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Traumstädte Zadar, Trogir,
Split und Dubrovnik Gebirgige Adria-Magistrale in Kroatien mit 9.300
Metern Bosnien
Sonntag, 1. Advent, 27.
November 2005: Zagreb - Karlovac (64 km) Am Nachmittag Landung in
Zagreb bei 3-4 Grad. Ein paar Kilometer auf dem berüchtigten Autoput am
Stadtrand von Zagreb. Hier ist er inzwischen eine richtige Autobahn samt
Standstreifen und Autobahnschildern. Dann in die kroatische Bierhauptstadt
Karlovac, für deren Karlovačko-Pils schon weit vorher allenthalben
geworben wird. Soweit sich das im Nebel und in der Dunkelheit erkennen
lässt. Weil hier - so wie in Madrid - die Mitteleuropäische Zeit (MEZ)
gilt, die Sonne aber wesentlich früher als in Spanien untergeht, ist es ab
16 Uhr 30 stockfinster. In Karlovac überraschen dann Kneipen unter dem
Label Heineken oder Stella Artois und der Preis des Hotels Carlstadt. Wie
schreibt der Reiseführer: Die kroatische Währung Kuna gelte als
"überbewertet".
Montag, 28. November 2005:
Karlovac - Kapela (888 m) - Vratnik (700 m) - Senj (115 km) Später
Start wegen Regens, dann Schneeregens. Um den Aufbruch weiter
hinauszuzögern, besuche ich die Tourist-Info. Dort begrüßt mich eine
begrenzt PR-taugliche Dame ("Why do you come to Croatia in this time of
the year?" - "Oh, I thought Croatia is always nice.") und eine Reliefkarte
von Kroatien, auf der sich die Höhenmeter sehen und fühlen lassen. Ich
entscheide mich für den kürzesten Weg zum Mittelmeer, da die Strecke
entlang der bosnischen Grenze durch verlassene serbische Dörfer etwas
trist sein soll. Zwei Pässe liegen vor dem Strand: Kapela mit 888 m und
Vratnik mit 700 m direkt an der Küste. Beide verschneit, aber die Straße
ist geräumt (Foto links). Am Nachmittag scheint entgegen der
Touri-Info-Prognose die Sonne. Über den letzten Pass geht's in der
Dunkelheit. Die Altstadt von Senj bietet massig Ambiente aber
merkwürdigerweise keine Zimmer. Fahre ich ein paar Meter außerhalb zu
einer Pension mit den allenthalben angebotenen "Apartmani".
Dienstag, 29. November
2005: Senj - Prizna - Fähre - Zigljen - Pag - Rtina Miletici (109
km) In einem Punkt hatte die Touri-Info-Dame von Karlovac wohl
recht: Senj sei eine Wind-Metropole. Am Wochenende habe es dort Windböen
mit 200 km/h gegeben. Solange es sich um Rückenwind handle, sei mir das
durchaus recht, hatte ich noch eingewendet. Nur - der kommt nicht aus Nord
sondern aus Süd. Immerhin kann ich froh sein, dass es nicht mehr 200 km/h
sind. Nur im Windschatten von Felsen lässt sich einigermaßen locker
fahren. Ein stetiges Auf und Ab der Adria-Magistrale (oder "Jadranska
magistrala"), auf der ich den Großteil der nächsten Tage verbringen werde.
Das Küstengebirge steigt vom Meer steil auf 1600 m, die Straße verläuft
auf etwa 100 m Höhe. Gegen Mittag nehme ich die Fähre auf die Insel Pag,
um dort auf der Parallelstraße zu fahren. Der Blick auf die Küste mit den
schneebedeckten Gipfeln ist gigantisch, aber dem Wind bin ich viel
ungeschützter ausgesetzt. Dann noch Regen, Dunkelheit. Kalt, müde und nass
checke ich im nächsten Apartman ein. Tagesziel Zadar nicht
erreicht.
