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VG WORTTour 48: Karakorum-Highway (1010 km)


Terrassenfelder am Indus in Indus Kohistan, Pakistan
Beauty-Shot: Terrassenfelder am Indus


Teil 1
Abu Dhabi und am Indus in Pakistan
Polizei-Eskorte im heißen Hochgebirgs-Sommer

Bike und Bike-Karton in der S 8 auf dem Weg zum Frankfurter FlughafenSchürfwunden und Prellungen beim Rolltreppen-Rodeo
Freitag, 19. Juni 2009: Flug Frankfurt - Abu Dhabi

Alles beginnt diesmal mit einem Gang zum Bahnhof. Den überdimensionalen aber nicht überdimensionierten Fahrradkarton von Pokornys Fahrradladen lege ich auf das Fahrrad über Lenker, Sattel und Korb. Damit bleibt mir nur der Fußmarsch mehr oder weniger mitten auf der Fahrbahn. Ein etwas voreiliger Autofahrer rammt den Korb mit seinem Außenspiegel und hupt. Selber schuld.
Im Bahnhof gehe ich noch zweistufig vor. Karton und Fahrrad rollen nacheinander auf der Rolltreppe nach oben und wieder runter. Am Flughafen-Bahnhof entscheide ich mich, sie gleichzeitig zu befördern. Schon auf der ersten Treppe geht das schief. Ich drücke Rad, Gepäck und Karton nicht entschlossen genug von mir weg. Irgendwas bleibt hängen. Schon knallt die linke Pedale gegen meine Knie.
Alles droht sich mit allem zu verkanten. Irgendwie krieg ich das Gepäck mit einer Kraftanstrengung wieder in den Griff. Die Schürfwunden und Prellungen sehe ich erst nach 72 Stunden in meinem Hotelzimmer in Pakistan. Die Schmerzen spür ich gleich. Und muss auch noch zu Terminal 2.
Nach der üblichen Rad-Verpackungsshow wandert mein Kopfschlüssel (vulgo "Knochen") versehentlich in meine Hosentasche. Keine Chance bei der Handgepäck-Kontrolle. Die stumpfe "Waffe" wandert in den Abfall. Vernichtung von Eigentum, Verschrottung ohne Abwrackprämie, kleines Konjunkturprogramm. Trotzdem Glück: das Rad wird kostenlos nach Asien befördert.
Der Flug - übrigens über flygreen gebucht, incl. atmosfair-Abgabe: macht von Frankfurt nach Islamabad hin und zurück 98 Euro Ausgleichszahlung für CO2-Treibhaus-Effekt - mit Etihad aus den Emiraten äußerst angenehm. Sogar vegetarisches Menü.
Andrea neben mir fliegt via Doha nach Manila. Ihr Vater, Mitte 60, ist jüngst liebesbedingt auf eine philippinische Insel ausgewandert. Für Andrea steht die erste Begegnung mit der Lebensgefährtin ihres Vaters an. In zwei Wochen fliegen wir mit demselben Flug zurück.


Sheikh Zayed Bin Sultan Al Nahyan Moschee, Abu Dhabi, Vereinigte Arabische Emirate
Arabia Blanca in Abu Dhabi:
Die neue Sheikh Zayed Bin Sultan Al Nahyan Moschee


Prolog: Hitzetest in Abu Dhabi
Samstag, 20. Juni 2009: Flug Abu Dhabi - Islamabad

Wenig aber gut geschlafen. So zumindest mein Eindruck. Andrea geht es neben mir genauso. Das Frühstück fällt etwas karg aus: ein Muffin.
Landung in Abu Dhabi. Andrea bleibt im Terminal, mein Weiterflug nach Islamabad ist erst am späten Abend. Bleibt ein Tag für Abu Dhabi mit Handgepäck.
Bei der Passkontrolle lerne ich Janneke kennen. Die Studentin aus Utrecht war für ihre Examensarbeiten in Indien. Soziologische Veränderungen durch Verkehrsinfrastruktur, ihr Thema. Sie hat extra so gebucht, dass sie Zeit für Abu Dhabi hat, wäre am liebsten über Nacht geblieben.
Beim Verlassen des Terminals schlägt uns Hitze entgegen. Um acht Uhr morgens. Die Schritte verlangsamen sich von selbst. In trägem Tempo finden wir zur Bushaltestelle, wo bald ein klimatisierter Wagen vorfährt. Intuitiv verkneife ich mir im letzten Augenblick das Hinsetzen. Genau: "Priority Seating" für Frauen im vorderen Bereich des Busses. Hinten stehen die glotzenden Männer dicht zusammengedrängt.
Ikea auf Arabisch und Latein an der Marina Mall in Abu Dhabi, Vereinigte Arabische EmirateFür weniger als einen Euro fahren wir 30 Kilometer in die Stadt und durch die Stadt zur vorgelagerten Halbinsel mit der "Marina Mall". Zuerst erkennt man Ikea auf Lateinisch und Arabisch (Foto links), Carrefour ist auch da, und hunderte kleinere Geschäfte. Aber fast alle noch geschlossen. Mir ist schon mulmig durch die Wärme. Stabilisiere meinen Körper mit Coke und Salz. Muss einen weiteren Gang zurückschalten. Hitze ist nix für mich.
Auch auf die Gefahr, dass er wieder gefilzt wird, suche ich nach einem neuen "Knochen". Hier, so glaube ich, ist es einfacher einen zu finden, als morgen um 5 Uhr früh im sonntäglichen Islamabad. Ein Sportgeschäft führt fünf Fahrräder, aber keine Ersatzteile oder Werkzeug. Im Carrefour finde ich schließlich eine Zange, die es tun müsste.
Enttäuschend gegenüber das Heritage Center mit seinem Handwerksverkaufsständen und wenigen Fotos, die den Wandel beginnend mit ein paar Hütten im Sand seit den sechziger Jahren dokumentieren. Alles geschehen in meiner Lebenszeit.
Schön der Strand mit Blick auf die Skyline von Abu Dhabi (Foto rechts). Die ist verglichen mit Dubai gleichförmig, hat wenig Variationen, keinen Aufbau, kein Ziel. Eine Ansammlung mehr oder weniger gleich hoher und gleich langweiliger Hochhäuser.
Auf "Wetbikes" jagen junge Menschen am Ufer hin und her. Bewusst haarscharf an zwei, drei Badenden vorbei. Sie gehören zu der kleinen Gruppe neben uns, die in einem Gemisch aus Englisch, Arabisch und einer Turksprache miteinander kommunizieren. Lasziv posiert ein Mädchen mit dem korpulentesten Mann in Badehose für Fotos. Arabien ist das nicht. Oder auch.

Skyline von Abu Dhabi von Heritage Center aus gesehen, Vereinigte Arabische EmirateWir trampen zurück in die Stadt. Der erste nimmt uns mit. Kamal, ein Palästinenser aus Damaskus, dessen Familie 1948 aus Haifa vertrieben wurde. Er will uns nicht einfach so in der Stadt absetzen. Obwohl er krank ist und deshalb heut nicht als Vorarbeiter in seiner Ölförderanlage arbeitet, fährt er uns in den Hafen von Abu Dhabi. Zu seinem Lieblingscafé, in dem wir Tee mit frischer Minze bekommen.
Nicht schön, aber die Hafenatmosphäre ist noch untouristischer als Abu Dhabi insgesamt. Er möchte Geschäfte machen mit Gebrauchtwagen in Deutschland. Da kann ihm ein Dauer-Radler wenig helfen.
Dann setzt er uns irgendwo in der City wieder ab. Selbst Jannekes Interesse und Energie versiegt langsam in der Hitze zwischen den Hochhäusern. Als wir mit Bussen nicht mehr recht weiter kommen, entern wir ein Taxi zum Flughafen. Das macht eine Extra-Runde für uns vor die Ende 2007 eröffnete, aber noch nicht rundum vollendete "Sheikh Zayed Bin Sultan Al Nahyan Moschee" (Foto oben). Den rekord-reichen Innenraum mit dem größten Teppich der Welt (5000 Quadratmeter), dem voluminösesten Kronleuchter (10 mal 15 Meter made in Deutschland) und der höchsten Kuppel (mehr als 70 Meter) bekommen wir nicht zu sehen. Aber das reinste Weiß verbreitet einen Glanz, der die Moschee unwirklich erscheinen lässt.

