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Samarkand - Kashgar
Teil 2: Kirgistan & China


Jurte mit Kirgisin und Wäscheleine

Sommerheimat der kirgisischen Halbnomaden: die Jurte


Bike-Blog Teil 2
Kirgistan & China

Beton-Jurten und andere Höhepunkte
Auf lockerem Schotter zu den Uiguren

Summary Kirgistan & China
Angeblich gibt es zwischen Osch und Kashgar so gut wie nichts. Wir sind auf karge Tage eingerichtet. Finden aber doch Unterkünfte, Geschäfte, viele Menschen und eine fantastische Landschaft, gekrönt vom Taldyk-Pass (3615 m) - bei bestem Wetter. Kommen mit Glück am Abend über die Grenze nach China und fahren auch dort noch traumhafte Kilometer bis hinunter nach Kashgar an den Rand der Taklamakan-Wüste.

Mars, Snickers, Bounty, Metro, AlbeniTanzen vor der Zivilisationslosigkeit
Montag, 11. September 2006: Andischan - Grenze Usbekistan/Kirgistan - Osch (50 km)

...Nur die Mittagspause auf der kirgisischen Seite der Grenze hält uns ein bisschen auf. Ansonsten ist alles easy.
Eine frühe Ankunft hat auch ihren Reiz, zumal Osch (Osh) einen noch berühmteren Bazar hat als Andischan. Wir können noch einmal in ein richtiges Restaurant gehen, in dem nach russischer Art zwischendurch getanzt wird. Jetzt warten fünf mehr oder weniger zivilisationslose Etappen auf uns. Wir decken uns deshalb reichlich mit Lebensmitteln ein (Foto rechts und unten)


Mineralwässer und Limonaden in Kirgistan


Miri am Chyrchyk-Pass (2406 m)Pinkeln unter der Milchstraße
Dienstag, 12. September 2006: Osch - Chyrchyk-Pass (2406 m) - Gulcha (94 km)
Weil wir von keiner Unterkunft in unserm Etappenziel Gulcha wissen und dazwischen noch ein Pass mit 2400 m liegt, wollen wir richtig früh los. Aber der Wecker ist falsch gestellt und als wir endlich im Sattel sitzen, fahren wir in die falsche Richtung. Einerseits, weil die Hauptstraße in Osch so aussieht, als müssten wir ihr einfach folgen, andererseits, weil wir keinen Stadtplan und sonstige Infos über Osch kopiert haben, weil es ja nicht auf unserer geplanten Route lag, auf die wir erst morgen Abend wieder stoßen können.
Geht es also zwei Stunden später los - ein langsamer Anstieg in einem breiten Tal, das fast durchgängig besiedelt ist. Anfangs viel Ackerbau, dann zunehmend Herden von Ziegen, Schafen. Während die kirgisische Stadt Osch hauptsächlich von Usbeken bewohnt ist, leben im Hinterland Kirgisen, von denen wir schließlich auch die ersten Jurten (Foto oben) sehen. Große Rundzelte, in denen kirgisische Familien heutzutage im Sommer ein Nomadenleben führen, um das Weideland in höheren Regionen zu nutzen. Den Winter verbringen sie in Wohnungen in niedrigeren Regionen.
Erst kurz vor der Passhöhe verlässt die Straße das bewohnte Tal und führt auf einem kurzen Anstieg auf 2406 m (64 km hinter Osch). Auf der andern Seite des Chyrchyk-Passes (Foto links) erscheint ein rot-blassgrünes Panorama. Die Straße schlängelt sich in langen Kurven durch den kaum bewachsenen roten Sandstein ins Tal (Foto unten).


Chris vor Gulcha bei der Abfahrt vom Chyrchyk-Pass (2406 m)

