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VG WORTTour 53: Jerewan - Noworossijsk (1460 km)


Am Aragaz (4090 m): Miri enteilt - wie stets über 3000 Metern, Armenien
Am Aragaz (4090 m): Miri enteilt - wie stets über 3000 Metern

Bike-Blog & Routen-Karte & Etappen-Übersicht
Jerewan - Tbilisi - Sotschi - Noworossijsk (1.-20.8.2010)
Sommer-Radln in Armenien, Georgien und an der russischen Schwarzmeerküste

Ausrüstung: Bike & More
Ausrüstung:
Bike & More
Kaukasus und Schwarzmeerküste. Die höchsten Gipfel und die tropischsten Küsten Europas. Nach Jerewan fliegen wir. Cruisen durch das Land der einsamen armenischen Kappellen und Kirchen vor der Silhouette des Ararat. Am Sewan-See geht es nach Georgien. Auf der georgischen Heerstraße fehlen mir noch 150 Kilometer zur Umrundung des Schwarzen Meeres. Weil wir kein Visum für Abchasien bekommen, brausen wir mit Bus und Fähre via Trabzon nach Sotschi. Die russische Schwarzmeerküste und Abstecher in die Berge, auch zur Olympiastadt Krasnaja Poljana runden die Tour ab. Foto Special: Armenische Kirchen, Klöster & Kreuzsteine
Foto Special:
Armenische Kirchen, Klöster & Kreuzsteine

Die Tour bei YouTube


Armenische Taufe


Kinder rutschen auf Pappe


Wasser-Konzert in Jerewan


Modern Monasteries: Wo ist Leben in Königstein?
Samstag, 31. Juli 2010: Flug Frankfurt - Wien - Jerewan

Die russischen Double-Entry-Visa sind wie so oft von Miller Touristik Service visa-plus.de zuverlässig rechtzeitig organisiert worden. Das abkhasische Visum kann man nur online bestellen. Die Email-Bestätigung steht noch aus. Mit der absolviert man den Grenzübertritt, bevor man in Suchumi beim Außenministerium dann das eigentliche Visum erhält. Armenische und georgische Visa bekommt man inzwischen beim Grenzübertritt.
Für den Fahrradtransport mit Austrian Airways habe ich last-minute-mäßig beim Fahrradhändler um die Ecke einen Karton (und Low-Rider-Taschen) besorgt. Miri will es erstmals mit einer Plastikplane versuchen. Das Einchecken am Frankfurter Flughafen ist mal wieder umgestellt worden. Zuerst muss man die Bordkarte am Automaten ziehen. Fahrräder werden nicht mehr an den normalen Schaltern aufgegeben sondern am Lufthansa-Bulk-Luggage-Counter in Halle B, zu erkennen an dem Schild "nur für Tiere".
Die Dame neben der Hundeabfertigung erklärt sich für uns zuständig. Alles läuft ganz gut an. Wir sagen, dass wir noch eine Weile brauchen werden. Was die Dame nicht davon abhält, den Mann vom Gepäcktransport sofort herbeizuordern. Der schaut uns dann schätzungsweise 45 Minuten zu, wie wir alles zusammen packen. Seinen Hinweis, wir möchten doch die Luft aus den Schläuchen lassen, ignorieren wir geflissentlich. Er weiß wohl selbst, dass es reine Schikane ist. Bis plötzlich die Dame am Schalter meint, mein Karton sei definitiv zu groß für die "kleine Fokker-Maschine" von Tyrolean Airways, mit der wir fliegen.
Diese Nachricht erwischt mich genau in dem Moment, in dem ich festgestellt habe, dass der Karton zwar reichlich hoch ist, aber nicht breit genug für die Pedale. Ich gehe also sehr bereitwillig auf die Schalterdame ein und erkläre, dann müsse das Rad eben so mit. Das wiederum begeistert den Gepäckmenschen nicht. Es folgt der übliche Gedankenaustausch, was passieren könne, der beste Weg wäre etc. Am Ende nimmt er mein Fahrrad wortlos samt prall gefüllter Reifen mit, nachdem ich Vorder- und Rücklicht mit Pappe und Tesa geschützt habe.
Die Fokker-Maschine erweist sich dann alles andere als klein. Immerhin 20 Reihen à fünf Sitze. Während bei der Platzwahl am Eincheck-Automaten die Maschine praktisch ausgebucht schien, ist jetzt fast jeder zweite Platz unbesetzt.
Im in die Jahre gekommenen Wiener Terminal D müssen wir gut zwei Stunden warten. Wir ergattern anderthalb der ganz wenigen Sitzplätze. Eine Mutter mit zwei militaristisch gekleideten Jungen, die schon mit uns in der Fokker saßen, erweist sich als Russin, die nach Krasnodar weiterfliegen will. Und tatsächlich wird irgendwann ein Gate für Krasnodar geöffnet. Sensationell diese Direktverbindung von Wien in die russische Provinz. Eigentlich könnten wir einen Rückflug von dort besser gebrauchen als der gebuchte Rückflug von Sotschi/Adler. Krasnodar könnte das Ziel unserer Tour sein, schließlich hab ich 2003 schon dort Station gemacht.
Ararat hinter den Ruinen von Swartnoz (Zwartnoz, Zvartnots)Die Maschine nach Jerewan ist restlos ausgebucht. Immerhin gelingt es uns, Plätze zu tauschen, sodass wir nebeneinander sitzen, resp. schlafen können. Zu meiner Linken sitzt Vahan Ohanian, Apostolischer Administrator der Armenisch-Katholischen Kirche in Armenien, Georgien und Ost-Europa. 400.000 Gläubige versucht er mit 16-17 Priestern zu betreuen. Ansonsten gebe es weltweit nur 250.000 armenisch-katholische Gläubige. Vor allem in Venedig, seiner Heimat, aber auch im Libanon, Irak, Iran, Deutschland, Kanada, USA. Der Katholikos residiere im Libanon, aber er selbst sei direkt dem Vatikan unterstellt.
Ob er in Rom gewesen sei? Neiiin, in Deutschland. Beim Ost-Hilfswerk Renovabis. Mit dem Unterton: was soll ich denn in Rom, Geld bekomm ich nur in Deutschland. Sein erster Besuch dort. Er scheint zufrieden. Befremdet hat ihn allerdings sein Aufenthalt in Königstein. Dieser tote Villenort. Wo sei dort Leben? Niemand sei auf der Straße, alle hätten sich hinter ihren Mauern verbarrikadiert. "Modern Monasteries", sage ich.
Irgendwie hat er keinen Flug mehr in der halbleeren Fokker-Maschine bekommen, deshalb ist er schon mit Zug und Flug via Frankfurt, München seit dem frühen Morgen unterwegs und reichlich müde. Macht aber die ganze Nacht kein Auge zu. Der Flug dauert aber auch nur drei Stunden.


Kathedrale von Etschmiadsin (Echmiadzin, Ejmiatsin, Echmiatsin; bis 1945 Wagarschapat, Vagharshapat), Armenien
Kathedrale von Etschmiadsin; mehr Fotos davon hier:
Foto Special: Armenische Kirchen, Klöster & Kreuzsteine


Taufkirche statt Lunapark im armenischen Vatikan
Sonntag, 1. August 2010: Swartnoz - Etschmiadsin - Aschtarak - Artaschawan + 7 km (50 km)

Geldwechsel und Visa sind schnell erledigt, aber vor der Passkontrolle schlängeln wir uns 40 Minuten. Am frühen Sonntagmorgen sind nicht alle Schalter besetzt. Die junge Beamtin gähnt. Alles nur eine Formalie.

Armenien

Die Räder sind halbwegs heil eingetroffen. Mein Lowrider ist noch außer Betrieb. Bei der Montage gestern morgen in Mainz zeigte sich, dass er nicht so richtig passt. Aber ich bekomme alles auch so unter. Um sieben Uhr rollen wir nach äußerst kurzem Flugzeug-Schlaf aus der Großbaustelle Flughafen. Und sehen recht klar den armenischsten aller Berge den Ararat (aus dem Hebräischen, entstanden aus assyrisch Urartu; kurdisch Çiyayê Agirî / Shaxi Ararat, türkisch Büyük Ağrı Dağı, 5137 m) mit seinem Doppelgipfel. Zum Greifen nahe. Aber unerreichbar auf türkischem Gebiet direkt hinter der Grenze. Die Vereinbarungen über die Grenzöffnung, die im vergangenen Jahr noch so nah schien, ist wieder auf die lange Bank geschoben.
Wir wenden uns nicht nach Jerewan, sondern nutzen die kurze Strecke zum "Vatikan der armenischen Kirche" in Etschmiadsin (Echmiadzin, Ejmiatsin, Echmiatsin; bis 1945 Wagarschapat, Vagharshapat) . Weder die Rundkirchenruine von Swartnoz (Zwartnoz, Zvartnots; Foto oben links vor dem schemenhaft zu erkennenden Ararat) noch die Hripsime-Kirche am Ortseingang sind geöffnet. Aber in der kleinen Kathedrale (Foto oben; mehr Fotos davon hier: Foto Special: Armenische Kirchen, Klöster & Kreuzsteine) singen Mönche, werden Weihrauchfässer geschwenkt und die armenische Liturgie nimmt ihren Lauf, begleitet von einigen, wenigen, sehr versunkenen Gläubigen.
Wir nehmen eine Auszeit auf einer der zahlreichen Bänke im Park drumherum. Wo wir erst nach mehr als einer Stunde von Polizisten sehr freundlich gebeten werden, uns weiter nach hinten zu verziehen. In die schöne Anlage rund um die Kathedrale, laut altem Reiseführer eine der "gepflegtesten Gartenanlagen der Sowjetunion" (Tessa Hofmann; 1990), ist Leben gekommen. Topmodisch gekleidete junge Armenierinnen laufen im Familienpulk daher.
Dort, wo noch 1996 über die Mauer der sowjetische Luna-Park mit Riesenrad die Gläubigen mit weltlichen Verlockungen in Versuchung brachte, ist eine moderne armenische Taufkirche hineingebaut worden. Alle Spielgeräte verschwunden. Eine junge Frau lässt sich taufen. Die zehnköpfige Taufgemeinde ist eher oberflächlich dabei. Die Taufzeremonie ist üppig. Ihre Hände werden ins Wasser getaucht, der Priester tauft sie mit Wasser auf der Stirn, im Nacken, an den Knien, über der Brust... Gesalbt werden auch die Hände, Nase, Ohren, Lippen und der Rücken mit einem dicken Kreuz:


Video: Armenische Taufe

Wir fahren aus der Stadt in die Berge Richtung Aragaz (Aragats, Aragac, Aragatz). Mit 4090 Metern der höchste Berg des Staates Armenien. Aber eben nur, weil der Ararat auf türkischem Gebiet liegt. Bis Aschtarak (Ashtarak, Aštarak) geht es sanft hinauf. Wir entdecken eine Bäckerei, in der mit Vollgas das armenische Riesen-Fladen-Brot Lawasch (Lavasch; Lavash) und Rundbrote gebacken werden. Jede Kundin geht mit Bergen von Brot davon. Auch von uns erwartet man mindestens eine Ein-Kilo-Bestellung.
Vaude Mark II light Kuppel-Zelt auf den Flanken des Aragaz (4090 m)Wir wollen weiter nach Bjurakan (Byurakan, Biurakan, Burakan). An jeder Ecke frage ich nach dem Weg und am Ende sind wir in Artaschawan (Artaschavan, Artashavan, früher Ilanchalan) weit ab von unserm Zielort. Doch in einem großen Bogen soll eine Straße noch mal dorthin zurückführen. Endlich eine ruhige Straße. Der Sonntags-Verkehr und das unermüdliche Hupen waren ausreichend nervig. Ein junger Armenier hält und fragt auf Deutsch, wohin wir wollen. Er kann uns endlich sagen, was es mit dem (Um-)Weg auf sich hat. Wenn wir Richtung Aragaz-Gipfel wollten, bräuchten wir jetzt gar nicht mehr nach Bjurakan, die Gipfelstraße führe in ein paar Kilometern rechts ab.
Bis zum Abzweig schaffen wir es heut nicht mehr. Das kahle Land bietet kaum einen Sichtschutz für unser neues Zelt. Aber auf einem holprigen Weg kommen wir ein paar hundert Meter von der Straße weg und finden einen blick- aber leider kaum wind-geschützten Platz.
Das erste Aufstellen des Zeltes gelingt trotz nachlassender Kräfte und Nerven (Foto rechts). Die kurze Flugnacht macht sich bemerkbar. Das Vaude Mark II light hat leider gegenüber dem von uns in Island getesteten Mark III den Nachteil, dass man nicht quer zum Eingang schläft und so nicht jeder seine eigene Eingangsseite hat. Müssen wir mal ein bisschen experimentieren. Es ist nach deutscher Zeit noch keine 19 Uhr, als wir trotz stetigen Winds einschlafen.


