Am 12. April 2008 ist in Nürnberg
der Paneuropa-Radweg freigegeben worden. Er verbindet Paris mit Prag auf
1570 Kilometer. Am selben Tag starteten wir von Nürnberg nach Prag, um
diesen Teil des Paneuropa-Radwegs unter die Lupe zu nehmen. Mit dabei Max
und Günter, zwei bayrische Radler, sowie mein Kamera-Equipment samt
Stativ.
Ein neuer
Fernradweg verbindet Metropolen in Europa. Auf 1570 km kann man der Trasse
des Paneuropa-Radwegs von Paris nach Prag folgen: von
Frankreich durch Deutschland nach Tschechien. Bei diesen drei Ländern
schon von Paneuropa zu sprechen, was so viel wie All-Europa
bedeutet, ist natürlich reichlich selbstbewusst. Aber nicht
auszuschließen, dass der Paneuropa-Radweg eines Tages noch
paneuropäischer wird. Das Wort Paneuropa geht auf ein
gleichnamiges Buch des damals 29 Jahre alten Adligen Graf Richard N.
Coudenhove-Kalergi (1894-1973) zurück. Er beschrieb darin 1923 die Vision
einer europäischen Einigung. Er avancierte zum Gründer und Präsidenten der
Paneuropa-Union, der einst auch Albert Einstein, Thomas Mann und
Franz Werfel angehörten. Der deutsche Zweig steht heute der CSU
nahe. Paneuropa nennen sich aber auch Logistik- und
Reise-Unternehmen. Internationale Verträge bestimmen Paneuropäische
Verkehrskorridore und ein
Paneuropa-Mittelmeer-Ursprungsprotokoll für Zoll-Abfertigungen in
einem gemeinsamen Wirtschaftsraum. So führt dann eines Tages vielleicht
auch der Paneuropa-Radweg noch durch Algerien, Libyen, den
Gaza-Streifen und die Türkei rund ums Mittelmeer...
Beim Hammerwerk in Laufamholz, Nürnberg
Radl-Comeback: Nach 25 Jahren
wieder in Nürnberg - und was sich alles geändert hat
Samstag, 12. April 2008:
Nürnberg - Lauf an der Pegnitz - Gebenbach (90 km) Durch Nürnberg
bin ich zuletzt vor 25 Jahren und 12,5 Tagen geradelt: Am 31.3.1983 auf dem Weg
nach Budapest. Radwege waren damals weitgehend unbekannt,
Rad-Tourismus unvorstellbar und gegen die Einbahnstraßen radeln nirgendwo
erlaubt. Heute gibt es rund um die Lorenzkirche in Nürnberg nur ein Thema:
der Paneuropa-Radweg wird hier und heute feierlich freigegeben. Viele
Regionen, die an der Strecke liegen, präsentieren sich mit Ständen. Ein
buntes Folklore-Programm läuft auf der Bühne. Ganz am Rande stehe ich mit
Max und Günter vor meiner Kamera. Wir wollen die Jungfernfahrt machen.
Zumindest auf dem Streckenabschnitt von Nürnberg nach Prag. Mehr lässt die
Zeit nicht zu. Und die Kamera kommt samt Stativ und Ausrüstung mit. 30
Kilo hab ich, der Gepäckminimalist, auf dem Rad. Damals, vor 25 Jahren war
es ein winziger Rucksack, der wohl zwei bis drei Kilog wog. Zur
Orientierung diente ein kleiner Notizzettel, auf dem Informationen standen
wie: Aschaffenburg - Passau B8. Und ich hatte keinen Fotoapparat,
geschweige denn eine Video-Kamera. Diesmal habe ich für das Gepäck
extra vier Bar in beiden Reifen. Das Stativ ragt weit aus dem Korb heraus
auf die Fahrbahn. So halten die Autos wenigstens besser Abstand. Der Paneuropa-Radweg folgt über
weite Strecken bestehenden Radwegen – hinter Nürnberg dem
Fünf-Flüsse-Radweg: Zunächst ist es die Pegnitz, die uns Richtung
Oberpfalz führt. Gerade jetzt am Wochenende ist dieser typische
Fluss-Radweg beliebt bei Radlern, Skatern, Joggern und Spaziergängern.