Meine Nachbarin Hedra (5) im Etihad-Flug von Abu Dhabi nach IslamabadAm Nachmittag sind wir zurück am Flughafen. Janneke ist froh, nicht noch länger Abu Dhabi gebucht zu haben. Bei der ersten Handgepäckkontrolle wandert die Zange unbeanstandet durch. Im Food Court des neuen Terminals nicke ich ein, während Janneke liest. Dann hilft sie mir mit dem Hinweis, dass die kostenlosen Internet-Terminals links von der Kontrolle wesentlich schneller sind als die auf der andern Seite. Aber so richtig surfen im Stehen bringt es auch nicht. Als ich zum alten Terminal weiter muss, steht eine weitere Handgepäckkontrolle an, der diesmal meine Zange zum Opfer fählt. Die Fehlinvestition von fünf Euro lässt sich verschmerzen.
Endlich geht es weiter. Nach Islamabad. Die wesentlich kürzere der beiden Flugstrecken. Wieder mit zwei Stunden Zeitverschiebung. Neben mir ein Vater und seine fünfjährige Tochter Hedra (Foto links), die ganz passable Englisch spricht. In der linken Flugzeughälfte daneben seine Frau und Söhne. Eine pakistanische Gastarbeiterfamilie auf Heimaturlaub. Die Etihad-Maschine ist nicht ganz so luxuriös wie in der ersten Nacht.


Rawalpindi am frühen Morgen: Hühnertransport mit dem Fahrrad auf der Grand Trunk Road, Pakistan
Rawalpindi am frühen Morgen: Hühnertransport auf der Grand Trunk Road


Linksverkehr in Pakistan: Beifahrer grüßt aus dem LKW-FensterSonntagmorgen in Pakistan und das Mädchen von der Müllhalde
Sonntag, 21. Juni 2009: Islamabad - Taxila - Abbottabad (121 km)

Der Uniformierte bei der Endkontrolle der Einreisestempel möchte unbedingt eine Hotelanschrift von mir in Pakistan. Ich kann keine bieten, da ich keine einzige Übernachtung gebucht habe. Ich weiß ja nicht, wann ich welchen Ort tatsächlich erreiche. Da schon der Schalterbeamte darauf bestand und ich um vier Uhr morgens nicht sehr scharf darauf war, meine Reiseführer aus den Tiefen des Gepäcks herauszukramen, hatte ich ein Hotel samt Adresse für die Immigrations-Karte erfunden: Hotel KKH, Main Street 56 in Abbottabad. Ahnte ja nicht, dass das plötzlich jemand kontrollieren will. Als ich sage, dass ich glaube, das Hotel heiße KKH, meint ein weiterer Beamter, das sei doch auf der "Main Street", was ich nur voll bestätigen kann.
Ich bin durch. Das Fahrrad und alles Gepäck ist auch gelandet. Zwei Stunden nach der Landung ist alles montiert. Auch ohne "Knochen".
Nach Benazir Bhutto ist der recht beschauliche Flughafen zwischen Islamabad und Rawalpindi ("Pindi" wie es hier heißt) vor kurzem umbenannt worden. Die ehemalige Ministerpräsidentin von Pakistan wäre heute 56 Jahre geworden, wäre sie nicht Ende 2007 kurz nach ihrer Rückkehr aus dem Exil umgebracht worden. Hier und da hängt ihr gemaltes Konterfei am Straßenrand. Ihr Witwer, Asif Ali Zardari, ist an ihrer Statt zum Staatspräsidenten von Pakistan gewählt worden.
Halb sechs am Sonntagmorgen. Die Straßen sind völlig leer, ein frischer Wind weht bei 27 Grad über die Strecke. Idealbedingungen. Zumindest für Pakistan und seine Hauptstadt mitten im Juni. Von der Hauptstadt, Islamabad, bekomme ich eigentlich nichts zu sehen, von ihrer älteren Schwesterstadt, Rawalpindi, nicht viel mehr als einen Flughafen-nahen McDonald's.

Stupa, Taxila, Pakistan Als ich das Museum von Taxila samt seinem Park nach 40 Kilometern erreiche, ist für mich gefühlter später Vormittag. Überall schwirren Leute umher. Den Kartenkäufer kann ich nur zu einem "It's closed" bewegen. Zum Glück kommt ein anderer herbei und meint, in fünf Minuten würden Museum und Kartenverkauf geöffnet. Das ist doch mal 'ne echte Inforamtion. Logo, es ist ja auch erst fünf vor acht.
Jetzt überkommt mich die Müdigkeit von zwei durchflogenen Nächten. Ich lasse das Rad samt Gepäck neben dem Kassenhäuschen stehen und sinke vor dem Museumsgebäude auf eine Parkbank. Drei Stunden schlafe ich hier, nur gelegentlich aufschreckend, wenn ich jemanden höre, der sich mir nähert.
Ich erhebe mich langsam aus meinem komatösen Schlaf. Fahrrad und Gepäck sind vollzählig. Sonntagsausflügler um mich herum. Und im Museum. Das ist nicht groß aber buddhistisch. Die ersten nicht-islamischen Seiten des islamischen Pakistan. Die zugehörigen Ausgrabungsstätten liegen ein bisschen verstreut ganz in der Nähe. Mich lähmt schon die Mittagshitze.
Ein paar ausgegrabene Tempel schaue ich mir an (Foto rechts) und nehme dann eine Querstraße, die am Ende wieder asphaltiert zum Fuße des alten Klosters Jaulian führt. Über einen Kanal, in dem Jungen spielend und schreiend baden, erklimme ich den Klosterhügel. Oben gibt es ungebeten eine Einzelführung: so bekomme ich einen lachenden und viele andere Buddhas, teils aus dem fünften Jahrhundert, zu sehen (Foto links). Leider sind die Buddhas überdacht eingezäunt, sodass das Gefühl des unbegrenzten Nirwana sich nicht einzustellen vermag.

Buddha-Darstellungen in Taxila, PakistanTaxila ist das Portal zu einer Nebenstrecke, die kürzer, weniger befahren, wunderschön und wild ist. Die Straße führt oberhalb eines Flusses entlang, gegenüber liegende Ortschaften per Seilwinde verbindend.
Das ändert sich erst wieder nach Hapira auf der Hauptstrecke. Richtig steil wird es auf den letzten Metern nach Abbottabad. Und richtig heiß. Wegen meines Morgenschlafs bin ich die ganze Mittags- und Nachtmittagshitze hindurch gefahren, aber erst jetzt verlangt der Körper in immer kürzeren Abständen nach eisgekühlten Soft Drinks. In einer Serpentinenkurve liegt ein Restaurant mit Terrasse. SevenUp mit Blick auf die Niederungen. Auch Mango-Juice bringt voran.
Am Straßenrand kommt mir ein Mädchen entgegen. Sicher nicht reich, aber in Orange gekleidet, aufrecht gehend, schreitet mehr, als dass sie geht, auf den Boden schauend, nachdenklich, hebt sie plötzlich ihren Kopf, sieht mich, schreit, dreht sich um, rennt weg, genau in den Weg rein, aus dem sie gerade gekommen ist. Ich folge der Hauptstraße im Bogen. Sie gibt einen Blick dorthin, wo das Mädchen verschwunden ist. Eine riesige, qualmende, stinkende Müllhalde, ihr Zuhause.
Abbottabad liegt auf 1200 m. Die Engländer liebten es wegen seines erträglichen Sommerklimas und siedelten hier eine Garnison an. Eine Art Burgberg liegt ganz am Anfang. Hier fahre ich eine Ehrenrunde um eine ganze Reihe Hotels. Das vom Reiseführer empfohlene ist dreckig und angeblich voll, das nicht empfohlene sauber und leer.
Ohne dass ich verhandel, geht der Hotelier um ein Drittel runter auf etwa zehn Dollar. Ein Riesenzimmer mit großer Terrasse, weitab vom Staub der Straße. Mit Platz fürs Fahrrad. An dem das Rücklicht durch den überhängenden Korb zerbrochen ist. Aber noch funktioniert. Und einem Politiker samt Frau und attraktivster aber schweigenden Tochter, der Angst hat. Und mir Angst macht. Besham, mein nächstes Ziel, ist ihm schon zu gefährlich. "Wir fühlen uns nirgendwo mehr sicher." Ich mache die Gegenprobe beim Hotelier. "Besham? Kein Problem!"
Das Abendessen. Meine ersten pakistanischen Essversuche. Reis, Kichererbsen, Mais. Exzellent. Samt Getränke weniger als ein Dollar. Schräg gegenüber das Internet-Café im Keller. Schließt leider um neun Uhr. Das erleichtert es mir, den Wecker auf 5 Uhr zu stellen. Ab morgen soll es eine Mittagspause zur heißen Mittagszeit geben.