Miri im Vaude Mark II light Kuppel-Zelt
Miri in unserm nagelneuen Kuppel-Zelt "Vaude Mark II light"


Miri on the Bike am Aragaz (4090 m)Der lange Anstieg am Aragaz und Miris Leichtigkeit
Montag, 2. August 2010: Artaschawan + 7 km - Kari Lich (3100 m) (27 km)

Wir sind alles andere als erfahrene Camper. So schlafen wir recht unruhig. Morgens lassen wir es daher langsam angehen (Foto oben). Miri kocht mit ihrem Essbit-Kocher Tee und Milchkaffee. Die überwiegend deutschen Lebensmittelvorräte sind noch reichlich, reichen aber wohl nicht für die Tour auf den Aragaz. Hätten wir doch das Brot kiloweise gekauft. Auf geht's (Foto links)!
Frisches Wasser bekommen wir immerhin an der Kreuzung, an der auf 2.000 Metern Höhe eine Meteo-Station steht, vor der Studenten Backgammon spielen. 20 Kilometer führe die Straße bergauf bis zum See Kari Lich (Kari-See, Lake Qari), sagen sie. Das ist unser Ziel. Auf etwas über 3.000 Metern. Macht durchschnittlich fünf Prozent Steigung. Aber von Beginn an ist es steiler. Bis zu zehn, elf Prozent, durchschnittlich etwa sieben. In Sichtweite die Festung Ambert mit ihrem Kapellchen. Der Ararat ist heute noch mehr im Dunst als gestern. Die vereiste Spitze schaut aber immer über allem Dunst heraus.
Nomadenzelte und Wohnwagen säumen den Weg. Viele haben Bienenstöcke. Miri wird gleich vier Mal gestochen. Gelegentlich bittet man uns zum Essen, gelegentlich stürzen Hunde hervor oder kommen Reiter ohne Sattel angaloppiert.

Christoph Gocke im Kari Lich (Kari-See, Lake Qari; 3100 m) am Aragaz, Armenien; Foto: Mirjam MüllerNachdem sich bei der Mittagspause die Vorräte dem Ende zuneigen, geht Miri kurz darauf zu einer Zeltansammlung und kann reichlich Honig und ein bisschen Brot mit Käse und Koriander ergattern. Auf 2750 Meter wird es mir mal wieder mulmig zumute. Bald schieb ich mehr als dass ich fahre und auf 2975 Metern brauche ich eine lange Pause. Akklimatisieren.
Miri fährt vor (Foto ganz oben), läuft zurück und schiebt mich. Bis zu einem kleineren See am Fuß der Abschluss-Rampe rauf zum Stausee. Auf diesen letzten 400 Metern läuft es wieder besser bei mir und dann blicken wir auf See und Gipfel. Ein nettes Hotel mit Restaurant direkt am Ufer ist eine wunderbare Station fürs Abendessen (Foto unten). Mit 21 Grad und Wind ist es gelegentlich ein bisschen kühl. Aber wir sind auf rund 3.100 Metern und es fühlt sich großartig an.
Agatha und Maximilian, einem polnischen Pärchen, folgen wir ins gegenüberliegende Observatorium. Eine Ansammlung von Gebäuden, die größtenteils außer Betrieb wirken. Aber ein phlegmatischer Pseudo-Uniformierter gibt uns Zimmer mit Blick auf See und Gipfel. Wir nehmen noch ein Bad im entsprechend kalten See (Foto rechts).


Miri im Restaurant am Kari Lich (Kari-See, Lake Qari; 3100 m) am Aragaz, Armenien
Miri wartet im Restaurant am Kari Lich auf das Abendessen


Chris on the Bike: Abfahrt vom Kari Lich am Aragaz, Armenien; Foto: Mirjam MüllerMango-Lassi und Wasser-Nacht-Konzert: Jerewan, wat haste dir verändert
Dienstag, 3. August 2010: Kari Lich (3100 m) - Amberd - Bjurakan - Aschtarak - Jerewan (79 km)

Es ist 16 Grad kalt auf 3100 Metern. Obwohl es schon fast Mittag ist, als wir uns in die Abfahrt stürzen. Die kahle Landschaft der schmalen Aragaz-Spalte ist im Abfahren noch faszinierender. Besser zu genießen, nachdem ich mich an die Höhe gewöhnt habe (Foto rechts).
Nach 14 Kilometern Abfahrt entscheiden wir uns an einer Abzweigung für den Abstecher zur Festung Amberd (Anberd, Hamberd, Ambert; Foto unten; mehr Fotos davon hier: Foto Special: Armenische Kirchen, Klöster & Kreuzsteine) mit seinem Kapellchen. 60 Extra-Höhenmeter auf der Hin-, 230 auf der Rückfahrt. Jeweils fünf Kilometer. Vor 14 Jahren hab ich eine einsame Wanderung über Stock und Stein dorthin gemacht. War allein mit der mittelalterlichen Kulisse und der gar nicht so kleinen Kirche. Jetzt hält ein Bus nach dem anderen. Eine französische Reisegruppe ist dabei. Andenken kann man in einem Zelt kaufen, auf einer Restaurant-Terrasse kann man den andern zusehen, wie sie die Ruine erklimmen. Und wie Kinder versuchen, auf einem Stück Pappe zu rutschen:


Video: Kinder rutschen auf Pappe

Zurück an der Wetterstation brausen wir jetzt geradeaus durch nach Bjurakan, das noch einige Kilometer und vor allem 400 Höhenmeter tiefer liegt. Ein Univermag versorgt uns mit jeder Art von Kefir, Tan, Quark, Joghurt. Das wir mit Miris Honig verfeinern, der auch ohne Deckel im Flaschenhalter gut mitgehalten hat. Unter einem Plastikdach mit Tisch und Bänken sind wir geschützt vor der Sonne. Im Fahrtwind klettert das Thermometer bis auf 39 Grad. Da sind wir schon auf der M1, dem Highway via Aschtarak nach Jerewan.

Chris on the Bike: Einfahrt in Jerewan; Foto: Mirjam Müller Die paar Höhenmeter mehr als über Etschmiadsin belohnen mit einem Blick auf die Krake Jerewan, in die wir nun von der Höhe hineinrollen (Foto links). Schier endlos. Zunächst mit Golfplatz und eingezäuntem Edel-Wohnbezirk, dann mit allen möglichen Geschäften. Nur kein Fahrradgeschäft ist dabei. Dabei muss ich dringend die Halterung der Sattelstange erneuern. Die Schraube drehte bei der Ankunft am Flughafen durch. Seitdem ruht der Sattel mehr auf dem Korb als auf der Sattelstange. Das kann nicht lang gut gehen. Doch wenn ich die Schraube in die ein oder andere Richtung weiterdrehe, kann das das Ende sein. Es gibt auch keine Radler, was die Hoffnung auf einen Radladen nicht gerade schürt. Immerhin sind uns Sonntag in Etschmiadsin ein paar fröhlich winkende Rennradler begegnet.
Die Straße führt uns leider in großem Bogen um Jerewan (Eriwan, Jeriwan, Yerevan) herum, sodass wir schließlich doch wieder von Westen am Jerewan-See vorbei in die Stadt gelangen. Über die Sieges-Brücke an der Ararat-Destillerie der Yerevan Brandy Company vorbei, bevor wir uns in einem Gartenrestaurant beratschlagen.

Sacharov-Platz mit Denkmal für den sowjetischen Dissidenten, Jerewan, ArmenienDer Lonely-Planet-Tipp Envoy Hostel ist belegt, aber das superfreundliche Hostel-Team organisiert einen Homestay. Vor dem Europa-Supermarkt am Sacharov-Platz (sic! Foto rechts) wartet schon ein Mann zum Empfang. Die Räder gehen zum Wachmann im Haus der Vêtements de France und auf dem vierten Stock (deutsch: dritte Etage) gegenüber winkt schon unsere Homestay-Mutter.
Ein paar Amerikaner, Kanadier und ein französisches Brüderpaar haben die Wohnung in Beschlag genommen. Zwei Betten im Zimmer der Franzosen sind noch frei. Alles super.
Im Lagonid essen wir syrisch-armenisch, bevor wir im nord-indischen Karma-Restaurant, wo wir von einem Süd-Inder aus Kerala bedient werden, uns noch mit Mango-Lassi, Virgin-Cocktail und Möhren-Halwa verwöhnen. Jerewan, wat haste dir verändert. In einem Supermarkt stoßen wir auf ein paar Produkte made in Mainz: reichlich Frosch-Reinigungs-Zeug, Erdal-Schuhcreme etc.
Krönung dann auf dem zentralen Platz der Republik. Wo vor 14 Jahren drei Jungs auf dem riesigen Platz verloren an einem Brunnen spielten, findet ein Wasser-Nacht-Konzert statt. Zu den klassichen Klängen schießen verschiedenste Wasserfontänen vor der Armenischen Nationalgalerie und dem Historischen Museum in die Luft. Umgeben von Tausenden Armeniern:


Video: Wasser-Konzert in Jerewan

Was für eine Atmosphäre. Es ist auch kurz vor 23 Uhr noch sehr warm, hier auf 1100 Metern Höhe. Wir können kaum einschlafen in der Hitze der Wohnung.


Festung Amberd (Anberd, Hamberd, Ambert), Armenien
Festung Amberd; mehr Fotos davon hier:
Foto Special: Armenische Kirchen, Klöster & Kreuzsteine


Amazone auf dem Mittelstreifen der Straße Jerewan - Sewan-See, ArmenienNervige Fahrt in Autobahnformat zum Sewan-See
Mittwoch, 4. August 2010: Jerewan - Sewan (66 km)

Die Franzosen brechen auf Richtung Berg-Karabach (Nagorny-Karabagh). Eines der Länder, die es gar nicht gibt. Nicht geben darf. Nicht geben soll: das von Armenien besetzte ehemalige Autonomie-Gebiet in Aserbaidschan. Das als Haupthindernis gilt für eine Normalisierung der Beziehungen zur Türkei und zu Aserbaidschan sowieso.
In der gefühlten Nähe zu einem Fahrradgeschäft traue ich mich jetzt selbst an den Sattel. Die Schraube ist durchgedreht, eine neue ignoriert das zerstörte Gewinde und wird mit einer Mutter befestigt. Beim zweiten Festdrehen mit bleibendem Erfolg. Über den Sacharov-Platz brausen wir davon.
Wir rechnen mit rund tausend Höhenmetern. Aber nicht damit, dass sie vor allem in der ersten Streckenhälfte der 60 Kilometer bis zum Sewan-See stecken. Immer wieder denkt man, diese Höhe müsste erst mal reichen. Tut sie aber nicht. Schlimmer allerdings die Autos. Es ist halt eine vierspurige Straße im Autobahnformat. Unablässig brettern die Autos an uns vorbei. Es wird kaum weniger bis zum See.

Miri schwingt sich vor einem Flügel-Boot aufs Fahrrad auf dem Campingplatz Albatros am Sewan-See, ArmenienSchon nach 14 Kilometern halten wir zum Mittagessen. Im Motel-Restaurant bekommen wir die schon gewöhnte Brot-Käse-Tomaten-Gurken-Pepperoni-Koriander-Kombi angeboten. Allerdings mit fünf Brot- und vier Käse-Sorten, Dill, frische Frühlingszwiebel. Schon fein. Dazu poached eggs. Sehr fein.
Im zweiten Streckenteil steckt dann ein stetiges Auf und Ab. Wieder und wieder werden 2,6 Kilometer mit neun Prozent Steigung angekündigt. Offenbar haben wir eine Flatrate gebucht, denn es sind meist nur vier bis fünf Prozent Steigung. Doch die ziehen sich.
So sind wir geschafft, als wir endlich den Sewan-See (Sevana Lich, Sevan, Ssewan) vor Augen haben und immer noch vierspurig dahinziehen. Ein Motel direkt an der Straße gibt Miri den Rest. Wir finden doch noch den Weg auf eine größere Lagune mit schönen Hütten am Strand. Nach wiederum nervigen Hin und Her mieten wir eine Hütte. Ungeahnt genau dort, wohin mich der Lonely Planet zog: im Albatros (Foto rechts). Hier kann man auch um 20 Uhr noch wunderbar schwimmen. Was wir jetzt tun werden.


Kloster-Insel mit Marienkirche (li.) und Apostelkirche am Sewan-See, Armenien
Marienkirche (li.) und Apostelkirche; mehr Fotos davon hier:
Foto Special: Armenische Kirchen, Klöster & Kreuzsteine


Der 50-Kilometer-Umweg über den Karmir-Pass
Donnerstag, 5. August 2010: Sewan - Karmir-Pass (2176 m) - Chambarak - Gosch (99 km)

Auf der Sewan-Halbinsel (Foto oben) tummeln sich die Touristen. Bevor die Sowjets den Wasserspiegel um 20 Meter senkten, war es eine Insel. Auf der die beiden Kirchen mit ihrem Kloster der armenischen Nation oft als letztes Refugium dienten (mehr Fotos davon hier: Foto Special: Armenische Kirchen, Klöster & Kreuzsteine).
Als ich vor 14 Jahren hier war, ohne Fahrrad, war alles verwaist und verlassen. Und die Touri-Trümmer, die ich fotografierte, sind inzwischen unter Wasser. In den letzten Jahren ist der Wasserstand wieder um zwei Meter gestiegen.
Miri befürchtet auf dem Pass nach Dilidschan so viel Verkehr wie gestern zwischen Jerewan und Sewan. So entscheiden wir uns für einen 50-Kilometer-Umweg am Ostufer des Sees entlang und dann über den Karmir-Pass (Karmir Lerrnants'k', Pereval Krasnosel'skiy; 2176 m). Vorher nehmen wir Abschied vom See an einem kleinen Hütten-Platz. Werden von zwei jungen Männern mit Plätzchen beschenkt. Der Lebensmittelhändler am Abzweig von der Straße lädt mich zu einem kräftigen Glas Wodka ein. Kaukasische Gastfreundschaft.
Defekter LKW mit Heu/Stoh beladen bei Chambarak im Tal der GetikDie Passstraße (Foto unten) birgt noch einen Umweg wegen Bauarbeiten. Die Landschaft sehr karg, wie um den Sewan-See herum. Jenseits des Passes beginnt Landwirtschaft (Foto rechts). Die Straße wird zusehends schlechter. Max. speed auf der Abfahrt gerade mal 34,5 km/h. Erst recht als wir in Chambarak (Jambarak; bis 1920 Mikhaylovka, 1920-1972: Karmir Gyugh, 1972-1991: Krasnoye, Krasnosel’sk, Krasnosyelsk, Kraside) in die Talstraße des Flusses Getik kommen. Immerhin es geht weiter bergab. Die Entfernungsangaben der Reise-Know-How-Karte ("world mapping project") sind wie stets bisher auf dieser Reise zu kurz. Mit zehn bis zwölf Prozent mehr muss man immer rechnen.
Nichts und niemand bereitet uns darauf vor, dass es vom Abzweig im Tal zum Kloster Goschawank in Gosch noch zwei bis drei Kilometer und vor allem reichlich Höhenmeter sind. Wir sind reichlich erschöpft. Kurz vor dem Ort entdeckt Miri einen Grillplatz mit Wasserhahn. Ideale Station, an der wir ein paar Meter oberhalb zelten.


