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VG WORTTour 34: Assuan - Khartum (969 km)


VG WORTPyramiden am Jebel Barkal bei Karima, Sudan
Pyramiden am Jebel Barkal

Zweiter Teil
Dongola - Karima - Khartum
Hassan, Pyramiden und das lange Ende meines Fahrrads

“All we are is dust in the wind“
Dienstag, 6. März 2007: [Dongola +15 km] - [Debba -6 km] (135 km)
Mir ist ein bisschen schlecht. Ich hab Wasser ganz unterschiedlicher Herkunft getrunken, teils ohne Micropur, teils sehr warm durch das täglich wärmere Wetter. Heute war es richtig heiß.
Einen Teil des Tages verbrachte ich einen Schlauch wechselnd im Schatten. Bei der Hitze lösen sich die Flicken, die auf anderen Flicken sitzen. So beschäftigt mich immer wieder der doppelte Schnitt von der Hunde-Verfolgung bei Akasha.
Am Morgen quälte mich ein anderer Schlauch. Beim Aufpumpen war am Vorderrad der Schlauch am Ventil gerissen. Da waren’s nur noch drei. Ein anderer wollte sich partout nicht aufpumpen lassen. Nachdem ich ihn mit dem allerletzten Rest heimischer Vulkanisierungsflüssigkeit geflickt hatte.
Nehm ich den andern, den ich mit dem in Kerma erworbenen taiwanesischem Vulkanisierer geflickt habe. Der löst sich, nachdem ich die Pause 90 km südlich von Dongola mit kühlen Softdrinks bewältigt habe. 40 km vorher endete die Asphaltstraße. Aber die Trasse ist durchgehend präpariert und in unterschiedlichen Stadien der Fertigstellung.
Ich komme schneller voran. Durch den dauerhaften Abstand zum Fluss ist der Erlebnisfaktor gesunken. Aber die Quälerei im Sand steckt mir zu sehr in den Knochen, um zur Ufer-Strecke zurückzukehren.
Immer wieder asphaltierte Teilstrecken, immer wieder Barrieren für deren Benutzung. Die lassen sich mit dem Rad leicht umkurven. An vielen Stellen wird gebaut. An einer komme ich mit einem Süd-Sudanesen ins Gespräch. Rund 600 Dollar verdient er nach eigenen Angaben hier als Gastarbeiter. Leider wird die Kieselmasse, die sich durch die Baustelle zwischen Rad und Schutzblech befindet, während unseres Gesprächs FEST. Extra-Strafe: 20 Minuten säubern.
Der nächste Bauarbeiter. Ein Thailänder mit einem Ein-Jahres-Vertrag. Die heißesten Monate stehen ihm noch bevor. Auf seiner Hose prangen lauter hebräische Buchstaben - ein unübersehbares israelisches Signet. Meine dezente Frage, wo er die Hose her hat, ignoriert er. Zu direkt will ich nicht sein. Es ist grotesk und irrelevant zugleich. Kein Pass mit hebräischen Buchstaben bekommt ein sudanesisches Visum, er dagegen stolziert in zionistischen Klamotten über die sudanesische Großbaustelle.


Esel-Parade auf Landstraße, Sudan
Esel-Parade: Yalla!


Durch die Beschäftigung mit den Beschaffenheiten der Straße und den Befindlichkeiten ihrer Erbauer versäume ich einen Abstecher auf die andere Nil-Seite nach Alt-Dongola. Christliche Fresken und Kirchen-Ruinen aus dem Mittelalter - die Fotos sind verheißungsvoll.
Begrüßt hat mich am Morgen ein kleines Tierchen, das beim Öffnen aus meinem Rucksack hopste. Von Tag zu Tag werde ich vorsichtiger rund um mein Nachtlager. Es wird auch immer schwerer, unbemerkt mein Lager aufzuschlagen. Heute haben mindestens zwei Leute mitbekommen, wie und wo ich schlafe. Meine Fahrradspuren sind in der sandigen Umgebung leicht zu verfolgen...
Zwölf Stunden Dunkelheit jede Nacht sind eine lange Zeit. Die kleine Taschenlampe kann und soll nicht ewig brennen. „Out of the dark - hörst du die Stimme, die dir sagt: Into the light!” (Falco, postum veröffentlicht 1998) Tagebuch schreibe ich häufig blind im Dunkeln. Jeden Abend eine Din A 3 Seite, die Rückseite der Straßenkarten-Kopien.
Heute Abend lässt mein Elan jäh nach. Innerhalb kurzer Zeit liege ich im Schlafsack. Ohne Abendessen, ohne Ein-Liter-Dusche, kein Schlafanzug, kaum Tagebuch. Liege ich da. “I close my eyes. Only for a moment, then the moment's gone.” Der Himmel dreht sich über mir und in mir. „All my dreams: Pass before my eyes, a curiosity.” Ich kann den Nil sehen mit seinem Palmen-, Lichter-, Häuser-Saum. Die Menschen sind elend weit weg. “We're just a drop of water, in an endless sea. All we do just crumbles to the ground, though we refuse to see: Dust in the wind.” Wenn mir noch schlechter wird? geworden wäre in den einsamen Regionen des Nordens? „It could all end instantly as you will see. Time waits for no one, it just moves on.” Ich schlafe ein. Und schrecke immer wieder auf. Der ganze Körper rebelliert. Atmen ist die Therapie. “Life's too short brothers and sisters… Don't hang on. Nothing lasts forever, but the earth and sky it's there always. And all your money won't another minute buy. Dust. . . all we are is dust in the wind.” (Kerry Livgren, Kansas, 1977)

