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VG WORTTour 44: Budapest - Stara Zagora (1682 km)


Burg Golubac am Donau-Durchbruch in Serbien
Burg Golubac am Donau-Durchbruch in Serbien

Bike-Blog & Routen-Karte & Etappen-Übersicht
Budapest - Prishtina - Stara Zagora (10.-20.9.2008)
Von der Donau zum Kosovo: Serbiens doppeltes Gesicht

Ausrüstung: Bike & More
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Bike & More
Serbien, Kosovo, Mazedonien: kein Zweifel, es geht um Europa. Und diese Staaten fehlten mir noch auf meiner Europa-Liste. Nach dieser Tour steht nur noch Island aus.
Um die Balkan-Tour abzurunden, hab ich vorher ein bisschen Anlauf genommen: von Budapest am Donau-Radweg bis zum Donau-Durchbruch an der serbisch-rumänischen Grenze. Chill out schließlich mit ein paar Tausender-Pässen in Bulgarien. Gepaart mit den Lieblingsingredienzen einer Radtour: erst Bullen-Hitze, dann tagelang Regen und zuletzt Eiseskälte. Und das ist alles egal, wenn die Serben einem die Ausreise aus dem Kosovo verweigern.

Monopolisten-Prolog: Vive le Hass auf die Bahn

Dienstag, 9. September 2008: Zugfahrt Mainz - Budapest
Stuttgart Hauptbahnhof, kurz vor 19 Uhr. "Alles läuft endlich mal problemlos", denke ich. Ich bin extra eine Stunde früher gefahren. Um nicht in Darmstadt wegen 14 Minuten Umsteigezeit dem Zug hinterherzuschauen. Kein Ärger. Eine etwas orakelhafte Anzeige interpretiere ich nicht Bahn-gerecht: „Fahrradreservierung heute für Wagen 264“ Ok. Eigentlich habe ich eine Reservierung für Wagen 255. Aber, was soll's.
Der Intercity fährt ein. Wagen 261, 262, 263. Alles 1. Klasse. Und? Ende. Bald rollt eine Lokomotive heran. Aber Lokomotive pur, ohne Fahrrad-Abteil, ohne Wagen 264. Ich laufe einmal am Zug entlang. Stelle fest, dass der Zug heute offenbar kein Fahrrad-Abteil hat. Müsse ich halt mit einem andern Zug fahren, meint der Oberschaffner mit der gleichgültigen Arroganz eines staatlichen Monopol-Unternehmens. Ich jedoch möchte meinen Anschluss-Nachtzug in München bekommen, damit meine Tour in Budapest nicht 24 Stunden später beginnt.
Ich versuche es noch einmal ganz hinten. Da bin ich schon häufiger mitgenommen worden. Ich kette das Fahrrad an, auf beiden Seiten kann man noch bequem aus- und einsteigen. Viele Schaffner sind damit einverstanden. Nicht mein heutiger Oberschaffner: „Ich muss davon ausgehen, dass es brennt. Ich bin für die Sicherheit von 300 Passagieren verantwortlich. (Anmerkung: Der Waggon ist menschenleer.) Dann entsteht eine Panik und die Leute kommen wegen Ihres Fahrrads nicht raus - Gehen Sie doch zum Service-Punkt. Dort wird man Ihnen weiterhelfen.“
Nach allem was ich weiß, werd ich so nicht mehr rechtzeitig nach München kommen. Gegenüber hat inzwischen ein TGV gehalten, der ebenfalls nach München fährt. Ich erwarte keine Fahrrad-Transport-Möglichkeit, kann auch keine entdecken, überlege aber, im letzten Moment samt Fahrrad im Zug zu verschwinden. Da er jedoch noch ein paar Minuten steht, schiebe ich mich und das Fahrrad tatsächlich zum Service-Punkt. Drei Verbindungen mit Fahrrad-Transport druckt mir der Service-Mensch aus. Eine ist fast doppelt so lang wie die reservierte: mit Regionalzügen und drei mal Umsteigen. Dann fährt sogar noch ein Inter-City in einer Stunde; und, als erste und schnellste Möglichkeit: der TGV, den ich auf dem Bahnsteig gesehen hab.
Ich eile zurück zu Gleis 15. Sehe immer noch kein Fahrrad-Zeichen. Frage den TGV-Oberschaffner. Der fragt erst mal nach der Reservierung. In einem letzten Akt von Geistesgegenwart hab ich mir auf meinem Fahrradticket vom IC-Oberschaffner „Dauer D.“ – wie der Zugchef seinen Namen handschriftlich auf einer Art Visitenkarte hinterlassen hat – bestätigen lassen, dass sein Zug heute eben mal ausnahmsweise kein Fahrrad-Abteil dabei habe. Das hilft jetzt beim TGV.
Der Schaffner weist ans Ende. Erste Klasse ist dort. Ein Behinderten-Abteil. Kette ich da mein Fahrrad fest. Später erfahre ich, dass rechts vom Einstieg auch ein paar Zweite-Klasse-Plätze mit Sitzen zum Hochklappen für Fahrrad-Transporte sind. Vive la France. Und der Hass auf die Deutsche Bahn.
Savoyai Kastély: Barockschloss von Prinz Eugen von Savoyen in Ráckeve, Ungarn (1697)Neben mir sitzt eine Studienabbrecherin, die in Arbeitsbrigaden Bunker in den Pyrenäen auf Vordermann gebracht hat und jetzt Maskenbildnerin werden will. Eine ältere Frau erkundigt sich nach Tipps für ihre Irland- und Polen-Radtouren. Zwanzig Minuten später als geplant erreiche ich samt Rad München Hauptbahnhof.
Dirk, der mir mit seinem Rennrad zum Ironman verhalf und mich mit Dominique die Begeisterung für das Bergauf-Fahren lehrte, führt mich zu einem exzellenten Thailänder am Viktualienmarkt. Um Mitternacht liege ich im Liegewagen nach Budapest, mit Kurswagen nach Bukarest (keine 25 Stunden), über Zagreb nach Belgrad – ganz Südost-Europa in einem einzigen Zug.


Donau-Radweg auf einem Deich in Ungarn
Donau-Radweg auf einem Deich in Ungarn


Die Donau ist ein langer, ruhiger Fluss
Mittwoch, 10. September 2008: Budapest - Ráckeve - Kalocsa (136 km)

Schlecht geschlafen. Zu kalt im Abteil. Zu warm angezogen. Das Fahrrad fährt allein im riesigen Gepäckwagen. CO2-Bilanz? Am Budapester Ostbahnhof, "Keleti pályaudvar" (abgekürzt "Keleti pu."), immer noch die gleichen unverschämten Geldwechsel-Angebote wie vor fünf Jahren. Allen voran Western Union. Der Euro steht im Verkauf bei 196 Forint, im Ankauf bei 243 – da weiß man alles. In einem Souvenirgeschäft ein paar Meter weiter kurz vor der Donau bekomm ich 237 statt 196 für den Euro.
Kleine Straße als Radweg auf einem Deich an der Donau in UngarnDann zum Fluss und nach Süden. Auf die große, lange Donauinsel. Nach 15 Kilometern hört die Metropole auf und ein Fahrradweg beginnt. Der bikeline-Führer „Donau-Radweg Teil 4“ weist als Alternative zur Straße einen Weg auf dem Flussdeich aus. Mühsam. Aber einsam. Meist nur ein ganz schmaler Pfad. Dann aber auch mal als breiter Feldweg (Foto oben), schließlich führt die Straße auf dem Deich entlang (Foto links). Penny-, Plus- und Ableger deutscher Bau-Märkte begleiten mich. Die langsam und träge dahintreibende Donau ist seltener zu sehn.
Beide Fahrrad-Computer haben Aussetzer. Es ist drückend heiß. Kleine Pause und Wasser-Nachfüllen im Savoyai Kastély (Foto oben rechts bei Prolog) von Ráckeve, einem Barock-Schloss (1697) von Prinz Eugen von Savoyen. In Dunavesce überrascht eine Umgehungsstraße, die noch auf keiner Karte zu finden ist und den Verkehr aus der Stadt hält. Kalosca (deutsch: Kollotschau) hat ein Paprikamuseum, das am frühen Abend aber genauso geschlossen ist, wie die barocke Kathedrale. Schöne Atmosphäre, aber ich kann mich nicht recht orientieren. Erst scheinen alle Hotels verschwunden, dann nehme ich das erstbeste, als ich endlich eins (der gesuchten) finde.


