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Freitag, 26. September 2003:
Kertsch - Port Krim - Fähre - Port Kawkas - Anapa (123 km) Der
durchgängige Krach im Hotel lässt mich um 6 Uhr 30 aufbrechen. Letztlich
doch zu spät für die 7 Uhr 30 Fähre über die Straße von Kertsch, die das
Schwarze mit dem Asowschen Meer verbindet und die Ukraine von Russland
trennt. Drei Stunden Wartezeit, dann rollt die kleine Autofähre von Port
Krim rüber nach Port Kawkas. Die russische Grenzsoldatin zweifelt in dem
winzigen Büdchen, ob ich derjenige sei auf meinem zwei Jahre alten
Passbild. Hauptproblem mein 20-Tage-Bart. Sie ruft ihren Kollegen. Auch
der ratlos. Was ich zunächst für einen Scherz gehalten habe, wird ein
ernsthaftes bürokratisches Problem. Ich kann auch nicht zurück, denn noch
ein ukrainisches Visum habe ich nicht. Ich biete Personalausweis und
Bahncard zum Vergleich. Ausführliche Prüfung. Ergebnislos. Nach einiger
Zeit wird die Mannschaft draußen gefragt. Noch mehr Meinungen. Der Oberste
schließlich kommt auf die Idee, die Daten meines Passes abzufragen. Name,
Geburtsdatum, Ort bekomme ich fehlerlos hin. Als er gerade klein beigeben
will, entdeckt er die wahre Lücke in meinem Pass: Es fehlt jeder Hinweis
auf meinen Ukraine-Trip. Tja, das Visum ist in meinem zweiten Pass. Um
Zeit zu sparen musste ich die Einholung der Visa auf meine beiden
Reisepässe aufteilen. Sonst hätte ich auch noch haufenweise
Express-Gebühren zahlen müssen. Schon so waren die vier Visa für
Moldawien, Ukraine, Russland und Georgien mit 250 Euro teuer genug. Für
die Ukraine gehörte zum Beispiel eine extra
Ukraine-Auslandskrankenversicherung dazu, und zwar nur die von Axa. Das
Aufwändigste und Teuerste ist aber immer noch Russland. Den Reise-Voucher
für die zwangsweise fiktiv gebuchte Reise hat die Botschaft nebst Ein- und
Ausreisekarte gleich in den Pass getackert. Ich krame also den andern Pass
heraus. Beide Pässe werden verglichen. Und dann darf ich doch rein.
Aus
unterkunftslogistischen Gründen mache ich einen Schlenker an die russische
Schwarzmeerküste. In Anapa begrüßen mich kilometerweit die Sanatorien am
Pionier-Prospekt. Doch auch im Zentrum finde ich nur Sanatorien und die
haben Null Bock auf Einzelgäste für eine Nacht. An einer Hauswand sehe ich
schließlich einen Zettel "Zimmer zu vermieten". Schon habe ich eine
Unterkunft in einer Art kleinen Pension. Nach meinem zweiten und vorerst
letzten Meerbad kurz nach Sonnenuntergang lädt mich Pensionschef Rinat
noch zu jungem Rotwein ein. Einer der Gäste: ein lettischer Autohändler,
der in Düsseldorf und Umgebung Unfall- und Schrottwagen aufkauft, um sie
in Lettland weiter zu verkaufen. Er freut sich schon, wenn im Mai Lettland
zur EU gehört. "Dann hole ich die Unfallwagen mit meinem LKW aus
Deutschland, lasse sie in Lettland reparieren und bringe sie wieder
zurück." Seine Frau ist Schulkameradin einer Bekannten von mir in ihrem
kleinen lettischen Heimatort.
Samstag, 27. September 2003:
Anapa - Krasnodar (167 km) Eigentlich ist der Weg nach Georgien
nicht mehr weit: Vor hundert Jahren wurde entlang der gebirgigen Küste die
"Schwarzmeer-Chaussee" gebaut. "Hunger-Chaussee" genannt, weil 18.000
Menschen beim Bau an Erschöpfung starben. Doch an der völkerrechtlichen
Grenze zwischen Russland und Georgien kommt man heutzutage als Tourist
nicht weiter. Maximal im bewaffneten UNO-Konvoy. Denn hier beginnt die
international nicht anerkannte, von Russland unterstützte "Republik
Abchasien". Die Abchasen haben sich in einem Krieg von Georgien gelöst,
hunderttausende Georgier zu Flüchtlingen gemacht und herrschen jetzt rund
um das schöne aber daniederliegende Schwarzmeerbad Suchumi. Meine
Email-Anfrage über die offizielle Homepage der inoffiziellen abchasischen
Regierung, ob nicht eine Ein- und Durchreise doch möglich sei, blieb
unbeantwortet. So komme ich auch nicht in das russische Schwarzmeerbad
Sotschi. Von dort könnte ich mit einer Fähre in die georgischen Häfen Poti
oder Batumi oder ins türkische Trabzon kommen. Aber ich will ja ums und
nicht übers Schwarze Meer fahren. So erreiche ich am Abend landeinwärts
Krasnodar. Die ganze Stadt ist auf den Beinen. Gefeiert werden 210 Jahre
Stadtgeschichte. Etwa so alt wie die meisten Orte in dieser Gegend:
Gegründet, als das Zarenreich sich nach Süden ausbreitete und in langem
zähen Kampf versuchte die kaukasischen Völker zu unterjochen. Die sich
etwa in Tschetschenien noch heute dagegen widersetzen. Der breite
Hauptboulevard, die "Rote Straße" ist für den Verkehr gesperrt. Bis nach
Mitternacht schieben sich die Menschen an den Verpflegungsständen vorbei.
Eine völlig entspannte Atmosphäre mit Kostümierung, Tanz, Feuerwerk.
T-Shirt-warm.
Sonntag, 28. September
2003: Krasnodar - Ust-Labinsk - Kurganinsk - Armawir (224
km) WetterOnline hat drei Tage Sonne und Temperaturen um 25 Grad
vorhergesagt. Stattdessen am Morgen plötzlich Wolken, stundenweise Regen,
kälter. Immerhin leichter Rückenwind. Entlang des Kuban durch die nach ihm
benannte Steppe. Weiter entlang der Laba. Flüsse, die sich im platten Land
dahinschlängeln. Schöne Nebenstrecke. Bis ich kurz vor dem Tagesziel
Armawir auf den "Fad Kawkas" treffe. (Foto links) Der lange Treck bis zum
Kaspischen Meer, laut km-Markierung noch 839. Immer entlang des Kaukasus,
von dem ich aber wegen des verhangenen Himmels tagelang nichts sehe. Knapp
400 km werde ich mehr oder weniger auf dieser Straße bleiben, die hier
vierspurig fast zur Autobahn ausgebaut ist.