Reisfelder am Karakorum-Highway (KKH) im Battagram District, Pakistan
Reisfelder am Karakorum-Highway im Battagram District


80 km vom Swat-Tal: Taliban-Anschlag auf dem Karakorum-Highway
Montag, 22. Juni 2009: Abbottabad - Thakot - Besham (154 km)

Der Frühstart gelingt. Nicht mal der Nachtwächter merkt, wie ich mit 37 kg unterm Arm die Treppe zur Straße hinabsteige. 19 angenehmste Grad Celsius. Die Straße führt erst ein wenig hinab durch Abbottabad downtown, das sich samt Garnison und steter Werbung für unterschiedlichste private und public schools, die teils nebenbei als Hostel fungieren, weit hinzieht. Es ist die einzige größere Stadt am KKH, ganz nett und doch im Vergleich zu allem, was kommt, schon die mit Abstand hässlichste Passage.
Sharkul, Hazara, PakistanEin dicht besiedeltes Tal. Das irgendwann der Natur weicht. Bzw. dem, was wir für Natur halten: die sorgfältig terrassenförmig angelegten unter Wasser stehenden Reisfelder (Foto oben), durch die Rinder langsam den Pflug ziehen (Foto unten). Rückständig. Romantisch. Rührselig. Sehr friedlich wirkend.
Die Straße steigt fast auf 1700 m. Es bleibt bis Gilgit am Freitag der mit Abstand höchste Punkt der Tour. An der Passhöhe liegt Sharkul, eines meiner ersten pakistanischen Dörfer (Foto rechts). Eine fremde Welt ohne westliche Kleidung. Ich bin froh über meine lange Hose, auch wenn das Thermometer Richtung 30 Grad wandert. Zu fotografieren traue ich mich nur en passant.
Im Nachhinein verschwinden die Eindrücke hinter dem großen Knall zur Mittagszeit. Jedenfalls geht es nach der Passhöhe, die kaum als Pass zu erkennen ist, stetig bergab. Bis man wieder ins Tal kommt, zum Indus. Er fließt von Tibet herab, wo er als einer der vier heiligen Flüsse verehrt wird. An ihm will ich die kommenden Tage entlang fahren. Der erste Ort am Fluss ist Thakot mit einer großen Brücke auf die andere Flussseite.


Archaisch: Rinder ziehen Pflug durch Reisfelder im Battagram District, Pakistan
Archaisch: Rinder ziehen Pflüge durch Reisfelder


14:09 Uhr: Chris beim Mittagessen am Busrastplatz von Thakot, Battagram District, Pakistan Am Ortseingang von Thakot lasse ich mich am Überland-Bus-Rastplatz nieder. Es ist 14 Uhr. Eigentlich schon zu spät, zu heiß. Aber es ging zuletzt bergab, es gab keine echten Rastmöglichkeiten und so hab ich heute schon den Pflichtteil von 120 Kilometer hinter mir. Will bis 17 Uhr bleiben. Bis zum nächsten Hotel in dem sicheren oder unsicheren Besham sind es noch - vermutlich flache - 34 km.
Um den quadratischen (Park-)Platz ist über Eck an zwei Seiten eine Laden-Restaurant-Zeile gebaut. Es sind eine Menge Leute hier, die essen, spielen, auf den netzartig bespannten Betten liegen. Angesichts der Temperatur von ziemlich genau 40 Grad geht es relativ temperamentlos zu. Zwei etwas westlicher gekleidete Pakistani gehen schnurtracks in die Hinterzimmer, die ich durchquere, um hinterm Haus einen Blick auf den kräftig dahinfließenden Fluss Indus zu bekommen. Nachdem ich Linsen und Brot gegessen habe (Foto links: 14:09 h), sitze ich unter dem Vordach und greife zu den zurecht gelegten Reiseführern, Zeitungen. Ein Ort schlummert ins Mittagsnichts.

Minuten nach dem Taliban-Selbstmord-Anschlag: Soldaten-Jeeps eilen zum zerstörten CheckpointEs ist ziemlich genau 15 Uhr, als ein großer Knall die Beschaulichkeit verscheucht. Wie auf einen Befehl rennen die Menschen unter dem Vordach und seinen Hinterzimmern hinaus ins Freie. Keine Frage: die Menschen denken an ein Erdbeben, vor allem das verheerende von 2005. Der Himalaya und seine Randgebirge wie der Karakorum sind das jüngste Hochgebirge auf der Welt. Und das sich am schnellsten verändernde. Die indische Platte schiebt sich auf die asiatischen Landmassen. Folge: viele kleine und gelegentlich größere Erdbeben.
Ich schließe mich der Masse ohne große Überzeugung an. Für mich klang es eher wie eine Explosion. Für Straßenbauarbeiten. Obwohl gerade im letzten Abschnitt vor der Mittagspause keine Bauarbeiten im Gange waren. Weil weitere Explosionen ausbleiben, setzen wir uns wieder.
Es bleibt unruhig. Beunruhigend. Ich versinke dennoch in meine Reiseunterlagen. Doch wenige Minuten später kommt aus dem Hinterzimmer einer der beiden Wessi-Pakistanis heraus und spricht mich an. Ich möge mich hier aus der vordersten Front zurückziehen und mich zu ihnen ins Hinterzimmer gesellen. Warum? Es seien offensichtlich Terroristen in der Nähe und da solle ich mich tunlichst aus der ersten Schusslinie bringen.

Thakot nach dem Taliban-Selbstmord-AnschlagDann ist alle Ruhe dahin. Ständig sprechen mich Menschen an. Ja, es habe ein Attentat gegeben. Mit Todesopfern. Wenige Minuten nach dem Anschlag rasen kleine Suzuki-Krankenwagen vorbei. Soldaten in offenen Jeeps fahren zur Brücke über den Fluss.
Die Wagen stauen sich an der Raststätte. Die Brücke ist gesperrt. Weiterfahrt unmöglich. Ein Linienfernbus hält an. Ein Ausländer ist an Bord. Carlos, Kolumbianer. Er setzt sich zu mir. War schon häufiger hier. Von Jahr zu Jahr nehme das Chaos zu, meint er. Die Unsicherheit. Ich will wissen, was genau passiert ist, will in den Ort. Er bleibt beim Bus.
Ich sattle mein Gepäck. Versuche zunächst, einfach auf der Hauptstraße so weit zu kommen wie es geht. Der kleine Ort ist voller Unruhe, die Straße runter zur Brücke ist abgesperrt, in respektvollem Abstand zur Absperrung hat sich eine Menschenmenge zusammengefunden. Als ich dazustoße, bilden sie einen Halbkreis um mich (Foto ganz oben).
Obwohl ich keineswegs beunruhigt bin, meint Irshadullah, ein Physik-Student, der hier im Dorf Naturwissenschaften unterrichtet, mir versichern zu müssen: "Do not be afraid!" Ich hätte nichts zu befürchten. Hier im Ort sei ich sicher. Die Menschen würden mir nichts tun.
Ich versuche von einem höheren Standpunkt aus mehr Überblick zu bekommen und klettere ein paar Querstraßen aufwärts. Die Attentäter haben offenbar am diesseitigen Brückenkopf zugeschlagen, 700 Meter von meinem Rastplatz entfernt. Ich kann nichts Genaues erkennen (Foto links; nicht von mir). Bleibe in Deckung, weil unten Scharfschützen die Umgebung beobachten.

