 Foto Special: Zehn
Wüsten-Nächte
Kinder nehmen schreiend Reißaus
Donnerstag, 1.
März 2007: [Wadi Halfa +86 km] - Umweg Nil-Abstecher (28 km) - [Akasha +5
km] (69 km) Gut geschlafen. Um halb vier aufgewacht. Trotz relativ
windgeschützter Stelle weht kalter Wind ums Resthaar. Die Sudanesen
mummeln sich immer rundum ein mit ihren Decken. Auf dem Schiff wär ich
beinah auf die unförmig herumliegenden Decken getreten. Mache ich es ihnen
mit Schlafsack und Kefije nach.
Der Mond erleuchtet alles.
Als er untergeht, steht schon das Morgenrot über mir. Ich stehe mit der
Sonne auf. Um neun Uhr komme ich los. Es sind doch noch vier, fünf km bis
zur Wasserstelle mit Restaurant. Ich spreche kurz mit dem Besitzer, mag
aber nicht so kurz nach dem Aufbruch pausieren. Habe auch reichlich
Vorrat. Die Strecke gabelt sich jetzt immer wieder in vielerlei Spuren,
die bald wieder zusammen führen. Grundregel: Im Zweifelsfall rechts
halten, denn da kommt irgendwann der Nil. Und bei Tages-km 20,3 liegt er
vor mir, eingefasst in Palmengrün, davor ein Dorf (Foto rechts). Laut
Streckenbeschreibung ist es ein bisschen früh für den Nil. Erst viel
später soll die Straße wieder zum Fluss führen. Ich rolle holpernd ins
Dorf. Die Kinder nehmen Reißaus und rennen schreiend in ihre Häuser. Einer
meint, da vorn gehe es weiter. Dafür will er gleich Geld haben. Inzwischen
kommen sie aus allen Häusern zusammengelaufen. Halten aber einen
Sicherheitsabstand zu mir. Einer der Dorfältesten wird zu mir
geschickt. Er erklärt mir, ich müsse zurück fahren zur Hauptstraße. Ich
habe keine Ahnung, wann ich die verlassen habe. Bin unentschlossen. Ob die
Dörfler richtig einschätzen können, ob ich mit dem Fahrrad nicht doch am
Ufer entlang ganz gut weiter fahren kann. Doch die Warnung ist
eindringlich. Ich kann es nur schwer akzeptieren, aber trete
schließlich den Rückzug an. Nach 14 km komme ich an die entscheidende
Kreuzung. Auf den letzten Metern sehe ich die Spuren von zwei Motorrädern.
Das müssen Ekki und Andrew gewesen sein. Offensichtlich sind sie mir
zunächst gefolgt. Vermutlich haben ihre GPS-Geräte Alarm geschlagen. So
haben sie frühzeitig umgedreht. An der entscheidenden Kreuzung habe ich
- von einer der Nebenspuren kommend - die Hauptstrecke, die meist am
wellblechigsten ist, gekreuzt, in der Annahme, dass auch hier nur eine
Variante ist, die bald wieder zurück führt. Ein Irrtum, der mich fast
einen halben Tag gekostet hat.
Jetzt also auf der
Wellblech-Piste oder Waschbrett-Piste weiter. Der Lehm hat mit der Zeit
quer zur Fahrtrichtung Wellen gebildet und so eine Art Waschbrett
geschaffen. Wie solche "Washboard Roads" entstehen hat jetzt Nicolas
Taberlet von der University of Cambridge in einem wissenschaftlichen Experiment (oder im Englischen Original) untersucht: Danach bilden sich
feste Wellen erst ab einer Geschwindigkeit von 5,4 km/h. Solange ich fahre
und nicht schieben muss, bin ich etwas schneller, obwohl ich bei dem
steten Auf und Ab schon deshalb langsam fahre, um mein Fahrrad zu schonen.
Die Ausweichrouten sind meist versandet. Mit dem Rückenwind erreiche ich
trotzdem gelegentlich 20 km/h. Durchschnitt heute: 10 km/h. Plus Pausen.