Mittwoch, 30. November
2005: Rtina Miletici - Zadar - Šibenik - Torgir (167 km) Wind,
Sturm und Regen die ganze Nacht, direkt über mir und den Dachpfannen. Am
Morgen hat zumindest der Wind nachgelassen. Über ein paar Hügel geht's
nach Zadar. Ich friere kräftig. Die romanische Kathedrale (Foto rechts)
ist chic, die ältere vorromanische daneben leider geschlossen, genauso wie
der Kirchturm. Nette Halbinsel, alles Fußgängerzone in weißem Stein, wie
in Italien. In einem Cafe versuche ich warm zu werden. Bin auch reichlich
nass. Warm werde ich erst wieder auf dem Rad. Immerhin zeigt der
Fahrradcomputer 10 Grad an. Trotzdem fühlen sich die Füße bald wie
Eisstumpen an. Ich bin auf meine "Snow Gear" Handschuhe
umgestiegen. Die Landschaft wird hügelig, grün mit ein paar
Herbstsprengseln drin, das Gebirge rückt ins Hinterland. Nach einer langen
Ess- und Aufwärmpause im "Konzum" von Šibenik lässt irgendwann der Regen
vorübergehend nach, und ich starte die alltägliche Dunkelfahrphase.
Relativ flach, relativ nah am Wasser, vermutlich sehr schön. Viele
Örtchen, Häfen, ein Riesen-Yachthafen ohne irgendwas drum herum. Längst
regnet es wieder und dann kommt nur noch Wasser. Die Straße wird zum
Fluss. Ich gegen den Strom. Ein Wagen schwemmt eine Welle über mich.
Nasser als nass. Und ein Schwall aus Wasser, Dreck und Steinen trifft
genau meine Augen. Die Brille hatte ich abgesetzt, um besser zu sehn.
Kurze Pause, weiter. Schließlich stehe ich triefend in Trogir. Im Hotel
Concordia ziehe ich eine lange Spur zu meinem Zimmer im dritten Geschoss.
Hauptabendbeschäftigung in Trogir: Trocknen, Trocknen, Trocknen . Ein
Nachtspaziergang in der Altstadt, eine mittelalterliche Insel (Foto
links). Und hier ist anders als in Senj jede Gasse bis zum letzten Stein
edel restauriert.
Donnerstag, 1. Dezember
2005: Torgir - Split - Gradac (134 km) Es gelingt mir in Trogir
nicht den Kairos zu finden, jenen "richtigen Augenblick", der hier als
Mann in Stein zu bewundern ist. Im Museum ist er nicht, angeblich im
Benediktinerkloster, aber das hat im Winter geschlossene Pforten, wie auch
die meisten Kirchen am Wegesrand. Wieder erreiche ich das Ziel von
gestern erst am Mittag: Split mit dem riesigen genau 1.700 Jahre alten
Palast von Diokletian, in dessen Ruinen heute die halbe Altstadt gebaut
ist (Foto rechts). Sein Mausoleum, zur Kirche umgebaut, geschlossen. Vor
der Diokletian-Fassade wechsle ich alle Bremsgummis. Leider längst
überfällig. Schiebe die Weiterfahrt wegen Regens auf. Lerne so im Cafe
eine Bulgarin mit Sohn kennen, deren Mann nach einigen Jahren im
bosnischen Travnik jetzt die neue Familienheimstätte und
landwirtschaftliche Projekte in Addis Abeba vorbereitet. Endlich fahre
ich weiter. Unterbreche immer für die kurzen Schauer. Nur beim letzten
nicht. Der erwischt mich gerade auf der Höhe, an der die Adria-Magistrale
schon fast den Pass rüber nach Mostar erklommen hat und das Thermometer
auf 5,4 Grad gefallen ist. Nix zum Unterstellen. Insbesondere die Schuhe
werden wieder komplett nass. Danach in traumhafter Landschaft mit Gebirge
links und vorgelagerten Inseln rechts. Die untergehende Sonne bescheint
die Wolken rötlich von unten und all das spiegelt sich im Meer. Für die
anschließenden zwei Stunden Fahren in Dunkelheit belohnt mich im
Fischerdörfchen Gradac ein Zimmer direkt am Hafen.