'Schulbus' ohne Kindersicherung: Jungen in Schuluniform warten auf die HeimfahrtIn der Querstraße stauen sich Wagen. Über und über mit Menschen beladen. Das Phänomen begleitet mich seit gestern Morgen. Es auf der Überlandstraße gibt wenige Privatwagen und sehr viel mehr Transportwagen, auf denen die Menschen auf der hinteren Stoßstange stehen, sich irgendwie am Fahrzeug festhalten, obenauf sitzen, oder an der Seite hängen. Jeder kleinste Unfall muss für viele von ihnen tödlich enden.
Eine Schranke versperrt den Weg. Aber es kommt Bewegung in die Schlange. Ganz vorne eine Art "Schulbus". Ein Jeep, der unter einer Traube uniformierter Jungen gar nicht mehr zu erkennen ist (Foto rechts). Sie jubeln, als Soldaten die Schranke hochgehen lassen. Die Nebenstrecke, die auf dieser Seite des Flusses bleibt, war ebenfalls nach dem Anschlag gesperrt worden und wird jetzt wieder frei gegeben. An der Brücke soll das noch ein paar Stunden dauern: "Unlimited curfew."
Ich kehre zurück zur Raststätte. Carlos steckt mit seinem Bus weiterhin fest. Ich lese wieder. Schließlich packt mich die Unruhe. Wenn ich Besham mit seinen Hotels noch vor Sonnenuntergang erreichen will, muss ich jetzt weiter. Und die neue Einschätzung der Sicherheitslage bestätigt mich darin. So breche ich auf, verabschiede mich von Carlos, der leider kein Handy zum weiteren Austausch hat.
Es ist nach 18 Uhr. An der Absperrung will man mich nicht durchlassen. Seit Stunden wird niemand mehr über die Brücke gelassen. Ich bitte darum, mit dem Kommandanten zu sprechen. Ich werde in das nächstliegende Haus geführt. Im ersten Raum Parterre sitzen zwei Herren. Dem hinterm Schreibtisch, der vor drei Stunden zwei seiner Leute - Shabir Shah und Niaz Khan - verloren hat und sechs Verletzte zu beklagen, habe ich kaum mein Anliegen erklärt, sagt er nur: "He can go." Es ist alles gesagt. Die Wachen werden per Handy informiert. Ich fahre zur Brücke. Kann in den Augenwinkeln keine eindeutigen Spuren des Anschlags erkennen. Ein paar Metallteile liegen herum. Später erfahre ich: der Selbstmordattentäter hat mit seinem Auto den gesamten Checkpunkt in die Luft gesprengt.
Ich radle auf die andere Seite. Die Grenze einer neuen Provinz, den North Western Territories, zu denen auch die Unruhe-Region Waziristan gehört. Ich reise nun durch Indus Kohistan. (Für das andere Ufer, den Distrikt Battagram war es der erste Taliban-Anschlag überhaupt.) Seit Jahrhunderten für seine begrenzte Fremdenfreundlichkeit berüchtigt. Auch auf dieser Brückenseite ein Checkpoint, rundum gesichert mit Sandsäcken. Ich muss mich registrieren lassen, mich in die Liste der Ausländer eintragen. Mit Datum und Uhrzeit. Handschriftlich. Aber zum Glück eigenhändig. Das geht schneller. Und niemand prüft, ob meine Angaben mit meinem Pass übereinstimmen. Aber nach dem Anschlag ist mir nicht nach Späßen zumute.
Ich darf weiter. Muss versprechen, nicht über Besham hinaus in die Dunkelheit zu fahren.
Auch die wartende Menge auf dieser Flussseite nimmt mich beiläufig zur Kenntnis. An den sich stauenden Autos radle ich vorbei. Auch die große Anzeige-Tafel, die erste, die ich sehe, zum Khunjerab kann mich nicht erheitern. Erst auf dem Foto entdecke ich daheim einen wichtigen Hinweis auf dem Straßenschild. Es sind nur 80 Kilometer bis zum Swat-Tal.
Das Swat- und das Indus-Tal, durch das ich in den nächsten Tagen radle, verlaufen hier parallel. Die wenigen Querverbindungen sind kürzer als hundert Kilometer. Im Swat-Tal kämpfen seit Wochen pakistanische Truppen gegen die Vormachtstellung der pakistanischen Taliban unter Baitullah Mehsud (der sechs Wochen später durch eine amerikanische Rakete, abgefeuert von einer Drohne, ermordet wird). Mitte Juli wird Pakistan den Krieg für beendet und gewonnen erklären.
Der Rest der Strecke verläuft abseits des Flusstals, aber flach. Trotzdem zäh. Ein paar Steinwürfe, was soll's. Erst in Besham, wieder am Fluss, geht es hoch in den Ort, wo ich im Halbdunkel schnell ein paar Kleinigkeiten einkaufe. Dann runter über die Brücke und neben der großen, neuen Tankstelle, liegt das von mir auf Basis verschiedener Reiseführer erwählte Hotel im totalen Dunkel. Ein paar Jungs lungern herum. Als sie mich sehen, lebt das Ganze auf. Nach einigen Minuten ist der Generator angeworfen. Das Hotel erstrahlt in Licht. Für mich. Wieder reduzieren sie den Preis ohne Verhandlung um ein Drittel.
Mein neu gewonnenes Sicherheitsbewusstsein lässt mich nachdenken, ob ein Fenster zur Straße günstig sei, ob vom gegenüberliegenden Hang Gefahr drohe, ob ich nicht besser Licht im Zimmer vermeide. Ich schiebe einen Sessel zwischen Bett und Tür, die sich so nicht mehr öffnen lässt. Do not be afraid! Aber vorsichtig?


Brücke über das Indus-Tal, Pakistan
Brücke über das Indus-Tal


Karakorum-Highway (KKH) oberhalb des Indus in Fels gesprengt, Indus Kohistan, PakistanBewaffnete Moped-Teams, Polizei-Transporte und Anti-Terror-Squads in Indus-Kohistan
Dienstag, 23. Juni 2009: Besham - [Polizei-Transport 18 km] - Dasu - Barsin (69 km)

Wieder piept um 5 Uhr meine Casio-Uhr, stottert mein Handy. Zimmerfrühstück mit Cola, Wasser, Brot. Sogar das zerbrochene Rücklicht wird geklebt. 6:15 Uhr: Rolling. Indus Kohistan präsentiert sich wenig fremdenfeindlich. Vor allem wunderschön. Ein enges Tal, in dem auf halber Höhe der Karakorum Highway in den Fels gesprengt worden ist (Foto links). Auf und ab führend mit Blick auf Terrassenfelder, da, wo man sie noch anlegen kann (Foto oben und ganz unten).
Nach 15 Kilometern der nächste Checkpoint. Wieder darf ich mich unkontrolliert eintragen. Jedes Heft hat andere Rubriken: Manchmal wird nach Ausstellungsort und - zeit des Passes gefragt; manchmal nach dem Namen des Vaters, Geburtsort. Jedenfalls immer nach mehr als genug Daten, um mich eindeutig zu identifizieren. Ich blicke auf meine Vorgänger. Etwa sechs Einträge pro Tag. Chinesen, Japaner. Kolumbianer Carlos ist um Mitternacht hier durch. Das bedeutet: die Brücke von Thakot ist etwa bis 21 Uhr gesperrt geblieben.

Zwangstransport: Soldat bewacht Fahrrad im Militär-Jepp auf dem Karakorum-Highway (KKH), Pakistan Die nächste unangenehme Überraschung: ab jetzt habe ich Polizeischutz, Polizeibegleitung, eine Polizeieskorte. Das ist unangenehm. Weniger wegen der unablässigen Kontrolle und Beobachtung, sondern vor allem, weil ich seit gestern weiß, dass die Taliban sich auf die Sicherheitskräfte konzentrieren. Mein persönliches Risiko vervielfacht sich also durch den Polizei-"schutz", in der Regel ein Polizisten-Duo auf dem Moped: der eine fährt, der andere sitzt mit Knarre hintendrauf. Von Checkpoint zu Checkpoint, die meist etwa 20 Kilometer voneinander entfernt sind, werden sie abgelöst. Beim ersten Wechsel werd ich zur Einstimmung zum Tee eingeladen. Hier meist schwarzer Tee mit Milch und Zucker.
Erstes Schlüsselerlebnis: Einkaufen unter Polizeischutz in Dubair. Mit Mühe bringe ich das Moped-Duett zum Stehen. Ein Polizist begleitet mich jetzt. Ich daf nicht mehr entscheiden, in welchen Laden ich gehe, was ich kaufe. Der Polizist macht sich zu einer Art unumgänglicher Dolmetscher. Bildet ein Cocon um mich, durch den ich die Menschen vor Ort nur noch als gleichgültig erlebe. Ich komme gar nicht ins allgemeine Whooling (Wooling, Wuling, Wuhling oder wie immer man das schreiben mag). Der Polizist drängt stets zur Eile.
Dann eine Ablösung im Pritschenwagen. Ohne Diskussion wird mein Rad samt mir zwangsverladen. Die Taliban seien "very dangerous", heißt es lakonisch. Ich habe eher den Eindruck, der Fahrer möchte nicht hinter mir herzockeln.
Vor allem ist offen, wie weit der Zwangstransport reicht. Aus der Ungewissheit heraus, fotografiere ich wie wild unter der Zeltplane heraus (Foto rechts). Es ist einfach soooo unendlich schön. Dann plötzlich Halt. Ein Moped-Team übernimmt mich wieder. Aus den Kilometer-Steinen ergibt sich, dass ich 18 Kilometer weit befördert worden bin.

