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Budapest - Kaukasus: 2. Teil


Bike and Art bei Jewpatorija, Krim

Schwarzes Meer: Bike and Art


Transnistrien und Ukraine mit himmlischer Krim
Hardcore-Kommunismus umgeben von Mercedes und McDonald's

Kommunisten-Paradies Transnistrien: Nagelneue UdSSR-Pässe
Mittwoch, 17. September 2003: Chisinau - Tiraspol - Odessa (177 km)
In einem Vorort-Postamt werde ich den rumänischen Hotelschlüssel los. Die Postlerin wickelt den Schlüssel in ein herumliegendes Stück Pappe, macht das Ganze zu einem Paket. 142 Gramm gehen für etwa 80 Cent ins Nachbarland.

Karte: Moldawien und TransnistrienNeun moldauische Lei bleiben mir. Bevor ich sie ausgeben kann stehe ich an der Grenze zur Republik Transnistrien oder nach der russischen Flussbezeichnung Transdnjestr, jenseits des Flusses Dnister alias Dnjestr oder Dnestr. Selber bezeichnet sie sich dagegen als - wie könnte es anders sein - diesseits des Dnister/Dnjestr: "Pridnjestrowskaja Moldawskaja Respublika" (Pridnestrowische Moldauische Republik; PMR). Zu meiner Überraschung liegt sie nicht nur in dem schmalen moldauischen Landstrich östlich des Dnister sondern an dieser Stelle auch ein paar Meter am Westufer.
Weil sie von Moldawien nicht anerkannt ist, ist dies nur eine einseitige Grenze der Separatisten. Die verkaufen an der schlichten Grenzstation den "Tallon Transiti", was meinen Valuta-Vorräten sehr entgegenkommt, für sieben moldauische Lei. Keine 50 Cent. Das ist nicht nur ein Schnäppchen, weil hier bis vor kurzem noch zehn Dollar kassiert wurden, sondern vor allem, weil es ein bescheidenes Eintrittsgeld für eines der letzten kommunistischen Enklaven auf diesem Globus ist.

Dnjestr/DnisterDiese international nicht anerkannte "Republik" hat eigene Autokennzeichen, eine eigene Währung, eine eigene Regierung. Nur möglich, weil Russland sie unterstützt. Folglich bewachen russische Soldaten die Brücke über den majestätischen Dnister, im Altertum Tyras genannt. Ich will einen Dollar in den moldauischen Rubel tauschen. Vor dem kleinen Wechsel-Schalter im Lebensmittelladen werde ich abgefangen von einer Dame, die mir offensichtlich ihre Liebesdienste anbietet. Eine Lücke in meinen Russisch-Kenntnissen tut sich auf.
Mit einem Drittel des gewechselten Geldes, auf dem wie auf den Mützen der Grenzsoldaten Hammer und Sichel prangen, will ich in der Bäckerei eine Mohnschnecke kaufen. Der Preis gilt gleich für 15 Schnecken. Ich schrecke zurück, erwerbe dennoch einen umfangreichen Gebäck-Vorrat, der mich weit über Odessa hinaus sättigen wird und habe immer noch umgerechnet einen halben Dollar übrig. Liegt das Durchschnittseinkommen in Moldawien bei 50 Dollar, so sind es in Transnistrien nur 30 Dollar - im Monat. Ich wandle das Restgeld schließlich in eine 80-Gramm-Milka-Traubennuss aus der Ukraine. Das verträgt mein Magen derzeit am besten.