Abu Dom: Obelisk an der Junction zum Desert-Highway nach Khartum, SudanTaxi, Pyramiden, Fähren-Zusammenstoß und ein prächtiges Hotel
Mittwoch, 7. März 2007: [Debba -6 km] - Abu Dom - Taxi - Nuri - Fähre - Karima (52 km)
Als ich endgültig aufwache - ist alles überstanden. Der Körper gereinigt. Wie neu. Bleiben die Reparaturen. Heute Problem Nr. 1: die Kette. Sie reißt schon nach wenigen Metern und dann immer wieder. Genauer: ein Kettenglied, vermutlich das unter fachmännischer Assistenz vor kurzem zusammen gebastelte, löst sich. Der Pin rutscht immer wieder raus. Gut, dass ich seit einiger Zeit einen Kettennieter dabei habe und neulich erste Erfahrungen gesammelt habe. Insbesondere, wie schnell der Pin des Nieters abbricht. Und damit das ganze Gerät zu Konsum-Schrott wird.
Von Mal zu Mal hält’s besser. Vor allem nachdem ich den Pin endgültig verloren habe und ich einen meiner drei Reserve-Pinne montiere.
Die letzten Kilometer bis zum Beginn des Desert Highways sind mühsam. Der Nil führt in einem großen Bogen nach Nord-Westen und mich damit in den Gegenwind-Bereich.
Abgekämpft erreiche ich nach 40 km die Hütten-Restaurants an der T-Junction (Foto rechts). Joghurt mit Zucker avanciert zu einer wichtigen Nahrungsquelle. Und Limo. Gegessen habe ich schon länger nicht mehr richtig. Sieben geschmierte Schmelzkäse-Kniften fahre ich seit gestern Morgen spazieren.
Ich könnte die 303 km Wüsten-Highway nach Khartum runterspulen. Und käme zügig zum Ziel. Ich will aber Pyramiden sehen. Ein Abstecher nach Karima ist zu verlockend. 120 km. Der Plan: Hinfahren - gegen den Wind - im Taxi. Zurück von Pyramide zu Pyramide radeln.
Als ich nach angemessener Pause wieder transportfähig bin - jeder Tag ein neuer Hitzerekord; mittags kann ich nicht mehr radeln - frage ich einen Pick-Up-Fahrer, ob er Richtung Nord-Ost fährt. Natürlich fährt er, alle Pick-Up-Fahrer sind Taxi-Fahrer. Und für mich sowieso.
Wie viel das denn koste? 150 sudanesische Pfund. Mein Problem: Ich will nicht so viel zahlen und in Pfund kann ich gar nicht. Ich biete 50 Dollar, umgerechnet 100 Pfund.
Das akzeptiert Hassan, mein zukünftiger Chauffeur, ziemlich schnell, nachdem ich ihn vom Wechselkurs überzeugen kann. Die Frage ist nur die Stückelung.
Inzwischen sind wir von einer Traube anderer Fahrer und potentieller Passagiere umgeben. Was die Verhandlungen nicht erleichtert. Trotzdem gelingt es uns, uns auf Halb und Halb zu einigen. 25 Dollar und 50 Pfund. Ein paar Pfund muss ich unbedingt behalten, da ich nicht weiß, wo ich - wenn überhaupt - noch mal Tauschen kann.
Das langwierige Verhandeln bedingte aber, dass ich mein Geld bereits komplett übergeben habe. Was mir nur noch begrenzte Druckmittel lässt. „Don’t pay the ferryman. Don’t even fix a price. Don’t pay the ferryman. Until he gets you to the other side.“ (Chris de Burgh; 1982) Meine Vorstellungen sind denkbar einfach: Er hat gutes Geld bekommen, das Fahrrad kommt hinten auf die Ladefläche, ich sitze auf dem Beifahrersitz und wir sind in spätestens zwei Stunden am Ziel. So meine Vision nach sieben Tagen Unabhängigkeit im Sattel.
Danach sieht es zunächst auch aus. Allerdings fährt er erst einmal in die falsche Richtung. Es geht, na logo, erst mal zur Tankstelle. Eine geradezu professionelle, im Vergleich zu den Bretterbuden am Straßenrand, in denen aus dem Barrell heraus das Zeug literweise in Tank oder Kanister gefüllt wird. 1,50 Pfund (rund 60 Euro-Cent) kostet das. Der Tross des gesamten fahrenden Gewerbes ist uns die paar Meter gefolgt.