In diesem Strecken-Abschnitt ist von Straßenbau weit und breit nichts
zu sehen. Nur vier Fahrzeuge begegnen mir in acht Stunden Fahrt, bevor ich
bei Akasha dann doch noch an den Nil komme. Ich halte an der Wasserstelle
und schon füllt einer der Männer eine meiner Wasserflaschen. Das Wasser
ist trüb. „Mango Juice“ nennt es einer der Rad-Blogger deshalb. Ich will
es ja auch nur zum Duschen nutzen. Beim Verlassen von Akasha verfolgt
mich ein Hund, bellend. Ich beschleunige. Die Strecke macht’s möglich. Bis
ich über eine Bodenwelle haue. Zu viel für meinen gestern erst eingelegten
neuen Schlauch am Hinterrad. Er ist sofort platt. Zwei relativ lange,
parallele Schnitte (Foto rechts). Ich versuche es mit einem einzigen
Flicken. Ein Bauer hilft beim finalen Aufpumpen. Noch fünf Kilometer fahre
ich weiter, bis ich abseits in einem schmalen trockenen Bach-Bett, eine
halbwegs windgeschützte Stelle finden. Zelt-freies Campen Teil 2 (Foto von
dieser und den andern neun Wüsten-Nächten hier).
Göttliche
Nil-Überfahrt bei untergehender Sonnenscheibe
Freitag, 2. März 2007: [Akasha
+5 km] - Abri - Suarda - Fähre - [Sedeinga +6 km] (92 km) Bestens
geschlafen. Wache aber neben plattem Reifen auf. Der Flicken deckt nicht
hundertprozentig. Kommt noch einer drauf. Schreck am Morgen: Aus der
Tip-Top-Vulkanisier-Tube kommt fast nur noch Luft. Bekomme mühsam ein
bisschen Kleber zusammen. Vielleicht reicht es noch ein einziges Mal. Und
nur noch ein Schlauch in Reserve. Das kann knapp werden. Zum Glück hält’s
heut erst mal. Ich sehe frische Radspuren. Offenbar habe ich die
beiden mir entgegen kommenden Radler, von denen mir die zwei deutschen
Motorradfahrer in Wadi Halfa erzählten, über Nacht verpasst. Es geht 20
km durch Bergwüste. Am Fuß des letzten großen roten Felsmassivs wieder ein
Dorf: Ferka. Zieht sich lang hin. Viele bitten mich anzuhalten. Einfach
so. Die Häuser sind meist um einen ummauerten Hof gebaut. Durch das offene
Tor sehe ich gelegentlich sauber gepflegte Innenhöfe. Die Straße ist
müllfrei. (Ich sammle meinen Wüstenmüll in einer hinter mir klappernden
Plastiktüte.) Jetzt ist das Ostufer fast durchgehend besiedelt. Flache
Lehmhäuser. Fast übergangslos erreiche ich Abri. Die erste „Stadt“ ist zu
erkennen an einem Zentrum voller Läden. Die sind weitgehend geschlossen.
Freitag. Ruhetag. Lautsprecher übertragen die Predigt aus der Moschee ins
Freie.
Orangen, Gurken,
Erdnusscreme, Käse, Kekse. Nur Wasser hat keiner zu verkaufen. Alle weisen
nur zu den Tonkrügen vor vielen Häusern. Peu à peu nähere ich mich dem
Gedanken, doch den „Mango Juice“ zu trinken. Fülle mal prophylaktisch alle
Flaschen und hau noch ne Tablette Micropur rein. Zwei Stunden warten. Und
es schmeckt phantastisch. Es bekommt phantastisch. Eine weitere
Magen-Probe: mein erstes sudanesisches Essen. In einem Hof sehe ich
Geschirrberge, viele Frauen, die sie spülen und viele Mädchen spielen. Ich
frage, ob ich hier was essen könne. Kann ich. Entega kommt mit einem
Riesentablett mit Brot, Karotten, Nudeln und dem unvermeidlichen Foul, an
das ich mich auch nach der vierten Ägypten-Reise nicht gewöhnen mag.
Trotzdem ein super Menü. Bei dem bald 20 Mädchen an mir und meinem Stuhl
hängen. Zahlen darf ich nix. Entegas Schwester heiratet heute, das
Festmahl ist beendet und das Epizentrum der Feier ist mit der Braut zum
Bräutigam und den Männern gewandert. Nach Ferka war die Straße besser,
nach Abri wird sie wieder schlechter. Kinder wollen mich anhalten, werfen
auch mal einen dicken Stein hinterher. Wollen gelegentlich was haben. Die
meisten sind nett, sympathisch, viele rufen „Hello, Mister!“ oder zu jeder
Tageszeit „Good morning!“. Ich will zu den Tempeln auf der anderen
Nil-Seite. Der Bradt-Reiseführer "Sudan" von Paul Crammer aus dem Jahr
2005 ist der einzige der letzten 20 Jahre. Sehr genau ist er leider nicht.