Lenin-Denkmal in Tiraspol, Dnjestr-RepublikHighlight beim Durchstreifen der "Hauptstadt" Tiraspol ist eine 50 Meter hohe Lenin-Statue. Auch einen Sowjet gibt es hier noch. Der beschließt noch richtige Fünf-Jahres-Pläne. Doch auch dieses Paradies ist nicht perfekt, wirbt doch nebenan das Autocenter Mercedes-Benz für den schwäbischen Klassenfeind. Dennoch meine Geschäftsidee: Transnistrien-Reisen für Ostalgiker. Als ich auf die alte "M 14" biege, empfangen mich am Straßenrand die alten blau-weißen sowjetischen Kilometer-Metall-Schilder - auf der einen Seite 935 (Kilometer) - bis ins weißrussische Brest - auf der anderen Seite 92 (Kilometer) - bis Odessa.
Beim halbstündigen Aufenthalt an der ukrainischen Grenze tauchen allerhand nagelneue CCCP-Pässe auf - offenbar made in Tiraspol. Die dreispurige Allee wird zweispurig. Obwohl ich weiterhin leicht angeschlagen bin (auf Deutsch: mir ist kotzübel), radle ich rastlos nach Odessa. Das Schwarze Meer liegt schon im Dunkel. Am Bahnhof werde ich von der Armada wartender Leute, die eine Unterkunft anbieten wollen, zunächst übersehen. Als mich dann doch jemand in ein Gespräch verwickelt, bildet sich bald eine Traube von 20, 30 älteren Frauen und einem Mann um mich. Alle haben einen Anstecker an der Jacke wie "Zimmer - Nähe Bahnhof". Der hagere, grauhaarige Mann interessiert mich, nicht nur weil bei ihm steht "Zimmer - gegenüber vom Bahnhof". Vor allem aus Mitleid. Er ist zwar gezielt zu dem Pulk um mich gestoßen, sieht aber einfach über mich hinweg. Ich versuche Kontakt mit ihm aufzunehmen, aber er starrt melancholisch, geistesabwesend in den Nachthimmel. Hat extra einen Anzug an, trägt Kravatte. Alles uralt. Abgewetzt. Er ist die Inkarnation von Trostlosigkeit, versucht gar nicht in dem geschäftstüchtigen Treiben der Frauen mitzumachen. Hallo. Hallo. Nichts. Eine der Frauen hat den Vorzug, dass ihre Wohnung "in der ersten Etage" - auf Deutsch: Parterre - liegt. Da gehe ich mit. Durch düstere Seitenstraßen zu einem flachen Hinterhof-Häuschen. Es ist wirklich praktisch mit dem Fahrrad und dem Russisch-Unterricht inkl.

Hindernisse beim ersten Foto-Upload
Donnerstag, 18. September 2003: Odessa
Die Idee: Vor dem Frühstück mal eben im Internet-Café die Fotos der Digital-Camera auf die Homepage setzen. Ich bringe mit: Kamera, USB-Kabel und die CD-Rom mit der Fuji-Finepix-Software. Die Computer im Internet-Café haben einen USB-Port, ein CD-Laufwerk hat nur der Café-Chef, der die Nacht hier durchgemacht hat. Wir versuchen, das Programm zentral zu installieren und an einem Terminal anzuwenden. Die Dialogfenster sind alle auf Russisch, wir kommen nicht recht voran. Dann gibt er mir auch mal einen Versuch und mehr aus Zufall plötzlich deutsche Dialoge und meine Fotos auf der Mattscheibe. Jetzt nur noch bearbeiten und gerade als ich sie ins geocities.yahoo-System hochladen will, wird es plötzlich dunkel im Raum wie auf allen Bildschirmen. Zehn Uhr morgens. Stromausfall in Odessa. 1,2 Millionen Einwohner.

