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Aschermittwoch, 1. März 2006:
Fethiye - Xanthos - Demre/Kale/Myra (156 km) Nach langem flachem
Anstieg habe ich die Wahl: Die kurze heftige Strecke nach Antalya über
zwei Pässe mit über 1200 m oder das Auf und Ab der Küstenstrecke. Ich
entscheide mich für die kaum befahrene Küste, da an ihr auch die
Highlights liegen. Kulturelles Highlight heute: Xanthos - weil es näher
an der Strecke liegt als alle andern Trümmer. So wie alles hier in der
Gegend ist auch Xanthos vor allem lykisch. Inclusiv einer Grab-Stele mit
lykischen Schriftzeichen um 400 v. Chr. samt griechischer Zusammenfassung.
"Bislang versteht man nur, dass auf der Stele die Heldentaten des Sohnes
eines gewissen Harpagos des Königs Xeriga geschildert werden, der mehrere
Burgen erobert und Siege auf Wettkämpfen errungen hatte. Auf den
Grabdenkmälern sind offenbar die Namen, die Genealogien und die
Verfügungen für Nachbestattungen festgehalten." (Wikipedia)
Noch schöner die Blütenpracht ringsum in rot, lila, weiß
(Foto oben). Es ist Frühling. Als sich die Strecke nach Westen wendet
erfasst mich der Südwestwind. Er bläst mich die kleinen Erhebungen der
Küstenstraße (Foto rechts) hinauf. Ich strample nur noch
symbolisch. Damit ist es in Kas vorbei. Für die zehn Kilometer Steigung
brauche ich mehr als eine Stunde. Oben angelangt geht es etwa im
Zwei-Kilometer-Takt auf und ab. Wenige einsame Bergdörfer, hier und da
scheppert der Ruf des Muezzin durch die Hochebene. Belohnung am Ende:
15 km Abfahrt nach Kale. Und da mein Vorderlicht mal wieder mitmacht, kann
ich das Rad in der Dunkelheit rollen lassen. Kale wiederum heißt heute
auch Demre und hieß früher Myra, weltbekannt durch seinen Nikolaus, der
hier Bischof war. Seine Knochen brachten die Kreuzfahrer vorsichtshalber
nach Bari. Mal sehen, was morgen noch von ihm und seinen großzügigen
Geschenken zu finden ist. Na ja, Fastenzeit ist natürlich nicht seine
Prime Time. Das Internet-Café heißt immerhin verheißungsvoll "reborn
net".
Donnerstag, 2. März 2006: Demre/Kale/Myra - Antalya (153
km) Kale alias Demre alias Myra hat dem Nikolaus mehrere Denkmäler
gesetzt. Vor allem im Umfeld der Nikolaus-Kirche, die heute als Museum
dient. Geschenkt bekommt man da nix, sondern zahlt genauso 5 Neue
Türkische Lira (bis 2005: fünf Million Lira; Wert heute 3,33 €) wie bei
den in der Nähe gelegenen lykischen Felsgräber (Foto links) samt
griechisch-römischem Theater. Ästhetisch sicher die sehenwürdigere
Sehenswürdigkeit. Als ich alles gewürdigt habe, beginnt die Etappe
recht flach. Erst nach Kumluca geht es hinauf in die Berge. Auch lange,
aber nicht so doll wie bei Kas. Nach der Abfahrt beginnen in Kemer die
Tempel des Massentourismus. Die Geschäfte sind vielfach in Kyrillisch
beschriftet für die neue russische Kundschaft aus Moskau und Petersburg.
Im weiter explodierenden Antalya erwische ich gerade noch einen Nachtbus
nach Adana, von wo aus ich den letzten Tour-Teil in umgekehrter
Reihenfolge radln will - und muss so am Ende nicht noch Reservezeit für
die Rückkehr nach Antalya, von wo aus ich zurückfliege, einrechnen.
Zitronen-Sortierung am Straßenrand
Freitag, 3. März 2006:
Adana - Tasucu (162 km) Nach zwölf Stunden fliegen die Einzelteile
meines Fahrrads und Gepäcks samt mir in Adana aus dem Bus. Die spärlichen
Verkäufer sammeln sich rund ums Rad, unterstützen das
Zusammensetzen. Im Widerspruch zum Polyglott "Türkische
Mittelmeerküste" (1996/97) erinnert in Tarsus doch viel an den Sohn der
Stadt Saulus alias Paulus: ein paulinischer Brunnen für italienische
Pilger, eine orthodoxe Paulus-Kirche, die als Museum zu besichtigen ist,
eine ältere römische Kirche, die als Moschee dient. Und die neusten
Ausgrabungen des Cardo Maximus, die mir der städtische Tourism Adviser
Nadir Durgun erläutert. Obwohl es nachmittags sonnig ist, bleibt das
Taurus-Gebirge zur Rechten den ganzen Tag über im Dunst unsichtbar.