Romantische Örtchen wie Laufamholz (Foto oben) reihen sich
aneinander. Dann wird es hügeliger. Hier treffen Max und Günter
Radl-Freunde. Die staunen nicht schlecht über unsere Pläne. In vier Tagen
nach Prag. Bald geht's auch mal bergab, was mit dem Kamera-Equipment
besonders angenehm ist; auch, weil man dabei wesentlich besser filmen kann
als beim Bergauffahren. Günter (Foto links) ist happy: "Es ist wunderbar
heute. Das Wetter passt, Steigungen halten sich in Grenzen, die erste
Etappe ist wirklich prima." Noch ein Highlight: Sulzbach-Rosenberg.
Hauptstadt jener Gegend, die das "Ruhrgebiet des Mittelalters" genannt
wird: Schon vor tausend Jahren wurde hier Eisenerz abgebaut. Zeitweise gab
es 300 Hütten und Hammerwerke. Das Rathaus zeugt vom alten Reichtum. Eine
letzte Abfahrt in den Ort "Süß" und ein letzter Anstieg in der
untergehenden Sonne (Foto rechts) auf dem Paneuropa-Radweg bevor wir
endlich das kleine Dörfchen Gebenbach erreichen – 350 Kilometer vor Prag.
Am Monte Kaolino
Oberpfalz-Highlights: Monte
Kaolino und der Bockl-Dampf-Obstler
Sonntag, 13. April 2008:
Gebenbach - Neustadt an der Waldnaab - Bockl-Radweg - Eslarn (113
km) Goldiges Wetter auf der Goldenen Straße nach Prag. Der
Paneuropa-Radweg verläuft hier auf dem Landkreis-Radweg Nummer 4. So
kommmen wir in das Tal der Waldnaab, dem wir bis Neustadt an der Waldnaab
nach Norden folgen. Von dort soll es über den Bockl-Radweg wieder nach
Süden gehen bis zur tschechischen Grenze. Meine beiden bayrischen
Mitfahrer Max und Günter zeigen mir mit einem kleinen Schlenker das
Kaolin-Abbaugebiet bei Amberg. Das, was beim Abbau übrigbleibt, ist über
Jahrzehnte zu einem großen Sandberg aufgeschüttet worden: der 120 Meter
hohe Monte Kaolino (Foto oben): 35 Millionen Tonnen reiner Quarzsand. Im
Sommer kann man hier sogar Ski fahren. Auch wenn der Berg Kaolino heißt:
das tonhaltige Kaolin ist vorher herausgefiltert und zu Keramik
verarbeitet worden. Aus einem Teil des Sandes wird Glas gemacht. Dann
geht’s richtig los; Max (Foto links) fährt meist voran mit seinem
Mini-Gepäck: "Auf so einer Tour viel Gepäck mitzuschleppen, belastet einen
nur. Es reicht ein bisschen Kleidung zum Umziehen, was für die Nässe und
für die Kälte. Und ansonsten sparsamst wie möglich auskommen.“ Der Landkreis-Radweg scheut auch
vor ein paar Kilometern Waldstrecke nicht zurück. So werden wir schon mal
auf die Wege in Tschechien eingestimmt. Als wir schon wieder aus Asphalt
sind, spüre ich erste Folgen der Holperstrecke durch den Wald: Meine linke
Pedale knackt unüberhörbar. Die Schilder des Paneuropa-Radwegs haben
keine Richtungs-Pfeile. Sie leihen sich die Richtung von andern
Fahrrad-Wegzeichen. So gibt es meist keine Zweifel, wo es lang geht. Dann
geht’s über ein Wehr (Foto rechts) bei Weiden in der Oberpfalz bis
Neustadt an der Waldnaab. Hier beginnt der Bockl-Radweg. Der Bockl-Radweg
gehört zu den jenen angenehmen Radwegen, die auf einer ehemaligen
Bahntrasse verlaufen. So halten sich die Steigungen in jenen Grenzen, die
die Loks vor hundert Jahren vorgaben. Ein älteres Ehepaar warnt uns vor
den Pflöcken, die an den Straßenüberquerungen die Radler warnen sollen,
ihnen aber gelegentlich zum Verhängnis werden. Besonders wenn größere
Gruppen unterwegs sind. Zwei Mädchen erzählen uns, wie sich ihre
Griffe verharkt haben und die girlies daraufhin über die Lenker flogen.
