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Kirgisien 2013
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Iran 2015
Bike Tour 82: Karibik: Barbados - Haiti (902 km) 2016
Karibik 2016

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Tour 36: Belarus - Arvidsjaur (2782 km)


VG WORTIm weißrussischen Wald
Bella Belarus (mehr Fotos hier)


Erster Teil
Polen & Belarus

Militärparade, Radioaktivität, Heimatpropaganda
Im schönen Reiche von Europas letztem Diktator


Warschau, KulturpalastBei Nacht nach Polen
Sonntag, 5. August 2007: Mainz - Warschau... (Fahrt mit dem Nachtzug)
Ein rund halbstündiges Gespräch mit der Fahrrad-Hotline der Deutschen Bahn machte es möglich. Nachdem hier und da der Bahn-Computer überlistet oder hingenommen werden musste, weil z.B. die automatisch berechneten 15 Minuten Umsteigezeit in Köln Hbf wirklich nicht benötigt werden, wenn ankommender und weiterfahrender Zug auf dem selben Gleis im Abstand von 13 Minuten fahren, oder wenn es für die polnische Strecke jenseits von Warschau (Foto links: Stalins Kulturpalast und der neue Komplex "Zlote Tarasy" (Goldene Terrassen) am Hauptbahnhof) keine Fahrradkarten gibt, wohl aber für die 70 km weiter gelegene Grenzstadt Terespol. Ich konnte meine bestellten Liegewagen-Fahrrad-Tickets schließlich einem Automaten entlocken (genau zehn Belege mussten in Bahn-Tempo ausgedruckt werden). Hatte sicherheitshalber einen Zug früher nach Köln genommen, der das Doppelte von 13 Minuten Verspätung hatte.
Jedenfalls hatte auch der Nachtzug mit Kurs-Wagen nach Minsk und Moskau Verspätung und nur einen Abteilwagen ganz am Ende mit drei Hänge-Plätzen für Fahrräder. Ein Menschen- und vor allem Bahnpersonal-leerer Waggon, in dem ich um mein drei Tage altes Fahrrad im Wert von etwa 900 Euro fürchtete. Polen! Der Schaffner drei Waggons weiter in der Nähe meines Liegewagen-Platzes hatte dem nicht viel Beruhigendes entgegenzusetzen. Ich könne natürlich die ganze Nacht neben meinem Fahrrad sitzen. Aber im Grunde mache er alle zwei Stunden einen Kontrollgang durch den letzten Waggon. Ah ja. Sleep well.


