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VG WORTTour 54: Lyon - Paris (562 km)


Herbst im Beaujolais beim Col de Brouilly
Herbst im Beaujolais

Bike-Blog & Routen-Karte & Etappen-Übersicht
Lyon - Autun - Vézelay - Paris (8.-13.11.2010)
Hochzeits-Radl-Reise durch Burgund nach Paris

Ausrüstung: Bike & More
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Bike & More
Burgund und Paris sind natural born places für eine Hochzeitsreise. Dabei ging unsere Idee eigentlich eher dahin, dem Laufe der Seine in die "romantischste Hauptstadt der Welt“ zu folgen. Doch die Seine ist keine Fahrrad-Domäne. Generell kristallieren sich in Frankreich eher Kanäle denn Flüsse als Fahrradziele der Zukunft heraus. Wir verlagerten den Weg von Lyon aus mehr nach Westen. Begegneten in Burgund täglich Highlights der Romanik und Gotik. Und lernten am Ende dann die Flüsse Cure, Yonne und Marne kennen, um schließlich doch noch auf ein paar Metern Fahrradweg die letzten Meter in die "Stadt der Liebe" zu rollen.

Miri und der Burgund-Baedeker im TER Genf - LyonService-Nihilismus bei der Bahn:
34 Minuten Hotline, 21 Ausdrucke und die Vorschriften des Eisenbahnbundesamtes am Sonntag
Sonntag, 7. November 2010: Zugfahrt Mainz - Lyon

Das Gespräch mit der Bahn-Radfahrer-Hotline, die es immer noch gibt, was aber von der Bahn nicht mehr kommuniziert wird, dauert 26 Minuten 27 Sekunden. Für eine einfache Fahrt nach Frankreich und zurück. Die Verbindungen hatte ich mir vorher selber herausgesucht. Und trotz der ganzen Zeit ist die Fahrrad-Reservierung zwischen Aarau und Genf nicht machbar. Warum, weiß der Mann am anderen Ende auch nicht. Also doch auf gut Glück.
Am Ende stehen 415,40 Euro zu Buche. Insgesamt ist es genau eine Position zu viel, um das mit einer Auftrags-Nummer über die Bühne zu bringen. Also zwei Buchungs-Nummern.
Zufällig kontrolliere ich zwei, drei Tage vor der Fahrt die Bestätigungs-Mail der Bahn. Leichte Irritationen: Die meisten Positionen fehlen, alles in allem statt 415,40 nur 89,20 Euro. Alles komisch. Muss wieder die Hotline ran. Diesmal dauert es 8 Minuten 51 Sekunden. Kostenpunkt für beide Telefongespräche zusammen: 5,04 Euro. Basis-Statement: "Bestätigungsmailen verschicken wir gar nicht mehr." Nunja, der Absender ist NVS@bahn.de. Klingt doch ziemlich offiziell. Die Erklärung der Hotline-Dame: "Wir verschicken die vermutlich nicht mehr, weil die Mails ja offensichtlich nicht richtig sind. " Bahn-Logik.
Ich habe sie auch gefragt, mit welcher Karte ich die Tickets am Automaten ausdrucken könne. Es sei die Karte, mit der ich bezahlt habe. Bei dem von mir gewählten Abzug vom Konto also die EC-Karte. Nur damit funktioniert das Ausdrucken am Automaten nicht. Es gibt noch nicht mal eine Fehlermeldung am ersten Automaten. Beim zweiten Automaten gibt es immerhin so etwas wie eine Fehlermeldung. Also versuche ich es einfach mal mit meiner BahnCard. Siehe da, es klappt. Es sind genau 21 Ausdrucke, die ich alle einzeln auslösen und abwarten muss. Abenteuerland Bahn. Die Fahrradtickets gehen nur bis Genf. Warum? Mystery Bahn. Bahn-Kunden sterben dümmer. Wie immer.