Freitag, 2. Dezember 2005:
Gradac - Grenze Kroatien/(Bosnien-)Herzegowina - Neum - Grenze
(Bosnien-)Herzegowina/Kroatien - Dubrovnik (114 km) Beim Anstieg
vom Hafen zur Adria-Magistrale Speichenbruch. Nicht ganz am Ende, wo sie
sonst brechen, sondern zwei, drei Zentimeter von der Radnabe entfernt
hinter den Ritzeln. Vermutlich als beim Schalten auf den ersten Gang die
Kette zwischen Ritzel und Speichen gerutscht ist. (Daheim muss der
Fahrradhändler später neun Speichen auswechseln). Heute Sonne. Und Wolken.
Zumindest kein Regen. Das Neretva-Delta und Süd-Dalmatien gelten als
besonders sonnig. Dazwischen liegen 9.300 m (Bosnien-)Herzegowina. Die
zweite Grenzkontrolle zur Wiedereinreise nach Kroatien kommt allerdings
erst nach insgesamt 14 km. Ich werde dort nicht kontrolliert. Bei der
Einreise nach Bosnien musste ich immerhin den Personalausweis
zücken. Und wieder geht es auf und ab. Auch dann noch, als Dubrovnik,
die "Perle" der Adria, schon gut zu sehen ist. An der Altstadtmauer stelle
ich das Fahrrad an einem bewachten Parkplatz ab und beginne das
Treppensteigen. Eigentlich wollte ich noch zwei Stunden nach Montenegro
weiterradeln, aber ich bleibe, auch, weil die Altstadt nach Zadar und
Trogir noch einmal eine unglaubliche Steigerung bietet (Foto links). Und
da jetzt die Nebensaison der Nebensaison ist, finde ich sogar ein Apartman
in der Altstadt, was meine Reiseführer für so gut wie unmöglich
halten.
Samstag, 3. Dezember 2005: Dubrovnik - Grenze
Kroatien/(Serbien-)Montenegro - Bar (137 km) Am Anfang stehen
einige überflüssige Höhenmeter, weil das Sackgassenzeichen für die flach
ansteigende Straße nicht für Räder gilt, wie sich erst herausstellt, als
ich von oben an der mit Pfosten gesperrten Straße vorbeirolle (dafür
schöner Blick auf die Stadt: Foto oben). Heftigster Gegenwind, nur
gelegentlich abflauend, oder wie die Meteorologen gerne sagen "in Böen
auffrischend", begleitet mich fast den ganzen Tag. Immerhin bleibt es bis
auf wenige Tropfen trocken.
Montenegro: Zigeuner, Junkies und
Euro-Cash
Auch bei der Einreise nach Montenegro reicht der
Personalausweis. Einer der beiden Grenzer fragt mich, wie lange ich
gedenke in Montenegro zu bleiben. Nachdem ich "one day" gesagt habe,
möchte er wissen, wie viel Geld ich habe. Das lässt er sich
sicherheitshalber zeigen. Zum Glück habe ich gestern abend meinen
Cash-Vorrat im Portemonnaie aufgefrischt. Und schon bin ich in Montenegro,
das völkerrechtlich noch mit Serbien vereint ist, de facto schon sehr
eigenständig (und nach Volksentscheid und Parlamentsbeschluss am 3. Juni
2006 auch formell unabhängig wurde). Offizielles Zahlungsmittel ist der
Euro, vermutlich ohne dass Montenegro irgendwelche Maastricht-Kriterien
erfüllt. In Bosnien zeigten die Tankstellen gestern die Preise in D-Mark
an, oder "Konvertibilni Marka", wie die Währung offiziell heißt. Sie ist
zum D-Mark-Umtauschkurs von 1,95583 an den Euro gebunden.
Die Berge ziehen sich jetzt nicht mehr parallel zum Meer,
sondern verlaufen kreuz und quer. Entsprechend die Straße. Am Wegesrand
werden serbisch-orthodoxe Kirchen und Klöster angekündigt. Sie bereichern
die heute rauere aber genauso faszinierende Landschaft. Und wieder ein
Traumsonnenuntergang: diesmal hinter der zum Hotel umgebauten Insel St.
