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Budapest - Kaukasus: 3. Teil


Krasnodar: Puschkin-Denkmal

210 Jahre Krasnodar: Puschkin-Denkmal


Russland und die verschlossene Grenze nach Georgien
Fledermaus im Hotelzimmer vor dem Überfall in der Nacht

Identitätsprobleme an der russischen Grenze
Freitag, 26. September 2003: Kertsch - Port Krim - Fähre - Port Kawkas - Anapa (123 km)
Der durchgängige Krach im Hotel lässt mich um 6 Uhr 30 aufbrechen. Letztlich doch zu spät für die 7 Uhr 30 Fähre über die Straße von Kertsch, die das Schwarze mit dem Asowschen Meer verbindet und die Ukraine von Russland trennt. Drei Stunden Wartezeit, dann rollt die kleine Autofähre von Port Krim rüber nach Port Kawkas. Die russische Grenzsoldatin zweifelt in dem winzigen Büdchen, ob ich derjenige sei auf meinem zwei Jahre alten Passbild. Hauptproblem mein 20-Tage-Bart. Sie ruft ihren Kollegen. Auch der ratlos. Was ich zunächst für einen Scherz gehalten habe, wird ein ernsthaftes bürokratisches Problem. Ich kann auch nicht zurück, denn noch ein ukrainisches Visum habe ich nicht. Ich biete Personalausweis und Bahncard zum Vergleich. Ausführliche Prüfung. Ergebnislos. Nach einiger Zeit wird die Mannschaft draußen gefragt. Noch mehr Meinungen. Der Oberste schließlich kommt auf die Idee, die Daten meines Passes abzufragen. Name, Geburtsdatum, Ort bekomme ich fehlerlos hin. Als er gerade klein beigeben will, entdeckt er die wahre Lücke in meinem Pass: Es fehlt jeder Hinweis auf meinen Ukraine-Trip. Tja, das Visum ist in meinem zweiten Pass. Um Zeit zu sparen musste ich die Einholung der Visa auf meine beiden Reisepässe aufteilen. Sonst hätte ich auch noch haufenweise Express-Gebühren zahlen müssen. Schon so waren die vier Visa für Moldawien, Ukraine, Russland und Georgien mit 250 Euro teuer genug. Für die Ukraine gehörte zum Beispiel eine extra Ukraine-Auslandskrankenversicherung dazu, und zwar nur die von Axa. Das Aufwändigste und Teuerste ist aber immer noch Russland. Den Reise-Voucher für die zwangsweise fiktiv gebuchte Reise hat die Botschaft nebst Ein- und Ausreisekarte gleich in den Pass getackert. Ich krame also den andern Pass heraus. Beide Pässe werden verglichen. Und dann darf ich doch rein.

Fahrrad-Lenker, Schwarzes MeerAus unterkunftslogistischen Gründen mache ich einen Schlenker an die russische Schwarzmeerküste. In Anapa begrüßen mich kilometerweit die Sanatorien am Pionier-Prospekt. Doch auch im Zentrum finde ich nur Sanatorien und die haben Null Bock auf Einzelgäste für eine Nacht. An einer Hauswand sehe ich schließlich einen Zettel "Zimmer zu vermieten". Schon habe ich eine Unterkunft in einer Art kleinen Pension. Nach meinem zweiten und vorerst letzten Schwarzmeer-Bad kurz nach Sonnenuntergang lädt mich Pensionschef Rinat noch zu jungem Rotwein ein. Einer der Gäste: ein lettischer Autohändler, der in Düsseldorf und Umgebung Unfall- und Schrottwagen aufkauft, um sie in Lettland weiter zu verkaufen. Er freut sich schon, wenn ab Mai Lettland zur EU gehören wird. "Dann hole ich die Unfallwagen mit meinem LKW aus Deutschland, lasse sie in Lettland reparieren und bringe sie wieder zurück." Seine Frau ist Schulkameradin einer Bekannten von mir in ihrem kleinen lettischen Heimatort.

Ums nicht übers Schwarze Meer
Samstag, 27. September 2003: Anapa - Krasnodar (167 km)
Eigentlich ist der Weg nach Georgien nicht mehr weit: Vor hundert Jahren wurde entlang der gebirgigen Küste die "Schwarzmeer-Chaussee" gebaut. "Hunger-Chaussee" genannt, weil 18.000 Menschen beim Bau an Erschöpfung starben. Doch an der völkerrechtlichen Grenze zwischen Russland und Georgien kommt man heutzutage als Tourist nicht weiter. Maximal im bewaffneten UNO-Konvoy. Denn hier beginnt die international nicht anerkannte, von Russland unterstützte "Republik Abchasien". Die Abchasen haben sich in einem Krieg von Georgien gelöst, hunderttausende Georgier zu Flüchtlingen gemacht und herrschen jetzt rund um das schöne aber daniederliegende Schwarzmeerbad Suchumi. Meine Email-Anfrage über die offizielle Homepage der inoffiziellen abchasischen Regierung, ob nicht eine Ein- und Durchreise doch möglich sei, blieb unbeantwortet. So komme ich auch nicht in das russische Schwarzmeerbad Sotschi. Von dort könnte ich mit einer Fähre in die georgischen Häfen Poti oder Batumi oder ins türkische Trabzon kommen. Aber ich will ja ums und nicht übers Schwarze Meer fahren.
Ich steuere also auf den Grenzübergang bei Wladikawkas mitten im Kaukasus zu. So erreiche ich am Abend landeinwärts Krasnodar. Die ganze Stadt ist auf den Beinen. Gefeiert werden 210 Jahre Stadtgeschichte. Etwa so alt wie die meisten Orte in dieser Gegend: Gegründet, als das Zarenreich sich nach Süden ausbreitete und in langem zähen Kampf versuchte, die kaukasischen Völker zu unterjochen. Die sich etwa in Tschetschenien noch heute dagegen widersetzen. Der breite Hauptboulevard, die "Rote Straße" ist für den Verkehr gesperrt. Bis nach Mitternacht schieben sich die Menschen an den Verpflegungsständen vorbei. Eine völlig entspannte Atmosphäre mit Kostümierung, Tanz, Feuerwerk. T-Shirt-warm.

Fad KawkasDurch die Kuban-Steppe zum Fad Kawkas
Sonntag, 28. September 2003: Krasnodar - Ust-Labinsk - Kurganinsk - Armawir (224 km)
WetterOnline hat drei Tage Sonne und Temperaturen um 25 Grad vorhergesagt. Stattdessen am Morgen plötzlich Wolken, stundenweise Regen, kälter. Immerhin leichter Rückenwind. Entlang des Kuban durch die nach ihm benannte Steppe. Weiter entlang der Laba. Flüsse, die sich im platten Land dahinschlängeln. Schöne Nebenstrecke. Bis ich kurz vor dem Tagesziel Armawir auf den "Fad Kawkas" (ФАД Кавказ; FAD Kavkaz) treffe. (Foto links) Der lange Treck bis zum Kaspischen Meer, laut Kilometer-Markierung noch 839. Immer entlang des Kaukasus, von dem ich aber wegen des verhangenen Himmels tagelang nichts sehe. Knapp 400 Kilometer werde ich mehr oder weniger auf dieser Straße bleiben, die hier vierspurig fast zur Autobahn ausgebaut ist.