Bequemer Fahrrad-Transport im TER Genf - LyonAuch die Begrüßung im Zug ist wieder von ausgezeichneter Höflichkeit und Zuvorkommenheit geprägt. Die Dame, die beim Einsteigen und Hochstemmen der Räder in den schweizer Waggon weder uns noch einer jungen Frau mit wesentlich stärker bepacktem Rad aber auch nur einen Handschlag zur Unterstützung getan hat oder ein einziges Wort der Entschuldigung, dass sie aus welchem Grund auch immer nicht helfen könne, über ihre Lippen gebracht hat, läuft zu großer Form auf, als sie endlich einen Vortrag über die Vorschriften halten kann, was die Aufhängung unserer Räder betrifft. Wir haben sie auf Grund langjähriger Erfahrung, in vollem Konsens mit der dritten Rad-Passagierin und so wie in Regional-Zügen üblich an beiden Seiten angelehnt. Sie stehen sicher, fest, behindern niemanden, und die drei Kinderwagen, die herumstehen, haben auch Platz.
Jetzt also die Vorschriften. Die Räder müssen vorschriftsmäßig eingehängt werden. Ich rege an, dass die Dame ihren Kopf jenseits des Rezitierens von Vorschriften zum Denken nutzt. Großer Fehler. Es zählen allein die Vorschriften. Denn: "Das EBA sitzt uns im Nacken." EBA = Eisenbahnbundesamt, bekommen wir sogar erklärt. Na klar, die sind mir ja auch schon in tausenden von Zügen begegnet. Vor allem sonntags. Also no way. Fahrräder werden eingehängt. Die Speichen werden durch das Schaukeln ständig belastet. Mein Fahrradkorb hängt so weit hinten über, dass kaum noch jemand vorbei kommt. Und die Drittpassagierin muss ihren Kram vom Fahrrad nehmen. Völlig unsinnig. Aber Vorschrift.
Komisch, in der Schweiz scheint es solche Vorschriften nicht zu geben. Und in Frankreich auch nicht. Überall können unsere Räder sicher angelehnt mitrollen und müssen nicht aufgehängt werden (Foto rechts). Alles läuft planmäßig. Nach gut acht Stunden erreichen wir Lyon. Im Hôtel de la Loire findet sich auch ein Plätzchen für die Räder.
Wir ziehen noch durch die Stadt bei Nacht (Foto unten). Im Vergleich zum April 2009 ist sehr vieles geschlossen. Eine nette Brasserie hat noch geöffnet. Zum Beaujolais gibt es eine winzige Portion Brot und Käse. Alles einmalig lecker, frisch. Frankreich eben.


Lyon bei Nacht mit der Basilique de Fourvière
Lyon bei Nacht mit der Basilique de Fourvière


Miri radelt auf einem Uferweg an der SaôneMysterious Miri: Kampf am Col de Crie bei zwei Grad Celsius
Montag, 8. November 2010: Lyon - Villefranche-sur-Saône - Col de Brouilly (335 m) - Beaujeu - Col de Crie (622 m) - Mazille (107 km)

Das Hotel-Frühstücksbuffet wirkt für 8,50 Euro etwas dürftig. Gehen wir lieber um die Ecke ins Brasserie-Café und haben jede Menge Atmosphäre zu Café Crème, Baguette und Petite Maman.
Zum dritten Mal radle ich die Strecke Lyon - Mazille. Nach 1987 und 2003 jetzt zum ersten Mal mit Miri und in Süd-Nord-Richtung. Nicht nur das ist neu: die Franzosen haben ihre gelben Nummernschilder aufgegeben. Ein Langzeit-EU-Streitobjekt. Auch hinten steht nun das Kennzeichen Schwarz auf Weiß. Die Departement-Nummer ist geschrumpft und findet sich unter einem Wappen jetzt in einem blauen Rand rechts, Pendant zum EU/F-Kennzeichen links. Zwei Buchstaben, drei Zahlen, zwei Buchstaben bilden das eigentliche Kennzeichen. Dis donc!
Wir fahren eine neue Variante. Auf der rechten Saône-Seite auf dem Fahrradstreifen bis Saint-Germain-au-Mont-d'Or. Alles ist in dieser Ecke "Mont d'Or". Der Fahrradweg geht weiter. Trotzdem nehmen wir die Brücke auf die linke Saône-Seite. Denn die CD 51 ist recht stark befahren und auf der andern Seite lockt ein schmaler Weg auf unserer Grenoble-Lyon-Karte. Er erweist sich dann als nicht asphaltiert in unterschiedlicher Qualität (Foto rechts). Miri klagt schon nach wenigen Kilometern über Popo-Schmerzen. Sie kommt gar nicht in Fahrt. Nach 30 Kilometern ruft sie zur Pause in Trévoux. Im eisigen Wind vertilgen wir eisige Schokolade. Das Thermometer ist von neun auf vier Grad gesunken.

