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Liebe deine Gegenwinde!
Es ist ein bisschen eine Sucht, aber mehr noch eine Sehnsucht: Immer neu treibt mich die Sehnsucht nach dem Aufbruch. Wenn ich von einer längeren Bikepacking-Tour zurückkehre, denke ich oft: Das war so unendlich toll und erfüllend - kaum vorstellbar, dass ich das noch einmal toppen kann, toppen will. Dass ich mich noch einmal aufraffen kann, so etwas Gigantisches in Angriff zu nehmen.
Die Anfänge als vermeintliche Endpunkte
Schon nach meiner ersten großen Tour, direkt nach dem Abi mit Georg von Düsseldorf nach Rom über die Alpen, dachte ich mit meinen 19 Jahren: Das wird ein absoluter Höhepunkt bleiben. Das ist nicht mehr zu toppen. So fit werde ich nie wieder sein.
Ein paar Monate später startete ich im Frühjahr 1983 meine erste große Solo-Tour: von Essen über Budapest nach Zagreb. Es ging durch den Eisernen Vorhang in den Ostblock und zurück. Auch ein Rausch. Gefühlt aber eher ein Appendix an die Rom-Tour. Ein Abschluss, statt ein Aufbruch.
Die Chance, die das Studium geboten hätte, auf dem Rad weitere Gegenden zu erschließen, blieb ungenutzt. Eine Denkblockade. Den Wunsch hatte ich schon. Aber die Vorstellung, dass das als so erfüllend erlebte Reisen auf dem Rad weitergehen und überall hinführen könnte, war nicht da. War auch noch nicht Zeitgeist. So, wie ich etwa aus heutiger Sicht, viel häufiger mit dem Fahrrad zur Schule hätte fahren können, radeln sollen.
Gegen Ende des Studiums fragte mich mein Studienkollege Hartmut, ob ich nicht Lust hätte nach Santiago de Compostella zu radeln. Die Idee lag ein bisschen in der Luft, auch wenn es seinerzeit dafür kaum Logistik gab und die spätere Popularität des Camino noch in weiter Ferne lag. Auch das war eine grandiose Tour. Über das Zentralmassiv, die Pyrenäen und die Meseta-Ebene bei Leon. Viel Quälerei. Aber im Nachhinein grandios. Auch hier die Denkblockade: Im Alter von Mitte 20 wähnte ich mich im Zenit meiner körperlichen und zeitlichen Möglichkeiten. Das lief unbewusst. Und war gerade deshalb so wirkungsvoll, weil nicht zu bekämpfen. Einfach unhinterfragt vorausgesetzt. Wie falsch.
So machte ich auch in der ersten Berufsphase wunderbare Reisen. Nach Tunesien, Marokko, Andalusien, Usbekistan, Kirgisien, Ohne Fahrrad. Weil ich es nicht auf dem Schirm hatte. Auch weil es (noch) nicht Mode war.
Neuanafang
Erst mit Ende 30, als das einseitig belastende Berufsleben nach einem Ausgleich schrie, nach Bewegung, nach einem Gegengewicht, entdeckte ich das Radeln neu. Auch das Laufen. Die alte Begeisterung sich aus eigener Kraft Menschen, Ländern, Wüsten, Gebirgen, Kontinenten anzunähern. Immer wieder zu starten - nach jeder Pause, nach jeder Nacht, nach jeder Tour. Sich den Rädern, dem Asphalt, dem Verkehr, dem Andern, Sonne und Regen aussetzen. Den Rückenwind genießen! Den Gegenwind zu einer Kraft wandeln, die vorantreibt!
Bikepacking oder Fernradeln ist in diesen Jahrzehnten eine Massenbewegung geworden. Es gab immer mehr spezialisierte Räder für Trekking und zum Reisen, vielfältige wasserdichte Taschen für den Gepäcktransport, mehr Freizeit, Reichtum. Radreisen wurde auch zu einer Gegenentwicklung zu geballtem Städtetourismus, zu Over-Tourism, der sich auf einige wenige Orte fixiert. Radler verteilen sich ganz von allein. Ganze Regionen erkannten die Möglichkeiten, mit der Entwicklung des Radtourismus die Fläche zu beleben, in abgelegenen Regionen Ferienglück zu bereiten.
Aus einem immer bewegungsloseren (Berufs-)Alltag (vor dem Computer) in einen bewegenden Urlaub oder in den ganz großen Ausstieg. Ich entwickelte meine Touren weiter, oder die Entwicklung der Infrastruktur und Technik entwickelte meine Touren weiter. Vom geliebten flachen Fluss-Radweg entdeckte ich durch einen Kollegen die Freude am Erklimmen von Bergen, an einer Alpenüberquerung, von endlosen skandinavischen Wäldern führte mich mein Tourenleben zu Sanddünen in der Sahara und auf die Seidenstraße.