Belarussische Grenz-Orgie
Montag, 6. August 2007: Miedzyrzec Podlaski - Grenze Polen/Belarus - Brest (73 km)
Monica (vermutlich schreibt sie sich im Polnischen mindestens Monyka) schlummert parallel obenauf im Abteil. In Bielefeld stieg noch jemand zu, der aber schon vor Warschau wieder weg war. Mein Fahrrad erreicht Warschau neben zwei anderen Fahrrädern. Wir stolpern in die düsteren Katakomben von Warszawa Centralna. In den drei Stunden bis zur Weiterfahrt will ich noch einiges am neuen Fahrrad in Fahrt bringen, belasse es aber bei einigen Beauty-Shots vor den "Goldenen Terrassen", dem Mega-Einkaufszentrum direkt neben Hauptbahnhof und Kulturpalast. Wo es auch noch einen Flaschenhalter zu kaufen gibt.
Die Weiterfahrt nach Miedzyrzec Podlaski - laut Fahrplan ohne Rad-Beförderungsmöglichkeit - ist samt Fahrrad kein Problem. Ich bin längst nicht der einzige, der am Ende des D-Zuges sein Fahrrad in die weitgehend leeren S-Bahn-Abteile manövriert.
Auf dem Bahnsteig in Miedzyrzec PodlaskiAuf dem Bahnhof von Miedzyrzec Podlaski (Foto rechts) dann noch Installation des neuen Flaschenhalters, der beiden Fahrrad-Computer. Vor sieben Jahren, fast auf den Tag genau, bin ich auf dem Weg von Mainz via Prag, Zakopane, Krakau, Lublin nach Vilnius hier durchgeradelt. Und schließe nun den Weg nach Osten an.
Eine neue breite Asphaltstraße ist fast überall fertig bis zur Grenze, wo die Schnellstraße an den großen Highway über Minsk nach Moskau anschließt. Die Gepäcktaschen fliegen noch ab und zu von meinem Tubus-Logo-40kg-Gepäckträger, ansonsten ist von einer Montagsproduktion, die es nach Meinung meines Fahrrad-Händlers gelegentlich gebe, nichts zu merken.
Dann wird's ernst: Die polnisch-belarussische Grenze. Etwas unvorbereitet stehe ich am Ortsende von Terespol unvermittelt vor dem polnischen Grenz-Terminal. Und nicht nur ich. Da ich seitwärts auf die doppelreihige Auto-Schlange stoße, kann ich deren Länge kaum abschätzen. Ist auch normalerweise egal, denn als Fahrradfahrer genießt man fast überall Express-Abfertigung. Hier allerdings gehen die Uhren anders. Der polnische Grenzbeamte macht mir unmissverständlich deutlich: Hier komme ich nur an Bord eines motorbetriebenen Fahrzeugs über die Grenze. Eine probate Grenz-Schikane, wie sie z.B. auch an der israelisch-jordanischen Grenze bei der Allenby-Bridge im Jordantal angewendet wird.
Ein Bus mit Mannheimer Kennzeichen, der in vorderster Front steht, ist gut gefüllt mit russischen Passagieren. Der Busfahrer will mir gern behilflich sein. Da der Bus aber im Transit fahre, dürfe er niemanden zu- oder abladen. Es bleibe mir nur der Gang entlang der überfüllten Autos und Kleinbusse.
Als ich daran entlang trotte, verrät mir einer meine Chance: wenn ich am Ende der Warteschlange jemanden fände, der mich mitnehme, dann könne der mit mir die ganze Schlange umgehen. Denn EU-Bürger werden am polnischen Teil der Grenze bevorzugt abgefertigt.
Ein paar Autos weiter steht der leere Mazda von Sergej, der als Berufsfahrer auch sofort seine finanzielle Chance wittert. Im allgemeinen Tumult wird die Rückbank umgelegt, und mein Fahrrad samt Taschen landet im Fond. Während wir an der Schlange vorbeirauschen, stelle ich positiv überrascht fest, dass all meine Habseligkeiten an Bord zu sein scheinen.
Ruckzuck sind wir auf der Grenze, der Brücke über den Grenzfluss Bug, was der schon zwischen 1939 und 1941 durch den Hitler-Stalin-Pakt geworden war. Am Brückenende eine rote Ampel. Und die bleibt rot. Für eine Stunde. Wachwechsel auf der belarussischen Seite.
Als es schließlich langsam weiter geht, bleibt genug Zeit, um eine verlangte zusätzliche weißrussiche Krankenversicherung abzuschließen (vier Euro für elf Tage - billiger als die Barmer). Sergej zeigt mir immer, wo es weiter geht. Die Kontrolle meines Gepäcks ist rein symbolisch. Nach 2 Std. 53 Min., plus eine weitere Stunde Zeitumstellung, sind wir kurz nach 22 Uhr durch. Sergej verlangt 20 Euro und lässt sich auch nicht mit weniger abspeisen. Dafür fehlt am Ende der ältere meiner beiden Fahrrad-Computer (vulgo Kilometer-Zähler). Er kann sich nur schwer von selbst gelöst haben...
Es bleiben ein paar Meter nach Brest hinein, das als Brest-Litovsk (was wohl "litauisches Brest" heißen soll, im Gegensatz etwa zum bretonischen) mit dem Friedensvertrag im Frühjahr 1918 das Ende des Ersten Weltkriegs einleutete. Die Hotel-Blöcke Belarus und Intourist sind nicht gerade einladend, im Hotel Bug zeigt man das SU-übliche Desinteresse an einem Übernachtungs-Gast, im Hotel Vesna dagegen sind sie "auf Zack" - wie mein Vater sagen würde. Schon hab ich ein Zimmerchen mit Dusche, TV.