Stefan (Foto rechts). Zu guter Letzt fahre ich im Zielort "Bar"
vergeblich zu der fünf Kilometer entfernten Altstadt. Nachdem mich eine
Woche lang fast alle hundert Meter Hinweisschilder auf ein schönes
Quartier in der Nähe begleitet haben, ist auf diesen Kilometern
Fehlanzeige. Auf die Frage, ob es denn in der Altstadt Unterkünfte gebe,
erhalte ich ausweichende Antworten. Bis mir endlich ein Mann mit
zehnjähriger Schweiz-Erfahrung ("Wenn man kein Geld hat, kann man dort
besser welches verdienen, aber wenn man Geld hat, lebt man besser hier, wo
es warm ist." - und es ist tatsächlich gegen Abend hier rekordverdächtige
14 Grad warm geworden) sagt: Die Altstadt sei zwar nett, aber da lebten
"nur Zigeuner und Junkies", von daher solle ich da nur bei Tageslicht hin.
Also wieder zurück zur Neustadt und diese Meter endlich mit Rückenwind,
von dem ich kaum noch weiß, wie er sich anfühlt.
Sonntag, 2. Advent, 4.
Dezember 2005: Bar - Grenze (Serbien-)Montenegro/Albanien - Shkoder -
Lezhe - Tirana (145 km) Heute ein Tag, an dem es fast von allein
läuft. Entgegen aller Ratschläge in Hotel, Stadt und Internet entscheide
ich mich für die kürzeste Strecke zur Grenze, zu der letztlich nur die
kürzeste Linie auf meiner Karte rät. 21 statt 38 km. Eine Nebenstrecke,
die sofort auf die Höhen hinter Bar führt mit einem fantastischen Blick in
das Halbrund, in dem die Hafenstadt liegt. Die schmale Straße hält sich
auf der Höhe, führt durch herbstlichen Laubwald (Foto links) an einem
albanischen Friedhof vorbei. Mit einem Grabstein von 1930, als Albanisch
offenbar noch in arabischer Schrift geschrieben wurde. Dann die lange
Abfahrt zur Grenze. Alles bei minimalem Gegenwind und strahlendstem
Sonnenschein - ein echter Sonn-Tag, Advents-Sonn-Tag.
Albanien:
Buntes Tirana im Bauboom
An der Grenze 10 Euro Eintrittsgeld
für Albanien. Bevorzugte Abfertigung für mich und eine Gruppe von der OSZE
in einem Nissan Terrano (in dieser Reihenfolge). Auf dem Anstieg zur
illyrischen Burg von Shkoder (Foto unten: Blick von der Burg auf die
Stadt) komme ich mit John und Victoria ins Gespräch, zwei EU-Mitarbeiter,
die sich als Stadtplaner und Soziologin für ein paar Monate hier aufhalten
und sich sehr skeptisch zum albanischen "Wirtschaftsboom" äußern: "In
diesem Land wird gar nichts mehr produziert." Die Straße war schon von
dem kleinen, noch recht neuen Grenzübergang Muiqan/Sukobin an völlig neu,
mit bestem Asphalt und Markierung. So geht's weiter, flach und gradlinig
auf Lezhe, den nächsten Burgberg zu, und dann nach Tirana. Die Strecken
sind viel kürzer als auf meinen Karten. Im Umfeld der Hauptstadt wird die
Straße schlechter. Als ich an dem ellenlangen Stau auf die Anhöhe vor der
Stadt durch Schlaglöcher entlang fahre, sind zwei von drei Autos
schwäbisch. Mercedes ist die absolute Lieblingsmarke. Unerwartet erreiche
ich heute schon die albanische Hauptstadt und bin zur Halbzeit wieder voll
im Plan. (Foto ganz unten: Tirana am Abend)
Montag, 5. Dezember 2005: Tirana - Durres - Fier (124
km) Morgenspaziergang durch Tirana. Edi Rama, seit 2000
Bürgermeister der Stadt, ist Maler und Kunstprofessor. Er hat der Stadt
Farbe verordnet. Viel ist begrünt worden, vor allem sind viele Häuser bunt
bemalt. Überall entdecke ich originelle Straßenzüge. (Foto Special: Buntes Tirana) Und
das inzwischen nicht mehr nur in Tirana, sondern auch in vielen andern