Fähre über die Donau bei Mohács (deutsch: Mohatsch, kroatisch: Mohač)
Fähre über die Donau bei Mohács


Ruta Dunav: vom ungarndeutschen Weinkellerdorf nach Kroatien
Donnerstag, 11. September 2008: Kalocsa - Hajós - Mohács-Fähre - Udvar - Grenze Ungarn/Kroatien - Osijek (154 km)

Elfter September. Regen. Als er nachlässt, fahre ich los. Irgendwo dringt Enya's „Only Time“ auf die Straße. Wie viele Menschen mussten in den letzten sieben Jahren sterben? Unschuldig.
Ich mache einen kleinen Schlenker zu den Donauschwaben. Nach Hajós (deutsch: Hajosch), wo eine Marienstatue mit Jesuskind aus dem schwäbischen Dietelhofen (zwischen Sigmaringen und Ulm) zum Wallfahrtsziel wurde. Der Pfarrer steckt mir einen Kirchenführer zu. Ein paar Meter weiter ist ein Heimatmuseum der Ungarndeutschen. Flachbauten an einem Hof, in denen vor allem religiöser Kitsch gesammelt ist. Zwei Kilometer weiter das berühmte Hajóser Weinkellerdorf mit 1200 Weinkellern. In dieser Größe einmalig auf der Welt. Ein Geister-Dorf. Alle Fenster sind verriegelt. Weil niemand dort wohnt, außer dem Wein, der direkt hinter den Häusern wächst. Einer hat auf. Zeigt mir den kühlen Keller. Weinflaschen von 1993 ruhen da.
Auf der Straße geht’s weiter bis Baja. Weintrauben habe ich am Straßenrand gekauft. Ein Kilo für einen Euro. Die alte Dame besteht darauf, mir eine Quittung zu schreiben. Die Anarchie der Revolutionszeit hat sich gewandelt in Bürokratistmus. Pause am Dreifaltigkeitsplatz von Baja. Es ist erst 12.30 h. Ich bin geschafft. Von der Hitze, die den Regen verdrängt hat.
Die Ausfahrt aus Baja auf der Straße à la bikeline ist ein bisschen tricky, aber bald bin ich wieder auf einer ruhigen Straße, die auf den Deich führt. Donauradler sehe ich unter Bäumen an einem Strandstück. Weil es so gut läuft und die Fähre grad weg ist, fahre ich munter weiter. Jetzt wieder auf einem recht angenehmen Schotterweg.
Die Fähre bei Mohasc treffe ich besser. Im Grenz-Ort Udvar wandle ich die letzten Forint in eiskalten kaukasischen Kefir. Der so schmeckt, wie Buttermilch irgendwann früher mal geschmeckt hat. Eiskalter Grapefruitsaft. Es ist tierisch heiß. Am elften September.
Ruta Dunav: Beschilderung des Donau-Radwegs in Kroatien Ist der Donau-Radweg südlich von Budapest unbeschildert, so ändert sich das mit der kroatischen Grenze. Die „Ruta Dunav“ begrüßt mich ein paar Meter hinter der Grenze (Foto links). Die Routen-Planer wollen mich wieder zurück zum Fluss führen und dann an ihm entlang nach Osijek. 60 statt 40 Kilometer. Nicht mit mir - bei dieser Hitze. Ich nehme die kaum befahrene Straße durch Slawonien. Über Bela Manastir. Von dem „schönen Kloster“ krieg ich nix zu sehen.
In Osijek (deutsch: Esseg oder Essegg; ungarisch: Eszék) stoße ich direkt auf die alte Burgstadt, der Mittelpunkt geschmückt mit Mango-Werbung (Foto unten). Im neuen Zentrum hat die Touri-Info bis 20 Uhr auf. Sensationell. Wann finde ich abends für die Zimmersuche mal eine geöffnete Touri-Info? Oder wenigstens eine, die Unterkunfts-Infos ausgehängt hat? Never ever. Die junge Frau ignoriert etwas meine Frage nach einer günstigen Unterkunft. Wie sich später zeigt, gibt es die in Osijek auch nicht. Geröstete Maiskolben und Sonnenblumen-Kerne verkaufen sie in der Fußgängerzone. Überall neue, schicke Shops. Nett hier.


Mango-Werbung im Kern der Burgstadt von Osijek, Kroatien
Fahrrad vor Mango-Werbung im Kern der Burgstadt von Osijek


Das Kriegs-Mahnmal von Vukovar und die slawische Krankheit
Freitag, 12. September 2008: Osijek - Vukovar - Grenze Kroatien/Serbien - Novi Sad - Stara Pazova (175 km)

Ein mitteljunges Schweizer Radler-Paar beim Frühstück am Nebentisch. Vier Wochen nehmen sie sich für die Strecke von Wien bis zum Schwarzen Meer Zeit. Folgen dem gleichen Führer wie ich. Allerdings mit Kochgeschirr und Zelt. „Morgen müssen wir mal wieder zelten“, ereifert sich der Mann. Kein Kommentar von seiner Frau.
Die Kreditkarten-Aufkleber in dem schön angelegten "Pansion i Restoran Makalu" sind Makulatur. „Wir hatten in den letzten Tagen Schwierigkeiten mit der Telefonleitung,“ meint der Kellner. Hätte ich das nicht schon so oft gehört... Dafür bekomme ich einen Cash-Discount.
Kriegs-Mahnmal: der Wasserturm von Vukovar, Slawonien, KroatienRückenwind aus Westen pustet mich aus dem netten Osijek. Und bald hinein nach Vukovar (ungarisch: Vukovár bzw. mittelalterlich Valkóvár, deutsch: Wukowar bzw. mittelalterlich Wulkoburg). Mehr noch als Osijek ein Kriegs-Schauplatz im Slawonien der neunziger Jahren. Einschusslöcher an fast jedem Haus sind schon lange vor dem Ortseingang zu sehen. Immer wieder auch im Asphalt. Der zerschossene Wasserturm (Foto links) überragt als Kriegs-Mahnmal den Ort.
Hinter Vukovar wird’s bergiger. Anfangs reicht der Schwung von jeder Abfahrt für die nächste Auffahrt. Zur Grenze hin wird's beschwerlicher. Ich entscheide mich, auf der Südseite der Donau zu bleiben. Hier bleibt's bergiger und schöner. Doch die anstrengendsten Steigungen lagen vor dem Grenzübergang. Ein Kilometer liegt zwischen dem kroatischen und serbischen Grenzposten. Auch eine Art Entspannung.
In dem kleinen Nest Neštin (Нештин) direkt hinter der Grenze bin ich froh über die serbischen Geldreste von Elisabeth und stürme einen Lebensmittelladen. Hier ist – wie im letzten Jahr in Russland und Belarus – der Kühlschrank nur mit Bier gefüllt. Eine slawische Krankheit.
In Beočin (Беочин) weiß Bikeline nicht, dass man einen großen Bogen um ein Betonwerk fahren muss. Und schon bin ich in Novi Sad (Нови Сад), der Hauptstadt der Vojvodina (Војводина; ungarisch: Vajdaság), genauer der Festung Petrovaradin (Петроварадин; deutsch: Peterwardein), die mächtig der modernen Stadt auf der andern Donau-Seite gegenüber liegt. Auch hier haben Nato-Truppen im Kosovo-Krieg die Brücken gesprengt, obwohl der Kosovo hier weit, weit weg ist.
Der Anstieg des Tages beginnt hinter Sremski Karlovci (Сремски Карловци; deutsch: Sirmisch-Karlowitz). Ich sehe zwar das erste serbische Donau-Radweg-Schild abzweigen, aber die Straße ist zu verlockend, zu kurz. Auch wenn die Betonplatten unterschiedlich schlecht mit Asphalt bedeckt sind. Dafür geht’s dann wieder abwärts.
Nach Indija, einer Universitätsstadt, die von der Financial Time als „City of the Future“ bezeichnet wird. Als Austragungsort der Universiade 2009 wirbt die Stadt für sich. Einen Tag später wird mir klar, dass Belgrad der eigentliche Austragungsort ist. Kein Wunder, dass ich nur ein Hotel finde. Und für das kann ich mich nicht so richtig entscheiden. Fahre weiter in die Dunkelheit. Könnte bis Belgrad kommen. Bin aber nicht so richtig drauf vorbereitet. So endet der Tag in Stara Pazova (Стара Пазова), weil dort ein sehr schönes, nettes, neues Motel am Straßenrand wartet. Die Villa Sun oder Sunce.