Montag, 29.
September 2003: Armawir - Konokovo - Nevinnomyssk (101 km) Das
bedeckte Wetter, die weiten flachen Etappen machen den Start Morgen für
Morgen schwer. Ein Mosaik an der Bushaltestelle verkündet: 1.003 km bis
Baku. Sowjetische Dimensionen. Eine kleine Steigung: Die Straße führt über
die Eisenbahn. Ich steige aus dem Sattel und sehe die Hinterradbremse hin
und her zucken. Kein gutes Zeichen. Bis oben wird's noch reichen. Denke
ich. Da sehe ich das Hinterrad völlig rumeiern. Absteigen. Schieben. Die
Brücke runter. An den Rand.
Zwei Speichen sind
gebrochen. Außer bei zwei neuen Rädern, von denen ich nicht wusste, dass
man maschinell eingespeichte Räder nach den ersten Kilometern justieren
muss, ist mir nie eine einzige Speiche gebrochen. Ich habe keine
Ersatzspeichen dabei. Da die beiden gebrochenen Speichen auf einer Seite
direkt nebeneinander hängen, versetze ich eine Speiche. Premiere.
Misslungen. Beim Justieren bricht die dritte. Jetzt wird's kritisch. Ich
baue vorne zwei Speichen aus, setze sie hinten ein. Tausche bei der
Gelegenheit gleich den abgefahrenen hinteren Mantel nach vorne. Beim
Pumpen bricht die Pumpe. Das Kabel vom km-Zähler reißt. Die
Hinterrad-Bremse muss gelockert werden. Irgendwie fährt nach drei Stunden
Reparatur das Fahrrad weiter. Für eine Premiere gut, für eine Fahrt über
den Kaukasus miserabel. Bei der Einfahrt in die nächste Stadt,
notgedrungen schon das Etappenende. Zum ersten Mal ein Hinweis, nach dem
ich wegen eines gerissenen Schaltzugs schon lange suche: "Velocipedi" -
Fahrräder. In einer Lagerhalle stapeln sich 15 Meter hoch Räder aus
Weißrussland, Russland, Ukraine. Aber keine Ersatzteile. Selbst die Pumpe
ist nicht kompatibel. Auf dem großen Markt gebe es morgen früh vielleicht
was. Das Hotelpersonal weiß noch von einem Auto-/Fahrradladen "Kometa", 6
km am andern Ende der Stadt. Minuten vor Schließung komme ich an. Immerhin
eine Pumpe, aber keine Speichen oder Schaltzüge. Die Pumpe versagt dann
vor dem Hotel, schließlich gelingt es mir meine alte Pumpe, die inzwischen
in fünf Teile zerlegt ist, wieder zusammenzukleben.
Dienstag, 30. September
2003: Nevinnomyssk - Mineralnye Wody - Pjatigorsk (137 km) Zwei
Männer in Schwarz fragen mich auf dem Markt fordernd nach meinen
"Dokumenti". Zücken ihre Ausweise. Ich sage auf Deutsch, dass ich momentan
weder Zeit noch Nerven für so was hätte. Sie lassen mich in Frieden
ziehen. Tatsächlich zwei, drei Händler haben Fahrradartikel im Sortiment
und einer Speichen in der gesuchten Länge. Und einen Schaltzug. Dann
Höllenradeln. Frontaler Gegenwind auf ebener Strecke. Das fordert so viel
Kraft, Wille, Energie. Mehr Pausen. Mehr Essen. Als die Straße für die
letzten 20, 30 km endlich nach Süden biegt, dreht der Wind mit. Weiter
frontal entgegen. Pjatigorsk entschädigt. Nachdem die halbstündige
Essenpause des Hotel-Administrators abgewartet ist. Der größte Kurort in
der mineralwasser-reichen Gegend um Mineralnii Vodi. Viele berühmte
russische Dichter haben in Pjatigorsk gekurt. Lermontow ist hier im Duell
erschossen worden, nachdem er selbst demonstrativ in die Luft geschossen
hatte. Der bergige Ort hat viele Bauten aus dem 19. Jahrhundert.
Badehäuser, Cafes und ein "Institut für Kurortologie". Auffallend im
Gegensatz zur Ukraine die völlige Abwesenheit von McDonald's und die sehr
viel höheren russischen Preise. Für westliche Verhältnisse immer noch
günstig. Der Besitzer des Internet-Cafes ist von seiner großen Liebe,
einer Frau in Hannover, bitter enttäuscht worden. Er fährt dennoch für
mich noch einmal den Computer hoch, damit ich wenigstens eine kurze Notiz
auf die Homepage setzen kann. Mein Instant-Diary reduziert auf die nackten
km-Zahlen. Im Bar-Cinema neben dem Hotel ist ein deutscher Film
angekündigt: Good Bye, Lenin. Der thront hier immer noch über den
Kurgästen.
Mittwoch, 1. Oktober
2003: Pjatigorsk - Naltschik - Wladikawkas (209 km) Anfangs ein
paar Anstiege. Dann wieder flach weiter. Die Sonne kommt raus. Rückenwind.
Es läuft wunderbar. Ich komme in die autonomen kaukasischen Republiken.
Adigea und Karatschai-Tscherkessien habe ich nur gestreift, jetzt geht's
mitten durch Kabardino-Balkarien und seine Hauptstadt Naltschik. An der
Grenze zu Nord-Ossetien/Alanja ist sogar eine Kontrollstation. Ich werde
handschriftlich registriert. Der erste Miliz-Kontakt. Obwohl ich schon
seit Tagen durch Gegenden radle, wo tschetschenische Attentäter in den
vergangenen Wochen mehrfach mit Anschlägen viele Menschen getötet haben.
Ossetien grenzt direkt an Tschetschenien und Inguschetien. Ein breites
Beton-Denkmal (Foto rechts): Hier stoppte die Rote Armee im Herbst 1942
die Wehrmacht. Gut 100 km vor der tschetschenischen Hauptstadt Grosny,
nach fast 400 km auf dem "Fad Kawkas", biege ich ab in den Kaukasus
Richtung Tbilissi. Letzte russische Station: Wladikawkas. Bei der
Einfahrt in die Stadt kommt mir als Assoziation "Bloodykavkas", aber ich
sehe keinen Link zu meiner Tour. Eigentlich bedeutet Wladikawkas "Königin
des Kaukasus". Was ich von meiner ersten Fernseh-Live-Schalte weiß. Vor
genau zehn Jahren für RTL. Aus dem Westfalenstadion vor dem Uefa-Cup-Spiel
Borussia Dortmund gegen Spartak Wladikawkas. Inzwischen "FC Alania Vladikavkaz".