Orten des Landes, vor allem in Tiranas älterer Schwesterstadt am Meer:
Durres. Die kilometerlange Strandpromenade im Süden der Stadt wirkt mit
ihren vielen neuen Hotels universal mediterran. Es ist richtig warm. Das
Maisgetränk Boze erfrischt gut. Ein Wächter öffnet für mich das römische
Amphitheater mitten in der Stadt. In einer Kapelle unter den alten
Zuschauerrängen sind byzantinische Mosaiken von Engeln und Heiligen zu
sehen. Auch die universal mediterran. Nach so vielen Besichtigungen
bleibt wieder nur Fahrt in der Dunkelheit. 20 km Autobahn, die
alternativlos auftaucht, ohne auf der Karte erkennbar zu sein. Auch ein
Albaner radelt hier. Als der "we call it highway" in Lushnje endet, wird
die Straße zum ersten Mal ganz schlecht. Früher als sonst muss ich
zusätzlich zu meiner rot blinkenden Rück-Licht-Orgel den Dynamo samt
Frontlicht einschalten, um mich zwischen den Schlaglöchern aufrecht halten
zu können. Bis Kolonia ist viel Verkehr, die Straße eng, das Vergnügen
begrenzt. Dann führt die Straße ohne ersichtlichen Grund am Hang entlang
bis ins wieder flache Fier. Zwei Internet-Cafés haben heute abend keine
Netz-Verbindung, gehe ich halt in die "Bar Deutschland". Außer den
eisgekühlten Bitburger-Gläsern ist hier nichts deutsch. Das Pils "Tirana"
ist gut. Der Wirt war in Philadelphia und schwärmt von der vor mir
liegenden Küstenstrecke in den Süden, für die ich mich bis dahin noch
nicht ganz entscheiden konnte.
Dienstag, 6. Dezember 2005: Fier - Apollonia - Fier - Vlora
- Llogara (1055 m) - Palase (110 km) Ein wüster Wind pfeift aus
Süd. Bevor ich den Kampf mit ihm aufnehme, mache ich einen Abstecher nach
Apollonia, das vom Albanien-DuMont auf 16 Seiten befeiert wird. Auf der
schmalen Asphaltstrecke dorthin passiere ich wieder einige der
landestypischen 750.000 Beton-Mini-Bunker, die sich Enver Hoxha als
Verteidigungsstrategie für das letztlich mit allen Ländern verfeindete
Albanien hat bauen lassen (Foto rechts). Inzwischen sind sie meist
zugewachsen, dienen als Unterschlupf oder verzieren bunt bemalt die
Strände, die sie verteidigen sollten. Mit den ersten Gewittertropfen
erreiche ich Apollonia. Odeion und ein paar andere Trümmer sind recht
bescheiden (Foto links). Es ist noch kaum gegraben worden. Bei der
mittelalterlichen Kirchen- und Klosteranlage (Foto rechts unten), die
eigentlich als Museum dient, sind offenbar viele Exponate in den Wirren
der 90er Jahre verschwunden.
Zurück in Fier dauert es
Ewigkeiten, bis ich mich die drei Kilometer Anstieg nach Süden
hinaufgequält habe. Im Wind bleibe ich fast stehen, mehrere
Gewitterschauer zwingen immer wieder zu Pausen. Muss ich zu einem mentalen
Trick mit Selbstüberlistung greifen: Ich nehme mir als Tagesziel zunächst
nur die 55 km entfernte Stadt Vlora vor. Das funktioniert. Ich bin happy
um 14 Uhr dort anzukommen. Dann also doch weiter. Dumm nur: Den
Llogara-Pass mit seinen 1055 m kann ich nur in der Dunkelheit erreichen.
14 km kräftiger Anstieg, dazwischen geht's gelegentlich abwärts. Der
Asphalt ist perfekt. Nur an einer Stelle hat ein frischer Erdrutsch die
rechte Fahrbahn verschüttet. Immer noch kämpft der Wind frontal gegen
mich. Und die Steigung. Und die Dunkelheit. Und die Feuchtigkeit. Woran
ich aber bei aller Kalorienzufuhr und sonstigen Planung gar nicht dachte:
Hunde. In den kleinen Ortschaften wird fast jeder Hof per Hund bewacht.