Zum Glück blieb es bei einer Beule. Der Bockl-Radweg hat eine eigene
Radl-Raststation Floss. Hier bringt uns Renate Schaller
den Salat – und mit ihrem Mann Harald bildet sie so etwas wie ein
paneuropäisches Liebespaar. Sie ist Tschechin, er ist Deutscher, die zwei
Töchter haben beide Staatsbürgerschaften. So können auch tschechische
Gäste in eigener Sprache bedient werden. Zum Beispiel mit der
Schnaps-Pfeife für den Bockl-Dampf-Obstler (Foto links). Weiter führt
der Bockl-Radweg mit seinen ganz sanften Steigungen auf angenehmste Weise
durch das hügelige Oberpfälzer Land. Auf halber Strecke etwa kommt
allerdings ein kleiner Wechsel von Aspahlt auf Asche. Aber auf der fährt
es sich fast genauso gut. Wir nähern uns der Heimat von
Max: dem Örtchen Pleystein. Im Schatten der Wallfahrtskirche ist Max
aufgewachsen und dort lebt er auch heute noch. Als Bub habe er schon mal
Angst davor gehabt, dass die Kirche vom 38 Meter hohen Rosenquarzfelsen
(Foto rechts) herabstürze. Heute ist nicht nur diese Angst vergessen,
sondern auch die Befürchtung, dass die Grenzöffnung nach Tschechien die
örtliche Wirtschaft untergrabe. Manche Ortsansässige finden inzwischen
sogar Arbeit in Böhmen. Zuletzt zieht sich der Bockl-Radweg ein wenig
dahin, muss die Autobahn A6 kreuzen, bevor wir endlich um 21 Uhr das
Etappenziel Eslarn erreichen. Zwei, drei Kilometer noch und wir sind in
Tschechien.
Schatten am Abend auf dem Bockl-Radweg
Tschechien: Pavel und Radka
bringen uns zur Mutter aller Pils-Biere
Panslawistische Farben der tschechischen Fahne auf dem
Paneuropa-Radweg
Montag, 14. April 2008:
Eslarn - Grenze Deutschland/Tschechien - Železná - Kladruby - Pilsen
(Plzeň) (98 km) Bevor wir über die tschechische Grenze fahren,
schenkt uns Garbiele Buchbinder von der deutschen Grenz-Gemeinde Eslarn
ein halbes Pfund Schokolade. Geschmückt mit der eigenen und der
tschechischen Fahne. Ruckzuck sind wir an der tschechischen Grenze, wo
seit ein paar Monaten nicht mehr kontrolliert wird. Schon treffen wir
Pavel – unseren ersten Guide in Tschechien. Pavel fährt voran, damit wir
nicht vom Paneuropa-Radweg abkommen, und er zeigt uns seine Heimat. Wir
fahren am Flüsschen Radbusa entlang. Die fließt bis Pilsen – aber noch ist
es nicht möglich, ihr den ganzen Weg über zu folgen. Es geht durch Wälder,
und bald fordern die ruckeligen Wege ihr erstes Opfer Der Gepäckträger an
meinem Fahrrad hat sich in seine Bestandteile aufgelöst. Es hilft nichts:
Dreißig Kilogramm Gepäck müssen runter. Mit vereinten Kräften ist der
Schaden schnell behoben. Fünf Minuten später sitzen wir schon wieder im
Sattel. Wir stärken uns mit der Schokolade aus Deutschland in Bela nad
Radbuzou (Weißensulz), wo die Brücke über die Radbusa mit Heiligen-Figuren
wie die vom Heiligen Wenzel schon an die Karlsbrücke in Prag erinnert
(Foto links). Unter den Schildern der
tschechischen Route 37 klebt jetzt fast überall der kleine deutsche
Aufkleber „Paneuropa-Radweg“. Eben noch ein ganz neuer Asphalt-Weg in