Die M1 alias E30 am Abzweig Kobrin
Der M1-Highway über Minsk nach Moskau


Militärparade in der Festung von BrestHeldenstadt und Motorball
Dienstag, 7. August 2007: Brest - Pinsk (190 km)
Sehenswürdigkeit Nummer 1 in Brest: die riesige, im Zweiten Weltkrieg umkämpfte Festung. Einen Monat konnten die sowjetischen Streitkräfte die Wehrmacht hier aufhalten. Das brachte Brest zu SU-Zeiten den Titel Heldenstadt.
Heute paradieren hier ein paar hundert Soldaten vor den selbst für den Zweiten Weltkrieg leicht überdimensionierten Denkmalen und bekommen am Ende ein Gewehr überreicht. Von der Festung sind die letzten Reste konserviert. (Foto links; weitere Festungs-Fotos auf der Seite Foto Special Belarus)
Nach zehn Kilometern in der Heldenstadt rolle ich auf der alten sowjetischen Magistrale, die wie früher M1 heißt, Richtung Minsk und Moskau (Foto oben). Eigenartig, dass sie nie nach Warschau und Berlin weitergebaut worden ist. Womöglich wussten die Polen das zu verhindern.
Wunderschöner vierspuriger Asphalt, breiter Seitenstreifen, angenehmes Fahren. Bei Kobrin zweige ich nach Osten ab auf die M10, die ihrerseits nur zweispurig ist. Große Teile kann ich parallel auf kleineren Landstraßen fahren. Gelegentlich verwandeln die sich in gepflasterte Rumpelstrecken mit grobem Wabenmuster. Nur die Lidl-Pedale harmonieren nicht mit meinen SPD-Schuhen.
Pinsk. Die Lenin-Straße, ein immer noch beliebter weißrussischer Straßenname, hat ein paar nette ältere Bauten. Vom Hotel am Ende raten mir zwei Männer mit Ex-deutschem Auto ab und lotsen mich zum Sport-Form-Hotel am Motorball-Stadion. Das könnte man auf den ersten Blick für ein Fußball-Stadion halten, tatsächlich fanden in dem Sand zwischen den beiden Fußballtoren schon die Europameisterschaften im Fußball auf Motorrädern statt. Die Zimmer riechen frisch renoviert und sind heiß. Myriaden von Mücken machen nur begrenzte Lüft-Aktionen möglich. Und die auch erst, nachdem man mir einen mobilen Fenster-Griff zum Öffnen der Fenster gebracht hat.


Radioaktivität: Wald-Warnschilder am StraßenrandRadioaktivität am Straßenrand
Mittwoch, 8. August 2007: Pinsk - Zhytkavichy (147 km)
Mit meinen reichlich zerstochenen Knochen geht es wieder auf einer Nebenstrecke bis Luninec. Dort verfahre ich mich im Kreis, doch schließlich bin ich wieder auf der M10. Eine Strecke wie viele im Baltikum, in Skandinavien. Endlos lang, etwas gröberer Asphalt, von Wäldern gesäumt. Kleiner Unterschied: Je näher ich Tschernobil komme, desto öfter tauchen Warnschilder am Wegesrand auf: Radioaktivnost! Radioaktivität in den Wäldern am Straßenrand.
Der heutige Zielort Zhytkavichy (alias Zhitkovichi, Zytkowiczi, Jitkovichi, Žydkavicy, belarussisch Жыткавічы, russisch Житковичи, polnisch Zytkowicze) ist 150 km vom Atommeiler mit dem bisher größten Unfall der Atom-Geschichte entfernt (Karte unten). Am 26. April 1986 herrschte hier Südwind. Von Tschernobyl, das an der Nordgrenze der Ukraine liegt, wurde die tödliche Strahlung nach Norden getrieben. Etwa 75 Prozent der radioaktiven Strahlungs-Last ging auf dem Territorium Weißrusslands nieder. Wo die Menschen bis heute an den Folgen leiden.
Katjas Vater starb vor elf Jahren an Knochenkrebs. Der war im Oberarm ausgebrochen. Wohl durch Tschernobyl. Ihre Schwester Masha war damals sechs Jahre alt. Heute lebt sie mit ihrer Mutter allein in einem der vielen kleinen weißrussischen Häuser, umgeben von Gärten mit Mais, Tomaten, Gurken, Himbeeren, Wald-Erdbeeren, Dill, Birnen, Äpfeln. "Alles ökologisch", sagt Katja, und schiebt hinterher: "bis auf ein bisschen Radioaktivität".
Katja kam wie ihre Schwester durch eine Initiative aus Speyer in den Genuss von Ferienaufenthalten in Deutschland. Es folgten ein Au-Pair-Job, Sprachkurse, Universität, immer wieder Kampf um eine Aufenthaltserlaubnis. Und sie musste jobben. Arbeitete bei h & m, gab Russisch-Unterricht. Mir zum Beispiel.
Jetzt bin ich da, wo sie herkommt. Sie lebt inzwischen mit Tochter, Freund und dessen Eltern in der Nähe von Moskau. Ist nur für ein paar Tage hierhin gekommen. Wir treffen uns sozusagen auf halber Strecke. Das gibt meinem abstrakten Alle-Länder-Europas-Ostsee-Umrundungs-Radtrip eine Richtung, einen Fixpunkt, Nähe, Freude, Freunde. Drei Nächte und zwei Tage in einem scheinbar abgelegenen Zipfel Europas, der geographisch womöglich in der Mitte des Kontinents liegt.


