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“All we are is dust in the
wind“
Dienstag, 6. März 2007: [Dongola +15 km] - [Debba -6
km] (135 km) Mir ist ein bisschen schlecht. Ich hab Wasser ganz
unterschiedlicher Herkunft getrunken, teils ohne Micropur, teils sehr warm
durch das täglich wärmere Wetter. Heute war es richtig heiß. Einen
Teil des Tages verbrachte ich einen Schlauch wechselnd im Schatten. Bei
der Hitze lösen sich die Flicken, die auf anderen Flicken sitzen. So
beschäftigt mich immer wieder der doppelte Schnitt von der
Hunde-Verfolgung bei Akasha. Am Morgen quälte mich ein anderer
Schlauch. Beim Aufpumpen war am Vorderrad der Schlauch am Ventil gerissen.
Da waren’s nur noch drei. Ein anderer wollte sich partout nicht aufpumpen
lassen. Nachdem ich ihn mit dem allerletzten Rest heimischer
Vulkanisierungsflüssigkeit geflickt hatte. Nehm ich den andern, den
ich mit dem in Kerma erworbenen taiwanesischem Vulkanisierer geflickt
habe. Der löst sich, nachdem ich die Pause 90 km südlich von Dongola mit
kühlen Softdrinks bewältigt habe. 40 km vorher endete die Asphaltstraße.
Aber die Trasse ist durchgehend präpariert und in unterschiedlichen
Stadien der Fertigstellung. Ich komme schneller voran. Durch den
dauerhaften Abstand zum Fluss ist der Erlebnisfaktor gesunken. Aber die
Quälerei im Sand steckt mir zu sehr in den Knochen, um zur Ufer-Strecke
zurückzukehren. Immer wieder asphaltierte Teilstrecken, immer wieder
Barrieren für deren Benutzung. Die lassen sich mit dem Rad leicht
umkurven. An vielen Stellen wird gebaut. An einer komme ich mit einem
Süd-Sudanesen ins Gespräch. Rund 600 Dollar verdient er nach eigenen
Angaben hier als Gastarbeiter. Leider wird die Kieselmasse, die sich durch
die Baustelle zwischen Rad und Schutzblech befindet, während unseres
Gesprächs FEST. Extra-Strafe: 20 Minuten säubern. Der nächste
Bauarbeiter. Ein Thailänder mit einem Ein-Jahres-Vertrag. Die heißesten
Monate stehen ihm noch bevor. Auf seiner Hose prangen lauter hebräische
Buchstaben - ein unübersehbares israelisches Signet. Meine dezente Frage,
wo er die Hose her hat, ignoriert er. Zu direkt will ich nicht sein. Es
ist grotesk und irrelevant zugleich. Kein Pass mit hebräischen Buchstaben
bekommt ein sudanesisches Visum, er dagegen stolziert in zionistischen
Klamotten über die sudanesische Großbaustelle.
 Esel-Parade: Yalla!
Durch die Beschäftigung mit den Beschaffenheiten der
Straße und den Befindlichkeiten ihrer Erbauer versäume ich einen Abstecher
auf die andere Nil-Seite nach Alt-Dongola. Christliche Fresken und
Kirchen-Ruinen aus dem Mittelalter - die Fotos sind
verheißungsvoll. Begrüßt hat mich am Morgen ein kleines Tierchen, das
beim Öffnen aus meinem Rucksack hopste. Von Tag zu Tag werde ich
vorsichtiger rund um mein Nachtlager. Es wird auch immer schwerer,
unbemerkt mein Lager aufzuschlagen. Heute haben mindestens zwei Leute
mitbekommen, wie und wo ich schlafe. Meine Fahrradspuren sind in der
sandigen Umgebung leicht zu verfolgen... Zwölf Stunden Dunkelheit jede
Nacht sind eine lange Zeit. Die kleine Taschenlampe kann und soll nicht
ewig brennen. „Out of the dark - hörst du die Stimme, die dir sagt: Into
the light!” (Falco, postum veröffentlicht 1998) Tagebuch schreibe ich
häufig blind im Dunkeln. Jeden Abend eine Din A 3 Seite, die Rückseite der
Straßenkarten-Kopien. Heute Abend lässt mein Elan jäh nach. Innerhalb
kurzer Zeit liege ich im Schlafsack. Ohne Abendessen, ohne
Ein-Liter-Dusche, kein Schlafanzug, kaum Tagebuch. Liege ich da. “I close
my eyes. Only for a moment, then the moment's gone.” Der Himmel dreht sich
über mir und in mir. „All my dreams: Pass before my eyes, a curiosity.”