Polizei-Moped-Eskorte für Fahrradfahrer mit Knarre und Funkgerät auf dem Karakorum-Highway (KKH), Pakistan Die Moped-Teams (Foto links) ersparen mir vermutlich auch manchen Steinwurf, der sonst in dieser Gegend als obligatorisch gilt. Für die Polizei-Soldaten ist es mühsam. Die Strecke ist schlecht, geht stetig auf und ab. Ich bin entsprechend langsam. Und die Autozwangsfahrt hat mich zusätzlich aus dem Rhythmus gebracht.

Team-Wechsel: Gut bewaffnete Polizisten der North-Western-Territories begleiten Fahrrad-Fahrer auf dem Karakorum-Highway (KKH) in Indus Kohistan, Pakistan Kurz nach Mittag erreichen wir Dasu. Ich will noch früher Pause machen als gestern. Außerdem kommt danach recht wenig. Ich habe meine Überlegungen ohne die Polizei gemacht. Die scheint ihre Anstrengungen deutlich zu erhöhen. Ein Polizeiwagen fährt auf der Straße auf und ab, alle paar Meter steht ein Polizist Spalier. Als ich spontan vor einem offenen very basic restaurant halte, muss ich mich rechtfertigen. Ein Polizist, der anders als die Moped-Crew sehr westlich, Sheriff-mäßig gekleidet ist, postiert sich neben meinem Fahrrad.


Wasserfall am Karakorum-Highway (KKH) in Indus Kohistan, Pakistan
Touri-Romantik: Wasserfall in Indus Kohistan


Hard-Core-Strecke auf dem Karakorum-Highway (KKH), Indus Kohistan, Pakistan Als er sich später demonstrativ vor das Restaurant stellt, lese ich, was auf seinem Rücken steht: "Anti Terror Squad". Ich bekomme ein sehr leckeres, scharfes Omlette. Für das die Eier eigens eingekauft werden. Da es noch früher noch heißer als gestern ist, wieder über 40 Grad, will ich eine längere Pause einlegen.
Der Sheriff aber drängt zum Aufbruch. Er könne nicht länger für meine Sicherheit garantieren. Polizei hin oder her, ich darf kräftig zahlen. Fotos sind gefühlt tabu. Als ich auf der Brücke über den Indus in der Dorfmitte die Kamera auspacke, weist mich sofort ein Passant zurecht. Am Ortsausgang gelingt es mir, ein paar Getränke zu kaufen. Dann hetzt die Polizei mich in der größten Hitze aus dem Ort. 47 Grad meldet mein Bike-Computer.

Indus-Tal mit Karakorum-Highway (KKH), Indus Kohistan, PakistanZwölf Kilometer weiter erreiche ich Barsin (Barseen). Das hat reichlich Kraft gekostet. Und obwohl gerade jezt Wolken aufziehen, lasse ich mich im Motel von Barsin nieder. Governmental. Staatlich. Mit Kakerlaken, dreckigen Handtüchern, dreckiger Bettwäsche, dafür doppelt so teurer wie die bisherigen privaten Hotels. Mit schleimigem Manager.
Vor allem bleibe ich, weil absehbar kein weiteres Quartier erreichbar ist. Melde den Polizisten, dass ich morgen um sechs Uhr weiter fahre. Sie blicken mitleidig auf den Kollegen, der morgen früh am Start sein soll. Dafür habe ich weitab von jedem Handy- und Internet-Signal einen ganz ruhigen Nachmittag, kann an der Rezeption unerwartet ästhetische Postkarten kaufen. Und schreiben. Noch einen Spaziergang machen. Fühle mich wieder rundum ausgeglichen.


Dorf mit Plantagen an einer Biegung des Indus kurz vor Chilas, Pakistan
Plantagen an einer Biegung des Indus kurz vor Chilas


Mann im Bett auf einer Hütte am Karakorum-Highway (KKH) in Indus Kohistan, Pakistan"Bismallah": Linsen-Gericht als Wendepunkt
Mittwoch, 24. Juni 2009: Barsin - Chilas (119 km)

Meinen Wecker überhöre ich, werde um 5.45 h von selbst wach, fühle mich durch meine Ankündigung der Polizei gegenüber verpflichtet und schaffe es, samt Cola-Kuchen-Frühstück, um 6.15 h on the Bike zu sein. Nur die Polizei ist nicht da. Um 6 sind die Taliban wohl noch nicht gefährlich.
Es ist wieder ein toller Morgen. Es ist so warm, dass die Menschen im Freien auf den Häusern übernachten (Foto links). Erst kurz vor acht holt mich eine Auto-Streife ein. Um mir mitzuteilen, eine Mopedstreife komme mir entgegen. Ob das ok sei. Sicherlich, sage ich. Sie kommen tatsächlich recht bald. Fahren mir ein wenig voraus. Als ich hinter mir ein weiteres Moped höre. Jedes Polizei-Moped hat sein eigenes Geräusch. Vermutlich meine 6-Uhr-Eskorte. Sie sprechen mit meiner neuen Streife und rollen dann wieder zurück auf Los.
Die, die mich weiterhin begleiten, sind außergewöhnlich zuvorkommend. Fordern mich ständig auf, Pausen zu machen. Was ich dankend ablehne. Ich bin gut drauf. Überhaupt geht es mir trotz der heißen ersten Tage überragend. "I've never felt this healthy before." Danke, Ina. Möchte viele Kilometer machen, solange es noch nicht zu heiß ist.

In Fels gesprengte Straße: der Karakorum-Highway in Indus Kohistan, PakistanDie Strecke ist seit Dasu wieder viel besser. Dann offenbart sich die Zuvorkommenheit der Polizisten. Sie bitten mich um Geld. Der Treibstoff sei teuer, Pakistan arm. Das stimmt. Aber ich geb natürlich nix. Bei der Übergabe ans nächste Moped-Security-Team profitiere ich schon davon. Die Kollegen werden gleich informiert, dass bei mir nix zu holen ist. So interpretiere ich zumindest das, was ich in den Mienen lese.
Ob das neue Team deshalb zur Strafe sich unmittelbar an meinen Hinterreifen hängt? Und nicht mehr weicht? Nervig. Doch bald ist der nächste Checkpoint erreicht. Hier muss ich nach der Eintragung ins Gästebuch warten. Ich soll auf meine Auto-Eskorte warten. Der Fahrer erscheint schließlich. Nicht in dem dunkelblauen, langärmeligen, hüfttiefen Überhang wie die meisten Polizisten. Sondern ziemlich lässig. Er fährt gleich voran. Wartet mit seinem Auto in einem winzigen Schattenplatz, dem einzigen weit und breit. Ich sehe ihn nie wieder.
Wo denn mein Begleitfahrzeug sei, werde ich am nächsten Eintragungs-Checkpoint gefragt. Das komme noch, antworte ich zuversichtlich. Trage mich ein. Hier wird in einer Spalte plötzlich das Ende des Visums verlangt. Über mir steht der 23.9.2009. Ich mache aus Bequemlichkeit einfach Anführungsstriche als Wiederholung. Zum ersten Mal werden die Angaben überprüft. Nur wegen meiner dämlichen Anführungsstriche. Tja, es ist der 10.9. Whatsoever. Ich habe die North-Western-Territories verlassen. Damit endet der Polizeischutz. Ich komme in die "Northern Areas". In jeder Hinsicht gewinne ich jetzt Meter für Meter mehr Sicherheit.

