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Mittwoch, 17. September 2003:
Chisinau - Tiraspol - Odessa (177 km) In einem Vorort-Postamt werde
ich den rumänischen Hotelschlüssel los. Die Postlerin wickelt den
Schlüssel in ein herumliegendes Stück Pappe, macht das Ganze zu einem
Paket. 142 Gramm gehen für etwa 80 Cent ins Nachbarland.
Neun moldauische
Lei bleiben mir. Bevor ich sie ausgeben kann stehe ich an der Grenze zur
Republik Transnistrien oder nach der russischen Flussbezeichnung
Transdnjestr, jenseits des Flusses Dnister alias Dnjestr oder Dnestr.
Selber bezeichnet sie sich dagegen als - wie könnte es anders sein -
diesseits des Dnister/Dnjestr: "Pridnjestrowskaja Moldawskaja Respublika"
(Pridnestrowische Moldauische Republik; PMR). Zu meiner Überraschung liegt sie sich nicht nur in dem schmalen
moldauischen Landstrich östlich des Dnister sondern an dieser Stelle auch
ein paar Meter am Westufer. Weil sie von Moldawien nicht anerkannt ist,
ist dies nur eine einseitige Grenze der Separatisten. Die verkaufen an der
schlichten Grenzstation den "Tallon Transiti", was meinen Valuta-Vorräten
sehr entgegenkommt, für sieben moldauische Lei. Keine 50 Cent. Das ist
nicht nur ein Schnäppchen, weil hier bis vor kurzem noch zehn Dollar
kassiert wurden, sondern vor allem, weil es ein bescheidenes Eintrittsgeld
für eines der letzten kommunistischen Enklaven auf diesem Globus ist.
Diese international nicht anerkannte "Republik" hat eigene
Autokennzeichen, eine eigene Währung, eine eigene Regierung. Nur möglich,
weil Russland sie unterstützt. Folglich bewachen russische Soldaten die
Brücke über den majestätischen Dnister, im Altertum Tyras genannt. Ich
will einen Dollar in den moldauischen Rubel tauschen. Vor dem kleinen
Wechsel-Schalter im Lebensmittelladen werde ich abgefangen von einer Dame,
die mir offensichtlich ihre Liebesdienst anbietet. Eine Lücke in meinen
Russisch-Kenntnissen tut sich auf. Mit einem Drittel des gewechselten
Geldes, auf dem wie auf den Mützen der Grenzsoldaten Hammer und Sichel
prangen, will ich in der Bäckerei eine Mohnschnecke kaufen. Der Preis gilt
gleich für 15 Schnecken. Ich schrecke zurück, erwerbe dennoch einen
umfangreichen Gebäck-Vorrat, der mich weit über Odessa hinaus sättigen
wird und habe immer noch umgerechnet einen halben Dollar übrig. Liegt das
Durchschnittseinkommen in Moldawien bei 50 Dollar, so sind es in
Transnistrien nur 30 Dollar - im Monat. Ich wandle das Restgeld
schließlich in eine 80-Gramm-Milka-Traubennuss aus der Ukraine. Das
verträgt mein Magen derzeit am Besten.