Potjomkin-Treppe in OdessaZeit für die Besichtigung der Hafenstadt, vor allem der Treppe aus einer der berühmtesten Szenen der Filmgeschichte: Panzerkreuzer Potjomkin von Sergej Eisenstein. Vor den entsetzten Augen der Mutter stürzt ein Säugling im Kinderwagen über die 192 Stufen hinab. In die Menge der Soldaten, die einen Aufstand der Hafenarbeiter niederschlagen, die sich mit den revoltierenden Matrosen auf dem Panzerkreuzer 1905 solidarisiert hatten. Von der Treppe mein erster Blick auf das Schwarze Meer.
Auf dem Fahrradweg an der Mündung von Main und Rhein in Mainz-Kastel steht ein kleines Schild, an dem ich regelmäßig vorbeijogge: Budapest 1320 km, Schwarzes Meer 2967 km. Das weckt Träume. Fernweh. Sehnsüchte. Visionen. Jetzt bin ich da, aber die Hafenanlagen halten mich noch auf Distanz. Ich wandere durch die Stadt. Richelieu, Puschkin, sein Gegenspieler Graf Woronzin, Oper.
Um halb zwei sind der Strom und ich wieder im Internet-Café. Ich kann dank meiner neuen, ersten Digital-Kamera erstmals Fotos während der Tour auf die Homepage setzen. Bleibt der Traum von der Webcam auf dem Lenker. Heute bleibt auch das Weiterfahren ein Traum. Mir ist einfach zu schlecht. Als ich am Abend auch die Treppe noch auf die Homepage setzen will, gibt's zwar Strom, aber keinen Zugang zum Internet mehr. Ich schleppe mich zum Bahnhof, wo der alte Mann immer noch in seinem Anzug steht, als sei er froh über die Beschäftigung und wolle nicht wirklich jemanden mit nach Hause nehmen, während die Frauen alle paar Minuten mit Einzelgästen, Paaren oder kleinen Gruppen davonziehen.

Take me to the magic of the moment
Freitag, 19. September 2003: Odessa - Mikolaiv (139 km)
Ich fahre weiter. Gegen den Steppenwind aus dem Norden und gegen den Magen. Der wehrt sich seit Tagen gegen jede Form der Nahrungsaufnahme. Da fallen die Knieschmerzen kaum ins Gewicht. Immerhin ist es flach. Und sonnig. Und schön, weil die Straße weiter als breite Allee durchs Land zieht.
Komme nur bis Mikolaiv, für die Russen Nikolajew. Am Boulevard Sowjetskaja, inzwischen zentrale Fußgängerzone, liegt das neue Hotel Kontinent. Mir allerdings zu teuer. Das Hotel Ukraine nimmt keine Ausländer auf. Bleibt das Hotel Mikolaiv. Alt, ein bisschen renoviert, ok. Zurück auf der Sowjetskaja versuche ich es im Straßencafé Colosseo mit einer Pasta-Party, zu der kurz vor Mitternacht ein Feuerwerk steigt. Kurz nach Mitternacht kann ich noch ein paar Minuten im Internet-Café rausschinden. Nachdem ich mich mit verschiedenen russischen Versionen von "Ich habe fertig" schließlich verabschiedet habe, scheppert draußen aus einem Auto "I follow the Moskva down to Gorky Park". Ich schwebe über den Trottoir vorbei an dem pseudo-pekinesischen Universal-Pavillon von Mc Donald's, Ecke Sowjetskaja/Lenin-Prospekt: "Take me to the magic of the moment on a glory night, where the children of tomorrow dream away in the wind of change."

