|
Der Muqibaba (880 m) als
Point of (no) Return: Nie wieder Serbien?
Mittwoch, 17. September 2008: Prishtina - Gračanica - Muqibaba
(880 m) - Kaçanik - Grenze Kosovo/Mazedonien - Skopje (158 km)
Etwas lustlos radle ich los. Dreh noch ein paar Runden, um die
Bäckerei zu finden, von der ich gestern Abend so begeistert war. Heut
Morgen um 9 Uhr steht dieselbe Bedienung wie gestern Abend um 9 Uhr hinter der Theke. Sie redet
wieder unentwegt in Albanisch auf mich ein. Einer aus der Warteschlange
übersetzt: "1,60." Für eine ganze Menge Süßes und weniger Süßes. Das Deutsch
hat er in Frankfurt gelernt. Seine Erinnerung: "Entweder auf dem Bau oder
klauen, eine andere Chance hatten wir nicht. Ins Büro ist niemand
gekommen, da waren schon so viele." Vierspurig geht es aus der Stadt über
den großen Berg. Dahinter liegen die ersten, bescheidenen
Einkaufsmärkte.
Schon geht’s links ab nach Gračanica. Das Manastir Gračanica (Манастир Грачаница) ist eines
von zwei bedeutenden serbischen Klöstern im Kosovo. Visoki Dečani (Манастир Високи Дечани; albanisch: Deçan), das andere,
hab ich vor acht Jahren, kurz nach dem Kosovo-Krieg, zu Ostern besucht. Mit
Hilfe eines italienischen Panzerwagens. Seitdem war es mehrfach Ziel von Angriffen einzelner Albaner. Während Dečani einsam in einem grünen Tal liegt, ist das
Kloster Gračanica Mittelpunkt des gleichnamigen Ortes (Грачаница; albanisch: Graçanicë). Eine serbische
Enklave zehn Kilometer vor den Toren Prishtinas. Schwedische KFOR-Soldaten
wachen an beiden Ortseingängen und vor dem Kloster-Komplex, dessen Mauern
mit Nato-Stacheldraht gekrönt werden. Was soll ich mit dem Fahrrad
machen? “Take it into the monastery!” Ich schlüpfe samt Bike durch die
offene Klosterpforte und befinde mich auf dem weiten Klosterhof rund um
die Kirche, der völlig leer ist. Fast völlig leer. Eine Bettlerin bittet
um Geld, sie gehöre zur Kirche. Sicher nicht. Die Kirche aus dem 14.
Jahrhundert ist berühmt für ihre äußere, steil nach oben führende
Form und ihre Ikonenmalereien. Wikipedia: "Die Kreuzkuppelkirche mit 5 Kuppeln ist das herausragendste sakrale Bauwerk der Palaiologischen Renaissance und eines der bekanntesten Bauwerke der byzantinischen Kunst überhaupt. Das Bauwerk im Stil der Mazedonischen Schule, übertrifft seine angenommenen Vorbilder (insbesondere die Kirche der Heiligen Apostel in Thessaloniki) in der Feinheit seiner Ausführung, der formalen Integration seiner Bauteile und der resultierenden verstärkten Akzentuierung der Vertikalen. Die im höfischen Stil ausgeführten Fresken im Inneren sind die bedeutendsten der ersten Hälfte des 14 Jh. in Serbien." Kamera und Waffen sollen nicht mit in die
Kirche oder zumindest dort nicht benutzt werden. Die Kirche ist
fantastisch, das Drumherum bedrückend. Im Ort wehen serbische Fahnen, auf
den Ikonen liegen allenthalben serbische Geldscheine und –stücke. Eine
Welt, die die Welt drumherum nicht wahrhaben will, nicht akzeptieren will.
Dann taucht noch eine Nonne auf, die nicht nur die Bettlerin verscheucht,
sondern auch mein Fahrrad nicht im Klosterhof haben will.