Ich kann den Nil sehen mit seinem Palmen-, Lichter-, Häuser-Saum. Die
Menschen sind elend weit weg. “We're just a drop of water, in an endless
sea. All we do just crumbles to the ground, though we refuse to see: Dust
in the wind.” Wenn mir noch schlechter wird? geworden wäre in den einsamen
Regionen des Nordens? „It could all end instantly as you will see. Time
waits for no one, it just moves on.” Ich schlafe ein. Und schrecke immer
wieder auf. Der ganze Körper rebelliert. Atmen ist die Therapie. “Life's
too short brothers and sisters… Don't hang on. Nothing lasts forever, but
the earth and sky it's there always. And all your money won't another
minute buy. Dust. . . all we are is dust in the wind.” (Kerry Livgren,
Kansas, 1977)
Taxi, Pyramiden,
Fähren-Zusammenstoß und ein prächtiges Hotel
Mittwoch, 7. März 2007:
[Debba -6 km] - Abu Dom - Taxi - Nuri - Fähre - Karima (52 km) Als
ich endgültig aufwache - ist alles überstanden. Der Körper gereinigt. Wie
neu. Bleiben die Reparaturen. Heute Problem Nr. 1: die Kette. Sie reißt
schon nach wenigen Metern und dann immer wieder. Genauer: ein Kettenglied,
vermutlich das unter fachmännischer Assistenz vor kurzem zusammen
gebastelte, löst sich. Der Pin rutscht immer wieder raus. Gut, dass ich
seit einiger Zeit einen Kettennieter dabei habe und neulich erste
Erfahrungen gesammelt habe. Insbesondere, wie schnell der Pin des Nieters
abbricht. Und damit das ganze Gerät zu Konsum-Schrott wird. Von Mal zu
Mal hält’s besser. Vor allem nachdem ich den Pin endgültig verloren habe
und ich einen meiner drei Reserve-Pinne montiere. Die letzten
Kilometer bis zum Beginn des Desert Highways sind mühsam. Der Nil führt in
einem großen Bogen nach Nord-Westen und mich damit in den
Gegenwind-Bereich. Abgekämpft erreiche ich nach 40 km die
Hütten-Restaurants an der T-Junction (Foto rechts). Joghurt mit Zucker
avanciert zu einer wichtigen Nahrungsquelle. Und Limo. Gegessen habe ich
schon länger nicht mehr richtig. Sieben geschmierte Schmelzkäse-Kniften
fahre ich seit gestern Morgen spazieren. Ich könnte die 303 km
Wüsten-Highway nach Khartum runterspulen. Und käme zügig zum Ziel. Ich
will aber Pyramiden sehen. Ein Abstecher nach Karima ist zu verlockend.
120 km. Der Plan: Hinfahren - gegen den Wind - im Taxi. Zurück von
Pyramide zu Pyramide radeln. Als ich nach angemessener Pause wieder
transportfähig bin - jeder Tag ein neuer Hitzerekord; mittags kann ich
nicht mehr radeln - frage ich einen Pick-Up-Fahrer, ob er Richtung
Nord-Ost fährt. Natürlich fährt er, alle Pick-Up-Fahrer sind Taxi-Fahrer.
Und für mich sowieso. Wie viel das denn koste? 150 sudanesische Pfund.
Mein Problem: Ich will nicht so viel zahlen und in Pfund kann ich gar
nicht. Ich biete 50 Dollar, umgerechnet 100 Pfund. Das akzeptiert
Hassan, mein zukünftiger Chauffeur, ziemlich schnell, nachdem ich ihn vom
Wechselkurs überzeugen kann. Die Frage ist nur die Stückelung.
Inzwischen sind wir von einer Traube anderer Fahrer und potentieller
Passagiere umgeben. Was die Verhandlungen nicht erleichtert. Trotzdem
gelingt es uns, uns auf Halb und Halb zu einigen. 25 Dollar und 50 Pfund.