Chris on the Bike am Karmir-Pass (2176 m) bei Chambarak, Armenien; Foto: Mirjam Müller
Chris auf der Passstraße am Karmir-Pass (2176 m)


Enkel will nicht auf dem Fahrrad sitzen: Morgen bei Goschawank/GoschKloster-Ralley I: Goschawank und Hagarzin
Freitag, 6. August 2010: Gosch - Hagarzin - Dilidschan - Fioletowo + 10 km (62 km)

Unsere zweite Camping-Nacht verläuft ruhig. Und dennoch hat man uns bemerkt. Eine ältere Frau kommt mit ihrem Enkel vorbei, lädt uns zum Frühstück ein, das wir gerade hinter uns haben. Der Enkel wird auf Miris Sattel gesetzt (Foto rechts). Ist aber gar nicht glücklich darüber. Kurze Zeit später kommen die beiden wieder. Jetzt werden wir mit Brot und Käse beglückt.
Nach 150 Höhenmetern auf 1,7 Kilometern erreichen wir das Kloster Goschawank in Gosch/Gosh (Goschavank, Goshavank; benannt nach dem Kloster-Gründer Mchitar/Mkhitar Gosch/Gosh) . Eine Anlage mit verschiedenen Kirchen, Kapellen und einer Bibliothek (Foto unten; mehr Fotos davon hier: Foto Special: Armenische Kirchen, Klöster & Kreuzsteine). Und Kreuzsteinen (armenisch: Chatschkar, Khachkar, Khatchkar, Khatshkar), vor allem das des Meisters Pawros (1291) vor der Lussarowitsch-Saalkapelle (1237). Einige Gotteshäuser werden gekrönt vom typisch armenischen Spitzdach - allerdings in einer eher provisorischen Stahl-Glas-Konstruktion. In den Steindächern steckt mehr Kraut als gut ist fürs Gemäuer.

Fioletowo (Fioletovo, bis 1936 Nikitino; eines der letzten Refugien der russischen Molokaner) Zurück an der Getik, die bald mündet in die Aghstafa (armen. Aghstev, aserbaidschanisch Ağstafacay, russisch Акстафа, Akstafa). Kurz darauf geht's rechts ab von der Straße nach Dilidschan: Wir lassen unser Gepäck in einem Haus an der Straße. Nach sechs Kilometerm mit 350 Höhenmetern erreichen wir Kloster Hagarzin (Hagharzin, Haghartsin, Haghardzin, Hararzin; bis 1940 Dzharkhedzh, Dzharkhech, Zarkhej; bis 1992 Kuybyshev, Kuybishev; ca. 1460 m) und staunen über die Restaurierungsarbeiten in voller Fahrt.
Ein armenischer Mönch, der neun Jahre lang armenische Gemeinden in Deutschland betreut hat und erst grad zurückgekommen ist, erzählt uns, der muslimische Scheich Sultan bin Mohammed al-Qassimi III, Herrscher des arabischen Emirats Schardscha (Shariqah, Sharjah; eines der sieben Vereinigten Arabischen Emirate), habe mehrere Millionen Dollar springen lassen. Er sei so beeindruckt gewesen von einem Besuch hier, bzw. von dem Restaurierungsbedarf. Etwas abseits wird auch an neuen Klostergebäuden gebaut. Ein Junge bietet gekochten Mais an. Nach Miris Urteil aber kein Zucker-Mais. Schmeckt trotzdem.
Zurück auf der Hauptstraße steigt die Route stetig gen Dilidschan (Dilijan, Dilizhan, Dilichan, Dilidjan, Tilichan) an. Im Ort gibt es ein exzellentes Restaurant direkt am See, der von Tretbooten befahren wird. Wir stärken uns mit Pilzen, Bohnen, Auberginen, Tomaten, Gurken. Das ist nötig. Die Straße folgt zwar weiter dem Flusslauf, was sie nicht daran hindert auf 1875 Meter zu klettern. Insgesamt bringen wir es heute auf rekordverdächtige 1400 Höhenmeter. Als es grad etwa zehn Kilometer hinter Fioletowo (Fioletovo, bis 1936 Nikitino; eines der letzten Refugien der russischen Molokaner; Foto links) bergab geht, taucht linker Hand ein Hotel auf mit spitzen Holzhütten. Die sind nicht mehr am Markt. Dafür ein schönes großes Zimmer.


Kloster Goschawank (Goschavank, Goshavank) mit Kirchen, Kappellen und Bibliothek in Gosch/Gosh, Armenien
Kloster Goschawank; mehr Fotos davon hier:
Foto Special: Armenische Kirchen, Klöster & Kreuzsteine


Downhill-Biken mit Kloster-Ralley II zum winzig-windschiefen Bauernhaus
Samstag, 7. August 2010: Fioletowo + 10 km - Wanadsor - Alawerdi - Ayrum (88 km)

Downhill-Biken. Was gibt's Schöneres? Downhill-Biken in der Dedeb-Schlucht! Erst geht's aber noch ein paar Kilometer bergab nach Wanadsor (Vanadzor, Vanazor, früher Kirowakan, Kirovakan, Korovakan, Karaklis, Karakilis, Karakhs, Gharak’ilisa, Karakilisa, Mets Karakilisa). Im "Red Internet Café" machen wir einen kleinen Zwischenstopp, um nach unseren Abchasien-Visa zu schaun. Leider ohne positives Ergebnis.
Dann fehlen auf der Reise-Know-How-Karte glatte zehn Kilometer, dazu die üblichen zehn Prozent. Macht gar nix. Denn es geht weiter abwärts. 1500 Meter abwärts heute bei 500 Metern aufwärts (Foto links). Die Debed-Schlucht ist teils so eng, dass die Straße nicht im Talgrund verlaufen kann. Eine Eisenbahnlinie ist auch noch da.
Miri on the Bike in der Debed-Schlucht: Gegenverkehr mit altem sowjetischen BusErstes Highlight, die in alten Führern gar nicht verzeichneten Klosterruinen von Kobayr (Kobair). Vom Straßenrand, an dem alte Mütterchen uns Brombeeren kiloweise verkaufen und auf unsere Fahrräder aufpassen, geht's unter der Eisenbahnlinie durch, entlang an einem Rohr, das Alawerdi mit Wasser versorgt, bergan. Der zehnminütige Wanderweg wird noch schöner nach einem Brünnlein aus dem Jahr 1988. Es geht durch wilde Gärten auf schwarzem Gestein, gelegentlich auch Stufen hinauf. Die Ruinen in selbem schwarz-bläulichen Gestein (Fotos davon hier: Foto Special: Armenische Kirchen, Klöster & Kreuzsteine).
Seit einiger Zeit wird wohl auf privater Initiative an der Restaurierung gearbeitet. Nur mit sehr einfachen Mitteln. Heute gar nicht. Der Chor der Hauptkirche ist vollständig erhalten, vor allem seine Fresken, die durch die fehlenden Außenmauern im hellen Tageslicht viel besser zur Geltung kommen, als in den meist düsteren armenischen Kirchen. Aber ungeschützt dem regenreichen und kalten Winterwetter ausgesetzt sind. Der ernste Christuskopf schaut so in die Natur, in die Berge. Wo wenige Meter hinter der Kirche eine riesige Höhle vom Wasser überrieselt wird. Ein Wasser-Festival, das erfrischende Kühle verbreitet. Und unter dem sich Miri weitgehend nässt.

Alawerdi (Alaverdi, Alawerdy, Alaverdy, Allaverdy; früher Manes) mit stillgelegtem Kupfer-Werk aus der KabinenbahnGegenüber der Hauptkirche sind an einer anderen Ruine feines Maßwerk an Tür und Fenster sowie eine seit 700 Jahren intakte Sonnenuhr zu entdecken. Sustainability pur. Auf dem Weg bergab durch die Gärten ist für uns bei Anna ein Tisch reich gedeckt. Selbst gebackener Kuchen, Gurken, Pflaumen, Maulbeeren aus dem eigenen Garten, der über uns ein Netz aus Weintrauben spannt, die noch nicht reif sind. Und Anna schafft ständig mehr herbei: armenischen Kaffee, Sahne-Quark, Brot. Am Ende kaufen wir, äh, kauft Miri, ein Riesenglas Honig, in dem noch ein großer Brocken Wachswaben schwimmt. Na ja, es geht ja bergab heute.
An der Abzweigung nach Odsun/Odzun fahren wir weiter. Die Höhenmeter passen uns heute nicht ins Konzept, genau so wie später das Haghpat-Kloster. In Alawerdi (Alaverdi, Alawerdy, Alaverdy, Allaverdy; früher Manes) aber steht neben dem gigantischen nach Anwohnerprotesten schon in den achtziger Jahren stillgelegten Kupfer-Werk eine Kabinenbahn (Foto rechts). Die bringt uns in den Stadtteil Sadahart, von wo es nur noch ein kleiner Spaziergang zum Kloster Sanahin (Foto unten; mehr Fotos davon hier: Foto Special: Armenische Kirchen, Klöster & Kreuzsteine) ist. Hier jagt eine Besuchergruppe die nächste. Und eine armenische Mutter lässt sich in jeder der zahlreichen Kirchen und Kapellen zwischen ihren beiden Kindern jeweils von einem andern Touristen fotografieren. Und die Kinder machen mit.

Kamil Zawierucha und Piotr Bucik mit Miri in der Debed-Schlucht, ArmenienInzwischen sind wir auf 800, 700 Meter herunter. Es ist in der Spätnachmittagssonne reichlich heiß. Kamil Zawierucha und Piotr Bucik, zwei polnische Radler mit polnischer Fahne (Foto links), haben es ungleich schwerer: sie kommen uns entgegen, müssen bergauf fahren. Sie verbinden das Fahrrad fahren mit dem Bergsteigen. Von daher werden sie wohl die Höhen des Klosters Sanahin per Rad erklimmen. Um dort zu campen mit ihren in Georgien erworbenen Biwaks. Sie haben sehr gute, neue Räder, ihre erste große Tour leidet etwas unter dem Gepäckmanagement. So bin ich auch jahrelang mit defekten Fahrradtaschen durch die Weltgeschichte geeiert.
Ein, zwei Kilometer vor Ayrum (Mets Ayrum) entscheiden wir uns zum Zelten. Ein Rumpelweg führt zu einem einsamen Bauernhaus. Auf halber Strecke finden wir ein schönes Plätzchen jenseits der Brombeersträucher. Im winzig-windschiefen Bauernhaus stoße ich auf eine alte, kleine Frau. Sie werkelt vor ihrem Haus mit zig Kochtöpfen. Der Hund ist angekettet, sein Bellen hält sich in Grenzen. Der Blick in das Zwei-Raum-Haus vermittelt Armut. Die Frau hilft sofort aus unserer Wasserknappheit. Holt Wasserfläschchen aus dem Kühlschrank und ihre Milchkanne, aus der mühsam Becher für Becher in unsere Plastikflaschen umgefüllt wird. Fließend Wasser offenbar Fehlanzeige. Sie ist erstaunt über mich, ich lasse mal eine meiner neuen Bike-Visitenkarten mit Foto da.
Später kommt sie dann doch mal vorbei, mühsam auf einen selbst gebastelten Stock gestützt. Bringt eine Anderthalb-Literflasche mit eiskaltem Wasser. Die wir tatsächlich brauchen. Die Hitze im Tal hat uns ausgedörrt. Und ein bisschen Waschen tut auch ganz gut. Das Restwasser am Fahrrad bereitet uns eine Warmdusche. Auch nach Sonnenuntergang ist es im Zelt trotz offener Seiten stickig heiß. Die Bauersfrau ist noch zum Straßenrand gehumpelt, hat acht riesige Pfirsiche für uns erstanden. Unglaublich.
In der Dämmerung lernen wir noch einen, sagen wir mal, Sohn der alten Bauersfrau kennen, der mit seinem Wagen vorbeikommt und sich nach unserem Wohlergehen erkundet. Als wir schon im Zelt liegen, schlägt sich noch ein alter Mann mit seinem Stock zu unserm Zelt durch. Gesichtsfalten, Körpergröße und -haltung lassen ihn als alter Ego der Bauersfrau erkennen. Auch er erkundigt sich noch mal, ob alles in Ordnung sei und wir genug Wasser haben.