herrlichster Landschaft, dann plötzlich eine kleine Schlammschlacht quer
durch die Äcker. Bald sind wir wieder auf Asphalt und ich kann mich mal
mit meinem Reiseführer amüsieren – was der über böhmische Dörfer wie
Kladruby (Kladrau) mit seinem Benediktinerkloster aus dem 12. Jahrhunder
schreibt: 1771 wurden hier alle Häuser nummeriert. 1888 wurde das Postamt
an das Telegrafennetz angeschlossen. 1923 gab es elektrische
Straßenbeleuchtung. Half aber alles nichts: 1960 verlor Kladruby die
Stadtrechte. Kurz darauf erreichen wir die Radstation in Lhota u
Stribra (Elhoten bei Mies). Hier übergibt Pavel das Kommando an unsern
neuen Guide Radka. Sie ist hier besonders hilfreich ist, weil dieser
Teilabschnitt des Paneuropa-Radwegs noch nicht ganz fertig ist. Bei
Schloss Rochlow mit seiner Sammlung uralter Fahrräder, zeigt sie uns eine
Fahrradwaschanlage. Radka (Foto rechts) führt uns
über kleine Straßen in ihre Heimatstadt Pilsen – doch über dem heutigen
Etappenziel liegen bedrohliche Wolken: "I think there are showers, not
very good." Bei Schloss Krimice (Krimitz) begrüßt uns ein Fürst:
Jaroslav von Lobkowicz (mit fast allen Namen und Titeln: Jaroslav Franz
von Assisi Klemens Alois Gabriel Eleonnora Josef Anton Johann Bosco
Joachim Felix Maria 14. Fürst von Lobkowicz, Herzog von Raudnitz,
maltesischer Ordens-Ritter, tschechisches Parlaments-Mitglied 1998, 2002)
erzählt von seiner Familien-Geschichte und dem Versuch, den alten
Familien-Besitz zu sanieren. Das neue Dach schwächelt aber schon wieder
und ist doch nur ein kleiner erster Versuch zu retten, was noch zu retten
ist. Als wir den Schlosshof von Krimice verlassen (Foto unten), haben
sich die dunklen Wolken zurückgezogen. So erreichen wir regenfrei Pilsen –
die Mutter aller Pils-Biere der Welt. Und nach der täglichen Dusche gibt
es um 21 Uhr dann endlich auch für Max, Günter und mich ein Pils in
Pilsen. Bilanz des ersten Tages in Tschechien: Max: „Sicherlich war es
sehr anstrengend; da wir einige Berge zu bewältigen hatten, aber es war
auch wunderschön, romantisch, traumhaft.“ Günter: „Die Radwege waren etwas
anders, anstrengender als gerechnet. Das Ankommen in Pilsen hat für vieles
entschädigt. Der Abend ist sehr schön.“
Radka fährt voran aus dem Hof von Schloss in Křimice
(Krimitz)
Mitternachts auf der
Karlsbrücke
Dienstag, 15. April 2008:
Pils (Plzeň) - Rokycany - Karlstein (Karlštejn) - Prag (139
km) Kurz nach dem Frühstück lassen wir die Quelle aller Pils-Biere
dieser Welt links liegen: Pilsner Urquell gehört inzwischen einem
Weltkonzern aus Amerika und Südafrika. Vor uns die längste Etappe: noch
130 bis 140 Kilometer von Pilsen nach Prag. Reicht dafür ein Tag? Radka
Zakova ist wieder unser Guide. Wegen ihres Fahrrad-Nummernschildes
"CycloRadka" nenne ich sie "Radl-Radka". Sie baut ein Fahrrad-Kommunikationsnetz für Pilsen auf. Ihr Leben
dreht sich auf zwei Rädern. Für sie ist Fahrradfahren Genuss und ein Muss