Kilometerlang ziehen sich durch Kilikien die Hochhäuser des türkischen
Inlands-Tourismus entlang manch schöner Promenade (Foto rechts). Am Abend
erreiche ich Tasucu. Ein kleiner Ort, von dem aus der Fährverkehr zur
international nicht anerkannten Republik Nordzypern aufrecht erhalten
wird. Obwohl es zwei tägliche Verbindungen gibt, ist für meinen geplanten
Zypern-Abstecher durch die Tage auf Rhodos keine Zeit mehr. Merkwürdig
begegnen mir die Menschen an dieser Verbindung zu der merkwürdigen
Republik. Im Motel Lades ist Licht an der Rezeption. Als ich zum Hotel als
meine erste Wahl zurückkomme, tritt der Hotelbesitzer oder -manager
heraus, um mir zu sagen, dass sie noch renovieren. Er empfiehlt mir das
letzte Hotel meiner Wahl. Versuche ich es erst bei einem Hotel gegenüber
einem der Internet-Cafés. Passend zum "reborn net" heißt eins hier "new
age". Der Junge an der Hotel-Rezeption kann sich nur mühsam von seinen
Patiencen am Computer lösen. Leicht widerwillig zeigt er mir ein Zimmer.
Als wir wieder an der Rezeption sind erwähnt er, dass es auch Zimmer mit
Air Condition, sprich Heizung, gebe. Lasse ich mir auch das noch zeigen,
nachdem ich mich wieder einige Patiencen gedulden muss. Im Zimmer
entdecke ich unter der Decke im Schrank merkwürdige Wattebäuschchen. Als
ich die in den Abfalleimer stecken will, ist das kaum möglich, weil der zu
voll ist. Der Junge will wieder zu seinen Patiencen. Ich begleite ihn und
verabschiede mich zum Nachbar-Hotel. Auch hier keine große Begeisterung.
Immerhin das Zimmer ist ok. Ich bleibe. Um später in einem halbwegs großen
Lebensmittelgeschäft von einem andern Jungen hautnah beschattet zu werden
bei jeder Bewegung. Strange places, strange people.
Samstag, 4. März 2006:
Tasucu - Anamur (130 km) Heute ist das Taurus-Gebirge nicht mehr zu
übersehen. Weil kein Wölkchen mehr am Himmel ist und weil sich das Gebirge
quer zur Küste schiebt und mein Rad und ich mittendrüberhinweg
müssen. Ein Lebensmittelverkäufer meinte gestern noch, ja, einmal im
Leben sei er da auch schon hergefahren, mit einem Bus und die Kurverei sei
so fürchterlich gewesen: nie wieder. Ähnlich die Warnungen im Polyschrott
und manchem Gesprächspartner. Schlimm auch gestern/vorgestern die
Nachtfahrt mit dem Bus, in dem mich die Serpentinen immer aus dem Schlaf
schreckten und ich auf eine schmale Straße blickte, auf der jeder
Gegenverkehr ausgeschlossen scheint. Aus dem Sattel sieht das Ganze
wieder mal ganz anders aus: eine herrliche kaum befahrene Straße an einem
sonnigen Samstag. Gemächlich erklimme ich die Höhen mit brillantem Blick
auf Meer und Berge. Hin und wieder ein Örtchen für eine Pause. Irgendwann
dann wieder eine flotte Abfahrt durch die Pinienwälder. Keine einzige
gefährliche Begegnung. Auto-, Bus- und LKW-Fahrer fahren extremst
rücksichtsvoll. Mit dem letzten Licht Blick auf die riesige Burg am
Meer Marmure Kalesi - römisch, byzantinisch, seldschukisch. Und zu guter
Letzt das nette Hotel Simsek am Strand von Anamur. So soll's morgen
weitergehn.

Burg Marmure Kalesi bei
Anamur
Sonntag, 5. März 2006:
Anamur - Side (202 km) Es geht wieder munter hinauf auf die
bewaldeten Küstenhöhen. Und irgendwann wieder in eine Bucht auf Meereshöhe
hinab. Wieder Anstieg. Doch dann folgt nicht noch ein Gipfel sondern eine
15, 20 km lange Abfahrt nach Gazipasa, von Kilikien in die weite Ebene bis
Antalya: Pamphylien. Leider unterbrochen von Regen. Dem ersten (und
einzigen) Regen in 13 Tagen. Knapp 90 Minuten stelle ich mich bei einem
Bananenbauern unter, dehne, putze das Fahrrad. So erreiche ich erst bei
Sonnenuntergang Anamur, das östlichste Touri-Zentrum im Bannkreis des
Flughafens von Antalya. Hinter der Stadt fahre ich im Schein meiner
Taschenlampe durch zwei noch nicht freigegebene Tunnel. Sie bilden künftig
die zweispurige Ost-West-Fahrbahn, die auch ein paar Höhenmeter erspart.