Damals fragte ich den Dortmunder Co-Trainer nach den Gefahren in Ossetien.
Heute nehme ich intuitiv schon beim ersten Hotel das Fahrrad gleich mit
zur Rezeption, während ich es sonst immer kurz unbeaufsichtigt vor dem
Eingang stehen ließ. Das "Hotel Kavkaz", in dem schwer bewaffnete Soldaten
in schusssicherer Weste die Gäste kontrollieren, nimmt keine Ausländer
auf. Mir bleibt offensichtlich nur das erste Hotel am Platze, das
zehnstöckige "Vladikavkaz". 40 Dollar soll das Zimmer kosten, es werden
aber nur 30 abgerechnet. Als ich im Zimmer als erstes vergeblich versuche,
die mehr oder weniger offen stehende Balkontür zu schließen, quietscht es
hinter der Heizung. Was ich zunächst für einen Frosch halte, erweist sich
als Fledermaus, die der Hotelsecurity-Mann als Trophäe mit in die Lobby
trägt. Weil die Balkontür sich nicht schließen lässt und von jedem anderen
der rund 20 Zimmer auf dieser Etagenseite ohne jede Artistik zu erreichen
ist, nehme ich meinen Zweitpass mit und auch mein Handy, mit dem ich noch
eine SMS verschicken will.
Merkwürdige Gesellen am
Friedensprospekt Kurz nach 22 Uhr verlasse ich das Hotel (Foto
links) über die Fußgängerbrücke Richtung Innenstadt. Verdammt dunkel. Auf
dem "Prospekt Mira", Friedens-Prospekt, fahren keine Autos, ein paar
Fußgänger verlieren sich im Dunkel, hier und da ein paar
Sicherheitskräfte. Eine leicht gespannte Atmosphäre. Im völlig leeren
Gartenrestaurant Imperial werde ich mit Metalldetektor abgetastet. Dann
kann ich draußen sitzen und gut essen. Beim Verlassen fällt mir das dazu
gehörige Hotel auf. Ich habe es beim Radln in der Stadt übersehen, weil
die Lampe vor dem Hotelschild nicht leuchtet. Wahrscheinlich wäre ich hier
besser aufgehoben gewesen. Gesehen hatte ich auf der andern Seite des
Friedens-Prospekts an der Straßenecke direkt gegenüber vom Lenin-Denkmal
Cyberland, das Internet-Cafe. Kurz vor Mitternacht gehe ich die Stufen
hinab zum Eingang. Die Tür ist zu, aber es brennt Licht. Ich klopfe. Ein
kleiner blonder Junge, maximal 15 Jahre alt, kommt an die vergitterte
Glasscheibe. Er erklärt mir, sie seien vom Cafe-Chef eingeschlossen, aber
der käme gleich wieder. Meine Frage, was er denn mache, wenn er jetzt nach
Hause wolle, versteht er nicht. Vor dem Cafe streiten sich Jugendliche auf
dem Friedensprospekt. Auch sie warten irgendwie auf den Cafe-Chef. Ein
anderes Internet-Cafe gebe es jedenfalls nicht, das jetzt noch auf habe.
Gegen Mitternacht kommt der Chef. Computer-Spiele könne ich ja machen,
aber das Netz funktioniere nicht. Morgen früh wieder. Ich gehe auf die
Staße. Ein Junge, "Arslan", vielleicht 20, spricht mich an. Ja, er kenne
da noch ein Internet-Cafe, das geöffnet sei. Er führt mich den
Friedensprospekt entlang, weiter vom Hotel weg. Ein, zwei Cafes tauchen
auf, geschlossen. Ich mache kehrt, sage, dass ich zurück zum Hotel wolle.
Der Junge begleitet mich. Ein zweiter taucht auf. Hält sich ein paar Meter
hinter uns. Kein gutes Zeichen. Ich nehme Kontakt zu ihm auf. Sein linkes
Auge ist ganz weiß mit einem kleinen roten Fleck drin. Um sie
abzuschütteln gehe ich in eine Kneipe. Auf drei Bildschirmen laufen zwei
Champions-League-Spiele. Alles ist duster. Ich gehe wieder raus. Die
beiden mit. Sie begrüßen eine Clique mit Handschlag und Kuss auf die
Wange. Bereden irgendwas. Meine Bedenken steigen. Habe kurz den Impuls,
einfach loszurennen, wegzurennen zum Hotel. Hätten die keine Chance.
Erscheint mir aber zu lächerlich. Als wir am Gartenrestaurant ankommen,
verabschiede ich mich überraschend ins Cafe. Arslan hält noch ein bisschen
meine Jacke fest. Ich sage, er soll das seinlassen. Der Mann mit dem
Metalldetektor ist nicht mehr da. Ich gehe auf Toilette. Habe Angst.
Überlege, ob ich jemanden vom Restaurant zu Rate, zu Hilfe ziehen soll.
Aber die Anlage ist so weitläufig, anonym. Ich bin zu nervös. Ein bisschen
geschafft von den 209 km heute. Nehme mir nicht die Zeit, mich
hinzusetzen, nachzudenken. Es sind keine 500 Meter bis zum Hotel. Es gibt
einen zweiten Ausgang vom Gartenrestaurant, der den Weg zum Hotel noch
verkürzt, aber der ist inzwischen zu. Als ich über den kaum beleuchteten
Hof zum richtigen Ausgang zurückgehe, spricht mich der Parkwächter an, ob
ein Auto mir gehöre. Ich überlege, ob er mir helfen kann. Habe keine Idee.
Vor dem Eingang steht ein Auto, kein richtiges Taxi, aber es könnte etwas
Ähnliches sein. Fahren wäre ein riesiger Umweg. Und meine Rubel-Vorräte
sind runter gefahren. 35 km vor der georgischen Grenze. Ich gehe weiter.
Der unüberraschende
Überfall An der Ecke stehen Leute. Ich könnte warten, bis sie
vielleicht ebenfalls Richtung Hotel spazieren. Gehe weiter. Allein. Die
Straße zur Fußgängerbrücke wird zum schmalen Weg. An dessen Ende sehe ich
jemanden von einer zur andern Seite springen. Ich darf hier niemals
weitergehen. Und tue es trotzdem. Es ist die verlockend kurze Entfernung
zum Hotel, die Müdigkeit und gleichzeitig die Überschätzung der eigenen
Kräfte. Mir ist völlig klar, was mich erwartet. Und überhaupt nichts.