Serien-Defekte: Bremsen, Speichen, Pumpe
Montag, 29. September 2003: Armawir - Konokovo - Nevinnomyssk (101 km)
Das bedeckte Wetter, die weiten flachen Etappen machen den Start Morgen für Morgen schwer. Ein Mosaik an der Bushaltestelle verkündet: 1.003 Kilometer bis Baku. Sowjetische Dimensionen. Eine kleine Steigung: Die Straße führt über die Eisenbahn. Ich steige aus dem Sattel und sehe die Hinterradbremse hin und her zucken. Kein gutes Zeichen. Bis oben wird's noch reichen. Denke ich. Da sehe ich das Hinterrad völlig rumeiern. Absteigen. Schieben. Die Brücke runter. An den Rand. Reparations-Pause (Foto rechts).

Fahrrad in Einzelteilen, Kaukasus, RusslandZwei Speichen sind gebrochen. Außer bei zwei neuen Rädern, von denen ich nicht wusste, dass man maschinell eingespeichte Räder nach den ersten Kilometern justieren muss, ist mir nie eine einzige Speiche gebrochen. Ich habe keine Ersatzspeichen dabei. Da die beiden gebrochenen Speichen auf einer Seite direkt nebeneinander hängen, versetze ich eine Speiche. Premiere. Misslungen. Beim Justieren bricht die dritte. Jetzt wird's kritisch. Ich baue vorne zwei Speichen aus, setze sie hinten ein. Tausche bei der Gelegenheit gleich den abgefahrenen hinteren Mantel nach vorne. Beim Pumpen bricht die Pumpe. Das Kabel vom Kilometer-Zähler reißt. Die Hinterrad-Bremse muss gelockert werden. Irgendwie fährt nach drei Stunden Reparatur das Fahrrad weiter. Für eine Premiere gut, für eine Fahrt über den Kaukasus miserabel.
Bei der Einfahrt in die nächste Stadt, notgedrungen schon das Etappenende. Zum ersten Mal ein Hinweis, nach dem ich wegen eines gerissenen Schaltzugs schon lange suche: "Velocipedi" - Fahrräder. In einer Lagerhalle stapeln sich 15 Meter hoch Räder aus Weißrussland, Russland, Ukraine. Aber keine Ersatzteile. Selbst die Pumpe ist nicht kompatibel. Auf dem großen Markt gebe es morgen früh vielleicht was. Das Hotelpersonal weiß noch von einem Auto-/Fahrradladen "Kometa", sechs Kilometer weiter am andern Ende der Stadt. Minuten vor Schließung komme ich an. Immerhin eine Pumpe, aber keine Speichen oder Schaltzüge. Die Pumpe versagt dann vor dem Hotel, schließlich gelingt es mir meine alte Pumpe, die inzwischen in fünf Teile zerlegt ist, wieder zusammenzukleben.

Fehlende Speiche im Kaukasus, RusslandKurortologie: Good Bye, Lenin
Dienstag, 30. September 2003: Nevinnomyssk - Mineralnye Wody - Pjatigorsk (137 km)
Zwei Männer in Schwarz fragen mich auf dem Markt fordernd nach meinen "Dokumenti". Zücken ihre Ausweise. Ich sage auf Deutsch, dass ich momentan weder Zeit noch Nerven für so was hätte. Sie lassen mich in Frieden ziehen. Tatsächlich zwei, drei Händler haben Fahrradartikel im Sortiment und einer Speichen in der gesuchten Länge. Und einen Schaltzug.
Dann Höllenradeln. Frontaler Gegenwind auf ebener Strecke. Das fordert so viel Kraft, Wille, Energie. Mehr Pausen. Mehr Essen. Als die Straße für die letzten 20, 30 Kilometer endlich nach Süden biegt, dreht der Wind mit. Weiter frontal entgegen.
Pjatigorsk entschädigt. Nachdem die halbstündige Essenpause des Hotel-Administrators abgewartet ist. Der größte Kurort in der mineralwasser-reichen Gegend um Mineralnii Vodi. Viele berühmte russische Dichter haben in Pjatigorsk gekurt. Lermontow ist hier im Duell erschossen worden, nachdem er selbst demonstrativ in die Luft geschossen hatte. Der bergige Ort hat viele Bauten aus dem 19. Jahrhundert. Badehäuser, Cafés und ein "Institut für Kurortologie". Auffallend im Gegensatz zur Ukraine die völlige Abwesenheit von McDonald's und die sehr viel höheren russischen Preise. Für westliche Verhältnisse immer noch günstig.
Der Besitzer des Internet-Cafés ist von seiner großen Liebe, einer Frau in Hannover, bitter enttäuscht worden. Er fährt dennoch für mich noch einmal den Computer hoch, damit ich wenigstens eine kurze Notiz auf die Homepage setzen kann. Mein Instant-Diary reduziert auf die nackten Kilometer-Zahlen. Im Bar-Cinema neben dem Hotel ist ein deutscher Film angekündigt: Good Bye, Lenin. Der thront hier immer noch über den Kurgästen.