Hassan, euphorischer Taxi-Fahrer am Nil, SudanHassan, so viel ist klar, ist Euphoriker. Ein Hans im Glück. Das zeigen sein Blick und seine Gangart an. Sein Glück scheint ihm allerdings noch nicht ganz vollkommen, weil er nun ein paar Dollar-Scheine besitzt, von denen er nicht weiß, was sie ihm im Leben noch bringen werden. Immer wieder zieht er jemanden zu Rate. Jene, die ich nicht für die Vertrauenswürdigsten halte. Die Scheine wechseln mehrfach von Mann zu Mann. Kritische Blicke. Sind die echt?
Mitten im Gemurmel heißt es plötzlich, ich solle Hassan verlassen und bei einem andern mitfahren. Auf dessen Pick Up sind aber Sitze samt Dach montiert, da oben drauf soll mein Radl. Ich lehne ab. Sie lenken ein. Es scheint loszugehen, da setzt sich grad noch einer hinten drauf zu meinem Fahrrad. Und natürlich müssen wir noch zwei, drei Leute aus der Umgebung abholen.
Die wollen allerdings offensichtlich nicht zu den Pyramiden von Nuri. Denn schon nach wenigen Kilometern biegt Hassan von der schönen Asphaltstrecke ab und rumpelt Richtung Nil, der dank weitsichtiger Verkehrpolitik recht weit von der Straße entfernt ist.
Ich habe den Premium-Blick vom Beifahrer-Sitz aus durch eine zersplitterte Scheibe, die durch einen Einschlag in Höhe meiner Nase in genau 30 etwa gleichgroße Schnitze gesprengt ist. Zwischen Karosserie und Decke stecken farbgleich mit dem altweißen Wagen 17 Musik-Kassetten. Die Hassan in seiner Euphorie spätestens nach dem Ende eines Titels wechselt.
Schließlich sind wir auf einem Platz, an dem zwei uniformierte Domino-Spieler sitzen. In blau-weißen Uniformen, was dem ganzen fast den Cholorit einer Uno-Einheit gibt.
Einer unserer, meiner (?) Fahrgäste beschwert sich bei den Uniformierten über eine Beinverletzung. Wie häufig geht das relativ schnell in ein lautstarkes Streitgespräch über.
Meine Zeit rinnt unterdessen dahin. Auch ein Foto von zwei ins Strohdach gesteckten Zahnbürsten - symptomatisch für die sudanesische Liebe zu einem ausgedehnten Putzen ihrer meist schneeweißen Zähne - kann mich nicht wesentlich erheitern.
Ich dränge auf Eile. Als wir schließlich wegkommen, bleiben die anderen zurück. Hätten wir auch früher machen können, denkt da ein rationaler Westler emotional. Was nicht bedeutet, dass wir nicht noch hier und da ein paar Fahrgäste auflesen, die alle Hassan in bester Stimmung vorfinden. Nur eben die Dollar-Scheine...
Bei - gemäß Kilometer-Markierung - ziemlich genau einem Drittel der Strecke halten wir an einer kleinen Raststelle. Auch hier Imbiss, Limos und Wasser-Amforen. Mit großer Theatralik öffnet Hassan die Motorhaube und beginnt mit dem kühlen Wasser zu hantieren. Wie der Zufall es will, ist der Fahrer mit seinem Puck-Up-Dach auch bald an seiner Seite. Plötzlich soll ich wieder umsteigen.
Ich werde etwas ernster und kratze meine Arabisch-Kenntnisse zusammen zu einem dramatischen „Nuri (so heißt unser Zielort mit den Pyramiden) challas.“ Was so viel heißen soll wie "Mir reicht’s und wir fahren jetzt endlich nach Nuri". Dass meine Worte rundum verstanden werden, entnehme ich den erfuhrchtsvollen Wiederholungen, die meinen Worte in der Runde zuteil werden.
Gleichwohl gibt Hassan zu bedenken, sein Wagen schaffe es einfach nicht über die ganze Strecke (von - wie bekannt - 120 km). Ich ergebe mich in die scheinbaren Sachzwänge und beginne das Gepäck umzuladen - mit der Absicht allerdings, mein Rad in der Passagierkabine und nicht auf dem Dach unterzubringen.
Bevor ich noch die zweite Hälfte meiner inzwischen durch das ein oder andere Loch dezimierten Wasserflaschen-Armada von dem Beifahrersitz räumen kann, sitzt bereits jemand da und fuhrwerkt in meinen Klamotten rum. „Raus da!“ sage ich nun in leicht verständlichem und schnell verstandenem onomatopoetischem Deutsch, das sich schon gelegentlich bei ähnlichen Gelegenheiten bewährt hat.


Nuri, Sudan: Chris on the Pyramids
Nuri: Chris on the Pyramids


Noch bevor ich beginne, das Fahrrad zu transferieren, heißt es wieder: Kommando zurück. Die beteiligten zehn Personen konnten sich nicht über die Aufteilung meines Geldes einigen. Vermutlich waren die Dollar-Scheine eine unüberwindliche Hürde, denn zwischendurch musste ich nochmals bestätigen, dass fünf Dollar ziemlich genau zehn Pfund entsprechen.
Wie durch ein Wunder fährt Hassans Toyota fehlerlos weiter. Als ein Passagier mit zehn Pfund zahlt, bittet Hassan mich um Wechselgeld, um gleich darauf einen weiteren Fünf-Dollar-Schein wieder in zehn Pfund bei mir zu tauschen. Da waren’s nur noch vier bei ihm, und vor allem bei mir fast keine Pfund mehr.
Wir sind da. Und ein letztes Mal versucht Hassan mir meine Dollarscheine wieder anzudrehen. Danke Hassan. Es war ein Erlebnis. Vier Stunden lang. Und ich weiß die Vorzüge des Radfahrens noch mehr zu schätzen. No hassle.
Pyramide mit Kondens-Streifen eines Flugzeugs in Nuri, SudanPraktischerweise liegen die rund 20 Pyramiden von Nuri gleich am Parkplatz neben dem Krankenhaus. Wie gleichgültig dahingestellt, weil da grad Platz war.
Sie sind ein bisschen versandet. Ich muss mein Fahrrad kräftig schieben. Fahrrad und Pyramide: das könnte ein schönes Bild geben in der bald unter gehenden Sonne. Während ich mit dem bewährter Maßen stets eingesunkenen Hinterrad kämpfe, nähert sich ein Quasi-Uniformierter und möchte mein Besichtigungs-Permit sehen.
Psychologisch ist es für Touristen schwer einzusehen, für den Blick auf ein nicht eingezäuntes Gräberfeld Geld zu zahlen. Zumal wie stets zehn Dollar. Ich erkläre gleichwohl meine Bereitschaft, zehn Dollar zu zahlen, sofern ich ein entsprechendes offizielles Ticket bekomme.
Der Junior-Soldat dreht ab und ist bald zurück mit seinem Paten. Der hat immerhin ein Signet an seiner Uniform. Ich bleibe skeptisch. Möchte einen Ausweis sehn. Der sei im Büro. Das ist das psychologische Hauptproblem: Es gibt hier kein Cashier. Wie in Kerma z.B.
Als ich ein Foto von dem älteren Soldaten schießen will - häufig eine erfolgreiche Strategie, um Forderungen auf das wahre Maß zu reduzieren - und er einwilligt, zahle ich zehn Dollar. Das Ticket verspricht er mir in seinem Office. Dahin mag ich mich durch den Sand jetzt nicht zurückkämpfen. (Ich werde es niemals bekommen.)

