|
Fairreisen
Samstag, 24. Februar
2007: Flug Frankfurt - Kairo Mein erster Flug mit CO2-Zertifikat:
Atmosfair hat von mir
46 Euro bekommen, mit denen der Kohlendioxid-Ausstoß von Hin- und Rückflug
nach Assuan/Khartum (8347 km mit zwei Zwischenlandungen in Kairo)
egalisiert wird, und mailte umgehend ein Zertifikat.
Es lebe der Emissions-Handel! Nicht aber Egypt Air. Die verlangen 75
Euro für den Fahrradtransport. Oneway. Am Ende ist mein Vorderlicht doch
wieder kaputt. Auch die 150 Meter Frischhaltefolie haben nicht zu helfen
vermocht. Das Umsteigen in Kairo ist knapp kalkuliert. 75 Minuten habe
ich theoretisch. Muss aber das Gepäck auschecken, zum nächsten
Flughafengebäude, dort für den Inlandsflug einchecken. Und an jeder Ecke
verliere ich wertvolle Minuten. Der Transfer-Schalter ist nur ein Fake.
Vor der Passkontrolle muss man sich bei der Bank ein Visa kaufen. Woher
soll ich das wissen? Das Fahrrad rücken sie bei der Gepäckausgabe erst
gegen Bakschisch heraus, obwohl es um die Ecke steht. Und ein in
Firschhaltefolie gepacktes Fahrrad auf einem Gepäckwagen passt halt durch
nahezu keine Tür mehr. Die Hektik nutzt ein Gepäckträger am
Inlands-Terminal, um mein Gepäck ungefragt auf einen neuen Wagen zu hieven
und alles zum Abfertigungsschalter für Luxor zu rollen. Obwohl er
inzwischen weiß, dass ich nach Assuan fliege. Fliegen will. In 15 Minuten.
Aber einen Abfertigungsschalter für Assuan gibt es nicht. In Assuan
herrscht angeblich schlechtes Wetter. Fliegen unmöglich. Nun ja, Luxor ist
lediglich 200 km entfernt. Nicht nur mein 22.00-Uhr-Flug wird mit
"delayed" geführt, sondern schon der 16.30-Uhr-Flug nach Assuan. 30, 40
Assuan-Wartende beleben die Wartehalle.
 Assuan im
Morgengrauen
Transport-Probleme Teil 2 und 3
und…
Sonntag, 25. Februar 2007:
Flug Kairo - Assuan …kurz nach Mitternacht scheint es Gewissheit:
Nächste Flugmöglichkeit nach Assuan um vier Uhr. Drei deutsche Passagiere,
die das Abenteuer organisiert gebucht haben, lassen sich auf den Flug um
8:45 Uhr umbuchen und eine Hotelübernachtung in Kairo besorgen.
Nächste Überraschung: Kurz nach eins werden plötzlich Bordkarten
ausgegeben. Dazu dann noch das Gepäck eingecheckt. Das ist viel
versprechend. Wenig später sitzen wir einen Wartesaal weiter. Aus den
versprochenen 15 Minuten wird eine halbe Stunde und ein Bus bringt etwa 25
Passagiere in einen A 320 mit schätzungsweise 250 Sitzplätzen. Wir
verteilen uns gleichmässig. Und landen um vier Uhr in "Aswan
International". Als das Rad wieder radelbar ist, lässt man mich unter
Polizeibegleitung eine Ehrenrunde vor dem Flughafen drehen, bevor es
wieder mal heißt: Zwangstransport durch die ägyptischen Sicherheitskräfte.
Individual-Touristen sind in Ägypten nicht übermäßig beliebt. Das Fahrrad
passt aber par tout nicht in den Kofferraum des Polizeiwagens, in dem das
rechte hintere Seitenfenster durch Pappe ersetzt ist. Auf meinen
Vorschlag wird der hinter uns vorfahrende leere Reisebus für den
Radtransport beschlagnahmt. Ich rechne eigentlich damit, bis zum Hotel
gebracht zu werden. Aber der Punkt, der den Ägypter wichtig ist: der alte
Assuan-Staudamm. Vor sechs Jahren durfte ich noch drüberradeln, wenn auch
kritisch beäugt. Das ist inzwischen - so wie das gesamte Radeln im Niltal
zwischen Kairo und Assuan - passé. Direkt hinter dem Damm werde ich
samt Fahrrad ausgesetzt. Es ist warm, ein bisschen gegenwindig. Und etwa
fünf Uhr morgens. Die Stadt ist in den letzten Jahren bis an den alten
Staudamm rangewachsen. Der ein oder andere Nachtwächter bemerkt oder
verschläft mich, die Muezzine rufen in einem verhaltenen aber
vielstimmigen Chor zum Morgengebet, die Bäckereien schieben die ersten
Brote nach draußen und als ich in meinem Hostel vor dem Schlafen auf das
Hoteldach gehe, ist es bereits taghell.