Festung Petrovaradin (Петроварадин; deutsch: Peterwardein) bei Novi Sad (Нови Сад) an der Donau
Festung Petrovaradin bei Novi Sad an der Donau


Touri-Infos in Belgrad: Ist der Donau-Radweg beschildert? "May be."
Samstag, 13. September 2008: Stara Pazova - Belgrad - Smederevo - Osipaonica - Veliko Gradište (148 km)

Das Wetter ist in kurzer Zeit umgeschlagen. Gestern noch drückend heiß, heute regnerisch und kühl. Dennoch beginnt der Tag mit einem einfachen, aber ganz liebevoll bereiteten Frühstück in der Villa Sunce. Der Schaum des Cappuccino ist ein Kunstwerk, das Brot ultrafrisch und -lecker. Der Kellner höchst aufmerksam. Soweit bereits der Höhepunkt des Tages.
Tiefpunkt: Belgrad im Regen. Welche Stadt ist bei Regen schön? Ich kämpfe mich zu einer tristen Mini-Touri-Info durch. Erst die für Belgrad, von dort zu der für ganz bzw. Rest-Serbien. In diesen finsteren, dunkelgrauen, versteckten Ladenlokalen sitzen sympathische Leute. Doch das Ambiente ist zusammen mit dem heftigen Regen nur deprimierend. Die Hilfe gering. Ist der Donau-Radweg beschildert? "May be."
Immerhin eine nette Belgrad-Broschüre. Aber warum lautet der 25. von 26. Sprachtipps: "I've lost my passport." Was vermutlich in den meisten Fällen euphemistisch zu interpretieren ist. Der Tiefpunkt des Tiefpunkts bei der Frage nach dem Wetter der nächsten Tage. "Very bad weather." Erst Montag in einer Woche soll es eine Chance auf besseres Wetter geben. So'n Quatsch. So weit voraus kann niemand das Wetter vorhersagen. Aber Regen in den nächsten Tagen: for sure.
Zug, Auto, Rad, Fußgänger: Vielzweckbrücke über die Velika Morava (Велика Морава; deutsch: Große Morava) bei PožarevacVon der Eisenbahnbrücke kurz vor Požarevac (Пожаревац; deutsch: Passarowitz), die für jedermann('s Auto) geöffnet ist (Foto links), werde ich zu einem Bier herangewunken. Belohnung für einen respektablen Umweg hinter Smederevo (Смедерево; deutsch: Semendria) zur Umgehung der Schnellstraße. Die gesammelten Höhenmeter lässt mein Fahrrad-Computer wenige Sekunden vor dem Ziel gemeinsam mit allen andern Daten ins digitale Nirwana verschwinden. Not my day.
Es gibt eine Belohnung. Einen kleinen serbischen Ferienort an der Donau. Beli Bagrem, ein paar Kilometer außerhalb von Veliko Gradište. Hier gibt es eine Menge Fremdenzimmer und Hotels. Aus einem der letzteren möchte ich abends noch einen Spaziergang unternehmen, aber der immer wieder einsetzende Regen hält mich davon. So beschäftige ich mich mit dem Trocknen meiner Schuhe...


Serbisches Donau-Ufer kurz vor der Festung Golubac
Serbisches Donau-Ufer kurz vor der Festung Golubac


Donau-Durchbruch: Naturdrama im Regen
Sonntag, 14. September 2008: Veliko Gradište - Donau-Durchbruch Eisernes Tor - Kladovo (147 km)

Der Tag mit der schönsten Strecke und dem schlechtesten Wetter. Der Donau-Durchbruch. Es sind nur noch 20 Kilometer an den serbisch-orthodoxen Gesängen der Dorfkirche von Veliko Gradište (Велико Градиште; rumänisch: Gradiştea Mare) vorbei zur Öffnung des Eisernen Tors. Hinter Golubac (Голубац; rumänisch: Golumbei, türkisch: Güvercinlik) verengen sich die Bergketten zu beiden Seiten und werden zur Schleuse für die Wassermassen der Donau.
Durchfahrten unter der Festung Golubac (Голубачки град; ungarisch: Galambóc vára)Seit den sechziger Jahren wird das Wasser am andern Ende des Donau-Durchbruchs gestaut. Die Enge wird auf dieser Seite bewacht von der Festung Golubac (Голубачки град) mit ihren neun mächtigen Türmen. Durch zwei Tunnel fahre ich unter ihr hindurch. Die Mauern fast drei Meter breit.
Zu den Bastionen gesellt sich - wie häufig an Talöffnungen - ein Gegenwind, der mir entgegenpeitscht. Wind und Wände scheinen das Eindringen in die Donau-Enge verhindern zu wollen. Erst nach ein paar Kilometern und gelegentlich im Windschatten von Felsen oder Sträuchern ist das Strampeln gegen den Wind nicht mehr ganz so kräftezehrend. Auf der andern Seite ist die rumänische Uferstraße zu sehen. Steigungen gibt es zunächst auf beiden Seiten nur wenige.
Der Wind schleudert jetzt auch noch Regen gegen die Eindringlinge aus Westen. Es ist ein bisschen wie das Rheintal zwischen Bingen und Koblenz. Nur ohne Züge, ohne Radler und fast ohne Autos. Bei dem Wetter bleiben die Wochenendausflügler zu Haus. Im Windschatten eines Hauses pausiere ich unter einem Vorsprung.
Die nächste Pause verlege ich bei den sehenswerten Steinzeit-Ausgrabungen von Lepinski Vir ins Museum. Ich bin der einzige Besucher. Der Kassierer und Aufseher in einer Person hat Verständnis. Mitleid. Ich habe vor Entkräftung partout keinen Hunger. Was mir eine gute Stunde später natürlich einen Hungerast beschert.
Im weiter strömenden Regen rette ich mich in eine Bushaltestelle und esse, was geht. Nach hundert Kilometern Donau-Durchbruch das Finale. Die Felsen nähern sich ihrer engsten Stelle. Die Berge werden zu steilsten Hängen. Das dunkel-düstere Wetter dramatisiert die Natur-Impressionen (Foto unten).
Unvermittelt führt auch der serbische Uferweg bergan. Auf rumänischer Seite erkennt man eine Kirche am Ufer und im Mount Rushmore Stil ein riesiges Gesicht in Stein gehauen: "Monumentul Decebalus Rex". Der (Daker-)König, der so stark war wie zehn Männer. Der letzte König von Dakien, der sich 106 n.Chr. selbst tötete am Ende seines vergeblichen Rachefeldzugs gegen die Römer unter Trajan. Dacia bleibt römische Provinz.
Dann tritt die Natur zurück. Schon rollen Lastwagen-Kolonnen auf der rumänischen Seite. Die Schiffe, die nicht durch die Schleuse wollen, löschen ihre Ladung. Die Staumauer (erbaut 1962-1974) geht fast nahtlos in die Industriegebiete auf der andern Seite über. Fotografier-Verbot. Die Staumauer nicht besonders hoch. Die Länge, über die der Fluss in dem engen Tal gestaut werden kann, ist entscheidend.
Ich rolle noch bis Kladovo (Кладово). Es wird grad dunkel. Der Eingang des vielgeschossigen Hotels Djerdap ist umlagert von Teenie-Massen. Jugendherbergs-Stimmung. Ich kämpfe mich samt Fahrrad zur Rezeption durch. Der Rezeptionist springt auf: "Parlez vous français?" Schon ist er um den Desk herum bei mir. Meint, bei den vielen Jugendlichen fände ich ja gar keine Ruhe. Er habe zu Hause auch Fremdenzimmer.
Seine Frau würde schon auf mich warten. Das sei auch viel billiger als das Hotel. 20 Euro. Und schon schiebt er mich samt Radl und seiner Visitenkarte zurück auf die Straße, erklärt mir den inzwischen dunklen Weg. "Wenn der Asphalt aufgehört hat, links." Mit Durchfragen finde ich sein Haus. Die Frau ist schon alarmiert. Nimmt auch partout nur Euro und keine Dinars.
Die zweite Etage des Hauses ist ein kleiner Herbergsbetrieb. Den ich ganz für mich habe. Es ist kalt, meine Klamotten feucht, aber ich bin im Trockenen. Und trocken werden auch über Nacht halbwegs Schuhe und Kleidung.