Nationalpark Pripjatskij: Mysteries & Natur pur im Schatten von Tschernobyl
Donnerstag, 9. August 2007: Ausflug nach Turow
Da Katjas Bruder Viktor arbeiten muss, bringt uns ein semiprofessioneller Taxifahrer nach Turow. Ein paar Kilometer südlich von Zhytkavichy. Das Tor zum Nationalpark „Pripjatskij“.
See in TurowAbgesehen davon, dass schon im Ort die Natur recht schön sein kann (Foto links), sehen wir Fauna- und Flora-Vielfalt des Parks vor allem im Naturkunde-Museum. Ausgestopfte Tiere auf zwei Stockwerken und ein paar Luftbilder machen Lust auf mehr. Um all diese Tiere zu sehen, müsste man aber wohl Wochen durch den Park streifen.
Turow an sich ist auch nicht ganz unbedeutend. Wegen seiner 75 Kirchen wurde es auch als zweites Jerusalem bezeichnet. Eine der Kirchen, wohl eine Kathedrale, hat man neulich ausgegraben und mit einer Wellblech-Halle überbaut. Auf dem Friedhof, im 11. und 12. Jahrhundert Sitz des Bischofs, wächst ein Steinkreuz angeblich millimeterweise aus dem Boden. In einer noch oder wieder genutzten Kirche stehen zwei zwei-Meter-Steinkreuze, die den Dnjepr und dann die Pripjat gegen den Strom nach Turow geschwommen sein sollen. Mystery.
Die gleichnamige Stadt Pripjat wurde erst 1970 gegründet und gemeinsam mit den Kernreaktoren von Tschernobyl errichtet. Seitdem die rund 50.000 Einwohner fliehen mussten, ist es eine Geisterstadt. Und irgendwie liegt der Schatten von Tschernobyl auch über diesem Naturpark. Richtig wohl fühlt man sich beim Gedanken ans Pilzesammeln dort nicht. Gleichwohl: In Zhytkavichy wird ein großes Hotel gebaut. Der Naturpark-Tourismus soll ausgebaut werden.


Alexandra, Katja und Masha in ZhytkavichyZhytkavichy: Stromausfall im Internet-Café
Freitag, 10. August 2007: Zhytkavichy
Am zweiten Tag komme ich langsam in den Rhythmus von Zhytkavichy. Stundenlang ziehen wir durch den Ort (Foto rechts; mehr Fotos von Katja, Alexa, Masha etc. hier). Im frisch renovierten Rathaus mit seinen langen Gängen voller verschlossener Türen versucht Katja Bescheinigungen für ihre Tochter zu sammeln. Vor dem Rathaus wacht wie stets Lenin (Foto links; mehr Fotos von Zhytkavichy hier). Wir kaufen hier und da noch was. Ich erstehe einen weißrussischen Auto-Atlas im Maßstab 1:500.000. Und bekomme noch zwei Strohglöckchen, die ich ans Fahrrad hänge. Ganz zu schweigen von dem Muschelanhänger aus Abchasien, wo Katja und Alexandra Urlaub gemacht haben und wohin Nicht-Russen nur mit Uno- oder Rotkreuz-Delegationen gelangen können.
Dann verbringe ich ein paar Stunden im Internet-Café. Das hat immer was Vertrautes. Wo immer ich bin: sobald ich auf dem Computer Fenster die vertraute Kombination aus spiegel.de, mail.com, google und wetteronline geöffnet habe, fühle ich mich ein bisschen zu Hause. Und muss manchmal scharf überlegen, durch welches Land ich eigentlich grade radle.

Lenin-Statue vor dem Rathaus von ZhytkavichyVertraut ist mir aus vielen Internet-Sitzungen auch der Stromausfall. Die Gleichgültigkeit, mit der er hier am hellichten Tag hingenommen wird, zeugt von Gewohnheit. Als ich nach einer halben Stunde wiederkomme, hocken alle noch so regungslos vor ihren Computern, wie zuvor. Immer noch kein Strom. Noch mal warten. Und als der Saft wieder da ist, muss ich 20 Minuten warten, bis ich einen der etwa 20 Terminals bekomme. Auf allen laufen Baller-Spiele, kostet 1000 belarussische Rubel (30 €-Cent). Ich bin der einzige im Netz, das ist doppelt so teuer. Funktioniert prächtig.
Abends bin ich noch bei Katjas Bruder Viktor samt Frau und drei Kindern eingeladen, die sich über die Kinder-Schokoladen-Eier wahnsinnig freuen. Feuerwehrmann Viktor bringt nicht nur sein Haus Zug um Zug auf West-Standard. Vor dem Haus hat er ein kleines beheizbares Gewächshaus, um Gurken-Pflänzchen zu ziehen, die dann im etwa 20 m langen großen Gewächshaus in den wenigen Sommermonaten heranreifen. Ein paar Tomaten sind auch dabei.
Innerhalb weniger Minuten bringe ich drei Saiten von Viktors Gitarre zum Reißen, weil ich versuche, die Gitarre auf die Höhe des Pianos zu bringen. Um die letzten Saiten zu retten stimme ich die G-Saite eine komplette Oktav tiefer. Geht doch. Doch dann will Viktor nicht mehr Klavier spielen, und gemeinsame Lieder finden wir auch nicht so recht, nicht mal in dem russischen Liederbuch. Das hat nicht mal deutsche Weihnachtslieder im Programm.
Zwei Tage Family-Treffen mit Katja waren großartig. Wenn man sich an weit auseinander liegenden Orten trifft auf diesem kleinen Planeten, bringt das näher zusammen.