Highlight beim
Durchstreifen der "Hauptstadt" Tiraspol ist eine 50 Meter hohe
Lenin-Statue. Auch einen Sowjet gibt es hier noch. Der beschließt noch
richtige Fünf-Jahres-Pläne. Doch auch dieses Paradies ist nicht perfekt,
wirbt doch nebenan das Autocenter Mercedes-Benz für den schwäbischen
Klassenfeind. Die Geschäftsidee bleibt: Transnistrien-Reisen für
Ostalgiker. Als ich auf die alte "M 14" biege, empfangen mich am
Straßenrand die alten blau-weißen sowjetischen Kilometer-Metall-Schilder -
auf der einen Seite 935 (km) - bis ins weißrussische Brest - auf der
anderen Seite 92 (km) - bis Odessa. Beim halbstündigen Aufenthalt an
der ukrainischen Grenze tauchen allerhand nagelneue CCCP-Pässe auf -
offenbar made in Tiraspol. Die dreispurige Allee wird zweispurig. Obwohl
ich weiterhin leicht angeschlagen bin (auf Deutsch: mir ist kotzübel),
radle ich rastlos nach Odessa. Das Schwarze Meer liegt schon im Dunkel. Am
Bahnhof werde ich von der Armada wartender Leute, die eine Unterkunft
anbieten wollen, zunächst übersehen. Als mich dann doch jemand in ein
Gespräch verwickelt, bildet sich bald eine Traube von 20, 30 älteren
Frauen und einem Mann um mich. Alle haben einen Anstecker an der Jacke wie
"Zimmer - Nähe Bahnhof". Der hagere, grauhaarige Mann interessiert mich,
nicht nur weil bei ihm steht "Zimmer - gegenüber vom Bahnhof". Vor allem
aus Mitleid. Er ist zwar gezielt zu dem Pulk um mich gestoßen, sieht aber
einfach über mich hinweg. Ich versuche Kontakt mit ihm aufzunehmen, aber
er starrt melancholisch, geistesabwesend in den Nachthimmel. Hat extra
einen Anzug an, trägt Kravatte. Alles uralt. Abgewetzt. Er ist die
Inkarnation von Trostlosigkeit, versucht gar nicht in dem
geschäftstüchtigen Treiben der Frauen mitzumachen. Hallo. Hallo. Nichts.
Eine der Frauen hat den Vorzug, dass ihre Wohnung "in der ersten Etage" -
auf Deutsch: Parterre - liegt. Da gehe ich mit. Durch düstere
Seitenstraßen zu einem flachen Hinterhof-Häuschen. Es ist wirklich
praktisch mit dem Fahrrad und dem Russisch-Unterricht inkl.
Donnerstag, 18. September 2003: Odessa Die Idee: Vor dem
Frühstück mal eben im Internet-Cafe die Fotos der Digital-Camera auf die
Homepage setzen. Ich bringe mit: Kamera, USB-Kabel und die CD-Rom mit der
Fuji-Finepix-Software. Die Computer im Internet-Cafe haben einen USB-Port,
ein CD-Laufwerk nur der Cafe-Chef, der die Nacht hier durchgemacht hat.
Wir versuchen, das Programm zentral zu installieren und an einem Terminal
anzuwenden. Die Dialogfenster sind alle auf Russisch, wir kommen nicht
recht voran. Dann gibt er mir auch mal einen Versuch und mehr aus Zufall
plötzlich deutsche Dialoge und meine Fotos auf der Mattscheibe. Jetzt nur
noch bearbeiten und gerade als ich sie ins geocities.yahoo-System
hochladen will, wird es plötzlich dunkel im Raum wie auf allen
Bildschirmen. Zehn Uhr morgens. Stromausfall in Odessa. 1,2 Millionen
Einwohner.
Zeit für die Besichtigung
der Hafenstadt, vor allem der Treppe aus einer der berühmtesten Szenen der
Filmgeschichte: Panzerkreuzer Potjomkin von Sergej Eisenstein. Vor den
entsetzten Augen der Mutter stürzt ein Saügling im Kinderwagen über die
192 Stufen hinab. In die Menge der Soldaten, die einen Aufstand der
Hafenarbeiter niederschlagen, die sich mit den revoltierenden Matrosen auf
dem Panzerkreuzer 1905 solidarisiert hatten. Von der Treppe mein erster
Blick auf das Schwarze Meer. Auf dem Fahrradweg an der Mündung von Main
und Rhein steht ein kleines Schild, an dem ich regelmäßig vorbeijogge:
Budapest 1320 km, Schwarzes Meer 2967 km. Das weckt Träume. Fernweh.
Sehnsüchte. Visionen. Jetzt bin ich da, aber die Hafenanlagen halten mich
noch auf Distanz. Ich wandere durch die Stadt. Richelieu, Puschkin, sein
Gegenspieler Graf Woronzin, Oper. Um halb zwei sind der Strom und ich
wieder im Internet-Cafe. Ich kann erstmals Fotos während der Tour auf die
Homepage setzen. Bleibt der Traum von der Webcam auf dem Lenker. Heute
bleibt auch das Weiterfahren ein Traum. Mir ist einfach zu schlecht. Als
ich am Abend auch die Treppe noch auf die Homepage setzen will, gibt's
zwar Strom, aber keinen Zugang zum Internet mehr. Ich schleppe mich zum
Bahnhof, wo der alte Mann immer noch in seinem Anzug steht, als sei er
froh über die Beschäftigung und wolle nicht wirklich jemanden mit nach
Hause nehmen, während die Frauen alle paar Minuten mit Einzelgästen,
Paaren oder kleinen Gruppen davonziehen.