Vor Gulcha


Abendstimmung am Gulcha bei GulchaIn kurzen Abständen begegnen uns mehrere Gruppen schweizer und deutscher Motorradfahrer. Wir rechnen uns aus, dass sie außergewöhnlich lange von der tadschikischen oder chinesischen Grenze gebraucht haben müssen. Das heißt: die Straßenbeschaffenheit kann nicht super easy sein.
Gulcha ist keineswegs die von uns erwartete Stadt fernab der Zivilisation. Einige Geschäfte säumen die Hauptstraße, nach denen auf der linken Seite schließlich sogar das klassische sowjetische Zwei-Stockwerk-Hotel erscheint. Beim Abendessen auf dem Zimmer lugt eine Maus aus dem Türrahmen nach potentieller Nahrung.
Unsere Toleranz ist durch die Mäusenacht auf dem Ansob-Pass begrenzt. Mit einer Plastiktüte verstopfe ich den unteren Ausgang des Türrahmens, worauf sofort ein Geraschpel verkündet, dass die Maus den Angriff auf das Plastik aufgenommen hat. Der doppelte Holzboden vertreibt unsere letzte Hoffnung, dass wir die Mäuse-Highways in den Griff bekommen. Mehr symbolisch baue ich mich mit einem Schraubenzieher weit ausholend vor dem Türrahmen auf. In diesem Moment verstummt das Maus-Plastik-Rascheln - für den Rest der Nacht. Vor der wir noch einen Abendspaziergang an die Gulcha (Foto links) machen, der wir morgen bis fast zum Pass folgen werden. Bevor wir im Hotelhof unter der Milchstraße pinkeln.

Zwiebel-Verladung, KirgistanDoppelpass als Höhepunkt
Mittwoch, 13. September 2006: Gulcha - Taldyk Doppel-Pass (3615 & 3570 m) - Sary Tash (103 km)
Heute geht's tatsächlich früh los. So früh, dass wir den Herbergsvater-Sohn, BWL-Student in Kirgisiens Hauptstadt Bishkek, wecken müssen, um unsere Räder aus dem Schuppen zu bekommen. Wir wollen auf den höchsten Punkt: 3615 m.
Auch das Gulcha-Tal ist besiedelter als es auf der Karte und in andern Reiseberichten scheint. Überall Viehherden, zahlreiche Dörfer (Foto rechts: Zwiebel-Verladung). Erst bei Beginn des Passanstiegs, acht Kilometer vor der Passhöhe, wird es menschenleer. Das Tal wechselt immer wieder das Gesicht, auch das macht es so schön. Wir kommen gut voran, und doch wird es am Ende wieder eng mit dem Tageslicht und den Höhenmetern. In weniger als zwei Stunden bewältigen wir den 8-km-Anstieg von 2600 auf 3600 m. Die Höhe macht uns längst nicht so viel zu schaffen wie beim Ansob-Pass. Wieder läuft es ab 3000 m bei Miri leichter als bei mir. Als wir die Höhe erreicht haben, liegt der Pass bereits im Schatten (Foto unten).


Christoph Gocke und Mirjam Müller auf dem Taldyk Pass (3615 m)

Taldyk Pass (3615 m)


Auf der Passhöhe beginnt erst der Kampf. Mit der untergehenden Sonne verschwinden die letzten Reste von Wärme. Es geht drei Kilometer bergab bis auf 3450 m und wieder drei Kilometer aufwärts. Diesmal liege ich etwas vorn, kann bis oben fahren. Wir müssen noch einmal auf 3570 m.
Jetzt ist es ganz duster. Der Wind pfeift uns um die Ohren. Viel zu spät unterbrechen wir unsere Abfahrt ins nahe gelegene Sary Tash und kramen alle erreichbaren Wind- oder Kälte-stoppenden Utensilien heraus. Und frieren doch jeden Meter mehr. Sary Tash (3150 m) liegt düster da, ein paar Häuser, noch weniger Lichter. Im Ort wird die Straße zu einer rumpeligen Schotter-Piste.
Wir hatten Glück: Am Nachmittag trafen wir Gideon und Doreen aus Holland. Sie fuhren in einem LKW mit, bei dem mal eben das Rad gewechselt werden musste. Sie hatten in der letzten Nacht in Sary Tash übernachtet und Gideon zeigt uns auf dem Display seiner Kamera ein Foto von ihrer Unterkunft: Ein absolut empfehlenswerter Homestay. Foto und Beschreibung waren perfekt, sodass wir bald zitternd an der Haustür klopfen. Das junge Mädchen ist überrascht, aber auf Russisch können wir schnell klar machen, warum wir gerade hier ein halbwegs warmes Plätzchen suchen.
Wieder ist es ein riesiger karg eingerichteter Raum, in dessen Ecke ein Bett mit vielen Decken auf uns wartet. Wir sind überglücklich. Selbst die Erkenntnis, dass wir im Haus eingeschlossen sind und somit jeder Toilettengang versperrt ist, ändert daran nichts. Zum Glück haben wir zu wenig getrunken heute. Vor allem aber haben wir den höchsten Pass hinter uns, den kältesten Augenblick und können in einem richtigen Bett schlafen.


