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Service-Nihilismus bei der Bahn: 34 Minuten Hotline, 21 Ausdrucke und die Vorschriften des Eisenbahnbundesamtes am Sonntag
Sonntag, 7. November 2010: Zugfahrt Mainz - Lyon
Das Gespräch mit der Bahn-Radfahrer-Hotline, die es immer noch gibt, was aber von der Bahn nicht mehr kommuniziert wird, dauert 26 Minuten 27 Sekunden. Für eine einfache Fahrt nach Frankreich und zurück. Die Verbindungen hatte ich mir vorher selber herausgesucht. Und trotz der ganzen Zeit ist die Fahrrad-Reservierung zwischen Aarau und Genf nicht machbar. Warum, weiß der Mann am anderen Ende auch nicht. Also doch auf gut Glück. Am Ende stehen 415,40 Euro zu Buche. Insgesamt ist es genau eine Position zu viel, um das mit einer Auftrags-Nummer über die Bühne zu bringen. Also zwei Buchungs-Nummern.
Zufällig kontrolliere ich zwei, drei Tage vor der Fahrt die Bestätigungs-Mail der Bahn.
Leichte Irritationen: Die meisten Positionen fehlen, alles in allem statt 415,40 nur 89,20 Euro. Alles komisch. Muss wieder die Hotline ran. Diesmal dauert es 8 Minuten 51 Sekunden. Kostenpunkt für beide Telefongespräche zusammen: 5,04 Euro. Basis-Statement: "Bestätigungsmailen verschicken wir gar nicht mehr." Nunja, der Absender ist NVS@bahn.de. Klingt doch ziemlich offiziell. Die Erklärung der Hotline-Dame: "Wir verschicken die vermutlich nicht mehr, weil die Mails ja offensichtlich nicht richtig sind. " Bahn-Logik. Ich habe sie auch gefragt, mit welcher Karte ich die Tickets am Automaten ausdrucken könne. Es sei die Karte, mit der ich bezahlt habe. Bei dem von mir gewählten Abzug vom Konto also die EC-Karte. Nur damit funktioniert das Ausdrucken am Automaten nicht. Es gibt noch nicht mal eine Fehlermeldung am ersten Automaten. Beim zweiten Automaten gibt es immerhin so etwas wie eine Fehlermeldung. Also versuche ich es einfach mal mit meiner BahnCard. Siehe da, es klappt. Es sind genau 21 Ausdrucke, die ich alle einzeln auslösen und abwarten muss. Abenteuerland Bahn. Die Fahrradtickets gehen nur bis Genf. Warum? Mystery Bahn. Bahn-Kunden sterben dümmer. Wie immer.
Auch die Begrüßung im Zug ist wieder von ausgezeichneter Höflichkeit und Zuvorkommenheit geprägt. Die Dame, die beim Einsteigen und Hochstemmen der Räder in den schweizer Waggon weder uns noch einer jungen Frau mit wesentlich stärker bepacktem Rad aber auch nur einen Handschlag zur Unterstützung getan hat oder ein einziges Wort der Entschuldigung, dass sie aus welchem Grund auch immer nicht helfen könne, über ihre Lippen gebracht hat, läuft zu großer Form auf, als sie endlich einen Vortrag über die Vorschriften halten kann, was die Aufhängung unserer Räder betrifft. Wir haben sie auf Grund langjähriger Erfahrung, in vollem Konsens mit der dritten Rad-Passagierin und so wie in Regional-Zügen üblich an beiden Seiten angelehnt. Sie stehen sicher, fest, behindern niemanden, und die drei Kinderwagen, die herumstehen, haben auch Platz. Jetzt also die Vorschriften. Die Räder müssen vorschriftsmäßig eingehängt werden. Ich rege an, dass die Dame ihren Kopf jenseits des Rezitierens von Vorschriften zum Denken nutzt. Großer Fehler. Es zählen allein die Vorschriften. Denn: "Das EBA sitzt uns im Nacken." EBA = Eisenbahnbundesamt, bekommen wir sogar erklärt. Na klar, die sind mir ja auch schon in tausenden von Zügen begegnet. Vor allem sonntags. Also no way. Fahrräder werden eingehängt. Die Speichen werden durch das Schaukeln ständig belastet. Mein Fahrradkorb hängt so weit hinten über, dass kaum noch jemand vorbei kommt. Und die Drittpassagierin muss ihren Kram vom Fahrrad nehmen. Völlig unsinnig. Aber Vorschrift.
Komisch, in der Schweiz scheint es solche Vorschriften nicht zu geben. Und in Frankreich auch nicht. Überall können unsere Räder sicher angelehnt mitrollen und müssen nicht aufgehängt werden (Foto rechts). Alles läuft planmäßig. Nach gut acht Stunden erreichen wir Lyon. Im Hôtel de la Loire findet sich auch ein Plätzchen für die Räder. Wir ziehen noch durch die Stadt bei Nacht (Foto unten). Im Vergleich zum April 2009 ist sehr vieles geschlossen. Eine nette Brasserie hat noch geöffnet. Zum Beaujolais gibt es eine winzige Portion Brot und Käse. Alles einmalig lecker, frisch. Frankreich eben.
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