Blick aus dem warmen Café auf die Kirche Notre Dame des Marais der Gemeinde Sainte Anne des Calades in Villefranche-sur-Saône, Rhône, FrankreichEin wenig gestärkt kann ich Miri dazu gewinnen, auf dem jetzt besseren Uferweg zu bleiben. Bei Villefranche-sur-Saône geht's über die Brücke. Kurzer Abstecher zu Aldi und Bäckerei. Dann längere Pause in einem Café mit tollem Blick auf die Kirche Notre Dame des Marais (Foto links). Umgeben von der Lycée-Jugend in ihrer midi-à-2-Pause.
Miris Fischsuppe zieht sich. Als wir aufbrechen, ist ihr schlecht. Mühsam schleppen wir uns von nun an leicht bergan. Wir steigen aus dem Saône-Tal auf die Höhen des Beaujolais. Wunderschöne Gegend, sagt Miri zu meiner Verwunderung. Sie ist schön. Herbstlich (Foto ganz oben). Aber jetzt kalt, bald regnerisch und Miris Fahrt eine Qual. Wir schaffen den ersten Pass. Col de Brouilly. 335 Meter. Aber für Miri heute eine Super-Leistung.
Das Minimal-Ziel Beaujeu, Kapitale des Beaujolais, erreichen wir nunmehr im Dauerregen. Wir retten uns in eine Bar mit externem Klo. Wenigstens innen ist es warm. Thé, Chocolat. Miri schläft ein. Ich schlage vor zu bleiben. Miri lehnt ab. Und schlummert fast wieder ein. Wie soll und will sie bis auf 622 Meter kommen? Sie fährt einfach. Nunmehr voran. Durchschnittlich vier Prozent Steigung. Acht Stundenkilometer. Und schließlich zwei Grad.
Ein paar Meter oberhalb liegt Schnee. Wir schlängeln uns die Kurven hinauf auf den Col de Crie, 622 Meter. Alles verlassen. Und langsam dunkel werdend. Es geht bergab, aber schon bis Saint-Christophe-la-Montagne gibt es bereits wieder reichlich Höhenmeter. Mein Licht, das seit Wochen leuchtet, lässt mich im Stich. Muss die Stirnlampe reichen. Es ist erst sechs. Aber die Wolken tauchen alles in Nacht.
Am Ende steht die Anhöhe des Carmel de la Paix (Foto unten). Miri schafft auch die. Sie ist fast wieder fit. Nach 107 Kilometern und 1100 Höhenmetern. Mysterious Miri. Wir bekommen sogar ein Zimmer. Ganz einfach und deshalb mit ganz viel Stil. Und am Gemäuer hängen bald die vielen feuchten Klamotten. Während die Schwestern mit ihrem Gesang unsere etwas unkonventionelle Hochzeitsreise, die uns die Gastschwester nicht so ganz abnimmt, veredeln.


Die romanische Kirche Saint-Blaise (11. Jh.) und Carmel de la Paix (1970/71), Mazille, Burgund, Frankreich
Mazille: Romanische Kirche Saint-Blaise (11. Jh.) und Carmel de la Paix (1970/71)


Auf der Voie Verte in Burgund
Dienstag, 9. November 2010: Mazille - Cluny - Taizé - Givry - Autun (105 km)

Das Morgengebet der Schwestern beginnt heute mit dem Morgenlicht. Blaue Inseln im Wolkenmeer. Das schweigende Frühstück im Gästeraum ist so einfach wie lecker und stärkend. Kaffee, Milch, Baguette, Butter, Marmelade.