Links sitzt einer in der Dunkelheit auf dem Boden. Da stürzt hinter dem
letzten Vorsprung eine schwarze Gestalt hervor. Während ich schon laufe.
Zu spät. Er prallt voll gegen mich. Ich kann fast noch nach vorne
entkommen. Der Junge am Boden ist aufgesprungen. Von hinten kommt ein
Dritter. Ich bin am Boden. Vor allem mit dem Kopf. Bäume ich auf. Schreie
um Hilfe. Werde niedergeschlagen. Habe jetzt Angst. Um alles. Mein Gesicht
schrappt über den steinigen Boden. Eine Winzigkeit in mir genießt die
Keilerei. Ich darf zurückschlagen. Noch einmal bäume ich mich auf. Während
ihre Hände in meine Tasche greifen. Mit meiner linken Hand versuche ich
die Tasche mit Handy, Uhr, Hotel- und Fahrradschlüssel zu sichern. Davor
in einer Extratasche mit Klettverschluss der Pass mit dem georgischen
Visum. Der mit dem russischen liegt noch an der Rezeption. Das
Portemonnaie in der hinteren rechten Tasche ist trotz Reißverschluss nicht
mehr zu retten. Bäume mich nochmals auf. Kann drei, vier Mal "Hilfe"
rufen. Dann schlägt mein Kopf wieder auf den Weg. Ich spüre Dreck zwischen
den Zähnen. Einer reißt mir das Handy aus der Hand in der Tasche. Im
selben Augenblick suchen sie wie auf ein Kommando das Weite und ohne mich
umzusehen, ihnen nachzuschauen, renne ich torkelnd die 150 Meter über die
Brücke zum Tresen der Hotelrezeption, wo die junge Frau telefoniert. Sie
spricht schon mit der Polizei. Vielfach blutend brauche ich nichts zu
erkären. Kann mich kaum am Tresen halten. Der alte Security-Mann bringt
mich stützend zur Sitzgruppe. Im selben Moment stürmen fünf Soldaten die
Hotelhalle. Zwei sind sofort wieder draußen. Als sie irgend etwas rufen,
stürzen die andern hinterher. Zwei ältere Frauen - die eine im weißen, die
andere im grünen Kittel - stehen vor den Sesseln. Die grüne öffnet eine
runde Blechdose, tupft in meinem Gesicht. Auf meiner Hose Blut und Dreck.
Jetzt spüre ich Wunden am Hinterkopf. Blut tropft auf meine kapuzenlose
Regenjacke. Ich kann meinen Kopf nicht mehr richtig drehen. Dennoch jubel
ich innerlich über meinen geretteten Georgien-Pass und Fahrradschlüssel:
Die Fahrt kann weiter gehen. Wann auch immer. Zwei Männer in Schwarz sind
zur nächtlichen Zuschauergruppe gestoßen. Sie haben Fragen zur Tat. Auf
dieser oder auf der andern Seite der Brücke. Wann genau? Wie viele? Was
habe ich erkannt? Nichts habe ich erkannt. Im Krankenhaus: Angst
vor "Rentgen" Zu dem bebrillten, dünnen Untersuchungsrichter Grant
und dem jungen, Lederjacken-Kriminalpolizisten Omar stößt noch dessen Chef
Ruslan. In schwarzem Sakko über schwarzem Pullover. Etwas widerwillig
stimmen sie zu, als die Ärztin mich ins Krankenhaus transportieren will.
Sorgen macht mir der abhanden gekommene Zimmerschlüssel und die offene
Balkontür, als ich das Hotel auf unbestimmte Zeit verlasse. Ein alter
Krankentransporter steht bereit. Ich falle dankbar, auf die orangene
Plastikliege, wo ich endlich in der Horizontalen bin. Allein. Und keine
russischen Fragen beantworten muss. Durch eine Luke im Dach schwebt das
ein oder andere Licht an mir vorbei. Beim Ausstieg kann ich mich halbwegs
aufrecht halten. Mein Nahziel im Krankenhaus: Auf keinen Fall hier
stationär landen. Daran sind, wie ich bald merke, auch die drei
Kriminalbeamten interessiert. Nur leichten Widerstand leiste ich, als mir
Blut abgenommen wird. Reaktionen an Beinen und Händen werden geprüft.
Spritzen lehne ich ab. Niemand interessiert sich für die Wunden. Dann
schleift man mich zum nächsten Saal. "Rentgen" lese ich auf Kyrillisch.
Auch wenn ich von einem Autounfall weiß, dass unter Schock viele
Verletzungen nicht bemerkt werden, steigert sich hier meine
Widerstandskraft. Zumal, als ich sehe, dass das einzige, was hier jünger
als 30 Jahre zu sein scheint, ein silberner Bleiumhang ist. Widerstand
erfolgreich. Jetzt die Bürokratie. Ich muss mehrere Unterschriften
leisten. Meine rechte Hand will nicht so recht. Im Rausgehen trinke ich
aus dem nächstbesten Wasserhahn. Im Spiegel sehe ich mein
Blut-Dreck-Gesicht. Ich knie mich vors Waschbecken, weil ich mich anders
nicht halten kann. Alle finden es normal, dass ich jetzt selbst meine
Wunden auswasche. Erst als wir schon fast wieder durch den langen
Kellergang nach draußen gehen, rügt Kripo-Chef Ruslan die Ärztin. Die holt
eine dunkelgrüne Tinktur, verteilt sie großflächig auf Nase und
Hinterkopf, der dann noch einen Verband bekommt. Die lebende
Totenmaske vom Roten Platz im Polizeipräsidium
Zurück zum Tatort (Foto rechts - 60 Stunden später). Ich darf
im Polizeiwagen schließlich vorne sitzen, wo Kopfstützen sind, die mein
Hals dringend braucht. Schmerzen wie bei einem Schleudertrauma. Gurte
nicht vorhanden. Gegen zwei Uhr liegt der Tatort im Scheinwerferlicht des
Ladas. Schon aus dem Auto erkenne ich meinen grünen Kuli. Dann den
Hotelschlüssel. Auch der Hotelausweis liegt im Dreck und meine Uhr.
