Balatonföldvár

Im Laufe des Vormittags checke ich ein. Und es überkommt mich ein Trance-Gefühl, wie ich es nie zuvor und nie danach erlebt habe. Ich torkle, weiß nicht, ob ich schlafe, lebe, sterbe, meine Kreislauf stellt mich auf den Kopf, überlebe.


Leben
Montag, 11. April 1983 Balatonföldvár - Balatonkeresztur - Nagykanizsa (90 km)

Am nächsten Morgen beginnt mal wieder ein neues Leben. Alle Schwächen sind vergessen, ich genieße eine traumhafte, ruhige Fahrt am Plattensee. Und gelange über ein paar Hügel nach Nagykanizsa.


Geheimdienst-Begleitung und Soldaten mit Baumbuden
Dienstag, 12. April 1983 Nagykanizsa - Varaždin - Zagreb (142 km)

Hotel Pannonia, Nagykanisza; historische Aufnahme Ehemaliges Hotel Pannonia, Nagykanisza Im Zentrum von Nagykanizsa (Großkirchen, Groß-Kanizsa, Kaniža; links und rechts mein Hotel Pannonia [Sugár út 4] viel früher und viel später) will ich die letzten Forint ausgeben. Plötzlich geht ein Mann mit langem Mantel an meiner Seite. Er öffnet den Mantel, zeigt mir einen Ausweis. In gutem Deutsch erfahre ich von ihm, er sei vom Geheimdienst. Er werde mich jetzt bis auf Weiteres begleiten.
So wenig wie ich den Geheimdienst-Begleiter loswerde, so schwer ist es, das Geld loszuwerden. Ratlos kaufe ich ein chinesisches T-Shirt. Größe XL. Allerdings auf Chinesisch. Es ist mir viel zu klein. Doch es dauert Jahre, bis ich mich von diesem Pfand des andern Endes der Welt trennen kann. Verabschiede mich freundlich von meinem Geheimdienst-Begleiter.
Kurz hinter Nagykanizsa: aus dem Wald am Wegesrand stößt plötzlich ein Soldat auf die Straße. Will meinen Reisepaß haben. Widerstrebend rücke ich ihn raus. Er verschwindet im Wald, ich seh ihn in eine Baumbude klettern. In die Bude führen Kabel - für Strom? - für Telefon? - für Telegraf? Es dauert einige Zeit. Offensichtlich müssen die Infos erst gekabelt werden. Irgendwann kommt das Go. Ich bekomme meinen Pass. Und werde noch mehrfach auf meinen Weg zur Grenze auf ähnliche Weise überrascht.
Am größten ist die Überraschung an der Grenze. Die ist geschlossen. Weit und breit nur Stacheldraht, Panzer stehen quer zur Straße. Ein Auto mit italienischem Kennzeichen nähert sich. Auf Italienisch beruhigt mich der Fahrer. Um zehn werde die Grenze geöffnet. Das sind nur wenige Minuten. Und schon rollen die Panzer zur Seite, der Stacheldraht wird zur Seite gerollt. Der Ostblock entläßt mich. Und mein Fahrrad. Auch wenn der jugoslawische Grenzer nur einen Auto-Stempel hat. Eigentlich kreuzen Menschen diesen Grenzpunkt nur im Wagen. Was mir später am Tag noch Schwierigkeiten bringen wird.

Soldat
Soldat,
plötzlich steht er da
mit Gewehr
in Uniform
und starkem Schritt
verlangt den Ausweis
Doch ein Blick ins Gesicht,
die Augen:
Frieden

Ungarn '83
Fünf Tage - tausend Eindrücke: Was ist davon Ungarn?
Sind es die Pferdefuhrwerke, jeden Tag 20, 30?
Sind es die Autofahrer, die Abstand halten, vorsichtig fahren?
Ist es die Begeisterung für Westliches: Coca-Cola, Adidas?
Das 5-Pfennig-Gespräch nach Deutschland oder die Handvermittlung mit Drehkurbel?
Die Warenhäuser oder die Verkäuferinnen, die um neun Uhr abends dasselbe putzen?
Ist es Budapest mit der ältesten Metro, amerikanischen Brücken und Verkehrsverhältnissen?
Ist es der Plattensee mit dem West-Tourismus und dem endlosen Häusermeer an den Ufern?
Sind es die Wohnsilos aus den sechziger, siebziger Jahren am Rande jeder kleineren Stadt?
Die kleine Kneipe mit Zigeunermusik oder Neue Deutsche Welle aus jeder Studentenkneipe?
Die riesigen Felder, frisch und grün und der Bauer, der ackert mit Pferd und Pflug?
Sechs Grenzkontrollen, in Uniform und Zivil, von Ungarn nach Jugoslawien?