Dramatisierte Natur-Impressionen: Donau-Durchbruch Eisernes Tor bei Regen
Dramatisierte Natur-Impressionen: Donau-Durchbruch Eisernes Tor bei Regen


Donau-Finale: Grandiose "dirt road" dank famoser Schilder
Montag, 15. September 2008: Kladovo - Negotin - Zaječar - Knjaževac (156 km)

Mein dritter Regentag in Folge. Ich warte eine gute Stunde, bis der Regen etwas nachgelassen hat. Mein Hotel-Herbergs-Vater erzählt zum Abschied noch von seinem deutschen Bruder, den er nie kennengelernt hat. 20. Jahrhundert. Bald bin ich wieder im Regentrott. Ich spare mir den Donaubogen und lerne erst heute, am Ende des serbischen Donau-Radwegs, die famose Beschilderung richtig kennen. Der Donaubogen ist ebenso beschildert wie meine Abkürzung via Nationalstraße 25.
Wenig Schifffahrt auf der DonauBei der nächsten Alternative wähle ich aufgrund der Beschilderung die längere Strecke. Auf Serbisch und Englisch werden Radler vor die Alternative gestellt, ein paar Hügel über die Straße zu nehmen, oder den Weg am Fluss, der allerdings zur Hälfte nicht asphaltiert sei: "dirt road". Wow. Wo gibt's Radwege mit solch perfekten Informationen? (Auch in einem andern Punkt liegt Serbien ganz weit vorn: Geldbuße für Radfahrer mit Kopfhörer rund 32 €; Stand: Jan. 2014)
Die "dirt road" ist grandios. Führt an kleinen Häuschen vorbei, die einen Privatsteg an der Donau haben, mit träge im Regendunst dahinsiechenden Banken. Der hier nicht mehr gestaute Fluss ist gleichwohl breiter als gestern der Donau-Stausee. Industrie-Ruinen begleiten mich wieder in der Ferne auf der rumänischen Seite.
In Negotin (Неготин) flüchte ich vor wieder einsetzendem Starkregen in eine Tankstelle. Der junge Ivica arbeitet hier. Sein Graphik-Studium hat er vor einem Jahr abgeschlossen. Geld verdienen kann er nur an der Tankstelle. Alle Hoffnung setzt er auf Serbiens in Aussicht gestellten EU-Beitritt. "Früher ging es denen in Bulgarien und Rumänien auf der andern Seite der Grenze immer schlechter." Jetzt fahren die mit EU-Kennzeichen rum und die Dynamik der Entwicklung ist viel größer. Die Waffeln und das Pepsi Twist gehen "on the house".
Die Donau-Radwegweiser zeigen weiter zur Grenze. Ich verlasse hier nach 800 km die Donau, das Reich des römischen Flussgottes Danubius. Das Kloster Bukovo aus dem 14. Jahrhundert auf einer Anhöhe am Stadtrand umradle ich nur. Schon beginnt die Kraftfahrstraße. Ich bleibe auf der Nationalstraße 25. Sie führt mich bis in den Kosovo. Quer über alle dazwischen liegenden Höhen.
Zaječar (Зајечар; rumänisch: Zăii-cer, Zăiceri oder Zăicear: "Götter sind (für die Opfer) gefragt") streife ich nur. Die Straße berührt nur einen Zipfel. Und ich muss heute weiter kommen, damit ich morgen Abend in Prishtina sein kann. Denn der Mann ohne Uhr, den ich gefragt habe, wie spät es sei, und der nach kurzer Bedenkzeit sagt "five", hat hundertprozentig recht.
Die restlichen 40 Kilometer fliege ich mit Rückenwind abwärts fahrend dahin. Besonders auf gelegentlich auftauchenden EU-gesponserten Neubaustrecken-Kilometern. Auf den andern Kilometern sind die auszubessernden Straßenstücke rückwärts nummeriert. Da es pro Kilometer meist etwa hundert sind, kann man von der Nummer der Straßenstücke die Entfernung abschätzen. Dann begegne ich dem Reparatur-Trupp. Ab jetzt sind die vollendeten Straßenreparaturen nummeriert...
Der Regen zeigt noch mal so richtig, was er kann. Die letzten 15 Kilometer. An einer Tankstelle erfahre ich, dass ein Hotel zwei Kilometer jenseits von Knjaževac (Књажевац) liegt. Ein Typ mit Helm und Mountainbike kämpft sich durch den Regen. Wendet kurz nachdem er mich gesehen hat und leitet mich durch die Stadt. Den Berg rauf zum Hotel erspart er sich. Der dritte Regentag, an dem ich triefend an der Rezeption stehe. Später nagen noch Mäuse an meinem Hotelzimmer. Ich werde anstandslos im Nachbarzimmer einquartiert.


Perfekt zweisprachig mit Humor: famose Beschilderung des Donau-Radwegs in Serbien
Perfekt zweisprachig mit Humor: famose Beschilderung des Donau-Radwegs in Serbien


Auffahrt aufs Amselfeld: Trauma und Allianz Arena im Kosova
Dienstag, 16. September 2008: Knjaževac - Tresibaba (787 m) - Niš - Grenze Serbien/Kosovo - Prishtina (177 km)

Es regnet nicht. Zumindest vorerst. Bergfahrt auf den Tresibaba, 787 m. Das zieht sich. Ich bin so früh los, wie noch nie bei dieser Tour. Will ich wirklich nach Prishtina kommen über all die Berge, werd ich die Zeit brauchen.
Nach dem ersten kommt noch ein kleinerer Pass, bevor Niš (Ниш) erreicht ist. Am Ende meiner Pause auf dem Hauptplatz fängt es dann doch wieder ein wenig an zu regnen. Der Mensch in der Touri-Info meint, der Weg nach Prishtina sei kein Problem. Für Ausländer. Unpassierbar dagegen für ihn als Serben.
Der Weg aus der Stadt wird durch mehrere Baustellen zu einer kleinen Zickzack-Tour. Danach beginnt ein stetiges Auf und Ab. Schließlich beginnt das lange aber recht flach ansteigende Tal zur Passhöhe. Wunderschön grün. Nahezu null Verkehr. Immerhin eine Busverbindung gibt’s zum Grenzort Merdare (Мердаре), der keiner sein soll. Serbien erkennt den Kosovo als Staat nicht an. Immerhin gibt es eine Polizeistation, wo mein Pass kontrolliert und erfasst wird, aber kein Ausreise-Stempel ausgegeben wird.
Ein paar Meter dahinter das Willkommenschild der "Republika e Kosoves" in Albanisch, Englisch, aber auch Serbisch. Über dem Posten thront auf einer Brücke ein Kfor-Fahrzeug mit tschechischer Fahne (wie sieht eigentlich die Fahne der Slowakei aus?). Die Abfertigung haben die Kosovaren übernommen. Eilfertig füllen sie ein Grenzdokument aus, das sie “Visa” nennen. Ich bekomm es nie zu sehen. Entweder, weil sie es einbehalten haben, oder weil es im Hotel verlustig ging. Jedenfalls bekomme ich einen Kosovo- eigentlich albanisch richtig Kosova-Eingangsstempel (albanisch: Kosova oder Kosovë, Serbisch: Kosovo bzw. Косово). Der mir noch eine böse Überraschung bereiten wird.
Kosovo-Fahne vor Häuserblock in Prishtina Nun geht's von der Passhöhe nicht bergab, sondern plötzlich hat sich die Landschaft völlig verändert. Kein Wald mehr, stattdessen weite Sicht auf die eine Hochebene: Kosovo Polje - das Amselfeld. Für die Serben eine kollektive Erinnerung an die traumatische Niederlage gegen die Osmanen im Jahr 1389.
Mit dem ruhigen Verkehr ist es aus und vorbei. Ein Auto jagt das nächste und gelegentlich nur Millimeter an mir und meinem Fahrrad entlang. So was hab ich schon Jahre nicht mehr erlebt. Überall Neubauten. Fast immer mehrgeschossig. In der Regel nicht verputzt. Kosovo liegt immer noch mit seiner Geburtenrate weit an der Spitze Europas. Und wenn immer man meint, in eine Gruppe jüngerer Menschen geraten zu sein, befindet man sich mitten in der kosovarischen Durchschnittsbevölkerung. Europas jüngstes Volk im jüngsten Staat.
Ein Kunststoff-Fußballplatz, ringsum und von oben mit Netzen versehen, trägt die Aufschrift "Allianz Arena 2005" neben dem Logo von Bayern München. 35 Kilometer begleitet mich die Autokolonne bis in die neue Hauptstadt, Europas jüngste Hauptstadt. Erst Mitte Februar hat der Kosovo seine Unabhängigkeit erklärt. Und damit wohl auch die Russen veranlasst, Süd-Ossetien und Abchasien anzuerkennen.
Prishtina (albanisch: Prishtinë; serbisch: Priština, Приштина) liegt auf 650 Meter und ist bitter kalt. Ein Abendspaziergang führt trotzdem noch zum netten Café Fellini und einer Bäckerei. Alles zu bezahlen in Euro, der Kosovo-Währung. Alles ist sehr preiswert. In meiner Snickers-Währung: 35 Cent. Weintrauben kosten ein Euro das Kilo. Das kostenlose Internet im Hotel funktioniert nicht, so finde ich mit einem weiteren eiskalten Spaziergang nach einer Woche das erste Internet-Café. Das ist fast der größte Urlaub, den man heutzutage machen kann.


