
Fahrradhelm und Felsendom,
Jerusalem
Nildelta, Sinai, Israel: Road No.1, Sandsturm
und Felsendom
Montag, 19. November 2001: Alexandria - Tanta (131
km) Dank Alex-Touri-Info weiß ich, dass die Hotels an der Küste nur
im Sommer geöffnet sind. So kann ich nicht die neugebaute
Nildelta-Küsten-Autobahn nach Port Said fahren, sondern muss landeinwärts
auf Egypt's Road No. 1, die Verbindung zwischen Alexandria und Kairo.
Vierspurig, meist ohne Seitenstreifen, wobei als zusätzliches
Spannungselement auf der Außenspur grundsätzlich mit Gegenverkehr jeder
Art zu rechnen ist. Fuhr ich am zweiten Tag in Tunesien an einem
Schild "Cairo 2522 km" vorbei, so sind es heute abend nur noch 91 km.
Wohin ich allerdings nie wollte. Morgen wird's wieder ruhiger Richtung
Suez-Kanal. Inschallah.
Dienstag, 20. November 2001: Tanta -
Zagazig - Abu Kebir - El Qantara (164 km) Das Nildelta der totale
Kontrast zum Rest der Tour. Überall Menschen, Autos, Chaos, Wasser, Grün.
Städte, in denen man untergeht vor Orientierungslosigkeit. Innerhalb
weniger Kilometer ist alles vorbei: Die Straßen werden wieder breiter,
Bäume und Felder verschwinden, Beduinen tauchen wieder auf. Ich bin am
Suez-Kanal.
Mittwoch, 21. November
2001: El Qantara - El Arish (160 km) Vor dem Frühstück mit der
Personen-Fähre über den Suez-Kanal (Foto links) von Afrika nach Asien.
Sinai. Ein einziger Sandsturm. Aber mit einem Tick Rückenwind. Fast
unglaublich nach 1.500 km zermürbendem Seiten-/Gegenwind, gegen den du
nicht kämpfen darfst, den du nur geduldig ertragen kannst.
Donnerstag, 22. November 2001: El Arish - Grenze Ägypten/Israel
- Ashqelon (134 km) Würde der letzte Grenzübergang in Rafah die
dreieinhalbstündige Hängepartie vom ersten Übergang an der
tunesisch-libyschen Grenze übertreffen können? Es sieht zunächst nicht
danach aus. Vorzugsbehandlung wieder bei den Ägyptern. Als ich durch die
Grenzabfertigung bin, erwartet mich eine Schlange von etwa 200 Arabern mit
Bergen von Gepäck. Optimistisch gehe ich an ihnen entlang und tatsächlich:
Während sie auf einen Bus warten müssen, darf ich mit dem Fahrrad die etwa
150 Meter auf die israelische Seite alleine zurücklegen. Wie die nächsten
Stunden zeigen werden, bin ich in dieser Zeit der einzige, der nach Israel
einreist, während alle anderen, Palästinenser, in den Gaza-Streifen
wollen. Sie werden zwar im gleichen Gebäude abgefertigt. Aber gleich ist
nicht gleich. Das erste größere Problem: Das Fahrrad muss durch die
Röntgen-Anlage. Damit es schließlich passt, lasse ich erste Luft aus dem
Vorderrad, um das dann auszubauen; auch der Sattel muss ab, der
Einkaufskorb sowieso. Als ich das Fahrrad langsam wieder fahrbereit habe,
macht mich ein Grenzbeamter darauf aufmerksam, ich müsse nun die Reise mit
einem Bus, der in wenigen Minuten komme, fortsetzen. Ich frage, warum. Es
sei zu gefährlich. Ob ich denn auf eigene Gefahr fahren könne. Antwort:
Die Gegend sei voller Terroristen. Der Grenzübergang ist eine
israelische Enklave im Gaza-Streifen. Wenige Meter von Rafah und Khan
Yunis entfernt, wo es in den letzten Tagen häufiger Tote gab. Rings um
rotieren permanent Panzer im Sand. Als ich das Rad, nachdem bereits
reichlich Minuten verstrichen sind, zur vermeintlichen Haltestelle
schiebe, meint ein anderer Beamter zu mir, warum ich nicht weiterfahre,
ich müsse nur einmal ums Gebäude und schon könne ich durch den Korridor
nach Israel. Das lasse ich mir nicht zwei Mal sagen. Aber an der Ausfahrt
ist Schluss. Ich müsse mit dem Bus fahren, meint der junge Soldat, der
später noch meine große Hilfe werden soll. Und wenn ich darauf bestehen
würde, nicht nur durch den Korridor, sondern durch den ganzen
Gaza-Streifen zu radeln, sei das möglich. Möglich schon, aber sehr
gefährlich. Aber er würde jetzt "the big military bus" bestellen und der
werde mich samt Fahrrad in wenigen Minuten nach Israel bringen.