Die Kilometer-Angaben stimmen in der Regel nicht. So bin ich an der ersten
Fähre vorüber, bevor ich’s merke. Bei der zweiten Gelegenheit bin ich
vorsichtiger und hartnäckiger. Die Recherche ist mühsam. Die einen meinen,
man müsse den Fährmann erst vom andern Ufer herbeitelefonieren, die
andern, heute fahre nichts mehr, die nächsten schicken mich zu einer
Anlegestelle, an der kein Schiff liegt.
Da kommt ein freundlicher Mann
daher und bringt mich zur Hauptanlegestelle, an der ich auch schon vorüber
war. Er klärt mich noch auf, dass die andere Uferseite nur eine Insel sei.
Ehe ich mich versehe bin ich samt Fahrrad sein Einzelgast auf dem kleinen
Motor-Boot (Foto links). Preisverhandlungen sind nicht mehr möglich.
Es ist eine göttliche Fahrt. Die Sonne wirft ihr schönstes Licht auf
die von Palmen gesäumten Ufer. Das Boot kämpft sich durch die leichten
Wellen um die Insel herum und dann gegen den starken Strom bis zum Tempel
von Sedeinga. Ich bin überhappy. Das Grün und das Blau mitten in der
Wüste, die Wärme, das Licht. Unbezahlbar. Was schließlich rund sechs Euro
kostet. Auch wenn vom Tempel nicht viel mehr als eine einsame Säule
steht. Amenophis III. widmete ihn seiner Lieblingsfrau Teje, vergöttlichte
sie damit - die Mutter Echnatons, dem Monotheisten Number One, der nichts
anbetete außer der Sonnenscheibe: Aton!
Ganz einsam ist der
Trümmerhaufen nicht. Zwei junge Männer thronen in ihren langen weißen
Gewändern obenauf. Klar, sie wollen kassieren. Jene zehn Dollar, die die
Besichtigung jeder Sehenswürdigkeit im Sudan kostet. Bei der Einreise kann
man für jeden Sight ein Ticket erwerben. Angesichts der Ungewissheiten
einer Radtour hab ich kein einziges erworben. Ich ignoriere die
Forderungen der Männer, auch wenn einer sich mit einem arabischen Ausweis
als „Police“ ausgeben will. Zum Glück kommt grad ein Ägypter mit vier
Frauen vorbei. Eine ist seine Frau, die mich zu guter Letzt um ein Stück
Käse bittet, die anderen seine Töchter. Rabab möchte fotografiert werden.
Das freut mich. Auch, dass sie ganz ernst dabei guckt (Foto rechts). Der
Ägypter, der fast sein gesamtes Leben im Sudan zugebracht hat, will mit
seiner Familie zurück nach Ägypten. Sektierer gebe es im Dorf, die sein
Leben zur Hölle machten, erzählt er mir. Durch die lange Suche nach
der Fähre ist es spät geworden. Die Sonne geht unter. Ich fahre noch ein
paar Kilometer, bis die Straße vom Ufer wegführt. Schließlich möchte ich
nicht den Krokodilen als Frühstück dienen. So liege ich in den Bergen
(Foto von dieser und den andern neun Wüsten-Nächten hier), wo ich in der
Ferne Hund, Esel und Vögel höre. Der Nil lebt. Im Mondlicht schäle ich
Gurke und Orangen. Auch die ein bisschen gewöhnungsbedürftig für meinen
Magen. Nicht nur er ist happy über den ersten ganz und gar sudanesischen
Tag.
 Tempel-Ruinen von Soleb
Gepäckträger-Bruch und Platten-Serie: Die Tour hängt
am seidenen Faden
Samstag, 3. März 2007:
[Sedeinga +6 km] - Soleb - Sesebi - Fähre - [Delgo +3 km] (82
km) Relativ kalte, windige Nacht. Trotzdem gut geschlafen. Heute
geht’s wirklich früh los. Vor acht. Ab sieben ist es hell. Die Strecke
führt weg vom Nil. Ich habe niemanden gefragt, bin unsicher, ob das
richtig ist. Aber bald kommen wieder Palmen in Sicht. Soleb - alias Solub,
Sulib, Sulb. Wo sind die laut Führer über die Palmenwipfel ragenden
Trümmer des ägyptischen Tempels? Linker Hand liegt ein Berg, mit
weichem welligen Sand überzogen (Foto Tour-Hauptseite ganz oben).