Ibrahim Rugova (1944-2006) an der Häuserwand: 'Symbol der Unabhängigkeit des Kosovo'
Ibrahim Rugova (1944-2006) an der Häuserwand:
"Symbol der Unabhängigkeit des Kosovo"


Der Muqibaba (880 m) als Point of (no) Return: Nie wieder Serbien?
Mittwoch, 17. September 2008: Prishtina - Gračanica - Muqibaba (880 m) - Kaçanik - Grenze Kosovo/Mazedonien - Skopje (158 km)

Etwas lustlos radle ich los. Dreh noch ein paar Runden, um die Bäckerei zu finden, von der ich gestern Abend so begeistert war. Heut Morgen um 9 Uhr steht dieselbe Bedienung wie gestern Abend um 9 Uhr hinter der Theke. Sie redet wieder unentwegt in Albanisch auf mich ein. Einer aus der Warteschlange übersetzt: "1,60." Für eine ganze Menge Süßes und weniger Süßes. Das Deutsch hat er in Frankfurt gelernt. Seine Erinnerung: "Entweder auf dem Bau oder klauen, eine andere Chance hatten wir nicht. Ins Büro ist niemand gekommen, da waren schon so viele."
Vierspurig geht es aus der Stadt über den großen Berg. Dahinter liegen die ersten, bescheidenen Einkaufsmärkte.
Kloster-Kirche Gračanica (Манастир Грачаница) aus dem 14. Jahrhundert, KosovoSchon geht’s links ab nach Gračanica. Das Manastir Gračanica (Манастир Грачаница) ist eines von zwei bedeutenden serbischen Klöstern im Kosovo. Visoki Dečani (Манастир Високи Дечани; albanisch: Deçan), das andere, hab ich vor acht Jahren, kurz nach dem Kosovo-Krieg, zu Ostern besucht. Mit Hilfe eines italienischen Panzerwagens. Seitdem war es mehrfach Ziel von Angriffen einzelner Albaner.
Während Dečani einsam in einem grünen Tal liegt, ist das Kloster Gračanica Mittelpunkt des gleichnamigen Ortes (Грачаница; albanisch: Graçanicë). Eine serbische Enklave zehn Kilometer vor den Toren Prishtinas. Schwedische KFOR-Soldaten wachen an beiden Ortseingängen und vor dem Kloster-Komplex, dessen Mauern mit Nato-Stacheldraht gekrönt werden.
Was soll ich mit dem Fahrrad machen? “Take it into the monastery!” Ich schlüpfe samt Bike durch die offene Klosterpforte und befinde mich auf dem weiten Klosterhof rund um die Kirche, der völlig leer ist. Fast völlig leer. Eine Bettlerin bittet um Geld, sie gehöre zur Kirche. Sicher nicht.
Die Kirche aus dem 14. Jahrhundert ist berühmt für ihre äußere, steil nach oben führende Form und ihre Ikonenmalereien. Wikipedia: "Die Kreuzkuppelkirche mit 5 Kuppeln ist das herausragendste sakrale Bauwerk der Palaiologischen Renaissance und eines der bekanntesten Bauwerke der byzantinischen Kunst überhaupt. Das Bauwerk im Stil der Mazedonischen Schule, übertrifft seine angenommenen Vorbilder (insbesondere die Kirche der Heiligen Apostel in Thessaloniki) in der Feinheit seiner Ausführung, der formalen Integration seiner Bauteile und der resultierenden verstärkten Akzentuierung der Vertikalen. Die im höfischen Stil ausgeführten Fresken im Inneren sind die bedeutendsten der ersten Hälfte des 14 Jh. in Serbien."
Kamera und Waffen sollen nicht mit in die Kirche oder zumindest dort nicht benutzt werden. Die Kirche ist fantastisch, das Drumherum bedrückend. Im Ort wehen serbische Fahnen, auf den Ikonen liegen allenthalben serbische Geldscheine und –stücke. Eine Welt, die die Welt drumherum nicht wahrhaben will, nicht akzeptieren will. Dann taucht noch eine Nonne auf, die nicht nur die Bettlerin verscheucht, sondern auch mein Fahrrad nicht im Klosterhof haben will.