Draußen, im frei geräumten
Sicherheitsbereich der Schweden, stört es auch. Ich ziehe vorzeitig von
dannen. Die Nonne ist zufrieden. Fahre durch die nächste schwedische
Sperre aus der Stadt. Von dort ist schon die Staumauer zu sehen. Kaum habe
ich ihre Höhe erreicht, ist Prishtina und das Amselfeld weit weg. Ein ruhiger
See liegt in mitten von Wäldern. Die Straße ein Traum. Auch wenn der ein
oder andere Albaner mit seinem Auto wieder recht nahe kommt. Viel weniger Verkehr
als auf dem Highway nach Skopje. Darauf hatte ich
gehofft. Und will durch die Berge noch mal kurz nach Serbien und von dort
nach Mazedonien. Komme so nicht nach Skopje, sehe aber immer noch ein
schönes Stückchen Mazedonien, hoffe ich. Am Ende des Sees geht’s eine
Weile bergauf. Dann 20 Kilometer bergab. Nach Gljan, wo “Danke Deutschland” in
Schwarz rot gelb an die Betonwand gemalt wurde. Im Ort fahre ich ein
Stück zu weit in die falsche Richtung (bergauf), bin aber bald auf dem
Weg zur nächsten Passhöhe: dem Muqibaba, der Grenze. Kaum Verkehr. Zwei amerikanische
Kfor-Wagen begegnen mir wiederholt, grüßen, ein deutscher
Kfor-Panzerwagen passiert, obwohl die Deutschen eigentlich rund um Prizren
eingesetzt sind, Der Soldat hupt, nachdem ich im letzten Moment auf die deutsche Fahne
reagiert habe. Auch hier teils serbische Dörfer. Immer daran zu erkennen,
dass sie keine Neubauten haben. Nach 103 Kilometern Kosova fragt mich der
Grenzbeamte, wieso ich hier meinen Urlaub verbringe. Ich erzähle, dass
ich nun 48 von 50 europäischen Ländern beradelt hätte und neben Island
nur noch Mazedonien fehle, aber nicht mehr lange. Aber länger als ich
denke. Während die Kfor-/Kosovo-Grenzabfertigung auf der Höhe des
Muqibaba-Passes (880 m) liegt, rolle ich nach ein paar hundert Metern in
einer Serpentine in die serbische Kontrolle. Wieder eine
Polizei-Kontrolle. Von Anfang an macht man mir wenig Hoffnung, dass ich
hier durchkommen werde. Wieder ist sofort jemand von den Passanten an meiner Seite, der
problemlos alles übersetzen kann. Zunächst behaupten die Grenzer, ich sei
niemals legal nach Serbien eingereist, sondern über Montenegro in den Kosovo. Als
ich meinen kyrillischen Einreisestempel von Нештин (Neštin) mit Hilfe meines
Bikeline-Donau-Radweg-Führers als eindeutig von serbischem Territorium
stammend nachweisen kann, wird das eigentliche Problem deutlich: der
Kosovo-Einreise-Stempel von gestern. Da hilft nichts. Der muss weg. Nur,
wie will man einen Stempel annullieren? Ich biete an, ihn
durchzustreichen, doch das reicht ihnen nicht. Es geht ums Prinzip. Um die
große Politik, auf deren Kosten ich einen Umweg von mindestens hundert
Kilometern in Kauf nehmen soll und die viel befahrene Hauptstraße nach Skopje. Es
gibt keinen Weg zurück nach Serbien für mich. Dass das in der Konsequenz
für mich heißen müsste “Nie wieder Serbien” interessiert die Polizisten
wenig. Als ich mir den Namen des Hauptwortführers mit seiner
Alkohol-Fahne aufschreiben möchte, ist er nicht bereit, ihn mir zu nennen.
Plötzlich meint er, er sei nur Zöllner und verschwindet umgehend in einem der drei
Container. Was macht ein Zöllner an einer Grenz-Station, die nur Polizei-Station sein will? Als auch die andern nicht ihren Namen nennen wollen, wird
schließlich der “Kommandant” aus dem Container geholt. Dem ist das Ganze
egal, seinen Ausweis will er nicht zeigen, es genüge seine Nummer
auf der Plakette und sein Name sei im übrigen Ivan Draganovic. Klingt ein bisschen
nach Helmut Schmidt auf Serbisch. Mein Pass wird kopiert. Es gibt keinen
Weg für mich zurück nach Serbien, nur ein Zurück in den Kosovo.