Immer wieder Dhal: Abendessen in Chilas, Northern Areas, PakistanTrotz 46 Grad auf dem Bike-Computer fahre ich durch die Mittagshitze. Das Ziel, Chilas (sprich: Tschi-láaas) ist zu nah. Eigentlich müsste ich schon ab 13 Uhr pausieren. In der Ferne ragt die 8126 Meter hohe weiße Spitze des Nanga Parbat über allen Bergen. Praktisch wolkenfrei. Zu weit entfernt für ein Foto, groß genug zum Staunen. Um 14 Uhr erreiche ich die Unter-Stadt von Chilas und mache mich an den drei Kilometer langen Aufstieg zur Oberstadt auf 200 Höhenmetern in der größten Hitze.
Hauptmotivation: Post und Bank im Ort. Beide sind geschlossen. Briefmarken und Geldwechsel Fehlanzeige. Mein Bargeld wird knapp. Trotz der niedrigen Preise sind meine hundert Dollar, die ich - wie sich herausstellte zu einem sehr guten Kurs von 1:80 - am Flughafen getauscht habe, nahezu verbraucht. Schon die Nacht in Barsin habe ich ohne Begeisterung des Managers in Dollar zum Kurs von 1:75 gezahlt.
Als ich den Berg runterfahre endlich mal wieder Steinwürfe. Was mir die Polizeieskorte in den letzten beiden Tagen erspart hat. Zur Überraschung der Jungs gehe ich voll in die Bremsen, springe vom Rad, verprügel den einen kurz, geb dem andern mehr symbolisch eine Backpfeife, da sie sich gegenseitig der Tat bezichtigen. Ansonsten setze ich meine spiegelnde Brille häufig ab, damit die Leute meine Augen sehen können. Anders als in vielen andern Ländern bekommen viele hier, vor allem jüngere, dadurch plötzlich Angst, rennen davon.
Da es immer noch früh am Tag ist, spaziere ich zu den Petroglyphen. Das sind in die eisenhaltigen Steine geritzte Zeichnungen, die zum Teil Jahrtausende alt sind. Die mit ihren u.a. buddhistischen (Foto unten), jüdischen und christlichen Zeichen beweisen, dass der Karakorum ein wesentlicher Zweig der Seidenstraße war und auch als Route der Weltanschauungen und Religionen schon früh große Bedeutung hatte. Sie sind nicht so leicht zu finden, wie es die Reiseführer, die an Detailortsskizzen gespart haben, versprechen. Aber einige sehe ich. Sehr schön. Was auch für die vielen kleinen Steine ganz unterschiedlicher Materialien gilt, die im Uferbereich herumliegen.
'Bismallah': Tischgenossen beim Abendessen in einem Straßenrestaurant von Chilas, Northern Areas, PakistanDas Karakorum-Inn erweist sich als "run-down", das Chilas Inn als sehr schön aber teuer (Dollar 1:70), das schönste von allen, Shagrila, geht direkt auf einen Spott-Preis runter, so dass ich auch den Dollar-Kurs von 1:65 locker verkrafte. Da kann auch eine tote Kakerlake meine Laune nicht durchkreuzen.
Dennoch ist dieser Abend eine Art Wendepunkt. Ich verschmähe das Abendessen im Hotel. Mache noch einen Abendspaziergang an der staubigen Straße und essen in einem Straßenlokal. Wieder gibt es "Dhal", Linsen. Brot (Foto links). Die Tischgenossen sind originell (Foto rechts). Als einer der beiden Köche, der sich neben mich gesetzt hat, bemerkt, dass ich kein Tischgebet bete, spricht er ersatzweise für mich sein "Bismallah" (Im Namen Gottes; auch bismilla, basmala). Aber die Portion ist zu klein und nicht alles astrein. Das merke ich erst später. Es ist nicht dramatisch. Aber ein kräftiges Abendessen hätte die nächsten Tagen sicher erleichtert. So sehe ich zu, dass ich in die Horizontale bekomme, in dem Zaubergarten des Hotels mit Blick auf den immer noch majestätischen Indus-Fluss.


Petroglyphen mit Buddha-Darstellungen bei Chilas, Northern Areas, Pakistan
Kultur-Magistrale KKH: Petroglyphen mit Buddha-Darstellungen bei Chilas


Morgen-Stimmung: parkendes Fahrrad an einer Allee in Chilas, Northern Areas, PakistanDie 49-Grad-Pause, der geplatzte Schlauch und das amerikanische Geld
Donnerstag, 25. Juni 2009: Chilas - KKH-km 530 (115 km)

Wieder verschlafen. Diesmal werd ich erst um 7 Uhr wach. Mache dann weitere Fehler. Nehme nicht das Frühstücksangebot des Hotels wahr. Und verbringe viel Zeit damit, am andern Ortsausgang weitere Petroglyphen, endlich auch Buddha-Darstellungen (Foto oben), zu suchen, zu finden, zu fotografieren. Das antike Sonnenrad suche ich vergebens.
Es ist neun Uhr, als ich endlich in Fahrt komme. Wertvolle Zeit, die mir am Abend fehlen wird. Die Strecke wird wieder schlechter. Die ersten Baustellen kommen. China und Pakistan haben im vergangenen Jahr vereinbart, den pakistanischen Teil des Karakorum-Highway auszubauen. Was die Chinesen ankündigen, nehmen sie auch schnell in Angriff. Fast von Chilas an bis auf die Höhen des Khunjerab, auf einer Strecke von 400 Kilometern wird der KKH verbreitert. Überall bauen sie zuerst an den Wasserübergängen, die der Strecke am meisten zugesetzt haben. Meist verbunden mit temporären Umwegen über Schotter. Kein einziger Kilometer ist fertig gestellt. Alles kostet zusätzlich Kraft. Und es ist heute noch heißer als an allen Tagen zuvor.

Gegenverkehr: David und Blanca, ein Paar aus Katalonien, downhill auf dem Karakorum Highway unterwegsObwohl ich um mein heutiges Zeitdefizit weiß, freue ich mich, endlich andern Radlern zu begegnen. Ein Paar aus Katalonien kommt mir entgegen. David und Blanca. Mit nahezu keinem Gepäck. Ich, lange Zeit und subjektiv immer noch ein Gepäckminimalist, kann meinen Augen kaum trauen: diese paar Habseligkeiten hinten auf die Räder geschnallt. Nicht schlecht auch die landestypischen Oberteile mit langen Ärmeln. An die Anschaffung habe ich in den letzten Tagen schon gedacht, nur nie was Geeignetes gesehen.
Blanca ist schon länger in Indien, Himalaya und China unterwegs, David erst vor kurzem dazugestoßen; jetzt geht's via Pakistan zurück nach Indien. Sie bestätigen mir, dass es auf der chinesischen Seite immer noch untersagt ist, zwischen Pass und Tashkurgan selber Rad zu fahren. Der (pakistanische) Busfahrer hat sie aber freundlicher Weise auf der Passhöhe aussteigen lassen, so dass sie von 4733 m selber hinabrollen konnten. Sie hätten unerwartet viel Zeit dafür gebraucht. Warum? Die Strecke war so unglaublich schön. Sie hätten immer wieder anhalten müssen...

Sonnenschutz als Tierschutz: Hühnerhändler deckt Minikäfige auf seinem Transporter mit Zweigen ab, Karakorum-Highway, PakistanHäufige Begegnungen dagegen habe ich mit einem Hühnerhändler. Ständig überholt er mich, kommt mir entgegen. Im Laufe des Vormittags deckt er die Hühner mit Zweigen vom Wegesrand ab, damit sie nicht zu sehr in der Hitze leiden. In der sie auf dem Wagen Feder an Feder eingepfercht sind (Foto links).

Mittagspause bei 49 Grad: Christoph Gocke alias Chris on the Bike erschöpft im Schatten am Karakorum-Highway, PakistanMittagspause. Wieder zu spät. Aber wenn ich erst so spät loskomme? Mit Mühe finde ich überhaupt einen kleinen Vorsprung, unter den ich mich flüchte, fallen lasse (Foto rechts). Restlos erschöpft. Wo ist all die Kraft hin? Das Fahrrad muss ich in sengender Hitze stehen lassen (Foto unten). Es geht nicht anders. Es gibt keinen Schatten.
Als ich endlich weiter kann, zeigt das Thermometer 49 Grad. Alles an und auf diesem Fahrrad ist 49 Grad. Alle Lebensmittel, die Nivea-Creme. Das Trinkwasser ist zu heiß für eine 40-Grad-Wäsche. Ich muss es trinken, mir zur Kühlung über den Kopf kippen. Es geht immer weiter aufwärts. Ein paar Serpentinen. Auf Felsblöcken ist zu lesen: Look behind: Nanga Parbat. Yes, it's true. Leider hat er heute nachmittag ein paar Wölkchen um den Gipfel fliegen. Whatsoever. Mein erster Achttausender im Blick.