Denkmal 1942 zum II. Weltkrieg bei BeslanÜberfall: die lange Etappe und die noch längere Nacht
Mittwoch, 1. Oktober 2003: Pjatigorsk - Naltschik - Wladikawkas (209 km)
Anfangs ein paar Anstiege. Dann wieder flach weiter. Die Sonne kommt raus. Rückenwind. Es läuft wunderbar. Ich komme in die autonomen kaukasischen Republiken. Adigea und Karatschai-Tscherkessien habe ich nur gestreift, jetzt geht's mitten durch Kabardino-Balkarien und seine Hauptstadt Naltschik. An der Grenze zu Nord-Ossetien/Alanja ist sogar eine Kontrollstation. Ich werde handschriftlich registriert. Der erste Miliz-Kontakt. Obwohl ich schon seit Tagen durch Gegenden radle, wo tschetschenische Attentäter in den vergangenen Wochen mehrfach mit Anschlägen viele Menschen getötet haben. Ossetien grenzt direkt an Tschetschenien und Inguschetien. Ein breites Beton-Denkmal (Foto rechts): Hier stoppte die Rote Armee im Herbst 1942 die Wehrmacht. Gut hundert Kilometer vor der tschetschenischen Hauptstadt Grosny, nach fast 400 Kilometer auf dem "Fad Kawkas", biege ich ab in den Kaukasus Richtung Tbilisi. Letzte russische Station: Wladikawkas.
Bei der Einfahrt in die Stadt kommt mir als Assoziation "Bloodykavkas", aber ich sehe keinen Link zu meiner Tour. Eigentlich bedeutet Wladikawkas "Königin des Kaukasus". Was ich von meiner ersten Fernseh-Live-Schalte weiß. Vor genau zehn Jahren für RTL. Aus dem Westfalenstadion vor dem Uefa-Cup-Spiel Borussia Dortmund gegen Spartak Wladikawkas. Inzwischen "FC Alania Vladikavkaz". Damals fragte ich den Dortmunder Co-Trainer nach den Gefahren in Ossetien. Heute nehme ich intuitiv schon beim ersten Hotel das Fahrrad gleich mit zur Rezeption, während ich es sonst immer kurz unbeaufsichtigt vor dem Eingang stehen ließ. Das "Hotel Kavkaz", in dem schwer bewaffnete Soldaten in schusssicherer Weste die Gäste kontrollieren, nimmt keine Ausländer auf. Mir bleibt offensichtlich nur das erste Hotel am Platze, das zehnstöckige "Vladikavkaz". 40 Dollar soll das Zimmer kosten, es werden aber nur 30 abgerechnet. Als ich im Zimmer als erstes vergeblich versuche, die mehr oder weniger offen stehende Balkontür zu schließen, quietscht es hinter der Heizung. Was ich zunächst für einen Frosch halte, erweist sich als Fledermaus, die der Hotelsecurity-Mann als Trophäe mit in die Lobby trägt. Weil die Balkontür sich nicht schließen lässt und von jedem anderen der rund 20 Zimmer auf dieser Etagenseite ohne jede Artistik zu erreichen ist, nehme ich meinen Zweitpass mit und auch mein Handy, mit dem ich noch eine SMS verschicken will.

Hotel Vladikavkaz in Wladikawkas, Nord-OssetienMerkwürdige Gesellen am Friedensprospekt
Kurz nach 22 Uhr verlasse ich das Hotel (Foto links) über die Fußgängerbrücke Richtung Innenstadt. Verdammt dunkel. Auf dem "Prospekt Mira", Friedens-Prospekt, fahren keine Autos, ein paar Fußgänger verlieren sich im Dunkel, hier und da ein paar Sicherheitskräfte. Eine leicht gespannte Atmosphäre. Im völlig leeren Gartenrestaurant Imperial werde ich mit Metalldetektor abgetastet. Dann kann ich draußen sitzen und gut essen. Beim Verlassen fällt mir das dazu gehörige Hotel auf. Ich habe es beim Radln in der Stadt übersehen, weil die Lampe vor dem Hotelschild nicht leuchtet. Wahrscheinlich wäre ich hier besser aufgehoben gewesen. Gesehen hatte ich auf der andern Seite des Friedens-Prospekts an der Straßenecke direkt gegenüber vom Lenin-Denkmal Cyberland, das Internet-Café. Kurz vor Mitternacht gehe ich die Stufen hinab zum Eingang. Die Tür ist zu, aber es brennt Licht. Ich klopfe. Ein kleiner blonder Junge, maximal 15 Jahre alt, kommt an die vergitterte Glasscheibe. Er erklärt mir, sie seien vom Café-Chef eingeschlossen, aber der käme gleich wieder. Meine Frage, was er denn mache, wenn er jetzt nach Hause wolle, versteht er nicht. Vor dem Café streiten sich Jugendliche auf dem Friedensprospekt. Auch sie warten irgendwie auf den Café-Chef. Ein anderes Internet-Café gebe es jedenfalls nicht, das jetzt noch auf habe. Gegen Mitternacht kommt der Chef. Computer-Spiele könne ich ja machen, aber das Netz funktioniere nicht. Morgen früh wieder. Ich gehe auf die Staße. Ein Junge, "Arslan", vielleicht 20, spricht mich an. Ja, er kenne da noch ein Internet-Café, das geöffnet sei. Er führt mich den Friedensprospekt entlang, weiter vom Hotel weg. Ein, zwei Cafés tauchen auf, geschlossen. Ich mache kehrt, sage, dass ich zurück zum Hotel wolle. Der Junge begleitet mich. Ein zweiter taucht auf. Hält sich ein paar Meter hinter uns. Kein gutes Zeichen. Ich nehme Kontakt zu ihm auf. Sein linkes Auge ist ganz weiß mit einem kleinen roten Fleck drin. Um sie abzuschütteln gehe ich in eine Kneipe. Auf drei Bildschirmen laufen zwei Champions-League-Spiele. Alles ist duster. Ich gehe wieder raus. Die beiden mit. Sie begrüßen eine Clique mit Handschlag und Kuss auf die Wange. Bereden irgendwas. Meine Bedenken steigen. Habe kurz den Impuls, einfach loszurennen, wegzurennen zum Hotel. Hätten die keine Chance. Erscheint mir aber zu lächerlich. Als wir am Gartenrestaurant ankommen, verabschiede ich mich überraschend ins Café. Arslan hält noch ein bisschen meine Jacke fest. Ich sage, er soll das seinlassen. Der Mann mit dem Metalldetektor ist nicht mehr da. Ich gehe auf Toilette. Habe Angst. Überlege, ob ich jemanden vom Restaurant zu Rate, zu Hilfe ziehen soll. Aber die Anlage ist so weitläufig, anonym. Ich bin zu nervös. Ein bisschen geschafft von den 209 Kilometern heute. Nehme mir nicht die Zeit, mich hinzusetzen, nachzudenken. Es sind keine 500 Meter bis zum Hotel. Es gibt einen zweiten Ausgang vom Gartenrestaurant, der den Weg zum Hotel noch verkürzt, aber der ist inzwischen zu. Als ich über den kaum beleuchteten Hof zum richtigen Ausgang zurückgehe, spricht mich der Parkwächter an, ob ein Auto mir gehöre. Ich überlege, ob er mir helfen kann. Habe keine Idee. Vor dem Eingang steht ein Auto, kein richtiges Taxi, aber es könnte etwas Ähnliches sein. Fahren wäre ein riesiger Umweg. Und meine Rubel-Vorräte sind runter gefahren. 35 Kilometer vor der georgischen Grenze. Ich gehe weiter.

