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Längste Etappe aller Zeiten: 292
km nach St. Petersburg
Donnerstag, 16. August 2007: Pskow - St. Petersburg (292
km) Kann ich 300 km an einem Tag radeln? Die weißen Nächte sind
vorüber. Trotzdem geht die Sonne heute erst um 21.51 Uhr unter. Dann kommt
immer noch die Dämmerung. Ist das zu schaffen? 280, 290 km bis St.
Petersburg. Ziemlich genau die Entfernung zwischen Hamburg und Berlin.
Meine bisher längste Strecke: 258 km in Libyen. Das ist sechs Jahre
her. Zu den ganz wenigen Internet-Foren, zu denen ich bisher
beigetragen habe, gehörte vor Jahren eine Diskussion zur Frage "Kann man
300 km an einem Tag radeln?" Mein Statement etwa: "Wenn man vorher schon
einige Tage weite, aber nicht zu weite Strecken gefahren ist. Wenn die
Strecke relativ flach ist. Wenn man Rückenwind hat. Wenn das Fahrrad
optimal eingestellt ist und keine Defekte hat. Wenn man sich richtig
ernährt. Wenn man Erfahrung mit Ausdauer-Leistungen hat. Wenn man sich
mental optimal einstellt und die ganze Strecke über die mentale Spannung
halten kann. Dazu gehört sich schon einige Tage auf diese Strecke
einzustellen. Wenn der Wille da ist. Dann: JA!"
Zwei Mal hatte ich in
den letzten Monaten schon mental an der 300 km Marke gekratzt. Im Dezember
hätte ich von Mauretaniens Hauptstadt Nouakchott ins senegalesische St.
Louis an einem Tag fahren können. Das ergab sich aber erst am Abend, als
es schon dunkel war und ich wider Erwarten noch den Grenzfluss überqueren
konnte. Da fehlte die mentale Vorbereitung. Aber ich hatte zum ersten Mal
das Gefühl: Heute wär es möglich gewesen. Im Februar, im Sudan, hatte
ich mir die 300 km vorgenommen, aber Wetter und Wind und vor allem
zahlreiche Reifenpannen machten es mir unmöglich. Also jetzt? Zum
ersten Mal dran geglaubt hab ich gestern Abend durch die Windvorhersage
von wetter online: Südwest-Wind, Stärke 2. Seit Tour-Beginn habe ich
relativ stetigen Ost-Wind gehabt. In dieser Nacht die Wende. Trotzdem ist
am Morgen alles offen. Relativ locker starte ich um 8.15 Uhr. Ohne Hektik.
Ohne Stress. Will die ersten Kilometer abwarten vor einer endgültigen
Entscheidung. Auf meinem Tourenplan stehen eigentlich nur 144 km bis Luga.
Aber dort gibt es kein Hotel. Nur in der Nähe zwei, drei Sanatorien, die
aber in der Regel wenig begeistert über One-Night-Stands sind. In
meinem sehr detailierten Auto-Atlas (Maßstab 1:500.000) für den
„Leningradskaja Oblast“ (der feiert heuer sein achtzigjähriges Bestehen
und ist von der Rückbenennung St. Petersburgs unberührt geblieben) zu
dessen Erwerb ich mich mal auf der Frankfurter Buchmesse hinreißen ließ,
habe ich zwei, drei Hotels etwa bei km 240 in Gatchina entdeckt.Das könnte
eine Lösung sein, wenn es nicht mehr weiter ginge. Aber St. Petersburg ist
das bessere Ziel, weil ich so einen ganzen Tag für die Stadt der weißen
Nächte habe. Ich radle los. Ich kaufe noch ein paar Lebensmittel und
komme dann richtig in Fahrt. Tatsächlich: Rückenwind aus Südwest. Ich
spüre ihn sofort, obwohl zunächst ringsum Nebel (Foto rechts) herrscht. Es
läuft von Beginn an super. Und von Stunde zu Stunde immer besser.
Die ersten 80 km
ist die Straße recht rumpelig und hat vor allem keinen Seitenstreifen. 200
km vor St. Petersburg wird sie besser und bleibt es fast durchgehend.
Verkehr ist reichlich, aber nicht zu viel. Die ersten Stunden liege ich
bei 23 km/h, deutlich über meinem Durchschnitt. Psychologisch hilfreich:
Ich werde immer schneller. Die größte Gefahr: zu schnell. Grad beim
schnellen Fahren spüre ich die Erschöpfung häufig erst zu spät. Gut, dass
ich das weiß. Kurze Pausen und das Anfahren danach geben meist ein genaues
Gefühl vom Power-Zustand. Es läuft einfach heute. Und ich profitiere
von all den Ausdauer-Events, die ich hinter mir habe - samt aller
Einbrüche. In meinem Kopf hämmert der Slogan, den ich mal bei einem
Ironman aufgesogen habe: You can go the extra mile! Mein Mantra. Immer
wieder. Immer weiter. Um 13 Uhr habe ich 105 km hinter mir. Und dann
kommt ein brillianter Nachmittag. Es wird ein kleines bisschen hügelig.
Aber genau so, dass ich in einen traumhaften Rhythmus komme, ohne mich
anstrengen zu müssen. Und die stetig steigende
Durchschnitts-Geschwindigkeit schreit mir zu: Du kannst es
schaffen. Auch heute Wälder, Felder, Holzhäuser, Flüsse. Die
Überquerungen von Flüssen sind Highlights. Sie unterscheiden sich
sehr. Nicht immer kann ich mich dazu bringen, ein Foto zu machen. Nur
an dem einen, in dem die Algen in der schwachen Strömung schweben (Foto
rechts). Da bin ich schon sehr, sehr weit gefahren und immer noch weit vom
Ziel. Punkt 19 Uhr, nach genau 10 Stunden reiner Fahrzeit, 243 km, also
24,3 km/h, erreiche ich Gatchina. So viel weiß ich aus meinen Führern: Es
ist eines der Potsdams von St. Petersburg. Sommerschlösser und
Parks. Nur ein paar Meter links ab von der Strecke stehe ich vor der
weit ausladenden Fassade des nicht sonderlich restaurierten Schlosses, das
Katharina die Große ihrem Lover Grigori Orlow geschenkt hat - als Dank,
dass er ihr Peter III. vom Halse schaffte.