Nebenstrecke in der UkraineParis - Dakkar in der Ukraine
Samstag, 20. September 2003: Mikolaiv - Mirne - Cherson - Kalancak (159 km)
Weniger Magenkrämpfe und ich profitiere jetzt von dem hier häufigen Nordwind, da die Route südlich Richtung Krim führt. Ich versuche es mal mit einer Nebenstrecke, fast parallel zur Landstraße. Acht Kilometer bis zum ersten Ort sind bestens asphaltiert. Dann nur noch Betonplatten, die einst nahtlos aneinander gepasst haben mögen (Foto links). Heute haben sich die Autos soweit möglich eine Paralleltrasse durch die Botanik gebahnt. Ein Bauer ruft mir von seinem Mini-Dreirad-Träcker etwas zu, wovon ich im Wesentlichen die Ortsnamen Paris und Dakkar verstehe. Vermutlich saß der Mann sein Leben lang vor seinem sowjetischen Televisor und dachte, so'n bisschen Off-Road-Spektakel könne man ja wohl auch hinter seinem Haus veranstalten. Leider ist mein Fahrrad nicht entsprechend hart drauf. Ein paar hundert Meter weiter habe ich den Griff der Gangschaltung in der Hand. Kurz darauf bricht die Vorderlampe ab.
Kurz hinter Cherson über den drittlängsten Fluss Europas: den Dnipro, für die Russen Dnjepr oder Dnepr, in der Antike Borysthenes. Kurz vor der Mündung majestätisch kilometerbreit. In Ufernähe steht eine Viehherde im Wasser (Foto rechts).
Bei Kalancak steht auf meinem Routenplan das H für Hotel in Klammern. Was ungefähr bedeutet: Unterkunft unsicher, unbequem oder auch unzumutbar. Besser umgehen. Was in der Regel nicht geht. Und habe ich diese Station auch noch so lange verdrängt, irgendwann radle ich dann doch gegen Abend in diesen Ort ein auf der Suche nach einem Quartier. Ein weit auseinander gezogenes Dorf. Kein Hinweisschild auf irgendein Hotel. Ich frage. Ganz versteckt hinter Bäumen liegt ein niedlicher, zweistöckiger Bau mit dem Schild "Hotel Kolos". Die Dusche im Erdgeschoss ist kalt, das Sitzklo ein Stock höher reicht nur bis zum unteren Ansatz meiner Waden, aber irgendwie ist das Haus gepflegt mit Pflanzen, die Treppe gestrichen mit breitem Grünstreifen und gelb-roten Seitenstreifen. Glück gehabt.

Dnjepr bei ChersonAstaroschna: GUS-Konvoy produziert Einbahnstraße
Sonntag, 21. September 2003: Kalancak - Rosdolne - Jewpatorija (174 km)
Kurz vor der Grenze der "Autonomen Republik Krim" kommt mir auf der zweispurigen Straße eine zweispurige Kolonne entgegen. Ein Polizeiwagen bringt jeden Gegenverkehr zum Erliegen. Auch ich, der ich an entgegenkommende Fahrzeuge, die genau auf meiner Höhe überholen müssen bestens gewöhnt bin, werde per Lautsprecher aufgefordert anzuhalten: "Astaroschna! Astaroschna!" Achtung! Vorsicht! Es folgen etwa hundert dunkle Opel. Wenig später das gleiche mit einem Konvoy weißer Mercedes-Busse mit verspiegelten Fenstern. Wie ich später in Jalta erfahre, offenbar rückkehrende Delegationen vom GUS-Gipfel auf der Krim, bei dem Putin vorgestern Weißrussland, die Ukraine und Kasachstan für eine engere Wirtschaftsgemeinschaft gewinnen konnte.
An der "Grenze" werde ich nicht kontrolliert. Die "Autonomie" der überwiegend von Russen bewohnten Krim führt auch nicht mehr dazu, dass die Uhren eine Stunde weiter vor - so wie in Moskau - gehen.
Ich entscheide mich für eine etwas ruhigere Route als geplant. Etwas weiter westlich. Komme dadurch nicht in die Inselhauptstadt Simferopol, aber dafür schon an diesem Abend ans Schwarze Meer nach Jewpatorija. Die Altstadt mit Synagoge, alten Häusern der jüdischen Karäer, Kirchen und der 77. von 81 Moscheen des Altmeisters Sinan: ein Juwel, aber zumeist heruntergekommen. Die Strandpromenade frisch gepflastert und belebt mit allerhand Restaurants, Ständen und Touristen.