Ein paar Pfund muss ich unbedingt behalten, da ich nicht weiß, wo ich -
wenn überhaupt - noch mal Tauschen kann. Das langwierige Verhandeln
bedingte aber, dass ich mein Geld bereits komplett übergeben habe. Was mir
nur noch begrenzte Druckmittel lässt. „Don’t pay the ferryman. Don’t even
fix a price. Don’t pay the ferryman. Until he gets you to the other side.“
(Chris de Burgh; 1982) Meine Vorstellungen sind denkbar einfach: Er hat
gutes Geld bekommen, das Fahrrad kommt hinten auf die Ladefläche, ich
sitze auf dem Beifahrersitz und wir sind in spätestens zwei Stunden am
Ziel. So meine Vision nach sieben Tagen Unabhängigkeit im Sattel.
Danach sieht es zunächst auch aus. Allerdings fährt er erst einmal in
die falsche Richtung. Es geht, na logo, erst mal zur Tankstelle. Eine
geradezu professionelle, im Vergleich zu den Bretterbuden am Straßenrand,
in denen aus dem Barrell heraus das Zeug literweise in Tank oder Kanister
gefüllt wird. 1,50 Pfund (rund 60 Euro-Cent) kostet das. Der Tross des
gesamten fahrenden Gewerbes ist uns die paar Meter gefolgt.
Hassan, so viel ist klar, ist
Euphoriker. Ein Hans im Glück. Das zeigen sein Blick und seine Gangart an.
Sein Glück scheint ihm allerdings noch nicht ganz vollkommen, weil er nun
ein paar Dollar-Scheine besitzt, von denen er nicht weiß, was sie ihm im
Leben noch bringen werden. Immer wieder zieht er jemanden zu Rate. Jene,
die ich nicht für die Vertrauenswürdigsten halte. Die Scheine wechseln
mehrfach von Mann zu Mann. Kritische Blicke. Sind die echt? Mitten im
Gemurmel heißt es plötzlich, ich solle Hassan verlassen und bei einem
andern mitfahren. Auf dessen Pick Up sind aber Sitze samt Dach montiert,
da oben drauf soll mein Radl. Ich lehne ab. Sie lenken ein. Es scheint
loszugehen, da setzt sich grad noch einer hinten drauf zu meinem Fahrrad.
Und natürlich müssen wir noch zwei, drei Leute aus der Umgebung abholen.
Die wollen allerdings offensichtlich nicht zu den Pyramiden von Nuri.
Denn schon nach wenigen Kilometern biegt Hassan von der schönen
Asphaltstrecke ab und rumpelt Richtung Nil, der dank weitsichtiger
Verkehrpolitik recht weit von der Straße entfernt ist. Ich habe den
Premium-Blick vom Beifahrer-Sitz aus durch eine zersplitterte Scheibe, die
durch einen Einschlag in Höhe meiner Nase in genau 30 etwa gleichgroße
Schnitze gesprengt ist. Zwischen Karosserie und Decke stecken farbgleich
mit dem altweißen Wagen 17 Musik-Kassetten. Die Hassan in seiner Euphorie
spätestens nach dem Ende eines Titels wechselt. Schließlich sind wir
auf einem Platz, an dem zwei uniformierte Domino-Spieler sitzen. In
blau-weißen Uniformen, was dem ganzen fast den Cholorit einer Uno-Einheit
gibt. Einer unserer, meiner (?) Fahrgäste beschwert sich bei den
Uniformierten über eine Beinverletzung. Wie häufig geht das relativ
schnell in ein lautstarkes Streitgespräch über. Meine Zeit rinnt
unterdessen dahin. Auch ein Foto von zwei ins Strohdach gesteckten
Zahnbürsten - symptomatisch für die sudanesische Liebe zu einem
ausgedehnten Putzen ihrer meist schneeweißen Zähne - kann mich nicht
wesentlich erheitern. Ich dränge auf Eile. Als wir schließlich
wegkommen, bleiben die anderen zurück. Hätten wir auch früher machen
können, denkt da ein rationaler Westler emotional. Was nicht bedeutet,
dass wir nicht noch hier und da ein paar Fahrgäste auflesen, die alle