Schamatun (1211) des Kloster Sanahin, Armenien
Schamatun (1211) des Kloster Sanahin
Mehr Fotos davon hier: Foto Special: Armenische Kirchen, Klöster & Kreuzsteine


Armeniens letzter Mann und die pralle Sonne
Sonntag, 8. August 2010: Ayrum - Grenze Armenien/Georgien - Tbilisi (89 km)

Auch Ayrum, das dann doch ein Hotel hat, keine zwei Kilometer von unserm Zeltplatz, wird dominiert von einer Industrieruine. Wir investieren unser letzten armenischen Dinare in umfangreiche Getränkevorräte. Kaufen erstmals auch Trinkwasser. Gut gekühltes. Abschied von Armenien. Ein Land das erst in den letzten zehn Jahren den Aufschwung erlebt, den die meisten Ostblock-Staaten in den neunziger Jahren hatten. Das jetzt aber mit Riesenschritten aufholt. Das aber immer noch durch die geschlossenen Grenzen zur Türkei und zu Aserbaidschan mit dem ungelösten Karabagh-Konflikt in seiner Entwicklung behindert wird.
Wenn man sich als Deutscher outet, fällt auch heute noch im letzten Dorf das Stichwort Franz Werfel und sein Werk "Die Vierzig Tage des Musa Dagh" über den Überlebenskampf eines armenischen Dorfes im türkischen Völkermord, das die Armenier als ihr National-Epos angenommen haben. Die Armenier sind uns freundlich, distanziert begegnet. Ein angenehmes Reiseland.
Nur ihr letzter Mann, der Soldat an der Grenzabfertigung ist etwas überfordert. Will, dass unsere Fahrräder unbedingt zwei Meter zurück geschoben werden, wo sie mit ihren Getränkevorräten in der prallen Sonne stehen. Die Passanten drängen sich vor dem kleinen Kabäuschen, in dem der Ausreisestempel erteilt wird. Nach 20 Minuten Warten in der prallen Sonne sind wir schließlich an der Reihe.

Georgien

Georgien ist einige Schritte weiter. Auf der andern Uferseite des Grenzflusses größere Abfertigungsanlagen. Alles geht schneller, eingespielter. Man spricht Englisch. Ein Visum braucht man gar nicht mehr. Der Pass wird gescannt, eine kleine Webcam macht ein Foto von mir und dann gibt's nur noch einen Einreisestempel.
Wir sind in Georgien. Wo die Menschen eifriger winken und rufen. Am liebsten auf Englisch. Abseits des Flusses führt es hügelig über die restlichen 70 Kilometer bis Tbilisi (auch Tbilissi; bis 1936: Tiflis). Auf bis zu 46 Grad steigt mein Thermometer im heißen Fahrtwind. Aus einem Rohr mit einem Durchmesser von mindestens 30 Zentimeter schießt ein dicker Wasserstrahl zur Bewässerung der Felder. Sowjetische Dimensionen. Wir halten unsere Helme, Trikots und uns selbst in den Strahl. Strampeln in den klatschnassen Trikots weiter. Die in Windeseile trocknen.
Die großzügige Versorgung mit Lebensmitteln geht weiter. In der Pause bekommen wir zwei Megatomaten geschenkt. Beim Geldwechsel (am Sonntag!) gäb's Kaffee und Wodka.
Miri vor dem Orbeliani-Bad im Bäder-Viertel Abanotubani, Tbilisi, GeorgienNoch einmal 150 Höhenmeter und dann rollen wir kilometerlang bergab nach Tbilisi. Am Fluss Kura (Mtkwari, Mtkvari) fehlt ein schöner Radweg. Stattdessen ist er gesäumt von Müllkippen. Und langen Mietsfassaden, an denen auf einen Haushalt mindestens eine Satellitenschüssel kommt.
Dann die ersten Kirchtürme und wir biegen an den Backstein-Kuppeln zu den Schwefel-Bädern des Bäder-Viertel Abanotubani ein, vor allem dem Orbeliani-Bad, das mit seiner Fassade an die zentralasiatischen Medressen von Samarkand und Buchara erinnert (Foto rechts). Aber als Hammam gebaut wurde. Und genutzt wird. Massage für zwei Euro.
Wir schlagen uns zu der Lonely-Planet-Empfehlung Dodo's Homestay durch. Dodo ist eine kleine, alte Dame, die über einen Innenhof herrscht, an dem nicht nur ein paar Familien wohnen sondern auch in fünf großen Räumen ein reger Hostelbetrieb herrscht. Drei Israelis brechen zu einer Bergtour nach Swanetien auf, können uns was über die Zugverbindungen in den Westen sagen, sind begeistert von der kaukasischen Bergwelt am Kasbegi, zu der wir als nächstes wollen. Aber erst nach einem Tag Relaxen in Tbilisi.


Die 2004 geweihte Kathedrale der Heiligen Trinität in Tbilisi, Georgien
Die 2004 geweihte Kathedrale der Heiligen Trinität in Tbilisi


Vergoldete Georgs-Statue auf dem Freiheitsplatz in Tbilisi, GeorgienChris und sein Lieblings-Mineralwasser Borjomi, Tbilisi, Georgien; Foto: Mirjam MüllerRelax
Montag, 9. August 2010: Tbilisi

Es ist nicht ganz so heiß wie gestern und vor allem strampeln wir nicht durch die kaukasische Bergwelt. Sondern fahren hundert Meter unter der Erde sowjetisch Metro, besichtigen die neue Kathedrale (Foto oben) und sehen den neuen Präsidentenpalast und die in seine Richtung führende, weitgehend ungenutzte, neue Fußgängerbrücke über den Fluss Kura (Mtkwari, Mtkvari; Foto unten), bevor wir die klassischen Ziele von Alt- und Neustadt der georgischen Hauptstadt (Foto links) ansteuern. Gelegentlich unterbrochen durch den Genuss von Borjomi-Mineralwasser aus dem Kurort Bordschomi/Bordshomi (Foto rechts).


Schön sinnlos: im April 2010 eröffnete,  weitgehend ungenutzte Fußgängerbrücke des italienischen Architekten Michele de Lucchi über die Kura (Mtkwari, Mtkvari) in Tbilisi
Schön sinnlos: im April 2010 eröffnete, weitgehend ungenutzte Fußgängerbrücke
des italienischen Architekten Michele de Lucchi über die Kura in Tbilisi


Joker-Spiel im Hotel Qvesheti
Dienstag, 10. August 2010: Tbilisi - Mzcheta - Ananuri - Pasanauri - Kvesheti (106 km)

Dank einer Stunde Zeitunterschied zu Armenien, schaffen wir es, um 7:20 Uhr Ortszeit loszufahren. Durch das noch menschen- und autoleere Tiflis. Es lockt die georgische Heerstraße. 200 Kilometer zwischen Tbilisi und Wladikawkas. Den kurzen russischen Teil habe ich 2003 zurückgelegt. Er endete überraschend an der für Nicht-GUS-Ausländer geschlossenen Grenze. Ein paar Monate zuvor war ich von Mzcheta nach Tiflis gefahren, was wir nun in umgekehrter Richtung tun. Sind dabei als Geisterfahrer unterwegs, als wir auf der Autobahn in die Gegenrichtung geraten. Nur ein einziger Autofahrer hupt, bevor wir die Räder samt Gepäck auf die Gegenfahrbahn wuchten.
Christus-Fresko in der Apsis der Kathedrale Sweti Zchoweli (Sveti Tskhoveli) von Mzcheta (Mtskheta, Mzkheta, Mtscheta), GeorgienMzcheta, das geistige Zentrum der georgischen Kirche, ist an diesem warmen Sommertag nicht zu vergleichen zu meinen Besuchen vor sieben und 14 Jahren. Alles ist freundlich, warm. Im Umfeld wird weiter an Straßen und Bauten gearbeitet. Selbst die Kirche (Foto links) ist innen angenehm warm.
Dann noch einmal eine kurze Stipvisite auf der Autobahn in beiden Richtungen und schon sind wir auf - auch für mich - völligem Neuland. Ganz langsam steigt die georgische Heerstraße bergan. Erst am Stausee bei Schinwali (Schinvali, Zhinvali ) müssen wir uns über das See-Niveau hinaus in die Berge schrauben, bevor wir die ganzen Höhenmeter bei der Abfahrt zur Burg von Ananuri wieder verlieren. Max. speed 69,5 km/h meldet mein Fahrradcomputer. Ich hätte die 70 km/h überboten, wenn nicht einige Kühe auf der Straße lägen. Das Risiko in eine wahnsinnig gewordene Kuh zu rauschen, ist mir zu groß. Die Burg selber ist vollgestopft mit zwei Kirchen (Foto unten). Die eine besticht durch orientalische Friese außen und ein Ewiges Gericht innen, die andere, kleinere, ungenutzte durch ihre rauen Backsteine.
Bis Panasauri (1050 Meter; 90 Kilometer von Dodo's Homestay in Tbilisi) geht es bei den aus den Seitentälern hereinstürzenden Flüssen immer etwas aufwärts zu den Brücken, danach dann leider wieder runter. Ab Panasauri bleibt man dann im Talboden. Bis Kvesheti (106 Kilometer von Tbilisi) kommen wir auf 1350 Meter. Etwa so viele Höhenmeter brachte die Strecke heute mit sich. Nach zehn Stunden finden wir Unterschlupf im kleinen, restlos gefüllten Hotel Qvesheti. Wir bekommen den Community Saal. Mittelstandsfrauen machen hier mit ihren Kindern Urlaub. Die Väter kommen nur am Wochenende.
Wir kommen in den Genuss von Halbpension. Borschtsch, Möhren-Salat, Reis-Salat, Marmelade, Käse, Brot, Früchte. Eine tolle Mischung. Drei Jungs fordern mich zum "Joker"-Spielen heraus. Ein Spiel, bei dem man vor Spielbeginn schätzen muss, wie viele Stiche man machen wird. Ich werde erstaunlicher Weise nicht letzter. Beim Abheben hält der Mischer die Karten in seiner Hand und der Abhebende hebt nicht und nichts ab, sondern schiebt einen Kartenblock ein Stück vom Stapel.
Die Mütter erzählen von ihrer Studienzeit in den neunzigern. Als es in Tbilisi kaum Möglichkeiten gegeben habe, auszugehen. Als es überall unsicher war. Erst recht abends. Und wie sie zu guter Letzt ihre Deutschprüfung mit reinem Vorlesen von georgischer Umschrift geschafft haben. Immerhin sprechen sie sehr gut Englisch. Eka arbeitet in bei einer Baufirma im Management, was ihre Freundin etwas neidisch als gut bezahlten Job bezeichnet.


Festung Ananuri mit den beiden Kirchen, Georgien
Festung Ananuri mit den beiden Kirchen


Teil des 70 Meter langen Denkmals zur Feier der 200jährigen russisch-georgischen Freundschaft an der Georgischen Heerstrasse auf der Aussichtsplattform über der Schlucht von GudauriSchwarzmeer-Umrundung: Today is the day
Mittwoch, 11. August 2010: Kvesheti - Kreuzpass (2375 m) - Kasbegi - Grenze Georgien(/Russland) - Kasbegi - Kreuzpass (2375 m) - Kvesheti (124 km)

Miri hat sich in der Nacht ein paar Mal übergeben müssen. Ursache gänzlich unbekannt. Wir haben das Gleiche gegessen den ganzen Tag über. Das Halbpensions-Abendessen kann es kaum gewesen sein. Jedenfalls ist sie heute fahruntüchig. So setz ich allein ihre Idee um. Ohne Gepäck über den Kreuzpass und zurück zum Hotel.
Genau 999 Höhenmeter zählt mein Bike-Computer auf dem Weg zum höchsten Punkt des Tages. Die ersten 18 Kilometer bis Gudauri geht es recht konsequent bergauf. Die Orte sind mehr Ansammlungen versprengter Bauten. Alte Hotels sind geschlossen, neue werden gebaut und in dieser Zwischenzeit leben hier ein paar Menschen. "Ski Niki" wirbt. Auch Rossignol und ein paar andere Wintersport-Firmen. Die eigentliche Saison ist im Winter.
Hinter Gudauri sind die letzten sechs Kilometer flacher, aber nicht weniger schwierig. Einen Kilometer nach dem Ort beginnt eine Galerie, mit deren Ende auch der Asphalt aufhört. Rumpeldipumpel geht's über eine einst asphaltierte Strecke. Kurz dahinter ein Abstecher zur Aussichtsplattform aus sowjetischer Zeit mit Preisung der sozialistischen Errungenschaften und Völkerfreundschaften (Foto rechts).