 Nubische
Krieger: Fundstück vom Staudamm-Bau im Nubien-Museum von Assuan
Zittern um
Fähr-Ticket Heute kommt's drauf an: Ich muss ein Ticket für die
Fähre über den Assuan-Staudamm erobern. Die fährt nur ein Mal pro Woche,
normalerweise montags. Das Büro habe ich schon auf der Suche nach meinem
Hostel entdeckt. Aber der Manager, Mr. Sallah, ist mal eben auf der Bank.
Wiederkommen in einer halben Stunde, aber die Fähre sei sowieso
ausgebucht. Dafür gebe es in dieser Woche am Freitag außer der Reihe eine
zweite Fahrt. Freitag: das hieße vier Tage Assuan und nur sieben Tage für
1000 km Wüstenpistenfahrt nach Khartum. Mr. Sallah ist nach einer
guten halben Stunde immer noch nicht da. Aber ich komme mit einer Dame ins
Gespräch, die ebenfalls am Montag mit der Fähre mit will. Sie hat aber
einen Tag Vorsprung. Als Nicht-Fliegerin wählte Sylvia aus Wien den
Land-See-Weg via Genua, Tunis und will zum ersten April via Syrien, Türkei
wieder daheim sein. Vorher aber noch einen Schlenker durch den Sudan
machen. Als Mr. Sallah erscheint, kommen uns zwei Polen zuvor. Müssten
die mit der Freitags-Fähre fahren, wäre bei der Ankunft schon ihr
Sudan-Visum abgelaufen. Aber es gebe keine Tickets mehr, bestensfalls
morgen früh an der Anlegestelle der Fähre direkt am See. Dort sehen wir
uns wieder. Ich muss mich wie die Polen gedulden. Nur Sylvia hat heute
noch eine Chance, falls die Nile Valley Transport Corporation Zentrale aus
Kairo heute noch ein entsprechendes Fax schickt... Zeit zur
Akklimatisierung im boomenden Assuan mit einer fast fertigen riesigen
koptischen Kathedrale, bei 26 Grad und ungezählten Felucca-, Guide- und
Taxi-Anbietern, sowie einem italienischen Abendgottesdienst unter
deutschem Papst-Portrait.
 Assuan mit
der neuen koptischen Kathedrale
Auf einer alten Rheinfähre
über den Assuan-Stausee in den Sudan
Montag, 26. Februar
2007: Assuan - Assuan High Dam - Fähre (17 km) Entlang der
Eisenbahn zum Hafen rauf. 16 km. Rückenwind. Mr. Sallah, der Manager,
lässt auf sich warten und dann die beiden Polen und mich zappeln, bevor es
heißt: es klappt! Ein Ticket für die erste Klasse, zwei Tickets für die
zweite. Ich zahle 427 Pfund (rund 65 €), die Polen etwas mehr als die
Hälfte: 250 Pfund - ohne, dass wir wissen, worin der Klassen-Unterschied
besteht. Wir sind vor allem happy, heute hier wegzukommen und nicht bis
Freitag warten zu müssen. Es beginnt die komplizierte Ausreiseprozedur
mit umfangreichen Listen, alle per Hand gefertigt. Eine Station dient z.B.
dem Wechsel der Quittung für die warme Mahlzeit in einen Gutschein für die
warme Mahlzeit. Und immer Gedränge. Parallel fahren LKW vor (Foto
rechts und links). Alle werden von Hand entladen. Der globalisierte
Container ist in Assuan noch nicht angekommen. Entweder werden die Kisten
auf die Fähre befördert oder auf ein ebenso langes aber schmaleres
Cargo-Schiff, das zwischen Fähre und Kai liegt. Über dieses Schiff und
eine schwimmende Insel müssen alle Passagiere und die Pack-Jungs vom Hafen
zur Fähre steigen. So gelangt auch mein Rad an Deck, wo es den Weg zu
einer Rettungsinsel behindert, die dann noch komplett mit Kartons zugebaut
wird.
