Casablanca: A Bike Is Just A
Bike
Donnerstag, 23. November 2006: Flug Frankfurt -
Casablanca In einem nahezu leeren Flugzeug fliege ich samt Radl -
eingewickelt in 150 m Frischhaltefolie - nach Casablanca, das hier "Casa"
heißt oder auch "Dar-el-Beida". Die restlichen 35 km in die Stadt darf ich
dann doch im Zug zurücklegen, nachdem es anfangs hieß, Fahrräder dürften
nicht transportiert werden. Die Zahlung eines 1.-Klasse-Tickets schafft
die Schwierigkeiten aus dem Weg. "You must remember this: a bike is just a
bike."
Stretching
nach dem Walking am Strand von Casablanca
Die üblichen Verdächtigen und die Zisterne, die
keine ist
Freitag, 24. November 2006:
Casablanca - El Jadida (112 km) Casablanca ist nicht das kleine
Nest aus dem Film von 1942 sondern Marokkos größte Stadt mit etwa drei
Millionen Einwohnern. Aber eine gemächliche. Zumal an einem Freitagmorgen.
Auf dem Fischmarkt im Hafen bin ich der einzige Touri. Die Kähne schwimmen
im Atlantik-Wasser, das mich 3000 km bis Dakar begleiten wird. Ich
komme noch an Rick's Café vorbei. Einst eine Filmerfindung, die später in
einem überkandidelten Restaurant im Hyatt inkarnierte. Jetzt haben die
"üblichen Verdächtigen" das Management selbst in die Hände genommen: "The
Usual Suspects S.A." eröffneten 2004 in der Medina Rick's Café. Die
üblichen Verdächtigen haben einen guten Schlaf: das Café öffnet erst um 12
Uhr. As time goes by. Selbst an der großen neuen Moschee Hassan II.
(Foto links) ist am frühen Morgen wenig los. An den Stränden spielen viele
Fußball oder joggen. Zwei walkende Marokkanerinnen mit Kopftuch stretchen
am Promenaden-Geländer (Foto oben).
Wie erwartet habe ich
Westwind, Gegenwind. Der wird stetig stärker. Mühsam komme ich voran.
Richtig schön wird es nach der Festung Azemmour. Die Nebenstrecke führt
erst zum Strand und dann bestens asphaltiert und verkehrsarm durch die
Dünen. Einziger Haken: Mich ereilt ein Hungerast. Ich habe nix zu essen
dabei. Miri, du fehlst mir. Absoluter Zuckermangel. Jeder Meter eine
Qual. Ohne letzte Kraft erreiche ich El Jadida. Am erstbesten Kiosk
kaufe ich wahllos Riegel und einen Liter Pfirsich-Saft, sinke auf einen
herum stehenden Stuhl, stopfe alles in mich hinein und schlafe ein. Etwa
alle fünf Minuten wache ich auf, werfe einen kurzen Blick aufs Rad und bin
schon wieder weg. Nach einer halben Stunde kann's weiter gehen. Ich
radle durch die alte portugiesische Festung, in der eine "Zisterne" zu
besichtigen ist, die zwar ein bisschen unter Wasser steht, vermutlich aber
nie eine Zisterne war. Das Kreuzrippengewölbe würde auch zu manch anderem
Zweck passen (Foto rechts). Im Hotel Oscar oute ich mich als
Warmduscher. Um an heißes Wasser zu kommen, muss ich das Zimmer wechseln,
in dem ich schon breitflächig meine Klamotten verteilt habe.
Der Heiratsmarkt von
Oualidia
Samstag, 25. November 2006:
El Jadida - Safi (145 km) Die drei jungen Frauen gingen ganz
langsam, voller Ruhe über die Straße. In Gummilatschen. Ohne Strümpfe. So,
als wäre es nicht elf Grad kalt. So, als gäbe es den Regen nicht. Der
Regen, durch den ich schon fünf Stunden geradelt bin. Und der gerade
wieder stärker geworden ist. Aber nicht so stark, als dass mein Gegenwind
die Tropfen nicht noch dazu brächte, kurz vor dem Aufkommen ein paar Meter
weiter nördlich zu treiben. Trotz der Pause triefen meine Klamotten.