Ich bin in Jugoslawien, gegen Mittag und zur Mittelmeer-Küste hin wird es wärmer und wärmer. Schon stehe ich in einem Postamt am Stadtrand von Zagreb. Ein Mann fragt mich, wo ich herkomme. "Essen." Meint er: "Steele?" Könnte man sagen. Dort ging ich bis vor einem Jahr zur Schule. Wie nah plötzlich in der vermeintlich fremden Fremde die Heimat kommt.
Einreise-Stempel Goričan, Jugoslawien, 12.4.1983 Am Zagreber Bahnhof gibt es vorgedruckte Fahrkarten nach Essen (für umgerechnet etwa 200 D-Mark; Foto s.u. und ganz oben). Mein Fahrrad kann ich nicht mitnehmen, kann ich nur aufgeben. Der Mann vom Zoll bemängelt erst, dass in meinem Pass vermerkt ist, ich sei mit einem Auto eingereist (Foto links). Dann will er mein Fahrrad verzollen. Das Problem: Ich habe kein Geld mehr dafür. Die Reise war längst nicht so weit und so teuer geplant. So deutlich kann ich ihm das nicht sagen. Wir verhandeln. Am Ende gibt er sich mit wenig Zoll zufrieden.
Es bleibt noch ein winziger Rest Geld für die allerminimalsten Lebensmittel. Und Zeit für ein Konzert in der Kathedrale. Hier lerne ich einen weiteren jahrelangen Freund in der Ferne kennen: Alen. Zeichner, Künstler. Nimmt mich noch mit in sein Appartment, Studio.
Schließlich stehe ich am Bahnhof. Am späten Abend sollte der Balkanexpress kommen. Verspätungen werden hier in Stunden angegeben. Es sollen drei sein.


Zagreb

19 Jahre später: wieder in Zagreb
Tour 19: Alpen: Ravensburg - Zagreb (943 km) Aug./Sept. 2002


Der Balkanexpress
Mittwoch, 13. April 1983 Zugfahrt Zagreb - Essen: 2:00 - 20:30 Uhr


Um zwei Uhr morgen kommt der Balkanexpress auf seinem langen Weg von Athen, Skopje, Belgrad schließlich in Zagreb an. Gut 18 Stunden später bin ich in Essen. Eine Wahnsinns-Tour liegt hinter mir. Ein Wahnsinns-Sommersemester, das vor mir liegt, hat schon begonnen:

Ruach* sei mit dir!
* Ruach (hebräisch): Wind & Geist


Zagreb

Dafür reichte es grad noch: die Rückfahrkarte


Gedanken danach
(23. April 1983)

Mit dem Fahrrad
auf 2 X 2 cm
mit der Natur
verbunden
reise
durchreise
ich die Landschaft

Und
die Landschaft
Hügel und Berge
Felsen, Seen und Dörfer
Fuhrwerke, Teer
und Menschen
dringen in mich ein
durch Augen
Ohren
Mund
Nase
Haut
Fuß
jeden Muskel
reisen sie durch mich
prägen neu

Neues Sehen
neues Sprechen
neues Handeln

Der Weg prägt mehr
als ich den Weg präge

Wasser, Wasser
ein breiter Fluß
ein großer See
Ich kann hinüber
doch nie, nie werde
ich so tief sein

Weite, Weite
riesige Ebene
endloses Grün
der Horizont
verschwindet im Dunst
ich kann hindurch
zu neuen Grenzen
doch nie, nie werd
ich so offen sein

Höher, höher
ein Berg
ein Paß
Ich kann hinauf
doch nie, nie werde
ich so großartig sein
nie ihn bezwingen

Durch die Natur rollend
ist sie doch stärker
schreibt Wege vor
bestimmt
Anfang - Ende
Dauer - Strecke
Doch das füllt auf
gibt Kraft dem Nichts
dass doch etwas ist


