Tunesien und Tripolitanien:
Cat Stevens, Kakerlaken,
Kamel-Kadaver
und der libysche Geheimdienst
Donnerstag, 25. Oktober 2001:
Ein libysches Visum
Das Visum vom "Volksbüro der Großen
Sozialistischen Libysch-Arabischen Jamahiriya" in Bonn liegt endlich im
Briefkasten. Die Vorgeschichte: Zunächst habe ich eine arabische
Übersetzung des Reise-Passes (kostet 50 Mark) organisiert; dann
vermittelte mir eine deutsche Agentur (46 Mark) eine offizielle Einladung
durch eine libysche Agentur (60 Dollar), die mich an der Grenze empfangen
muss (50 Dollar). Mit dieser Einladung beauftragte ich einen Visum-Service
mit speziellen Kontakten zur libyschen Botschaft (100 Mark) das Visum beim
Volksbüro (54 Mark) zu beantragen. Der Versuch, das ein oder andere
Element zu umgehen, erwies sich als wenig aussichtsreich: Allein das
eigenständige Beschaffen des Visum-Formulars hat zwei Briefe, vier
Telefongespräche, acht Wochen und 16 Mark erfordert. Alle beteiligten
Stellen weisen ausdrücklich darauf hin, dass ein Visum natürlich keinerlei
Garantie biete, am Grenzübergang tatsächlich einreisen zu dürfen.
Freitag, 26. Oktober 2001: Arabisch
Dank Lektion 3
meines Arabisch-Kurses kenne ich jetzt drei Viertel aller Buchstaben.
Nebenbei habe ich noch erfahren, dass Gras auf Arabisch Haschisch heißt.
Auch die Vokabeln für Nachtigall, Stroh und Tamariske hat mir das Buch
nicht erspart. Mir geht's eigentlich nur um die Schrift, da lateinische
Buchstaben in Libyen aus der Öffentlichkeit verbannt sind. Um also
Verkehrs-, Hotels- und sonstige Schilder entziffern zu können, fehlt mir
eine Lektion. Englisch wird in Libyen erst seit wenigen Jahren wieder in
den Schulen unterrichtet.
Sonntag, 28. Oktober 2001: Mainz -
Frankfurt Marathon - Nürnberg
Auf dem Weg zum Flughafen Nürnberg
Zwischenstopp in Frankfurt. Ich laufe den Euro-Marathon in 4:05, etwas
schneller als die beiden ersten - dank Daggi an meiner Seite und Annegret,
Bettina, Dirk und Katrin an der Strecke.
Montag, 29. Oktober
2001: Jerba Flughafen - La Griba - Zarzis - Ben Guerdane (112 km)
Chaos am Flughafen Jerba. Auf zwei winzigen Bändern kommen die
Koffer von sieben Flügen gleichzeitig. Auf der Anzeige werden jeweils
genau die anderen Flüge angezeigt. Folge: alle stehen um die vollen Bänder
herum. Man droht mir an, auch mein Fahrrad per Band zu transportieren,
aber irgendwie steht es auf einmal da. Der Einkaufskorb ist auf einer
Seite ausgerissen und ein Reflektor zerstört. Es rollt wieder. (Jerbas
einzige Sehenswürdigkeit: Die Synagoge von La Griba, Foto rechts.) Und es
ist heiß - bis um 17.25 Uhr die Sonne untergeht. Mit dem letzten
Tageslicht erreiche ich eine halbe Stunde später Ben Guerdane, 33 km vor
der libyschen Grenze. Dort muss ich morgen um 11 Uhr sein, denn meine
Agentur erscheint nur einmal pro Woche an der Grenze, um ihre Kunden zu
empfangen.
Dienstag, 30. Oktober 2001: Ben Guerdane - Grenze
Tunesien/Libyen - Zuara (98 km)
Der Grenzübergang stellt das
Nerven-Spiel um die Visum-Beschaffung noch einmal in den Schatten. Zehn
Minuten dauert die Ausreise aus Tunesien. Dann werde ich auf der libyschen
Seite auf meine Agentur verwiesen, die da kommen möge. Als sie um 11.15
Uhr immer noch nicht da ist, leihe ich mir ein Handy und rufe in der
Zentrale in Tripolis an. Ja, Kamal komme zur Grenze und habe Tripolis
(Entfernung: 170 km) bereits verlassen! Höchstens eine halbe Stunde werde
es dauern. Ich rechne mit einer Stunde, was noch mal übertroffen wird.