Das Deck ist übrigens
deckungsgleich mit „zweiter Klasse“. Die beiden jungen polnischen
Reise-Journalisten ergattern hier einen winzigen Flecken Schatten unter
einem Gitter. Erster Klasse reise ich in einer Zweier-Kabine, in meinem
Fall ein fensterloser Innenraum. Das Bett über mir besetzt ein
sudanesischer Händler aus Dongola, der einen Teil seiner Ware in unserm
Zimmer stapelt. Beim Eintreten hat er reflexartig die zwei mal ein Meter
große Klimaanlage angeworfen. Ich bewaffne mich daraufhin mit Schal und
Fleece-Pullover. Als ich kurz vor dem Erfrieren den Raum verlasse, bittet
mein room-mate mich, das Ding auszustellen. Geht doch. Sylvia, die
Wienerin, taucht wieder auf. In Schwarz gehüllt. Dann Ekki und Andrew,
zwei Motorradfahrer aus Deutschland und England, die sich auf der Fähre
von Sharm el-Sheikh nach Hurghada kennengelernt haben. Der eine auf einem
Drei-Monats-, der andere auf einem Sechs-Monats-Trip nach Zentral-Afrika.
Und Arnault, der auf meiner Traum-Route durch Äthiopien und Djibuti in den
Jemen und weiter durch den Oman via Dubai in den Iran reist. Von dort will
er letztlich nach Hongkong. Er hat gerade eine Fünf-Tages-Tour auf dem
Assuan-Staudamm alias Lake Nasser hinter sich inkl. Abu Simbel, vielen
Besichtigungen und drei Krokodilen. Für 500 Euro nicht gerade ein
Low-Budget-Trip.
Aus dem Nichts taucht Katja
auf. Ihr Gerolsteiner-Maisel’s-Fun-Run-T-Shirt weist sie schon von weitem
als Deutsche aus. Sie reiste im Nachtzug aus Kairo an und ergatterte
dennoch ein Zweite-Klasse-Ticket. Offensichtlich hat Ferry-Manager Mr.
Sallah uns gestern und heute Morgen nur hingehalten, um sicher zu gehen,
am Ende alle Erste-Klasse-Tickets verkauft zu haben. Katja ist trotz
Nachtzug frisch und unbekümmert, wird sofort zum kommunikativen
Mittelpunkt unserer kleinen Ausländer-Szene und interessierter Araber an
Bord. Sie ist schon jetzt der Start der Überfahrt. Und findet auch schnell
einen Weg von ihrem Zweite-Klasse-Deck in ein Abteil der ersten
Klasse. Die auch einen Dining-Room hat. Dort gibt es für unseren
Gutschein das unvermeidliche - weil in Ägypten wie im Sudan
nationalgerichtliche - Foul, im Kern ein Brei aus braunen Fava-Bohnen, ein
paar Salatblätter, Ei, Feigen-Marmelade, Schmelzkäse, Falaffel, Brot. Salz
auf Nachfrage. Eine Hand voll Touris mitten unter Sudanesen. Trotz der
Enge und Unübersichtlichkeit ein sehr angenehmes Miteinander. Niemand
braucht Angst um Hab und Gut zu haben. Am Nachbartisch wechselt ein
Geldwechsler Dollars in sudanesische Dinar zum Universal-Kurs von 1:200.
Und wir haben immer noch nicht
abgelegt. Fast den ganzen Tag haben wir jetzt im Hafen von Assuan
zugebracht. Zuletzt rollen Ekki und Andrew ihre Motorräder auf die
Fracht-Fähre und blockieren damit endgültig den Gang zur Personen-Fähre.
Die überfüllte Fracht-Fähre, die auch schon bei geringem Seegang
vermutlich einiges an Gepäck einbüßen würde, wird einen Tag später in Wadi
Halfa eintreffen. Kurz nach 17 Uhr legen wir endlich ab. Ein Tag
Warten an Bord und ein Abend auf kleinem Schiff in großem See ist
ungewohnt für mich. Die westlichen Traveller sitzen stundenlang herum und
erzählen von vielen schönen Routen. Ich lese auch einiges aus meinen
zusammenkopierten Recherchen. Mit Sonnenuntergang meldet sich der
Muezzin über den Bordlautsprecher. Abendgebet. Weite Flächen auf Deck
werden geräumt, um Gebetsteppiche Richtung Mekka, in diesem Fall gen
Westen, auszurollen. Etwa ein Drittel bis zur Hälfte der Passagiere betet
mit. Die in Hemd und Hose eher nicht. Aber beide Gruppen respektieren die
andern. Das Gebet geht andächtig, ergriffen und friedfertig über das Deck.
Die andern unterhalten sich leise.
„What means
globalization?“
Dienstag, 27. Februar 2007: Fähre - Wadi
Halfa Port - Wadi Halfa (5 km) Ich habe Abu Simbel verpasst.