Frühstück im Homestay in Sary Tash

Happy Breakfast


Open-Air-Badezimmer in Sary TashSchotter-Schocker
Donnerstag, 14. September 2006: Sary Tash - Irkeshtam Pass (3573 m) - Grenze Kirgistan/China - Simhana (79 km)
Katsru, die Tochter und mit ihren Russisch-Kenntnissen auch Managerin unserer Gastgeber-Familie, ist 16 Jahre alt. Unseretwegen verpasst sie heute die erste Schulstunde. Beglückt uns noch mit einem Frühstück, das wir zu Tische liegend absolvieren (Foto oben). Noch beglückender ist der Blick, den uns der Morgen beschert: Unsere Katzenwäsche im Open-Air-Badezimmer vor der Haustür (Foto links) findet vor dem Panorama der verschneiten Trans-Alai-Bergkette statt, der nördliche Abschluss des Pamir-Gebirges. Alles überragt vom Pik Lenin (7134 m), der sich gelegentlich im Wolken-Nebel zu erkennen gibt.
Zur zweiten Schulstunde heißt es also für Katsru und uns: Auf geht's! Die einzige Alternative zur lockeren Schotter-Piste sind Fahrspuren, die LKW-Fahrer aus Verzweifelung über die Piste geschaffen haben. Mit dem Rad versinken wir aber meist zu sehr im Staub und Dreck und kommen dort noch mühsamer voran als auf dem Hauptweg. Die LKW, die auf diesem Weg zur chinesischen Grenze verkehren, treten in der Regel gehäuft auf. Dann hüllen sie uns in eine Staubwolke, bevor wir wieder ein paar hundert Meter alleine mit Schotter oder Dreck kämpfen.
Dann ist es meinem neuen 25-kg-Gepäckträger zu viel. Selbst mit dem Gewicht von Miris Rucksack, den ich aus verschiedenen Gründen gelegentlich übernommen habe, hatte er nie mehr als 25 Kilo zu stemmen. Eine Schraube hat sich gelöst, die Mutter fehlt. Nichts rollt mehr. Und wieder Glück: die einzige Mutter, die ich dabei habe: passt. Wie sich erst einige Tage beim Abbau des Korbs für die lange Bahnfahrt zeigt, haben sich fast alle Streben des Gepäckträgers mit der Zeit verbogen. Auf der Schotterstrecke bemerke ich nur, dass es am Hinterrad schleift. Mit ein bisschen Gepäckentlastung und Umverteilung lässt sich das beheben.


Schotter-Fahrt vor Pamir-Skyline

Schotter-Fahrt vor Pamir-Skyline


Abfahrt vom Irkeshtam-PassSchotter - 55 km lang. Wir bemerken gar nicht, dass wir längst auf der Abfahrt vom Irkeshtam-Pass mit seinen 3573 m sind. Der Weg führt flach über das Hochplateau. Und als sich rechts ein Tal mit einem mäandernden Fluss vor dem Pamir-Schnee öffnet (Foto rechts), führt die Strecke zunächst langsam, dann immer steiler bergab. Das schmerzt auf dem Schotter noch mehr.
Wir sind so im Schotter-Rhythmus, dass wir es nicht so recht glauben können, als - fast am Ende der Abfahrt - linker Hand eine Bretterbude samt Soldaten steht und dort wieder ASPHALT beginnt. Ich werde in die Soldaten-Bude gebeten. Auf der Fensterbank steht ein Telefon, das jedem Film über den Zweiten Weltkrieg Authentizität verleihen würde. Unsere Namen werden mal wieder in Listen eingetragen.
Mit dem Asphalt beginnt eine neue Kilometer-Markierung. Der Null-Punkt der Markierung liegt offenbar an dem Grenzübergang Karamyk, dessen derzeitige Schließung für Ausländer uns zum großen Umweg durchs Fergana-Tal zwang. Eigentlich soll diese Trasse wieder zu einem belebten Teil der Seidenstraße werden. Auch auf tadschikischer Seite ist ein voller Ausbau der Strecke mit Hilfe von Entwicklungsgeldern geplant.
Der jetzt vor uns liegende Grenzübergang nach China ist erst vor zehn Jahren geöffnet worden. Auf der kirgisischen Seite wirkt er ganz provisorisch. Die Straße selbst - gesäumt von wartenden LKW und mobilen Handels- und Verpflegungsstationen - ist gesperrt. Wir müssen ein paar Meter zurück, um durch die linker Hand liegenden Abfertigungsgebäude offiziell auszureisen. Ein bisschen wirkt alles nach Feierabend. Zwei, drei Männer warnen uns, die chinesische Seite sei für diesen Tag längst geschlossen, aber die kirgisischen Soldaten, über die sich manche Horrorgeschichte im Netz findet, sind sehr bemüht uns schnell und kostenlos durchzuschleusen.