Pyramide und Fahrrad in Nuri, SudanMein Fahrrad und ich haben die Pyramiden für uns allein. Das größte Grab, das von Taharqa, dem mächtigsten Pharao der 25. Dynastie, ist nur noch begrenzt als Pyramide zu erkennen. Einige andere noch fast perfekt mit ihren braunen Quader-Steinen. Schönes Gräberfeld. Geometrie-Unterricht schwingt mit. Die Pyramide hat was Perfektes, Aufgeräumtes, Vollendetes. Der Schlusspunkt ist absehbar, berechenbar, endgültig, unveränderbar, unvermeidlich. Jeder Schlusspunkt.
Wäre nicht die leidige Eintrittsgeld-Diskussion gewesen und lockte nicht das andere Nil-Ufer mit dem luxuriösen Nubian Rest House, könnte ich hier eine wunderbare Nacht im Sand zwischen den Mega-Sarkophagen ruhen. Auch das 20 km entfernte Kloster Ghazali, aufgegeben im elften Jahrhundert, reizt.
Ich will versuchen, ans andere Ufer zu kommen. Auch wenn erfahrungsgemäß jetzt zum Sonnenuntergang die allerletzten Fähren fahren. Die Entfernungsangaben in Paul Clammer’s Guide stimmen mal wieder überhaupt nicht. Kilometerlang husche ich über die Sandwege durch die üppig quellenden Palmengärten Richtung Flug, mich hier und da im Halbdunkel weiter fragend.
Endlich erreiche ich den Fluss. Im letzten Licht sehe ich einen Jungen im Wasser schwimmen. Ein paar andere hängen noch herum. Bringt mich einer rüber mit dem Motorboot? Keine große Begeisterung. Mit einem von ihnen habe ich mich schnell auf zehn Pfund (rund vier Euro) geeinigt, wovon mich auch längere Nachverhandlungen nicht mehr abbringen können. Also hauen alle Jungs bis auf meinen Ferryman ab. Wir stapfen über das an dieser Stelle weite Sandfeld zum Boot. Schon das Einsteigen ist ein Vabanque-Spiel. Ich bin zu müde, die Gepäckstücke abzunehmen und einzeln einzuladen - wohl wissend um die Instabilität des Korbes, in dem neben meinem Rucksack auch alle Wasserflaschen stecken. Über die Spitze des Bootes manövrieren wir das Rad samt Gepäck in den Bug. Für einen Moment scheint der Rucksack samt Flaschen bordüber zu gehen. Der Expander hält. Ich, inzwischen barfuß im Nilwasser, steige nach und das Fahrrad steckt erratisch in der Spitze, das Gepäck bedrohlich über alle Ränder.
Auf halber Strecke kommt von links ein Ruderboot quer mit drei Jungs. Irgendetwas rufen sich die Fährmänner zu. Und schon rammt das Ruderboot die Spitze unseres Bootes mit voller Wucht. Wieder ist es um ein Haar um mein Reise-Hab und -Gut geschehen. Nur die Kamera hatte ich vorsorglich in die Hosentasche gesteckt. Ich fühle mich zu einem F-Wort berechtigt, was nicht wesentlich zur Deeskalation beiträgt. Zugegebenerweise bin ich auch in einer vergleichsweise hilflosen Lage. Ganz unabhängig davon entschuldige ich mich sofort. Doch der Ruderer, dessen beiden Fahrgäste inzwischen zu uns umgestiegen sind, ist nur noch mit alle Mann gemeinsam zu besänftigen.
Seine beiden Ex-Fahrgäste sind eine große Hilfe beim Stemmen des Rads aus dem Boot hinaus und die etwa zehn Meter hohe Lehm-Böschung am andern Ufer hinauf.
Dann stehe ich im Dunkel vor ein paar Rohöl-Tanks. Ich folge einigen schwachen Lichtern und erreiche das Zentrum von Karima. Acht Dollar wollen sie hier für eine Stunde Internet. Ich habe sowieso eigentlich weder Zeit noch Nerven dafür.
Niemand hat von dem italienisch geführten Nubian Rest House gehört. Ich folge dem Stadtplan von Paul Clammer, der nur so halbwegs zutreffend ist. Ich frage, frage, frage, gerate an einen Forst-Studenten, der sich mit den südsudanesischen Tropenwäldern und mit dem weltweiten Baumbestand überhaupt beschäftigt. Er will mir erst nur die Richtung zeigen, bringt mich aber schließlich bis zum Eingangstor. In der Dunkelheit um viele Ecken herum ist das nahezu nicht allein zu finden (Foto bei Tageslicht; dann ist es einfacher).
Während mein Führer schon erkleckliche 95 Dollar als Preis für Übernachtung und Frühstück angibt, startet die dynamische Hotelmanagerin Delfina aus Peru bei 175 Dollar, inkl. Abendessen. Zugegeben, es ist eine traumhafte Umgebung. Ein Garten-Hotel, in das ich mit meinen seit neun Tagen getragenen Klamotten und acht in der Wüste verbrachten Nächten nicht so recht reinpasse.
Vielleicht bekomme ich deshalb nach telefonischer Rücksprache mit Hotelchefin Helena in Khartum für 100 Dollar Zimmer mit Frühstück und Abendessen, für das ich mich aber erst mal dusche. DUSCHE! Um 21 Uhr beginnt das Dinner, das eine kleine italienische Reisegruppe grad beendet. Incl. Suppe und Erdbeer-Eis. Ich habe seit zwei Tagen kaum etwas gegessen. Ein Traum. So wie die großzügigen Zimmer in nubischem Stil. Waschnacht.