Ein bisschen durch den schweren Untergrund schieben und ein paar Meter
gehen, schon bin ich da. Im Fels ägyptische Zeichnungen und
Höhlen-Portale. Der Tempel ist das nicht. Ich gewinne ein paar
Höhenmeter im Sand. Auch von dort ist kein Tempel zu sehen. Von den
Bewohnern scheint niemand zu verstehen, was ich suche. Es gibt doch nur
diese eine bedeutende Sehenswürdigkeit hier. Die größten Tempelreste im
ganzen Sudan. Schließlich meint einer, ganz am Ende des Dorfes gäb’s was
zu sehen. Das zieht sich noch Kilometer hin. Kaum hab ich die Säulen
fernab von Palmen erreicht, ist auch schon ein daher gelaufener Junge zur
Stelle, der „ashera Dollar“ (zehn Dollar) haben möchte. Ich ignoriere
ihn. Er lässt mich fotografieren. Eigentlich will ich vor dem
Tempelpanorama frühstücken. Daraus wird nichts. Als ich zurück am Rad bin,
wartet dort ein ältere Herr, der mit zwei arabischen Eintrittskarten, die
er von anderen Touristen einbehalten hat, zehn Dollar kassieren will. Als
ich nix gebe, ist das auch ok.
Am Ende der nächsten
Ortschaft führt die Straße wieder vom Nil weg, eine Anhöhe hinauf. Ich
gelange auf eine scheinbar endlose Ebene, frühstücke und folge dem
Mainstream der Spuren. Der ist immer weniger zu erkennen. Kilometer um
Kilometer. Die Himmelsrichtung stimmt nicht so ganz. Ich habe keine
Alternative. In der Ferne erhebt sich schon mal eine Staubwolke,
verschwindet ebenso schnell. Ich bin irgendwo im Nirgendwo. Mehrmals meine
ich Gebäude zu erkennen. Die lösen sich beim Näherkommen in Nichts auf.
Bis auf eins. Es sieht zwar unbewohnt aus, aber es ist der einzige
Anhaltspunkt. Als ich es fast erreicht habe, löst sich ein
Fahrradfahrer aus dem Schatten der Mauern. Mohammed. Er fährt nach Koya,
ich müsse aber eine andere Richtung wählen. Spuren zweigen in alle
Richtungen. In dem Häuschen gibt es eine Kühltruhe mit Getränken. Eiskalt,
ohne dass ein Anflug von Stromversorgung zu sehen wäre. Die drei Männer
meinen, ich solle doch dem Jungen nach Koya folgen. Ich folge Mohammed,
hole ihn nach einiger Zeit ein (Foto rechts). Wir gurken gemeinsam durch
schwarze Basaltberge runter ins fruchtbare Tal.
Ich entschließe mich, bis Sesibi auf der West-Seite zu fahren.
Das ist zwar ein Stück länger, ich kenne keine Streckenbeschreibungen aus
dem Internet, aber ich benötige zwei Nil-Überquerungen weniger. Die
Strecke erweist sich letztlich als nicht schlechter oder besser als die
der letzten Tage. Und ganz einsam. Gelegentlich muss ich durch den Sand
auf offener Strecke oder in kleinen Ortschaften schieben. Alle ohne Autos.
Paradiesisch. Die Autos werden kommen... Das gemächliche Vorankommen
wird jäh unterbrochen: der Gepäckträger knirscht auf der rechten Seite.
Das Alu (?) bricht auf einen Schlag. Nominell ist er nicht überladen. Aber
300 km Schüttelstrecke hier und zuvor schon 55 km in Kirgistan waren für
den gerade mal ein Jahr alten Träger, mit dem ich ohne Not den vorherigen,
nominell nicht so tragfähigen ersetzt habe, zu viel (Foto links). Was
nun? Was tun? Ich binde die beiden Rohrenden mit Kabel zusammen, nehme den
elf-kg-Rucksack auf den Rücken, die Satteltasche auf der gebrochenen Seite
wird in den längst ramponierten Korb gelegt. Kurz danach mal wieder ein
Laden-Café. Wasserflaschen gibt es wieder nicht, so trinke ich mich von
Limo zu Limo. Als ich weiter will, macht das Hinterrad schlapp. Von dem
doppelten Riss von Akasha vorgestern ist die andere Seite durch.