Ziemlich ramponiert. Und mehr Blut als gedacht. Ich fühle mich nicht wohl
hier. Auf meine Initiative fahren wir zum Cyberland, hier "Ssieberländ"
ausgesprochen. Wieder zu. Irgendwann wird geöffnet. 2 Uhr 30. Die kennen
sich alle. Gehören zum Milieu. Der kleine, blonde Junge schießt immer noch
durch Gänge und Höhlen. Ihn halte ich für ok, aber er hat die andern
gesehen. Er wird separat verhört. Wichtigster Anhaltspunkt: meine
Beobachtung mit dem kaputten Auge. Aber offenbar kein Ergebnis. Dann
verschwinden die Kripos draußen mit dem Cyberland-Chef. Er darf wieder
alle einschließen. Mich incl. Noch einer spielt, andere liegen quer über
drei Stühle. Aus ihrem Kopfhörer dröhnt immer noch Musik. Wir fahren zum
Polizeipräsidium. Ein zweistöckiger, klassizistischer Bau. Die Straße
davor durch Betonblocks abgesperrt, bewacht in schusssicherer Weste.
Drinnen scheint die Zeit stehen geblieben. Auf dem Schrank im Zimmer von
Kommissar Omar begrüßt uns ein großes schwarz-weißes Porträt. "Unser
Präsident", sagt der Kommissar. Die kleine CCCP-Flagge an der Brust habe
ich gesehen, das Gesicht sagt mir nichts. Obwohl es zu einer scheinbar
ewig unvergänglichen Ikone der 70er Jahre gehört: Leonid Breschnew. Aber
mit einem derart schmalen, jungen Gesicht habe ich ihn nie gesehen. Auch
nachdem ich es weiß, kann ich es nicht mit der lebenden Totenmaske vom
Roten Platz übereinbringen.
Irgendjemand muss geweckt
werden. Und es dauert, bis er kommt. Offensichtlich wird er für das
Protokoll gebraucht. Vorsorglich setze ich schon mal eine zweisprachige
Liste der geklauten Gegenstände zusammen. Niemand spricht in dieser Nacht
etwas Anderes als Russisch. Und mein kleines Wörterbuch ruht im
Hotelzimmer. Ich frage nach der Toilette. Ein geräumiges Zimmer. In einer
Ecke das Stehklo, in der anderen ein paar Mülltüten, zwischen die sich
sofort eine Maus flüchtet, auf der linken Seite ein Waschbecken. Alles
verdreckt. Wie muss es erst im Gefängnis aussehen. Als der mittelalte Mann
endlich in eng sitzender etwas in die Jahre gekommener Uniform auftaucht,
gibt er nur dem Lederjacken-Kripo ein paar Hinweise, wie das kaum noch
lesbare Formblatt auszufüllen ist. Dann ist er wieder weg, auch Kripo-Chef
Ruslan verabschiedet sich. Und Omar quält sich von Geburtsdatum zu
Geburtsort. Als ich schließlich weitere Unterschriften geleistet habe,
kommt ein Blanko-Blatt für zum Vorschein, auf das er oben in die Mitte mit
ruhiger Hand "Raport" schreibt. Einzige Technik in diesem Raum ein altes,
weißes Plastiktelefon. Nach einer halben Stunde Vorgeschichte (Beruf etc.)
sind wir endlich beim Beginn meiner Fahrradtour. Ich soll alle Städte
aufzählen, die ich durchfahren habe. Seit Budapest. Ich beschränke mich
auf die Länder und die russischen Übernachtungs-Orte. Für den Tathergang
selbst reichen dann ein paar Zeilen. Dazu werde ich gar nicht mehr
befragt. Dann muss ich einen russischen Satz, den ich genauso wenig wie
den Rest des Raports verstehe, Buchstaben für Buchstaben ab- und das Ganze
unterschreiben. Ich hoffe, endlich gehen zu können. Ein Mann bringt mich
nach unten. Zu Untersuchungsrichter Grant. Der hat einen nagelneuen
Computer. Druckt gerade etwas auch, was ich auch noch unterschreiben muss.
Nur ich habe immer noch kein einziges Dokument bekommen. Werde auf den
Verlauf des Tages vertröstet. Soll wiederkommen. Um acht wollen sie mich
schon wieder abholen. Dann soll noch irgend etwas passieren. Ich
protestiere. Kann nicht mehr. Grant will schließlich meine
blutverschmierte Regenjacke. Als Beweisstück. Für die Asservatenkammer.
Ich gebe sie nicht her. Habe nur diese eine dabei. Will noch in die Berge.
Jetzt ist Schluss. Ich werde in einen Milizia-Streifenwagen verfrachtet,
der nach einigen Versuchen auch anspringt. Im Hotelflur begrüßt mich die
Etagendame mit den Worten, warum ich denn auch so spät noch hötte
rausgehen müssen. Ich mache ein Foto mit dem Selbstauslöser. 5 Uhr 18.
Donnerstag, 2. Oktober.
Der lange Kampf ums
Protokoll
Donnerstag, 2. Oktober
2003: Wladikawkas Keine Auge zugemacht. Zu viele Schmerzen, zu
viele Gedanken. Außerdem zu kalt durch die unabschließbare Balkontür. Um 7
Uhr 50 sitze ich beim Frühstück, bis 8 Uhr 15 warte ich an der Rezeption.
Polizeikommissar Omar kommt nicht, wie angekündigt. Gelegenheit, Alexandra
in Mainz anzurufen: Kreditkarten, EC-Karte, Handy-Karte. Sie wird alles
sperren. Super. Ich finde tatsächlich noch eine Kreditkarte im Gepäck.
Hoffentlich stimmt die PIN. Kassensturz aller Restverstecke: Mir bleiben
263 Dollar. Genug zum Weiterreisen, zu wenig zum Heimfliegen. Ich lege
mich hin. Aber immer bereit für die Polizei. Den ganzen Tag über kann ich
immer nur ein kurzes Kapitel lesen, dann fallen die Augen zu, will der
Kopf nicht mehr. Liegen geht schlecht, weil der ganze Oberkörper schmerzt.
Wegen der Gesichtswunden auf der linken Seite kann ich nur auf der rechten
liegen. Das Schöne am Bösen: Ich mich unschuldig fühlen. Trotz aller
Dummheit: unschuldig, bemitleidet. Erst nach Mittag kommt Kripochef Ruslan
mit weißem Hemd, Sakko und einem Kollegen in mein Hotelzimmer. Nur so.