Und die meisten Köter haben freien Zugang zur Straße. Einige halte ich
durch Schreie in Schach, einmal rettet mich ein Auto, das sich zwischen
mich und das Tier schiebt, beim nächsten Hundedrama hält der Fahrer.
Wieder mal ein Gespräch auf Italienisch, das in Albanien (vor allem durchs
Fernsehen) die verbreitetste Fremdsprache ist. Sie wollen Rad und mich
aufladen. Einen Moment schwanke ich. Aber ich habe den Eindruck, die
letzten Hunde-Häuser vor dem Pass erreicht zu haben. Fahre weiter.
Es nebelt. Nur noch Nacht,
Nebel und das Rauschen der Bäume. Das sind Momente, für die der Erlkönig
geschrieben ist. Am linken Straßenrand trippelt mir ein schwarzer Schatten
entgegen. Ein Hund. Er will unbeachtet bleiben, schiebt sich still vorbei
bergab. Ab und zu wird die Straße jetzt flach, hat ein bisschen
Gefälle. Doch die Hoffnung, den Pass erreicht zu haben, trügt jedes Mal.
Als ich rechts einen Stein sehe, der die Gipfelmarkierung sein könnte, ist
es wieder nur ein (Grab-?)Stein für ein Verkehrsopfer. Dann Licht links.
Es ist das angekündigte Motel, hat aber kein Bett. Endlich geht's bergab.
Zehn Prozent Gefälle steht auf dem Schild, aber die selbe Zahl steht auf
all diesen Schildern. Es geht steiler bergab als bergauf. Die Nebelwolken
regnen mich wieder herab auf Strecke mit Sicht. Der Halbmond spiegelt sein
Licht in einer riesigen Meeresfläche. Tief unter mir Autos auf
Serpentinen. Ich muss halten, um die Bremsen abzukühlen. Werde selbst
kalt. Bin froh als die Strecke ganz schlecht wird und wieder ein Stück
bergan führt. Wieder Licht, auch hier bellt eine Riesendogge. Ein Hotel.
Nach 90 Minuten ist das Duschwasser warm, die Zimmertemperatur bleibt
konstant bei 14,3 Grad.
Mittwoch, 7. Dezember 2005:
Palase - Dermhi - Sandara - Butrint - Konispol - Grenze
Albanien/Griechenland - Igoumenitsa (139 km) Der höchste Pass liegt
zwar hinter mir, aber unerwartet folgen heute einige mittelhohe. Die
Straße schlecht, teilweise sehr schlecht. Das macht die Fahrt noch
romantischer, atemraubender. Endlos bergan. Bergab (Fotos links und auf
der Equipment-Seite). Nach
Dhermi und Himara, wo auch viele Griechen leben. Lange Zeit
Durchschnittsgeschwindigkeit 11 km/h. Die 75 km bis Saranda ziehen sich
endlos hin und sind unendlich schön. Jeder Meter Genuss. In Saranda
angekommen bleibt mir noch eine Stunde Tageslicht. Ich starte durch. Fahre
parallel zur Insel Kerkyra alias Korfu. Sehe die Sonne zwischen Wolken und
Inselbergen versinken (Foto rechts). Genieße die ebene Strecke mit
Vollgas. In einem Dorf nimmt ein Junge bei über 30 km/h die Verfolgung
auf, liegt knapp vorn, verliert meine Sympathie als er vor mir mit großer
Akrobatik das Rad herumwirft und neben mir zum Stehen kommt. Weiter. Mit
dem letzten Tageslicht erreiche ich Butrint (17 km von Saranda). Die
Ausgrabungsstätte ist schon geschlossen. Keine Unterkunft. Ich nehme die
Mini-Autofähre, ein paar Holzplanken an Stahlseilen über den Meeresarm.
Bin einziger Fahrgast, beglücke die Fährjungen mit Twix.