Minen-Warnung am Straßenrand, KosovoDraußen, im frei geräumten Sicherheitsbereich der Schweden, stört es auch. Ich ziehe vorzeitig von dannen. Die Nonne ist zufrieden. Fahre durch die nächste schwedische Sperre aus der Stadt. Von dort ist schon die Staumauer zu sehen. Kaum habe ich ihre Höhe erreicht, ist Prishtina und das Amselfeld weit weg. Ein ruhiger See liegt in mitten von Wäldern. Die Straße ein Traum. Auch wenn der ein oder andere Albaner mit seinem Auto wieder recht nahe kommt.
Viel weniger Verkehr als auf dem Highway nach Skopje. Darauf hatte ich gehofft. Und will durch die Berge noch mal kurz nach Serbien und von dort nach Mazedonien. Komme so nicht nach Skopje, sehe aber immer noch ein schönes Stückchen Mazedonien, hoffe ich. Am Ende des Sees geht’s eine Weile bergauf. Dann 20 Kilometer bergab. Nach Gljan, wo “Danke Deutschland” in Schwarz rot gelb an die Betonwand gemalt wurde.
Im Ort fahre ich ein Stück zu weit in die falsche Richtung (bergauf), bin aber bald auf dem Weg zur nächsten Passhöhe: dem Muqibaba, der Grenze. Kaum Verkehr. Zwei amerikanische Kfor-Wagen begegnen mir wiederholt, grüßen, ein deutscher Kfor-Panzerwagen passiert, obwohl die Deutschen eigentlich rund um Prizren eingesetzt sind, Der Soldat hupt, nachdem ich im letzten Moment auf die deutsche Fahne reagiert habe.
Auch hier teils serbische Dörfer. Immer daran zu erkennen, dass sie keine Neubauten haben. Nach 103 Kilometern Kosova fragt mich der Grenzbeamte, wieso ich hier meinen Urlaub verbringe. Ich erzähle, dass ich nun 48 von 50 europäischen Ländern beradelt hätte und neben Island nur noch Mazedonien fehle, aber nicht mehr lange. Aber länger als ich denke.
Während die Kfor-/Kosovo-Grenzabfertigung auf der Höhe des Muqibaba-Passes (880 m) liegt, rolle ich nach ein paar hundert Metern in einer Serpentine in die serbische Kontrolle. Wieder eine Polizei-Kontrolle. Von Anfang an macht man mir wenig Hoffnung, dass ich hier durchkommen werde. Wieder ist sofort jemand von den Passanten an meiner Seite, der problemlos alles übersetzen kann.
Zunächst behaupten die Grenzer, ich sei niemals legal nach Serbien eingereist, sondern über Montenegro in den Kosovo. Als ich meinen kyrillischen Einreisestempel von Нештин (Neštin) mit Hilfe meines Bikeline-Donau-Radweg-Führers als eindeutig von serbischem Territorium stammend nachweisen kann, wird das eigentliche Problem deutlich: der Kosovo-Einreise-Stempel von gestern. Da hilft nichts. Der muss weg. Nur, wie will man einen Stempel annullieren?
Ich biete an, ihn durchzustreichen, doch das reicht ihnen nicht. Es geht ums Prinzip. Um die große Politik, auf deren Kosten ich einen Umweg von mindestens hundert Kilometern in Kauf nehmen soll und die viel befahrene Hauptstraße nach Skopje. Es gibt keinen Weg zurück nach Serbien für mich. Dass das in der Konsequenz für mich heißen müsste “Nie wieder Serbien” interessiert die Polizisten wenig. Als ich mir den Namen des Hauptwortführers mit seiner Alkohol-Fahne aufschreiben möchte, ist er nicht bereit, ihn mir zu nennen. Plötzlich meint er, er sei nur Zöllner und verschwindet umgehend in einem der drei Container. Was macht ein Zöllner an einer Grenz-Station, die nur Polizei-Station sein will?
Als auch die andern nicht ihren Namen nennen wollen, wird schließlich der “Kommandant” aus dem Container geholt. Dem ist das Ganze egal, seinen Ausweis will er nicht zeigen, es genüge seine Nummer auf der Plakette und sein Name sei im übrigen Ivan Draganovic. Klingt ein bisschen nach Helmut Schmidt auf Serbisch. Mein Pass wird kopiert. Es gibt keinen Weg für mich zurück nach Serbien, nur ein Zurück in den Kosovo.

Albanischer Hirte mit weißem Filz-Hut, Kosovo Strampel ich die paar hundert Meter wieder hoch zur Passhöhe. Als erstes laufen mir zwei deutsche Unmik-Polizisten über den Weg. Der eine hat sein Jahr in zwei Wochen um, der andere muss noch ein halbes Jahr ausharren hier oben, wo es schon jetzt reichlich kalt ist. Der erste meint, der Kosovo-Stempel hätte nie in meinem Pass auftauchen dürfen. Man bekomme normalerweise nur ein kleines Blatt mit den Einreise-Daten. So hätte ich halt Pech.
In kurzer Zeit bin ich umringt von allen möglichen Uniformierten. Ein nicht-Uniformierter übersetzt ins Englische. Auch ein indischer Unmik-Mitarbeiter taucht auf. Mein Pass wird mit seinen Stempeln kopiert, der Fall aktenkundig. Bergab geht's schnell und ich starte durch zur Hauptmagistrale. Jetzt wieder reger albanischer Verkehr, durchmischt mit Unmik-, OSZE- und Kfor-Wagen. Alles gebaut von der European Agency for Reconstruction, wie man an jedem halbwegs neuen Straßenabschnitt lesen kann. Am Straßenrand gelegentliche Minen-Warnungen (Foto rechts) und ein albanischer Hirte mit dem typischen weißen Ei-förmigen Filz-Hut (Foto links). Er erinnert mich an die archaische Stimmung samstags auf dem Bonner Münsterplatz, als Ende der achtziger Jahre Tausende albanische Männer ganz in schwarz mit den rot-schwarzen Kosovo-Fahnen und eben den weißen Ei-Hüten versuchten, die Öffentlichkeit auf das Schicksal der Albaner im Kosovo aufmerksam zu machen.
Die Magistrale nach Skopje ist dann überraschend leer, und meine Abfahrt vom Amselfeld beginnt. Rund 40 Kilometer mehr oder weniger durchgehend bergab. Bei Kaçanik (albanisch auch: Kaçaniku; serbisch: Kačanik, Качаник) stürzt sich die Straße parallel zur Eisenbahn in einen schmalen Spalt inmitten grüner Wälder. So überraschend wie das Amselfeld auftauchte, liegt es wieder hinter mir. Auf halber Strecke die Grenze. Hier will der Kosovo-Grenzer einen Besitzbeweis meines Fahrrads sehen. Das könne ja geklaut sein. Nicht in Deutschland, aber hier. Wenn der wüsste, wie viel Fahrräder in Mainz geklaut werden.

Fahrrad-Fahren und Pferde-Fuhrwerke sind verboten auf der Straße von Prishtina nach Skopje, MazedonienIrgendwie ist es dann doch nicht so wichtig, und ich kann weiter zu den Mazedoniern. Da hängt ein Zettel aus, dass seit dem 1.9.2008, also seit knapp drei Wochen, eine Krankenversicherungs-Bescheingung verlangt werde. Wird dann aber doch nicht verlangt. Und ich rolle weiter nach Skopje. Obwohl nach ein paar Kilometern die Straße für Fahrräder gesperrt ist. Soll sich das Fahrrad in Luft auflösen?
Der Verkehr ist nach wie vor mäßig, am Stadtrand von Skopje (mazedonisch: Скопје, albanisch: Shkupi, griechisch: Σκόπια, türkisch: Üsküp, serbisch: Skoplje/Скопље, lateinisch: Scupi) kreuzen wir eine neue Autobahn, die aber erst Richtung Tetovo frei gegeben ist. Hotels und Motels reihen sich aneinander. Wieder erreiche ich die Straßenbeleuchtung des Zielortes, bevor das letzte Tageslicht erlischt.
Dann spüre ich rechts die Stadt liegen, finde aber keinen Weg dorthin. Einer schickt mich durch ein in gelbem trostlosen Licht liegenden Industrieviertel mit Tatort-Flair, durch das es an einer Festung entlang tatsächlich zur City geht. Den ersten halbwegs akademisch aussehenden Fußgänger frag ich nach einem Hotel. Das ist nur ein paar hundert Meter weit und nicht so doll. Aber eine Nacht wird's wohl reichen.


Einst größte türkische Badeanlage auf dem Balkan, heute Kunstgalerie: der Daut-Pasha-Hamam in Skopje, Mazedonien
Einst größte türkische Badeanlage auf dem Balkan heute Kunstgalerie:
Der Daut-Pascha-Hamam in Skopje, Mazedonien


Werke seit 1963: die mazedonische Nationalgalerie im Chifte-Hamam (= Doppel-Hamam) von SkopjeAltstadt-Wunder Skopje und die nächtliche Fahrt über den Grenzpass nach Bulgarien
Donnerstag, 18. September 2008: Skopje - Kumanovo - Kriva Palanka - Velbăždki Prohod (1162 m) Grenze Mazedonien/Bulgarien - Kjustendil (137 km)

Erster Tag mit langer Hose. Es ist Tag für Tag kälter geworden. Und heute geht es in die Berge, auf den vermeintlich höchsten Punkt der Tour: 1162 m. Das Frühstück genieße ich im Café am Hauptplatz von Skopje, dem Mazedonia-Platz, einst Tito-Platz. Mit meinem Fahrrad-Outfit kann ich hier gut draußen sitzen.
Dann erweist sich die Altstadt von Skopje auf der andern Seite der Vardar (mazedonisch: Вардар; griechisch: Αξιός oder Βαρδάρης; lateinisch: Axius), über die eine osmanische Brücke führt, als ein unerwartetes Highlight der Tour. Überraschend viele Juweliere, aber kaum Touri-geprägt. Grad mal eine Gruppe Japaner taucht auf. Einst sakrale Gebäude dienen heute als Museum. Die Erlöserkirche hat eine großartige Ikonostase aus dem 18. Jahrhundert. Einerseits mit interessanten Ikonen, vor allem aber sind in die Holzrahmen ganz feine Szenen eingearbeitet. Ganz anders die Nationalgalerie. Sie ist in einem ehemaligen Hamam zu finden. Nur Werke der letzten 45 Jahre. Die Künstler sagen mir nix, aber die Bilder (Foto links).
Es ist schon elf, als ich endlich in die Pedalen trete. Die Straße mündet in die Autobahn, zunächst noch mit parallelem Radweg, dann sechsspurige Autobahn pur. Niemand hupt. Bei der Abfahrt zum Flughafen verlasse ich den Highway. Einmal, weil ein paar Meter weiter ein Polizeifahrzeug steht, aber auch, weil der direkte Weg nach Kumanovo machbar scheint. Auf der Karte ist er kürzer als die Autobahn, die bis zum Autoput, der großen gefürchteten Balkan-Magistrale, führt und dann noch 20 km auf dem Autoput bis Kumanovo.