Mittagspause bei 49 Grad: Panther Dominance Trekking in der prallen Sonne am Karakorum-Highway, Pakistan
Zu heiß für die 40-Grad-Wäsche: Fahrrad bei 49 Grad


Skeptische Mienen in einem Café am KKH-StraßenrandAm Ende der Steigung ein Dorf. Wieder ganz urige Arche-Typen. Ich lasse mich fotografieren, damit die Typen mit aufs Bild kommen (Foto links). Traue mich nicht, nach Porträts zu fragen. Investiere meine letzten Rupien in eine anderthalb-Liter-Flasche Limo. Alles wird grenzwertig. Nach dem Ort folgt eine weite Ebene. Mittendrin eine chinesische Wander-Fabrik zur Produktion von Straßenbelägen.
Das erfahre ich dank des ersten (und einzigen) Plattfußes. Wenige Meter vor der Fabrik. Ich schiebe das Fahrrad und schleppe mich in den Schatten eines kleinen Militärstandes neben der Fabrik. Pakistanische Soldaten bewachen die chinesische Produktion. Und ermutigen mich bei der Reparatur. Der Schlauch hat ein größeres Loch. Ist einfach geplatzt. Vor Hitze. Der Schlauch hat sich fast rundum durch die Hitze mit dem Mantel verklebt. Und an einer Stelle wurde es zu dünn. Ich tausche den Schlauch aus. Wieder ist wertvolle Zeit verflossen.
Ein Sprengkommando hält mich in letzter Sekunde auf. Sprengung für die KKH-Erweiterung. Dann gibt der chinesische Sprengmeister in grellrotem Overall Entwarnung. Sprengung verschoben. Verkehr kann weiter.
Eine halbe Stunde später erreiche ich die Mündung des Hunzaflusses in den Indus. Hier stoßen die Gebirge Karakorum, Hindukush und Himalaya entsprechend drei Kontinentalplatten aufeinander. Der KKH folgt nun der Hunza. Ich habe keine einzige Rupie mehr, aber Durst. Energiemangel. Am Rande einer Tankstelle versuche ich mein Wechselglück bei einem kleinen Lebensmittelhändler.
Lasse mich zuerst kraftlos in einen weißen Plastikstuhl fallen. Rücke dann mit meiner Bitte heraus. Ob ich auch mit einem einzelnen Dollar zahlen könne. Skeptisch nimmt der junge Händler meinen Geldschein in die Hand. Buchstabe für Buchstabe liest er in der für ihn ungewohnten Schrift: "U-ni-ted-state-s-of-A-me-ri..." Nein, nein, nein. Du Schlingel, deutet er mit seinem Zeigefinger an. Da hätte ich doch glatt versucht, ihm Geld aus dem teuflischen A-me-ri-ca anzudrehen. Resignierend stecke ich den Schein wieder ein. Ein Passant kauft ein Glas Cola, bietet mir an daraus zu trinken, lässt es mir dann ganz. Kraft für ein paar weitere Meter.

Nachtstörung: Luchs oder Fuchs auf der Suche nach Essbarem bei Gilgit, Northern Areas, PakistanEs wird dunkel. Die Straße steigt. Der Verkehr nimmt zu. Die Kräfte gehen gegen Null. Die Sonne geht unter. Es sind noch 20 Kilometer bis Gilgit: zu Geld, Hotels, Essen, allem. Er will nicht mehr. Mein Körper gehorcht nicht mehr. Mein Kopf kann sich alle erdenkliche Mühe geben, aber er will selber nicht mehr. In einer Kurve weiche ich hinter die von einem Mini-Hügel geschützte frühere Asche-Kurve aus. Hocke mich nieder mit Blick auf die grünen Weiten von Chhamongarh auf der anderen Seite des Hunzaflusses.
Ich lege das Rad flach zu meiner Rechten. Zur Linken den Rucksack. Eine kleine Plastiktüte als Kopfkissen. Aus den allerletzten Resten vom Etihad-Flug, Milchpulver und Zucker, mische ich ein Gesöff zusammen, um meinem Kreislauf ein paar Kalorien zuzuführen. Und schlummer ein. Wache in tiefer Dunkelheit auf von Tiergeräuschen. Irgendein Wesen pirscht um meinen Schlafplatz herum. Angelockt womöglich von den Milchpulver-Zucker-Resten.
Ich fotografiere das, was ich für einen Fuchs oder Luchs halte (Foto links und rechts). Zoologen der Welt, schaut auf diese Bilder! Blitze und alles gute Zusprechen können ihn nicht verscheuchen. Schließlich springe ich auf, jage ihm ein bisschen hinterher. Dann ist Ruhe. Bis eine Riesen-Ameise den Milch-Zucker für sich entdeckt.


Look behind: LkW vor Berg-Massiv mit dem Nanga Parbat, Northern Areas, Pakistan
Look behind: Berg-Massiv mit dem Nanga Parbat


Flankiert von Rucksack und Fahrrad: Nachtquartier auf Schotter am Straßenrand 20 Kilometer vor Gilgit, Northern Areas, Pakistan"Du musst zugeben, dass Du schon ein bisschen verrückt bist"
Freitag, 26. Juni 2009: KKH-km 530 - Gilgit - Ghulmet (95 km)

Der Morgen ist immer ein Morgen. Die Qualen des Vortags sind vergessen. Aus dem Nichts ist neue Kraft da. 20 Kilometer bis Gilgit sind trotz Steigungen ein Kinderspiel. Noch vor acht bin ich in der Stadt. Ein völlig nackter Mann hockt am Straßenrand. Banken und fast alle Geschäfte sind geschlossen. Nicht mal die Visa-ATMs funktionieren. Zumindest nicht mit den Visa-Karten, die ich besitze.
Ich suche das Medina Guest House, das mir von David und Blanca gestern sehr ans Herz gelegt worden ist. Zurecht. Ein Hostel als Oase im Mittelpunkt der Stadt. Frühstück à la carte. Frisch zubereitet. Omelette, Porridge, Müsli, Plain Joghurt. Im Fernseher ist gerade Michael Jackson gestorben. Die Computer tun es online. Zumindest solange, bis ich noch die Mail meines Freunds und treuen Verfolgers meiner Touren Heinrich überfliegen kann. Eine Mail, wie ich sie noch nie bekam, schon gar nicht von ihm, schon gar nicht in einer solchen Situation:
Lieber Chris-on-the-bike,
da hast Du Dir mal wieder ein wahres Himmelfahrtskommando ausgesucht:
1. Pakistan ist ja so sicher
2. Der Pass mit den schneebedeckten Bergen sieht so richtig einladend aus: der nächste Schneesturm kommt bestimmt
3. Der Pass, auf dem Du damals in Kirgistan nach Luft gerungen hast, ist lediglich schlappe 1000 m niedriger
4. Die Chinesen werden schon wissen, warum sie da niemand rauf radeln lassen
5. Höhenunterschiede von ca. 4000 m scheinen genau Deine Spezialität zu sein
Du musst zugeben, dass Du schon ein bisschen verrückt bist. Den Nervenkitzel scheinst Du zu brauchen, ob ihn Mirjam braucht, wage ich zu bezweifeln. Immerhin hast Du ja dank Twitter heute ein Lebenszeichen gegeben. Technisch bist Du zwar up to date, aber mit der zeitlichen Orientierung scheint es bereits zu hapern. Heute ist nämlich der 23. Vielleicht hat Dich der Höhenrausch doch schon erwischt.
Nichtsdestotrotz wünsche ich Dir natürlich erfreuliche Erlebnisse und eine gute Rückkehr. Ich habe nämlich keine Lust auf eine Expedition in diese Gegend, um Dich zu suchen.

Danke, Heinrich. Deine Mail hat endgültig die Euphorie beiseite gewischt. Hat mir klar gemacht, dass es noch viel schlimmer kommen wird, kommen muss, als am gestrigen Abend. Dass das Fahren auf einen 4733 m hohen Pass kein Spaziergang sein kann. Und ich auf alles gefasst sein muss.

Stolzer LKW-Fahrer auf dem Karakorum-Highway (KKH), Northern Areas, Pakistan Ein kleiner Spaziergang zum nicht beschilderten Money Change macht mich endlich wieder flüssig. Decke mich mit Lebensmitteln ein. Ruhe mich noch ein bisschen aus. Doch am späten Vormittag, als es in dem Stadt-Tal schon fast wieder zu heiß zum Fahren ist, breche ich auf. Kann eine Stunde ganz gut fahren. Flüchte mich dann in einen Oasen-Garten. Und schlafe einfach ein. Das passierte auch gestern schon. Ich halte irgendwo an. Kaum sitze ich auf einem Stein, schlummer ich weg. Heute fehlt am Ende meine Sonnenbrille. Ich kann nicht sagen, wie sie weg gekommen ist. Ich weiß nur, es ist meine erste Tour, auf die ich zwei Sonnenbrillen mitgenommen habe. Alhamdulillah. Zwischen zwei Schlafphasen bekomme ich Mandeln und Maoam geschenkt. Vive la vie.
Das Rad-Thermometer ist auf 47 Grad gestiegen. Steigen tut auch die Strecke. An einer Stelle kämpfe ich mich empor, obwohl ich mich längst verfahren habe. Ohne Vorwarnung ist der Karakorum-"Highway" mitten in einem Ort nach rechts abgebogen. Fünf Kilometer extra miles.
Dann ein halber Sturz. Lange nicht mehr vorgekommen. Ohne rechten Anlass. Aber ich kann noch mit beiden Beinen abspringen und das Rad vor dem Hinknallen bewahren.
Der geplatzte Schlauch von gestern bestätigt eine lang bedachte Überlegung. Hatte mein Bike-Computer am Vorderrad zuvor immer ein paar Meter weniger angezeigt als der Kontroll-Computer am Hinterrad, so ist es seit dem Tausch der Schläuche am Vorderrad umgekehrt. Da ich mit der Handpumpe nicht so viel Druck erzeugen kann, ist die Strecke, die der weniger aufgepumpte Mantel bei einer Umdrehung zurücklegt kürzer. Das Rad dreht sich also auf der gleichen Stelle häufiger. Bleibt die Einstellung am Computer gleich, so zeigt er jetzt längere Strecken an. So ist es: jetzt zeigt der Vorderrad-Computer mehr Kilometer an als der Hinterrad-Computer. Auch wenn der Unterschied unter einem halben Prozent liegt.

