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on the Tour 75: Iran - Persischer Golf (2690 km) 2015
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VG WORTTour 75: Iran - Persischer Golf (2690 km)



Chris on the Bike an den Kuwait Towers
An den Kuwait Towers

Teil 2
Schiras - Bandar Abbas + Emirate + Bahrain + Katar + Kuwait (1485 km)
Rocking the Gulf States


Ausrüstung: Bike & More
Ausrüstung:
Bike & More
Nach dem Abschied von Miri fahre ich alleine weiter durch den Iran bis zur Straße von Hormus am Persischen Golf. Dort geht's zunächst mit der Fähre rüber zu den Emiraten. Aber da ich in Dubai kein Visum für Saudia-Arabien bekomme und weit und breit keine Fähren existieren, bleibt danach für die Reise zu den andern Golfstaaten nur das Flugzeug: Kuwait, Bahrain, Katar und wieder Kuwait. Ein Trip durch die reichen Emirate mit ihrem Bemühen um eine Zukunft ohne Öl. Teil 1
Iran: Tschalus - Schiras (1205 km)
Zum Herzen der persischen Kultur


Die Tour bei YouTube


Cycling Iran (20:00 Min.)


Cycling the Emirates (3:40 Min.)


Cycling Bahrain (2:00 Min.)


Cycling Qatar (3:15 Min.)


Cycling Kuwait (2:13 Min.)


Oder: die ganze Tour in einem Film


Das Beste aus 39 Videos und 1700 Fotos in 30 Minuten.


Felsen an der Kavar-Firuzabad-RoadRadler voraus
Samstag, 21. November 2015: Schiras - Ardeshir Palast (109 km)

Alleine wenig geschlafen. Frühstücks-Service beginnt wieder ganz langsam. Punkt sieben gibt's gar nichts. Obwohl auch heute wieder einige kurz nach halb acht nach Persepolis aufbrechen. So zieht sich auch mein Start hin. Komme wieder am Flughafen vorbei. Wie wird es Miri ergangen sein?
Rückenwind. 50 Kilometer bis Kavar verfliegen. Dort das obligatorische Omelett. Für die anstehenden 500 Höhenmeter. Zum letzten Mal geht's auf 2000 Meter. Ganz knapp drüber. Eine Stunde brauche ich. Ein Enthusiast, der kein Wort Englisch spricht, stoppt mich schon nach den ersten Metern, um ein Foto von mir zu machen. Später halten drei Männer und servieren mir eiskaltes Wasser, schenken mir eine Orange. Leider gibt es auch die beiden Fahrer von blauen Pickups, die direkt hinternander ganz knapp an mir vorbei fahren, obwohl ich mich ganz rechts auf der Standspur halte. Vermutlich ganz bewusst. Das erste Mal auf mehr als tausend Kilometern Iran.
Aus der Weite und nach Umweg um einen entstehenden Stausee führt die Straße in eine Schlucht (Foto rechts). Eine Burgruine thront über einem Zugang. Sehr hoch. Die Kabinenbahn nach oben funktioniert schon lange nicht mehr. Bliebe nur der Fußweg. Nichts für mich. Der ich eh kaum gehen kann.

Chris on the Bike mit Panther Dominance Trekking vor dem Ardeshir-Palast bei Firuzabad, Iran Wenige Meter weiter auf der andern Seite der Schlucht ein Relief für Herrscher Ardeshir (180–242 n.Chr.) - kaum zu erkennen im dunklen Gegenlicht der tief stehenden Sonne. Obwohl ich bis zum Wehr fahre, das als Fußgängerbrücke zur andern Seite dient. Die Rückfahrt lässt meine Kette abspringen. Trotz der gestrigen reichlichen Ölung.
Dann die dritte Attraktion vor Firuzabad. Die sassanidische Palastanlage, immer noch von Herrscher Ardeshir Babakan, im letzten und wieder sehr schönen Sonnenlicht (Foto links). Sogar noch von einem Wächter betreut. Er zählt sich zu den Kashgai, einem Turkvolk, das hier in der Region seit langem, vor allem als Nomaden, lebt. Als ich frage, der wie vielte Tourist ich heute sei, meint er, ein Italiener sei schon dagewesen. Und gestern zwei Radler, die auch nach Dubai wollen. Sie haben sich ins Gästebuch eingetragen: "Heiner Zimmer u. Patrick Mai (Deutschland) 20.11.2015". Werden wir uns auf der Fähre sehen? Oder vorher noch? Sie wollen allerdings eine andere, kürzere Strecke fahren.
Und ich erfahre, dass es im Ort an der Ruine, bei Google Maps exklusiv als "Atashkadeh" bezeichnet, ein Hotel gibt. Babakan heißt es, natürlich. Eine schöne Anlage mit einem großen Rundbau. Sehr basic-mäßig. Aber ok. Das Personal ist etwas nervig. Deshalb nehme ich am Abend das obligatorische Omelett im Ort ein, das vor Straßen-Restaurants und -Läden nur so strotzt.