Wald in Weißrussland
Jeder Wald anders


Babrujsk: Mischung aus Feierlichkeit und Tristess
Samstag, 11. August 2007: Zhytkavichy - Babrujsk (190 km)
Es geht weiter. Masha liegt noch auf der Couch im Wohnzimmer, Katja bereitet schon die Abreise am Nachmittag nach Moskau vor. Zhytkavichy hat eine direkte Nachtzug-Verbindung mit Moskau. 17 Stunden dauert der Trip. Man lernt jemanden ganz anders kennen, wenn man mal in seiner Heimat, bei seiner Familie war. Wie klein und wie groß ist der Sprung von Zhytkavichy nach Mainz oder Moskau. Im Internet-Café leg ich noch meine Fotos für Katja auf eine Festplatte. Ein bisschen von uns bleibt hier.
Belarussische LandstraßeImmerhin Sonne. Den ganzen Tag über eine Nebenstrecke mit wenig Verkehr aber gutem Asphalt (Foto links) und gelegentlich sogar Rückenwind. Zumindest solange es nördlich geht. Riesige Wälder (Foto oben), riesige Felder. Kleine Holzhäuschen. Wieder ein Örtchen. Ljuban. Im Gegensatz zu den meist schachbrettartigen Siedlungen oder langgezogenen Straßendörfern etwas unübersichtlich mit mehreren Hauptstraßen. Prompt verfahre ich mich. Obwohl ich treu den Schildern und Auskünften folge, kreise ich unbefriedigend umher.
Am Ende geht's dann gen Osten. Babrujsk (alias Babruysk, Babruisk, Bobruisk, Bobrujsk, belarussisch Бабруйск, russisch Бобруйск) ist ein größerer Ort. Ich bin froh über meinen gestern gekauften weißrussischen Straßenatlas mit seinen Innenstadtplänen. Am Samstag Abend wirkt der Ort recht verschlossen. Die Läden sind geschlossen. Auf der Innenstadt-Fußgänger-Meile ist dann doch ein bisschen Leben. Kneipen, Restaurants. Wieder ein paar leere Straßen weiter stoße ich auf das "Gostiniza Bobrujsk". 20 Extra-€-Cent werden hier für's Fahrrad fällig.
Das Hotel ist alt aber passabel. Der Weg zum Internet-Café am späten Abend beweist: die Jugend ist auf den Beinen. Mein Eindruck: Typisch für diese Art von weißrussischer Großstadt ist, dass sie tatsächlich sehr sauber wirkt, was dadurch verstärkt wird, dass es nicht so viele Autos gibt, gleichzeitig eine gewisse Kargheit in der Farbigkeit der Gebäude, an einem spätsommerlichen Samstag Abend eine Mischung aus feierlicher Abwesenheit und Tristess.


See bei Chechevichi
See bei Chechevichi


Höhen und Tiefen in der weißrussischen Ebene
Sonntag, 12. August 2007: Babrujsk - Mahiljou-Malaya-Borovka (136 km)
Mühsam. Ich habe die Entscheidung lange aufgeschoben, sage schließlich zu, zu Katjas Freundin Katja an diesem Abend am Rand von Mahiljou zu kommen. Werde dadurch leider auf keinem der belarussischen Bauernhöfe, die sich unter greenbelarus.com vermarkten, übernachten können. Ich bin von dem Erlebten in Zhykavichy noch so bewegt, dass mir gar nicht so recht nach einem weiteren Homestay ist. Ich weiß auch kaum etwas über Katja. Stimmungstief.
Die ersten Pausen sind Katastrophen. Rauchende Männer, die mich dumm anlabern. Zwischenhoch am Mittag an einem lang gestreckten See bei Chechevichi (Foto oben). Auf den hatte ich schon auf der Karte als Highlight des Tages spekuliert. Angler, Badler, Radler und Wassser-Ski-Fahrer haben hier so viel Spielfläche, dass die weite Natur dominiert.
Mahiljou (Magilow): KriegsdenkmalMeine Einfahrt nach Mahiljou (alias Mahilyow, Magilow, Mogiljow, Mogilev, belarussisch Магілёў, russisch Могилёв, polnisch Mohylew, ältere deutsche Transkription Mogilew) ist ein einziges Fiasko. Diese desinteressierten, demotivierten, schicksalsergebenen Verkäuferinnen, heute meist jünger als die sonst omnipräsenten Patronen, treiben mein Blut zum Siedepunkt. Ein Tiefpunkt: Ich versuche gegen die erbitterte Gleichgültigkeit zweier Verkäuferinnen im Schatten des Stadions eine Sprite-Flasche zu erstehen. Horror. Ich will weg, fliegen wie die wieder mal überdimensionierte Sieges-Göttinnen-artige Figur, die über allem thront (Foto rechts).
Erst später lese ich bei Wikipedia, dass Mahiljou nicht nur wie all die andern Orte von den Deutschen im Zweiten Weltkrieg erobert und gemäß der Politik der verbrannten Erde hinterlassen wurde, sondern bei der Entwicklung der massenhaften Menschen-, vor allem Juden-Vernichtung durch die Nationalsozialisten eine große Rolle spielte:
"Am 26. Juli 1941 eroberte die deutsche Wehrmacht die Stadt ... Am 19. Oktober 1941 wurden vom Einsatzkommando 8 und dem Polizeibataillon 316 insgesamt 3726 Juden erschossen; am 23. Oktober 1941 wurden 279 Juden auf die gleiche Weise ermordet. An diesem Tage kam Heinrich Himmler nach Mogilew/Mahiljou. Er ordnete an, nach anderen Vernichtungsmethoden zu suchen, da er die Leute des Erschießungskommandos von Nervenzusammenbrüchen verschonen bzw. ihre weitere Verrohung vermeiden wollte.
Im Oktober 1941 wurden geistig behinderte Anstaltsinsassen in Mogilew/Mahiljou versuchsweise mit Autoabgasen vergiftet. Der Versuch verlief im Sinne der Täter zufriedenstellend und erwies sich als ein folgenschweres Ereignis, denn die hier erprobte Tötungsmethode durch Motorabgase wurde später in mehreren Vernichtungslagern zum Massenmord eingesetzt. Himmler gab zunächst den Auftrag, Gaswagen bauen zu lassen, von denen ein Exemplar - allerdings mit anderer Technik - bereits in Ostpolen bei der Aktion T4 im Einsatz war.
Im November 1941 erhielt außerdem die Erfurter Firma J. A. Topf und Söhne den Auftrag, für ein geplantes riesiges Krematorium in Mogilew/Mahiljou 32 Öfen zu liefern. Vermutlich war zu diesem Zeitpunkt daran gedacht, bei Mogilew/Mahiljou ein großes Lager zu bauen, dessen Funktion später von Auschwitz und den Vernichtungslagern in Ostpolen übernommen worden ist. Der Auftrag für Mogilew/Mahiljou wurde storniert, einige der Öfen wurden später nach Auschwitz geliefert. Im nicht weit von Minsk entfernten Maly Trostinez wurden ab 1942 mindestens 40.000 Juden erschossen oder in Gaswagen ermordet."

Dnjepr in Mahiljou/MagilowIch wende dem Kriegerdenkmal meinen Rücken zu und radle über den Dnjepr (alias belarussisch Dnjapro, ukrain. Dnipro, russisch Dnepr). Der drittlängste Fluss Europas ist so lang, dass ich ihn vor vier Jahren tausend Kilometer weiter südlich bei Cherson kurz vor der Mündung in das Schwarze Meer überqueren konnte. Er ist schon hier majestätisch (Foto links). Kurz hinter der Brücke überholt mich ein Bus mit dem Ziel "Malaya Borovka". Jener Vorort, in dem Katjas Bruder Kolja wohnt. Ich versuche mit dem Bus mitzuhalten. Wegen der vielen Haltestellen und Ampeln gelingt das eine ganze Weile. Ich sehe ihn grad noch, schon außerhalb der Stadt, nach rechts in eine kleine Straße einbiegen. Der folge auch ich.
Schon bin ich auf dem Land, in einem Dorf, das boomt. Einer der Neubauten gehört Kolja, der hier mit Frau und zwei Kindern wohnt. So neu, dass nicht mal ein Fahrer aus der Nachbarstraße weiß, dass ich schon am Ziel bin.
Sofort ist all meine Skepsis gegen einen erneuten Homestay dahin. Hier hab ich's mal wieder super gut. Werde gleich zu einer Sauna gefahren: Das Holzhäuschen im Garten ist voller Wasserdampf. Ich hab es ganz für mich. Ein Traum. Und ein tolles weißrussisches Abendessen mit Katja und der ganzen Familie. Der Tag hat sich doch noch gewendet.


Malaya Borovka: Olga, Katja und Aljoscha
Malaya Borovka: Olga, Katja und Aljoscha


Heimatpropaganda und Schokoladenbutter
Montag, 13. August 2007: Mahiljou-Malaya-Borovka - Wizebsk (162 km)
Die Mutter, Grundschullehrerin am andern Ende der Stadt, zeigt mir auf meiner Wohnzimmer-Couch vor dem Frühstück noch ein Heft, das alle Erstklässler bekommen. Ein "Geschenk" von Präsident Alexander Lukaschenka, wie sie betont. Heimat-Propaganda mit Steuergeldern.
Dann sind die Eltern verschwunden. Ich teile mit Sohn Aljoscha die Schokoladenbutter am Frühstückstisch. Tochter Olga, die sich gestern noch beschwert hat, dass sich meine Fragen nicht an die Lektionen ihres Englisch-Buches halten, nutzt jetzt die Möglichkeit, jede passende Vokabel an den Mann zu bringen. Und wird von Minuten zu Minute sicherer (Foto oben).
Holzhaus und Blumen in BelarusKatja steht kurz vor ihrem "Heim"-Flug nach Wiesbaden. Dort hat sie schon vor ein paar Monaten in einer Apotheke die Ausbildung zur Pharamzeutisch-Technischen Assistentin begonnen. Sie bangt allerdings um ihre Berufsschul-Stunden, denn der Apotheker hat sie immer noch nicht angemeldet. Das Schuljahr beginnt in ein paar Tagen. Nebenbei studiert sie natürlich noch und arbeitet und...
Jetzt muss sie sich wieder von ihrer belarussischen Heimat trennen, die in Wiesbaden wieder zwei tausend Kilometer und ein paar hundert Euro weit entfernt ist. Sie begleitet mich - nachdem sie mich reichlich mit Reiseproviant versorgt hat - auf einem kleinen Klapprad, was ich hier häufig sehe, zweieinhalb Kilometer bis zur großen M8 nach Norden. Ich muss nicht in die große Stadt zurück. Und rolle teils auf allerneustem Asphalt nun wieder nach Norden.
Witebsk (alias Vitebsk, Wizebsk, Viciebsk, Vitsyebsk, belarussisch Віцебск, russisch Витебск - Betonung auf der ersten Silbe), Heimat von Marc Chagall, soll das Ziel sein. Und ist das Ziel. Wieder grüßt ein riesiges Kriegs-Denkmal. Dann erst kommt das Stadtzentrum, in der ein neues Freilufttheater überrascht.
Weniger überraschend das Desinteresse an den Hotelrezeptionen. Einmal wollen sie mir ein schon halb belegtes Doppelzimmer andrehen. Die obligatorischen Formulare, die ich schon ausgefüllt habe, nehme ich mit. Im teuersten Hotel, Erida, rund 50 €, brauche ich sie nicht. Sie werden für mich ausgefüllt. Hier bin ich auch ganz in der Nähe der wenigen verbliebenen älteren Häuser. Und ich habe gute Aussichten, morgen Russland zu erreichen.