Das Nubian Rest House in Karima - vom Jebel Barkal aus gesehen
Das Nubian Rest House in Karima - vom Jebel Barkal aus gesehen


Archäologen bei Ausgrabungen am Jebel Barkal, Karima, Sudan Der Wünschelroutengänger am heiligen Jebel Barkal
Donnerstag, 8.März 2007: Karima - Jebel Barkal - El Kurru - Fähre - [Tangasi +62 km] (84 km)
Der Traum geht weiter: Frühstück. Literweise Mangosaft, Kuchen, Omelette, Pfannkuchen, Marmelade, Käse, Brot, Milchkaffeee. Ich lasse es langsam angehen. Alles ist schließlich gewaschen, geputzt, gesäubert, überholt. Ich fühle mich ganz neu am Start. Lasse das Rad zunächst stehen, denn der heilige Jebel Barkal erhebt sich direkt vor dem Hotel und ist laut Guide von dieser Seite am besten zu besteigen: „in 20 minutes“. Ich bin - langsam gehend - in neun Minuten oben.
In der Tempelanlage sehe ich von oben die italienische Gruppe und etwas abseits Archäologen bei der Arbeit (Foto links). Da dürften Deutsche dabeisein. Auf der West-Seite wieder Pyramiden, noch stiller, noch besser erhalten, umschlossen neuerdings von dem Asphaltband einer Umgehungsstraße.
Bis ich unten bin sind die Italiener weg und die Archäologen haben Mittagspause. Ich lasse mir noch die Malereien im Tempel der Himmelsgöttin Mut, der Braut Amuns, zeigen. Dann müssen die Archäologen wieder ran. Judith und Jana studieren an der Berliner Fachhochschule für Technik und Wirtschaft Grabungstechnik bei Professor Kay Kohlmeyer, sind fünf Wochen hier und wirken relativ frustriert.

Geo-Magnetik: Physiker Thomas Goldmann analysiert ein Grabungsfeld am Jebel Barkal, Karima, SudanUlli, Berliner Archäologie-Studentin, ist fünf Monate hier, zieht einen Tonkrug aus dem Dreck und erklärt kurz und knapp: „Das ist alles von 593 v.Chr. Da ist die Brandschicht und damals wollten die Ägypter den Nubiern ein für alle Mal klarmachen, dass sie nie wieder nach Norden ziehen sollen.“ Ihrem Grabungsleiter aus Boston vermeldet sie, dass die lokalen Helfer jeden Tag zehn Minuten später aus ihrer Mittagspause zurückkehren, was der schweigend registriert.
150 Meter weiter findet unter einem grünen Touri-Hut eine Art Wünschelruten-Gang statt. Physiker Thomas Goldmann wandert mit seinem Geomagneten systematisch über ein mit Wäscheleinen abgestecktes künftiges Grabungsfeld (Foto rechts). Das Gerät kann an den Abweichungen vom natürlichen Magnetfeld den Verlauf von Mauern erkennen lassen. Und das durch mehrere Schichten hindurch. Nur muss der Physiker stetig weiterwalken und ich auf Distanz bleiben, um die Messwerte nicht zu verfälschen - was das Fachsimpeln über seine Fahrrad-Touren zwischen Schwarzem und Mittelmeer nicht völlig unmöglich macht.

Pyramide am Jebel Barkal, Karima, SudanZurück im Hotel treffe ich Delfina. Ihr Versuch, bei der Post Briefmarken zu kaufen, scheiterte. Der Mann mit dem Schlüssel für den Briefmarken-Schrank ist nach Khartum gereist. Karima ist deshalb auf absehbare Zeit ohne Briefmarken. „Typisch Sudan“, meint die schwarze Delfina, die bald mit ihrem italienischen Mann in Peru leben wird.
Ich breche in der Mittagshitze auf. In der die Fahrrad-Kette noch vor Erreichen der Pyramiden am Jebel Barkal (Foto links und rechts) reißt.
El Kurru liegt doppelt so weit südlich wie von Paul Clammer angegeben. Nur die erste Hälfte der 25 km ist asphaltiert. Die zweite dafür schöner (Foto links). Langsam ziehen Schönwetterwolken auf, sodass die Hitze etwas nachlässt.
Bevor ich mir vom offiziellen Ghaffar mit einem offiziellen Zehn-Dollar-Ticket aus Karima die beiden Gräber von El Kurru zeigen lasse, steht eine unglaublich schöne, junge, gepflegte, schwarze Frau vor mir. Mit gelbem Umhang, Kopftuch, großem Ring im Ohr. Ich frage, ob ich sie fotografieren kann. Sie versteht nicht recht. Ich lasse mich von der Eile des Ghaffars von dieser Szene wegdrängen.

Pyramide am Jebel Barkal, Karima, SudanStattdessen fotografiere ich später drei andere Mädchen. So wie schon häufiger sind sie gleichzeitig ganz locker und happy, andererseits aber auch ängstlich und skeptisch. Und sie wollen eine Belohnung. Ein paar Sweets machen sie glücklich.
Dazwischen die letzte Fahrt über den Nil. Mit einer Autofähre. Roll-on, roll-off ist hier unbekannt. Die Fahrzeuge müssen rückwärts aufs Schiff rollen.
Wehmut kommt bei mir auf. Was für ein Fluss, was für ein Geschenk an die Menschen, an die Menschheit! So behäbig fließend wie die Bewegungen des Nil-Pferds.
Dann jage ich über den Asphalt. Alle paar Kilometer einige Soft-Drinks einwerfend. Es sind noch mehr Shops und Cafés, als ich bei der Taxifahrt gesehen habe. Einmal ist die Limo noch in der Flasche gefroren. Durch Wechselbäder mit wärmerem Wasser schleuse ich sie in meinen Mund. Habe nachher eine Zeitlang Erkältungssymptome im Hals. Hals zu kalt voll gekriegt.