Pappel-Allee im Tal von Kriva PalankaZuerst bin ich auf dem noch nicht freigegebenen Autobahnstück, der neuen Umgehung von Skopje. Dann aber geht’s doch immer weiter bergauf. Die scheinbare Abkürzung erweist sich als Weg über höchste Hügel. An den Müllkippen winken mir die Müllsammler freundlich zu.
Als ich in einem Weinfeld die Reife testen will, hält ein älterer Radler. Vor Jahrzehnten hat er in Deutschland gearbeitet und jetzt, da er 65 wird, hofft er auf ein bisschen Rente aus Deutschland. Wie viele gehen aus Unkenntnis, Passivität, leer aus?
Irgendwann kreuze ich den hier reichlich harmlos wirkenden Autoput und bin in Kumanovo (Куманово). Die alte Moschee, die grad kräftig ausgebaut worden ist, verlassen hunderte Männer nach dem Mittagsgebet. Eigentlich will ich einen Blick reinwerfen, aber ein Typ lungert so verdächtig bei meinem Rad rum.
Als ich um ein paar Ecken Mittagspause mache, kommt ein Mann mit Mädchen auf mich zu. Umarmt mich, als er merkt, dass ich Deutscher bin. Er habe in Düsseldorf gearbeitet. Und jetzt sei seine Tochter krank, und er bzw. sie brauche ein Medikament. Wirkt leider etwas abgekartet. Ich biete seiner Tochter einen Berliner aus Skopje an. Sie nimmt ihn, hat aber offenbar keinen Hunger, während ihr Vater (?) schon fragt, ob er auch einen bekomme. Zwei blöde Begegnungen, schon ist der Eindruck eines Ortes hin.
Ich fahre weiter, jetzt ins Tal nach Bulgarien rüber. Die Straße führt kontinuierlich hinauf, erst bis zu einem ersten Pass nach Stracin (550 m), und danach weiter. An erhalten gebliebenen alten Straßenstücken kann ich sehen, welche zusätzliche Höhenmeter mir erspart bleiben. Auch ist die Strecke vier Kilometer kürzer geworden. Je höher, desto schöner.

Hier sehe ich das, was in Ungarn zu sehen sein sollte: an vielen Häusern werden Paprika getrocknet. Das erste Foto schieße ich bei einer ganz alten Frau mit einem ganz schüchternen Mädchen, das immerhin ganz am Ende ganz zaghaft “Goodbye” sagt. Aber der Feind des guten Fotos ist das bessere. Ich entdecke Paprika im Dachgebälk vor Strohballen (Foto links).
Der zugehörige Bauer hat jahrelang in Deutschland gearbeitet (Foto rechts). Sein Bruder 35 Jahre lang bei Schott in Mainz. Jetzt ist er wohl von der Arbeit dauerkrank und versucht in einem Nachbarort im milden Klimas Mazedoniens zu leben.

Nach den vielen interessanten Besichtigungen und Begegnungen muss ich eine schwierige Entscheidung treffen: Fahre ich noch zum Sonnenuntergang auf den Pass und Grenzübergang auf 1162 m? Und wenn ich rauffahre, muss ich sicherlich in der Dunkelheit runterfahren. Oder bleibe ich in Kriva Palanka (Крива Паланка)? Entweder im Hotel Turist oder im nahe gelegenen Kloster des Heiligen Joakim Osogovski (Манастирскиот комплекс „Свети Јоаким Осоговски“)? Dadurch könnte es aber mit dem Abschluss in den letzten beiden Tagen knapp werden.
Ich stärke mich und fahre. Erst geht’s weiter flach bergan. Mir wird leicht übel. Tief Ausatmen. Tief Einatmen. Eine weitere Pause vor dem Hauptanstieg macht das Weiterfahren möglich. Auch wenn alle drei mir zur Verfügung stehenden Karten 13 Kilometer von Kriva Palanka bis zur Grenze ankündigen und ein neues Schild im Ort 17 Kilometer: es sind genau 15 Kilometer. Die letzten fünf davon mit sechs bis sieben Prozent Steigung.
Es ist auf dieser Hauptverkehrsader zwischen Mazedonien und Bulgarien nicht viel los gewesen, aber man hat mir versichert, die Grenze sei Tag und Nacht geöffnet. Es warten auch rund zehn LKW auf ihre Abfertigung. Ich bin ruckzuck durch, auch durch die bulgarische EU-Außengrenze in den üblichen EU-Dimensionen.
Es ist etwa Null Grad. So lange ich bergauf fuhr, spielte das keine Rolle. Jetzt rüste ich mich für die eiskalte Abfahrt im Dunkel und fahre als Weihnachtsbaum beleuchtet samt Stirnlampe in die Dunkelheit. Eine grandiose Fahrradstrecke: teilweise sechs, acht Kilometer am Stück geradeaus bergab mit sechs Prozent Gefälle. Dass ich dabei eingefroren bin, merke ich erst, als ich im neuen kleinen Hotel Bulgaria von Kjustendil (Kustendil, Kyustendil, Кюстендил) unter der Dusche auftaue.
Eine sehr angenehme Unterkunft und wesentlich günstiger als die Bruchbude von Skopje. Der lange Tag mit seinem großen Finale hat mich reichlich apathisch gemacht. Netterweise hat der freundliche Nachtwächter mir das Programm 26 eingestellt, wo Borussia Dortmund in der ARD gegen Udinense Calcio (leider vergeblich) versucht, Tore zu erzielen. (Das gelingt erst im Rückspiel und letztlich im Elfmeterschießen doch ein Tor zu wenig.)


Fünfbogige osmanische Eselsrücken-Brücke über die Struma in Nevestino (Невестино), 15. Jh., Bulgarien
Fünfbogige osmanische Eselsrücken-Brücke über die Struma in Nevestino, 15. Jahrhundert


Bairakli-Moschee in Samokov (Самоков), 17. Jh., BulgarienMoschee der bulgarischen Wiedergeburt und der Klopapier-Verkäufer von Belovo
Freitag, 19. September 2008: Kjustendil - Klisurski-Prohod (1025 m) - Borovets (1350 m) - Pazardzhik (168 km)