Freitag, 19. September
2003: Odessa - Mikolaiv (139 km) Ich fahre weiter. Gegen den
Steppenwind aus dem Norden und gegen den Magen. Der wehrt sich seit Tagen
gegen jede Form der Nahrungsaufnahme. Da fallen die Knieschmerzen kaum ins
Gewicht. Immerhin ist es flach. Und sonnig. Und schön, weil die Straße
weiter als breite Allee durchs Land zieht. Komme nur bis Mikolaiv, für
die Russen Nikolajew. Am Boulevard Sowjetskaja, inzwischen zentrale
Fußgängerzone, liegt das neue Hotel Kontinent. Mir allerdings zu teuer.
Das Hotel Ukraine nimmt keine Ausländer auf. Bleibt das Hotel Mikolaiv.
Alt, ein bisschen renoviert, ok. Zurück auf der Sowjetskaja versuche ich
es im Straßencafe Colosseo mit einer Pasta-Party, zu der kurz vor
Mitternacht ein Feuerwerk steigt. Kurz nach Mitternacht kann ich noch ein
paar Minuten im Internet-Cafe rausschinden. Nachdem ich mich mit
verschiedenen russischen Versionen von "Ich habe fertig" schließlich
verabschiedet habe, scheppert draußen aus einem Auto "I follow the Moskva
down to Gorky Park". Ich schwebe über den Trottoir vorbei an dem
pseudo-pekinesischen Universal-Pavillon von Mc Donald's, Ecke
Sowjetskaja/Lenin-Prospekt: "Take me to the magic of the moment on a glory
night, where the children of tomorrow dream away in the wind of change."
Samstag, 20.
September 2003: Mikolaiv - Mirne - Cherson - Kalancak (159
km) Weniger Magenkrämpfe und ich profitiere jetzt von dem hier
häufigen Nordwind, da die Route südlich Richtung Krim führt. Ich versuche
es mal mit einer Nebenstrecke, fast parallel zur Landstraße. Acht
Kilometer bis zum ersten Ort sind bestens asphaltiert. Dann nur noch
Betonplatten, die einst nahtlos aneinander gepasst haben mögen (Foto
links). Heute haben sich die Autos soweit möglich eine Paralleltrasse
durch die Botanik gebahnt. Ein Bauer ruft mir von seinem
Mini-Dreirad-Träcker etwas zu, wovon ich im Wesentlichen die Ortsnamen
Paris und Dakkar verstehe. Vermutlich saß der Mann sein Leben lang vor
seinem sowjetischen Televisor und dachte, so'n bisschen Off-Road-Spektakel
könne man ja wohl auch hinter seinem Haus veranstalten. Leider ist mein
Fahrrad nicht entsprechend hart drauf. Ein paar hundert Meter weiter habe
ich den Griff der Gangschaltung in der Hand. Kurz darauf bricht die
Vorderlampe ab. Kurz hinter Cherson über den drittlängsten Fluss
Europas: den Dnipro, für die Russen Dnjepr oder Dnepr, in der Antike
Borysthenes. Kurz vor der Mündung majestätisch kilometerbreit. In Ufernähe
steht eine Viehherde im Wasser (Foto rechts). Bei Kalancak steht auf
meinem Routenplan das H für Hotel in Klammern. Was ungefähr bedeutet:
Unterkunft unsicher, unbequem oder auch unzumutbar. Besser umgehen. Was in
der Regel nicht geht. Und habe ich diese Station auch noch so lange
verdrängt, irgendwann radle ich dann doch gegen Abend in diesen Ort ein
auf der Suche nach einem Quartier. Ein weit auseinander gezogenes Dorf.