Am andern Ufer verabschiedet
Indri grad seinen Bruder. Er begleitet mich 21 km auf seinem Moped zu
seinem Heimatort Konispol, bei dem ein neuer Grenzübergang nach
Griechenland eröffnet worden ist. Nach einem Kilometer Holperstrecke
beginnt eine neue Asphaltstrecke. Doch die zweite Weghälfte ist wie der
Anfang der Strecke. Ein unsäglicher Ackerweg. Durch den Regen der letzten
Tage und Stunden wird die Fahrt zur Schlammschlacht. Indri, Schüler der
Abschlussklasse, erzählt von seinen Plänen für ein Computer-Studium in
Tirana, dem Ramadan, seinem Vater einem Küchenchef auf Korfu und seinem
vielsprachigen Bruder auf der amerikanischen Schule. Die Begeisterung für
die USA ist so allgegenwärtig wie das Sternenbanner. Die Albaner haben
zwar die Aufnahme in die EU beantragt, aber noch lieber würden sie
vermutlich Mitglied der USA. Der Euro wird als Zweitwährung akzeptiert,
der Dollar ist den Geldwechslern lieber, von denen hundert allein am
Skanderbeg-Platz in Tirana beisammen stehn und doch keinen besseren Kurs
als die Bank bieten. Das Land fasziniert mit seinem Bau- und
Wirtschaftsboom, mit Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft. Es bleibt viel
Fremdes - so wie das Kopfschütteln, mit dem ein Albaner üblicher Weise
Zustimmung signalisiert. Bis zum letzten albanischen Meter
Rumpelschlammpiste. Der Schlagbaum heruntergelassen, alles wie meist in
Albanien ganz dürftig beleuchtet. Wieder begeistern sich zwei Jugendliche
für mich und meine Radtour und bringen mich zu dem einzigen Schalter, den
ich zu absolvieren habe.
Griechenland: Blau und Weiß, wie lieb
ich dich
Dann der Europa-Sternkranz mit "Hellas" im Zentrum.
Statt Schlammpiste breite bestens asphaltierte Straße, für die en masse
Felsen weggesprengt wurden. 29 km sind es bis zur ersten größeren Stadt
Igoumenitsa. Ich radle in den Regen, der mir heute so oft zuvorgekommen
ist. Als es mir zu nass wird, halte ich unter einem Terassendach an einer
geschlossenen Taverne. Zehn Meter entfernt bezieht ein Hund Position. Er
beginnt zu bellen. Bellt und bellt. Als er sich ein Stück weiter vorwagt,
schreie ich ihn sofort an. Er schreckt zurück und die gesamte
Dorf-Hundebande beginnt ein Bell-Konzert. Dann bellt wieder nur mein
Gegenüber. 10, 15, 20 Minuten. Als der Regen nachlässt, schwinge ich mich
aufs Rad. Ein Gendarmerie-Streife, die offenbar wegen des Bellens
alarmiert wurde, kann ich nach dem Weg fragen. Um zehn bin ich schließlich
in der Hafenstadt Igoumenitsa.
Donnerstag, 8. Dezember
2005: Igoumenitsa - Prevesa - Vonitsa - Mitikas (142 km) Der Himmel
strahlt in den griechischen Nationalfarben. Blau und Weiß wie lieb ich
dich! Und Rückenwind! Mit teilweise mehr als 30 km/h bläst er mich die
Berge rauf. Die westgriechische Küste liegt abseits des Massentourismus.
Ist alles andere als hässlich. Rockige Buchten wechseln sich ab (Foto
rechts). Kurz vor Prevesa führt eine Nebenstrecke direkt am flachen
Sandstrand entlang. Ein Mann schwimmt. Dann der Tunnel unter der
Meerenge, die Verbindung von Prevesa nach Süden. Unter dem Fahrverbot für
Träcker wirkt das Fahrrad-Fahrverbots-Schild etwas improvisiert
aufgeklebt. 1600 m ist der Tunnel lang. Am andern Ende die Zahlstation.