Gipfelkreuz auf dem Kreuzpass (Jvari-Pass, Dschwris ugheltechili; russisch Крестовый перевал/Krestowy perewal): 2395 Meter, Georgische Heerstraße, GeorgienVielleicht aus strategischen Gründe wird die Höhe des Kreuzpass (Jvari-Pass, Dschwris ugheltechili; russisch Крестовый перевал/Krestowy perewal) nicht passabel asphaltiert. 2395 Meter verkündet der Pass-Stein mit Kreuz (Foto links). Auf Karten sind es 2379 oder 2375 Meter, wenn überhaupt.
Die nächsten acht Kilometer bis zur Polizeistation geht's kräftig bergab. Ebenfalls mühsam. Erst dann lockt frischer Asphalt. Das Gefälle reicht immer noch für max. speed 75,5 km/h - fast ohne Gepäck. Kasbegi (Kazbegi, seit 2006 eigentlich wieder Stepanzminda (Stepantsminda, Stepantsiminda, Stepandsminda), aber selbst die Linienbusse fahren nach "Kazbegi"; 1777 Meter; 50 Kilometer von Kvesheti), - ist ein kleiner Ort. Immerhin mal mit Kirche, Museum, Ortsverwaltung, ein paar Cafés.
Aber ich muss weiter. Hinab in die Darjal-Schlucht (Daryal). Dort, wo Georgien mit Nord-Ossetien-Alania und Tschetschenien zusammenstößt. Wieder wird die Straße schlecht und schlechter. Ein paar Israelis - überall Israelis - hüpfen am Straßenrand herum und versuchen zur Grenze zu trampen, begegnen mir aber nicht mehr. Im düstern kühlen Tunnel liegen an den Seiten Kühe. Mein Licht führt mich weitgehend um die Schlaglöcher.
Dann steht rechter Hand eine fast fertig gebaute georgische Kirche, deren frische bronzene Dächer auf die roten Pfannen der ebenfalls recht neuen Grenzstation (11 Kilometer hinter Kasbegi) blicken. Und sonst nichts. Von den 139 Kilometern, die von der Autobahnabzweigung bei Mzcheta an runtergezählt werden, sind noch knapp vier übrig. Wie so oft, schießt die Kilometer-Zählung mal wieder ein paar Meter über die Staatsgrenze hinaus. Die russische Abfertigung ist nicht zu sehen, aber Karten oder Google-Earth zeigen, dass sie nicht allzu weit entfernt ist.
Eine Touristen-Gruppe knipst munter alles was sich an der Grenze bewegt. Erstaunlicher Weise ohne jeden Protest der Grenzer. Die Grenze ist gerade erst nach vier Jahre langer Schließung im März 2010 wiedereröffnet worden. Aber nach wie vor nur für Russen, Georgier, Armenier etc. Nicht aber für einfache Touristen. Das wurde mir vor ziemlich genau sieben Jahren klar gemacht, als ich - gezeichnet von einem Überfall in Wladikawkas - auf der andern Seite vergeblich um den Übergang kämpfte: Tour 23: Budapest - Kaukasus (3154 km) 2003 - 3. Teil: Russland und die verschlossene Grenze nach Georgien: Fledermaus im Hotelzimmer vor dem Überfall in der Nacht (Foto unten).
Jedenfalls fehlen mir seitdem jene 150 Kilometer zwischen dem russischen Grenzort Werchni Lars (russisch Верхний Ларс, Werchnij Lars, Verchni Lars, Verhni Lars) und dem georgischen Mzcheta zur kompletten Umrundung des Schwarzen Meeres. (Budapest - Ankara (Nov. 2000); Ankara - Mzcheta (April 2003); Budapest - Werchni Lars (Sep./Okt. 2003)). "Today is the day", wie ich schon Hank sagte, einem Niederländer, der mir am Morgen auf seinem olivgrünen Klappfahrrad made by US Military Technology entgegenkam. Jetzt ist der Moment da. Das Schwarze Meer ist weit weg - aber umrundet:


Christoph Gocke (Chris on the Bike) auf der russischen Seite der für Ausländer geschlossenen russisch-georgischen Grenze bei Werchni Lars (Russisch: Верхний Ларс, Werchnij Lars, Verchni Lars, Verhni Lars) 2003
2003 - russische Seite der Grenze

Christoph Gocke (Chris on the Bike) auf der georgischen Seite der für Ausländer geschlossenen russisch-georgischen Grenze bei Kasbegi (Kazbegi, seit 2006 eigentlich wieder Stepanzminda (Stepantsminda, Stepantsiminda, Stepandsminda) 2010
2010 - georgische Seite der Grenze


Eine Polin fragt mich in bestem Englisch, wieso wir denn diesen Grenzübergang nicht benutzen dürften. Wenn ich das doch selber bloß verstehen würde... Die Staaten sind eben frei, was sie mit ihren Grenzübergängen machen. Und es gibt eben solche internationalen Grenzübergänge mit eingeschränktem Verkehr. Nach Deutschland haben die meisten Menschen auf diesem Globus überhaupt keine Möglichkeit einzureisen.
Apropos Reisefreiheit. Einen Thüringer aus der Umgebung von Mühlhausen mit deutschen Autokennzeichen (UH-...) winke ich zu. Er hält. Ist mit seinem geländegängigen Wagen von Deutschland über die Türkei hierhin gefahren. Wir kommen ins Gespräch. Als ich ihm meine Visitenkarte geben, meint er, ja, ja, ich sei doch auch schon in Zentralasien in Tadschikistan und Kirgistan unterwegs gewesen. Die Berichte habe er gelesen. Er begegnet mir danach immer wieder, weil er viele Abstecher macht.
Auf dem Rückweg habe ich noch einmal einen Blick auf die Kirche Tsminda Sameba (2170 m) und die Gipfelhülle des Kasbek (5047 m; Foto ganz unten). In Kasbegi folge ich den Schildern "Turist Agency, Internet". In einem kleinen Kabäuschen eines Cafés sitzt eine kleine junge Frau an einem Computer. Damit ist der Raum auch bereits ausgefüllt. Eine agile, wirbelige Agentin, die mir sofort anbietet, den Computer zu nutzen. Vorher müsse sie aber noch ein Telefonat führen. Computer und Telefon sind nur alternativ nutzbar.
Ein Informationshungriger nach dem andern entert die ziemlich privat wirkende "Turist Agency "und die Frau telefoniert und telefoniert nach Unterkünften. Immer erfolgreich. Die Traveler, die sich in Kasbegi ballen, sind begeistert. Dann kann ich endlich für ein paar Minuten meine Mail-Accounts entern. Wieder keine Meldung aus Abchasien. Nicht mal eine Absage. Ok. Weiter zurück auf den Kreuzpass.
War der Anstieg nach Kasbegi anstrengend, so läuft es jetzt zunächst leichter. Auf den letzten acht, den schweren Kilometern entdecke ich vor mir einen Radler. Das gibt Schwung. Plötzlich entdeckt mein Körper die Leichtigkeit. Holt Meter um Meter auf. Bald bin ich auf einer Höhe mit Andrej aus Polen, Andreas wie er sich wohl mir zuliebe nennt.
Andrej, polnischer Fern-Radler mit polnischer Fahne, in der Galerie bei Gudauri auf der Georgischen Heerstraße, Georgien Andrej (Foto links) ist so zurückhaltend und bescheiden. Spricht besser Deutsch als Englisch. Aber am liebsten gar nicht. Er arbeitet in einem Fahrradladen und ist auf seiner ersten großen Tour. Von Polen über die Ukraine, Rumänien, Bulgarien und die Türkei ist er bis nach Georgien gekommen. In drei, vier Tagen fliegt er von Tbilisi zurück. Sein zwölf Jahre altes Wheeler-Rad ziert natürlich eine polnische Fahne.
Wir fahren gemeinsam über die Passhöhe. Haben den gleichen Höhenmesser. Aber unterschiedliche Höhen. Bei mir sind es ein paar Meter mehr als am Vormittag. D.h. der Luftdruck sinkt, das Wetter wird schlechter. Oder sind es nur die dunklen Wolken, die beim Aufstieg plötzlich aufgezogen sind und jetzt auf der andern Passseite bleiben?
Der Blick ist großartig (Foto unten). Andrej macht viele Fotos und wird am Ende wieder in seinem Zelt liegen. Ich stürze voran in den Abgrund zurück zu Miri, der es wesentlich besser geht. Wieder gibt es Abendessen in dem etwas düsteren Esszimmer. Immerhin fällt heute nicht der Strom aus. Das Essen ist klasse.
Unser Zimmer, das riesige Konferenzzimmer, in das man uns Matratzen gelegt hat, können wir auch behalten. Ich bin so müde von dem langen Treck zur Grenze und zurück mit 2200 Höhenmetern, dass ich nicht mehr mit Karten spielen kann, sondern gleich nach dem Essen und einer Wäsche im Konferenzzimmer versinke.


Blick in die Schlucht von Gudauri an der Georgischen Heerstraße, Georgien
Blick in die Schlucht von Gudauri an der Georgischen Heerstraße


Chris on the Bike auf der Brücke bei Chartali, Georgische Heerstraße, Georgien; Foto: Mirjam MüllerDie wahren Fehler von Stalin
Donnerstag, 12. August 2010: Kvesheti - Pasanauri- Ananuri - Mzcheta - Gori (144 km)

Da der Mahlzeiten-Rhythmus der Hausgäste 10, 15 und 20 Uhr heißt, sind wir beim Frühstück im Hotel Qvesheti wieder auf uns selbst gestellt. Den Tee- und Wasser-Samowar kann man immer anwerfen und ein bisschen Marmelade steht auch herum. Miri geht es wieder gut. Und das Motto lautet ja auch erstmal: 75 Kilometer bergab. Abgesehen von der ein oder andern Erhebung und den 160 Höhenmetern hinter Ananuri, wo die Straße beim Stausee von 900 auf 1060 Meter steigt.
In vier Stunden sind wir zurück an der Abzweigung zur Autobahn. Die wir zwangsweise rund zwei Kilometer benutzen müssen. Diesmal auf der richtigen Seite. Umso mehr wird gehupt. Dann geht's hurtig durch Mzcheta. Am Bahnhof wollen wir eigentlich nach einem Zug in den Westen fragen, aber von der Lonely-Planet-Lektüre wissen wir, dass in der Mittagszeit nichts zu erwarten ist. So starten wir durch nach Gori, aber eben auf der südlichen Seite der Kura, die wir aber kaum zu Gesicht bekommen.
Vor sieben Jahren war die ganze Strecke eine einzige Katastrophe. Heute sind die ersten 22 Kilometer gut asphaltiert und die letzten 22 Kilometer auch. Dazwischen aber sind 15 Kilometer übelste Piste. An deren Asphaltierung gearbeitet wird. An der Stelle, an der ich vor sieben Jahren den Weg dokumentiert habe, ist aber noch wenig geschehen:


Vergleich des maroden Zustands der Straße zwischen Mzcheta und Gori, hier: 2003; Georgien
2003

Vergleich des maroden Zustands der Straße zwischen Mzcheta und Gori, hier: 2010; Georgien
2010


Schließlich sind wir in Gori, der Heimatstadt Stalins. Sein großes Denkmal, das letzte in der ehemaligen Sowjetunion, auf dem Platz vor dem Rathaus ist im Juni entfernt worden. Vor dem Stalin-Museum, ein paar Meter weiter die Stalin-Straße hinauf, wird schon am Fundament gearbeitet (Planungsskizze für die Neuerrichtung: Foto unten). Hier, wo das Elternhaus des größten Sohnes der Stadt, in dem die Familie von 1879 bis 1883 gelebt haben soll, tempelartig überbaut ist und worauf die ganze Stadtarchitektur hin ausgerichtet ist, steht das Denkmal demnächst.
Kleines Stalin-Denkmal vor dem Stalin-Museum in GoriZwei Schülerinnen, Marie (links) und ihre Freundin, warten vor dem Stalin-Museum auf Touristen in Stalins Geburtstadt Gori, GeorgienTempel und neuer Monumentstelle am nächsten sitzen zwei herausgeputzte Teenies. Marie (im Foto links) und ihre Freundin, 16, 17 Jahre alt. Noch Schülerinnen. Offensichtlich wollen sie ihr Englisch verbessern. Besonders Marie redet drauflos. Schwärmt von England. Während ihre Freundin ein Fan von Tokio Hotel ist.
Dann die entscheidende Frage: Wie halten sie es mit Stalin? Sie sind nicht wirklich stolz auf ihn. Schließlich habe er sich als Russe und nicht wirklich als Georgier gefühlt. Er habe nicht wirklich etwas für Georgien getan. Er hätte ehemals georgische Teile der Türkei zurückerobern können. Habe es aber nicht getan. Als ich von unserm Reiseziel Sotschi spreche, meint Marie, auch das gehöre eigentlich zu Georgien. Sie habe auch russische Vorfahren, aber seit dem Krieg vor zwei Jahren sei das Verhältnis gestört. Auch spreche sie jetzt lieber Englisch als Russisch, was sie in der Schule und per Privatlehrer ebenfalls lerne.
Auf dem ursprünglichen Platz des Stalin-Denkmals vor dem Rathaus soll hingegen ein Denkmal für die Opfer des Krieges von 2008 platziert werden. Vor genau zwei Jahren waren nach dem georgischen Angriff auf die Haupstadt Süd-Ossetiens Tshkinvali, wenige Kilometer von Gori entfernt, Bomben auf Gori abgeworfen worden und die Stadt vorübergehend von russischen Soldaten besetzt.

