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Start in Austria
Samstag, 14. April 2007:
Feldkirch - Grenze Österreich/Liechtenstein - Vaduz (19 km) Die
Bild-Zeitung titelt: 30 Grad, Mainz wärmer als Rimini 19 Grad, St. Tropez
20 Grad... Unsere Ziele. Gefühlter Sommer in Deutschland. Auch in
Österreich, wo wir am späten Nachmittag mit direkter IC-Verbindung in
Feldkirch eintreffen. Trotz Weißem-Sonntags-Stress kommen Anne und
Klaus ein paar Meter über die Schweizer Grenze, hinter der sie als
Pastoralassistenten im jeweiligen Pfarrhaus wohnen und arbeiten. Kurz vor
19 Uhr schwingen wir uns auf die Räder, um in einem Vorort von Feldkirch
anzuhalten, wo Glocken zur Abendmesse läuten. Ein pensionierter
68er-Pfarrer predigt mit Dorothee-Sölle-Zitaten von der angebrochenen
Auferstehung. So ist es dunkel, bis wir über die Liechtensteiner Grenze
mit Grenzstation rollen. Kontrolliert werden wir nicht. Die
Jugendherberge in Schaan ist ausgebucht wegen Synchronschwimm-Wettbewerbs.
Rollen wir aus der größten Liechtensteiner Stadt (5100 Einwohner) in die
Hauptstadt Vaduz (5000 Einwohner). Über der Stadt thront der Fürst des
Fürstentums in einer festlich beleuchteten Burg. Unten glänzen Museen,
Modegeschäfte und Briefkästen.
Miri am Hang
vor Schneeresten
Sommerfeeling mit kurzen Hosen
Weißer Sonntag, 15. April 2007: Vaduz - Grenze
Liechtenstein/Schweiz - Chur - Lenzerheide-Pass (1549 m) - Savognin (84
km) Vom Radweg auf dem Rheindeich hat man einen guten Blick auf den
tief gebetteten Fluss, der hier graues Wasser führt (Foto links oben). In
Balzers drehen wir noch ungewollt eine Ehrenrunde um den Burgberg und
verlassen Liechtenstein nach 26 km an der mit Fahnen markierten Grenze.
Das schon auf dem Anstieg auf den 713 m hohen Luzi(en)steig, der uns für
höhere Pässe präparieren soll. Überall radeln Paare und Familien, meist
wie wir in kurzen Hosen. Weiterhin Sommerfeeling. In Landquart könnten
wir nach Davos abbiegen, was uns zum geschlossenen Flüela-Pass führen
würde. Bei der Hitze können wir uns nicht vorstellen, dass er tatsächlich
auf 2383 m von Schnee blockiert wird. Wir wählen dennoch die Route über
Chur, wo wir vor der (Mini-)Kathedrale an einem Brunnen mit eiskaltem
Wasser pausieren und nebenan noch eine karolingische Krypta in der
Luzi-Kirche mitnehmen. Schon geht's steil bergauf nach Malix.
Serpentinen mit reichlich Wochenend- und Urlaubsverkehr samt vieler
Motorräder. Die zweite Hälfte bis zur Pass-Höhe bei Lenzerheide (1549 m)
ist wesentlich leichter. Trotzdem schiebe ich ein paar Meter mein
10-Euro-Ebay-Rad, für das ich mich erst gestern morgen kurz vor der
Abfahrt entschieden habe. Wir haben uns noch nicht aneinander gewöhnt.
Dafür klappt der Wechsel Radln-Schieben-Radln dank tagelanger
Sudan-Sand-Strecke perfekt. Noch leichter und schöner die Abfahrt nach
Tiefencastel. Direkt danach steil hinauf ins Julia-Tal.
Bernina-Pass
(2328 m): Ein Bett im Schneefeld
30 Stunden Schweiz
Montag, 16. April 2007:
Savognin - Julier-Pass (2284 m) - St. Moritz - Bernina-Pass (2328 m) -
Grenze Schweiz/Italien - Tirano (100 km) Traumhaftes Wetter
weiterhin. Lange Auffahrt an der Julia entlang, die die Höhe stufenweise
erreicht: lange flache Strecken wechseln mit steilen
Serpentinen-Passagen. Der in Savognin viel versprechende Radweg führt
zu sehr auf Waldwegen in die Berge. So sind wir bald wieder auf der
Straße. Heute mit weit weniger Verkehr. Vor allem kaum Motorräder. Der
erste Gang meines lila Ebay-Rads bleibt mir unreparierbar vorenthalten.