Landschaft beim kirgisisch-chinesischen Grenz-Kontrollpunkt SimhanaWir erwarten eigentlich immer noch den Irkeshtam-Pass und rechnen damit, nun bis zur eigentlichen Grenze noch kräftig steigen zu müssen. Stattdessen erscheinen nach ein paar hundert Metern (73 statt wie angegeben 78 km hinter Sary Tash) kommunistisch-rote Grenzsteine samt Stern. Davor linker Hand noch einmal eine kirgisische Station, die uns endgültig entlässt - ins Niemandsland.
Hier stecken noch ein paar LKW fest. Vor allem, weil einer von ihnen umgekippt ist und die Ladung im Straßengraben liegt. Wenige Meter weiter haben auch wir nichts mehr zu lachen. Der chinesische Schlagbaum ist heruntergelassen. Für heute. Der Soldat macht uns in Zeichensprache klar, dass wir bis zum frühen Morgen hier zu warten hätten.
Noch ist es halbwegs warm, aber der Grenzübergang liegt verdammt hoch, fast auf 3000 m. Einzige denkbare Unterkunft wäre eins der nicht allzu gastfreundlich wirkenden LKW-Führerhäuser. Uns fröstelt. Unentschlossen starren wir auf den Schlagbaum. In China gehen alle Uhren nach Pekinger Zeit. So ist es, während die Sonne gerade untergeht, auf kirgisischer Seite 18 Uhr, während es auf chinesischer schon 20 Uhr ist.

Chinesisches Hotel in Simhana, ChinaÜberraschend taucht ein chinesischer Militärjeep mit vier Mann Besatzung auf. Vermutlich beschäftigen sie sich mit dem umgestürzten LKW. Einige Minuten später kehren sie zurück. Der Wagen hält. Unseretwegen. Der Kommandeur spricht chinesisch gefärbtes Englisch, kassiert unsere Pässe und fordert uns auf, ihrem Wagen zu folgen. Diese Wendung des Geschehens lässt unsere Glückshormone ins Hirn schießen. Mit voller Kraft folgen wir dem Jeep fast fünf Kilometer weit. Bis sich vor uns ein Gebäude mit einem riesigen Uhrturm erhebt, von dem zur vollen Stunde der Big-Ben-Klang durchs Tal schallt. Die chinesische Grenzabfertigung.
Hinter dem Gebäude lässt sich eine Art Ortschaft erahnen, die zu der Grenzstadt gehört: Simhana, wie wir später auf unserer Karte entdecken. Der Kommandeur ist sicher, entschieden aber freundlich in seinen Anweisungen. Unsere Pässe bekämen wir morgen wieder, einstweilen könnten wir hier übernachten. Es gebe ein chinesisches und ein nicht-chinesisches Hotel. Das chinesische sei sauber.
Wir machen uns auf den Weg durch die in den vergangenen Jahren im Reißbrett-Muster errichteten Flachbauten. Erkennen nicht, dass wir schon mitten in China sind. Hinter jeder Tür verbirgt sich ein anderes Business. Eine Tür kündet in arabischer, chinesischer und kyrillischer Schrift: Hotel (Foto rechts). Bestehend aus zwei Zimmern. Das erste, Durchgangszimmer zum zweiten, wird unseres. Zwei Etagenbetten stehen hier. Eine Karaffe mit warmem Wasser wird hereingereicht. Im zweiten Zimmer schlafen alle andern Gäste und das Service-Personal. Dort steht der Fernseher. Haben wir heute keinerlei Bedarf.