Chris and Naved from Lahore; Foto: TariqAuffällig auch, ich mache kaum noch Fotos. Obwohl die Landschaft danach schreit, fotografiert zu werden. Das Tagebuch besteht nur noch aus wenigen Stichworten. Die Kräfte fehlen. In der Hochstimmung der ersten Tage zu wenig gegessen, zu wenig Kräfte geschont. So stammt das Foto rechts von Pakistanis aus einem vorbei fahrenden Auto. Spontan möchten sie mit mir fotografiert werden. Und: sie mailen mir tatsächlich ein paar Wochen später das Bild. Thank you, Tarik and Naved!
Wieder wird es dunkel und ich bin noch nicht am Ziel. Zumindest nicht am geplanten Ziel: Karimabad, ebenfalls ein paar Kilo- und Höhen-Meter abseits des KKH. Immerin erreiche ich noch Ghulmet (nicht zu verwechseln mit dem bedeutenderen und hinter Karimabad liegenden Gulmit - mit unterschiedlichen Schreibweisen). Winzig, aber mit zwei, drei kleinen Hotels. Yeah, ich hab ein richtiges Bett zum Schlafen.


Grün-weiß-braunes Berg-Panorama mit dem Rakaposhi ('Fischschwanz' - 7790 m) am Karakorum-Highway (KKH), Pakistan
Grün-weiß-braunes Berg-Panorama mit dem Rakaposhi ('Fischschwanz' - 7790 m)
- auch Dumani ('Mutter des Mists') genannt - siebenundzwanzig-höchster-Berg der Welt


Dorf mit Wald im Hunza-Tal am Karakorum Highway (KKH), PakistanHunger statt Hunza-Hype: alles ist offen
Samstag, 27. Juni 2009: Ghulmet - Gulmit - Sost (120 km)

Karimabad muss ich links liegen lassen. Es fehlen Kraft und Zeit. Die Tour ist jetzt in der Phase der absoluten Konzentration auf das Hauptziel. Kaum Fotos, kaum Kontakte, kaum Tagebucheinträge, nur noch Ankommen. Ankommen. Ankommen. Weiter. Das Ziel ist alles. Ohne das Ziel ist alles nichts.
Die Baustellen nehmen zu, kosten zusätzlich Kraft. Immer mehr Chinesen. Die meist mit Helm, Pakistanis ohne. Beim Bau der Straße in den siebziger Jahren kamen offiziell etwa 900 Pakistanis und 90 Chinesen ums Leben. An einem streng bewachten chinesischen Hauptquartier komme ich vorbei. Ein chinesischer Vorarbeiter trägt kurze Hosen. Ein paar Frauen arbeiten mit. Revolution. Tagelang habe ich so gut wie keine einzige Frau auch nur aus der Ferne gesehen. Doch hier im legendären freundlichen fruchtbaren Hunza-Tal ist auch das ein wenig anders. Manche grüßen sogar.
Das Riesen-Restaurant, das ich für meine Mittagspause erwähle, ist menschenleer. Ich lege mich nebenan auf die Beton-Terrasse. Und schlafe auch hier sofort ein. Als ich wach werde, habe ich eine Art Tagtraum: Dr. Yun Wang (wangyun80314@163.com), ein junger Wissenschaftler von der China Academy of Transportation Sciences in Peking, bittet mich, an einer Umfrage in Englisch teilzunehmen über die ökologischen Auswirkungen des Ausbaus des Karakorum Highway. Ob ich etwa um die Flora und Fauna fürchte? Ob der Lärm durch den Straßenbau nicht schädlich sei? Verkehrte Welt?
Der flache Anstieg geht weiter. An einer dreckigen Gletscher-Zunge vorbei. Nur 39 Grad erreicht mein Thermometer heute. Bis auf 2.800 m komme ich heute. In das Straßen- und Grenzdorf Sost.
Der Hunger ist weitgehend einem Dauer-Kotz-Gefühl gewichen. Immerhin kein Durchfall. Woher auch. Wie häufig bei großer Hitze, will mein Magen nichts mehr zu sich nehmen. Nur mit Aspirin-Tabletten kann ich den Widerwillen gegen jede Nahrung für kurze Zeit verdrängen. Gezielt setze ich mich nach entsprechender Vorbehandlung am Abend ins Restaurant. Und esse fast ein ganzes richtiges Menü. Morgen soll es 2000 hm auf die Passhöhe mit 4733 m gehen. Da sind 250 Meter höher als der Matterhorn-Gipfel, keine hundert Meter unter dem Gipfel des Mont Blanc, dem höchsten Berg der Alpen. Da werden ein paar Kalorien nicht schaden.
Leichte Schwierigkeiten zeichnen sich für die Rückfahrt ab. Falls ich Kashgar erreiche, muss ich für meinen Rückflug mit dem Bus zurück nach Islambad. Ich setze dabei auf die seit kurzem bestehende "tägliche" Busverbindung zwischen Kashgar und Gilgit. Bei genauerem Nachfragen stellt sich heraus, dass sie zwar im Prinzip besteht, aber nicht für jeden Tag garantiert werden kann. Das hänge auch an der Nachfrage und dem Vorhandensein von Bussen...
An diesem Abend ist alles offen. Ob ich noch einen Meter weiter komme, wie ich zurückkomme. Wie lange ich überhaupt noch fahrtauglich sein werde.


Teil 2
Khunjerab, China und retour
Aufstieg in Trance am Delirium-Pass

Sonntag, 28. Juni 2009: Drei Mal lasse ich den Wecker klingeln. Ich bin zu müde, zu schwach, mir ist zu schlecht. Aspirin...

Karakorum Teil 2

Zur ganzen Tour 48: Karakorum-Highway (1010 km) Juni/Juli 2009


Route Karakorum-Highway



Blaue Linie = Touren-Route; Buchstaben = Start und Ziel der Etappen


Routen-Karte Karakorum-Highway

Höhenprofil Karakorum-Highway

Höhen-Profil Karakorum-Highway: Islamabad - Kashgar


Etappen Karakorum-Highway (21.6.-1.7.2009)

Details mit Geschwindigkeiten, Höhenmetern etc. als Excel-Tabelle

Tag Datum Start Zwischenstationen Ziel km
1. 21.6.2009 Islamabad Taxila Abbottabad 121
2. 22.6.2009 Abbottabad Thakot Besham 154
3. 23.6.2009 Besham [Polizei-Transport 18 km] - Dasu Barsin 69
4. 24.6.2009 Barsin Chilas 119
5. 25.6.2009 Chilas KKH-km 530 115
6. 26.6.2009 KKH-km 530 Gilgit Ghulmet 95
7. 27.6.2009 Ghulmet Gulmit Sost 120
8. 28.6.2009 Sost Koksil 64
9. 29.6.2009 Koksil Khunjerab-Pass (4733 m) - Koksil Sost 106
10. 30.6.2009 Sost - Bustransport (Grenze Pakistan/China) - Tashkurgan
11. 1.7.2009 Tashkurgan km-Stein 1751 47
Summe 1010

Nächste Tour: Färöer & Island (993 km) Aug. 2009

Vorherige Tour: Mulde: Zwickau - Dessau (240 km) Juni 2009


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Tour 48: Karakorum-Highway (1010 km) 2009
Karakorum 2009
Chris Tour 51: Khartum - Addis Abeba (1760 km) 2010
Äthiopien 2010
on the Tour 58: Alpen - Prag - Berlin (2060 km) 2011
Moldau 2011
Bike Tour 59: Errachidia - Agadir (1005 km) 2012
Marokko 2012
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