Krim-Duft: Uran und Riviera
Montag, 22. September 2003: Jewpatorija - Novofedorivka - Sewastopol - Jalta (197 km)
Noch einmal vertraue ich meinem von mir in Einzelseiten zerlegten ukrainischen Auto-Atlas im Maßstab 1:500.000, den ich in Odessa erworben habe. Eine kleine Abkürzung an der Küste entlang. Wieder geht die Straße nahtlos in einen Rumpelweg über, der aber nett durch die Dünen führt. Doch in Novofedorivka verliere ich mich in einer Garnison zwischen Stacheldraht, kleinen dahinrostenden Flugzeugen, als Hügel getarnten Garagen, Soldaten-Wohnblocks. Wegen der Militärstützpunkte war die Westküste der Krim früher komplett für Ausländer gesperrt. Heute helfen mir die Soldaten aus dem Wirrwarr heraus. "Kostet" eine Stunde - die mir am Abend fehlen wird.
Die flache Steppenlandschaft endet, die ersten Hügel bringen Weinfelder bis zum Horizont mit sich. An einem langen Anstieg holt mich Alexander ein, 28 Jahre und seit 15 Tagen Vater von Ilijas, begleitet mich an seinem Wohnhaus vorbei zehn Kilometer bis zur Bucht von Sewastopol. Die im Krim-Krieg und im Zweiten Weltkrieg lange umkämpfte Stadt war bis vor einigen Jahren gesperrt. 1997 haben die Russen den Hafen gepachtet für ihre Schwarzmeerflotte. "Auf 70 Jahre," erzählt Alexander ohne jede Begeisterung. So dümpeln die alten Atom-U-Boote in seiner Nachbarschaft. "Uran" heißt denn auch die Personenfähre, die mich über die Bucht in die Stadt bringt. In der Gegenrichtung fährt die Pluton.

Krim-Küste Auf der anderen Seite von Sewastopol wird der Blick frei auf die zerklüftete Gebirgskette am südlichen Krimufer. Ein paar Anstiege, über einen Pass und schon biege ich um die Südspitze der Insel auf die Krimsche Riviera-Küste. Wenn in den Reiseführern steht, die Küstenstraße führe auf der Höhe entlang, ist das zwar richtig aber auch völlig falsch. Sie bleibt niemals auf einer Höhe. Es geht ständig auf und ab. Links die Felswände der 1500er-Gipfel. Rechts in den Buchten die Sanatorien und Datschas, darunter die, in der Gorbatschow während des Putsches 1991 festgesetzt wurde.
Weil jetzt auch noch die Strecke 20 Kilometer länger ist, als mein Autoatlas meint, geht die Sonne unter. Sternenhimmel! Dunkelheit. Ich rieche den mediterranen Duft und höre die Grillen zirpen. Das mit Klebeband provisorisch befestigte Vorderlicht leuchtet bergab. Bergauf fahre ich ohne Dynamo. Das Batterierücklicht muss reichen. Die Abfahrt nach Jalta ist nicht ausgeschildert. Schließlich stotter ich über eine steile Nebenstraße steil bergab. Sackgasse. Ein Stück zurück. Bergauf. Solange die dunkle Nacht dich auf der Straße beschäftigt, spürst du keine Schmerzen und keine Müdigkeit. Aber wenn die Anspannung nachlässt, geht nichts mehr. Eine Frau will irgendein Zimmer vermitteln. Nach einigen hundert Metern wird alles zu kompliziert. Schon bin ich beim großen Klassiker, dem 2.500-Betten-Block "Hotel Yalta". Der Laser vom Dach war bis zur Straße zu sehen. Nach 14 Stunden reiße ich mit letzter Kraft den Lenker hoch, verkürze dabei die Lebensdauer des Fahrradkorbs um mindestens ein Zehntel und das Fahrrad steht senkrecht im Aufzug - in den neunten Stock, der Kilometer-Zähler steht bei 196,7. Ich kaputt.