– Passion. “I need it evry day, it’s a kind of discovery of new areas, of
new countries.” Auch heute lernen wir wieder in wenigen Stunden einige
schöne Landschaften kennen. Erstaunlich wie weit man an einem Tag auf dem
Rad kommen kann – und dadurch happy wird. „Es ist einfach wunderschön,
durch die Landschaft zu radeln, mal andere Leute kennenzulernen und andere
Gegenden“, sagt mein Mitfahrer Max. Das gilt auch für Rokycany, deren
Innenstadt komplett unter Denkmalschutz steht. Und der Weg ist heute zunächst
auch sehr angenehm: allerfeinster Asphalt. Radka meint lächelnd, hier habe
der Paneuropa-Radweg (wie er auch von den Tschechen genannt wird) „german
standard“. Ein „tschechischer Standard“ besagt: Minderjährige Radler
müssen einen Helm tragen. Gerade kommt uns ein junger Mann ohne Helm
entgegen. Wir halten ihn an. Pavel ist allerdings schon 22 Jahre. Radka
stellt ihn trotzdem zur Rede, warum er nicht mit Helm fahre. Er fahre ja
nur ganz kurze Wege zur Arbeit mit dem Fahrrad, da brauche er keinen Helm,
meint er. Und schon ist er wieder auf und davon. Der Paneuropa-Radweg
folgt heute zunächst dem tschechischen Radweg Nr.3. Immer wieder findet
man Paneuropa-Hinweistafeln (Foto rechts), auf denen die Strecke genau
markiert ist. So kann man auch mal über eine Abkürzung nachdenken. Sogar
Höhenprofile warnen uns vor den nächsten Abschnitten. Radka fährt zügig gut voran. Günter hat allerdings mit Frauen
auch andere Erfahrungen gemacht: „Hat sich herausgestellt einfach
konditionsmäßig, dass es nicht immer ohne Probleme ist, wenn Männer und
Frauen dann gemeinsam Radtouren machen. Daher halte ich es für besser,
wenn Frauengruppen getrennt fahren.“ In einem tschechischen
Holzhäuschen (Foto links) bekommen wir Knödel und Gulasch für 2 Euro 50.
Ein ideales Mittagessen. Dann durchqueren wir wieder Wälder. Diesmal auf
einem perfekten Radweg in einer noch perfekteren Landschaft. Eine Kirche,
an der wir vorüberfahren, ist ein bisschen so wie Tschechien rund 20 Jahre
nach der Revolution: die linke Hälfte kaputt, die rechte bereits saniert.
Schließlich erwischt uns 50, 60 Kilometer vor Prag doch noch Regen
(Foto rechts). Tagelang war er vorhergesagt. Aber immer sind wir ihm wie
in einer Schönwetter-Glocke entkommen. Jetzt wird alles nass. Erst von
oben, dann von der Seite durch die großen LKW und dann von unten durch die
Pfützen. Kaum ist der Regen vorbei, hat es Günters Rad erwischt: Auch
an seinem Gepäckträger war nach dem Dauerrütteln eine Schraube locker und
hat sich verabschiedet. Er hat Ersatz dabei. Etwas Todesmut verlangt
direkt danach ein steiler Abhang. Nacheinander fährt jeder von uns langsam
mit quietschenden Bremsen nach unten. Ondrej Fabera ist dazugestoßen, ein
exzellenter Fahrrad-Profi, der extra für uns aus Liberec angereist ist. Er
macht Tourismarketing zum Beispiel für Rabestein
(Rabštejn). Und Tomas Havel, stellvertretender Bürgermeister der "Königsstadt
Beroun" (Beraun) fährt in vollem Radlerdress mit auf seinen Ort zu.