Zwischen sechs und sieben Uhr sollten wir dran vorbeifahren. An den
riesigen ramessidischen Felsen-Tempeln, die vor 40 Jahren während des
Staudamm-Baus in einer last-minute-Aktion (unter anderem finanziert durch
die Essener Krupp-Stiftung) vor der Überflutung gerettet wurden und am
neuen See-Ufer einen anderen Platz fanden. Um 6:03 Uhr, als Sylvia an Deck
erscheint, ist es schon zu spät. Nur Arnault, der Franzose, stand
rechtzeitig an der Reling. Im Erste-Klasse-Bereich des Decks nimmt am
Morgen der etwas ältere weiße Mann, der gestern ganz zurückhaltend war,
ärmlich aber förmlich gekleidet ist, das Gespräch auf. Er spricht fast
perfekt Deutsch. Vor 25 Jahren ist er schon einmal auf diesem Weg in den
Sudan gereist. Jetzt will er, wenige Wochen vor seinem Abschied als
britischer Botschafter in Khartum, die Strecke noch einmal erleben. Ian
Cliff fällt ins Plaudern. 1986 sei dieses Schiff auf dem Rhein
ausgemustert worden. Und bekomme seitdem seine Gnadenfahrten über den
Assuan-Stausee. Heute wird er als Botschafter von einer sudanesischen
Delegation empfangen und darf als erster vom Schiff. Alle anderen müssen
warten, warten, warten.  Obwohl wir schon gestern
die Pässe abgegeben haben mit zwei ausgefüllten Formularen, eines davon
mit Durchschlag. Schließlich dürfen die acht Ausländer, darunter auch ein
Kameruner, vor der Masse von Bord. Das nützt mir wenig, weil ich erst mal
mein Fahrrad freischaufeln muss. Dabei entdecke ich, dass wohl schon beim
Flug der halbe Plastikschutz an den Kettenrädern abgebrochen ist. Bald
habe ich die andern Ausländer wieder eingeholt. In den großen
Abfertigungshallen heißt es wieder Warten. Auch hier kommen wir mit
sudanesischen Mitpassagieren ins Gespräch, die meist ein sehr gutes Gespür
haben, wer von uns zu welchem Zeitpunkt gesprächig ist. Diesmal ist Andrew
dran. Die Frage bringt ihn zum Lachen: „What means globalization?“ Die
Frage liefert die Antwort: Auf der ganzen Welt beschäftigen die Menschen
sich mit den gleichen Fragen. Unsere Daten werden feierlich in zwei
Bücher eingetragen. Da die Schreiber besser Arabisch schreiben können, ist
jeder lateinische Buchstabe ein eigenes Gemälde. Der Zollaufkleber wird
ohne Kontrolle auf meinen Rucksack gepappt. Ich kann die fünf km nach Wadi
Halfa „Town“ radeln.
Ein paar Häuser stehen
planlos in der Gegend (Foto rechts). Für mich geht's um die nächste
Registrierung - bei der Security Police, die man in den ersten drei Tagen
hinter sich bringen muss. Bis dahin erreiche ich wohl keinen weiteren Ort.
Der zuständige Mensch - ich habe die Vorstellung, einer müsste dafür
reichen - besucht aber angeblich im Krankenhaus seinen Sohn. Warum ist die
Stelle nach der einzigen Schiffs-Ankunft in der Woche geschlossen? Morgen
früh soll ich um 8.30 Uhr wieder kommen. So verliere ich beste Radlzeit
heute nachmittag und morgen früh. Ich ärger mich über die ganzen
Verzögerungen seit dem Anlegen der Fähre. Und über meine
Unentschlossenheit. Ich hätte es drauf ankommen lassen können und mich
nach vier, fünf Tagen in Dongola oder gar nicht registrieren lassen. (Da
ich nur eine registrierungs-freie Unterkunft hatte und sonst in der Wüste
schlief, hat nie jemand danach geschaut.) Aber ich tu’s nicht und räume
nur widerwillig das Polizeigebäude. Ich sehe die beiden Polen einen
Fels-Hügel vor dem Hotel erklimmen. Folge ihnen. Von oben hat man besten
Blick über See, Hafen, Bahnhof und den sich noch weiter hinstreckenden
Ort. Wir setzen uns in den Sonnenuntergang, sehen den Zug mit Katja,
Sylvia und Arnault nach Abu Hamed fahren. Und setzen uns noch zu
Mit-Passagieren vor ein Wasserpfeifen-Café. Langsam schließe ich Frieden
mit dem Tag - ohne Abu Simbel und Weiterfahrt. Und werde belohnt mit
Infos von zwei deutschen Bikern, einer davon mit Jägermeister-T-Shirt, die
die Route gerade von Süden gefahren sind. So schlafe ich ein in der mit
vier Liegen voll gestellten Sandboden-Hütte, über mir ein Strohdach. Yeah.
Erster
Teil Wadi Halfa - Dongola Fast 500 km Rumpelpiste am
Nil
Zweiter
Teil Dongola - Karima - Khartum Hassan, Pyramiden und das lange Ende
meines Fahrrads
|