Fußgänger-Brücke in Wladikawkas, Nord-OssetienDer unüberraschende Überfall
An der Ecke stehen Leute. Ich könnte warten, bis sie vielleicht ebenfalls Richtung Hotel spazieren. Gehe weiter. Allein. Die Straße zur Fußgängerbrücke wird zum schmalen Weg. An dessen Ende sehe ich jemanden von einer zur andern Seite springen. Ich darf hier niemals weitergehen. Und tue es trotzdem. Es ist die verlockend kurze Entfernung zum Hotel, die Müdigkeit und gleichzeitig die Überschätzung der eigenen Kräfte. Mir ist völlig klar, was mich erwartet. Und überhaupt nichts. Links sitzt einer in der Dunkelheit auf dem Boden. Da stürzt hinter dem letzten Vorsprung eine schwarze Gestalt hervor. Während ich schon laufe. Zu spät. Er prallt voll gegen mich. Ich kann fast noch nach vorne entkommen. Der Junge am Boden ist aufgesprungen. Von hinten kommt ein Dritter. Ich bin am Boden. Vor allem mit dem Kopf. Bäume ich auf. Schreie um Hilfe. Werde niedergeschlagen. Habe jetzt Angst. Um alles. Mein Gesicht schrappt über den steinigen Boden. Eine Winzigkeit in mir genießt die Keilerei. Ich darf zurückschlagen. Noch einmal bäume ich mich auf. Während ihre Hände in meine Tasche greifen. Mit meiner linken Hand versuche ich die Tasche mit Handy, Uhr, Hotel- und Fahrradschlüssel zu sichern. Davor in einer Extratasche mit Klettverschluss der Pass mit dem georgischen Visum. Der mit dem russischen liegt noch an der Rezeption. Das Portemonnaie in der hinteren rechten Tasche ist trotz Reißverschluss nicht mehr zu retten. Bäume mich nochmals auf. Kann drei, vier Mal "Hilfe" rufen. Dann schlägt mein Kopf wieder auf den Weg. Ich spüre Dreck zwischen den Zähnen. Einer reißt mir das Handy aus der Hand in der Tasche. Im selben Augenblick suchen sie wie auf ein Kommando das Weite und ohne mich umzusehen, ihnen nachzuschauen, renne ich torkelnd die 150 Meter über die Brücke zum Tresen der Hotelrezeption, wo die junge Frau telefoniert. Sie spricht schon mit der Polizei. Vielfach blutend brauche ich nichts zu erkären. Kann mich kaum am Tresen halten. Der alte Security-Mann bringt mich stützend zur Sitzgruppe. Im selben Moment stürmen fünf Soldaten die Hotelhalle. Zwei sind sofort wieder draußen. Als sie irgend etwas rufen, stürzen die andern hinterher. Zwei ältere Frauen - die eine im weißen, die andere im grünen Kittel - stehen vor den Sesseln. Die grüne öffnet eine runde Blechdose, tupft in meinem Gesicht. Auf meiner Hose Blut und Dreck. Jetzt spüre ich Wunden am Hinterkopf. Blut tropft auf meine kapuzenlose Regenjacke. Ich kann meinen Kopf nicht mehr richtig drehen. Dennoch jubel ich innerlich über meinen geretteten Georgien-Pass und Fahrradschlüssel: Die Fahrt kann weiter gehen. Wann auch immer. Zwei Männer in Schwarz sind zur nächtlichen Zuschauergruppe gestoßen. Sie haben Fragen zur Tat. Auf dieser oder auf der andern Seite der Brücke. Wann genau? Wie viele? Was habe ich erkannt? Nichts habe ich erkannt.
Im Krankenhaus: Angst vor "Rentgen"
Zu dem bebrillten, dünnen Untersuchungsrichter Grant und dem jungen, Lederjacken-Kriminalpolizisten Omar stößt noch dessen Chef Ruslan. In schwarzem Sakko über schwarzem Pullover. Etwas widerwillig stimmen sie zu, als die Ärztin mich ins Krankenhaus transportieren will. Sorgen macht mir der abhanden gekommene Zimmerschlüssel und die offene Balkontür, als ich das Hotel auf unbestimmte Zeit verlasse. Ein alter Krankentransporter steht bereit. Ich falle dankbar, auf die orangene Plastikliege, wo ich endlich in der Horizontalen bin. Allein. Und keine russischen Fragen beantworten muss. Durch eine Luke im Dach schwebt das ein oder andere Licht an mir vorbei. Beim Ausstieg kann ich mich halbwegs aufrecht halten. Mein Nahziel im Krankenhaus: Auf keinen Fall hier stationär landen. Daran sind, wie ich bald merke, auch die drei Kriminalbeamten interessiert. Nur leichten Widerstand leiste ich, als mir Blut abgenommen wird. Reaktionen an Beinen und Händen werden geprüft. Spritzen lehne ich ab. Niemand interessiert sich für die Wunden. Dann schleift man mich zum nächsten Saal. "Rentgen" lese ich auf Kyrillisch. Auch wenn ich von einem Autounfall weiß, dass unter Schock viele Verletzungen nicht bemerkt werden, steigert sich hier meine Widerstandskraft. Zumal, als ich sehe, dass das einzige, was hier jünger als 30 Jahre zu sein scheint, ein silberner Bleiumhang ist. Widerstand erfolgreich. Jetzt die Bürokratie. Ich muss mehrere Unterschriften leisten. Meine rechte Hand will nicht so recht. Im Rausgehen trinke ich aus dem nächstbesten Wasserhahn. Im Spiegel sehe ich mein Blut-Dreck-Gesicht. Ich knie mich vors Waschbecken, weil ich mich anders nicht halten kann. Alle finden es normal, dass ich jetzt selbst meine Wunden auswasche. Erst als wir schon fast wieder durch den langen Kellergang nach draußen gehen, rügt Kripo-Chef Ruslan die Ärztin. Die holt eine dunkelgrüne Tinktur, verteilt sie großflächig auf Nase und Hinterkopf, der dann noch einen Verband bekommt.

Überfall-Tatort, WladikawkasDie lebende Totenmaske vom Roten Platz im Polizeipräsidium
Zurück zum Tatort (Foto rechts - 60 Stunden später). Ich darf im Polizeiwagen schließlich vorne sitzen, wo Kopfstützen sind, die mein Hals dringend braucht. Schmerzen wie bei einem Schleudertrauma. Gurte nicht vorhanden. Gegen zwei Uhr liegt der Tatort im Scheinwerferlicht des Ladas. Schon aus dem Auto erkenne ich meinen grünen Kuli. Dann den Hotelschlüssel. Auch der Hotelausweis liegt im Dreck und meine Uhr. Ziemlich ramponiert. Und mehr Blut als gedacht. Ich fühle mich nicht wohl hier. Auf meine Initiative fahren wir zum Cyberland, hier "Ssieberländ" ausgesprochen. Wieder zu. Irgendwann wird geöffnet. 2 Uhr 30. Die kennen sich alle. Gehören zum Milieu. Der kleine, blonde Junge schießt immer noch durch Gänge und Höhlen. Ihn halte ich für ok, aber er hat die andern gesehen. Er wird separat verhört. Wichtigster Anhaltspunkt: meine Beobachtung mit dem kaputten Auge. Aber offenbar kein Ergebnis. Dann verschwinden die Kripos draußen mit dem Cyberland-Chef. Er darf wieder alle einschließen. Mich incl. Noch einer spielt, andere liegen quer über drei Stühle. Aus ihrem Kopfhörer dröhnt immer noch Musik. Wir fahren zum Polizeipräsidium. Ein zweistöckiger, klassizistischer Bau. Die Straße davor durch Betonblocks abgesperrt, bewacht in schusssicherer Weste. Drinnen scheint die Zeit stehen geblieben. Auf dem Schrank im Zimmer von Kommissar Omar begrüßt uns ein großes schwarz-weißes Porträt. "Unser Präsident", sagt der Kommissar. Die kleine CCCP-Flagge an der Brust habe ich gesehen, das Gesicht sagt mir nichts. Obwohl es zu einer scheinbar ewig unvergänglichen Ikone der 70er Jahre gehört: Leonid Breschnew. Aber mit einem derart schmalen, jungen Gesicht habe ich ihn nie gesehen. Auch nachdem ich es weiß, kann ich es nicht mit der lebenden Totenmaske vom Roten Platz übereinbringen.