Meine Füße machen einen permanenten Kneippgang. Mein Mittagessen,
bestehend aus je einem halben Liter Pepsi und Joghurt, hat noch keine
Wirkung entfaltet. 200 m links und rechts steht je ein Hotel. Soll
ich? Die drei jungen Frauen haben meine Straßenseite erreicht. Und mich
bemerkt, wie ich an dem Getränke-Kühlschrank lehne. Sie kichern mehr als
dass sie lächeln. Bevor sie in dem Geschäft drei Häuser weiter
verschwinden, winkt mir eine zu. Was ihre Vermarktung auf dem Heiratsmarkt
von Oualidia vielleicht erschwert, mich aber belebt. Oder ist es der
Zucker? das Koffein? Ich schwinge mich aufs Rad und der Regen ist nichts
als Rausch. They made my rain-day. Nächste Pause in Has Harrara. Ein
kleines Fisch-Restaurant. Die Fische werden vor dem Restaurant gegrillt.
Der Junge am Grill taucht den Aluteller noch mal schnell in einen Eimer
mit einer grässlichen aber sicher chemie-freien Brühe und schon landen
zwei Fische darauf. Samt Brot ein 1-Euro-Menü.
Die Regenfahrt begann am
Morgen wieder mit einer Nebenstrecke, die weitgehend eine Strandpromenade
ist. Ein Hirtenjunge nutzt die Verlassenheit der Strecke und versucht
vergeblich, mein Fahrrad festzuhalten, bevor die Straße wieder auf die
Hauptroute samt Raffinerie, Phosphatfabriken und Hafen stößt, die Fische
und Strände erfolgreich verdrängt haben. Für eine kurze Pause rolle ich
von der Fahrbahn auf den Randstreifen - ohne vorher abzusteigen. Die
Quittung beim Weiterfahren: das Vorderrad eiert. Loch durch einen winzigen
spitzen Stein. Ich kann - das Gewicht nach hinten verlagernd - noch zur
nächsten Tankstelle fahren, wo ich mit klammen Fingern den Schlauch
tausche. Als ich am Abend immer noch aufgeweicht aber in trockenen
Klamotten die portugiesischen Bollwerke von Safi durchstreife (Fotos links
und rechts), regnet es immer noch. Aus meiner kleinen Packung M&Ms
(die nicht-schmelzenden Smarties) möchte ein Junge ein smartes M&M.
Intuitiv öffnen viele Kinder die Hand, sobald ich irgendwo auftauche.
Ältere Jungs erwarten häufig reflexartig eine Zigarette. Hier find ich's
ok. Und als ich ihm ein M&M gegeben habe, informiert er gleich zwei
andere über die Quelle. Zu guter Letzt Warteschlange im Internet-Café,
das fast zur Hälfte von Mädchen besetzt ist. Tendenziell werden sie gegen
zwei Uhr morgens, wenn das Café schließt, weniger.
Touri-Business in der kleinen Parallel-Straße
Sonntag, 26. November 2006:
Safi - Essaouira (128 km) Blauer Himmel über Safi. An den
Dauerregen erinnern nur noch die nassen Klamotten, die auf dem
Gepäckträger trocknen sollen, und der nunmehr von innen beschlagene
Fahrrad-Computer. Sobald die Phosphat-Fabriken von Safi mit ihrer
Giftwolke (Foto links) hinter mir liegen, wirds nett. Ab und zu geht's
aufwärts. Hinter Souirira hat die Straße lauter Schlaglöcher bzw. ist ein
einziges Schlagloch und führt dann auch - anders als von den Michelinis
dargestellt - nicht gradlinig an der Küste entlang sondern in großen
Schlangenlinien gelegentlich weit durchs Hinterland.