Macht das Training härter. Der Julier-Pass mit seinen 2284 m war die
Hauptroute der Römer, deren Steine die Passhöhe bis heute
markieren. Bei der Abfahrt reicht eine einzige Kühlt-die-Felgen-Pause.
Mittagspause bei Spagetti Bolognese und Pesto auf der Terrasse des Café
Hauser im mondänen St. Moritz auf über 1700 m. Stärkung für den nicht mehr
viel höheren nächsten Pass: Bernina, 2328 m. Wir radeln oberhalb der
Schneegrenze. Skifahren ist hier nicht mehr möglich. Auch wenn ein Paar
aus dem Nichts heraus mit Skiern auftaucht. An der Außenwand des Hospizes
kurz vor dem Pass ist in etwa zehn Meter Höhe die Schneehöhe aus dem Mai
1829/1879 markiert. Wohl unumkehrbar unmöglich. Zu guter Letzt die
lange Abfahrt nach Italien. Die rot lackierten Züge der Ferrovia Retica,
der Räthischen Bahn, queren die Fahrbahn, die Schiene verlaufen
gelegentlich auf der Straße. An den getrennten Grenzstationen werden wir
auf beiden Seiten kontrolliert auf dem Weg zurück nach Schengen-Land.
Direkt hinter der Grenze finden wir in dem netten italienischen Städtchen
Tirano ein B&B. Nur noch auf 475 m über dem
Meeresspiegel.
Pause am Lago d'Iseo
Giro-Gipfel: Un' estate italiana
Dienstag, 17. April 2007:
Tirano - Passo Aprica (1175 m) - Edolo - Sulzano (Lago d'Iseo) (110
km) Unsere Vermieterin mit dem fast-deutschen Frühstück, das wir
noch manches Mal in Italien missen werden, preist unsere Tagesroute: den
Aprica-Pass und den Iseo-See. Zurecht. Nochmal geht's 700 Höhenmeter
aufwärts. Schon fast Routine. Auch der Giro d'Italia kämpfte sich im
vergangenen Jahr hier hinauf. Punkt 12 sind wir obenauf, die Alpen
"geschafft". Der Weg zirkelt sich nach Edolo hinab, wo er ins größere
Oglio-Tal führt. Den Gegenwind spüren wir kaum, da es weiter bergab geht.
Er zerrt etwas an den Nerven, mehr aber noch der dichte Verkehr. Obwohl
wir, wo immer möglich, Nebenstrecken fahren. Belohnung: Der Lago d'Iseo
(Foto oben). Zwischen Lago Maggiore und Garda-See gelegen, kleiner,
feiner. Vor allem dort, wo die alte in den Fels gehauene Straße als Fuß-
und Radweg dahinführt (Foto rechts). Alles in bewährter Sonne. Ein
italienischer Sommer: "Un' estate italiana". Zimmer mit Seeblick krönt den
Tag.
Zehn Höhenmeter: Netter Monte
Netto
Mittwoch, 18. April 2007:
Sulzano (Lago d'Iseo) - Asola - Mantua - Bagnolo San Vito (137
km) Wir verlassen den Lago d'Iseo nicht durch den großen dunklen
Tunnel nach Brescia, sondern in einem Bogen um den letzten Berg, radeln
Nebenstraßen fahrend südlich an der Stadt vorbei. Ein paar Mal geht es
hin und her, gelegentlich auch auf dem Feldweg, aber jetzt ist alles
flacher und wenn ein Ort Monte Netto heißt, dann bringt er maximal zehn
Höhenmeter auf die Route. Nur die letzten zwölf Kilometer vor Mantua
verbringen wir mit Lastern auf der Nationalstraße. Mantua ist eine
Offenbarung. So viele geniale Fassaden und ein endloses Labyrinth namens
Palazzo Ducale voller Fresken, Kassettendecken, Spiegel (Foto links). Der
durch die Besichtigung geschärfte Blick entdeckt nachher in der Stadt noch
mehr kunstvolle Details. Wir finden auf die Schnelle keine vernünftige
Unterkunft, radeln deshalb auf dem Damm des Flusses Micino Richtung
Mündung in den Po. Der Damm ist als Radweg ausbaufähig, die Beschilderung
der B&Bs auch. Jedenfalls finden wir in Bagnato San Vito ein Hotelbett
neben einer gigantischen Gelateria und Pasticceria mit
Sachertorte.