Christoph Gocke nach ÜberfallIrgendjemand muss geweckt werden. Und es dauert, bis er kommt. Offensichtlich wird er für das Protokoll gebraucht. Vorsorglich setze ich schon mal eine zweisprachige Liste der geklauten Gegenstände zusammen. Niemand spricht in dieser Nacht etwas Anderes als Russisch. Und mein kleines Wörterbuch ruht im Hotelzimmer. Ich frage nach der Toilette. Ein geräumiges Zimmer. In einer Ecke das Stehklo, in der anderen ein paar Mülltüten, zwischen die sich sofort eine Maus flüchtet, auf der linken Seite ein Waschbecken. Alles verdreckt. Wie muss es erst im Gefängnis aussehen. Als der mittelalte Mann endlich in eng sitzender etwas in die Jahre gekommener Uniform auftaucht, gibt er nur dem Lederjacken-Kripo ein paar Hinweise, wie das kaum noch lesbare Formblatt auszufüllen ist. Dann ist er wieder weg, auch Kripo-Chef Ruslan verabschiedet sich. Und Omar quält sich von Geburtsdatum zu Geburtsort. Als ich schließlich weitere Unterschriften geleistet habe, kommt ein Blanko-Blatt für zum Vorschein, auf das er oben in die Mitte mit ruhiger Hand "Raport" schreibt. Einzige Technik in diesem Raum ein altes, weißes Plastiktelefon. Nach einer halben Stunde Vorgeschichte (Beruf etc.) sind wir endlich beim Beginn meiner Fahrradtour. Ich soll alle Städte aufzählen, die ich durchfahren habe. Seit Budapest. Ich beschränke mich auf die Länder und die russischen Übernachtungs-Orte. Für den Tathergang selbst reichen dann ein paar Zeilen. Dazu werde ich gar nicht mehr befragt. Dann muss ich einen russischen Satz, den ich genauso wenig wie den Rest des Raports verstehe, Buchstaben für Buchstaben ab- und das Ganze unterschreiben. Ich hoffe, endlich gehen zu können. Ein Mann bringt mich nach unten. Zu Untersuchungsrichter Grant. Der hat einen nagelneuen Computer. Druckt gerade etwas auch, was ich auch noch unterschreiben muss. Nur ich habe immer noch kein einziges Dokument bekommen. Werde auf den Verlauf des Tages vertröstet. Soll wiederkommen. Um acht wollen sie mich schon wieder abholen. Dann soll noch irgend etwas passieren. Ich protestiere. Kann nicht mehr. Grant will schließlich meine blutverschmierte Regenjacke. Als Beweisstück. Für die Asservatenkammer. Ich gebe sie nicht her. Habe nur diese eine dabei. Will noch in die Berge. Jetzt ist Schluss. Ich werde in einen Milizia-Streifenwagen verfrachtet, der nach einigen Versuchen auch anspringt. Im Hotelflur begrüßt mich die Etagendame mit den Worten, warum ich denn auch so spät noch hötte rausgehen müssen. Ich mache ein Foto mit dem Selbstauslöser. 5 Uhr 18. Donnerstag, 2. Oktober.

Der lange Kampf ums Protokoll
Christoph Gocke nach Überfall im Hotel Vladikavkaz, WladikawkasDonnerstag, 2. Oktober 2003: Wladikawkas
Keine Auge zugemacht. Zu viele Schmerzen, zu viele Gedanken. Außerdem zu kalt durch die unabschließbare Balkontür. Um 7 Uhr 50 sitze ich beim Frühstück, bis 8 Uhr 15 warte ich an der Rezeption. Polizeikommissar Omar kommt nicht, wie angekündigt. Gelegenheit, Alexandra in Mainz anzurufen: Kreditkarten, EC-Karte, Handy-Karte. Sie wird alles sperren. Super. Ich finde tatsächlich noch eine Kreditkarte im Gepäck. Hoffentlich stimmt die PIN. Kassensturz aller Restverstecke: Mir bleiben 263 Dollar. Genug zum Weiterreisen, zu wenig zum Heimfliegen. Ich lege mich hin. Aber immer bereit für die Polizei. Den ganzen Tag über kann ich immer nur ein kurzes Kapitel lesen, dann fallen die Augen zu, will der Kopf nicht mehr. Liegen geht schlecht, weil der ganze Oberkörper schmerzt. Wegen der Gesichtswunden auf der linken Seite kann ich nur auf der rechten liegen. Das Schöne am Bösen: Ich mich unschuldig fühlen. Trotz aller Dummheit: unschuldig, bemitleidet. Erst nach Mittag kommt Kripochef Ruslan mit weißem Hemd, Sakko und einem Kollegen in mein Hotelzimmer. Nur so. Nichts Neues. Hauptsächlich wollen sie mich so lange wie möglich in Wladikawkas halten, als Zeugen. Deshalb stellt er mir weitere Polizeibesuche für den Abend und den Morgen in Aussicht. Ich frage ihn, ob die Grenze nach Georgien auf sei. Die Damen an der Rezeption sind da unterschiedlicher Ansicht. Er meint, da gäbe es keine Probleme. Abends kommt tatsächlich Untersuchungsrichter Grant. Fatima von der Rezeption, die sehr gut Deutsch spricht, übersetzt. Aber nur dann, wenn gerade nichts zu tun ist. Und das ist selten. Vor allem Militär- und Milizfunktionäre checken ein und ein. Ich kann mich nur mühsam aufrecht halten, außerdem zieht es kalt durch die Lobby. Grant möchte es genau wissen. Er beschränkt sich auf die Tat. Die aber in allen Einzelheiten, wie die genaue Aufteilung meiner Dollarscheine und was nun genau eine Bahn-Card sei. Wieder viele Unterschriften. Fatima muss fast genau so oft ran wie ich. Dann erklären wir Grant, dass ich unbedingt eine Bestätigung über den Überfall bräuchte mit einer Liste aller gestohlenen Dinge. Ich schlage vor, einfach das gerade gemachte Protokoll zu kopieren. Das scheitert nicht nur daran, dass der einzige Kopierer des Hotels im abgeschlossenen Chefzimmer steht, sondern auch daran, dass Grant argumentiert, das sei doch ein offizielles Dokument. Das gehe nicht. Aber bis morgen früh um 11 werde er das erledigen. Hoffentlich. Fatima hat für mich telefoniert und ist danach leider auch der Ansicht, dass die Grenze geschlossen sei. Ich will es trotzdem versuchen. Morgen. Warne aber Tanja in Borjomi telefonisch vor, dass ich es vielleicht über die letzte Grenze nicht schaffe.