Danach kommt der schönste Teil des Tages: Die Straße zieht
sich am Hang entlang und gibt den Blick frei aufs Meer und auf den
schmalen fruchtbaren Küstenstreifen, auf dem sich hin und wieder
Sandablagerungen bilden (Foto unten). Dazu Rückenwind. Durch den stetigen
Nordwind sind viele Bäume schräg nach Süden gewachsen. Einmal geht's
richtig steil bergab. Gelegenheit zur max.speed von 71,0 km/h. Alles in
allem 800 Höhenmeter heute. Essaouira (Foto rechts) ist nicht so sehr
Touri-Stadt, als dass die Hauptstraße der Medina nicht den kleinen Läden
für die Einheimischen gehörte. Das Touri-Business spielt in der kleineren
Parallel-Straße. Sieht man von den permanenten Haschisch-Angeboten ab,
lässt sich hier nett daherschlendern. Bis hierher bin ich zufällig der
vor etwa einer Woche an der Küste entlang führenden Tour du Maroc gefolgt,
einem Rad-Rennen, an dem Profis aber auch deutsche Amateure wie Oliver Stock
teilgenommen haben. Gelegentlich wurde ich gefragt, ob ich die Nachhut
sei...
Blick auf
Küste mit Sanddünen
Der Sex-Tourismus von Agadir
Montag, 27. November 2006:
Essaouira - Agadir (175 km) Treue Begleiterin heute: die Arganie.
Gibt's nur in Marokko. Wächst mal als dichter Wald, mal nur als kleiner
verstreuter Strauch. Die Ziegen klettern drauf rum, um dran zu knabbern.
Aus den Früchten lässt sich das nussig schmeckende Arganien-Öl gewinnen.
Als Lebensmittel oder Kosmetik einzusetzen, wie die Tafel einer
"Coopérative Féminine" am Wegesrand verrät. Es geht über die Ausläufer
des Atlas-Gebirges. Auf 450 m hoch. Vor allem aber auf und ab. Macht 1500
Höhenmeter heute. Die letzten 50, 60 km sind wieder flache Küstenstraße.
Mehr Verkehr als an den andern Tagen, aber immer noch angenehm wenig. Und
alles bei strahlendem Sonnenschein inkl. eines auf der Steilküste radelnd
genossenen Sonnenuntergangs. Agadir ist wie jede Pauschali-Hochburg
gewöhnungsbedürftig. Ein völlig anderes Marokko. In der Hotel-Lobby läuft
der übliche Sex-Tourismus, von dem selten zu lesen ist: Dicke europäische
Frauen, die mit ihrer Figur dem arabischen Schönheitsideal nahe kommen,
reisen als Single nach Marokko, Tunesien oder Ägypten und lassen sich ein,
zwei Wochen von einem arabischen Boy verwöhnen. Das entsprechende Pärchen
auf dem Sofa in der Lobby hat sich denn auch entsprechend wenig zu
sagen. Auch die Preise von Agadir sind eine andere Welt: Kostet eine
Stunde Internet allerorten umgerechnet knapp einen halben Euro, war es in
Essaouira umgerechnet knapp ein Euro, hier muss man bis zu 3,50 Euro
zahlen - nicht umgerechnet sondern direkt in Euro-Cash.
Marokkanische
Flitterwochen
Dienstag, 28. November 2006:
Agadir - Tiznit - Sidi Ifni (171 km) Das Hotelfrühstück fiel
entsprechend aus: ein einziges Pain au Chocolat. Schnell weiter. Flach und
verkehrsreich 90 km nach Tiznit (Foto links). Nur mein
Aldi-Fahrrad-Computer muckt etwas, weil er immer noch Regenwasser intus
hat. Dann schieben sich die Ausläufer des Anti-Atlas in den Weg. Auf der
Hauptroute harrt ein eintausender Pass. Ich wähle die Ausweichroute am
Meer über Sidi Ifni. Hügelig ist es auch hier. Es geht bis auf 350
Meter, macht heute 1000 Höhenmeter. Mit einem lupenreinen Sonnenuntergang:
die solare Scheibe, durch die kurz zuvor noch ein Franzose mit seinem
Gleitschirm segelte, versinkt wolkenlos im Atlantik. Ein Spanier hält
und bietet mir Brot mit, wie er betont, "La vache qui rit"-Schmelzkäse. Er
möchte mit seinem umgebauten Transporter über Mauretanien nach Mali, wie
er mir gestern erzählte, als ich ihn bei einer Pause überholte. Müde sähe
ich aus, meint er. Dieser Meinung schließen sich an diesem Abend noch
einige an. Sidi Ifni war mal eine spanische Enklave. Entsprechend die
Architektur von Stadt und Häusern. Das Schwärmen, in das die alternativen
Reiseführer ausbrechen, erschließt sich mir nicht sofort. Vielleicht aus
Müdigkeit... A propos Müdigkeit: Als ich kurz vor Mitternacht vom
Internet-Café zum Hotel zurückschlender rollen grad Alenka und Matthias
aus Schwerin in ihrem Mietwagen ein. Just married in ihrer marokkanischen
Flitterwoche. Mit großem Aufwand haben sie mich noch eingeholt. Jetzt
beginnt der Tag mit marokkanischem Rotwein und improvisierter
Hochzeitstorte von vorn.