Route Essen - Budapest - Zagreb



Blaue Linie = Touren-Route; Buchstaben = Start und Ziel der Etappen
Routen-Karte Essen - Budapest - Zagreb
Europa vor dem Mauerfall: eine West-Ost-Tour
Rot = Route; Gelb = Etappen-Start/-Ziel;

Etappen Essen - Wien - Budapest - Zagreb (27.3.-12.4.1983)

Tag Datum Start Zwischenstationen Ziel km
1. 27.3.1983 Essen Witten - Hagen - Olpe Biggesee 115
2. 28.3.1983 Biggesee Siegen Wetzlar 90
3. 29.3.1983 Wetzlar Hanau Aschaffenburg 99
4. 30.3.1983 Aschaffenburg Würzburg Kitzingen 94
5. 31.3.1983 Kitzingen Nürnberg Neumarkt 125
6. 1.4.1983 Neumarkt Regensburg Straubing 109
7. 2.4.1983 Straubing Deggendorf - Niederalteich Passau 106
8. 3.4.1983 Passau Eferding Linz 95
9. 4.4.1983 Linz Mitterkirchen Melk 119
10. 5.4.1983 Melk St. Pölten - Neulengbach Wien 90
11. 6.4.1983   Wien    
12. 7.4.1983 Wien Mosonmagyaróvár - Hédervár Györ 139
13. 8.4.1983 Györ Kocs - Tata - Tatabánya - Biatorbágy Budapest 133
14. 9.4.1983 Budapest Szekesfehérvár Balatonszabadi 109
15. 10.4.1983 Balatonszabadi Balatonföldvár 25
16. 11.4.1983 Balatonföldvár Balatonkeresztúr Nagykanizsa 90
17. 12.4.1983 Nagykanizsa Varaždin Zagreb 142
Summe 1680

Route Essen - Budapest - Zagreb
Routen-Karte Essen - Budapest - Zagreb
Europa vor dem Mauerfall: eine West-Ost-Tour
Die Route in meinem Schulatlas


Mittelmeer-Umrundung
Die mediterrane Mega-Tour


Anschluss Tour 77: Salzburg - Passau (508 km) April 2016

Anschluss Tour 70: Plettenberg - Rothenburg (467 km) Juli 2014

Anschluss Tour 69: Mainz - Plettenberg (444 km) Juni 2014

Anschluss Tour 66: Bamberg - Neckarelz (856 km) Sept./Okt. 2010

Anschluss Tour 64: Essen - Borkum (980 km) April/Mai 2013

Anschluss Tour 58: Alpen - Prag - Berlin (2060 km) Aug./Sep. 2011

Anschluss Tour 57: Aschaffenburg - Berlin (800 km) Juli 2011

Anschluss Tour 56: Dillenburg - Idstein (423 km) Juni 2011

Anschluss Tour 44: Budapest - Prishtina - Stara Zagora (1682 km) Sept. 2008

Anschluss Tour 40: Paneuropa-Radweg: Nürnberg - Prag (440 km) April 2008

Anschluss Tour 28: Zagreb - Athen (1829 km) Nov./Dez. 2005

Anschluss Tour 23: Budapest - Kaukasus (3154 km) Sept./Okt. 2003

Anschluss Tour 19: Alpen: Ravensburg - Zagreb (943 km) Aug./Sept. 2002

Anschluss Tour 11: Budapest - Belen (2584 km) Nov. 2000

Anschluss Tour 1: Essen - Trier (422 km) Okt. 1981


Nächste Tour: Bonn - Luxembourg (295 km) April 1987

Vorherige Tour: Düsseldorf - Rom (1719 km) Sept. 1982


Jugoslawische Fahrrad-Transportkarte und Zollerklärung, 1983
Samt dieser Zollerklärung kam mein Fahrrad
ein paar Tage später in Essen an

Das Rad im Elsass 1982
Das Rad (1982 im Elsass)


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Tour 48: Karakorum-Highway (1010 km) 2009
Karakorum 2009
Chris Tour 51: Khartum - Addis Abeba (1760 km) 2010
Äthiopien 2010
on the Tour 58: Alpen - Prag - Berlin (2060 km) 2011
Moldau 2011
Bike Tour 59: Errachidia - Agadir (1005 km) 2012
Marokko 2012
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