Kein Hinweis auf eine Alternative. Ich versuch's mal. Sekunden nachdem ich
in den Blickwinkel der Überwachungskameras gefahren bin, schalten alle
Ampeln auf Rot, der Tunnel ist gesperrt, eine Frauenstimme spricht auf
Griechisch über verschiedene Lautsprecher, und auf dem Laufband über dem
Tunneleingang erkenne ich irgendetwas von "biciclette". Ich trete den
Rückzug an. Frage einen Autofahrer. Eine Fähre gibt es nicht mehr, nur
noch den Tunnel. Ein Taxifahrer würde mich für 15 Euro rüberbringen, hat
aber nur einen normalen Kofferraum. Ich warte auf einen Pick-Up. Schon
nach wenigen Minuten steuern zwei warnblinkende Off-Road-Wagen aus dem
Tunnel auf mich zu. Auf dem Pick-Up landet mein Fahrrad, ein offizieller
Service. Selbst meine fünf Euro Trinkgeld werden strikt verweigert.
Sunradeln, Funradeln. In einer Innenkurve umrunde ich eine Schafherde,
bemerke erst in letzter Sekunde ein verlorenes Schaf, das sich von der
Außenseite unter der Leitplanke versucht auf die Fahrbahn zu zwängen.
Glück. Nach Vonitsa mit seiner malerisch über Wasser und Sumpf gelegenen
venezianischen Burg führt eine Nebenstrecke wieder direkt am Meer entlang.
Unmarkiert, links der Felsen, rechts das Wasser und die Inseln mit der
dahinter untergehenden Sonne. Traum. Mit dem letzten Tageslicht finde ich
in Mitikas ein Zimmer mit Loggia direkt am Meer (Foto Equipment-Seite).
Freitag, 9. Dezember
2005: Mitikas - Antirio - Rio - Egio (153 km) Ich treffe nach 1500
km den ersten Radler. Alexander aus Wien. Seit dem 2. Juni ist er
unterwegs. Auch über Zagreb, aber dann in großem Bogen bis Moldawien und
Kappadokien, jetzt auf dem Rückweg. Will Heiligabend wieder in Wien sein.
Als er mit der Ecotopia Biketour versuchte, in Moldawien gegen die
Republik Transnistrien zu demonstrieren, wurden sie dort erst gar nicht
reingelassen. An ein paar kalten Tagen hat er sich die Finger so
verfroren, dass sie jetzt noch Frostbeulen haben. Inzwischen besitzt er
aber auch Snow Gear Handschuhe. Er erzählt mir von Christoph Nolte, der
mit seiner Biosphere-Tour offenbar nur wenige Tage voraus durch
Albanien radelte und heute in Athen ankam. Dann ist Europa zu Ende.
Zumindest das Festland. Und die neue "größte Schrägkabelbrücke der Welt"
(Foto links) führt (Radler kostenlos) von Antirio nach Rio über das Ende
des Golfes von Korinth auf den Peleponnes. Es ist reichlich windig. Und
ich bin froh, auf der andern Seite anzukommen. Um an der Nordküste bis auf
180 km an Athen ranzufahren.
Samstag, 10. Dezember 2005: Egio - Korinth - Athen (176
km) Regen, Regen, Regen. Um elf Uhr bleibt mir nichts übrig, als
loszufahren. Nach etwa zwei Stunden lässt der Regen nach, aber alles ist
durch und durch nass. Kurz vor Korinth wird die Straße trocken und bei
Tages-km 99 am tiefen Kanal von Korinth, der Ende des 19. Jahrhunderts den
Peleponnes zu einer Insel machte (Foto rechts), stecke ich meine
nasskalten Füße aus den Fahrradschuhen in die Laufschuhe. In der Hoffnung,
dass es nicht wieder zu regnen beginnt. Unter dem wolkenverhangenen
Himmel wird es noch früher dunkel. Aber es wird stetig wärmer und 50, 40,
30 km vor Athen lohnt es nicht so recht, ein Quartier zu suchen. Also
durch. Etwa 25 km leider auf der Autobahn. Die Landstraße mündet einfach
in sie. Ein letzter langer Anstieg und hinter der Kuppel taucht auf
gleicher Höhe die beleuchtete Akropolis auf.
Advent. |