Im
Prekariat der Unterkünfte
Mittwoch, 29. November 2006: Sidi Ifni - Guelmim - Ras
Oumlil (128 km) Gemütliches Frühstück mit dem Hochzeitspaar auf der
Meeresblick-Dachterrasse im Hotel Bellevue. Matthias verbreitet mit seinem
Ideen-Rausch mal wieder die Leichtigkeit des Seins. Sollte ich auf
afrikanische Flüchtlinge bei ihren Manövern Richtung Kanarische Inseln
stoßen, könne ich mich ja auch als Vorhut der deutschen Sicherheitskräfte
ausgeben. Außerdem macht Matthias super Fotos, was er in einem kleinen
Foto-Shooting (Foto rechts: weitere 18 Fotos hier) mal wieder unter
Beweis stellt. Dann geht's mit dem Radl weiter. Am liebsten würde ich
weiter an der Küste, dem weißen Sandstrand ("Plage Blanche") entlang
fahren, aber niemand kann mir genau erklären, wie's dort weitergeht. Die
Straße ist zwar von Sidi Ifni schon ein wenig vorangetrieben,
problematisch sind offenbar die Überquerungen der Oueds (Flusstäler) und
die vielen verschiedenen Pisten, die nicht beschildert seien. Fahre ich
also durch schönste Berglandschaften wieder zurück zur Nationalstraße 1.
Kurz hinter einem Bergdorf (Foto links) erreicht die Strecke mit 590 m
ihren höchsten Punkt, bevor sie nach Guelmim abfällt.
Ich will ein paar Kilometer
weiter, selbst wenn ich dabei in die Dunkelheit fahre. Der Mond leuchtet
die Strecke gut aus, die LKW werden nicht weniger. In dem Örtchen Ras
Oumlil mache ich eine kurze Pause. Vor mir liegt laut "Reise Know-How"
eine "Passhöhe". Die sei 1200 m hoch, sagt Lahussein, der Café-Besitzer.
Das kann eigentlich nicht sein, andererseits stimmt seine Antwort auf
meine Kontrollfrage: Ras Oumlil liegt auf 200 m. Irgendwie reicht's mir
auch. Er finde schon einen Platz zum Schlafen für mich, sagt er. Doch erst
mal spielen seine beiden Söhne mit meinem Helm, bis Papa ihn auf den hohen
Kühlschrank legt. Nach geraumer Zeit ist Aufbruch zur Medizinstation
des königlichen Gesundheitsministeriums. Dort kommt mein Rad unter. Ich
darf im Nachbarhaus schlafen. Dort pennt auch einer seiner Angestellten.
2ZKB, in "meinem" Zimmer liegen eine dreckige flache Matratze und eine
schmale Schaumstoff-Liege. Ansonsten noch ein paar Teppiche (Foto
rechts).
Um mich zu akklimatisieren,
lese ich in meinem Flughafen-Spiegel. Nach angemessener Zeit sehe ich in
den Augenwinkeln, wie eine etwa sechs Zentimeter lange Kakerlake sich
gemächlich auf den Weg Richtung Rucksack macht. Dass das Zimmer hell
erleuchtet ist, lässt auf einen größeren Vorrat an diesen Geschöpfen
schließen. Jedenfalls töte ich sie. Bei der nächsten, die sich von der
anderen Seite heranmacht, habe ich den Eindruck, ich würde sie zertreten,
aber der vermeintliche Kadaver hat sich später irgendwie selbstständig
gemacht und ist verschwunden. Gegen ein Uhr fühle ich mich genötigt,
mit dem Schlafen zu beginnen. Verschließe meinen Rucksack bestmöglich,
nutze den Spiegel als Kopfkissen-Auflage und schlafe tatsächlich irgendwie
ein.
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