Chris trinkt chinesisches Imitat: Future ColaBesser als beim Chinesen
Freitag, 15. September 2006: Simhana - Karabel Daban (2930 m) - Akto Mountains Pass (2990 m) - Taktudulak Daban (2850 m) - Kansu (122 km)
Zur Grenzabfertigung müssen wir noch mal zurück auf die andere Seite des Abfertigungsgebäudes. Bekommen zu diesem Zweck auch unsere Pässe zurück. Wir sind um 10:30 Uhr anscheinend die ersten. Chinas Ferner Westen lässt sich nicht von der Peking-Zeit gängeln. Die Menschen stehen mit der Sonne auf. Ein fest installiertes Gerät misst unsere Körpertemperatur ohne Körperkontakt. 35,8 Grad Celsius zeigt es bei mir an. Ist ok.
Zentraler Raum des Abfertigungsgebäudes ist eine Bank. LKW-Fahrer um mich herum zahlen Berge von Geld ein. Sie drängeln von allen Seiten. Einer lässt mich schließlich vor. Meine 50 Dollar sind hier nur läppisches Kleingeld, ganz anders als in den ehemaligen Sowjetstaaten.
Miri kann endlich einkaufen. Während sie die überdimensionierten chinesischen Luftverpackungen erwirbt und eine Flasche "Future Cola" (Foto rechts), die - wie vieles hier - ihrem westlichen Pendant aus Atlanta täuschend ähnelt, entdecke ich einen Riss am Hinterreifen ihres Fahrrads. An der Felge ist der Mantel "Schwalbe Spezial" auf einer Länge von 30 cm aufgerissen, der Schlauch ist deutlich zu erkennen (Foto weiter unten links). Wat nu? Einen Ersatzmantel haben wir jedenfalls nicht dabei. Wir verlagern Miris Gepäck auf meinen Gepäckträger. Und hoffen, dass der Schlauch nicht platzt, reißt. Fahren langsamer auf den langen Abfahrten.

Rot-Grün-Grau-Schwarze Landschaft in Xinjiang, ChinaDenn die Berge legen sich weiter quer zu unserer Strecke. Drei Pässe zwischen 2800 und 3000 m überqueren wir. Ganz unterschiedliche Gesteinsformationen wechseln sich ab (sh. Foto special). Es ist wieder oder immer noch traumhaft. Und weil wir das nirgendwo sonst erwähnt fanden - noch einmal: Es ist traumhaft (Foto links). Wunderschöne Bergpanoramen. Und Asphalt. Selten haben wir ihn so genossen. In der menschenleeren Gegend sind sogar alle paar Meter Frauen und Männer der Straßenmeisterei - die wie Vorposten des 1,3-Mrd.-Volkes wirken - dabei, die Randstreifen des Asphalts zu hegen und zu pflegen.
In diesem Zipfel der Volksrepublik leben Tadschiken und Kirgisen, vor allem aber Uiguren - ebenfalls ein Turkvolk. Trotz Latinisierungs-Versuchen der Pekinger Regierung schreiben sie ihre Sprache immer noch mit arabischer Schrift. Die Verkehrsschilder sind auf Chinesisch und Uigurisch verfasst, die ehemaligen englischen Bezeichnungen lassen sich häufig im Lack erkennen. Es gibt sowieso so gut wie keinen Abzweig.
Der einzige größere Ort, Kansu, ist ein kleines Dorf, von weitem aber schon an der Dunstglocke seiner Fabrik zu erkennen. Die Luft ist elend, vor allem wenn man zuvor tagelang durch einsame Hochtäler geradelt ist. Die Menschen sind freundlich, es gibt einige Läden und sogar ein Hotel, worauf wir gar nicht zu hoffen wagten. Es hat keine Toilette, aber das sind wir längst gewohnt.
Unser Raum hat sechs, sieben Betten, doch als mitten in der Nacht noch jemand Einlass verlangt, verweisen wir ihn an die drei Nachbarzimmer. Vorher haben wir noch im gegenüberliegenden Restaurant das Zerlegen eines größeren Tieres verfolgen können. Und die theatralische Nudelproduktion, bei der ein langer Strang immer wieder an seinen Enden zusammengelegt und wieder auseinandergezogen wird, so dass immer dünnere Stränge entstehen. Die chinesische Pasta exportierte Marco Polo nach Italien. Sogar unser Wunsch nach vegetarischem Essen wird erfüllt: nach einiger Zeit erscheint eine Eierspeise mit Gemüse und Nudeln, besser als bei jedem Chinesen in Mainz.