Kein Hinweisschild auf irgendein Hotel. Ich frage. Ganz versteckt hinter
Bäumen liegt ein niedlicher, zweistöckiger Bau mit dem Schild "Hotel
Kolos". Die Dusche im Erdgeschoss ist kalt, das Sitzklo ein Stock höher
reicht nur bis zum unteren Ansatz meiner Waden, aber irgendwie ist das
Haus gepflegt mit Pflanzen, die Treppe gestrichen mit breitem Grünstreifen
und gelb-roten Seitenstreifen. Glück gehabt.
Sonntag, 21. September 2003: Kalancak - Rosdolne -
Jewpatorija (174 km) Kurz vor der Grenze der "Autonomen Republik
Krim" kommt mir auf der zweispurigen Straße eine zweispurige Kolonne
entgegen. Ein Polizeiwagen bringt jeden Gegenverkehr zum Erliegen. Auch
ich, der ich an entgegenkommende Fahrzeuge, die genau auf meiner Höhe
überholen müssen bestens gewöhnt bin, werde per Lautsprecher aufgefordert
anzuhalten: "Astaroschna! Astaroschna!" Achtung! Vorsicht! Es folgen etwa
hundert dunkle Opel. Wenig später das gleiche mit einem Konvoy weißer
Mercedes-Busse mit verspiegelten Fenstern. Wie ich später in Jalta
erfahre, offenbar rückkehrende Delegationen vom GUS-Gipfel auf der Krim,
bei dem Putin vorgestern Weißrussland, die Ukraine und Kasachstan für eine
engere Wirtschaftsgemeinschaft gewinnen konnte. An der "Grenze" werde
ich nicht kontrolliert. Die "Autonomie" der überwiegend von Russen
bewohnten Krim führt auch nicht mehr dazu, dass die Uhren eine Stunde
weiter vor wie in Moskau gehen. Ich entscheide mich für eine etwas
ruhigere Route als geplant. Etwas weiter westlich. Komme dadurch nicht in
die Inselhauptstadt Simferopol, aber dafür schon an diesem Abend ans
Schwarze Meer nach Jewpatorija. Die Altstadt mit Synagoge, alten Häusern
der jüdischen Karäer, Kirchen und der 77. von 81 Moscheen des Altmeisters
Sinan ein Juwel, aber zumeist heruntergekommen. Die Strandpromenade frisch
gepflastert und belebt mit allerhand Restaurants, Ständen und Touristen.
Montag, 22. September 2003: Jewpatorija - Novofedorivka -
Sewastopol - Jalta (197 km) Noch einmal vertraue ich meinem von mir
in Einzelseiten zerlegten ukrainischen Auto-Atlas im Maßstab 1:500.000,
den ich in Odessa erworben habe. Eine kleine Abkürzung an der Küste
entlang. Wieder geht die Straße nahtlos in einen Rumpelweg über, der aber
nett durch die Dünen führt. Doch in Novofedorivka verliere ich mich in
einer Garnison zwischen Stacheldraht, kleinen dahinrostenden Flugzeugen,
als Hügel getarnten Garagen, Soldaten-Wohnblocks. Wegen der
Militärstützpunkte war die Westküste der Krim früher komplett für
Ausländer gesperrt. Heute helfen mir die Soldaten aus dem Wirrwarr heraus.
"Kostet" eine Stunde - die mir am Abend fehlen wird. Die flache
Steppenlandschaft endet, die ersten Hügel bringen Weinfelder bis zum
Horizont mit sich. An einem langen Anstieg holt mich Alexander ein, 28
Jahre und seit 15 Tagen Vater von Ilijas, begleitet mich an seinem
Wohnhaus vorbei zehn Kilometer bis zur Bucht von Sewastopol. Die im
Krim-Krieg und im Zweiten Weltkrieg lange umkämpfte Stadt war bis vor
einigen Jahren gesperrt. 1997 haben die Russen den Hafen gepachtet für
ihre Schwarzmeerflotte. "Auf 70 Jahre," erzählt Alexander ohne jede
Begeisterung. So dümpeln die alten Atom-U-Boote in seiner Nachbarschaft.
"Uran" heißt denn auch die Personenfähre, die mich über die Bucht in die
Stadt bringt. In der Gegenrichtung fährt die Pluton.