Schlauchwechsel. Fehlerortung bei den beiden Ersatzschläuchen. Ich rechne
damit, mit der Vulkanisierflüssigkeit maximal einen Flicken setzen zu
können. Tut es Alleskleber auch?
Kaputter Gepäckträger, kein
Flickzeug: das Weiterkommen hängt immer mehr am seiden Faden. Zu allem
Übel steckt der Sand voller Dornen. Vor allem, die von der zwei bis drei
Zentimeter langen Sorte. Doch die Dornen verschonen mich. Sesibi lässt
auf sich warten. Der vierte Fahrer, dem ich heute begegne, will etwas
gegen das schlechte sudanesische Image in der Welt tun, wie er sagt.
Deshalb fährt er mir voran, immer versprechend, dass in zwei km Sesibi
erscheinen werde. Es sind dann insgesamt zehn Kilometer bis zum Jebel Sesi
(Sese) mit Burg aus dem fünften Jahrhundert. Etwas weiter stehen drei
antike Säulen. Dort warten vier Jungs. Wider Erwarten verlangen sie
nicht zehn Dollar, sondern stehen nur andächtig um mein Fahrrad, während
ich eine schnelle Besichtigungs-Tour durch die Trümmer, einen Aton-Tempels
Echnatons, mache. Mit Glück kann ich die allerallerletzte Fähre zum
Sonnenuntergang flott machen. Die Autofähre hat den Betrieb längst
eingestellt. Schon radle ich wieder rechtsnilisch. Hier wartet Emmanuel
aus dem Süden des Sudan. Er bittet den Fährmann, noch einmal überzusetzen,
weil er zurück zu Frau und krankem Kind will, für das er grad noch Medizin
gekauft hat. Aber der Fährmann ist unerbittlich. Will von dem Sudanesen
genauso viel wie von mir samt Fahrrad für die Überfahrt. Der Sudanese hat
aber grad mal die Hälfte davon im Portemonnaie. Im Halbdunkel hält ein
junges Ehepaar mit Pick-Up neben mir und lädt zur Übernachtung ein. Warum
lehne ich ab? Die Nächte in der Wüste waren zu schön. Zu frei und
unbeschwert. Jenseits aller Konventionen, Kontakte, mühseligen Gespräche.
Aber Weiterfahren im Dunkeln ist auch nicht das Wahre. Das Nilufer ist
überdüngt von dem Vieh, das auch nachts herumsteht. Nirgends ein kleiner
schützender Berg. Nur der ausgehobene Kanal für neue Leitungen parallel
zur Straße. Immer wieder streife ich durch die Umgebung der Straße. Als
meine Aufmerksamkeit nachgelassen hat, schlängelt sich einen Meter links
von mir plötzlich eine größere Schlange durchs Gras davon. Deo Gratias.
Ich entscheide mich schließlich für ein Strohdach vor einem scheinbar
ruhendem Haus. Wenige Meter vom Nilufer. Zum Glück kommt noch Besuch zum
Haus. Dem kann ich helfen, einen Tisch ein paar Häuser weiter zu tragen
und so um eine Genehmigung für mein Nachtlager bitten. Tamam. Alles ok.
Der Schweißer von Kerma und das Ende der
Scheibe
Sonntag, 4. März 2007:
[Delgo +3 km] - Kerma - Deffufa - [Kerma +20 km] (84 km) Gut
geschlafen bis halb acht. Kaum bin ich aufgestanden, öffnet eine kleine,
alte, gekrümmte Frau das Tor in der Lehmmauer. Sie bietet mir Tee an.
Danach setzt sie sich auf die Bank vor dem Haus (Foto auf der Seite Sudanesische Gesichter),
sodass ich auch heute nicht an meinem Traumplatz frühstücken mag. Ein
paar Palmen weiter will ich wieder zum Nilufer. Lande an einer
Fähr-Anlegestelle, an der ich ebenfalls erwartungsvoll angeblickt werde.