Inzwischen ist ein Paar aus Partenkirchen eingetroffen, das ebenfalls
mit meiner Agentur einreisen möchte. Auch sie haben Alternativ-Pläne,
falls die Einreise scheitert. Kamal kommt. Die Agentur hat offensichtlich
ihr jüngstes Mitglied, vermutlich Praktikant, erwählt. Englisch oder
sonstige nicht-arabische Sprachen scheint er auch nicht zu beherrschen.
Außer: "much problems." So wird er an der Passabfertigung abgewimmelt und
will mit allen Pässen zur Stelle für arabische Autokennzeichen, von denen
das Partenkirchen-Paar eins braucht.
In einem Anflug von Hybris bewege
ich ihn dazu, es noch einmal mit den Pässen zu versuchen. Tatsächlich
erreicht er die Bearbeitung. Ich springe auf mein Rad. Aber Kamal meint,
ohne ihn käme ich nicht durch den Rest der Abfertigung. Als er nach
eineinviertel Stunden immer noch nicht mit den Kennzeichen zurück ist,
versuche ich mich selbst durchzuschlagen. Eine Viertelstunde später habe
ich ein paar Eintragungen in irgendwelche Listen, die üblichen Fragen
hinter mir und kann mich frei gen Osten bewegen. Dreieinhalb Stunden
libysche Grenze sind genug. Eine Stunde später fährt auch das
Partenkirchen-Paar an mir vorbei. Eine Erklärung von Kamal haben sie nicht
bekommen. Wir verabreden morgen in Sabratha ein Einreise-Fest.
Ich
komme bis Zuara, wo im Jugendszene-Imbiss 45 Minuten lang der wahre,
un-konvertierte Cat Stevens läuft, von Father and Son bis First Cut Is The
Deepest. Libyen lässt hoffen. Nur leider ist die Qualität der
Internet-Verbindung ebenfalls aus den siebziger Jahren.
Mittwoch, 31.
Oktober 2001: Zuara - Sabratha - Tripolis (121 km)
Die Ruinen von
Sabratha mit dem gigantischen dreistöckigen Theater (Foto links) habe ich
zwei Stunden lang für mich allein. Nicht mal das Partenkirchen-Paar taucht
auf. Während die tunesischen Kinder wie die Frankfurter Kinder beim
Marathon mir die Hand am Straßenrand zum Abklatschen hingehalten haben,
werfen hier einzelne Jungen Steine. Als ich Tripolis erreiche, habe ich
die angeblich verkehrsreichste Straße des Landes schon hinter mir; sehr
viel weniger befahren als die Rheinallee in Mainz.
Donnerstag,
1. November 2001: Tripolis - Al Khoms (125 km)
Die Suqs in der
Altstadt von Tripolis sind touristisch so unverdorben, dass ich dort eine
Stunde spazieren gehen kann ohne einmal angequatscht zu werden. Mittags
120 km Schnellstraße nach Al Khoms. Schnell vor allem dank des
Rückenwinds. Sodass ich noch vor Sonnenuntergang ankomme und ein kleines
Bad im Mittelmeer nehmen kann. Für einen 1. November nicht das
Schlechteste.
Freitag, 2. November 2001: Al Khoms - Leptis
Magna - Misratah (94 km)
Leptis Magna am Vormittag. Foto unten. Am
Abend in Misratah trinke ich weiße Marzipan-Limonade in einem Imbiss. Das
arabische Lied dazu aus der Box hat zwischendrin eine englische Zeile:
"Wake up, Africa! Africa, get up!" Es sind sehr viele Schwarzafrikaner
hier. Jeder zweite Erwerbstätige ist Gastarbeiter. Muammar al-Gaddafi
lässt sich auf großen Propaganda-Tafeln als Gönner Afrikas darstellen.
Schwarze Frauen reichen ihm ihre Söhne.
Samstag, 3. November
2001: Misratah - Sirte (257 km)
Die missratene Nacht von Misratah:
Mehrere Riesen-Kakerlaken machen sich im Hotelzimmer (Von außen frisch
gestrichener italienischer Kolonial-Stil; Foto rechts) bemerkbar. Knabbern
sich unüberhörbar durch Plastiktüten zu den Datteln vor. Auch bei Licht
geht's munter weiter. Dazu fünf Stunden lang ständiges Blitzen - ohne
Donner - bevor schließlich ein paar Tropfen Regen fallen.