Strampel ich
die paar hundert Meter wieder hoch zur Passhöhe. Als erstes laufen mir
zwei deutsche Unmik-Polizisten über den Weg. Der eine hat sein Jahr in
zwei Wochen um, der andere muss noch ein halbes Jahr ausharren hier oben,
wo es schon jetzt reichlich kalt ist. Der erste meint, der Kosovo-Stempel
hätte nie in meinem Pass auftauchen dürfen. Man bekomme normalerweise
nur ein kleines Blatt mit den Einreise-Daten. So hätte ich halt Pech. In
kurzer Zeit bin ich umringt von allen möglichen Uniformierten. Ein
nicht-Uniformierter übersetzt ins Englische. Auch ein indischer
Unmik-Mitarbeiter taucht auf. Mein Pass wird mit seinen Stempeln
kopiert, der Fall aktenkundig. Bergab geht's schnell und ich starte durch
zur Hauptmagistrale. Jetzt wieder reger albanischer Verkehr,
durchmischt mit Unmik-, OSZE- und Kfor-Wagen. Alles gebaut von der
European Agency for Reconstruction, wie man an jedem halbwegs neuen
Straßenabschnitt lesen kann. Am Straßenrand gelegentliche Minen-Warnungen (Foto rechts) und ein albanischer Hirte mit dem typischen weißen Ei-förmigen Filz-Hut (Foto links). Er erinnert mich an die archaische Stimmung samstags auf dem Bonner Münsterplatz, als Ende der achtziger Jahre Tausende albanische Männer ganz in schwarz mit den rot-schwarzen Kosovo-Fahnen und eben den weißen Ei-Hüten versuchten, die Öffentlichkeit auf das Schicksal der Albaner im Kosovo aufmerksam zu machen. Die Magistrale nach Skopje ist dann
überraschend leer, und meine Abfahrt vom Amselfeld beginnt. Rund 40
Kilometer mehr oder weniger durchgehend bergab. Bei Kaçanik (albanisch auch: Kaçaniku; serbisch: Kačanik, Качаник) stürzt sich die Straße parallel zur Eisenbahn in einen schmalen Spalt inmitten
grüner Wälder. So überraschend wie das Amselfeld auftauchte, liegt
es wieder hinter mir. Auf halber Strecke die Grenze. Hier will der
Kosovo-Grenzer einen Besitzbeweis meines Fahrrads sehen. Das könne ja
geklaut sein. Nicht in Deutschland, aber hier. Wenn der wüsste, wie viel
Fahrräder in Mainz geklaut werden.
Irgendwie ist es dann doch
nicht so wichtig, und ich kann weiter zu den Mazedoniern. Da hängt ein
Zettel aus, dass seit dem 1.9.2008, also seit knapp drei Wochen, eine
Krankenversicherungs-Bescheingung verlangt werde. Wird dann aber doch nicht
verlangt. Und ich rolle weiter nach Skopje. Obwohl nach ein paar
Kilometern die Straße für Fahrräder gesperrt ist. Soll sich das Fahrrad
in Luft auflösen? Der Verkehr ist nach wie vor mäßig, am Stadtrand von
Skopje (mazedonisch: Скопје, albanisch: Shkupi, griechisch: Σκόπια, türkisch: Üsküp, serbisch: Skoplje/Скопље, lateinisch: Scupi) kreuzen wir eine neue Autobahn, die aber erst Richtung Tetovo frei
gegeben ist. Hotels und Motels reihen sich aneinander. Wieder
erreiche ich die Straßenbeleuchtung des Zielortes, bevor das letzte Tageslicht erlischt.
Dann spüre ich rechts die Stadt liegen, finde aber keinen Weg dorthin.
Einer schickt mich durch ein in gelbem trostlosen Licht liegenden
Industrieviertel mit Tatort-Flair, durch das es an einer Festung
entlang tatsächlich zur City geht. Den ersten halbwegs akademisch
aussehenden Fußgänger frag ich nach einem Hotel. Das ist nur ein paar
hundert Meter weit und nicht so doll. Aber eine Nacht wird's wohl reichen.
|