Nichts Neues. Hauptsächlich wollen sie mich so lange wie möglich in
Wladikawkas halten, als Zeugen. Deshalb stellt er mir weitere
Polizeibesuche für den Abend und den Morgen in Aussicht. Ich frage ihn, ob
die Grenze nach Georgien auf sei. Die Damen an der Rezeption sind da
unterschiedlicher Ansicht. Er meint, da gäbe es keine Probleme. Abends
kommt tatsächlich Untersuchungsrichter Grant. Fatima von der Rezeption,
die sehr gut Deutsch spricht, übersetzt. Aber nur dann, wenn gerade nichts
zu tun ist. Und das ist selten. Vor allem Militär- und Milizfunktionäre
checken ein und ein. Ich kann mich nur mühsam aufrecht halten, außerdem
zieht es kalt durch die Lobby. Grant möchte es genau wissen. Er beschränkt
sich auf die Tat. Die aber in allen Einzelheiten, wie die genaue
Aufteilung meiner Dollarscheine und was nun genau eine Bahn-Card sei.
Wieder viele Unterschriften. Fatima muss fast genau so oft ran wie ich.
Dann erklären wir Grant, dass ich unbedingt eine Bestätigung über den
Überfall bräuchte mit einer Liste aller gestohlenen Dinge. Ich schlage
vor, einfach das gerade gemachte Protokoll zu kopieren. Das scheitert
nicht nur daran, dass der einzige Kopierer des Hotels im abgeschlossenen
Chefzimmer steht, sondern auch daran, dass Grant argumentiert, das sei
doch ein offizielles Dokument. Das gehe nicht. Aber bis morgen früh um 11
werde er das erledigen. Hoffentlich. Fatima hat für mich telefoniert und
ist danach leider auch der Ansicht, dass die Grenze geschlossen sei. Ich
will es trotzdem versuchen. Morgen. Warne aber Tanja in Borjomi
telefonisch vor, dass ich es vielleicht über die letzte Grenze nicht
schaffe.
Zur letzten Grenze: Russland-Georgien... Freitag,
3. Oktober 2003: Wladikawkas - Verchnii Lars (Grenzstation Russland -
Georgien) - Wladikawkas (69 km) Ich habe ganz gut geschlafen, sogar
ein bisschen ausgeschlafen, denn ich kann erst weiterfahren, wenn ich das
Protokoll habe. Und nach einigen Aspirin. Omar kommt vor dem Frühstück. Er
präsentiert einen extrem kurz geratenen Schrieb von Untersuchungsrichter
Grant. Daraus geht nicht einmal das Datum des Überfalls hervor. Geschweige
denn, was mir gestohlen wurde. Bis 11 Uhr will er es erledigen. Ich wasche
Blut- und Dreckreste aus Hose und Pullover. Staune, dass nichts kaputt
ist. Fahrrad-Check: Eine Speiche droht aus der Felge zu brechen. Ist schon
fast durch. Ich drehe etwas Spannung raus. Punkt 11 steht Grant in meinem
Zimmer. Mit einer offiziellen Bestätigung über alles, was fehlt: Handy,
120 US-Dollar, 100 Euro, 220 Rubel, Kreditkarten, EC-Karte, Bahn-Card,
Euro-Check, Personalausweis, Einreisekarte, Führerschein, Presseausweis.
Gegen ein paar Unterschriften bekomme ich sogar ein zweites Schreiben. Es
kann weitergehen. Zunächst zur Überfallstelle direkt gegenüber vom Hotel.
Werfe einen Blick in den ein oder anderen Papierkorb, ohne echte Hoffnung,
etwas von mir zu finden. Rolle mit gemischten Gefühlen aus der Stadt. Ein
Mann steht neben seinem Auto und ruft: "Stoi! Stoi!" Stopp! Stopp! Ich
fahre weiter. Ein paar hundert Meter weiter steht er wieder da, samt Auto,
und versucht noch eindringlicher mich aufzuhalten. Weiter.
Vom Ausgang der Stadt
wieder direkt am Terek entlang, der auch vor dem Hotel Vladikavkaz
vorbeifließt. Bald verengt zu einem Tal mit schroffen Felsen und kleinen
Bäumen. Hier und da Soldaten. Sie finden es normal, dass ich nach Tbilissi
fahren will. Ein gutes Zeichen. Lange warte ich auf ein entgegenkommendes
georgisches Auto, das ich für den letzten Beweis einer offenen Grenze
halte. Schließlich kommt eines. Ich juble. Restzweifel bleiben. Hier und
da Scharfschützen. Der Fluss bildet hier die Grenze zu Tschetschenien. Ein
Panzerwagen steht quer. Ein Gitter. Ein russischer Motorradfahrer wird
registriert. Ich nicht. Denn, so der Soldat: In acht Kilometern sei
sowieso Schluss für mich. Für nicht GUS-ler, wie mir der Motorradfahrer,
der auch ums Schwarze Meer rum will, erläutert. Meine Hoffnung sinkt. Das
Tal immer weniger flach ansteigend. Mit Rückenwind recht flott zu fahren.
Die Schmerzen stören nicht. Eher die Hunde-Attacken. Dicke, fette, große,
weiße Doggen. Im letzten winzigen Ort vor der Grenze zwei direkt
hinternander. Obwohl gerade jetzt hinter mir ein kleiner Bus folgt und
zwei Wagen entgegenkommen, weiche ich auf die andere Straßenseite aus in
der Hoffnung, die Hunde abzuschütteln. Nix. Sind schneller als der Bus,
der erste Wagen weicht aus, der zweite aber erwischt den ersten Hund genau
in der Mitte. Ich kann meinen Kopf zwar kaum drehen, sehe aber in den
Augenwinkeln wie der Wagen vom Hundekörper hochbefördert wird, runter
poltert und der Hund sich dabei dreht. Der Wagen fährt ungerührt weiter.
Stille. Und dann ein langer, wehmütiger Seufzerheuler. Die "special
forces" greifen ein Das Tal verengt sich weiter. Verchnii Lars.
Grenzstation. Wartende Autos vor dem ersten Grenzzaun, den zwei Soldaten
geschlossen halten. Ein paar Autos vor dem zweiten Grenzzaun. Dahinter die
eigentlichen Kontroll-Baracken an deren Ende Weiß auf Rot alles überragend
"Duty Free" zu lesen ist. 1997 hatten die Russen mal die Grenzstation
kurzfristig um 1300 Meter Richtung Georgien versetzt. Und nach ein paar
Monaten und internationalten Protesten wieder zurückversetzt. Es ist kurz
nach eins. Pause an der Grenze. Grüne, tarngrüne, graublaue Soldaten und
manche Wagen passieren gelegentlich den ersten Grenzzaun. Manche erklären
hier sei für mich kein Durchkommen. Weit mehr Zuversicht als ich haben die
georgischen Fahrer. Das wird schon. Meint vor allem Kisho, der mit dem LKW
nach Armenien will. Ich müsse nur warten. Er will mich - wie vorher schon
einige - zu Kaffee, Tee, Essen, Bier, Wein einladen. Ich lehne ab, weil
die Position direkt am Grenzzaun meine letzte Hoffnungsbastion ist. Kisho
hat sieben Jahre in Karlsruhe gelebt, spricht halbwegs Deutsch. Seine Frau
arbeitet in Georgien für ein deutsches Öko-Projekt der Uni Göttingen.