Verkündigung, Kirchenfenster von Bruder Eric in der Versöhnungskirche (Église de la Réconciliation) in Taizé, Burgund, FrankreichIsaak, Kirchenfenster von Bruder Eric in der Versöhnungskirche (Église de la Réconciliation) in Taizé, Burgund, FrankreichVersöhnungskirche (Église de la Réconciliation) in Taizé, Burgund, Frankreich

Fahrradweg Voie Verte auf einer ehemaligen Bahnstrecke von Macôn bis Chalon-sur-Saône am 
Bahnhof von Saint-Gengoux-le-National, Burgund, Frankreich Den Weg über die Berge nach Cluny trauen wir uns nicht so recht zu. Deshalb zurück zur Hauptstraße. So erreichen wir Cluny da, wo wir auf die Voie Verte einsteigen können. Ein ehemaliger Bahndamm, der zu einem Fahrradweg umfunktioniert wurde. Mit den typischen minimalen Erhebungen. Und in Saint-Gengoux-le-National durch den alten Bahnhof (Foto rechts). Inzwischen wohl durchgehend von Macôn bis Chalon-sur-Saône.
Wir bleiben auf ihm - mit einem Abstecher ins um diese Zeit einsame Taizé (Fotos oben) - rund 40 Kilometer bis Givry. Im einen Restaurant lässt uns die resolute Kellnerin, der das Wort Willkommen definitiv unbekannt ist, bald Reißaus nehmen. In der Nachbar-Auberge dagegen müht sich ein Gäste-Paar herzlichst um jeden Gast. Schließlich auch um uns. Sie haben zum Mittagessen eine Flasche Wein geleert und einen Cognac hintergekippt. Entsprechend hemmungslos leisten sie uns Gesellschaft.
Rund 50 Kilometer sind es dann auf der CD 978 bis Autun. Entgegen der hemmungslosen Ankündigung ("Alle ganz flach, nur am Ende ein bisschen auf und ab.") geht es stetig auf und ab bei zunehmendem Regen. Richtig frieren wir dann erst dank einer Pause in der Bushaltestelle. Alle Bars und Cafés sind geschlossen. Zuletzt geht es dann lange bergab, bevor die Kathedrale des Heiligen Lazarus fett beleuchtet über Autun erscheint. Abendspaziergang zum Westportal der Kathedrale und schräg gegenüber gibts noch Tagliatelle mit Pinot Noir.


Gislebertus Meiserarbeit von Autun: Ein Engel weist den Magiern den Weg im Traum
Gislebertus Meiserarbeit von Autun: Ein Engel weist den Magier den Weg im Traum


Miri on the Bike vor welkem Farnkraut im Morvan, Burgund, FrankreichAuf Augenhöhe mit dem Engel der Magier
Mittwoch, 10. November 2010: Autun - Ouroux-en-Morvan - Vézelay (93 km)

Uns erscheint kein Engel im Traum. Um vier Uhr morgens beginnt der Markt gegenüber vor dem und unter dem Rathaus. Auf der großen Place de Mars. Auch davon bekommen wir nichts mit. Erst als wir nach dem Frühstück in den Markthallen ein bisschen Verpflegung kaufen.
Dann aber noch der Engel mit der magischen Berührung der Magier. Im Kirchenschiff finden wir ihn gar nicht, obwohl die Kapitelle von Bedeutung alle extra beleuchtet werden. Einige Originale finden sich im Kapitelsaal in der ersten Etage. Viel besser, weil weitgehend auf Augenhöhe. Auch mit dem Engel. Dessen Berührung keine ist. Und doch viel mehr (Foto oben).
Obwohl reichlich Regen angekündigt ist, radeln wir zunächst bei Trockenheit. Raus aus der Stadt und nach 13 Kilometern ab auf Nebenwege. Über Anost. Schon hier richtig schön. Pause in der Pizzeria. Punkt zwölf beginnt sie sich zu füllen. Wir ziehen in die Berge. Bis auf 700 Meter geht es auf den nächsten fünf Kilometern. Die Sonne bricht durch. In der Ferne flimmern die Buchstaben NAUDET im Wald: Braun gewordene Lärchen inmitten von Nadelbäumen. Die Baumschulen-Firma Pépinière NAUDET wirbt so google-earth-gemäß.
Kurz hinter dem Pass wechselt das Departement. Jetzt wird es noch schöner, auch wenn der Regen richtig loslegt. Das Laub bildet einen rotbrauen Teppich, in dem sich die Straße dahinschlängelt. Jetzt noch schmaler. Ohne Verkehr. Sanft auf und ab. In Ouroux-en-Morvan sind wir so nass, dass wir auch richtig kalt sind. Obwohl schon 14 Uhr durch ist, bekommen wir noch Spaghetti. Nur Spaghetti. Ohne Tripe. Mit heißen Schokoladen.
Bis zur nächsten Pause in Lormes sind wir wieder nasskalt. Diesmal gibt's Verveine-Tee. Der Morvan ist ein geheimer Tipp. Ein Mittelgebirge jenseits der Burgund-Epizentren. Ruhig und geruhsam. Auch auf den letzten Metern nach Vézelay. Miri kann sich grad noch das Schloss von Bazoches anschauen, das in einer Stunde und morgen für den ganzen Winter schließt.