Hassan in bester Stimmung vorfinden. Nur eben die Dollar-Scheine... Bei
- gemäß Kilometer-Markierung - ziemlich genau einem Drittel der Strecke
halten wir an einer kleinen Raststelle. Auch hier Imbiss, Limos und
Wasser-Amforen. Mit großer Theatralik öffnet Hassan die Motorhaube und
beginnt mit dem kühlen Wasser zu hantieren. Wie der Zufall es will, ist
der Fahrer mit seinem Puck-Up-Dach auch bald an seiner Seite. Plötzlich
soll ich wieder umsteigen. Ich werde etwas ernster und kratze meine
Arabisch-Kenntnisse zusammen zu einem dramatischen „Nuri (so heißt unser
Zielort mit den Pyramiden) challas.“ Was so viel heißen soll wie "Mir
reicht’s und wir fahren jetzt endlich nach Nuri". Dass meine Worte rundum
verstanden werden, entnehme ich den erfuhrchtsvollen Wiederholungen, die
meinen Worte in der Runde zuteil werden. Gleichwohl gibt Hassan zu
bedenken, sein Wagen schaffe es einfach nicht über die ganze Strecke (von
- wie bekannt - 120 km). Ich ergebe mich in die scheinbaren Sachzwänge und
beginne das Gepäck umzuladen - mit der Absicht allerdings, mein Rad in der
Passagierkabine und nicht auf dem Dach unterzubringen. Bevor ich noch
die zweite Hälfte meiner inzwischen durch das ein oder andere Loch
dezimierten Wasserflaschen-Armada von dem Beifahrersitz räumen kann, sitzt
bereits jemand da und fuhrwerkt in meinen Klamotten rum. „Raus da!“ sage
ich nun in leicht verständlichem und schnell verstandenem
onomatopoetischem Deutsch, das sich schon gelegentlich bei ähnlichen
Gelegenheiten bewährt hat.
 Nuri: Chris on the Pyramids
Noch bevor ich beginne, das Fahrrad zu transferieren,
heißt es wieder: Kommando zurück. Die beteiligten zehn Personen konnten
sich nicht über die Aufteilung meines Geldes einigen. Vermutlich waren die
Dollar-Scheine eine unüberwindliche Hürde, denn zwischendurch musste ich
nochmals bestätigen, dass fünf Dollar ziemlich genau zehn Pfund
entsprechen. Wie durch ein Wunder fährt Hassans Toyota fehlerlos
weiter. Als ein Passagier mit zehn Pfund zahlt, bittet Hassan mich um
Wechselgeld, um gleich darauf einen weiteren Fünf-Dollar-Schein wieder in
zehn Pfund bei mir zu tauschen. Da waren’s nur noch vier bei ihm, und vor
allem bei mir fast keine Pfund mehr. Wir sind da. Und ein letztes Mal
versucht Hassan mir meine Dollarscheine wieder anzudrehen. Danke Hassan.
Es war ein Erlebnis. Vier Stunden lang. Und ich weiß die Vorzüge des
Radfahrens noch mehr zu schätzen. No hassle.
Praktischerweise liegen die
rund 20 Pyramiden von Nuri gleich am Parkplatz neben dem Krankenhaus. Wie
gleichgültig dahingestellt, weil da grad Platz war. Sie sind ein
bisschen versandet. Ich muss mein Fahrrad kräftig schieben. Fahrrad und
Pyramide: das könnte ein schönes Bild geben in der bald unter gehenden
Sonne. Während ich mit dem bewährter Maßen stets eingesunkenen Hinterrad
kämpfe, nähert sich ein Quasi-Uniformierter und möchte mein
Besichtigungs-Permit sehen. Psychologisch ist es für Touristen schwer
einzusehen, für den Blick auf ein nicht eingezäuntes Gräberfeld Geld zu
zahlen. Zumal wie stets zehn Dollar. Ich erkläre gleichwohl meine
Bereitschaft, zehn Dollar zu zahlen, sofern ich ein entsprechendes
offizielles Ticket bekomme. Der Junior-Soldat dreht ab und ist bald
zurück mit seinem Paten. Der hat immerhin ein Signet an seiner Uniform.