Kurz hinter
dem Ort endet abrupt die Vegetation. Statt im Schatten von
Eukalyptus-Bäumen fahre ich nur noch durch weite Steppe. Links hundert
Kilometer Salzwüste. Statt toter Hunde säumen bestialisch stinkende
Kamel-Kadaver die Fahrbahn. Dromedare auch auf den Ladeflächen der Trucks
und auf dem Asphalt.
Sonne, Wolken und ein
bisschen Regen. Der Wolkenbruch kommt mir zum Glück zuvor. Jetzt steht die
Fahrbahn teilweise komplett unter Wasser. So auch - mangels Kanalisation -
Sirte, der Zielort. Am Ende stehen 256,8 km auf dem Kilometer-Zähler.
Vorher kam halt kein Hotel. Meine weiteste, aber bei weitem nicht längste
Etappe: Zehn Stunden Fahrt und eine Stunde Pause. Der Rückenwind macht's
möglich. Zum Relaxen gibt's ein Vier-Sterne-Hotel. Nun gut, es fehlen ein
paar Birnen, die Toilettenspülung läuft ohne Unterlass und eine Klobrille
habe ich in Libyen eh noch nicht entdeckt.
Sonntag, 4. November
2001: Sirte
Im Café sitzend erweitere ich gerade am Fernsehschirm
meine Arabisch-Schriftkenntnisse und notiere die Schreibweisen von Osama
bin Laden und Al-Jazeera, als zwei Männer neben mir auftauchen. So ein
bisschen ein Paar von Gangster und Mafia-Boss. Ersteren kenne ich. Als ich
vorhin Autos fotografierte, wie sie durch die dank kontinuierlichen Regens
zum Kanal mutierte Hauptstraße schwimmen, hielt er plötzlich neben mir und
fragte auf Arabisch aus dem Wagenfenster, was ich denn fotografiere. Mit
bedrohlichem Unterton. Aus dem Reiseführer ist mir die Empfindlichkeit der
Behörden vor Fotos bekannt. Ich ahnte nicht, dass das auch venzianischen
Autoverkehr in der Wüste betrifft.
Jetzt wollen sie nach ausführlicher
Prüfung des Reisepasses - kurz vorher hatte ich gerade die innerhalb der
ersten Woche obligatorische Registrierung beim örtlichen Passamt hinter
mich gebracht - sehen, was auf dem Film ist. Der Café-Besitzer, der unsere
Konversation übersetzt, sagt mir, dass die beiden vom Geheimdienst seien.
Der Film könne gegenüber entwickelt werden. "30 minutes." Weil die Straße
nach wie vor unpassierbar ist, bringt er mich mit seinem Auto auf die
andere Seite. Der Geheimdienst kommt mit.
Dann warte ich, während
Al-Jazeera wieder und wieder das 20-minütige Bin-Laden-Statement
wiederholt, im Café und versuche alle geheimdienstrelevanten Motive auf
den bisherigen 28 Fotos Revue passieren zu lassen. Schließlich taucht
Gangster wieder auf - mit der Fototasche. Alle zusammen studieren wir nun
meine Porträts antiker Schönheiten von Sabratha und Leptis Magna. Gangster
behält die beiden Fotos von schwimmenden Autos und zieht von dannen. Die
anderen Abzüge samt aller Negative darf ich behalten - die Kosten trägt
offenbar Gaddafi. Ein nicht ganz ruhiger Regen-Ruhetag.
Nachtrag:
Am Abend klopft es an der Zimmertür. Und wen darf ich begrüßen?
Gangster. Nunmehr in einer Art Seemans-Jacket mit ultralangen goldenen
Knöpfen. Ihm ist eingefallen, dass er doch noch meine Negative haben
möchte. Also gehen wir runter zum hoteleigenen Friseur-Salon und schneiden
die beiden Negative mit den schwimmenden Autos ab.
Route Jerba - Jerusalem

Jerba - Jerusalem (Lila = 1.
Woche)
Grün = Tour 12:
Belen - Assuan (1820 km) Januar 2001
Etappen Jerba - Jerusalem: erste
Woche