Auf der
anderen Seite von Sewastopol wird der Blick frei auf die zerklüftete
Gebirgskette am südlichen Krimufer. Ein paar Anstiege, über einen Pass und
schon biege ich um die Südspitze der Insel auf die Krimsche Riviera-Küste.
Wenn in den Reiseführern steht, die Küstenstraße führe auf der Höhe
entlang, ist das zwar richtig aber auch völlig falsch. Sie bleibt niemals
auf einer Höhe. Es geht ständig auf und ab. Links die Felswände der
1500er-Gipfel. Rechts in den Buchten die Sanatorien und Datschas, darunter
die, in der Gorbatschow während des Putsches 1991 festgesetzt wurde. Und
weil jetzt auch noch die Strecke 20 km länger ist, als mein Autoatlas
meint, geht die Sonne unter. Sternenhimmel! Dunkelheit. Ich rieche den
mediterranen Duft und höre die Grillen zirpen. Das mit Klebeband
provisorisch befestigte Vorderlicht leuchtet bergab, bergauf fahre ich
ohne Dynamo. Das Batterierücklicht muss reichen. Die Abfahrt nach Jalta
ist nicht ausgeschildert. Schließlich stotter ich über eine steile
Nebenstraße steil bergab. Sackgasse. Ein Stück zurück. Bergauf. Solange
die dunkle Nacht dich auf der Straße beschäftigt, spürst du keine
Schmerzen und keine Müdigkeit. Aber wenn die Anspannung nachlässt, geht
nichts mehr. Eine Frau will irgendein Zimmer vermitteln. Nach einigen
hundert Metern wird alles zu kompliziert. Schon bin ich beim großen
Klassiker, dem 2.500-Betten-Block "Hotel Yalta". Der Laser vom Dach war
bis zur Straße zu sehen. Nach 14 Stunden reiße ich mit letzter Kraft den
Lenker hoch, verkürze dabei die Lebensdauer des Fahrradkorbs um mindestens
ein Zehntel und das Fahrrad steht senkrecht im Aufzug - in den neunten
Stock, der km-Zähler steht bei 196,7. Ich kaputt.
Dienstag, 23. September
2003: Jalta Ruhetag. In Jalta. Klamotten waschen, Fahrrad checken.
Mit dem Extra-Hotellift auf Meereshöhe. 100 Meter Tunnel. Dann bin ich
drin. Nach all den Etappen drum herum schwimme ich im Schwarzen Meer. 21
Grad Wassertemperatur. Am Nachmittag mache ich mich auf zum
Liwadija-Palast, wo im Februar 1945 Churchill, Roosevelt und Stalin in
ihren Wintermänteln die Nachkriegsordnung regelten. Ich komme um 17.05
Uhr. Fünf Minuten zu spät (Polyschrott: geöffnet bis 19 Uhr; Lonely
Planet: bis 19:30 Uhr). Ruhetag eben. Der Leipziger, der schon die
Jahreswende 1988/89 im Hotel Yalta verbrachte, hat Liwadija damals wie
heute gesehen. Er mosert, dass die Zaren in der Ausstellung heute wieder
als die Armen und Guten wegkommen.
Mittwoch, 24. September
2003: Jalta - Sudak (115 km) Weiter an der Küste begleiten mich die
Trolleybusse der längsten Oberleitungs-Busstrecke der Ex-Sowjetunion. 73
km. Am Straßenrand werden Trauben, Feigen, Tomaten und vor allem breite,
flache, rote "Jalta-Zwiebeln" angeboten.
Dann biegt der Bus samt
allem anderen Verkehr Richtung Simferopol ab. Jetzt wird mir klar, dass
die Straße bisher doch an der Höhe entlang führte: Atemraubend führt sie
von nun an auf die sich plötzlich quer stellenden Berge und stürzt sich
unmittelbar danach in die nächste Bucht, wo gelegentlich ein paar Badende
die Nachsaison zelebrieren. Null Verkehr. Dafür (Renn-)Radverkehr. Ein
65jähriger Moskauer Rentner. Er trägt eine professionelle Radlerhose aber
ein uraltes dickes Baumwoll-T-Shirt mit fünf Knöpfen und eine
Glasbaustein-Brille, bei der das rechte Glas längs gestreift ist. Stolz
ist er auf sein Rennrad aus Hamburg - von der taiwanesischen Firma Merida.