Bombastico: Fahrradstadt Ferrara
Donnerstag, 19. April 2007:
Bagnolo San Vito - Po-Radweg - Bondeno - Kanal-Burana-Radweg Ferrara (89
km) Ein paar verkehrsreiche Meter bis zum Po und dann einsam auf
dem in der Regel asphaltierten Po-Radweg "Destra", rechts-poisch, falls es
dieses Wort gibt, meist auf dem hohen Damm dem Gegenwind ausgesetzt (Foto
rechts). Es ist mühsam. Und kräftezehrend. Wir machen viele Pausen.
Dann führt der Radweg mangels Brücke über einen Zufluss in großem Bogen
südlich nach Bondeno. Von dort finden wir mühelos den Radweg am Kanal
Burana, den "Itinerario Ciclopedonale Burana". Nagelneu, frisch geteert.
Von Bäumen gesäumt, überwiegend auf der Südseite des Kanals. Gelegentlich
verläuft der Asphaltstreifen dank einer Kreativphase der
Landschaftsarchtitekten in einem kleinen Kunstbogen. Jedenfalls der
ideale Pfad nach Ferrara, das sich offiziell am Ortseingang als
Fahrradstadt feiert. Tatsächlich gibt's hier einige, auch viele ältere
Radler. Von Städten wie Münster oder Freiburg ist Ferrara aber mindestens
so weit entfernt wie Mainz. Vorteil: wir können fahren wie wir
wollen. In der bombastischen Villa Estense, der lange dominierenden
Familie Este, decken wir uns mit Infomaterial ein, im Palazzo dei Diamanti
- so genannt wegen seiner Diamanten-artigen Fassade - sehen wir "Il
Simbolismo" - eine Ausstellung von Moreau bis Gauguin und Klimt.
Fantastico (mehr Bilder von Ferrara und anderen Etappen hier: Foto Special: Schweiz &
Italien).
Ravenna: ein Mausoleum, zwei
Baptisterien und drei Basiliken
Freitag, 20. April 2007:
Ferrara - Ravenna - Cervia-Tagliata (111 km) Wieder massig Verkehr
bei der Ausfahrt aus Ferrara. Die einsamen Strecken der Seidenstraße und
Sahara haben uns verwöhnt. Novum immerhin nach der Autobahnüberquerung:
erste Landstraße mit einem winzigen Seitenstreifen. Sofort können wir den
Verkehr viel gleichgültiger vorüberrollen lassen. Trotzdem zweigen wir
bei erstbester Gelegenheit zur Nebenstrecke ab. Als sie sich wieder mit
der Hauptstrecke vereint, bietet sich ein begraster Damm des Flusses Reno
als eine Art Radweg an. Etwas mühsam. Aber verkehrsfrei. Schließlich noch
33 km nach Ravenna. Stadt voller Mosaiken und antiker Basiliken.
Schichtweise schlendern wir durch ein Mausoleum, zwei Baptisterien und
drei Basiliken. Alles 5./6. Jahrhundert. Mosaike ohne Ende. Die letzte
Basilika, Basilika San Apollinare in Classe (Foto links), liegt schon fünf
Kilometer Richtung Rimini. Nach zehn weiteren Kilometern und dem Ende des
Vogelschutzgebietes Po-Delta beginnt die Adria-Touri-Zone. Mirissimi ist
sofort im Meer. Nun ziehen sich mehrere fast lückenlose Reihen Hotels am
feinen Sandstrand entlang. Las Vegas, Kitty und wie sie alle heißen. Die
meisten noch geschlossen, an vielen wird gewerkelt, wir finden ein nettes,
kleines mit italienischen Gästen.
Touri-Scharen im Staats-Bergdorf
Samstag, 21. April 2007:
Cervia-Tagliata - Grenzen Italien/San Marino/Italien - Passo di Viamaggio
(983 m) - Sansepolcro (140 km) Weiter am Endlos-Strip Richtung
Rimini, das wir links liegen lassen um direkt auf den Berg von San Marino
zuzusteuern. Hundert Meter über dem Meeresspiegel begrüßt uns der "älteste
Freistaat der Welt". Er ist schon so lang frei, weil unser Höhenmesser
noch auf 666 m hoch geht. Trotz bedeckten Wetters und rings um Nebel,
bevölkern Touristen-Scharen das Bergdorf mit eigener Filatelie. Dann
bleibt uns (Foto rechts) nicht viel mehr, als die selbe Straße wieder
runterzurollen. Summa summarum 19 Kilometer in meinem 60.