Das fruchtbare Niltal ist furchtbar eng besiedelt. Ich ziehe mich ein
paar Meter zurück. Auch da bekomme ich Gesellschaft. Isa, zwölf Jahre. Ist
nett und sehr zurückhaltend. Kann einiges Englisch. Ich frage nach dem
Schulunterricht, da ich den ganzen Tag über immer Kinder sehe. Der sei
abends. Eine Orange nimmt er nur nach vielfacher Aufforderung. Und
versteckt sie schnell hinter dem Rücken, als sein Vater dazu kommt. Isa
wird weggeschickt und erscheint kurz darauf mit zwei warmen Eiern. Voller
Optimismus schlage ich ein Ei an meinem Knie auf. Leider roh. Ich bekomme
noch zwei weitere Eier geschenkt mit dem Hinweis, sie doch ein paar
Minuten in heißem Wasser zu kochen. Aja. In Fareig mal wieder
Tee-Einladung an einer Wasserstelle. Die Männer geben mir einen
Abkürzungs-Tipp, den ich schon aus dem Internet kenne. Vor dem hohen Berg
mit den Antennen drauf links ab. Ersparnis: 20 km Softsand. Wie schon
gelegentlich zuvor, geraten die Männer auch hier aus einem kleinen Anlass
untereinander in einen lauten Streit. Auslöser war meine Frage, wie viele
Kilometer es bis Kerma, der nächsten Stadt, seien.
Durch die gewohnt
brilliant-karge Bergwüstenlandschaft geht es bei einer inzwischen auf zwei
Fahrzeuge pro Stunde angewachsenen Verkehrsdichte. Als die Strecke sich
wieder leicht abwärts nach Kerma neigt, sehe ich am Horizont Laster im
Minutentakt ihre Ladung abkippen und Riesen-Raupen hin- und herrollen.
Verglichen mit den Straßenbauarbeiten auf den ersten 60 km hinter Wadi
Halfa mindestens mit zehnfacher Potenz. Aber keine der wieder mal weit
auseinander führenden Pisten kommt ganz an die neue Piste ran. Kann ich
dort weiter fahren? Ich meine, einer der beiden deutschen Biker erwähnte
so etwas beiläufig. Erstmal muss ich in die Stadt. Am Rande des
Zentrums von Kerma erreiche entdecke ich einen Schweißer bei der Arbeit.
Ruckzuck ist mein Rad entladen und der gebrochene Gepäckträger abmontiert.
Innerhalb von 75 Minuten ist die Bruchstelle mit einem Metallmantel
zusammengeschweißt und wieder hundertprozentig tragfähig. Zwei Läden
weiter gibt es Vulkanisierer. „Diamond Solution“ - Made in Taiwan... Die
Tour scheint gesichert. Nach mehr als 100 km kann ich den Rucksack wieder
absetzen und in den Korb legen. War aber eigentlich recht easy, die elf kg
zusätzlich zu schultern. Obwohl sich der Bauchgurt des Vaude-Rucksacks in
Deutschland befindet.
Ich frage nach der neuen
Straße, deren Bauarbeiten ich in der Ferne meinte erkannt zu haben. Bringe
aber kaum Handfestes in Erfahrung. Einer der Befragten lässt das Stichwort
„Deffufa“ fallen. Stimmt, da wollte ich hin. Fünf Kilometer südlich der
Stadt sollen sich die Riesen-Grabanlagen befinden. Die Strecke ist fast
durchgehend Softsand. Dann die ersten Grabhügel: die Eastern Deffufa. Die
noch größeren Western Deffufa liegen in Sichtweite, ca. 300 m südwestlich
(eine der vielen Ungenauigkeiten von Paul Clammer, der den Abstand mit
zwei Kilometern "east" angibt. Dort gibt es eine Umfassungsmauer, ein
Tickethäuschen, Tickets. Geht doch. Da zahl ich selbstverständlich auch
zehn Dollar. Braucht man doch nicht an der Grenze zu erledigen. Allerdings
wird auch hier umständlich registriert. Immerhin akzeptieren sie die
Personal-Ausweis-Nr. als Pass-Nr. Die höchsten Lehm-Ziegel-Mauern
reichen im Zentrum der tausend Gräber 50 m hoch. Stufen führen auf die
Höhe, wo einst ein Schrein gestanden haben soll. Mehr als 3.500 Jahre sind
sie alt, die großen Pyramiden von Gizeh um einiges älter. Von oben sieht
man die Palmen sich kilometerweit in die Landschaft erstrecken. Von der
erträumten neuen Straße nichts zu erkennen.