Bei einer Abfahrt begegne ich ein paar local Radlern, die Beeren sammeln.
Und zum ersten Mal seit Rumänien ein deutsches, ein Rostocker Kennzeichen
an einem blauen Sportwagen. Der Mann lebt mit seiner ukrainischen Frau in
der Nähe von Kiew. Die Sonne knallt, aber ist gerad eben nicht zu heiß.
Ein Traum. Ganz langsam. Zu gern würde ich ein, zwei Tage in einer Bucht
bleiben. Wieder zu knapp geplant. Der Zielort Sudak wirkt überhaupt nicht
wie ein Kurort, aber zur Strandpromenade hin plötzlich eine Anhäufung von
Restaurants und Unterhaltung. Im allerletzten Gartenlokal unterhalb der
lasermäßig beleuchteten Burg setzt sich eine Mitarbeiterin der deutschen
Botschaft in Moskau an den Nachbartisch und lästert mit ihrer Freundin
über den Geiz des deutschen Botschafters in Manila: "typisch höherer
Dienst."
Donnerstag, 25.
September 2003: Sudak - Feodosia - Kertsch (155 km) Noch 40 km
Paradies-Radeln im Krim-Gebirge. Wieder stoppt ein Milizwagen den Verkehr.
Diesmal folgen Radler. Erst die Spitzengruppe. Dann das etwa
hundertköpfige Hauptfeld (Foto rechts). Begleitfahrzeuge. Nachzügler. Und
irgendwo steht einer am Straßenrand. Ich frage, ob ich helfen kann. Nein.
Die linke Pedale ist komplett Schrott. Sein Trainer sei unterwegs. Ja, das
sei so etwas wie die Tour d'Ukraine. Durchs ganze Land etappenweise. In
Feodosia sind die Berge vorüber. Der letzte Touri-Ort. Frauen, die hier
oben ohne in der Sonne liegen, legen sich kleine Steine auf die
Brustwarzen. Jetzt wird's trist. Flach. Steppengras. Öde. Ich
konzentriere mich kaum noch auf die Strecke. Plötzlich bewegt sich etwas
von rechts über die Straße. Es glitzert grau in grau mit dem Asphalt im
Nachmittags-Sonnenlicht. Ich reiße den Lenker nach rechts, zurück nach
links. Umkurve gerade noch die Schwanzspitze der Schlange. Irgendwann
beginnt mal wieder eine Allee, dichte Sträucher, wie auf den ersten
ukrainischen Etappen. So erscheint die Landschaft schön. Weil man nichts
von ihr sieht. Und heute hält das Gestrüpp mir den Gegenseitenwind vom
Leib. Ich erreiche Kertsch an der Ostspitze der Krim. 600 km, schon
fünf Tage eiere ich über die Insel, die 30mal so groß wie Rügen, 8mal so
groß wie Mallorca, fast so groß wie Belgien ist. Das große und einzige
"Hotel Kerch" hat kein Wasser. Immerhin sind in der Ukraine allerjüngst
die Extra-Hotel-Preise für ausländische Touristen abgeschafft worden.
Unter einem Wellblech-Plastikdach vor einem großen Spiegel tanzen die
Jugendlichen in einem großzügigen Cafe. Der Disc-Jockey legt ukrainische,
russische, englische, französische Musik auf und Tarkan. Unter
Radlerkriterien war die Ukraine mega-angenehm: rücksichtsvolle Autofahrer,
nicht allzu viel Verkehr, kein einziger Hund, der sich bemerkbar macht. No
hassle. Einer der Weltumradler, ich glaube Claude Marthaler, der radelnde
Philosoph - "Velosoph" - ist bei seiner mehrjährigen Tour dreimal
überfallen worden. Zweimal davon in der Ukraine. Das ist rund zehn Jahre
her. Ich habe mich nirgendwo annähernd gefährdet gefühlt.
Route
Rot = Geplante Route; Grün =
Gefahrene Route; Hellblau = Übernachtung Dunkelblau = Bisherige Touren
1983, 2000, 2003
Etappen Budapest - Kaukasus: 2. Teil
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