Radl-Land. Als am späten Nachmittag der Himmel aufklart, so wie von
unserm jungen dynamischen Hotelier in Tagliata versprochen, geht's endlich
leichter aufwärts. Wir müssen über die etruskischen Appeninnen, am Passo
di Viamaggio genau 983 m hoch. Strahlend geht die Sonne hinter den
toskanischen Hügeln unter, während wir runter nach Sansepolcro rollen. Ein
Tanzwettbewerb erschwert die Quartiersuche. Etwas außerhalb der Altstadt
werden wir fündig. Nach der längsten Etappe mit genauso vielen Höhenmetern
wie an den Alpentagen.
Schwarze Prostituierte und
spinnende Römer
Sonntag, 22. April 2007: Sansepolcro - Laterina - Pianella -
Siena (113 km) Endlich wieder ein sonniger Morgen. Das
Sommerfeeling geht weiter. Jetzt im Auf und Ab der Toskana. Anghiari,
begrüßt uns als erstes Dorf auf exponiertem Berge (Foto links). Am Fuße
kreuzen wir einen Pferde-Marathon, bei dem die müden Gäule mit Wasser
übergossen werden um weiterzutrotten. So weit ist es bei uns erst am
Nachmittag, nachdem die Hitze von Stunde zu Stunde zugenommen hat. Im
Ambra-Tal kommen wir zunächst relativ gut voran. Für überschießende
Frühlingsgefühle bieten schwarze Prostituierte am Straßenrand ihre Dienste
an. Eine hat als diskrete Werbung ihren prallen Busen aus dem Dekolleté
gestürzt. Wir wähnen uns schon fast in Siena, müssen aber vor einer zur
Autobahn mutierten Landstraße kapitulieren. Zurück in die Berge. Alle
wunderschön toskanisch. Toskanisch mühsam. Auf den letzten fünf Kilometern
müssten sich nicht unbedingt noch zwei Höhenzüge dazwischen
schieben. Ebenso wunderschön und ebenso mühsam Siena selbst. Bei 17
Prozent Steigung schieben wir die Räder auf Dom-Höhe. Ein radfreier Tag
könnte nicht schaden. Zumal das Ebay-Rad mit seinem tiefen Lenker meine
kleinen und Ring-Finger von der Blutzufuhr abschneidet. Im
Internet-Café muss ich mich ausweisen. Der Ausweis wird gescanned, das
Geburtsdatum zum Password. Das gibt's selbst in Libyen, China, im Iran
oder Sudan nicht. Der Bangladeshi-Besitzer meint, es könne ihn 10.000 Euro
Strafe kosten, wenn er mich nicht registriere. Die spinnen, die
Römer.
Montag, 23. April 2007: Siesta in Siena Ein Tag
ohne Fahrrad
Siena mit Dom
Dächer von
Siena
Sienas
Altstadt
Positive Pisa-Studie: der
Chianti-Wein
Dienstag, 24. April 2007:
Siena - San Gimignano - Castelfalfi - Pisa (117 km) Das Gute und
Schöne kommt bei Tagebuch-Einträgen meist zu kurz. Zu Unrecht. Heute also:
ein traumhafter Toskana-Tag. Warmes Wetter, ruhige Nebenstraßen, San
Gimignano - mit seinen Türmen als "Manhattan des Mittelalters" immer noch
das Dorf Numero Uno in der Toskana, ein grandioser Blick über die Hügel
bis Volterra bei der Pause in Castelfalfi, rasante Abfahrt zum Arno, genau
der richtige Bildausschnitt bei dem wir-waren-hier-Bild vor dem schiefen
Turm von Pisa (dies und weitere Bilder hier: Foto Special: Schweiz &
Italien), Sofort-Glück bei der Quartiersuche mit der Albergo Helvetia,
fast alleine bei der Besichtigung des Baptisteriums und des Doms, danach
Pisa-Studie des toskanischen Chianti-Weins in "Il Bistrot" an einem
romantisch beleuchteten Platz in der Altstadt, dazu feinste Spaghetti und
Makkaroni al Dente und ein Internet-Cafe mit 45 Computern, in dem alles
funktioniert und das bis Mitternacht.
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