Miri auf Autobahn kurz vor KashgarFinale, oho!
Samstag, 16. September 2006: Kansu - Kashgar (137 km)
Trotz nächtlicher Ruhestörung sind wir fit fürs Finale: Rolling! Die Straße macht noch einen Schlenker nach Norden. Von der auf vielen Karten abgedruckten direkten Verbindung nach Kashgar ist nichts zu erkennen. Da lägen zudem ein paar Höhenmeter dazwischen. Auch wir haben noch einen langen, langsamen Anstieg vor uns, aber dann geht's erstmal nur bergab: 1400 Höhenmeter tiefer.
In Kayratkent rollen wir an einer Armada heimradelnder Schülerinnen vorbei. Und dann stößt die anfangs einsame Bergstraße auf die Moderne: eine neue Beton-Brückenkonstruktion der vierspurigen Autobahn nach Kashgar. Da wir Null Bock auf Autobahn haben, nehmen wir eine kleinere Straße, von der wir glauben, sie verlaufe parallel zur Autobahn. Erst nach sieben, acht Kilometer erfahren wir, dass sie nach Artux in den Osten statt nach Süden führt. Zurück zum Abzweig und auf die weitgehend leere Autobahn (Foto rechts). 17 km Umweg.
Am Stadtrand von Kashgar nimmt der Verkehr zu. Die Häuser werden höher und moderner. Von der guten alten Seidenstraße ist hier nix zu erkennen. Die Straßen werden breiter, teilen sich. Und dann haben wir mal wieder den Karten-Ausschnitt erreicht, den uns ein Führer von der Innenstadt gibt.

Schwalbe Country CruiserVor der Fahrt zum Hotel drehen wir noch eine Runde durch die überschaubare Innenstadt. Entdecken zwei, drei Fahrradläden an der Hauptstraße. 260 km hat der defekte Schwalbe-Mantel (Foto links) von Miris Fahrrad gehalten. Jetzt können wir ihn austauschen. Und, oh Wunder: der Händler verkauft uns einen "Schwalbe Country Cruiser" - der aber von Schwalbe seit Jahren nicht mehr produziert wird. Kostenpunkt immerhin 60 Yuan, umgerechnet 6 Euro (- für die man hier auch ein ganzes Fahrrad kaufen kann). Plus 5 Yuan für den fliegenden Fahrradreparateur vor den Läden, der den "Schwalbe-Mantel" aufzieht. Ist der echt? War der echt? Testen können wir ihn auf dieser Tour nicht mehr. Auch, wenn noch fast eine Woche Zeit ist: Kashgar ist - auch wenn wir es in diesem Moment noch nicht wahrhaben wollen - das gefühlte Ziel. Und der logistisch günstigste Ausgangspunkt für die Heimfahrt.
Wir radeln noch zum großen Mao (Foto unten) und rollen dann in das Gelände des ehemals britischen Konsulats, das hier im 19. Jh. bei dem "Great Game" genannten Ringen mit Russland um Zentralasien eine wichtige Rolle spielte. Qini Bagh heißt das Hotel-Konglomerat. Es ist ziemlich schwer ein Zimmer zu bekommen, weil September eine beliebte Reisezeit ist und am Wochenende der Sonntags-Markt viele Touristen-Gruppen in die Stadt lockt. Nach langwierigen Verhandlungen mit der Rezeption klappt's. Und wir kehren zurück in eine Zivilisation mit Toiletten, Handtüchern, Bettwäsche.


