|
Der "local hero" Hiob und die
globalen Hiobsbotschaften
Donnerstag, 22. November
2007: Taxi-Fahrt zum Grab Hiobs auf dem Jebel Atteen Ich fahre für
8 omanische Rial (rund 15 Euro) Taxi zum Grab des Hiob, der im Alten
Testament die Hiobsbotschaften über sich ergehen lassen muss. Nach der
Bibel lebte er jenseits des Heiligen Landes in Arabien. "Im Lande Uz lebte
ein Mann mit Namen Ijob... An Ansehen übertraf dieser Mann alle Bewohner
des Ostens [von Palästina]." (Hiob Kapitel 1, Vers 1 + Kapitel 1, Vers
3) Als Prophet Ayoub begegnet er uns im Koran: "Und (gedenke) Hiobs,
als er zu seinem Herrn rief: 'Unheil hat mich geschlagen, und Du bist der
Barmherzigste aller Barmherzigen.'" (Sure 21, Vers 83) Deshalb verehren
die Muslime ihn hier. Rund 30 km südwestlich von Salalah stehen im
Qara-Gebirge auf dem Jebel Atteen eine Moschee und wenige Meter daneben
sein schlichtes Mausoleum (Foto links: außen; Foto oben: innen). Eine
Gruppe pakistanischer Theologen kreuzt zeitgleich mit mir hier auf. Sie
beten und fotografieren. So kann ich mich auch ungezwungen bewegen, beten
und Bilder schießen. Eine Lokalisierung von Hiob an diesem Ort ist, wenn
womöglich nicht historisch nachweisbar, so doch einleuchtend und
erleuchtend.
Die Botschaft des Grabes:
Dieser am Leid verzweifelnde, mit Gott hadernde Mensch Hiob ist kein
virtuelles Konstrukt, sondern hat einen konkreten Ort und eine konkrete
Zeit. Deshalb können Menschen, die sich mit seinem Schicksal
identifizieren, überall und jederzeit in Hiobs Klage über die Abwesenheit
Gottes auf einem scheinbar gottlosen Planeten einstimmen. Die Verehrung
des Propheten Ayoub ist eine ständige Anfrage an die Ungerechtigkeit des
Lebens. Auch wenn Christentum und Islam - im Vergleich zum Judentum - Hiob
stärker als Dulder des Leids in den Vordergrund stellen. Wer steht uns
näher als Hiob? Und warum ist dieser Heroe der real existierenden
Apokalyptik in die Wüsten Arabiens verbannt und begegnet uns so selten in
der Ikonographie und Ikonoplastik. (Ausnahmen z.B.: Bild links: Albrecht
Dürer: Hiob und seine Frau (ca. 1544); Bild rechts: Francis Gruber: Hiob
(1944; Tate Gallery London)) Vereint nicht die Verzweiflung an Gott
Juden, Christen und Muslime? "Ich schreie zu dir, und du erwiderst mir
nicht; ich stehe da, doch du achtest nicht auf mich." (Hiob Kapitel 30,
Vers 20) Ist dieser Ort im omanischen Qara-Gebirge an der Weihrauch-Straße
nicht der ideale Ausgangspunkt, um die monotheistischen Religionen
zusammenzuführen? "Wüsste ich doch, wie ich ihn finden könnte, gelangen
könnte zu seiner Stätte." (Hiob Kapitel 23, Vers 3) Kann nicht das
Bedenken der Unnahbarkeit Gottes, seines radikalen Sich-Entziehens von
Erkenntnis und Be-Greifen zum Ausgangspunkt für einen friedvollen Dialog
werden? In den alle Beteiligten mit weitaus größerer Bescheidenheit und
Demut treten, als mit der überbordenden Selbstgewissheit des
positivistischen Sprechens von Gott?
Was wäre, wenn sich
die ganze Welt vereinen würde in dem hiobschen Zweifels-Credo? "Gibt es
keine Hilfe mehr für mich, ist mir jede Rettung entschwunden?" (Hiob
Kapitel 6, Vers 13) Verzweiflung an Gott, am Leid der Welt, der
Ungerechtigkeit, Sinnlosigkeit, der Verstrickung ALLER mit dem Bösen. Ist
die radikale Infragestellung der Existenz Gottes das stärkste Fundament
für eine gemeinsame Suche nach ihm? Ist das nicht die radikalste
Hinwendung an Gott: "Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?"
(Evangelium nach Markus Kapitel 14, Vers 35) So wie der Weihrauch an Hiobs
Grab auf dem Jebel Atteen einmal entfacht zitternd empor steigt, fehlte
einer Gottsuche in Hiobs Spuren alles Rechthaberische und
Triumphalistische. Gottes Handeln bleibt ein Geheimnis und materialisiert
sich schon gar nicht in der Gewalt von Gotteskriegern. Und Hiobs Kampf
gegen den Vergeltungsglauben lehrt auch, dass nicht diejenigen Gläubigen,
die wirtschaftliche Macht haben, die von Gott Erwählten sind.
In einem Gotteslied der Gegenwart hat Huub Oosterhuis die
Hiobsche Verzweiflung so formuliert: Ich steh vor dir mit leeren
Händen, Herr; fremd wie dein Name sind mir deine Wege. Seit Menschen
leben, rufen sie nach Gott; mein Los ist Tod, hast du nicht andern Segen?
Bist du der Gott, der Zukunft mir verheißt? Ich möchte glauben, komm mir
doch entgegen. Von Zweifeln ist mein Leben übermannt, mein Unvermögen
hält mich ganz gefangen. Hast du mit Namen mich in deine Hand, in dein
Erbarmen fest mich eingeschrieben? Nimmst du mich auf in dein gelobtes
Land? Werd ich dich noch mit neuen Augen sehen? Sprich du das Wort,
das tröstet und befreit und das mich führt in deinen großen Frieden.
Schließ auf das Land, das keine Grenzen kennt, und lass mich unter deinen
Söhnen leben. Sei du mein täglich Brot, so wahr du lebst. Du bist mein
Atem, wenn ich zu dir bete. (Huub Oosterhuis, 1969; Übersetzung Lothar
Zenetti, 1974; Bild links: Marc Chagall: Der betende Hiob,
1975)
Busfahrt Salalah - Dubai
Zwei Stunden
später sitzen wir im Bus nach Dubai. 15 Uhr Abfahrt, Ankunft 7 Uhr am
nächsten Morgen. Wir fahren mit der Oman National Transport Company für 11
omanische Rial (rund 1400 Kilometer für 20 Euro). Die Gulf Transport
Corporation fährt dieselbe Strecke zur selben Zeit. Unser Bus ist nicht
mal halb gefüllt. In Thumrait steigen eher dörfliche Typen dazu. Die
jungen Ladys vor uns verhüllen demonstrativ ihr Gesicht. Kurz darauf
amüsieren sie sich wieder, wie überall auf der Welt, über alles und jedes
um sie herum.
|