Eingeladen in Tiflis bin ich sowieso. Allgemeines Mitleid mit meinem
Überfall. Es wird immer kälter. Ich fange an zu zittern. Wir sind auf etwa
1.000 Meter. Gegen 15 Uhr kommt Bewegung in den russischen Grenzapparat,
auch wenn kein Tor wirklich geöffnet wird. Ich bekomme noch einmal quasi
offiziell mitgeteilt, dass ich nicht über die Grenze darf. Einzige
Reise-Möglichkeit von Russland nach Georgien für nicht-GUS-ler: Mit dem
Schiff von Noworossijsk oder Sotschi an der Schwarzmeerküste entlang nach
Poti in Georgien. Fritz Pleitgen ist bei seiner Reportage-Reise "Durch den
wilden Kaukasus", der jetzt als Endlosschleife durch die Dritten Programme
der ARD wabert, hier mit allen möglichen Sondergenehmigungen und
stundenlangen Kontrollen durchgekommen. Das war 2000. Die georgische
Botschaft in Berlin hatte mir in einem langen Telefonat versichert, dass
ich die Grenze an dieser Stelle passieren könne. Nur der russische Teil
der Strecke sei möglicher Weise gefährlich. Der Gegencheck bei der
russischen Botschaft und deren Konsulaten blieb irgendwann, irgendwo
stecken, als selbst eine 3,86 Euro/Min. teure offizielle Hotline immer nur
besetzt war. Und es war eben nicht die einzige Unwägbarkeit, die es zu
recherchieren galt. Den Leiter der Grenzstation darf ich nicht sprechen.
Die Georgier geben nicht
auf. Kisho fragt, wie viel Geld ich noch hätte. So etwa 100 Dollar. Dann
würden halt die Fahrer für mich sammeln, um die Grenzer zu schmieren.
Schon steckt er mir einen 500-Rubel-Schein, fast 20 Euro, in die
Lenkertasche. Widerstand zwecklos. Doch dann kommt irgendeine Nachricht,
die auch Kishos Zuversicht erheblich reduziert. Weil es wirklich
aussichtslos scheint und ich nur noch zittere, willige ich jetzt auch ein
zu einem Tee. Schnell lasse ich mich noch fotografieren (Foto rechts). Was
an jeder Grenze der Welt verboten ist. Auch hier. Ich glaube nichts zu
verlieren zu haben. Kaum ist das Foto gemacht, stürzen die Soldaten
herbei. Zu spät. Kisho hat ein paar fettige Fladen für mich auf den Tisch
vor dem Camping-Kiosk gestellt. Als wir anfangen wollen zu essen, kommen
zwei Soldaten in blaugrauer Uniform. An der Stelle auf der Schulter, wo
bei allen anderen die russische Flagge und "ROSSIJA" zu sehen sind, prangt
bei ihnen nur ein "special forces". Sie meinen, ich solle mal mitkommen.
Kisho sagt sofort, ich solle mitgehen. Neue Ungewissheit. Neue Hoffnung.
Am ersten Grenzzaun. Ich darf durch. Muss dort allerdings Fahrrad samt
Gepäck zurücklassen. Werde die nächsten 30, 40 Meter in einem grauen Lada,
der schon fast wie ein Volvo aussieht, gefahren. Das zweite Grenztor
öffnet sich. Jetzt bin ich bei der Abfertigung. Ein älterer Herr im
Nadelstreifenanzug mit blauem Hemd und Krawatte widmet sich mir. Er
scheint so was wie der Chef der "special forces" zu sein. Meine
Überfalls-Bescheinigung von Untersuchungsrichter Grant weckt allgemeines
Hilfsbedürfnis. Sie wollen mich über die Grenze bringen. Keine zehn Meter
weiter ist das letzte Grenztor. Ich könnte einfach loslaufen. Aber es ist
zu. Der ältere Herr geht mit seiner jungen Mannschaft und mir zu einem
grünen Soldaten. Offenbar der Leiter der Grenzstation, der über Funk meine
Bitte nach einem Gespräch abgelehnt hat. Doch auch jetzt: Njet. Damit gibt
die blaugraue Mannschaft auf. Ich werde zur Toilette geführt zum
Händewaschen. Ein Handtuch wird gereicht. Schon sitze ich in einem
Container an einer prall gefüllten Tafel mit all den Leckereien der
russischen und kaukasischen Küche. Ein Teller nach dem andern wird mir
vorgesetzt. Ich esse, esse, esse. Gegen die Kälte, gegen die Schmerzen,
gegen den Frust. Eine Art Henkersmahlzeit für das Ziel der Tour. Abschied
von der Kaukasus-Überquerung. Zumindest hier und jetzt. 180 km vor Tiflis.
Ich komme nicht nach Borjomi. Die Bilder, von denen ich gelebt habe, auf
die ich hin geradelt bin: fading. Delete. Ich versuche die Endstation zu
genießen. Bin weit gekommen. Tomaten, Käse, ein
ganzes Brot, Hähnchen, Gurken, eine 1,5-Liter-Flasche Mineralwasser: alles
wandert zum Abschluss in eine Plastiktüte, die mir Vaha von den special
forces mitgibt. Sie fahren mich zurück zum Fahrrad. Ich kann die Tüte kaum
verstauen. Kisho versucht noch mir eine Unterkunft in Wladikawkas zu
vermitteln. Wieder ein großer Kreis um mich. Ich danke. Und fahre abwärts
gegen den Wind. Bin warm vom Essen. Nach drei, vier km nähert sich Vaha
mit Kollege im Lada. Ich soll aufpassen. Von der tschetschenischen Seite
werde schon mal geschossen. Ob sie neben mir fahren sollen. Nein. Danke.
Wenn es wirklich gefährlich wäre, hätten sie mich wohl früher gewarnt.