Hausnummernschild des Hotel Intourist in Gori: Stalin Ave. 26 Wir übernachten dem Museum schräg gegenüber im Hotel Intourist, "Stalin Ave. 26" - wie das Hausnummernschild verrät (Foto links). Hierhin hab ich mich schon im April 2003 nach einem eiskalten Kampf durch einen Schneesturm gerettet. Jetzt stinkt es im immer noch leblosen, i.e. toten Foyer, bestialisch nach frischer Farbe. Die Zimmer haben noch das alte Parkett, die alten Schränke, Stühle und Sessel. Betten und Bettwäsche dagegen chic und der Samsung-Fernseher in 16:9.
Unser Abendspaziergang führt uns durch einen fröhlich unbeschwerten heißen Sommerabend in Gori. Rund um den Brunnen vor unserm Hotel ist kaum ein Platz zu bekommen. Wir landen bei einem Lokal, das mit Krombacher wirbt aber auch Veltins anbietet. Klarer Fall von Expatriates-Stammlokal. Die kommen hier vor allem von der European Union Monitoring Mission (EUMM). Sie scheinen nicht gerade glücklich über die Abordnung nach Gori. Auch der österreichische Arzt nicht, den ich im Dafne treffe. Hier gibts Wifi alias Wlan. Zumindest ein Lichtblick für die Exil-Europäer.


Plan für die Neuaufstellung des großen Stalin-Denkmals von Gori vor dem Elternhaus des Diktators, Georgien
Plan für die Neuaufstellung des großen Stalin-Denkmals von Gori


In die Türkei katapultiert
Freitag, 13. August 2010: Gori - Chaschuri (49 km) - Bus - Trabzon

Die Strecke von Gori nach Chaschuri (Khashuri; vor 1917 Mikhaylovo; 1928-1934 Stalinisi) habe ich als sehr flach aber relativ befahren in Erinnerung. Das war vor sieben Jahren. Den Berg, auf den man nördlich von Gori erst hinauf muss, habe ich verdrängt. Der Rest ist wirklich flach, aber mehr als viel befahren. Am Ausbau der Straße wird zumindest an einer Stelle gearbeitet. Wir fahren ohne Unterbrechung durch. 49 Kilometer. Mit Rückenwind.
Schluss mit Biken: Miri in Chaschuri (Khashuri; vor 1917 Mikhaylovo; 1928-1934 Stalinisi), GeorgienDann ist Schluss. Miri ist mit den Nerven am Ende (Foto links). Ich sehe ein Schild der türkischen Bus-Firma Metro. Siehe da, in einer Stunde fährt ein Bus nach Trabzon (griechisch Τραπεζούντα, lateinisch Trapezunt(um)). Für 30 Dollar pro Person lassen wir uns aus dem Stand in die Türkei katapultieren. Auf den befahrenen Straßen Georgiens mit einem Endlos-Geschiebe an den Schwarzmeer-Urlaubsdomizilen von Kobuleti vorbei und auf der Schwarzmeer-Autobahn in der Türkei. Wir haben keine festen Plätze und da der Bus ausgebucht ist, werden wir und andere an der ein oder andern Station kreuz und quer durch den Bus verschoben. Nie ohne größere Diskussion. Insbesondere zwischen den beiden Busbegleitern.

Türkei

Gegen 21 Uhr werden wir wie stets bei türkischen Bussen in großer Hektik samt Gepäck aus dem Bus geworfen. Kämpfen uns bergauf in das Herz der (touristischen) Altstadt. Die Räder landen über die steilste Kellertreppe der Welt in der untergründigen Waschküche des Hotels. Wir im hintersten Zimmer der obersten Etage.


Russischer Passagier springt vom Hafenboot auf die Klappe der Guniz
Geschafft: Russischer Passagier springt vom Hafenboot auf die Guniz


Dagestan-Liebling Mariam und der Russe in Jubelpose
Samstag, 14. August 2010: Fähre Trabzon - Sotschi

Die Weiterfahrt ist schnell geklärt. Um 15 Uhr fährt die tägliche Fähre nach Sotschi. 70 Dollar pro Person. Kabinen gibt's nicht. Nur Sessel durch die Nacht. Wann kommen wir an? Morgen früh. Uhrzeit unbekannt.
Schon die Abfahrtszeit erweist sich als sehr entfernt wahr. Etwas nach 15 Uhr beginnen Einchecken und Passkontrolle im Hafen von Trabzon. Alles muss durchleuchtet werden. Zum Glück kommt niemand auf die Idee, die Fahrräder zu durchleuchten. Die Apparate sind viel zu klein. Die Räder landen mit drei, vier Wagen im Laderaum. In dessen hinteren Teil stapeln sich jede Menge Eisenschrott. Im Falle von starkem Seegang kann alles zum Geschoss werden. Immerhin werden zumindest die Räder mit Gurten gesichert.
Die "Guniz" ist ein betagter Kahn, dessen Schrottstatut nur durch das daneben liegende ehemals in Algeciras zugelassene Schiff, das jetzt unter dem Namen Princess Victoria - zugelassen in Kambodschas Hauptstadt Phnom Phen - die Weltmeere beschifft, relativiert wird. In den beiden großen Innenräumen herrscht eine erbärmliche Hitze, die fast bis zum frühen Morgen anhält.
Die Toilettenräume - Waschräume sind so wenig zu finden wie Kabinen, sieht man von zwei, drei Räumen ab, die auf unerfindliche Weise Betten enthalten, größtenteils aber nicht belegt sind - sind schon vor Abfahrt des Schiffes ungenießbar. In den Mini-Abfallkörben türmt sich der Müll bald zu dreifacher Höhe des Korbs. Da war die berüchtigte Fähre von Assuan nach Wadi Halfa ein wahres Luxusschiff.
Miri on the Boat: die in die Jahre gekommene Fähre GunizDie Zeit geht dahin, irgendwann wird die Klappe geschlossen. Und nichts weiter geschieht. Jede Menge Zeit rinnt dahin. Plötzlich und unerwartet heißt es Leinen los und der Kahn bewegt sich zentimeterweise aus seiner Hafenposition. Bis feststeht, dass ein Passagier fehlt. Man sieht ihn verzweifelt in Badelatschen und Muskelshirt an der Kaimauer. Gemach. Ein kleines Hafenpatrouillenboot mit düsterster Abgasfahne kreuzt auf, nimmt Kurs auf die Kaimauer. Der Passagier geht an Bord und zeigt sich jetzt in Jubelpose den wartenden Massen auf der "Guniz". Die große Einfahrklappe für die Autos wird herabgelassen und der Russe kann an Bord springen (Foto oben). Er dachte, das Schiff werde erst um 18 Uhr fahren und sei noch mal kurz schwimmen gewesen. Es hatte dann doch ein paar Minuten vor 18 Uhr abgelegt.
Jetzt passiert natürlich erst mal eine ganze Weile gar nichts. Per Mundpropaganda werden wir eher zufällig gebeten, Pass und Fahrschein an der "Rezeption" abzugeben. Wo tatsächlich ein missmutig dreinschauender Mann die Daten mit einem veralteten Computer in eine Liste einträgt. Bis dahin war von einer Passagierliste nichts zu erkennen.
Der Mann verkauft auch zu einem unbekannten Kurs gegen verschiedenste Währungen Koupons, mit denen man sich an einer Theke zu unbekannten Preisen einen Plastikbecher Tee oder Kaffee oder sogar was zu essen kaufen kann. Das türkisch-russische Boot nimmt Fahrt auf. Trabzon liegt unter Wolken zurück.
Zwischen den heißen Innenräumen gibt es einen Platz, an dem durch zwei Fenster etwas Fahrtwind gibt. Ich setze mich hier zum Lesen auf den Boden. Bald sitzt Leria mit ihrem veralteten Fujitsu-Siemens-Notebook neben mir. Die Moskauerin Energie-Ingenieurs-Absolventin versucht einen kanadischen Text ins Russische zu übersetzen. Es geht um ihr Spezialgebiet: Stabilität elektrischer Großsysteme. Im September hat sie begonnen Englisch zu lernen. Und spricht dafür schon sehr gut und sehr viel. Sie möchte sich für ein post-graduate-Stipendium bewerben. Und am liebsten im Westen leben. Russland werde erst angenehm werden, wenn es kein Öl und Gas mehr habe.
Ich schlafe in der Hitze auf der gepolsterten Plastikbank. Der Schweiß rinnt in Strömen auf mein Schlafsack-Kopfkissen und das rote Plastik. Miri zieht mit Thermarest-Matte und Schlafsack auf Deck neben die Kapitänskajüte (Foto unten). Neben uns arrangiert sich eine dagestanische Großfamilie, die mal in Turk-Dialekt, mal in Russisch kommuniziert und die Gebetszeiten auf einem Teppich versucht einzuhalten, mit zahlreichen Kindern - Liebling ist die alle paar Sekunden gerufene Mariam.


Miris Schlafplatz hinter der Kapitänsbrücke der türkischen Fähre Guniz
Miris Schlafplatz hinter der Kapitänsbrücke der türkischen Fähre Guniz


Leria und Freund aus Moskau: Warten auf die russischen Grenz- und ZollbeamtenIm Bann der russischen Immigration
Sonntag, 15. August 2010: Sotschi

Zwölf Stunden sollte die Überfahrt dauern. Reine Fahrtzeit.

Russland

Nach 14 Stunden liegen wir vor dem Hafen von Sotschi (russisch Сочи, Sochi, Soči). Und wieder passiert nichts. Stundenlang. Ich schlafe noch einmal. Die dagestanische Familie hat sich auf die umliegenden Bankreihen ausgeweitet. Der Müll auch. Die Sonne knallt schon wieder aufs Deck. Zum Glück hat das Schiff gedreht, und unsere Fenster liegen auf der Schattenseite. Es ist etwa zwölf Uhr, als wir weiterfahren. Rein in den kleinen Hafen von Sotschi, wo angeblich ein anderes Schiff erst ablegen musste, bevor wir anlegen durften. Sagen Gerüchte. Leria und ihr Freund wissen davon nichts (Foto rechts). Offizielle Ansagen Fehlanzeige.
Das Schiff steht. Die Menschen stehen schon vor der Klappe. Der Zugang zu den Autos, unsern Fahrrädern und anderen Gepäckstücken war die ganze Überfahrt über möglich. Und jetzt passiert mal wieder nichts. Dann senkt sich die Klappe. Und wieder passiert lange Zeit gar nichts. Es zeichnet sich ab, dass die zwölfstündige Überfahrt 24 Stunden dauern wird. Denn als wir endlich an Land gehen dürfen, wartet die katastrophal organisierte Immigration. Wie wollen die hier mit den olympischen Spielen fertig werden, wenn nicht mal hundert Passagiere abgefertigt werden können?

Christoph Gocke vor der türkischen Fähre Guniz im internationalen Hafen von Sotschi; Foto: Mirjam MüllerIch dokumentiere das unkoordinierte Treiben mit meiner Kamera. Gegen den schwachen Protest einer uniformierten Dame, die von der Situation offenbar überfordert ist. Und natürlich kein Wort Englisch spricht. Unter einer halb herunter gelassenen Rollade hinduch muss man seine Gepäckstücke mit unbekannter Destination schieben. Danach durch einen andern Eingang zur Passkontrolle.
Es ist mal wieder eine Stunde ins Land gegangen, als wir unter den allerletzten an die dubiose Rollade kommen. Es ist unklar, ob wir das Gepäck von den Rädern nehmen sollen oder nicht. Ich nehm die meisten Gepäcktaschen ab, sehe das Fahrrad unter der Rollade verschwinden Richtung Durchleuchtungsgerät, das offenbar zu klein ist. Bevor in meiner Abwesenheit versucht wird, das Fahrrad durch das Gerät zu treiben - eine wie sich später herausstellt unberechtigte Befürchtung - hechte ich hinterher und will auch den Rest des Gepäcks vom Rad nehmen. Jetzt bekomme ich den handgreiflichen Protest der Grenzsoldaten zu spüren. Ich beginne, die Namensschilder des erstbesten abzuschreiben. Darauf wird der Chefgrenzer geholt, der mich abführt in einige Nebenzimmer.
In einer Kladde mit Rechenpapier werden meine Personalien aufgenommen. Ich bemühe mich so gut wie möglich, die Fragen auf Russisch zu beantworten. Englisch versteht hier niemand. Dann will der junge Vernehmungsbeamte plötzlich meine Fotos sehen. Er entnimmt meiner Kamera den Chip und kann ihn trotz des eher seltenen Formats meiner Fujifilm xD-Picture-Card direkt in seinen Laptop einführen. Ich stelle mich hinter ihn, um zu beobachten, was mit den Fotos passiert. Da sagt er: "Sit down!" Aha, er kann also doch Englisch.
Ich bleibe stehen und verfolge, wie er vier, fünf Bilder, die ich im Hafen gemacht habe, von meinem Chip löscht und in seinen Computer verfrachtet. Dann stellt er wieder Fragen, die ich nicht verstehe. Mit einem Übersetzungsautomaten kann er die Frage auf Englisch darstellen und versucht sie vorzulesen. Ich verstehe noch weniger als auf Russisch. Er zeigt mir seinen Bildschirm. Warum ich die staatlichen Organe angegriffen hätte. Heißt es da. Ich habe niemanden angegriffen.
Dann schaut er noch meine beiden Pässen mit etwa 20 Visa und mindestens 50 Stempeln durch. Bevor der Oberchef wieder auftaucht, mit meinen Pässen verschwindet und ich zurück zur Abfertigung kann, wo Miri wartet und immer noch Passagiere von unserm Schiff abgefertigt werden. Der Oberchef hält noch eine Kurzpredigt, in deren Mittelpunkt das Wort "закон" (Gesetz) steht.
Als allerallerletzte Immigranten bekommen wir dann auch unsern Einreisestempel, die Taschen aber nicht die Fahrräder werden durchs Durchleuchtungsgerät gejagt. Jetzt soll es plötzlich schnell gehen. Wir rollen aus dem Abfertigungsgebäude, vor ziemlich genau 24 Stunden erreichten wir das türkische. Wie sagte der Zollchef: Er könne nichts dafür, wenn die Fahrzeit mit zwölf Stunden angegeben werde.