Ich bleibe skeptisch. Möchte einen Ausweis sehn. Der sei im Büro. Das ist
das psychologische Hauptproblem: Es gibt hier kein Cashier. Wie in Kerma
z.B. Als ich ein Foto von dem älteren Soldaten schießen will - häufig
eine erfolgreiche Strategie, um Forderungen auf das wahre Maß zu
reduzieren - und er einwilligt, zahle ich zehn Dollar. Das Ticket
verspricht er mir in seinem Office. Dahin mag ich mich durch den Sand
jetzt nicht zurückkämpfen. (Ich werde es niemals bekommen.)
Mein Fahrrad und ich haben die Pyramiden für uns allein. Das
größte Grab, das von Taharqa, dem mächtigsten Pharao der 25. Dynastie, ist
nur noch begrenzt als Pyramide zu erkennen. Einige andere noch fast
perfekt mit ihren braunen Quader-Steinen. Schönes Gräberfeld.
Geometrie-Unterricht schwingt mit. Die Pyramide hat was Perfektes,
Aufgeräumtes, Vollendetes. Der Schlusspunkt ist absehbar, berechenbar,
endgültig, unveränderbar, unvermeidlich. Jeder Schlusspunkt. Wäre
nicht die leidige Eintrittsgeld-Diskussion gewesen und lockte nicht das
andere Nil-Ufer mit dem luxuriösen Nubian Rest House, könnte ich hier eine
wunderbare Nacht im Sand zwischen den Mega-Sarkophagen ruhen. Auch das 20
km entfernte Kloster Ghazali, aufgegeben im elften Jahrhundert,
reizt. Ich will versuchen, ans andere Ufer zu kommen. Auch wenn
erfahrungsgemäß jetzt zum Sonnenuntergang die allerletzten Fähren fahren.
Die Entfernungsangaben in Paul Clammer’s Guide stimmen mal wieder
überhaupt nicht. Kilometerlang husche ich über die Sandwege durch die
üppig quellenden Palmengärten Richtung Flug, mich hier und da im
Halbdunkel weiter fragend. Endlich erreiche ich den Fluss. Im letzten
Licht sehe ich einen Jungen im Wasser schwimmen. Ein paar andere hängen
noch herum. Bringt mich einer rüber mit dem Motorboot? Keine große
Begeisterung. Mit einem von ihnen habe ich mich schnell auf zehn Pfund
(rund vier Euro) geeinigt, wovon mich auch längere Nachverhandlungen nicht
mehr abbringen können. Also hauen alle Jungs bis auf meinen Ferryman ab.
Wir stapfen über das an dieser Stelle weite Sandfeld zum Boot. Schon das
Einsteigen ist ein Vabanque-Spiel. Ich bin zu müde, die Gepäckstücke
abzunehmen und einzeln einzuladen - wohl wissend um die Instabilität des
Korbes, in dem neben meinem Rucksack auch alle Wasserflaschen stecken.
Über die Spitze des Bootes manövrieren wir das Rad samt Gepäck in den Bug.
Für einen Moment scheint der Rucksack samt Flaschen bordüber zu gehen. Der
Expander hält. Ich, inzwischen barfuß im Nilwasser, steige nach und das
Fahrrad steckt erratisch in der Spitze, das Gepäck bedrohlich über alle
Ränder. Auf halber Strecke kommt von links ein Ruderboot quer mit drei
Jungs. Irgendetwas rufen sich die Fährmänner zu. Und schon rammt das
Ruderboot die Spitze unseres Bootes mit voller Wucht. Wieder ist es um ein
Haar um mein Reise-Hab und -Gut geschehen. Nur die Kamera hatte ich
vorsorglich in die Hosentasche gesteckt. Ich fühle mich zu einem F-Wort
berechtigt, was nicht wesentlich zur Deeskalation beiträgt.
Zugegebenerweise bin ich auch in einer vergleichsweise hilflosen Lage.