Miri und Chris vor Mao-Statue in Kashgar, China

In Maos China


Händler mit Huhn oder Hahn beim Sonntagsmarkt in KashgarKite Runner auf dem Sonntagsmarkt
Sonntag, 17. September 2006: Kashgar
Womöglich ist der Markt noch älter als die Stadt. Der Markt machte Kashgar zur Metropole inmitten menschenleerer Gegenden. Immer sonntags kamen und kommen die Händler aus Nah und Fern hier an den Rand der Wüste Taklamakan, um zu kaufen und zu verkaufen. Kamele, Rinder, Schafe, Ziegen, Hühner (Foto rechts) und dazu einfach alles, was es zu kaufen gibt. Hier deckten sich die Karawanen ein.
Und jetzt wir. Hier. An einem warmen Sonntagmorgen nach 1200 km über die höchste Gebirgsfront der Welt. Lassen uns von einem Taxi an den Stadtrand zum Viehmarkt bringen, wo auch die Touristen-Gruppen aus ihren Bussen geworfen werden. Der ein oder andere mit dem Michael-Jackson-Mundschutz aus Angst vor SARS-, Vogelgrippe, Umweltverschmutzung oder allem zusammen (mehr Fotos vom Markt im Foto Special: China).
Mittendrin ein ganzes Filmset, das hier die Atmosphäre im Afghanistan der 70er Jahre einfangen will. Eine Verfilmung des Romans "Kite Runner" von Khaled Hosseini. Das Werk von Regisseur Marc Forster soll im Herbst 2007 in die Kinos kommen.
In der Stadt finden wir kaum eine halbwegs orientalisch anmutende Stelle. Ein Stadtteil nach dem andern weicht den großen Betonblöcken neuer Einkaufszentren, Büros, Wohnungen. Selbst in dieser entfernten Stadt mit ihren für chinesische Verhältnisse lächerlichen Einwohnerzahl von 300000, 400000, ist der Wirtschafts- und Bau-Boom an jeder Ecke spürbar.

Miri und JakEpilog: Neue Perspektiven auf dem Karakorum-Highway (KKH)
Dienstag, 19. September 2006: Taxi-Fahrt Kashgar - Karakorum-Highway - Karakul-See
Lange hatten wir überlegt den Karakorum-Highway (Karakoram-Highway, KKH) in diesem Jahr zu beradeln. Dagegen sprach am Ende der größere logistische Aufwand, mehr aber noch die Tatsache, dass der Pass seit ein paar Jahren nicht mehr mit dem Fahrrad überquert werden darf. Der Bustransport über 220 km zwischen dem pakistanischen Sust und dem chinesischen Tashkurgan ist obligatorisch. Und wenn man den höchsten und schönsten Streckenabschnitt nicht fahren darf, lohnt sich's nicht so recht - war unsere Überlegung.
Und plötzlich bietet sich die Möglichkeit, zumindest auf der chinesischen Seite, bis Tashkurgan zu fahren. Zu radeln? Das Radeln sparen wir uns lieber auf. Es wäre nur eine halbe Strecke. Wir entscheiden uns für ein Taxi. Heuern einen Fahrer an. Und fahren auch nur bis zum Karakul-See (Foto unten). Auf 3700 m liegt er am Fuße zweier Sieben-Tausender, dem Muztag Ata (7546 m) und dem Kongur Shan (7719 m). Am Rande des Sees leben Pamir-Kirgisen in Beton-Jurten, von Reiseführern als "pseudo-yurts" bezeichnet.
Ben Hopkins hat die Geschichte der Pamir-Kirgisen, die im Kalten Krieg bedroht waren, zwischen der Sowjetunion und China aufgerieben zu werden, und zuletzt fast vollständig in die Türkei emigrierten, 2005 in einem Film dokumentiert. Hier leben sie heutzutage von Touristen, weiden Jaks und Kamele. Den See umrunden wir in einem mehrstündigen Spaziergang (mehr Fotos vom Karakul-See im Foto Special: China).
Die Erkenntnis des Tages aber bringt ein holländischer Rad-Reise-Leiter, der mit seiner Frau Dorina in Rumänien lebt: Pascal Kolkhuis Tanke, ein Tropical Cyclist. Ihm begegnen wir mit seiner Radl-Gruppe, mit der er auf der pakistanischen Seite bis auf die Spitze des Karakorum-Highways, dem Khunjerab-Pass, geradelt ist. Das sei erlaubt, man müsse nur wieder zurück nach Sust radeln, denn nur dort erhalte man den Ausreisestempel aus Pakistan in Verbindung mit einem motorisierten Fahrzeug, das einen bis Tashkurgan bringt. Auf der chinesischen Seite ist kein Fahrrad-Verkehr möglich. Völlig neue Perspektiven - dank Pascal.