Hotel Moskwa in Sotschi mit Olympia-Werbung für die Winterspiele 2014Auch die Hotelsuche ist wenig erquicklich. Die Preise haben sich gegenüber unserer Lonely-Planet-Ausgabe etwa verdoppelt, einfache Zimmer sind überhaupt nicht zu bekommen. Letztlich landen wir in einem Komfort-Zimmer des Hotels Moskwa (Foto rechts). Zimmer 727 mit Blick aufs Meer und Klimaanlage. Teilrenoviert gegenüber sowjetischen Zeiten.
Wir spazieren am leicht regnerischen Spätnachmittag noch durch die Stadt zu Bahnhof und Buchhandlungen, um die Weiterreise besser planen zu können. Und verbringen den Abend an der Strandpromenade, die allerdings selten den Blick aufs Meer freigibt, weil die Strandabschnitte fast alle kommerziell vergeben sind (Foto unten).


Abendessen an der Strandpromenade von Sotschi, Russland
Abendessen an der Strandpromenade von Sotschi


Lenin und eine pünktliche Fährfahrt
Montag, 16. August 2010: Fähre Sotschi - Noworossijsk - Werchnebakanskij - Noworossijsk (35 km)

Wie weiter? Miri hat sich nach der Lektüre des Radberichts von Gudrun Klessinger von Mai/Juni 2009 "Radtour von Odessa (Ukraine) nach Sotschi (Russland)" über die Küstenstraße gegen diese entschieden. Sie möchte in der Umgebung von Sotschi in die Berge mit dem Zelt. Ich will trotzdem an der Küste fahren. Müssen wir zwei Tage getrennte Wege ziehen.
Christoph Gocke vor dem großen Lenin-Denkmal von Sotschi, RusslandIch versuche ein Ticket für die Fähre nach Noworossijsk zu ergattern. Sie fährt täglich um 17 Uhr in dreieinhalb Stunden an der Küste entlang (morgens um 8 Uhr zurück) ziemlich genau an den Punkt, an dem ich an meine 2003er Tour Budapest - Kaukasus anschließen kann. Aber über die Mitnahme meines Fahrrads kann nur der Kapitän entscheiden. Checke ich die Alternative Zug. Um 14:33 Uhr fährt die (einzige) Elektricki nach Krasnodar. Jetzt wird es knapp. Die Ticketschalter für Nahverkehrszüge sind hoffnungslos belagert. Stemme ich das Rad samt Gepäck direkt auf den Bahnsteig, an dem der Zug schon abfahrbereit steht. An jedem Waggon ist eine dicke Matruschka positioniert, ohne die es keinen Einstieg in den Zug gibt. Die erste weist mich gleich ab, meint dann, am ersten Waggon könne ich Glück haben. Dort gerät mir mein fehlendes Ticket und die allgemeine russische Unlust an sich, irgendetwas zu bewegen, zum Problem. Njet.
Muss ich auf den Kapitän hoffen. Die Wartezeit verbringe ich mit Lenin (Foto links). Er ist immer noch omnipräsent. Was bedeutet er noch den Menschen? Ist er ein Relikt wie Kaiser Wilhelm und seine Denkmäler? Im Stile seiner Zeit und doch hoffnungslos anachronistisch? Vielen nichts bedeutend, anderen aber sehr wohl?

Fähre Seaflight 2: russische Schwarzmeerküste von See aus gesehenAb 16 Uhr ist Einstieg in dem kleinen kompakten Hydrofoil-Bott "Seaflight 2", geschrieben allerdings in kyrillischen Buchstaben. Viel Platz für ein Fahrrad ist da nicht. Ich lasse der Masse den Vortritt. Dann die Frage nach dem Kapitän. Der guckt schließlich aus der Führerkabine und meint: Money. Wie viel, frage ich, ohne eine Antwort zu bekommen. Ok. Hauptsache ich komme weiter. Alternativen gibt es eh nicht so recht. Ich hebe das Fahrrad aufs Schiff, über die Reling am Heck, wo ein ein Meter breiter Streifen offen ist. Kann da das Fahrrad mit dem Schloss befestigen. Ob das der schnellen Fahrt standhält, wird man sehen. Der Rest des Schiffs ist indoor. Zurück beim Einstieg werden 500 Extra-Rubel (ca. 12,50 Euro) für das Fahrrad und 1870 Rubel (knapp 50 Euro) für mich fällig. Ist doch ok.
Punkt 17 Uhr wird der Motor gestartet. Wenige Minuten später geht es los. Langsam aus dem Hafen und dann mit Karacho nach Nordost. In solider Entfernung zur Küste (Foto rechts). Die während der Wartezeit hervorragend kühlende Aircon wird abgestellt. Eine Tür bleibt auf. Durch sie spritzen das Wasser der vorübergehend etwas raueren See und der Regen rein.

Eintracht-Fan Sergej auf der Fähre Seaflight 2 an der russischen SchwarzmeerküsteGanz hinten bei meinem Fahrrad sitzt Sergej (Foto links). Fan von Eintracht Frankfurt. Muss es auch geben. So wie der alte George am Kai, der von jedem Spieler der deutschen 1974er WM-Elf schwärmte.
Pünktlich sind wir in Noworossijsk (russisch Новороссийск, Novorossijsk, Novorossiysk). Ich bekomme mein Fahrrad über die Reling gereicht, versuche es allein vom Boot an Land zu setzen, habe einen Moment Schwierigkeiten das Vorderrad zwischen zwei Pöllern zu platzieren, da fällt irgendetwas ins Wasser. Ein Metallstreifen, der den Korb mit hält, rutscht ins Hafenbecken von Noworossijsk. Das Rattern der schnellen Bootsfahrt, hat die Schrauben gelockert. Eine Mutter findet sich noch am Stellplatz, die andere ist mit baden gegangen. Kein Drama. Kleine, ärgerliche Verluste. Der Korb hält auch so.
Das Hotel, das ich anvisiert habe, gibt's nicht mehr. Fahre ich ein bisschen unentschlossen in die Richtung, in die ich heute Abend noch fahren will. Ich will den Anschluss zu meiner Tour von 2003 herstellen, die in etwa 15 Kilometer an Noworossijsk vorbeiführte. Zwei Jungs schließen sich mir auf ihren Rädern an. Wir kommen an einem Alternativhotel vorbei. Auf Nachfrage bekomme ich ein billigeres Zimmer als zunächst angeboten.
Kurz die Sachen ins Zimmer und dann mit den Basics zurück aufs Rad. Ohne Gepäck den Berg hinauf. Nach 18 Kilometern ist die Kreuzung bei Werchnebakanskij (russisch Верхнебаканский, Verchnebakanskij Verkhnebakanskij, Verkhnebakanskiy) erreicht, wo die Straße sich teilt Richtung Anapa und Krasnodar, die beiden Städte, die damals eine Etappe für mich bildeten. Auch wenn ich in der Dunkelheit hier nichts Bekanntes erkennen kann.

Illuminiertes Kriegerdenkmal bei Nacht in der Nähe von Noworossijsk, RusslandVon 280 Meter Höhe etwa geht es wieder zurück bergab. Das Rücklicht, das mich schon viele Jahre begleitet hat, konnte blinken oder auch schlicht leuchten. Ich habe immer angenommen, dass es sich selbstständig macht. Hat es aber fast nie getan. Und wenn, dann hab ich es gehört, konnte es finden. Heute nicht. Ich blicke zurück. Es ist fort. Nicht mehr am Korb. Die Kilometer und Höhenmeter in der Dunkelheit zurück? Nee. Noch ein kleiner, ärgerlicher Verlust. Zumal ich es heut gar nicht gebraucht hätte, weil mein Rücklicht funktioniert. Die Kriegs-Denkmäler sind im übrigen angestrahlt (Foto rechts).
In einem massa-real-mäßigen Großmarkt, der 24 Stunden geöffnet ist, kaufe ich Proviant für morgen. Kurz vor Mitternacht ist immer noch einiges los hier. Viele Regale werden neu gefüllt. Einen leeren Karton, den ich zum Transport meiner Sachen auserkoren habe, darf ich aus unerfindlichen Gründen nicht mitnehmen. Noch fünf Kilometer und ich bin zurück am Hotel.


Hafen-Skyline von Noworossijsk, Russland
Hafen-Skyline von Noworossijsk


Großes Kriegs-Denkmal an der Ausfahrt von Noworossijsk, RusslandDenkmäler für Kriegswahnsinn und für das erste Urlaubspaar
Dienstag, 17. August 2010: Noworossijsk - Tuapse-Agoj (162 km)

Noworossijsk war im Zweiten Weltkrieg zweitweise von den Deutschen besetzt. Im Umland konnten die Sowjets einen Brückenkopf errichten, der unter größten Entbehrungen und Verlusten gehalten werden konnte bis zur Rückeroberung der Stadt. Ob das Ganze militärisch sinnvoll war, ist unklar.
Jedenfalls sind Zehntausende in und um die Stadt herum gefallen. Am Ende waren 95 Prozent der Stadt zerstört. Entsprechend wird Noworossijsk von Denkmälern, die an diese Zeit erinnern, dominiert. Eines der größten (Foto links) durchfahre ich bei der Ausfahrt aus der Stadt (Foto oben: Hafenskyline).
Auf breiter Straße geht es anfangs nur sanft bergan und bergab. Kurz vor Gelendschik (russisch Геленджик, Gelendzhik, Gelendjik, Gelenjik) erreicht die Straße etwa 125 Meter Höhe. Gelendschik ist der Prototyp eines modernen russischen Kurorts mit Sandstrand, Promenade, Aquapark, Vergnügungspark, Delfinarium. Die Strände sind überfüllt und auch am Denkmal der ersten Urlauber, einem jungen Paar auf einer Weltkugel (Foto unten) posieren ständig junge Frauen, Paare und alle andern auch.
Es folgt bald der Michailow-Pass (russisch Михайловский перевал, Michailowskij Perewal). Die Kilometerangaben zu ihm hin beziehen sich auf ein Dorf, das nach ihm benannt ist und das hinter dem Pass liegt. Als ich mit dem eigentlichen Aufstieg rechne, habe ich ihn längst bewältigt. Gerade mal 250 Meter hoch. Bis Dschubga (Russian: Джубга, Dzhubga, Dshubga) folgen noch drei weitere Anhöhen mit 190, 170 und 120 Metern. Ich kann ein Durchschnittstempo von 18 km/h halten. Verkehr ist reichlich, aber trotzdem erträglich. Auch wenn die Wagen den Natureindruck dämpfen.
Honig, Weintrauben, Pfirsiche, Pflaumen werden allenthalben angeboten. Besonders an den Highlights: Wasserfällen und Dolmen. Auch wenn es nur 37 Grad heute auf meinem Fahrradkomputer werden, macht mir die Hitze doch zu schaffen. Ich habe auf Flüssigernährung umgestellt. Laim-Apfel- und Kirsch-Apfel-Saft, Airan, Joghurt, Coca-Cola, Wasser, Wasser, Wasser. Ich trinke sicher sieben, acht Liter heute.

Weintrauben wachsen in die Küche: Privatunterkunft in Tuapse-Agoj an der Schwarzmeerküste, RusslandHinter Dschubga geht es nur noch auf und ab. Auch wenn nur noch ein längerer Pass mit 190 Metern dabei ist. Das Tempo kann ich nicht mehr ganz halten. Bin unentschlossen, ob ich noch bis Tuapse (russisch Туапсе) durchhalten soll. Auf dem Campingplatz von Agoj (russisch Агой), ein paar Kilometer vor Tuapse, kann ich ohne Zelt nichts so recht werden, ein Hotel ist gänzlich uninteressiert an einem Eine-Nacht-Gast.
Aber am Ortsausgang von Agoj sitzen zwei Frauen, die, wie viele andere an der Strecke, gerne ein Privatquartier vermitteln wollen. Und da die Sonne grad untergeht, ist auch ein Eine-Nacht-Gast recht für eine Vier-Bett-Ferienwohnung. In der die Trauben durchs offene Fenster in die Küche wachsen (Foto rechts). Auf Schleichwegen komme ich mit einem kleinen Spaziergang auch noch zu meinem Bad im Meer. Obwohl es fast dunkel ist, sitzen und schwimmen die Urlauber immer noch am Strand.