Veränderungen
Verletzungen warfen mich zurück und veränderten die Ziele von Touren. Miri, meine wunderbare Wegbegleiterin im Leben und auf vielen Touren, inspirierte Routen und immer neue Formen der Umsetzung. Auch Jugendliche, allein oder in der Gruppe, gingen und gehen mit auf Tour. Brachten viele neue Erfahrungen und Anregungen ein.
Keine Tour ist wie die andere. Die Entwicklung geht stetig weiter. Mit meinem Alter, mit meiner Fitness, mit den Möglichkeiten der Radgestaltung, der Routenplanung, der weltweiten Gastronomie und Hotellerie, elektronischen Visa, Frieden und Konflikten. Was werden die nächsten Jahre bringen?
Zur Anregung auf diesen Seiten Erfahrungen und Erlebnisse, Karten, Wegbeschreibungen, Kilometer-Angaben für jede Tagesetappe. Fast von Beginn an, habe ich täglich festgehalten, was mir wichtig war. Manchmal mehr, manchmal weniger. Hauptsache authentisch. Für mich sind es schöne Erinnerungen, wertvolle Erfahrungen, die ich gern wieder aufrufe. Einerseits, um sie in der Gegenwart wachzurufen, andererseits zum Beispiel zur Vorbereitung auf Touren in der gleichen Gegend.
Meine Räder
Auf ungezählten Rädern habe ich mich schon fortbewegt auf diesem Globus. Alles begann, als ich an einem Weihnachtsfest mein erstes Fahrrad geschenkt bekam. Man schrieb das Jahr 1969 und ich war sechs Jahre alt.
Leider fiel auch in jenem Jahr Weihnachten auf der Nordhalbkugel in den Winter und an erste Testfahrten mit dem heiß geliebten neuen Fahrrad war nicht zu denken - meinten zumindest meine Eltern. Noch schlimmer: Es verschwand in Omas Keller. Für Mooonate.
Der bewegende Moment, wenn man sich zum ersten Mal ohne äußere Hilfe fortbewegt, scheinbar schwebend und das besondere Gefühl des Fahrradfahrens spürt, bleibt die Erinnerung. Es geht voran - aber nur solange man sich bewegt: "La vie, c'est comme une bicyclette, il faut avancer pour ne pas perdre l'équilibre." Das ist zum geflügelten Wort geworden. Wird Albert Einstein zugeschrieben.
Ein paar Räder habe ich selbst gekauft. Vergleichsweise einfache, schwere Räder. Viele Räder habe ich gebraucht gekauft. Auch ein Koga-Rad und ein Idworx-Rad – jeweils mit Rohloff-Narbe. Es gibt Räder, auf denen ich sehr viele Touren zurückgelegt habe, und Räder, auf denen ich nur einige wenige Touren oder eine einzige Tour zurückgelegt habe.
Unvergessen zum Beispiel das Condor-Herrenrad meines früh verstorbenen Onkels Hans. Als der durchgerostete Rahmen auf einer Tour an der Nahe endgültig brach, habe ich ihn mit einem kleinen Stöckchen stabilisiert und konnte so noch rund 80 Kilometer bis zum Etappenende fahren. Wichtiger als das perfekte Material ist allemal der Wille mit ihm Ziele zu erreichen.
Später habe ich Touren auf Mieträdern zurückgelegt. Sie ersparen den komplizierten, kräfte- und nervenzehrenden Transport im Flugzeug. Immer haben sie Defizite, aber man kann auch die als Herausforderung verstehen, es eben trotzdem zu schaffen.
Falträder kamen hinzu. Eine Inspiration von Miri. Zuerst gedacht für den damals noch ansonsten unmöglichen Fahrradtransport in ICE-Zügen. Sie sind auch im Flugzeug wesentlich einfacher und kostengünstiger - nämlich in der Regel ohne Mehrkosten als normales Fluggepäck - zu transportieren. So habe ich inzwischen einige Tausend Kilometer in Afrika und Amerika damit zurückgelegt. Auch sie haben Defizite, also zusätzliche Herausforderungen.
Der Blick auf die Vielzahl und Vielfältigkeit meiner Räder beglückt. Und schmerzt zugleich: manche wurden gestohlen, aber jedes ist mit seinen unvergesslichen Erinnerungen, die Fahrradtouren in faszinierender Großartigkeit mit sich bringen, zu einem Stück meiner Fahrradgeschichte geworden.