Schön ist vor allem
der Park (Foto links unterhalb). Hier gelingt mir endlich ein Foto von
jungen Russen, die mit freiem Oberkörper herumlaufen (Foto rechts).
Eigentlich begleiten sie mich schon die ganze Tour. Aber erst in den
letzten Tagen ist mir bewusst geworden, wie viele Jungs mit freiem
Oberkörper herumlaufen. Und es sich leisten können. Auch die Mode der
jungen Frauen mit ihren kurzen knappen Höschen, die nur noch einen Hauch
von Hosenbein haben, mit verschiedensten Oberteilen die Rücken oder
sonstiges frei lassen, ein Outfit, das andernorts nuttig interpretiert
würde, versuche ich mehr schlecht als recht vom rollenden Rad aus zu
fotografieren. Ich bin schon leicht High. Oder mehr als leicht. Und das
wird sich weiter steigern (High-Fotos von Russlands jungen
Beauties hier). Bei der Ausfahrt aus Gatchina frage ich nach dem
Weg. Die Gegenfrage lautet: "In welchen Teil von St. Petersburg wollen Sie
denn?" Wow. Ich bin verdammt nah am Ziel. Und ich weiß: ich werde es
schaffen. Den ganzen Tag über keine Einbrüche, keine Tiefs. Es ist
unglaublich. Zwei Muffins, zwei kleine Kuchen, ein Snickers, ein Bounty.
Aber viel getrunken. Sieben Liter. Still und sparkling, Pfirsichsaft,
Bitter Lemon. Erst am späten Nachmittag habe ich eine Pepsi zum wach
bleiben getrunken. Nur gelegentlich ergreift mich jetzt ein leichter
Trance-Zustand. Doppelt aufpassen. Der Verkehr wird dichter. Auch wenn die
Straße endlich vierspurig geworden ist.
Rund 30 Kilometer vor
St. Petersburg Stau in der Gegenrichtung. Ein Stau, der fast bis in die
Stadt anhält. Etwa 20 Kilometer vor dem Ziel geht es unerwartet bergab. In
einer großen Schleife nimmt das Rad richtig Fahrt auf. Ich rolle runter
zum Newa Delta. Die Stadt liegt im Dunst des Flusses. Und schon
passiere ich jetzt achtspurig die wenig spektakuläre aber den ganzen Tag
vor meinen Augen schwebende Markierung: St. Petersburg (Foto rechts).
Links und rechts Flughafen, Shopping Malls mit riesigen Parkplatz-Flächen.
Hier und da auch ein Radler. Ich bin happy, happy, happy. Trotz der
Ungewissheit über eine Unterkunft. Die Stadt zieht sich ewig, obwohl
sie immer schon Zentrum ist. Die gleiche Traufhöhe, große Plätze und der
größte aller Plätze mit einem überdimensionierten Lenin. Leningrad eben.
Der Kilometer-Zähler, der bei Fahrten in große Städte häufig ein guter
Gradmesser für die Zentrums-Nähe ist, sagt: weiter. Ich will bis an den
Fluss, ins Zentrum des Zentrums. Und die Straße führt immer geradeaus
mitten ins Herz. Nur ganz zuletzt muss ich einen kleinen Bogen schlagen,
um dann an der Kathedrale, an der Admiralität, an der Newa zu halten. 290
km. Und es könnte noch zwei, drei Stunden weitergehen. Es ist nach 21
Uhr und immer noch hell. Dunstig hell. Auch eine Art weiße Nacht. Ich habe
zwei Hostels im Visier, die einzigen günstigeren Unterkünfte im Zentrum.
Bei beiden heißt es, eine Reservierung sei notwendig, weil sie in der
Regel ausgebucht seien.
Beim ersten überwinde
ich nicht mal den wenig repräsentativen Hinterhof-Eingang. Über die
Fernsprecheranlage erfaher ich: Njet. Bleibt als Hoffnung: Nord Hostel.
Ich packe das Fahrrad gleich untern Arm auf der breiten repräsentativen
Treppe. Lasse es auf halber Höhe stehen und schleppe mich zur
Mini-Rezeption an der Eingangstür im ersten Stock, hinter der sich ein mit
etwa 14 Betten gefülltes (und volles?) Dormitory abzeichnet. Das Wunder:
Sie haben noch ein Bett frei. Direkt hinter der Rezeption. Mit 25 Euro ist
es nicht superbillig, für St. Petersburg sehr günstig. Mit Piano, free
Internet, Frühstück, Waschmaschine. Ein echter
Traveller-Treffpunkt. Ich habe wieder Schwierigkeiten mit meinem
File-Transfer-Programm, sodass ich meine aktualisierte Homepage nicht ins
Netz bekomme. Aus Frust und Müdigkeit kopiere ich auch nicht die Fotos des
Tages, dieses Tages auf meinen Stick, was ich am nächsten Tag bitter
bereuen werde. Ich bin dann doch erschöpft. Ein großartiger Tag. Eine
großartige Strecke mit einem großartigen Ziel. Und morgen habe ich einen
Tag Zeit „gewonnen“, um mir St. Petersburg anzuschaun.
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