Lichtdurchflutete Basilika Maria Magdalena (Sainte-Marie-Madeleine) in Vézelay, Burgund, FrankreichIch fahr schon mal als Quartiermeister voran. Auf dem langen Anstieg nach Vézelay stoppt ein älterer Autofahrer meinen Rhythmus. Ungeduldig fragt er nach dem Ort "Girolles". Ich hole sogar die Michelin-Karte hervor, weil die Baedeker-Karte im Kartenhalter den Ort nicht kennt. Ich finde ihn und immer noch ungeduldig lässt sich der Alte den Weg erklären.
Vézelay liegt in der Blauen Stunde (Foto unten). Die Basilika ist leer und finster (im Gegensatz zum nächsten Morgen: Foto links). In einer äußeren Kapelle feiern Mönche und Nonnen eines benediktinischen Doppelklosters die Vesper. Zur Messe bin ich dabei und habe zwischenzeitlich im Hôtel Le Compostelle Quartier gemacht. In dem sich Miri bereits nieder gelassen hat, als ich zurück komme. Das kleine Örtchen sieht uns heute nicht mehr. Zeit zu trocknen.


Blaue Stunde: Abendstimmung vor der Basilika Maria Magdalena von Vézelay
Blaue Stunde: Abendstimmung vor der Basilika von Vézelay


Paradies und Vertreibung: Ein Regentag bleibt ein Regentag
Donnerstag, 11. November 2010: Vézelay - Auxerre - Migennes - Villeneuve-sur-Yonne (103 km)

Le Compostelle ist eine sehr gute Wahl. Auch, was das Frühstück mit Blick in die grüne Umgebung angeht. Ich fahre damit alle 103 Kilometer ohne eine einzige weitere Kalorie, sieht man von dem ungesüßten grünen Tee beim Chinesen in Auxerre ab.
Wir schrauben uns noch mal zur Basilika, die im Gegensatz zum düsteren Abend jetzt wirklich lichtdurchflutet ist (Foto oben links).
Wir folgen dem von unserm Baedeker-Reiseführer viel gepriesenen Cure-Tal. Tatsächlich schön. Die Straße bleibt fast stets im Talboden. Und wir haben wie alle Tage zuvor Rückenwind ohne Ende. Und wieder mal ist der Vormittag trocken. Kurz vor Auxerre schaut mal wieder die Sonne durch die Wolken.

Miri on the Bike auf dem Radweg des Canal du Nivernais, Burgund, FrankreichChris on the Bike auf dem Radweg des Canal du Nivernais, Burgund, Frankreich Bei Cravant mündet die Cure in die Yonne samt des Canal du Nivernais. An dem verläuft ein asphaltierter erstklassiger Fahrradweg (Foto links und rechts und unten). Nur reicht er (noch?) nicht ganz bis Auxerre. Ab Vaux führt die Straße an der Yonne entlang. Meist hautnah. Wenig Verkehr heute überall. Es ist Feiertag. Die Franzosen feiern den Sieg über Deutschland. Den von 1918. Von den festlich geschmückten Kriegsdenkmalen auf den Friedhöfen kehren sie trikolorig in ihre Dörfer zurück.
Bis zur Betrachtung des Westwerks der Kathedrale Saint Étienne in Auxerre hat sich die Sonne schon wieder verzogen. Der Rückenwind pfeift uns kräftig um die Ohren. Doch Adam und Eva können wir auf der Hochzeitsreise nicht links liegen lassen. Fast in Zeitlupe schildert der Bilderzyklus am linken Portal die Genesis-Erzählung: Erschaffung Adams, Erschaffung Evas, Übergabe des Paradies, Apfel-Verführung, Verdammung, Rauswurf (Detail-Foto ganz unten):