Oder gestoppt. Will sehen, dass ich Wladikawkas vor Einbruch der
Dunkelheit erreiche. Bin kurz nach sechs im Aeroflot-Büro. Der
internationale von den acht Schaltern ist erst morgen wieder besetzt. Die
letzten Meter zum Hotel. Ich schau jedem in die Augen, wie nach einem
Fahrraddiebstahl auf jedes Fahrrad. Was würde ich tun, könnte ich tun,
wenn ich "Arslan" erkennen würde? An der Rezeption erwartet man mich wie
selbstverständlich, aber ohne Fragen nach den Grenzerlebnissen. Mein
Portemonnaie ist abgegeben worden. Zerfetzt, aber immerhin Personalausweis
und mein Führerschein mit dem Vor-Abi-Foto sind drin. Richtig freuen kann
ich mich nicht.
Rückflug-Ticket mit den letzten Rubeln
Samstag, 4. Oktober 2003: Wladikawkas Der Rückflug soll
etwa 500 Euro, 17.500 Rubel kosten. Und im riesigen Aeroflot-Büro kann man
nur bar zahlen. Als ich rätselnd vor dem Hotel-Geldautomaten stehe, wie
viel ich da mit der Visa-Karte rausbekomme, spricht mich Götz an, ob ich
der sei... Ja, sieht man ja. Der Montagearbeiter aus Bad Kreuznach kommt
gerade von der Nachtschicht auf der Baustelle einer Sekt-Abfüllfabrik in
der Nähe. Ja, in russischen Provinzstädten gehe er nie raus aus dem Hotel.
Und der Geldautomat rücke maximal 6.000 Rubel raus. Das reicht für den
Flug nach Moskau und dort kann ich morgen ja wieder 6.000 Rubel rausholen.
Die PIN stimmt. 6.000 Rubel. Auf dem Weg zu Aeroflot komme ich an einer
Bank vorbei. Samstag geöffnet. Hier kann ich maximal 10.000 Rubel
loseisen. Macht 16.000. Susanna am internationalen Aeroflot-Schalter, vom
Hotel vorgewarnt, spricht Englisch. Mein Geld reicht nicht. Sie kommt auf
die Idee, den Flug Moskau-Frankfurt als Rückflug zu buchen. Das ist
billiger und nach 50 Minuten habe ich alle Tickets für 15.439 Rubel.
"Hier fährt man mit dem Panzer hin, nicht mit dem Fahrrad."
Schnell zurück ins Hotel, wo man mir gleich mein altes Zimmer mit
offener Balkontür gegeben hat. Ich schlafe. Die rechten unteren Rippen
schmerzen. Erst jetzt. Rippenbruch? Besichtige die schöne Moschee vor dem
Hotel (Foto rechts) und begebe mich mit mulmigem Gefühl über die
Fußgängerbrücke zu einem Internetklub. Zwei Räume mit je 20 Monitoren.
Nettes Klima. In der ganzen Stadt. Wochenende. Die Sonne scheint. Noch
kurz in ein Café im West-Stil. Kuchen für zwei Euro. Dazu "It's a
wonderful, wonderful, wonderful world". Wenige Meter von der
Überfallstelle, an der eine Verkäuferin Eis, Süßigkeiten, Getränke Kindern
und Erwachsenen anbietet. Im Hotel passe ich die deutschen Montagearbeiter
ab. Restlos abgekämpft von zwölf Stunden Arbeit auch am Wochenende. "Hier
fährt man auch mit dem Panzer hin und nicht mit dem Fahrrad", meint Chef
Winni. Sie wollen mich und mein Fahrrad morgen zum Flughafen mitnehmen. Im
Hotel Hochzeit. Wie immer am Wochenende. Auch ein Rhythmus meiner Reise.
Wie immer ein Feuerwerk. Das letzte.
Finale: Elbrus und Etappe
aus der Luft
Sonntag, 5. Oktober
2003: Flug Beslan - Moskau - Frankfurt Am Flughafen schiebe ich
mich samt Fahrrad durch den wild piependen Metalldetektor. Niemand nimmt
Notiz, kontrolliert meine Taschen, das Fahrrad. Ich muss auch nichts
umbauen. Bequem aber nicht sonderlich sicher, wo Tschetschenen hier
Terrorakte aller Art realisieren. Strahlender Himmel über dem Kaukasus.
Das Flugzeug fliegt am Gebirge entlang genau über jene 209 km, meine
letzte große Etappe, die ich jetzt mit ihrer fast schnurgeraden Linie von
oben sehe. Aber zum ersten Mal bei klarem Wetter vor der schneebedeckten
Silouhette des Kaukasus. Schließlich taucht der Doppelgipfel des Elbrus
auf (Foto unten). Mit 5.642 Metern wesentlich höher als der Mont Blanc und
damit der höchste Berg Europas, wenn man - wie die Uefa und manche
Geologen - den Kaukasus zu diesem Kontinent hinzuzählt. Ein grandioses
Finale. Metro-Kampf in Moskau für einen Kurztrip zum Kreml
Moskau. Vom Flughafen "Wnukowo" muss ich zu "Scheremtsewo 2". Habe
aber sechs, sieben Stunden Zeit. Für einen Kurztrip zum Kreml. Ich habe
weder Stadtplan, noch Führer. Weiß aber, dass ich erst mit dem Bus zur
letzten Metro-Station muss und dann unterirdisch weiter. Die Dame an der
Absperrung ist zwar dagegen, dass ich mit dem Fahrrad Metro fahre; als ich
auf Deutsch argumentiere, meint sie nur auf Russisch: Ach, Ausländer. Und
lässt mich in den Untergrund passieren. In der Bahn frage ich, wo denn der
Kreml sei. Das ist sowieso die Station, wo ich umsteigen muss Richtung
Norden. Obwohl ich mit Widerstand beim Wiedereintauchen in die Metro
rechnen muss, steige ich aus. Und stehe mitten auf dem Roten Platz. Moskau
ist viel kälter als der Kaukasus. Bedeckt. Zwei Stunden gehe und radle ich
um den Kreml. Die Metro-Dame pfeift noch zwei Bodyguards hinzu. Eine
ältere, Englisch sprechende Frau vermittelt. Daraufhin muss ich das
Vorderrad ausbauen und darf die Absperrung passieren. Baue es hinter der
Absperrung wieder zusammen. Jetzt noch 1,5 Stunden Fahrt mit Bahn und Bus
zum Flughafen. Heim.
Route
Rot = Geplante Route; Grün =
Gefahrene Route; Hellblau = Übernachtung Dunkelblau = Bisherige Touren
1983, 2000, 2003
Etappen Budapest - Kaukasus: 3. Teil
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