Fahrt auf dem rechten Ufer des Nil von Karima nach El Kurru, SudanAls es dunkel ist, halte ich an einer Raststätte, die sehr nett wirkt (Foto unten). Mit weitem Strohdach über einem ummauerten Platz. Drei, vier Jungen sind im Einsatz. Sehr diszipliniert und höflich. Einer ist für die Getränketruhe zuständig, die er immer wieder für einen weiteren Getränkewunsch von mir aufschließt. Auch die Kinder beten. Allerdings nacheinander. Vielleicht, weil sie nicht alle einen eigenen Gebetsteppich haben.
Schließlich kündigt mir einer der Jungs an: „Nur challas.“ - Mit dem Licht ist es gleich vorbei. Um halb zwölf wird der Generator abgeschaltet. Ich bleibe der netten Atmosphäre wegen hier. Bekomme eine Liege unter dem Strohdach. Der Junge überzeugt sich davon, dass ich eine Taschenlampe habe und stellt mein kleines Tischchen samt Stuhl an meine Liege. Laila Saida.


Sympathische Raststätte am Nil zwischen Tangasi und Abu Dom, Sudan
Sehr sympathische Raststätte, auch zum Übernachten


Kilometer-Stein: 302 km vor Khartum auf dem Desert-Highway im Sudan Platten-Serie auf dem Wüsten-Highway und die rettenden Soldaten
Freitag, 9.März 2007: [Tangasi +62 km] - Abu Dom - [Abu Dom +65 km] (103 km)
Ich träume davon, heute 300 km zu fahren. Viel mehr sind es nicht mehr bis Khartum. Im Dezember hätte ich es in Mauretanien/Senegal an einem Tag recht locker schaffen können, seitdem trauer ich der vertanen Chance hinterher. Heute kommt es ganz anders.
Als ich wieder die T-Junction zum Wüsten-Highway bei Abu Dom erreiche - diesmal von Osten her - muss ich am Obelisken in einen scharfen Metall-Gegenstand gefahren sein. Innerhalb von Sekunden ist die Luft raus aus meinen hochfliegenden Plänen. Am Hinterrad ist der neue Mantel und der neue Schlauch von der Seite her eingeschnitten.
Ich repariere mit taiwanesischer „Diamond Solution“. So richtig gehalten hat das bisher nicht. Vor allem nicht hinten. In dem Straßenrestaurant, in dem ich schon vorgestern die Mittagshitze abwartete, ist herzliches Willkommen beim Wiedersehen. Innerhalb kurzer Zeit hat sich meine Ankunft rumgesprochen. Hassan, mein Taxifahrer, taucht auf. Noch breiter lächelnd als bei unserer Fahrt. Alles ok mit den Dollars? „Ja, tamam.“ Alles ok. Die Dollar-Scheine waren tatsächlich das Wert, was ich ihm versprach.
Ein paar Meter hinter der Raststätte der erste sudanesische Kilometer-Stein: 303 steht drauf. 303 km bis Khartum, oder Omdurman. Bei km-Stein 302 ist der Reifen schon wieder platt. Es nervt. Ich flicke erneut. 30 km lang tut er’s - mehr schlecht als recht. Der Asphalt ist zu heiß, um die Hand drauf zu halten. Fast das gesamte Gewicht lastet auf dem Hinterrad. Ich überlege deshalb, einen der beiden à la taiwanaise geflickten Schläuche vorne zu installieren. Als ich es versuche, klebt ein Flicken vom Schlauch am Mantel. Ich will den Schlauch nicht auch noch ruinieren. Verzichte auf den Wechsel.
Entwickle eine neue Theorie: Am Abend, wenn es kälter wird, müssten die Flicken besser halten. Muss ich halt nachts fahren. Jetzt muss ich erst mal aus der Sonne raus. Auch die Wasservorräte gehen zur Neige. Ich halte eine Jeep an. Ein Sikh mit rotem Kopftuch gibt mir aus der 0,25-Liter-Flasche die Hälfte. Thank u India. Und meint, die nächste Raststätte komme in 15 km. Der nächste, ein LKW-Fahrer, vergibt einen Liter, spricht dafür von 25 km bis zur nächsten Raststätte.

Fahrrad mit Flicken und sudanesischer Vulkanisier-FlüssigkeitJedenfalls: Ich walke. Der Tacho schwankt zwischen 6,5 und 7,5 Stundenkilometern. Es läuft sich gut. Aber es ist heiß. Und wird immer heißer. Noch heißer als an den letzten Tagen. Gegen drei Uhr, ich bin etwa eine Stunde gelaufen, entdecke ich ein paar Meter abseits der Strecke Wohn-Container und grüne Zelte. Gewöhnlich ein Armee-Posten. Ich rumple über 500 Meter Sand, schieb mein Fahrrad in den Schatten eines Containers und lass mich mehr oder weniger fallen. Die Soldaten bitten mich in ein Zelt. Ich bekomme Tee und nach zehn Minuten bin ich schon dabei, unter dem Blick von zahlreichen Zuschauern und Assistenten, den Schlauch erneut zu flicken.
Die Stimmung der Truppe ist locker. Der ranghöchste Soldat, ein sehr behutsam beobachtender Chef, hält sich ganz zurück. Überall dabei, alles registrierend. Der einzige mit richtigen Schuhen und hellerer Uniform. Das Gespräch mit mir auf Englisch überlässt er anderen, obwohl er sich vermutlich besser mit mir unterhalten könnte.
Sechs Monate müssen sie hier im Nirgendwo ausharren. Das Radio läuft. Leider auch im Nachbarzelt. Dort kommt das Signal allerdings drei Sekunden früher an. Horror. Die einzigen Worte, die ich verstehe, sind „Johann Sebastian Bach“. Mitten in der Wüste Bayuda (Baiyua). Das Radio läuft über eine längere Autobatterie. Vor dem Zelt wird die nächste mit einem Solarpanel geladen.
Mit den 18-Uhr-Nachrichten steige ich wieder aufs Rad. Der Wind hat ein wenig gedreht. Kommt jetzt endlich, wie sonst stetig auf dieser Strecke, von hinten. Und lässt mich mit bis zu 40 Stundenkilometern über die Wüstenhügel gleiten.