Zur letzten Grenze: Russland-Georgien...
Freitag, 3. Oktober 2003: Wladikawkas - Werchni Lars (Grenzstation Russland - Georgien) - Wladikawkas (69 km)
Ich habe ganz gut geschlafen, sogar ein bisschen ausgeschlafen, denn ich kann erst weiterfahren, wenn ich das Protokoll habe. Und nach einigen Aspirin. Omar kommt vor dem Frühstück. Er präsentiert einen extrem kurz geratenen Schrieb von Untersuchungsrichter Grant. Daraus geht nicht einmal das Datum des Überfalls hervor. Geschweige denn, was mir gestohlen wurde. Bis 11 Uhr will er es erledigen. Ich wasche Blut- und Dreckreste aus Hose und Pullover. Staune, dass nichts kaputt ist. Fahrrad-Check: Eine Speiche droht aus der Felge zu brechen. Ist schon fast durch. Ich drehe etwas Spannung raus. Punkt 11 steht Grant in meinem Zimmer. Mit einer offiziellen Bestätigung über alles, was fehlt: Handy, 120 US-Dollar, 100 Euro, 220 Rubel, Kreditkarten, EC-Karte, Bahn-Card, Euro-Check, Personalausweis, Einreisekarte, Führerschein, Presseausweis. Gegen ein paar Unterschriften bekomme ich sogar ein zweites Schreiben. Es kann weitergehen. Zunächst zur Überfallstelle direkt gegenüber vom Hotel. Werfe einen Blick in den ein oder anderen Papierkorb, ohne echte Hoffnung, etwas von mir zu finden. Rolle mit gemischten Gefühlen aus der Stadt. Ein Mann steht neben seinem Auto und ruft: "Stoi! Stoi!" Stopp! Stopp! Ich fahre weiter. Ein paar hundert Meter weiter steht er wieder da, samt Auto, und versucht noch eindringlicher mich aufzuhalten. Weiter.

Georgische Heerstraße, Grenze Nord-Ossetien/TschetschenienVom Ausgang der Stadt wieder direkt am Terek entlang, der auch vor dem Hotel Vladikavkaz vorbeifließt. Bald verengt zu einem Tal mit schroffen Felsen und kleinen Bäumen. Hier und da Soldaten. Sie finden es normal, dass ich nach Tbilisi fahren will. Ein gutes Zeichen. Lange warte ich auf ein entgegenkommendes georgisches Auto, das ich für den letzten Beweis einer offenen Grenze halte. Schließlich kommt eines. Ich juble. Restzweifel bleiben. Hier und da Scharfschützen. Der Fluss bildet hier die Grenze zu Tschetschenien. Ein Panzerwagen steht quer. Ein Gitter. Ein russischer Motorradfahrer wird registriert. Ich nicht. Denn, so der Soldat: In acht Kilometern sei sowieso Schluss für mich. Für nicht GUS-ler, wie mir der Motorradfahrer, der auch ums Schwarze Meer rum will, erläutert. Meine Hoffnung sinkt. Das Tal immer weniger flach ansteigend. Mit Rückenwind recht flott zu fahren. Die Schmerzen stören nicht. Eher die Hunde-Attacken. Dicke, fette, große, weiße Doggen. Im letzten winzigen Ort vor der Grenze zwei direkt hinternander. Obwohl gerade jetzt hinter mir ein kleiner Bus folgt und zwei Wagen entgegenkommen, weiche ich auf die andere Straßenseite aus in der Hoffnung, die Hunde abzuschütteln. Nix. Sind schneller als der Bus, der erste Wagen weicht aus, der zweite aber erwischt den ersten Hund genau in der Mitte. Ich kann meinen Kopf zwar kaum drehen, sehe aber in den Augenwinkeln wie der Wagen vom Hundekörper hochbefördert wird, runter poltert und der Hund sich dabei dreht. Der Wagen fährt ungerührt weiter. Stille. Und dann ein langer, wehmütiger Seufzerheuler.
Die "special forces" greifen ein
Das Tal verengt sich weiter. Werchni Lars (Russisch: Верхний Ларс, Werchnij Lars, Verchni Lars, Verhni Lars). Grenzstation. Wartende Autos vor dem ersten Grenzzaun, den zwei Soldaten geschlossen halten. Ein paar Autos vor dem zweiten Grenzzaun. Dahinter die eigentlichen Kontroll-Baracken an deren Ende Weiß auf Rot alles überragend "Duty Free" zu lesen ist. 1997 hatten die Russen mal die Grenzstation kurzfristig um 1300 Meter Richtung Georgien versetzt. Und nach ein paar Monaten und internationalten Protesten wieder zurückversetzt. Es ist kurz nach eins. Pause an der Grenze. Grüne, tarngrüne, graublaue Soldaten und manche Wagen passieren gelegentlich den ersten Grenzzaun. Manche erklären hier sei für mich kein Durchkommen. Weit mehr Zuversicht als ich haben die georgischen Fahrer. Das wird schon. Meint vor allem Kisho, der mit dem LKW nach Armenien will. Ich müsse nur warten. Er will mich - wie vorher schon einige - zu Kaffee, Tee, Essen, Bier, Wein einladen. Ich lehne ab, weil die Position direkt am Grenzzaun meine letzte Hoffnungsbastion ist. Kisho hat sieben Jahre in Karlsruhe gelebt, spricht halbwegs Deutsch. Seine Frau arbeitet in Georgien für ein deutsches Öko-Projekt der Uni Göttingen. Eingeladen in Tiflis bin ich sowieso. Allgemeines Mitleid mit meinem Überfall. Es wird immer kälter. Ich fange an zu zittern. Wir sind auf etwa 1.000 Meter. Gegen 15 Uhr kommt Bewegung in den russischen Grenzapparat, auch wenn kein Tor wirklich geöffnet wird. Ich bekomme noch einmal quasi offiziell mitgeteilt, dass ich nicht über die Grenze darf. Einzige Reise-Möglichkeit von Russland nach Georgien für nicht-GUS-ler: Mit dem Schiff von Noworossijsk oder Sotschi an der Schwarzmeerküste entlang nach Poti in Georgien. Fritz Pleitgen ist bei seiner Reportage-Reise "Durch den wilden Kaukasus", der jetzt als Endlosschleife durch die Dritten Programme der ARD wabert, hier mit allen möglichen Sondergenehmigungen und stundenlangen Kontrollen durchgekommen. Das war 2000. Die georgische Botschaft in Berlin hatte mir in einem langen Telefonat versichert, dass ich die Grenze an dieser Stelle passieren könne. Nur der russische Teil der Strecke sei möglicher Weise gefährlich. Der Gegencheck bei der russischen Botschaft und deren Konsulaten blieb irgendwann, irgendwo stecken, als selbst eine 3,86 Euro/Min. teure offizielle Hotline immer nur besetzt war. Und es war eben nicht die einzige Unwägbarkeit, die es zu recherchieren galt. Den Leiter der Grenzstation darf ich nicht sprechen.

