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Allein in der Champions
League
Dienstag, 5. Dezember 2006:
Lakraa/Echtoucan - El Argoub (171 km) Erstaunlich wenig Verkehr
lässt uns bestens ruhen, abgesehen von einem knabbernden Mäuschen in der
Früh. Strom gibt es am Morgen keinen, als wir im Morgengrauen aufstehen.
Frühstück bekommen wir im Schein einer Lampe am Gaskocher. Wir fahren zu
Dritt. Es dauert entsprechend länger, bis es los geht. Dafür ist das
Fahren umso schöner. Neben- und hintereinander: "Windschatten-Fahren"
(Foto unten rechts). Und schließlich auch schneller: Heute mit
durchschnittlich 24,4 km/h der bisher schnellste Tag. Direkt nach der
Raststätte fahren wir an einem der Gespenster-Dörfer (Foto links) vorbei:
Marokko hat für die Rückkehr der saharauhischen Flüchtlinge kleine
Ortschaften gebaut samt Verkehrsanbindung und Stromleitung. Aber die
Flüchtlinge kehren nicht aus Algerien zurück. So stehen sie ungenutzt in
der Wüste. Stefan taucht mit seinem Moped wieder auf (Foto unten links;
von Natalia Domingo). Weil Fahrzeuge unter 50 Kubikzentimeter in Marokko
nicht zugelassen werden müssen, hat er das Nummernschild abmontiert. Das
erspart ihm den ganzen Versicherungskram. Er hat seit unserem Treffen
gestern einen Unfall gehabt. Ist gestürzt. Zum Glück sind nur Schürfwunden
am rechten Bein zu sehen. Geschlafen hat er in einem kleinen Canyon. Er
schwärmt von der Sahara als "größtem Campingplatz der Welt". Mittags und
abends kocht er. So kommt er etwa so schnell voran wie ich. Und das schon
seit Beginn meiner Tour. Am Regentag kam er auch nach Safi. Vermutlich
haben wir uns schon gelegentlich überholt.
 Die
Stadt Dakhla lassen wir rechts liegen. Wir müssten 40, 50 km auf eine
Landzunge fahren und diese Entfernung wieder gegen den Wind zurück zur
Hauptstraße kämpfen. Stattdessen fahren wir nach El Argoub auf gleiche
Höhe mit Dakhla. Ideal wäre eine kleine Fähre zwischen den beiden Orten.
Dann könnte man die Geschäfte, Internet-Cafés und Hotels von Dakhla
nutzen, ohne Zeit und Kraft zu verlieren. Stattdessen also die
Infrastruktur des Mini-Ortes El Argoub. Die Geschäfte haben sehr korrekte
Preise, das dunkle Hinterraum-Café und -Restaurant "Al Aargoube" nimmt
etwas mehr. Wir kehren zum Sonnenuntergang ein. Auch hier gibt es kleine
Logen, die man auch zum Übernachten nutzen kann. Nata und Javi können sich
lange nicht entscheiden, ob sie bleiben sollen. Die Champions League
wird live übertragen. FC Barcelona gegen Werder Bremen. Spanien gegen
Deutschland. Und die Saharauhis stehen auch auf der Seite ihrer ehemaligen
Kolonialmacht. Ein spannendes Spiel, in dem die Bremer auch nach dem 0:2
Rückstand nie aufgeben. Gleichwohl nicht gewinnen. Die Spanier ziehen
schon vor dem Schlusspfiff weiter. Wollen mir ein Zeichen hinterlassen, so
dass ich sie am Morgen an der Strecke finde. Das Café schließt erst um
Mitternacht, wenn der Strom abgestellt wird. Dann wird noch eine Stunde
geputzt, aber ich liege längst auf einer Matte am Boden.
Die einsamsten 160 km in
bester Gesellschaft
Mittwoch, 6. Dezember 2006:
El Argoub - Lamhiriz/Barbas (211 km) Um zwei Uhr wecken mich
Geräusche am Eingang des Cafés. Irgendjemand scheint die Tür mit Gewalt
öffnen zu wollen. Ich schrecke auf. Springe aus dem Leinenschlafsack und
muss feststellen, dass ich hier Gefangener bin. Die Räume haben nur
winzige Luken als Fenster, die zudem mit Mückengitter verschlossen
sind. Nach kurzer Pause folgt von der Rückwand her der nächste Versuch
in das Restaurant zu dringen. Eine Taschenlampe leuchtet in die zweite
Loge. Dort liegt der Junge, der uns seit dem frühen Abend bedient hat und
schon um zehn Uhr todmüde aussah. Er regt sich nicht. Trotz Rufen, trotz
Taschenlampe. Dann wieder der Frontal-Angriff auf den
Restaurant-Eingang. Noch brutaler. Das Schloss hält nicht mehr stand.