Ganz unabhängig davon entschuldige ich mich sofort. Doch der Ruderer,
dessen beiden Fahrgäste inzwischen zu uns umgestiegen sind, ist nur noch
mit alle Mann gemeinsam zu besänftigen. Seine beiden Ex-Fahrgäste sind
eine große Hilfe beim Stemmen des Rads aus dem Boot hinaus und die etwa
zehn Meter hohe Lehm-Böschung am andern Ufer hinauf. Dann stehe ich im
Dunkel vor ein paar Rohöl-Tanks. Ich folge einigen schwachen Lichtern und
erreiche das Zentrum von Karima. Acht Dollar wollen sie hier für eine
Stunde Internet. Ich habe sowieso eigentlich weder Zeit noch Nerven
dafür. Niemand hat von dem italienisch geführten Nubian Rest House
gehört. Ich folge dem Stadtplan von Paul Clammer, der nur so halbwegs
zutreffend ist. Ich frage, frage, frage, gerate an einen Forst-Studenten,
der sich mit den südsudanesischen Tropenwäldern und mit dem weltweiten
Baumbestand überhaupt beschäftigt. Er will mir erst nur die Richtung
zeigen, bringt mich aber schließlich bis zum Eingangstor. In der
Dunkelheit um viele Ecken herum ist das nahezu nicht allein zu finden
(Foto bei Tageslicht; dann ist es einfacher). Während mein Führer schon
erkleckliche 95 Dollar als Preis für Übernachtung und Frühstück angibt,
startet die dynamische Hotelmanagerin Delfina aus Peru bei 175 Dollar,
inkl. Abendessen. Zugegeben, es ist eine traumhafte Umgebung. Ein
Garten-Hotel, in das ich mit meinen seit neun Tagen getragenen Klamotten
und acht in der Wüste verbrachten Nächten nicht so recht reinpasse.
Vielleicht bekomme ich deshalb nach telefonischer Rücksprache mit
Hotelchefin Helena in Khartum für 100 Dollar Zimmer mit Frühstück und
Abendessen, für das ich mich aber erst mal dusche. DUSCHE! Um 21 Uhr
beginnt das Dinner, das eine kleine italienische Reisegruppe grad beendet.
Incl. Suppe und Erdbeer-Eis. Ich habe seit zwei Tagen kaum etwas gegessen.
Ein Traum. So wie die großzügigen Zimmer in nubischem Stil. Waschnacht.
 Das Nubian Rest House in Karima - vom
Jebel Barkal aus gesehen
Der Wünschelroutengänger am heiligen Jebel
Barkal
Donnerstag, 8.März 2007:
Karima - Jebel Barkal - El Kurru - Fähre - [Tangasi +62 km] (84
km) Der Traum geht weiter: Frühstück. Literweise Mangosaft, Kuchen,
Omelette, Pfannkuchen, Marmelade, Käse, Brot, Milchkaffeee. Ich lasse es
langsam angehen. Alles ist schließlich gewaschen, geputzt, gesäubert,
überholt. Ich fühle mich ganz neu am Start. Lasse das Rad zunächst stehen,
denn der heilige Jebel Barkal erhebt sich direkt vor dem Hotel und ist
laut Guide von dieser Seite am besten zu besteigen: „in 20 minutes“. Ich
bin - langsam gehend - in neun Minuten oben. In der Tempelanlage sehe
ich von oben die italienische Gruppe und etwas abseits Archäologen bei der
Arbeit (Foto links). Da dürften Deutsche dabeisein. Auf der West-Seite
wieder Pyramiden, noch stiller, noch besser erhalten, umschlossen
neuerdings von dem Asphaltband einer Umgehungsstraße. Bis ich unten
bin sind die Italiener weg und die Archäologen haben Mittagspause. Ich
lasse mir noch die Malereien im Tempel der Himmelsgöttin Mut, der Braut
Amuns, zeigen. Dann müssen die Archäologen wieder ran. Judith und Jana
studieren an der Berliner Fachhochschule für Technik und Wirtschaft
Grabungstechnik bei Professor Kay Kohlmeyer, sind fünf Wochen hier und wirken relativ
frustriert.