Faszination der Visualisierung
Visualisierungen können für mich extrem motivierend sein. Ein Bild vom Ziel einer Tour kann in meinem Kopf Begeisterung und neue Kräfte freisetzen. Das Abrufen von Momenten und Situationen einer Tour macht Touren wieder gegenwärtig und ruft die Glücksgefühle zurück in die Gegenwart.
Für Bilder in meinem Kopf nutze ich verschiedene Hilfsmittel. Fotos von Zielen und Erlebnissen gehören dazu. Ein Höhenprofil kann großer Ansporn sein und zugleich helfen, die Kräfte gut einzuteilen. Im Nachhinein ist es möglicherweise als Teil der Dokumentation einer Tour eine kleine Trophäe über den eigenen inneren Schweinehund.
Eine besondere Form von Visualisierung sind für mich Karten. Sie leben von der scheinbaren Objektivität, der genauen Übertragung von Realität in ein Bild: Genau auf dieser Linie werde ich unterwegs sein oder habe ich auf dem Rad geackert, bin ans Ziel gekommen. Es scheint ein Abbild der realen Strecke zu sein. Jedenfalls ist ihr Verlauf zumindest zweidimensional genau dargestellt. Es ist quasi ein Blick vom Himmel, aus dem All auf meine kleinen Unternehmungen auf diesem Globus.
Über den Link zur Karte auf dieser Seite, findet man eine Weltkarte mit allen Routen sowie eine eigene Karte der Deutschland-Touren. Auch eine Länderseite mit der Karte aller beradelten Länder ist verlinkt. Nach Ländern sortiert finden sich dort alle Touren aufgelistet. So sieht man sofort, in welchem Land ich wie oft mit dem Rad unterwegs war. Dort sind auch Länder aufgeführt, die nicht als Vollmitglied von den Vereinten Nationen aufgenommen worden sind. Zum Beispiel Länder wie das Kosovo, der Vatikan. Ganz zu schweigen von völkerrechtlich noch komplizierteren Fällen wie Palästina und der West-Sahara.
Imagination, life is your creation.
Schon vor einer Tour stärkt die eingezeichnete Route meine Vorfreude: Diese Linie, diesen Kreis will ich zurücklegen. Je nach Art von Karte sind Highlights, Herausforderungen oder topographische Besonderheiten zu erkennen. So bekommt die Tour schon vor ihrem Beginn in meinem Kopf eine stärkere Realität.
So habe ich vor einer meiner ersten großen Touren, 1987 zusammen mit Hartmut von Straßburg nach Santiago de Compostela, eine Karte von der geplanten Strecke gezeichnet. Mit einfachsten Mitteln: auf transparentem Pauspapier über der Karte aus dem Schulatlas um die Vogesen herum auf der Via Podiensis zum Camino in Nordspanien. Das Metzinger-Uracher Volksblatt hat sie in der Vorberichterstattung für ihre Leserinnen und Leser abgedruckt. Selbst heute erscheint mir diese Linie quer durch Europa gewaltig, wenn nicht größenwahnsinnig. Sie sagt mehr über unsere Unternehmung aus als die in Angriff genommene Zahl von rund 2.100 Kilometern.
Schon als ich diese Homepage mit meinen Radtouren - damals in und um Deutschland - im Jahr 2001 ins Leben rief, gehörte eine Karte zu den zentralen Elementen. Die Vernetzung der verschiedenen Strecken war für mich ziemlich schnell ein Anliegen bei der Tourenplanung. Es schien mir selbstverständlich. Vielleicht auch aufgrund ihrer Wirkung auf der Karte.
Die Möglichkeiten der grafischen Umsetzung haben sich seitdem enorm weiterentwickelt. So habe ich die Darstellung meiner Touren immer wieder verändert, wie auf diesen Seiten zu sehen ist. Die technische Brillanz verstärkt heutzutage den Effekt. Doch als Basis bleibt diese Art von Darstellung einer Radtour faszinierend.
Über die Kontakt-Seite kommt man auch zu einer Liste von Bike-Links. Diese führen wiederum zu Menschen, denen ich durch meine Radtouren begegnet sind, auf den Routen und darüber hinaus, auch in den Werkstätten, die mich all die Jahre unterstützt haben und unterstützen.
Wichtiger als Visualisierungen, tolle Karten, tausend gute Tipps ist die Sehnsucht nach dem Aufbruch. Vor allem der Aufbruch selbst. Wer einfach startet, hat den wenigsten Schritt getan ins Abenteuer. Alles andere ergibt sich. Also:
Losfahren!
(Text 2025/2026)
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