Erschaffung Adams, Erschaffung Evas, Übergabe des Paradies: Zyklus am linken Westportal der Kathedrale Sankt Stephan (Saint Étienne) in Auxerre, Burgund, FrankreichVerführung von Adam durch Eva, Verdammung, Rauswurf: Zyklus am linken Westportal der Kathedrale Sankt Stephan (Saint Étienne) in Auxerre, Burgund, Frankreich

Bis Moneteau kann man links-Yonne-ig fahren. Dann nehmen wir die Direktroute nach Migennes. Dort wechselt vorübergehend unsere Fahrtrichtung. Rund 15 Kilometer fahren wir westwärts. Haben den Südwind jetzt bestenfalls als Seitenwind. Und seit Auxerre regnet es ohne Unterlass. Nicht sehr kräftig, aber die Nässe findet nach und nach ihren Weg. Auch mit zehn Ortlieb-Taschen bleibt ein Regentag ein Regentag. Das Gepäck bleibt trocken, der Mensch nicht. Von den statistischen vier Regentagen in dieser Woche haben wir bereits vier hinter uns.
Der Regen lässt uns schließlich in Villeneuve-sur-Yonne das einzige Hotel am Ort aufsuchen, als wir schon längst wieder vom Rückenwind getragen werden. Triefend tragen wir die Taschen durch das Restaurant mit Yonne-Blick, das gerade für das Diner bereitet wird.


Herbst-Laubteppich am Radweg des Canal du Nivernais, Burgund, Frankreich
Herbst-Laubteppich am Radweg des Canal du Nivernais


Miri kauft Comté-Käse in der großen Markthalle von Sens, Burgund, FrankreichRoll-Out von Burgund in die Île de France
Freitag, 12. November 2010: Villeneuve-sur-Yonne - Sens - Vallery - Fontainebleau (75 km)

Die stilvolle Auberge "La Lucarne aux Chouettes" bietet ein Frühstück mit Blick auf die Yonne. Und Edel-Porzellan aus dem Haus Pillivuyt. Frisch gepresster Orangen-Saft. Holzofen. Ein guter Start. Wir promenieren noch ein wenig in Villeneuve. Die Kirche ist schon von außen ein Ensemble der verschiedensten Stilarten.
Heute ist es warm. Wir starten bei 15 Grad. Selbst im Sommer oft nicht erreicht. Dafür Sonne Fehlanzeige heute. Aber auch weniger Regen als an den andern Tagen. Vor allem nicht dieser Dauerregen am Nachmittag. Der Südwind ist uns treu. Fünfter Tag in Folge. Ruckizucki sind wir in Sens. Kathedrale und Markt liegen günstig gegenüber. Beide sehenswert. Besonders der Hut des Käsemanns (Foto links).

Wandteppich im Schloss von Fontainebleau Statt auf kleinen Wegen zwischen Fluss, Eisenbahn, Autobahn und Nationalstraße zu lavieren, wählen wir den Weg über die Höhen via Vallery Richtung Fontainebleau. Bis auf 190 Meter steigt die wellige aber sehr ruhige Straße. So kommen wir auch auf einem kleinen feinen Sträßchen in den Forêt von Fontainebleau. In dem es immer noch recht wellig zugeht. Aber erstmals Kiefern zu sehen sind. Und viele Steinbrocken im Laubwald.
Touri-Info und Check-In absolvieren wir so zügig, dass wir grad noch die 16-Uhr-15-Deadline beim Einlass ins Schloss unterbieten. 45 Minuten sind reichlich knapp für reichlich Räume mit noch reichlicheren Gemälden (Foto rechts). Alles irgendwie Barock und Renaissance und doch ist kein Raum wie der andere. Überhaupt nicht. Jedes Zimmerchen ist ein Unikat an Farben, Bildern, Mobiliar, Stil.