Der Versuch mit Auto-Klebemitteln einen Fahrradschlauch dicht zu bekommenLeider nur bis zum ersten Ort, einer Ansammlung von drei, vier Truck-Stopps, genau 65 km hinter Abu Dom. Ohne die Soldaten hätte ich noch 20 km laufen müssen. Der Hinterreifen verliert wieder Luft. Nächste Idee: Ich bitte an der Raststätte jemanden, meinen Schlauch zu flicken, so, wie sie die Reifen der Wüsten-Autos flicken (Foto rechts). Kostenloser Service, wie sich herausstellt. Die Plastikflasche mit der vermutlich selbst gemixten Vulkanisier-Flüssigkeit sieht nicht sehr Vertrauen erweckend aus. Und nach drei Kilometern Fahrt ist wieder Schluss. Platten.
Ich schiebe drei Kilometer zurück zur Raststätte. Und gebe auf. Ich kann mir nicht mehr vorstellen, Khartum aus eigener Kraft zu erreichen. 30 Stunden sind es noch bis zum Abflug. Mindestens 250 km bis zum Flughafen. Never give it up?
Zurück an der Raststätte nimmt mich keiner mehr so richtig wahr. Ich trotte davon, schiebe das Rad über ein paar Sandhügel zu meinem letzten Wüstenlager (Foto von dieser und den andern neun Wüsten-Nächten hier).
Brillante Milchstraße. Der Mond geht erst um 23 Uhr auf. Bei einer Flick-Aktion am Nachmittag habe ich meine Casio-Reise-Uhr verloren, die zehn Tage an einem Gürtelriemen hing. Jetzt geht auch noch die Taschenlampe kaputt. Es sieht düster aus. Endzeit-Stimmung.
Bevor ich einschlafe, raffe ich mich zu einem letzten Test auf: Ich pumpe den zweiten Schlauch, den der Junge an der Raststätte geflickt hat, auf und hänge ihn übers Lenkrad. Hält der?
In der Ferne ist der Generator der Raststätte zu hören. Ich bin reichlich müde, aber durch den Armee-Tee und -Kaffee reichlich aufgeputscht. Als ich das trank ging ich davon aus, ich würde die ganze Nacht durchradeln. Zum Abschied haben die Soldaten mir noch eine Tüte voll Datteln geschenkt. Was hätte ein sudanesischer Radler in einer Bundeswehr-Kaserne bekommen?

Ende meines Fahrrads, Ende meiner Tour
Samstag, 10.März 2007: [Abu Dom +65 km] - [Abu Dom +145 km] - [Autotransport 160 km] - Khartum (80 km)
Ich kann tatsächlich noch einmal fahren. Ich löse den Schlauch im Vorderrad vorsichtig vom Mantel. Der verklebte Flicken hält! Montiere ihn nach hinten und füge vorn den zweiten à la soudanaise geflickten Schlauch ein. Es funktioniert. Aber bis hierhin ist es schon neun Uhr.
Die Raststätten folgen nun häufiger als angegeben. Und ich brauche jede Pause dringend. Es ist noch heißer geworden. Immer wieder kippe ich zwei, drei Limos runter. Und Mineralwasser. Das Wasser auf dem Rad ist schon früh bei rund 40 Grad.
Ich könnte es noch schaffen bis Khartum. Never give it up. Doch schon nach der ersten Pause kommt wieder Gegenwind auf - so wie auch gestern vormittag. Um 14 Uhr nach 80 km wieder eine Raststätte. Ich will nur kurz halten. Noch 20 km und ich hätte heute wenigstens 100 km erreicht, noch 30 km und ich hätte insgesamt 1000 km erreicht...
Am Ende: Abtakeln eines Fahrrads nach mehr als 40.000 kmIch sitze unter dem Strohdach. Immer wieder fegen glühend heiße Windböen herein. Weiterfahren unmöglich. Das bedeutet, ich kann frühestens in zwei, drei Stunden weiter fahren. Ich müsste dann die Nacht durchfahren, um nach 160 km spätestens um vier Uhr morgens am Flughafen von Khartum aufzuschlagen. Sechs Uhr ist Abflug. Käme irgend ein Defekt dazwischen und ich fände in der Nacht keine Mitfahrgelegenheit - flöge Egypt Air ohne mich. Challas. Aus und vorbei.
Ich beginne das Rad abzubauen (Foto links). Schon vor dem Hinflug habe ich mich darauf eingestellt, das Fahrrad in Afrika zu lassen. Der Transport nach Ägypten kostete dann noch 75 Euro und jetzt ist so viel an dem Rad zu erneuern: wirtschaftlicher Totalschaden. Ich lasse das Rad hier. Am liebsten hier an dieser Raststätte.
Triathlonlenker, Fahrrad-Computer, Ständer, die beiden Flaschenhalter, die Schlösser für den Korb montiere ich ab. Das Stand-Rücklicht vergesse ich, den Dynamo ebenfalls. Den Sattel setze ich runter. Die Jungs an der Raststätte versuchen sofort darauf zu fahren (Foto rechts). Gerade als ich um einen wackeligen Testfahrer bange, kommt ein Jeep mit einem westlichen Ausländer vorbeigesaust. Ich machen ihm Zeichen anzuhalten, doch sein Fahrer fährt weiter. Während ich die Arbeiten am Rad abschließe, melden mir die Jungs, der Wagen sei zurückgekehrt. „You need help or anything?“ Nicht direkt, aber ich suche eine Mitfahrgelegenheit nach Khartum. Das Fahrrad muss nicht mit. Ich kann mit.