Ein Mann meint, auf die neue Straße käme ich automatisch nach
15 oder 50 km - ich kläre die Zahl nicht bis ins Letzte. Er bleibt der
letzte, der mir die Existenz dieser Straße bestätigt. Es reicht mir als
Anhaltspunkt, um mich auf dieser Nil-Seite zu halten, vor der in allen
einschlägigen Foren gewarnt wird. Softsand! Weil es so sandig ist,
schaffe ich die 15 resp. 50 km nicht mehr vor Sonnenuntergang. Ich schlage
mich in die Felder und richte mein Nachtlager im Windschatten einer
Lehmmauer ein (Foto von dieser und den andern neun Wüsten-Nächten hier). An die Mauer
gelehnt spüre ich beim Schreiben die Wärme, die die Mauer gespeichert hat.
Während der Westen das letzte Tageslicht verschluckt, geht im Osten
glutrot der Mond über den Palmen auf. Und wandert die ganze Nacht über uns
bis ans andere Ende der Scheibe.
 Esel, Kamele, Sudanesen auf der
Softsand-Strecke
Nil-Neuling
Montag 5. März 2007:
[Kerma +20 km] - Selim - Fähre [Dongola +15 km] (80 km) Ich wache
auf in den Feldern. Ein Esels-Reiter nähert sich. Ihm ist unverständlich,
wieso ich unterm Sternenhimmel schlafe. Sandig bleibt die Strecke. Ich
bin unentschlossen, ob ich mich zu der entfernten potentiellen
Neubau-Schnellstraße durchkämpfen soll, die Fähre zur anderen Seite oder
die Sandstrecke nehmen soll. Ich fahre vor und zurück. Niemand kann so
recht Auskunft geben. Die Fähren können auch auf Inseln führen. Als
Nil-Neuling kann ich das schwer einschätzen. Zur Aufmunterung mache
ich Bilder von einer Frau und ihren Kindern. Und folge schließlich dem
Sand. Mühsamster Sand. Der Kilometer-Zähler funktioniert mal wieder nicht.
Er muss an jedem Morgen erst mal warm werden, bevor er loslegt. Bald
verläuft eine breite Trasse parallel zur kurvigen Straße. Versuch macht
klug: fürchterlich. Die Trasse ist irgendwann mal angelegt, aber nie
befestigt worden. Loser Schotter. Hier versinkt das Rad noch mehr als
zuvor. Da fast das ganze Gewicht auf dem Hinterrad lastet, stockt die
hintere Rad-Hälfte immer mehr als die vordere. Es gibt Schöneres.
Angenehmeres. Eleganteres.
Dann überraschend winzige
Asphaltspuren im Sand, die Jahrzehnte als sein müssen. Sie bilden selber
Wellblech. Auch nichts Traumhaftes. Etwa 50 km nach Kerma sind endlich
wieder neue Straßenbauarbeiten zu beobachten. Ich nutze das, was an Trasse
da ist. Einmal werfen mich Bauarbeiter runter. Ich folge doch nur dem
Vorbild meines Vaters, der ein Faible für die Nutzung noch nicht frei
gegebener Autobahnstrecken hat... Dann liegt gelegentlich eine feine,
teilweise Millimeter-dünne Teerschichte auf und schließlich 60 km hinter
Kerma: Asphalt. Allerfeinster Asphalt. Asphalt so weich und zart wie ein
Kinder-Popo (Foto rechts). Ich will es einfach glauben: Good-bye,
Schotter. Good-bye, Sand. Der Asphalt zieht sich über ziemlich genau
einen einzigen Kilometer. Als sich die Bauarbeiten ins Nichts aufzulösen
scheinen, mache ich erst mal Pause. Ich wähne noch 30 km Fahrt vor mir bis
Dongola, der einzigen größeren Stadt im Norden des Sudan.