Panther Dominance Trekking vor dem Turm von Gur bei Firuzabad
Am antiken Turm von Gur bei Firuzabad


Typische Sicherheits-Markierungen im Asphalt einer Landstraße bei Firuzabad, IranPanorama ohne Panorama-Funktion
Sonntag, 22. November 2015: Ardeshir Palast - Gur - Firuzabad - Pass (1450 m) - Ghir + 15 km (101 km)

Die steinharte Styropor-Matratze reflektiert immerhin die Wärme. Ansonsten war es ziemlich lang ziemlich laut. Obwohl ich der einzige Gast bin. Die Frühstücksvorbereitungen laufen erst an, als ich im zentralen Speiseraum im Mittelpunkt des Rundbaus erscheine. D.h., erst jetzt quält sich der Chef aus seinem Bett. Kauft offenbar erst mal eine Lage Eier, von denen er mir zwei geschmacklos als eine Art Rührei zubereitet. Schlechter als alle anderen Omeletts. Immerhin mit Kräutern und Brot. Weder Marmelade noch Frischkäse oder Butter - wie sonst üblich. Das Brot schmiere ich dann mit eigenen Bordmitteln, um es später auf der Fahrt zu essen. Endlich kommt auch Tee. Dieses Minimal-Frühstück zieht sich ewig in die Länge. Der Typ will dann auch 50.000 statt der vereinbarten 40.000 Tuman haben. 10.000 fürs Frühstück. Ich zahle nicht. Vielleicht ungerecht. Aber ich bin genervt von dem Dreck, von dem Krach, von der Lahmarschigkeit. Es könnte hier das Paradies sein. Die Außenanlage sieht auch so aus. Alles andere würde schon durch eine kleine Grundreinigung enorm gewinnen.
Immerhin gibt es Wlan. Und meine nächtliche Recherche hat ergeben, dass an der Küste Dienstag und Mittwoch Sturm mit Gegen-Windstärke 4-5 herrscht. In den Bergen soll man davon verschont bleiben. Deshalb fahre ich nicht wie geplant über die neue Nationalstraße direkt zur Küste, sondern fahre weiterhin in den Zagros-Bergen nach Osten.
Hätte ich das gestern gewusst, wäre ich am Abend besser noch nach Firuzabad weitergefahren. Diesen Ort hätte ich ansonsten komplett umgangen. So komme ich zum großen Turm von Gur erst am Morgen (Foto oben). In der Sonne. Ein rumpeliger Feldweg führt durch den Wall, der Gur mit einem Durchmesser von knapp zwei Kilometern umschließt. Von dem Ort ist im Wesentlichen nur der zentrale Turm geblieben. Kein Zaun, kein Eintritt. Überall liegen antike Scherben rum. Das Panorama des 360-Grad-Talkessels ist großartig. Die Panorama-Funktion des iPhone nicht so großartig, dass es mir gelänge, sie hier zu nutzen.
Firuzabad ist dann immerhin gut für einen super Supermarkt. Riesige Auswahl. Einen ganzen Liter Karottensaft-Milch bekommt man hier, zum Beispiel. Ich fahre an wechselnden Felswänden entlang. Auch das ein grandioses Panorama (Fotos unten). Es wird immer besser, je höher der Weg sich windet und je weniger Verkehr mich begleitet. Pause vor einem merkwürdigen Gipfel. Soooo schön. Es ist der letzte Pass über 1400 m. 29 Grad wird es dabei - zum ersten Mal auf der Tour.

Die erste Palme auf 1100er Meter bei Shaldan, Ghir-Firuzabad-Road, Iran Als es wieder runter geht, taucht bei Shaldan die erste Palme (Foto links) auf: 1100 Meter über dem Persischen Golf. Nur ein Idiot von den tausenden, die auch heute an mir vorbeifahren, meint ganz eng an mir vorbeifahren zu müssen - um mich zu erschrecken. Gar nicht lustig. Diesmal ist es kein Pickup sondern ein schicker Pkw. Sicherer fühle ich mich, wenn der Seitenstreifen durch brutale Einkerbungen (Foto rechts) getrennt von der Fahrbahn ist.
Noch ein schönes Tal. Noch ein Pass. Knapp unter 1200 Meter. Eine neue Straße wird gerade noch flacher gebaut. Ich bekomme heute eine Orange und eine Banane einfach so von Autofahrern geschenkt. Und bei der Abfahrt vom Pass das Lächeln einer ganzen Familie. Drei Mal warten sie auf mich oder überholen: Mann - wie immer am Steuer -, Frau und Tochter, die am enthusiastischsten winkt. Getrübt allerdings von einem Unfall auf halber Höhe: Ein Taxi hat sich beim Crash mit einem LKW kräftigst deformiert.
Nach 80 Kilometern bin ich in Ghir (Qir). Pause. Erschöpft. Genervt. Die Leute, mit ihrer unermüdlichen Fragerei nach dem Woher und Wohin ziehen sich auf meine Bitten zurück. Ich bedanke mich nachher.
Jetzt profitiere ich von der Touristen-Karte des Wächters an der Palastruine. Google Maps kalkuliert mit der kürzesten Strecke nach Lar. Die ist aber wohl nicht asphaltiert. Auch die Leute hier empfehlen den Google-Weg nicht. Ein Hotel gibt es auch nicht. Also fahre ich noch 15 Kilometer weiter auf der wenig befahrenen Hauptstraße, bis ich hinter ein paar Felsen an einem ausgetrockneten Bach das Zelt aufstelle. Zum ersten Mal allein. Hier ist es viel wärmer als bei unseren bisherigen Zeltnächten rund 2000 Meter höher. So tippe ich diese Zeilen draußen ins iPhone im Fast-Vollmondschein.


Felsformation an der Ghir-Firuzabad-Road, Iran
Felsformationen an der Ghir-Firuzabad-Road

Felsformation an der Ghir-Firuzabad-Road, Iran

Felsformation an der Ghir-Firuzabad-Road, Iran


Wilder Zeltplatz (28.370182, 53.091774) 15 Kilometer südöstlich von Ghir/Qir, Provinz Fars, IranWasser-Reservoirs für die Ästhetik
Montag, 23. November 2015: Ghir + 15 km - Khonj + 45 km (127 km)

Gute Nacht. Nach dem Mond-Untergang ein brillanter Sternenhimmel. