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Höhen und Tiefen in der
weißrussischen Ebene
Sonntag, 12. August 2007: Babrujsk -
Mahiljou-Malaya-Borovka (136 km) Mühsam. Ich habe die Entscheidung
lange aufgeschoben, sage schließlich zu, zu Katjas Freundin Katja an
diesem Abend am Rand von Mahiljou zu kommen. Werde dadurch leider auf
keinem der belarussischen Bauernhöfe, die sich unter greenbelarus.com vermarkten, übernachten können. Ich bin
von dem Erlebten in Zhykavichy noch so bewegt, dass mir gar nicht so recht
nach einem weiteren Homestay ist. Ich weiß auch kaum etwas über Katja.
Stimmungstief. Die ersten Pausen sind Katastrophen. Rauchende Männer,
die mich dumm anlabern. Zwischenhoch am Mittag an einem lang gestreckten
See bei Chechevichi (Foto oben). Auf den hatte ich schon auf der Karte als
Highlight des Tages spekuliert. Angler, Badler, Radler und
Wassser-Ski-Fahrer haben hier so viel Spielfläche, dass die weite Natur
dominiert.
Meine Einfahrt nach
Mahiljou (alias Mahilyow, Magilow, Mogiljow, Mogilev, belarussisch
Магілёў, russisch Могилёв, polnisch Mohylew, ältere deutsche Transkription
Mogilew) ist ein einziges Fiasko. Diese desinteressierten, demotivierten,
schicksalsergebenen Verkäuferinnen, heute meist jünger als die sonst
omnipräsenten Patronen, treiben mein Blut zum Siedepunkt. Ein Tiefpunkt:
Ich versuche gegen die erbitterte Gleichgültigkeit zweier Verkäuferinnen
im Schatten des Stadions eine Sprite-Flasche zu erstehen. Horror. Ich will
weg, fliegen wie die wieder mal überdimensionierte Sieges-Göttinnen-artige
Figur, die über allem thront (Foto rechts). Erst später lese ich bei
Wikipedia, dass Mahiljou nicht nur wie all die andern
Orte von den Deutschen im Zweiten Weltkrieg erobert und gemäß der Politik
der verbrannten Erde hinterlassen wurde, sondern bei der Entwicklung der
massenhaften Menschen-, vor allem Juden-Vernichtung durch die
Nationalsozialisten eine große Rolle spielte: "Am 26. Juli 1941
eroberte die deutsche Wehrmacht die Stadt ... Am 19. Oktober 1941 wurden
vom Einsatzkommando 8 und dem Polizeibataillon 316 insgesamt 3726 Juden
erschossen; am 23. Oktober 1941 wurden 279 Juden auf die gleiche Weise
ermordet. An diesem Tage kam Heinrich Himmler nach Mogilew/Mahiljou. Er
ordnete an, nach anderen Vernichtungsmethoden zu suchen, da er die Leute
des Erschießungskommandos von Nervenzusammenbrüchen verschonen bzw. ihre
weitere Verrohung vermeiden wollte. Im Oktober 1941 wurden geistig
behinderte Anstaltsinsassen in Mogilew/Mahiljou versuchsweise mit
Autoabgasen vergiftet. Der Versuch verlief im Sinne der Täter
zufriedenstellend und erwies sich als ein folgenschweres Ereignis, denn
die hier erprobte Tötungsmethode durch Motorabgase wurde später in
mehreren Vernichtungslagern zum Massenmord eingesetzt. Himmler gab
zunächst den Auftrag, Gaswagen bauen zu lassen, von denen ein Exemplar -
allerdings mit anderer Technik - bereits in Ostpolen bei der Aktion T4 im
Einsatz war. Im November 1941 erhielt außerdem die Erfurter Firma J. A.
Topf und Söhne den Auftrag, für ein geplantes riesiges Krematorium in
Mogilew/Mahiljou 32 Öfen zu liefern. Vermutlich war zu diesem Zeitpunkt
daran gedacht, bei Mogilew/Mahiljou ein großes Lager zu bauen, dessen
Funktion später von Auschwitz und den Vernichtungslagern in Ostpolen
übernommen worden ist. Der Auftrag für Mogilew/Mahiljou wurde storniert,
einige der Öfen wurden später nach Auschwitz geliefert. Im nicht weit von
Minsk entfernten Maly Trostinez wurden ab 1942 mindestens 40.000 Juden
erschossen oder in Gaswagen ermordet."
Ich wende dem Kriegerdenkmal meinen Rücken zu und radle über
den Dnjepr (alias belarussisch Dnjapro, ukrain. Dnipro, russisch Dnepr).
Der drittlängste Fluss Europas ist so lang, dass ich ihn vor vier Jahren
tausend Kilometer weiter südlich bei Cherson kurz vor der Mündung in das
Schwarze Meer überqueren konnte. Er ist schon hier majestätisch (Foto
links). Kurz hinter der Brücke überholt mich ein Bus mit dem Ziel "Malaya
Borovka". Jener Vorort, in dem Katjas Bruder Kolja wohnt. Ich versuche mit
dem Bus mitzuhalten. Wegen der vielen Haltestellen und Ampeln gelingt das
eine ganze Weile. Ich sehe ihn grad noch, schon außerhalb der Stadt, nach
rechts in eine kleine Straße einbiegen. Der folge auch ich. Schon bin
ich auf dem Land, in einem Dorf, das boomt. Einer der Neubauten gehört
Kolja, der hier mit Frau und zwei Kindern wohnt. So neu, dass nicht mal
ein Fahrer aus der Nachbarstraße weiß, dass ich schon am Ziel
bin. Sofort ist all meine Skepsis gegen einen erneuten Homestay dahin.
Hier hab ich's mal wieder super gut. Werde gleich zu einer Sauna gefahren:
Das Holzhäuschen im Garten ist voller Wasserdampf. Ich hab es ganz für
mich. Ein Traum. Und ein tolles weißrussisches Abendessen mit Katja und
der ganzen Familie. Der Tag hat sich doch noch
gewendet. |