Trotz der vielen netten Cafés frühstücke ich im Hotelzimmer. Das Zeug aus Skopje soll weg. Und ist noch trockener als befürchtet.
Draußen ist es reichlich kalt. Kjustendil liegt auf 550 m. Und es geht heute auf 1025 m – denke ich. Ich will noch einen Link erradeln zu meiner Tour vor acht Jahren, als ich von Budapest auf mehr oder weniger direktem Weg und unter Umgehung Serbiens nach Istanbul und weiter durch die Türkei geradelt bin. Wegen des angekündigten Westwindes switche ich kurzfristig um: von Pleven im Norden von Sofia auf Stara Zagora etwas weiter im Osten.
Das funktioniert. Der Wind jedenfalls ist im Rücken. Und nach der osmanischen Brücke von Nevestino (Невестино; Foto oben) komme ich gut über die erste Steigung nach Dupnica (Дупница, Dupniza, Dupnitsa). Nach dem nicht besonders einladenden Ort steht ein Pass an. Vorher aber noch eine weite Ebene, die immer mehr auf eine Bergenge zuläuft. Dann die Auffahrt. Zieht sich ein paar Kilometer, ohne jemals steil zu werden. In Klisura (Клисура, Klissura) überquere ich den Kisruski-Pass mit seinen 1025 m und glaube nun den Höhepunkt des Tages hinter mir.
Unten in Samokov (Самоков) entdecke ich mehr zufällig eine fantastische Moschee: die Bairakli-Moschee aus dem 17. Jahrhundert. Momentan dient sie als Museum, in dem eine engagierte ältere Frau die Tickets von 0,50 Leva ausstellt. Die bulgarische Währung hat derzeit den gleichen Wechselkurs zum Euro wie einst bei der Währungsumstellung die D-Mark: 1,96. So bin ich also ständig von D-Mark-Preisen umgeben. Das Ticket kostet sozusagen 50 Pfennig, eine Postkarte 80 Pfennig. Die ungewöhnlichen Malereien aus dem 17. Jahrhundert geben der Moschee ihr Flair. Ihre Architektur und Details ahmen die bulgarischen Wiedergeburtstraditionen nach.
Ich schwanke, ob ich die farbig markierte Strecke nach Kostenets nehmen soll, oder die dünn gemalte etwas kürzere. Nehme die Farbe. Es geht langsam bergauf. Und immer stärker bergauf. Der Anstieg will und will nicht enden. Borovets (Borovec, Borovez) heißt das Ziel. Die vielen Immobilien-Werbungen an der Strecke lassen erkennen, dass Borovets ein angesagter Wintersportort in Bulgarien ist. Und entsprechend hoch liegt. 1350 m. Davon ist auf meiner Karte nichts zu erkennen. Und weder vom Ort noch von den Skigebieten bekomme ich richtig was zu sehen, denn alles liegt im Wald, vor allem die Straße. Sehr schön. Aber unerwartet anstrengend.

Klopapier-Verkauf vor dem Papierwerk von Belovo, BulgarienBelohnung: die Abfahrt. Und was für eine. Eine Abfahrt mit Rückenwind, die nie mehr enden will. Rund 30 Kilometer geht es bergab. Einzige Pause: vor dem Papierwerk von Belovo verkauft ein Anwohner vor seinem Haus Klopapier. In zahlreichen Facetten. Als ich das Ganze fotografiere, ist der junge Verkäufer im Haus verschwunden (Foto links). Und traut sich erst wieder hervor, als ich die Kamera eingepackt habe.
Auch diese Strecke ist nicht allzu befahren. Erst auf Pazardzhik hin kommt mehr Verkehr auf. Ich überlege erst, noch 30 km bis Plovdiv in der Dunkelheit zu fahren. Aber der Charme von Pazardzhik (Пазарджик, Pazardjik, Pazarjik, Pasardhsik) siegt schnell. Ein tolles Hotelzimmer tut sein übriges. Mit der Jugend von Pazardzhik belebe ich die Freitag-Nacht in der Fußgängerzone und auf den Hauptstraßen (Fotos unten).



Pazardzhik by (friday) night


Roll-Out am Fuße des Balkan
Samstag, 20. September 2008: Pazardzhik - Plovdiv - Stara Zagora (126 km)

Der Wind weht wie gewünscht. Pustet mich nach Plodiv, von dem ich aber nur eine Tankstelle mit einem Besuch würdige. Sack zumachen. Weiterfahrn. Eventuell muss ich in Plovdiv auf dem Rück-Weg nach Sofia noch Zwischenstation machen.
Hinter Plovdiv lässt der Verkehr deutlich nach. Erst recht nach der Abzweigung zur Türkei. Die parallele Schnellstraße ist allerdings immer noch nicht so weit gebaut, wie sie auf meiner zehn Jahre alten Karte schon als vollendet dargestellt wird. Dafür ist der Abzweig zum Schwarzen Meer nach Burgas bis Stara Zagora zu einer Autobahn ausgebaut. Was mir zusätzlich Verkehr auf der Landstraße erspart.
Ein paar kleine Hügelchen noch, und dann liegt das überraschend große Stara Zagora (Стара Загора; deutsch: Stara Sagora; türkisch: Eski Zağra; thrakisch: Beroe; bulgarisch: Boruj; lateinisch: Vereja: byzantinisch: Irinopolis) vor mir. In der Fußgängerzone flanieren die Massen. Ein Plakat verkündet eine Festivität an diesem Wochenende. Auch wenn es erst 15 Uhr ist, zieht es mich zum Bahnhof bzw. Busbahnhof. Bis zum 15:30 Bus nach Sofia bleibt mir noch Zeit, mich in der geräumigen und gepflegten Bahnhofstoilette zu waschen. Und das Fahrrad passt mit rein. Bis sich das zum Bahnhofsvorsteher rumgesprochen hat, stehe ich schon wieder gestriegelt abfahrbereit.
Der Bus schafft es in drei Stunden in die Hauptstadt, der Zug hätte wesentlich länger gebraucht. Und der Fahrpreis von 15 Leva alias D-Mark für 300 Kilometer ist auch geschenkt.
In Sofia begrüßt mich noch einmal Regen. Die Tour war zuerst ungewöhnlich heiß, dann ungewöhnlich regnerisch, zuletzt ungewöhnlich kalt. Alles in allem aber ungewöhnlich und unerwartet schön in den verschiedenen Balkan-Ländern. Von deren Konflikten ich - abgesehen von einem Hundert-Kilometer-Umweg durch die verweigerte Wiedereinreise aus dem Kosovo nach Serbien - wenig mitbekommen habe. Die jedoch latent zu spüren waren. Und das Radeln beflügelten.


Route Budapest - Kosovo - Stara Zagora



Blaue Linie = Touren-Route; Buchstaben = Start und Ziel der Etappen

Etappen Budapest - Kosovo - Stara Zagora (10.-20.9.2008)

Details mit Geschwindigkeiten etc. als Excel-Tabelle

Tag Datum Start Zwischenstationen Ziel km
1. 10.9.2008 Budapest Ráckeve Kalocsa 136
2. 11.9.2008 Kalocsa Hajós - Mohács-Fähre - Udvar - Grenze Ungarn/Kroatien Osijek 154
3. 12.9.2008 Osijek Vukovar - Grenze Kroatien/Serbien - Novi Sad Stara Pazova 175
4. 13.9.2008 Stara Pazova Belgrad - Smederevo - Osipaonica Veliko Gradište 148
5. 14.9.2008 Veliko Gradište Donau-Durchbruch Eisernes Tor Kladovo 147
6. 15.9.2008 Kladovo Negotin - Zaječar Knjaževac 156
7. 16.9.2008 Knjaževac Tresibaba (787 m) - Niš - Grenze Serbien/Kosovo Prishtina 177
8. 17.9.2008 Prishtina Gračanica - Muqibaba (880 m) - Kaçanik - Grenze Kosovo/Mazedonien Skopje 158
9. 18.9.2008 Skopje Kumanovo - Kriva Palanka - Velbăždki Prohod (1162 m) Grenze Mazedonien/Bulgarien Kjustendil 137
10. 19.9.2008 Kjustendil Klisurski Prohod (1025 m) - Borovets (1350 m) Pazardzhik 168
11. 20.9.2008 Pazardzhik Plovdiv Stara Zagora 126
Summe 1682

In der Altstadt von Skopje, Mazedonien
In der Altstadt von Skopje, Mazedonien


Mittelmeer-Umrundung
Die mediterrane Mega-Tour


Anschluss Tour 23: Budapest - Kaukasus (3154 km) Sept./Okt. 2003

Anschluss Tour 11: Budapest - Belen (2584 km) Okt./Nov. 2000

Anschluss Tour 3: Essen - Zagreb (1680 km) März/April 1983


Nächste Tour: Libanon & Zypern (765 km) Feb. 2009

Vorherige Tour: Ostsee: Danzig - Klaipeda (339 km) Aug. 2008


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Tour 48: Karakorum-Highway (1010 km) 2009
Karakorum 2009
Chris Tour 51: Khartum - Addis Abeba (1760 km) 2010
Äthiopien 2010
on the Tour 58: Alpen - Prag - Berlin (2060 km) 2011
Moldau 2011
Bike Tour 59: Errachidia - Agadir (1005 km) 2012
Marokko 2012
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