Karakul-See (3700 m)
vor Wolken-umhüllter Spitze des Muztag Ata (7546 m)

Karakul-See (3700 m)
vor Wolken-umhüllter Spitze des Muztag Ata (7546 m)


Zug zum Flug
Donnerstag/Freitag, 21./22. September 2006: Zug-Fahrt Kashgar - Urumqi
Die Zug-Fahrt von Kashgar nach Urumqi alias Wulumuqi dauert 24 Stunden. Im Schlafwagen, dem hard- oder soft-sleeper, lässt sich das aushalten. Die Räder durften nicht im gleichen Zug fahren. Sie sollten zwei Stunden später eintreffen. Daraus wurden schließlich 20 Stunden. Aber immer noch rechtzeitig vor unserm Flug zurück über Tashkent und Moskau nach Frankfurt.
Samstag/Sonntag, 23./24. September 2006: Flug Urumqi - Tashkent - Moskau - Frankfurt
Der Flughafen von Urumqi führt uns noch einmal die Dimensionen Chinas vor Augen. Der riesige neue Flughafen, zu dem wir zunächst radeln, ist nur für Inlands-Flüge gebaut. Die Abfertigung internationaler Flüge findet in dem winzigen alten Terminal statt. Wo sich Usbeken einen heftigen Fight um jeden Zentimeter Raum liefern.
Nachdem wir unser zweites usbekisches Visum schon frühzeitig verballert haben, müssen wir in Tashkent 15 Stunden im Transitbereich verbringen. Auf dem Teppich lässt sich halbwegs schlafen. Zumindest bevor eine größere indische Gruppe den Transitbereich stürmt (mehr Fotos von Zug, Urumqi und Flug im Foto Special: China).


Route Samarkand - Kashgar



Blaue Linie = Touren-Route; Buchstaben = Start und Ziel der Etappen

Etappen Samarkand - Kashgar (4.-16.9.2006)

Details mit Geschwindigkeiten, Höhenmetern etc. als Excel-Tabelle

Tag Datum Start Zwischenstationen Ziel km
1. 4.9.2006 Samarkand Grenze Usbekistan/Tadschikistan Pendschikent 71
2. 5.9.2006 Pendschikent Serafschan-Tal Ayni 102
3. 6.9.2006 Ayni Ansob-Pass (3373 m) 77
4. 7.9.2006 Ansob-Pass (3373 m) Duschanbe 90
5. 8.9.2006 Duschanbe - Taxi-Fahrt - Chudschand
6. 9.9.2006 Chudschand Grenze Tadschikistan/Usbekistan Kokan 142
7. 10.9.2006 Kokan Fergana-Tal Andischan 133
8. 11.9.2006 Andischan Grenze Usbekistan/Kirgistan Osch 50
9. 12.9.2006 Osch Chyrchyk-Pass (2406 m) Gulcha 94
10. 13.9.2006 Gulcha Taldyk Doppel-Pass (3615 & 3570 m) Sary Tash 103
11. 14.9.2006 Sary Tash Irkeshtam Pass (3573 m) - Grenze Kirgistan/China Simhana 79
12. 15.9.2006 Simhana Karabel Daban (2930 m) - Akto Mountains Pass (2990 m) - Taktudulak Daban (2850 m) Kansu 122
13. 16.9.2006 Kansu Kashgar 137*
Summe 1200
*davon 17 km Umweg

Bike-Blog Teil 1:
Usbekistan & Tadschikistan

Bike-Blog Teil 1
Usbekistan & Tadschikistan

Sackgasse im Islamisten-Tal
Neue Route auf alter Seidenstraße

Foto Special zu Teil 1:
Usbekistan & Tadschikistan

Foto Special zu Teil 1
Usbekistan & Tadschikistan




Foto Special zu Teil 2:
Kirgistan & China

Foto Special zu Teil 2
Kirgistan & China

Foto Special: China

Kashgar: Sonntagsmarkt und mehr

* Kashgar:
Sonntagsmarkt und mehr

Karakorum-Highway (KKH): Karakul-See

* Karakorum-Highway (KKH):
Karakul-See

Urumqi alias Wulumuqi

* Mit dem Zug zum Flug:
via Urumqi alias Wulumuqi


Zur ganzen Tour 32: Samarkand - Kashgar (1200 km) Sept. 2006


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Tour 48: Karakorum-Highway (1010 km) 2009
Karakorum 2009
Chris Tour 51: Khartum - Addis Abeba (1760 km) 2010
Äthiopien 2010
on the Tour 58: Alpen - Prag - Berlin (2060 km) 2011
Moldau 2011
Bike Tour 59: Errachidia - Agadir (1005 km) 2012
Marokko 2012
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