Strand und Straße, Süd-Küste KrimEndlich drin, im Schwarzen Meer
Dienstag, 23. September 2003: Jalta
Ruhetag. In Jalta. Klamotten waschen, Fahrrad checken. Mit dem Extra-Hotellift auf Meereshöhe. Hundert Meter Tunnel. Dann bin ich drin. Nach all den Etappen drum herum schwimme ich im Schwarzen Meer. 21 Grad Wassertemperatur. Am Nachmittag mache ich mich auf zum Liwadija-Palast, wo im Februar 1945 Churchill, Roosevelt und Stalin in ihren Wintermänteln die Nachkriegsordnung regelten. Ich komme um 17.05 Uhr. Fünf Minuten zu spät (Polyschrott: geöffnet bis 19 Uhr; Lonely Planet: bis 19:30 Uhr). Ruhetag eben. Der Leipziger, der schon die Jahreswende 1988/89 im Hotel Yalta verbrachte, hat Liwadija damals wie heute gesehen. Er mosert, dass die Zaren in der Ausstellung heute wieder als die Armen und Guten wegkommen.

Undiplomatische Diplomatin
Mittwoch, 24. September 2003: Jalta - Sudak (115 km)
Weiter an der Küste begleiten mich die Trolleybusse der längsten Oberleitungs-Busstrecke der Ex-Sowjetunion. 73 Kilometer. Am Straßenrand werden Trauben, Feigen, Tomaten und vor allem breite, flache, rote "Jalta-Zwiebeln" angeboten.

KrimDann biegt der Bus samt allem anderen Verkehr Richtung Simferopol ab. Jetzt wird mir klar, dass die Straße bisher doch an der Höhe entlang führte: Atemraubend führt sie von nun an auf die sich plötzlich quer stellenden Berge und stürzt sich unmittelbar danach in die nächste Bucht, wo gelegentlich ein paar Badende die Nachsaison zelebrieren. Null Verkehr. Dafür (Renn-)Radverkehr. Ein 65jähriger Moskauer Rentner. Er trägt eine professionelle Radlerhose aber ein uraltes dickes Baumwoll-T-Shirt mit fünf Knöpfen und eine Glasbaustein-Brille, bei der das rechte Glas längs gestreift ist. Stolz ist er auf sein Rennrad aus Hamburg - von der taiwanesischen Firma Merida.
Bei einer Abfahrt begegne ich ein paar local Radlern, die Beeren sammeln. Und zum ersten Mal seit Rumänien ein deutsches, ein Rostocker Kennzeichen an einem blauen Sportwagen. Der Mann lebt mit seiner ukrainischen Frau in der Nähe von Kiew. Die Sonne knallt, aber ist gerad eben nicht zu heiß. Ein Traum. Ganz langsam. Zu gern würde ich ein, zwei Tage in einer Bucht bleiben. Wieder zu knapp geplant. Der Zielort Sudak wirkt überhaupt nicht wie ein Kurort, aber zur Strandpromenade hin plötzlich eine Anhäufung von Restaurants und Unterhaltung. Im allerletzten Gartenlokal unterhalb der lasermäßig beleuchteten Burg setzt sich eine Mitarbeiterin der deutschen Botschaft in Moskau an den Nachbartisch und lästert mit ihrer Freundin über den Geiz des deutschen Botschafters in Manila: "typisch höherer Dienst."