Wizebsk: Enge in Chagall's Vaterhaus
Dienstag, 14. August 2007: Wizebsk - Grenze Belarus/Russland... (156 km)
Diesen Morgen lasse ich langsam angehen. Erst um elf Uhr öffnen die beiden Chagall-Sehenswürdigkeiten der Stadt. Vorher versuche ich mich noch ein wenig im Shoppen, scheitere aber schon bei der Suche nach ein paar Postkarten.
Das Chagall-Kunstzentrum (sh. Foto Special Chagall at Witebsk) liegt ganz in der Nähe meines Hotels in einem Park oberhalb des Flusses Dwina, der sehr viel tiefer liegt als die Stadt zu beiden Seiten. Am chagalligsten sind noch ein Chagall-Relief und eine Skulptur vor dem Haus. Im Haus werden zwar zahlreiche Werke von ihm gezeigt, die fast ausschließlich von deutschen Sammlern stammen. Aber fast keins dieser Werke hat einen Bezug zu Witebsk, sie sind allesamt Spätwerk.
Wohnhaus der Familie von Marc Chagall in WitebskRadle ich auf die andere Dwina-Seite, wo in Bahnhofs-Nähe das Wohnhaus der Familie Chagall zu einem Museum umgewandelt wurde (Foto rechts). Allerdings erst nach Ende der Sowjetunion. Chagall hatte dem Kreml mehrfach eigene Werke angeboten, war aber bei den Machthabern in Moskau nicht wohl gelitten. Zahlreiche Familienfotos verschaffen einen anderen Zugang zum Leben von Chagall. Auch die Enge dieses Hauses kontrastiert die Größe seines einstigen Bewohners. Weil alles in allem nicht sooo viel zu sehen ist, bin ich kurz nach zwölf auf der Piste.
Anfangs mühsam. Der Sattel schmerzt. Ungewohnt. Er ist halt immer noch sehr neu. Es ist etwas flacher als gestern (522 hm), aber immer noch hügelig genug (436 hm). Gegen 16 Uhr bin ich an der Grenze, die kaum noch eine ist. In meinem weißrussischen Atlas ist im Gegensatz zu den Übergängen zu den andern Nachbarländern gar kein Grenzübergang als solcher markiert. Oliver Schmidt, der hier vor zwei Jahren im Winter herfuhr, beschreibt umfangreich seine Probleme, an einen russischen Einreisestempel zu kommen. Anders als er, will ich nicht monatelang durch Russland radeln. Gleichwohl nehme ich mir vor, einen russischen Einreisestempel zu ergattern. Oliver hat es im zweiten Versuch immerhin zu einem Stempel vom Zoll gebracht, um dann an einem Grenzübergang nach Lettland mit großem Aufwand einen richtigen Einreisestempel zu ergattern. Für mich geht es schnell...

Fortsetzung hier:
Zweiter Teil: Russland - Finnland - Schweden
Wie man 300 km an einem Tag radelt: Der weite Weg um den bottnischen Meerbusen


Route Belarus - Arvidsjaur



Blaue Linie = Touren-Route; Buchstaben = Start und Ziel der Etappen

Route Belarus
Routen-Karte Belarus
Dunkel-Grün = Route; Gelb = Etappen-Start/-Ziel; Rot = Geplante Route (mit Variationen)
Atomzeichen: Tschernobyl; Grün = Frühere Touren: Mainz-Vilnius (2000); Nida-Vilnius (2002)


Etappen Belarus - St. Petersburg - Arvidsjaur (August 2007)

Details mit Geschwindigkeiten, Höhenmetern etc. als Excel-Tabelle

Tag Datum Start Zwischenstationen Ziel km
1. 6.8.2007 Miedzyrzec Podlaski Grenze Polen/Belarus Brest 73
2. 7.8.2007 Brest Pinsk 190
3. 8.8.2007 Pinsk Zhytkavichy 147
4. 9.8.2007 Zhytkavichy
5. 10.8.2007 Zhytkavichy
6. 11.8.2007 Zhytkavichy Babrujsk 190
7. 12.8.2007 Babrujsk Mahiljou 136
8. 13.8.2007 Mahiljou Wizebsk 162
9. 14.8.2007 Wizebsk Grenze Belarus/Russland Pustoshka 156
10. 15.8.2007 Pustoshka Pskow 195
11. 16.8.2007 Pskow St. Petersburg 292
12. 17.8.2007 St. Petersburg
13. 18.8.2007 St. Petersburg Primorsk Wyborg 185
14. 19.8.2007 Wyborg Grenze Russland/Finnland - Lappeenranta - Partakoski Ristiina 161
15. 20.8.2007 Ristiina Mikkeli - Pieksämäki Rautalampi 137
16. 21.8.2007 Rautalampi Pyhäjärvi 163
17. 22.8.2007 Pyhäjärvi Oulu 175
18. 23.8.2007 Oulu Grenze Finnland/Schweden Kalix 195
19. 24.8.2007 Kalix Boden Arvidsjaur 225
Summe 2782

Grünes Belarus
Grünes Belarus


Zweiter Teil
Russland - Finnland - Schweden

Wie man 300 km an einem Tag radelt
Der weite Weg um den bottnischen Meerbusen

Zur ganzen Tour 36: Belarus - Arvidsjaur (2782 km) Aug. 2007


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Tour 48: Karakorum-Highway (1010 km) 2009
Karakorum 2009
Chris Tour 51: Khartum - Addis Abeba (1760 km) 2010
Äthiopien 2010
on the Tour 58: Alpen - Prag - Berlin (2060 km) 2011
Moldau 2011
Bike Tour 59: Errachidia - Agadir (1005 km) 2012
Marokko 2012
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