Dann ist die neue Schnellstraße schon freigegeben. Sechsspurig. Ohne
Standstreifen. Der Verkehr rollt gemächlich. Mit mehr oder weniger
Rückenwind fahre ich noch die ein oder andere Stunde um morgen einen
kürzeren Weg zum Flughafen zu haben. Erreiche schließlich Side. Rund um
das antike Theater ist in den vergangenen acht Jahren einiges ausgegraben
worden. Überall stehen Kolonnaden. Alles ist grandios beleuchtet (Foto
rechts). In der Altstadt ist allerdings gar nix los. Und im Hotelstreifen
haben fast alle Herbergen geschlossen. Das Vier-Sterne-Etablissement
Nerton ist geöffnet. Mangels Alternative checke ich hier für 40 Euro ein -
all inclusive! Leider ist es nach 202 km auf dem Rad schon kurz vor
Mitternacht. Frisch geduscht schaffe ich es noch um fünf vor zwölf an die
all-inclusive-Bar, ansonsten bekomme ich sowieso nur das Frühstück mit.
Der erbetene "Orangensaft" erweist sich als Limo mit maximal einem Prozent
Fruchtanteil. Immerhin erlebe ich so, wie eine deutsche Touristin sich
alk-mäßig all inclusive übernommen hat und torkelnd von zwei Türken
gestützt in ihr Hotelzimmer manövriert werden muss. Auch die anderen Gäste
können sich kaum noch auf den Barhockern halten. Die deutschen Landsleute
wirken reichlich peinlich. Und sie können sich ihr Verhalten nur leisten
dank des Zufalls ihre Geburt am richtigen Ort zur richtigen Zeit. Ziehe
ich mich zurück aufs Vier-Sterne-Zimmer. Mit meinem Fahrrad-Werkzeug
gelingt es mir trotz einiger sprühender Funken die beiden Stromkabel des
Fernsehers mit einer herumhängenden Lüsterklemme zu verbinden. Habe so zum
ersten Mal in zwei Wochen deutsches Fernsehn. Zumindest zwei, drei
Programme. Es reicht, um einen Eindruck vom heimischen Winterwetter zu
bekommen. Trotzdem: heute geht's zurück.
Montag, 6. März 2006: Side
- Antalya Flughafen (66 km) Beim Frühstück gibt es "Orangensaft".
Aber all inclusive zum Aufpreis von einem Euro. Rund um Antalya ist
bereits Euro-Zone. Die "Sugarworld" hat ihre völlig überteuerten Souvenirs
gar in Dollar ausgezeichnet. Spannend wird es am Flughafen. Mein
60-Euro-Ticket der jungen Türkei-spezialisierten Charterfirma sunexpress
beinhaltet keinerlei Garantie, dass mein Fahrrad auch mitgenommen wird.
Aufpreis von 30 Euro sowieso. Aber: Ich müsse es kleinmachen und
einpacken. Die Plastikfolien-Koffer-Eindreher jedoch sind nicht an
ihrem Arbeitsplatz, lassen sich auch nicht dorthin bewegen. Außerdem passe
mein Radl sowieso nicht auf die drehende Scheibe. Nach weiteren
Diskussionen und zusehends verrinnender Zeit erscheint doch noch jemand,
mit dem ich mühsam die Küchenfolie um das Radl wickl, an dem ich noch
kurzerhand Triathlon-Lenker und Lenker abmontiert habe. Die Pedalen, die
laut sunexpress die Koffer bedrohen, lassen sich partout nicht nach innen
schrauben. Und irgendwie ist es dann höchste Zeit, dass ich als letzter
Passagier durch die Abfertigung gehe. Wieder mal hat letztlich alles
irgendwie geklappt. Über tausend Kilometer habe ich auf der türkischen
Küstenstraße, der D 400, zurückgelegt. Nirgendwo bin ich inzwischen so
viel geradelt wie in der Türkei - mal abgesehen von Deutschland. So sehr
ich auf den ersten Kilometern damals zwischen Edirne und Istanbul die
türkischen Bus- und LKW-Fahrer verdammt habe, so angenehm war es diesmal,
sechs Jahre später an der Südküste. Der Flieger hebt sich über die
Steilküste von Antalya (Foto links). Bald darauf taucht der See von Nicäa
und das Marmarameer auf, bevor das Häusermeer von Istanbul in den weißen
Wolken verschwimmt.
Route
Blau = Gefahrene/Geflogene Route;
Pfeil=Radl-Richtung; Gelb = Etappenstart/ziel Rot = Geplante Route;
Grün = Bisherige Touren
Etappen Athen - Rhodos -
Antalya - Adana (22.2.-6.3.2006) |