Grenze Russland-Georgien bei Werchni LarsDie Georgier geben nicht auf. Kisho fragt, wie viel Geld ich noch hätte. So etwa 100 Dollar. Dann würden halt die Fahrer für mich sammeln, um die Grenzer zu schmieren. Schon steckt er mir einen 500-Rubel-Schein, fast 20 Euro, in die Lenkertasche. Widerstand zwecklos. Doch dann kommt irgendeine Nachricht, die auch Kishos Zuversicht erheblich reduziert. Weil es wirklich aussichtslos scheint und ich nur noch zittere, willige ich jetzt auch ein zu einem Tee. Schnell lasse ich mich noch fotografieren (Foto rechts). Was an jeder Grenze der Welt verboten ist. Auch hier. Ich glaube nichts zu verlieren zu haben. Kaum ist das Foto gemacht, stürzen die Soldaten herbei. Zu spät. Kisho hat ein paar fettige Fladen für mich auf den Tisch vor dem Camping-Kiosk gestellt. Als wir anfangen wollen zu essen, kommen zwei Soldaten in blaugrauer Uniform. An der Stelle auf der Schulter, wo bei allen anderen die russische Flagge und "ROSSIJA" zu sehen sind, prangt bei ihnen nur ein "special forces". Sie meinen, ich solle mal mitkommen. Kisho sagt sofort, ich solle mitgehen. Neue Ungewissheit. Neue Hoffnung.
Am ersten Grenzzaun. Ich darf durch. Muss dort allerdings Fahrrad samt Gepäck zurücklassen. Werde die nächsten 30, 40 Meter in einem grauen Lada, der schon fast wie ein Volvo aussieht, gefahren. Das zweite Grenztor öffnet sich. Jetzt bin ich bei der Abfertigung. Ein älterer Herr im Nadelstreifenanzug mit blauem Hemd und Krawatte widmet sich mir. Er scheint so was wie der Chef der "special forces" zu sein. Meine Überfalls-Bescheinigung von Untersuchungsrichter Grant weckt allgemeines Hilfsbedürfnis. Sie wollen mich über die Grenze bringen. Keine zehn Meter weiter ist das letzte Grenztor. Ich könnte einfach loslaufen. Aber es ist zu. Der ältere Herr geht mit seiner jungen Mannschaft und mir zu einem grünen Soldaten. Offenbar der Leiter der Grenzstation, der über Funk meine Bitte nach einem Gespräch abgelehnt hat. Doch auch jetzt: Njet. Damit gibt die blaugraue Mannschaft auf.
Ich werde zur Toilette geführt zum Händewaschen. Ein Handtuch wird gereicht. Schon sitze ich in einem Container an einer prall gefüllten Tafel mit all den Leckereien der russischen und kaukasischen Küche. Ein Teller nach dem andern wird mir vorgesetzt. Ich esse, esse, esse. Gegen die Kälte, gegen die Schmerzen, gegen den Frust. Eine Art Henkersmahlzeit für das Ziel der Tour. Abschied von der Kaukasus-Überquerung. Zumindest hier und jetzt. 180 Kilometer vor Tiflis. Ich komme nicht nach Borjomi. Die Bilder, von denen ich gelebt habe, auf die ich hin geradelt bin: fading. Delete. Ich versuche die Endstation zu genießen. Bin weit gekommen. Georgische Heerstraße, Grenze Nord-Ossetien/TschetschenienTomaten, Käse, ein ganzes Brot, Hähnchen, Gurken, eine 1,5-Liter-Flasche Mineralwasser: alles wandert zum Abschluss in eine Plastiktüte, die mir Vaha von den special forces mitgibt. Sie fahren mich zurück zum Fahrrad. Ich kann die Tüte kaum verstauen. Kisho versucht noch mir eine Unterkunft in Wladikawkas zu vermitteln. Wieder ein großer Kreis um mich. Ich danke. Und fahre abwärts gegen den Wind. Bin warm vom Essen. Nach drei, vier Kilometern nähert sich Vaha mit Kollege im Lada. Ich soll aufpassen. Von der tschetschenischen Seite werde schon mal geschossen. Ob sie neben mir fahren sollen. Nein. Danke. Wenn es wirklich gefährlich wäre, hätten sie mich wohl früher gewarnt. Oder gestoppt. Will sehen, dass ich Wladikawkas vor Einbruch der Dunkelheit erreiche. Bin kurz nach sechs im Aeroflot-Büro. Der internationale von den acht Schaltern ist erst morgen wieder besetzt. Die letzten Meter zum Hotel. Ich schau jedem in die Augen, wie nach einem Fahrraddiebstahl auf jedes Fahrrad. Was würde ich tun, könnte ich tun, wenn ich "Arslan" erkennen würde? An der Rezeption erwartet man mich wie selbstverständlich, aber ohne Fragen nach den Grenzerlebnissen. Mein Portemonnaie ist abgegeben worden. Zerfetzt, aber immerhin Personalausweis und mein Führerschein mit dem Vor-Abi-Foto sind drin. Richtig freuen kann ich mich nicht.