Sudanesischer Junge fährt Fahrrad auf dem Desert-HighwayDas Rad lasse ich bei den Jungs, die das bis jetzt gar nicht in Erwägung gezogen haben. Doch ihre Freude währt kurz. Der Fahrer meiner Mitfahrgelegenheit meldet sein Interesse an dem Fahrrad an. Ich kann das schlecht ablehnen. 30 Sekunden vorher wäre alles einfacher gewesen. Ich mache mein Geschenk rückgängig. Das Rad kommt aufs Dach. Keine Ahnung, was Khaled damit machen wird.
Der Chauffierte ist Franzose, arbeitet für eine Consulting-Firma aus Dubai und ist für drei Monate bei MobiTel Sudan eingesetzt. In der Regel fliegt er an den kurzen Wochenenden nach Dubai zum Ausschlafen. An diesem Wochenende schenkt ihm das Unternehmen einen Wochenendausflug zu den Pyramiden. Das ganz normale Consulting-Leben.
Die restlichen, fehlenden 160 km bis zur Drei-Stadt Omdurman, Bahri (Khartum-Nord) und Khartum fliegen an uns vorbei. Eine Brücke führt uns über den Zusammenfluss von Weißem und Blauem Nil. Ein paar Meter weiter lässt sich der Franzose vor dem „Hilton Khartoum“ absetzen, zwei Hotels weiter, vorbei an dem angeblich von Gaddafi finanzierten "Mini-Burj", einem vielstöckigen runden Hotel, in dem die Gäste mit ihren Autos innen bis vor die Zimmertüren fahren können, verlasse ich den Wagen. Mein Rad rauscht auf dem 4WD davon. Nach 40000 Touren-km in knapp sechs Jahren. Ich schleppe meine fünf Gepäckstücke durch die Stadt zum legendären Blue Nile Sailing Club, an dem weit und breit kein Tourist, geschweige denn Motorrad- oder Fahrradfahrer, mit denen ich gern noch zum Abschluss geplaudert hätte, zu entdecken ist.
Kurz halte ich im Zentrum, das auf die Stromvermehrung durch den neuen Staudamm wartet. Ein Obstsalat unter Ohren betäubendem Lärm in einer Szene-Location bekommt halbwegs. Radlos werfe ich mich in das wie üblich überteuerte Taxi zum Flughafen.


Blauer Nil in Khartum - am Zusammenfluss mit dem Weißen Nil, Sudan
Blauer Nil in Khartum - am Zusammenfluss mit dem Weißen Nil


Epilog
Sonntag, 10.März 2007: Flug Khartum - Kairo - Frankfurt
Erst kurz vor der Landung spreche ich die auf der andern Seite des Ganges neben mir sitzende Sudanesin mit blauem Kopftuch an. Wir saßen uns schon die Nacht über vor dem Khartoum Airport gegenüber, dann im einzigen Wartesaal, in dem ich immer wieder eingeschlafen bin, danach in Kairo. Es ist ihre erste Reise nach Europa. Sieben Tage läuft ihr Visum. Der erste Tag ist schon vorüber. Die Firma Roche Diagnostics GmbH in Mannheim hat die Biologin zu einer Schulung geladen. 37 Jahre alt, „I am Single“. Ich geleite sie im B-Bereich des Terminal 1 durch die Passkontrolle, zum Gepäck-Fließband, am Zoll vorbei zu dem in Nadelstreifen erschienenen Mann mit dem Schild „Roche“. Good bye, Sudan!

Die Schilderung der vielen kleinen Schwierigkeiten könnte über eines hinweg täuschen: Es war eine wundervolle, großartige Fahrt. Ein traumhaftes Unternehmen. Wild, windig, sonnig, warm, heiß, sandig...


Route Assuan - Khartum



Blaue Linie = Touren-Route; Buchstaben = Start und Ziel der Etappen

Etappen Assuan - Wadi Halfa - Dongola - Karima - Khartum (26.2.-10.3.2007)

Details mit Geschwindigkeiten, Höhenmetern etc. als Excel-Tabelle

Tag Datum Start Zwischenstationen Ziel km
1. 26.2.2007 Assuan Assuan High Dam 17
2. 27.2.2007 Wadi Halfa Port Wadi Halfa 5
3. 28.2.2007 Wadi Halfa Wadi Halfa +86 km 86
4. 1.3.2007 Wadi Halfa +86 km Umweg Nil-Abstecher (28 km) Akasha +5 km 69
5. 2.3.2007 Akasha +5 km Abri - Suarda - Fähre Sedeinga +6 km 92
6. 3.3.2007 Sedeinga +6 km Soleb - Sesebi - Fähre Delgo +3 km 82
7. 4.3.2007 Delgo +3 km Kerma - Deffufa Kerma +20 km 84
8. 5.3.2007 Kerma +20 km Selim - Fähre Dongola +15 km 80
9. 6.3.2007 Dongola +15 km Debba -6 km 135
10. 7.3.2007 Debba -6 km Abu Dom - Taxi - Nuri - Fähre Karima 52
11. 8.3.2007 Karima Jebel Barkal - El Kurru - Fähre Tangasi +62 km 84
12. 9.3.2007 Tangasi +62 km Abu Dom Abu Dom +65 km 103
13. 10.3.2007 Abu Dom +65 km [Abu Dom +145 km] - [160 km Autotransport] Khartum 80
Summe 969

Good bye, Staiger-Rad: Deine Spuren im Sand...
Good bye, Staiger-Rad: Deine Spuren im Sand...

Zur ganzen Tour: Assuan - Khartum (969 km ) Feb./März 2007


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