Treppe mit doppeltem Hufeisen, geschaffen 1634 von Jean Androuet du Cerceau, Schloss 
Fontainebleau
Treppe mit doppeltem Hufeisen, geschaffen 1634 von Jean Androuet du Cerceau, Schloss Fontainebleau


Der recht angenehme Weg an der Seine in die "romantischste Hauptstadt der Welt"
Samstag, 13. November 2010: Fontainebleau - Corbeil-Essonnes - Paris (79 km)

Der Tag beginnt sehr unerquicklich um 2:13 h mit dem Entdecken von Bett-Wanzen in unserem Hotel-Zimmer. Um 10.30 Uhr lassen wir Wanzen und Ort hinter uns und starten in den Wald. Eine nette Mitarbeiterin des Office de Tourisme hat uns die Beschreibung einer Fahrradstrecke von Paris nach Fontainebleau, verfasst von "Q. May", ausgedruckt. Damit habe ich die Strecke auf unserm Kartenmaterial vorbereitet. Wir halten uns auch weithin an seine Empfehlungen.
Nach der ersten Strecke im Wald auf der CD 409, hier "Voie de la Liberté" von 1944, fahren wir auf der heute angenehm zu fahrenden CD 607, ehemals N 7, mit meist breitem Randstreifen. Wir überqueren zum ersten Mal die Seine bei Ponthierry. Es folgt ein sehr schöner Uferweg bis Corbeil-Essonnes. Die Toiletten der Bar-Brasserien dort sind entweder defekt oder nur gegen Schlüssel nutzbar. Wir nähern uns halt Paris.
Aber auf sehr angenehmen Wegen. Wir bleiben entgegen den Empfehlungen von Q. May auf der rechten Uferstraße, die durch einen immer dichter bebauten Straßenzug führt. Bei Montgeron tangiert die Straße dann wieder die nun mächtige und für Fahrräder gesperrte Nationalstraße. Wir bleiben diesseits der Nationalstraße, also in Ufernähe. Bei Villeneuve-Saint-Georges unterquert die Straße dann die Nationalstraße, führt kurz darauf aber wieder zurück unter der Nationalstraße hindurch. Dort fahren wir in eine als Sackgasse markierte Straße unter der Bahnstrecke. Die geht am Bahndamm bleibend auch in einen schmaleren Weg über, der über einen ersten Flussarm führt. Am Ende eines großen Parkplatzareals kann man mit etwas Schwung rauf auf einen asphaltierten Fußweg entlang der Gleise, der uns über den nächsten Flussarm bringt (Foto rechts).

Kurz vor der Mündung der Marne in die Seine fahren wir erstmals seit Ponthierry wieder auf die linke Seine-Seite. Jetzt beginnt ein konsequent weiter geführter Fahrradweg. Wir sehen das gigantische chinesische Hotel Chinagora an der Flussmündung. Der offizielle Fahrradübergang mit Auffahr-Spirale ein paar Meter weiter, der zurück auf die rechte Seine-Seite führen soll, ist derzeit gesperrt. Die nächste Brücke tut es aber auch, man muss dann nur das Autobahn-Schild ignorierend die Auffahrt zurück Richtung Süden runterfahren, um am Ende der Auffahrt auf den sehr guten Radweg zu wechseln, um weiter Richtung Norden zu fahren. Unter dem Stadtring hindurch.
Jetzt folgt die sich selbst erklärende Stadtführung. Bibliothèque Nationale de France, Bercy, Gare de Lyon, Institut du Monde Arabe, schließlich Notre Dame (Foto links). Wir zweigen ab auf den Boulevard de Sébastopol Richtung Gare de l'Est. Dort ist unser Hotel, und dort fährt morgen der TGV heim nach Deutschland. Wir lassen den letzten Etappen-Tag ausklingen im indischen Viertel direkt um die Ecke, an Sacré-Cœur und Montmartre.