Liebespaar: Denkmal für die ersten Urlauber in Gelendschik (russisch Геленджик, Gelendzhik, Gelendjik, Gelenjik), Russland
Liebespaar: Denkmal für die
ersten Urlauber in Gelendschik


Höhen-Straße an der russischen Schwarzmeer-Küste Mit Großtaxi-Taxifahrer Eugen in Miris Zelt-Welt
Mittwoch, 18. August 2010: Tuapse-Agoj - Sotschi-Dagomys (113 km)

Also dann, vom Frühstück an bergauf. Auf 199 m. So wies es das Schild am Übergang in den Tuapse-Bezirk aus. Ein richtiger Pass mit Namen, eben: Agoj-Pass (Агойский-перевал). Das ist nur der Anfang. Auch nach Tuapse geht es wieder auf rund 200 Meter. Und weiter stetig auf und ab.
Kamen gestern auf einen Kilometer zehn Höhenmeter, so sind es heute doppelt so viele. Im Durchschnitt. Statt 18 km/h liege ich bei 14 km/h. Erst bei Lazarevskoje (russisch Лазаревское, Lazarevskoe, Lazarevskoye) kommt man wieder ans Meer. Und kann endlich, endlich mal ein paar Meter in der Ebene fahren. Bevor es wieder bergauf geht. Ganz besonders lange hinter Loo. Wieder auf 200 Meter. Der Blick aufs grün-blaue Meer durch die Kiefernbäume ist fantastisch. Aber selten (Foto links und unten).
Die Strecke ist heute schöner aber wesentlich anspruchsvoller. Als ich in Dagomys (russisch Дагомыс, Dagomis) bin, habe ich 2.200 Höhenmeter in den Knochen. Miri ist hier in ein Seitental aufgestiegen. Richtung Soloch-Aul (russisch Солох-Аул, Солохаул, Soloh-Aul) im Tal der Schache (russisch Шахе). Kurz vor der Stadt campt sie jenseits des Waldfriedhofs. Auf 400 Meter Höhe. Vorher geht's auf 527 m. zu viel für mich heute. Ich frage einen Großraumtaxi-Fahrer, was die Fahrt bis Kilometer 22 kostet. 500 Rubel, ca. 12,50 Euro. Guter Preis. Eugen (Евгений) hat in Frankenthal bei Ludwigshafen gelebt. Viel Deutsch ist nicht hängen geblieben. Aber er freut sich über jedes Wort, das während der Fahrt zurück in sein Gedächtnis kommt.
An der dritten Parkbucht nach der Kilometer-Markierung stehen, wie von Miri beschrieben, zwei grüne Müll-Container. Ich kann das Fahrrad ausladen. Jetzt noch um den Waldfriedhof herum. Auf einem Weg, der bald zur Sackgasse wird, steht das Zelt, wo Miri sich ihre eigene schöne Zelt-Welt geschaffen hat.


Blick auf Eisenbahn-Trasse und Ufer an der russischen Schwarzmeerküste
Blick auf Eisenbahn-Strecke und Strand an der russischen Schwarzmeerküste


Miris Zelt-Welt am Waldfriedhof von Soloch-Aul: Vaude Mark II light Kuppel-ZeltAdler: russische Feigen frisch vom Baum vor dem Haus
Donnerstag, 19. August 2010: Soloch-Aul - Dagomys - Sotschi - Adler (68 km)

Ein schöner Zeltmorgen (Foto rechts). Wir lassen es langsam angehen. Nur ein Hubschrauber, der pausenlos Hausteile zu einer nahe gelegenen Baustelle transportiert und der sogar Eingang gefunden hat in unsern fünf Jahre alten Reiseführer, stört die Ruhe. Um ein Uhr machen wir uns auf den Weg zurück zur hektischen Küste.
Zurück in Dagomys brauche ich erst mal eine Stärkung. Die vegetarische Pizza ist aus, aber es gibt eine vegetarische Pizza Funghi. Denn es geht wieder auf etwas über 200 Meter hinauf. Dann schlängelt sich der Weg schon in Sotschi über die Höhen. An einem tieferen Punkt zweigt eine Umgehungsstraße ab. Die ist vielleicht flacher, aber gespickt mit sehr langen Tunneln.
Kurzbesuch im Internet-Café. Immer noch kein Visum aus Abchasien. Hoffnung erledigt. Wir fahren nach Adler in die Nähe von Grenze und Flughafen (Foto links). Auf der Schnellstraße am Ortseingang nutzen wir den Zimmerreservier-Service. Ein, zwei Handygespräche und die Dame, die grad erst (spontan?) das Reservierungs-Häuschen aufgeschlossen hat, hat offenbar ein Quartier für uns.

Chris on the Bike auf der Uferstraße zwischen Sotschi und Adler, Russland; Foto: Mirjam MüllerAuf dem Weg dorthin entdecken wir, dass ganz Adler fast nur aus Ferienunterkünften besteht. Jeder Hinterhof ist in eine Herberge umgewandelt. Alle allerdings gut ausgebucht. Als wir unser Hotel direkt am Strand erreichen, heißt es, ja ,wir könnten das Zimmer haben, aber nur bis sieben Uhr morgens. Das ist uns ein bisschen wenig.
Als wir dann erfahren, dass wir gleichwohl 2.500 Rubel zahlen soll, während die russischen Hausgäste nur 600 Rubel pro Nacht zahlen, lassen wir es bleiben. Die Studentin, die gedolmetscht hat, fragt noch, was wir denn überhaupt an der russischen Schwarzmeerküste suchten. In der Türkei bekämen wir doch das Doppelte fürs gleiche Geld. Sie selber könne ja nicht dorthin - aus Angst vor den türkischen Männern. Das habe die Mutter verboten.
Wir schauen noch einmal bei "Sonja" vorbei, die unser Reiseführer empfiehlt. Doch hieß es vorhin noch, wir könnten im Diwan schlafen, ist die alte Dame jetzt sehr viel zurückhaltender. Unser Zelt dürfen wir bei ihr nicht aufstellen. Es gebe aber am Fluss sehr viele Zelte. Da könnten wir ja hin.
Während ich noch hier und da frage, spricht uns eine Frau an. Was wir denn suchen würden. Ja, sie hätte da ein Zimmer. Wann wir denn am nächsten Morgen weiterziehen wollten? Zehn Uhr, sach ich mal. Das scheint ok. Wir bekommen ein Zimmer-Appartement für 2.000 Rubel mit Küche, Bad, WC und Waschmaschine, die wir nur nicht mehr nutzen können. Dafür gibt es Feigen frisch vom Baum vor dem Haus.


Olympiawerbung für Sotschi 2014 am Wegesrand: Miri on the Bike auf dem Weg nach Krasnaja Poljana
Auf dem Weg nach Krasnaja Poljana: Olympiawerbung für Sotschi 2014


Plan: Olympischer Park in Adler für die Olympischen Winterspiele in Sotschi 2014, Russland; Олимпийский парк Сочи
 2014 Olympischer Tunnel-Horror
Freitag, 20. August 2010: Adler - Krasnaja Poljana - Adler (99 km)

Wir wollen noch einmal Bergluft schnuppern. Dazu rollen wir die Straße nach Krasnaja Poljana (russisch Красная Поляна; Krasnaja Polana, Krasnaya Polana) hinauf (Foto oben). Dort sollen die alpinen Wettkämpfe der Olympischen Winterspiele 2014 stattfinden (Foto links: Plan für den Olympischen Park in Adler). Dazu ist die Straße ausgebaut und jetzt basteln sie in großem Stil an einer Eisenbahnstrecke ins Tal der Msymta (russisch Мзымта). Das wunderschöne, teils sehr enge Tal, wird durch die Bauarbeiten nicht schöner. Gar nicht schön ist auch ein 2,6 Kilometer langer Tunnel. Impressionen von der zweiten Hälfte der Rückfahrt im YouTube-Video:


Video: Miri im Tunnel-Horror

Der LKW-Verkehr ist wie man sieht und hört rege. Alles muss durch dieses Nadelöhr nach Krasnaja Poljana gebracht werden. Miri nimmt es gelassen. Sie will auf die Höhen des Kaukasus. Die Bergbahn-Talstation ist bei Kilometer 47, kurz vor Ende der Straße, auf 500 Metern Höhe erreicht. In drei Etappen geht's bis auf über 2.000 Meter, aber ganz oben ist es nebelig und kalt (Foto unten). Wieder unten weichen wir vor einem kräftigen Regenschauer aus.
Auch die Talfahrt kostet Kraft. Happy werfen wir uns noch einmal ins Schwarze Meer. Immer angenehm. Hinter den Wolken gibt es noch einen fabelhaften Sonnenuntergang (Foto unten rechts). Zurück bei unserer Vermieterin gibt es Wassermelone und armenische Spirituosen. In dem winzigen alten Abfertigungsgebäude des Flughafens von Sotschi ist es um 22 Uhr schon totenstill. Wir können uns waschen, umziehen und auf den platten, großen Sitzen schlafen legen.


Tal der Msymta bei Krasnaja Poljana, Russland
Im Tal der Msymta vor Krasnaja Poljana


Sonnenuntergang im Schwarzen Meer bei Adler, RusslandAm Ende fehlen Kreditkarten
Samstag, 21. August 2010: Flug Adler/Sotschi - Wien - Frankfurt

Der Kreditkarten-Apparat bei Austrian Airlines am Flughafen von Sotschi funktioniert nicht. Deshalb sollen wir das Fahrrad-Ticket bar bezahlen. Das koste aber mehr: "wegen des Währungs-Risikos".
Um vier Uhr tut es der Kreditkarten-Apparat dann doch wieder. Wir zahlen 70 Euro pro Rad plus zehn Euro "Ticket Service Charge". Eine noch recht neue Erfindung der Fluggesellschaften. Das ist so, als wenn man im Supermarkt an der Kasse noch eine extra Pauschal-Service-Charge für die Arbeit der Kassiererin zahlen sollte.
Die erste Kreditkarte nimmt das Gerät nicht an, mit der zweiten klappt es. Bei der Heimkehr fehlen mir dann beide Karten. Whereever they are. Jedenfalls gibt es wenig Diskussionen über die kaum vorhandene Verpackung der Räder.
Alles kommt mit. Und trotz 50 Minuten Umsteigezeit in Wien gibt's alles am frühen Morgen in Frankfurt bei der Gepäckausgabe. Mein Sattel, um den ich von Beginn der Tour an gebangt habe, ist aber nicht mehr zu befestigen. So radle ich mit dem Sattel direkt auf dem Rahmen in Hasenstellung mit Miri rund um die Baustelle Nordwest-Landebahn in der Morgensonne nach Mainz.


Route Jerewan - Noworossijsk



Blaue Linie = Touren-Route; Buchstaben = Start und Ziel der Etappen

Etappen Jerewan - Noworossijsk (1.-20.8.2010)

Details mit Geschwindigkeiten, Höhenmetern etc. als Excel-Tabelle

Tag Datum Start Zwischenstationen Ziel km
1. 1.8.2010 Swartnoz Etschmiadsin - Aschtarak Artaschawan + 7 km 50
2. 2.8.2010 Artaschawan + 7 km Kari Lich (3100 m) 27
3. 3.8.2010 Kari Lich (3100 m) Amberd - Bjurakan - Aschtarak Jerewan 79
4. 4.8.2010 Jerewan Sewan 66
5. 5.8.2010 Sewan Karmir-Pass (2176 m) - Chambarak Gosch 99
6. 6.8.2010 Gosch Hagarzin - Dilidschan Fioletowo + 10 km 62
7. 7.8.2010 Fioletowo + 10 km Wanadsor - Alawerdi Ayrum 88
8. 8.8.2010 Ayrum Grenze Armenien/Georgien Tbilisi 89
9. 9.8.2010 Tbilisi
10. 10.8.2010 Tbilisi Mzcheta - Ananuri - Pasanauri Kvesheti 106
11. 11.8.2010 Kvesheti Kreuzpass (2375 m) - Kasbegi - Grenze Georgien(/Russland) - Kasbegi - Kreuzpass (2375 m) Kvesheti 124
12. 12.8.2010 Kvesheti Pasanauri- Ananuri - Mzcheta Gori 144
13. 13.8.2010 Gori Chaschuri 49
14. 14.8.2010 Fähre Trabzon...
15. 15.8.2010 ...Sotschi
16. 16.8.2010 Noworossijsk Werchnebakanskij Noworossijsk 35
17. 17.8.2010 Noworossijsk Tuapse-Agoj 162
18. 18.8.2010 Tuapse-Agoj Sotschi-Dagomys 113
19. 19.8.2010 Soloch-Aul Dagomys - Sotschi Adler 68
20. 20.8.2010 Adler Krasnaja Poljana Adler 99
Summe 1460

Kirche Tsminda Sameba (2170 m) bei Kasbegi/Stepanzminda und die Gipfel-Hülle des Kasbek (5047 m)
Kirche Tsminda Sameba (2170 m) bei Kasbegi und der verhüllte Gipfel des Kasbek (5047 m)


Anschluss Tour 23: Budapest - Kaukasus (3154 km) 2003

Anschluss Tour 22: Ankara - Baku (2100 km) April 2003

mit dem Tiefen-Einblick:

Ankara - Baku: Von A nach B
Ich werde wieder alle Stinkefinger gleichzeitig zeigen...
Gedanken vor der Tour


Nächste Tour: Lyon - Paris (562 km) Nov. 2010

Vorherige Tour: Richen - Füssen (670 km) April 2010


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Tour 48: Karakorum-Highway (1010 km) 2009
Karakorum 2009
Chris Tour 51: Khartum - Addis Abeba (1760 km) 2010
Äthiopien 2010
on the Tour 58: Alpen - Prag - Berlin (2060 km) 2011
Moldau 2011
Bike Tour 59: Errachidia - Agadir (1005 km) 2012
Marokko 2012
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