Springt auf. Der Lichtkegel der Taschenlampe wandert zu dem Raum, in dem
ich neben dem schlafenden Jungen stehe. Und blendet mich. Einen
unendlichen Augenblick lang. Bis ich erkenne: Es ist der Restaurant-Chef.
Ja, er habe Schwierigkeiten mit dem Schlüssel gehabt. Und ich
Angst. Ohne Frühstück verlasse ich die beiden noch schlafenden Kellner.
Mehr als 200 km muss ich heute schaffen. Denn nach einer letzten
Tankstelle bei Tages-km 45 kommen 160 km gar Nichts. Kein Haus, kein Baum,
kein Strauch. Aber ich muss nicht alleine fahren. Bei km 28 treffe ich
Natalia und Javier, die ihr Zelt ausnahmsweise gut sichtbar am Straßenrand
aufgebaut haben. Sie mussten gestern Abend dann doch noch die 200 km voll
machen. Ihr erster 200-km-Tag. In Windeseile - und das will etwas
heißen bei den 19, 20 km/h Rückenwind, den wir seit Tagen haben - ist das
Zelt abgebaut und es geht weiter. Doch schon nach ein paar Kilometern
brechen bei dem Tandem-Hinterrad zwei Speichen. Damit haben die beiden
Weltradler aus dem nordspanischen Burgos schon einige Zeit zu kämpfen.
Javi hat daher große Routine: Hinterrad ausbauen, Zahnkränze abnehmen,
Speichen einziehen, Zahnkränze wieder aufsetzen, einbauen: alles in allem
gerade mal 40 Minuten. Aber auf einer Seite sind die Speichen viel zu
locker.
Nach der Mittagspause und
einem kurzen Fahrrad-Surfen-Versuch mit Hilfe von Rückenwind und Isomatte
(Foto links) bricht die nächste Speiche. Meine 211 km geraten langsam in
Gefahr. Die muss ich schaffen, will ich schaffen, weil dort das einzige
echte Hotelzimmer auf 1.000 km Strecke stehen soll: die neue Raststätte
Barkas bei Lamhiriz. Nata ist das zu weit, obwohl sie die ersten 28 km
schon gestern gefahren sind. Ihr Allerwertester macht ihr nach dem ersten
200-km-Tag noch mehr zu schaffen als sonst. Das Tandem ist geteilt in die
"Arbeiterin" und den "Patron". Javi muss nolens volens mit ihr
zurückbleiben. Sie campen 40 km vor meinem Ziel. Nata lädt mich zwar auch
heute wieder in ihr Zelt, aber die Aussicht, ohne Schlafsack und Matte auf
dem kalten Wüstenboden zu liegen, schreckt mich. Wir haben eine
grandiose Landschaft gemeinsam gemeistert. Gerade heute wieder zig
Kilometer Traumstrände, an denen wir entlang rollen. Schade, dass der
Aufwand so groß ist, um schwimmen zu gehn. Mindestens 500, 600 Meter
Schieben durch den Sand. Sie waren genau wie ich bisher nur ein Mal im
Atlantik Schwimmen. Selbst das Zelten am Strand ist sehr aufwändig, weil
das Zelt so nass wird, dass es morgens Stunden dauert, bevor es
ausreichend trocknet. Der Abschied ist herzlichst. Vielleicht können wir
im nächsten Jahr gemeinsam durch China radeln. (Heiligabend berichtet ihre
Heimatzeitung Diario de
Burgos über ihre Tour und das Treffen mit uns - samt Foto) Auch Stefan
haben die beiden wieder getroffen. Ein, zwei Tage später zelten sie mit
ihm gemeinsam. Das Motel Barbas ist ein noch viel größeres Paradies als
erwartet. Im Dunkel sehe ich das Licht schon eine Stunde vor der Ankunft.
So wie fast jeden Ort in der flachen Wüste. Ein riesiger Laden, ein
Restaurant, die Zimmer und sogar eine warme Dusche für alle. Alles neu
gebaut. Und grad werden noch ein paar Stockwerke draufgesetzt. Die
marokkanischen Grenzer kommen 80 km hierhin gefahren, um zu duschen, zu
schlafen. Touristen sind hier. Das Leben kommt zurück. Das einsamste Stück
der Wüste habe ich geschafft - in bester Gesellschaft.
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