Nymphe in Marmor von Louis Auguste Lévêque (1866), Jardin des Tuileries, Paris, Frankreich
Nymphe in Marmor von Louis Auguste Lévêque (1866), Jardin des Tuileries


Miri & Chris vor dem LouvreNovember-Frage im leeren Fahrradwaggon: "Haben Sie eine Reservierung?"
Sonntag, 14. November 2010: Zugfahrt Paris - Mainz

Ein kleiner frühlingshaft warmer Ausflug zur Achse Louvre (Foto rechts) - Tuilerien mit Nymphe in Marmor (Foto oben und unten) - Obelisk und Champs-Élysées rundet die Tour ab. Um 11.24 Uhr rollt der TGV mit lockerer Fahrradmitnahme ohne Halt bis Strasbourg und mit dem Frontteil weiter nach Stuttgart. Der deutsche Schaffner freundlich, zuvorkommend, interessiert. Geht doch.
In Stuttgart dann doch drei Minuten Verspätung. Bleiben fünf Minuten zum Umsteigen. Wir müssen uns ein bisschen sputen, um vom Zug-Ende auf Gleis 6 zu Gleis 11 zu kommen. Noch bevor ich mich mit Rucksack und bepacktem Rad in den Fahrradwaggon gewuchtet habe, fragt die Schaffnerin: "Haben Sie eine Reservierung?" Die Fahrradstellplätze sind brechend leer. Es ist Mitte November. Von den 14 Plätzen sind nur die beiden für uns reserviert. Was soll dann eine solche Frage? Es folgt die beliebteste Antwort vieler DB-Schaffender aus der guten alten Behörden-Bahn: "Das ist Vorschrift." Es könnte alles so schön und einfach sein.
Und doch ist es immer noch schöner und einfacher als mit dem Flugzeug. Wir rollen in Mainz ein und weiter zu unserer Wohnung. Eine harmonische Hochzeits-Radl-Reise, die trotz trüben am Ende aber warmen Wetters oder oft auch grade nach langen Regenstrecken viel Freude in uns an den erreichten Orten ausgelöst hat.


Nymphe in Marmor von Louis Auguste Lévêque (1866), Jardin des Tuileries, Paris, Frankreich
Nymphe in Marmor von Louis Auguste Lévêque (1866), Jardin des Tuileries


Route Lyon - Autun - Vézelay - Paris



Blaue Linie = Touren-Route; Buchstaben = Start und Ziel der Etappen

Etappen Lyon - Autun - Vézelay - Paris (8.-13.11.2010)

Details mit Geschwindigkeiten, Höhenmetern etc. als Excel-Tabelle

Tag Datum Start Zwischenstationen Ziel km
1. 8.11.2010 Lyon Villefranche-sur-Saône - Col de Brouilly (335 m) - Beaujeu - Col de Crie (622 m) Mazille 107
2. 9.11.2010 Mazille Cluny - Taizé - Givry Autun 105
3. 10.11.2010 Autun Ouroux-en-Morvan Vézelay 93
4. 11.11.2010 Vézelay Auxerre - Migennes Villeneuve-sur-Yonne 103
5. 12.11.2010 Villeneuve-sur-Yonne Sens - Vallery Fontainebleau 75
6. 13.11.2010 Fontainebleau Corbeil-Essonnes Paris 79
Summe 562

Adam und Eva am Westportal der Kathedrale Saint Étienne von Auxerre
Adam und Eva am Westportal
der Kathedrale Saint Étienne von Auxerre


Anschluss Tour 46: Rhône: Quelle - Mündung (905 km) April 2009

Anschluss Tour 31: Paris - Hamburg (1100 km) Juli/Aug. 2006

Anschluss Tour 26: Paris - Trier (477 km) März 2005

Anschluss Tour 21: Brest - Lyon (1018 km) März 2003

Anschluss Tour 5: Strasbourg - Santiago (2144 km) Sept. 1987


Nächste Tour: Mainz - Wissembourg (361 km) April 2011

Vorherige Tour: Jerewan - Noworossijsk (1460 km) Aug. 2010


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Tour 48: Karakorum-Highway (1010 km) 2009
Karakorum 2009
Chris Tour 51: Khartum - Addis Abeba (1760 km) 2010
Äthiopien 2010
on the Tour 58: Alpen - Prag - Berlin (2060 km) 2011
Moldau 2011
Bike Tour 59: Errachidia - Agadir (1005 km) 2012
Marokko 2012
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