Ulli, Berliner
Archäologie-Studentin, ist fünf Monate hier, zieht einen Tonkrug aus dem
Dreck und erklärt kurz und knapp: „Das ist alles von 593 v.Chr. Da ist die
Brandschicht und damals wollten die Ägypter den Nubiern ein für alle Mal
klarmachen, dass sie nie wieder nach Norden ziehen sollen.“ Ihrem
Grabungsleiter aus Boston vermeldet sie, dass die lokalen Helfer jeden Tag
zehn Minuten später aus ihrer Mittagspause zurückkehren, was der
schweigend registriert. 150 Meter weiter findet unter einem grünen
Touri-Hut eine Art Wünschelruten-Gang statt. Physiker Thomas Goldmann
wandert mit seinem Geomagneten systematisch über ein mit Wäscheleinen
abgestecktes künftiges Grabungsfeld (Foto rechts). Das Gerät kann an den Abweichungen vom natürlichen Magnetfeld den Verlauf von Mauern erkennen lassen. Und das
durch mehrere Schichten hindurch. Nur muss der Physiker stetig weiterwalken
und ich auf Distanz bleiben, um die Messwerte nicht zu verfälschen - was
das Fachsimpeln über seine Fahrrad-Touren zwischen Schwarzem und
Mittelmeer nicht völlig unmöglich macht.
Zurück im Hotel treffe ich
Delfina. Ihr Versuch, bei der Post Briefmarken zu kaufen, scheiterte. Der
Mann mit dem Schlüssel für den Briefmarken-Schrank ist nach Khartum
gereist. Karima ist deshalb auf absehbare Zeit ohne Briefmarken. „Typisch
Sudan“, meint die schwarze Delfina, die bald mit ihrem italienischen Mann
in Peru leben wird. Ich breche in der Mittagshitze auf. In der die
Fahrrad-Kette noch vor Erreichen der Pyramiden am Jebel Barkal (Foto links
und rechts) reißt. El Kurru liegt doppelt so weit südlich wie von Paul
Clammer angegeben. Nur die erste Hälfte der 25 km ist asphaltiert. Die
zweite dafür schöner (Foto links). Langsam ziehen Schönwetterwolken auf,
sodass die Hitze etwas nachlässt. Bevor ich mir vom offiziellen
Ghaffar mit einem offiziellen Zehn-Dollar-Ticket aus Karima die beiden
Gräber von El Kurru zeigen lasse, steht eine unglaublich schöne, junge,
gepflegte, schwarze Frau vor mir. Mit gelbem Umhang, Kopftuch, großem Ring
im Ohr. Ich frage, ob ich sie fotografieren kann. Sie versteht nicht
recht. Ich lasse mich von der Eile des Ghaffars von dieser Szene
wegdrängen.
Stattdessen fotografiere ich
später drei andere Mädchen. So wie schon häufiger sind sie gleichzeitig
ganz locker und happy, andererseits aber auch ängstlich und skeptisch. Und
sie wollen eine Belohnung. Ein paar Sweets machen sie glücklich.
Dazwischen die letzte Fahrt über den Nil. Mit einer Autofähre.
Roll-on, roll-off ist hier unbekannt. Die Fahrzeuge müssen rückwärts aufs
Schiff rollen. Wehmut kommt bei mir auf. Was für ein Fluss, was für ein
Geschenk an die Menschen, an die Menschheit! So behäbig fließend wie die
Bewegungen des Nil-Pferds. Dann jage ich über den Asphalt. Alle paar
Kilometer einige Soft-Drinks einwerfend. Es sind noch mehr Shops und
Cafés, als ich bei der Taxifahrt gesehen habe. Einmal ist die Limo noch in
der Flasche gefroren. Durch Wechselbäder mit wärmerem Wasser schleuse ich
sie in meinen Mund. Habe nachher eine Zeitlang Erkältungssymptome im Hals.
Hals zu kalt voll gekriegt.
Als es dunkel ist, halte ich
an einer Raststätte, die sehr nett wirkt (Foto unten). Mit weitem
Strohdach über einem ummauerten Platz. Drei, vier Jungen sind im Einsatz.
Sehr diszipliniert und höflich. Einer ist für die Getränketruhe zuständig,
die er immer wieder für einen weiteren Getränkewunsch von mir aufschließt.
Auch die Kinder beten. Allerdings nacheinander. Vielleicht, weil sie nicht
alle einen eigenen Gebetsteppich haben. Schließlich kündigt mir einer
der Jungs an: „Nur challas.“ - Mit dem Licht ist es gleich vorbei. Um halb
zwölf wird der Generator abgeschaltet. Ich bleibe der netten Atmosphäre
wegen hier. Bekomme eine Liege unter dem Strohdach. Der Junge überzeugt
sich davon, dass ich eine Taschenlampe habe und stellt mein kleines
Tischchen samt Stuhl an meine Liege. Laila Saida.
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