Renn-Radler auf der Krim, UkraineSchlange aus dem Steppengras
Donnerstag, 25. September 2003: Sudak - Feodosia - Kertsch (155 km)
Noch 40 Kilometer Paradies-Radeln im Krim-Gebirge. Wieder stoppt ein Milizwagen den Verkehr. Diesmal folgen Radler. Erst die Spitzengruppe. Dann das etwa hundertköpfige Hauptfeld (Foto rechts). Begleitfahrzeuge. Nachzügler. Und irgendwo steht einer am Straßenrand. Ich frage, ob ich helfen kann. Nein. Die linke Pedale ist komplett Schrott. Sein Trainer sei unterwegs. Ja, das sei so etwas wie die Tour d'Ukraine. Durchs ganze Land etappenweise. In Feodosia sind die Berge vorüber. Der letzte Touri-Ort. Frauen, die hier oben ohne in der Sonne liegen, legen sich kleine Steine auf die Brustwarzen.
Jetzt wird's trist. Flach. Steppengras. Öde. Ich konzentriere mich kaum noch auf die Strecke. Plötzlich bewegt sich etwas von rechts über die Straße. Es glitzert grau in grau mit dem Asphalt im Nachmittags-Sonnenlicht. Ich reiße den Lenker nach rechts, zurück nach links. Umkurve gerade noch die Schwanzspitze der Schlange. Irgendwann beginnt mal wieder eine Allee, dichte Sträucher, wie auf den ersten ukrainischen Etappen. So erscheint die Landschaft schön. Weil man nichts von ihr sieht. Und heute hält das Gestrüpp mir den Gegenseitenwind vom Leib.
Ich erreiche Kertsch an der Ostspitze der Krim. 600 Kilometer, schon fünf Tage eiere ich über die Insel, die 30mal so groß wie Rügen, 8mal so groß wie Mallorca, fast so groß wie Belgien ist. Das große und einzige "Hotel Kerch" hat kein Wasser. Immerhin sind in der Ukraine allerjüngst die Extra-Hotel-Preise für ausländische Touristen abgeschafft worden. Unter einem Wellblech-Plastikdach vor einem großen Spiegel tanzen die Jugendlichen in einem großzügigen Café. Der Disc-Jockey legt ukrainische, russische, englische, französische Musik auf und Tarkan.
Unter Radlerkriterien war die Ukraine mega-angenehm: rücksichtsvolle Autofahrer, nicht allzu viel Verkehr, kein einziger Hund, der sich bemerkbar macht. No hassle. Einer der Weltumradler, ich glaube Claude Marthaler, der radelnde Philosoph - "Velosoph" - ist bei seiner mehrjährigen Tour dreimal überfallen worden. Zweimal davon in der Ukraine. Das ist rund zehn Jahre her. Ich habe mich nirgendwo annähernd gefährdet gefühlt.


Route Budapest - Kaukasus



Blaue Linie = Touren-Route; Buchstaben = Start und Ziel der Etappen

Etappen Budapest - Kaukasus: 2. Teil

Details mit Geschwindigkeiten etc. als Excel-Tabelle

Tag Datum Start Zwischenstationen Ziel km
... ... ... ... ... ...
8. 17.9.2003 Chisinau Tiraspol Odessa 177
9. 18.9.2003 Odessa
10. 19.9.2003 Odessa Mikolaiv 139
11. 20.9.2003 Mikolaiv Mirne - Cherson Kalancak 159
12. 21.9.2003 Kalancak Rosdolne Jewpatorija 174
13. 22.9.2003 Jewpatorija Novofedorivka - Sewastopol Jalta 197
14. 23.9.2003 Jalta
15. 24.9.2003 Jalta Sudak 115
16. 25.9.2003 Sudak Feodosia Kertsch 155
... ... ... ... ... ...
Summe 2. Teil 1116

1. Teil:
Transsylvanien, Karpaten, Moldawien
Japanische Jagd auf handbreitem Asphaltstreifen

3. Teil:
Russland und die verschlossene Grenze nach Georgien
Fledermaus im Hotelzimmer vor dem Überfall in der Nacht

chris-on-the-bike im Krim-Gebirge

Im Krim-Gebirge

Zur ganzen Tour 23: Budapest - Kaukasus (3154 km) Sept./Okt. 2003


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Tour 48: Karakorum-Highway (1010 km) 2009
Karakorum 2009
Chris Tour 51: Khartum - Addis Abeba (1760 km) 2010
Äthiopien 2010
on the Tour 58: Alpen - Prag - Berlin (2060 km) 2011
Moldau 2011
Bike Tour 59: Errachidia - Agadir (1005 km) 2012
Marokko 2012
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