Doch die Trasse endet abrupt
an einem Kanal. Etwas umständlich kämpfe ich mich in einem Bogen zurück
zur Rast-Stelle. Ein paar Meter weiter begeistern mich Kinder wieder zum
Fotografieren. Immer wieder werde ich nach meiner Kamera gefragt und
gebeten, Fotos zu machen. Auch jetzt jubeln die Mädchen wieder über ihre
Porträts auf dem kleinen Display. Und holen die Mütter herbei. Es muss
einfach noch ein bewegtes Familien-Gesamtbild geben (Portraits und
Gruppenfotos auf der Seite Sudanesische Gesichter).
Ein paar Meter weiter Taxis und Geschäfte. Hin und her bis ich etwas
zu trinken finde - jetzt plötzlich eine Riesen-Palette an Soft- und
Milk-Drinks. Ein Epochensprung. Der von einem Esel gezogene
Wasser-Tank-Wagen kommt vorbei. Ich folge ihm für ein Foto, wie die
Amforen mit dem von mir längst lieb gewonnenen trüben kalten Wasser
gefüllt werden. Städtischer Service, sozusagen. Da hält mir ein Mann
seinen staatlichen Archäologen-Ausweis unter die Nase. Ob ich nicht nach
Kawa wolle? Doch. Ich sei quasi schon da. Mit Beginn der Mittagspause
hatte ich schon Selim erreicht, das gegenüber von Dongola auf der anderen
Nil-Seite liegt. Da ich mich nun schon etliche Zeit hier aufhalte, spar
ich mir die spärlichen Tempelreste von Tutenchamun und Taharqa, um zügig
in Dongola einzufahren.
Beim Rollen auf die
Auto-Fähre komme ich mit Abdul, Professor für Ökonomie an der Hochschule
von Dongola, ins Gespräch. Der untersetzte Mann (Foto) erzählt, er sei in
Guantanamo gewesen und von den Amerikanern gefoltert worden. Schon vor dem
11.9.2001 hätten sie ihn in Indien festgenommen und verhört. Nur, weil er
im afghanischen Tora Bora „Selbstverteidigungskurse“ absolviert habe.
Dabei sei er auch El-Qaida-Chef Osama bin Laden und dem Taliban-Führer
Mullah Omar begegnet, zwei sehr sympathischen Persönlichkeiten, die sich
bester Gesundheit erfreuten. Was er denn von den Anschlägen vom 11.9.
halte? Abdul weicht aus. Er beginnt mit einer langatmigen Erklärung, dass
die Amerikaner ja sehr wohl von den Anschlägen gewusst hätten. Bedauern
ist ihm nicht anzumerken. Schon sind wir auf der andern Nil-Seite und
verabreden uns lose für den Abend. Einfahrt in eine richtige Stadt:
Dongola. Einzelne Straßen sind sogar asphaltiert. Das beste Hotel in der
Stadt ist recht schäbig. Außerdem dürfen sie mich nur aufnehmen, nachdem
ich bei der Polizei eine weitere Registrierung über mich ergehen lasse.
Aus der Serie: Wie vergraule ich die allerletzten Touristen. Ich suche
erst mal ein Internet-Café. Zuerst knalle ich meine Ladegeräte in alle
verfügbaren leeren Steckdosen. Mit Tricks schaffe ich es, trotz begrenzter
Verbindung meine Seite zu aktualisieren. Ich transferiere die neu
verfasste Seite zuerst in einen kleinen Ordner bei meinem Provider, bevor
ich sie dort in den Ordner mit den ganzen Bike-Seiten verschiebe.
Funktioniert. Der ägyptische Patron, den ich beim Tempel von Sedeinga
kennen lernte, hat mir eine Adresse seines Geschäfts in Dongola gegeben.
Jeder hier meint zwar, den Laden zu kennen, aber niemand kann mich
hinführen. Ich werde kreuz und quer durch die Stadt geschickt. Ohne
Fortschritt. Die Falafeln bestehen hier nur aus Brot und
Kichererbsenbrei-Bällchen. Joghurt und Sweets kann ich kaufen.
Paradiesische Verhältnisse. Ich entschließe mich, weiter zu fahren. Im
Dunkel auf der Asphaltstraße aus der Stadt heraus zum Flughafen, vor dem
links und immer grade aus. Etwas abseits findet sich dann wieder ein
Fleckchen zum Übernachten mit Premium-Sternen-Himmel (Foto von dieser und
den andern neun Wüsten-Nächten hier).
Zweiter
Teil Dongola - Karima - Khartum Hassan, Pyramiden und das lange Ende
meines Fahrrads |