Nachdem sämtliche mögliche Reparaturen am Fahrrad erledigt sind und
der erste Grenzbeamte mir zwischenzeitlich noch einmal bestätigt hat, dass
der Bus in wenigen Minuten da sei, kommt der junge Soldat vorbei. Ich
mache nun darauf aufmerksam, dass die Sonne auch an diesem Tage nicht ewig
scheinen werde und dass dadurch irgendwann das Fahrrad fahren auch nicht
einfacher werde. Obwohl er gerade in die Mittagspause geht, will er sich
noch einmal um den Military Bus kümmern. Tatsächlich, einige Zeit später,
ich habe gerade ein umfangreiches Stretching-Programm absolviert, taucht
ein Bus auf, begleitet von einem umfangreich bewaffneten Militär-Jeep.
Einziges Problem: Der Busfahrer weigert sich, mein Fahrrad in seinen
Bus zu lassen. Er meint, die paar Meter könne ich ja wohl selber fahren.
Damit steht er natürlich voll und ganz auf meiner Seite. Allein viele
Grenzbeamte sind weiterhin anderer Meinung. Einer von ihnen hilft mir das
Fahrrad unterm Bus zu verstauen. Als wir gerade fertig sind, vermitteln
mir meine bescheidenen Hebräisch-Kenntnisse die Information, dass der
Busfahrer gedenkt, erst in einer Stunde zu fahren. Noch bevor ich die
nächste Sonnenfinsternis beweinen kann, holen die Grenzer mein Fahrrad
wieder aus dem Bus, auf den ich immerhin zwei Stunden gewartet habe.
Wenige Minuten später steht ein doppelt verglastes Militärfahrzeug, in das
eigentlich kein Fahrrad passt, bereit. Und es geht durch einen schmalen
Korridor, der rechts durch die gestaffelten israelisch-ägyptischen
Grenzbefestigungen und links durch Stacheldraht begrenzt wird. Ganze drei
Kilometer lang. Ich bin in Israel. Dreieinviertel Stunden hat's gedauert.
Freitag, 23. November 2001: Ashqelon - Jerusalem (85
km) Der Kilometerzähler zeigt 3 km/h. Minusrekord. Beim Marathon
bin ich mehr als doppelt so schnell gelaufen. Die Steigung hinter Bet
Shemesh. Vor mir ein richtiger Rennradler. Auf halber Höhe wartet er auf
mich. Ja, ich hätte mir den steilsten Weg nach Jerusalem ausgesucht, aber
auch den schönsten. Jeden Freitag fährt er von Tel Aviv hier rauf. 45
Minuten hoch, 10 Minuten runter. Die israelischen Autofahrer seien
gefährlich. Letzte Woche sind zwei seiner Radl-Freunde gestorben,
überfahren worden. Wir quälen uns ein paar Meter gemeinsam. Als ich ihm
ausweichen will, mein erster Sturz. Macht nichts, er hat was zum Reinigen
der Wunden dabei. Ein zweiter Fahrer
gesellt sich zu uns. Wenn ich aus Deutschland sei, "na, da können wir doch
Deutsch sprechen, die einzige Sprache, die ich wirklich beherrsche."
Gershon ist in Berlin geboren. Mir zuliebe fährt er ein wenig langsamer
und erklärt mir die Gegend. Har Nof, Berg der Aussicht, eine der vielen
Trabanten-Siedlungen. Die Hadassah-Klinik, noch voluminöser geworden. Die
Klöster von Ein Karem. Es geht auf und ab. Er ist schon von New York nach
Kalifornien geradelt und war schon mit dem Rad in Jordanien ("sehr nett
die Leute, haben mich überall eingeladen"). In der Westbank war er einmal
von Palästinensern umzingelt, da hat ihn nur gerettet, dass er sich als
Deutscher ausgegeben hat. Seit über einem Jahr, seit Beginn der
Al-Aqsa-Intifada, sind die meisten Routen im judäischen Bergland tabu.
"Da über dem Abgrund das Fragment einer Eisenbahnbrücke mit einem
Waggon der Reichsbahn gehört zur Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem."
Güterwaggon, versteht sich. Wir erreichen Har Herzl. Itzhak Rabin liegt
hier begraben, erklärt er und verabschiedet sich Richtung Yekke-Viertel
Rehavia. Vor Sabbat-Beginn muss er wieder daheim sein. Ich bedanke mich,
er wehrt ab: "Wenn schon einmal jemand mit dem Rad aus Deutschland kommt;
es kommen viel zu wenige..." Das "Gut Shabbes, Shabbat Shalom" schluckt
der Verkehr. Ich radle die Yafo-Street hinunter zum Yaffa-Gate, in die
Altstadt, durchs Armenier-Viertel, jüdische Viertel und schon liegen
Klagemauer und Felsendom vor mir und dem Radl. Kilometerstand 3.299.
Route

Jerba - Jerusalem (Lila = 4.
Woche) Grün = Tour 12:
Belen - Assuan (1820 km) Januar 2001
Etappen Jerba - Jerusalem: vierte
Woche
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