Rückflug-Ticket mit den letzten Rubeln
Moschee in WladikawkasSamstag, 4. Oktober 2003: Wladikawkas

Der Rückflug soll etwa 500 Euro, 17.500 Rubel kosten. Und im riesigen Aeroflot-Büro kann man nur bar zahlen. Als ich rätselnd vor dem Hotel-Geldautomaten stehe, wie viel ich da mit der Visa-Karte rausbekomme, spricht mich Götz an, ob ich der sei... Ja, sieht man ja. Der Montagearbeiter aus Bad Kreuznach kommt gerade von der Nachtschicht auf der Baustelle einer Sekt-Abfüllfabrik in der Nähe. Ja, in russischen Provinzstädten gehe er nie raus aus dem Hotel. Und der Geldautomat rücke maximal 6.000 Rubel raus. Das reicht für den Flug nach Moskau und dort kann ich morgen ja wieder 6.000 Rubel rausholen. Die PIN stimmt. 6.000 Rubel. Auf dem Weg zu Aeroflot komme ich an einer Bank vorbei. Samstag geöffnet. Hier kann ich maximal 10.000 Rubel loseisen. Macht 16.000. Susanna am internationalen Aeroflot-Schalter, vom Hotel vorgewarnt, spricht Englisch. Mein Geld reicht nicht. Sie kommt auf die Idee, den Flug Moskau-Frankfurt als Rückflug zu buchen. Das ist billiger und nach 50 Minuten habe ich alle Tickets für 15.439 Rubel.

"Hier fährt man mit dem Panzer hin, nicht mit dem Fahrrad."
Schnell zurück ins Hotel, wo man mir gleich mein altes Zimmer mit offener Balkontür gegeben hat. Ich schlafe. Die rechten unteren Rippen schmerzen. Erst jetzt. Rippenbruch? Besichtige die schöne Moschee vor dem Hotel (Foto rechts) und begebe mich mit mulmigem Gefühl über die Fußgängerbrücke zu einem Internetklub. Zwei Räume mit je 20 Monitoren. Nettes Klima. In der ganzen Stadt. Wochenende. Die Sonne scheint. Noch kurz in ein Café im West-Stil. Kuchen für zwei Euro. Dazu "It's a wonderful, wonderful, wonderful world". Wenige Meter von der Überfallstelle, an der eine Verkäuferin Eis, Süßigkeiten, Getränke Kindern und Erwachsenen anbietet. Im Hotel passe ich die deutschen Montagearbeiter ab. Restlos abgekämpft von zwölf Stunden Arbeit auch am Wochenende. "Hier fährt man auch mit dem Panzer hin und nicht mit dem Fahrrad", meint Chef Winni. Sie wollen mich und mein Fahrrad morgen zum Flughafen mitnehmen. Im Hotel Hochzeit. Wie immer am Wochenende. Auch ein Rhythmus meiner Reise. Wie immer ein Feuerwerk. Das letzte.

Finale: Elbrus und Etappe aus der Luft
Christoph Gocke auf dem Roten Platz in MoskauSonntag, 5. Oktober 2003: Flug Beslan - Moskau - Frankfurt
Am Flughafen schiebe ich mich samt Fahrrad durch den wild piependen Metalldetektor. Niemand nimmt Notiz, kontrolliert meine Taschen, das Fahrrad. Ich muss auch nichts umbauen. Bequem aber nicht sonderlich sicher, wo Tschetschenen hier Terrorakte aller Art realisieren. Strahlender Himmel über dem Kaukasus. Das Flugzeug fliegt am Gebirge entlang genau über jene 209 km, meine letzte große Etappe, die ich jetzt mit ihrer fast schnurgeraden Linie von oben sehe. Aber zum ersten Mal bei klarem Wetter vor der schneebedeckten Silouhette des Kaukasus. Schließlich taucht der Doppelgipfel des Elbrus auf (Foto unten). Mit 5.642 Metern wesentlich höher als der Mont Blanc und damit der höchste Berg Europas, wenn man - wie die Uefa und manche Geologen - den Kaukasus zu diesem Kontinent hinzuzählt. Ein grandioses Finale.

Metro-Kampf in Moskau für einen Kurztrip zum Kreml
Moskau. Vom Flughafen "Wnukowo" muss ich zu "Scheremtsewo 2". Habe aber sechs, sieben Stunden Zeit. Für einen Kurztrip zum Kreml. Ich habe weder Stadtplan, noch Führer. Weiß aber, dass ich erst mit dem Bus zur letzten Metro-Station muss und dann unterirdisch weiter. Die Dame an der Absperrung ist zwar dagegen, dass ich mit dem Fahrrad Metro fahre; als ich auf Deutsch argumentiere, meint sie nur auf Russisch: Ach, Ausländer. Und lässt mich in den Untergrund passieren. In der Bahn frage ich, wo denn der Kreml sei. Das ist sowieso die Station, wo ich umsteigen muss Richtung Norden. Obwohl ich mit Widerstand beim Wiedereintauchen in die Metro rechnen muss, steige ich aus. Und stehe mitten auf dem Roten Platz. Moskau ist viel kälter als der Kaukasus. Bedeckt. Zwei Stunden gehe und radle ich um den Kreml. Die Metro-Dame pfeift noch zwei Bodyguards hinzu. Eine ältere, Englisch sprechende Frau vermittelt. Daraufhin muss ich das Vorderrad ausbauen und darf die Absperrung passieren. Baue es hinter der Absperrung wieder zusammen. Jetzt noch 1,5 Stunden Fahrt mit Bahn und Bus zum Flughafen. Heim.


Route Budapest - Kaukasus



Blaue Linie = Touren-Route; Buchstaben = Start und Ziel der Etappen

Etappen Budapest - Kaukasus: 3. Teil

Details mit Geschwindigkeiten etc. als Excel-Tabelle

Tag Datum Start Zwischenstationen Ziel km
... ... ... ... ... ...
17. 26.9.2003 Kertsch Port Krim - Fähre - Port Kawkas Anapa 123
18. 27.9.2003 Anapa Krasnodar 167
19. 28.9.2003 Krasnodar Ust-Labinsk - Kurganinsk Armawir 224
20. 29.9.2003 Armawir Konokovo Nevinnomyssk 101
21. 30.9.2003 Nevinnomyssk Mineralnye Wody Pjatigorsk 137
22. 1.10.2003 Pjatigorsk Naltschik Wladikawkas 209
23. 2.10.2003 Wladikawkas
24. 3.10.2003 Wladikawkas Werchni Lars (Grenzstation Russland - Georgien) Wladikawkas 69
Summe 3. Teil 1030

1. Teil:
Transsylvanien, Karpaten, Moldawien
Japanische Jagd auf handbreitem Asphaltstreifen

2. Teil:
Transnistrien und Ukraine mit himmlischer Krim
Hardcore-Kommunismus umgeben von Mercedes und McDonald's

Kaukasus mit Elbrus

Überragend im Kaukasus:
der immerweiße Doppelgipfel des Elbrus (5.642 m)

Zur ganzen Tour 23: Budapest - Kaukasus (3154 km) Sept./Okt. 2003


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Tour 48: Karakorum-Highway (1010 km) 2009
Karakorum 2009
Chris Tour 51: Khartum - Addis Abeba (1760 km) 2010
Äthiopien 2010
on the Tour 58: Alpen - Prag - Berlin (2060 km) 2011
Moldau 2011
Bike Tour 59: Errachidia - Agadir (1005 km) 2012
Marokko 2012
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