Dass es jetzt noch wenig komfortabel auf einem Feldweg direkt neben
der Autobahn weitergeht, will er ändern. Mit EU-Geldern. Wenn die nicht
kämen, aus eigener Kraft. Denn: „Radtourismus ist sehr wichtig für uns,
für die Entwicklung unserer Stadt.“ Kurz vor Beroun führt uns der
Lokalpolitiker zunächst in einen Hinterhof direkt am Radweg. Jenseits der
Trümmerhaufen verbirgt sich ein gastronomisches Juwel der böhmischen
Stadt, das uns der zweite Bürgermeister voller Stolz zeigen möchte. Zu
einer Probe der örtlichen Brauerei muss er uns nicht lange überreden.
Inzwischen ist es schon fast
dunkel, während jetzt der wohl schönste Teil kommt. Das enge, felsige Tal
bei Karlstein. Es wird eine lange Nachtfahrt an Karlstein vorbei in die
Prager Innenstadt. Am Ortseingang stoßen Jitka Vrtalova und ihr Mann
Vaclav zu uns. Sie baut das tschechische Bett & Bike System auf, genannt: Cyklistevitani. Durch düstere Straßen führt sie uns zu
einem der ersten Radler-Unterkünfte von Prag. Der von Ales Marsik, der die
"Penzion Na
Statku" samt Fahrrad-Werkstatt rund um einen großen Innenhof betreibt.
Ideale Bedingungen. Denn inzwischen hat auch noch das Rad von Max einen
Erschütterungs-Schaden: Das Rücklicht ist spurlos verschwunden. „Keine
Ahnung, wie das paassiert ist; irgendwie hat das durch die starken
Erschütterungen die Lampe abgeschlagen; kann mir überhaupt nicht
vorstellen, wie das gehen kann.“ Ales Marsik hat schnell Ersatz montiert.
Und dann raffen wir uns noch zu den letzten sieben Kilometern aus dem
Vorort Hlubocepy bis zur Karlsbrücke auf. Ein Teil der Brücke ist
Baustelle, doch auch danach ist sie menschenleer. Zwei einsame Polizisten
ziehen ihre Runden. Es ist 23 Uhr. Im Hintergrund leuchtet der
Hradschin. Die Qualen sind vergessen. Wir haben die Goldene Stadt auf der
Goldenen Straße erreicht (Foto unten). Max: „Jetzt ham wers geschafft, an
der Jungfernfahrt des Paneuropa-Radweges teilzunehmen. Es ist schon
großartig,jetzt auf der Karlsbrücke zu stehen, dieses wunderschöne
Ambiente anzuschauen. Prag einmal zu erreichen und das mit dem Fahrrad,
das ist das Höchste für mich. Ich wollte schon immer mal hierher. Ich freu
mich, dass ich da bin.“ Günter fügt noch hinzu: „Das hat sehr viel Spaß
gemacht.“ Jitka (Foto ganz unten) und Pavel bringen uns auch noch die
sieben Kilometer wieder zurück ins Quartier nach Hlubocepy. Es ist schon
nach Mitternacht. Aber sie bleiben noch zu einem Bier, das in den Zimmern
kaltgestellt ist. Übernachtung mit Fahrrad-Garage, Frühstück und
tschechischem Bier für sage und schreibe 25 Euro. Wir schlafen himmlisch.
Kurz vor Mitternacht Ziel erreicht: Günter, Chris und Max auf
der Karlsbrücke vor dem Hradschin in Prag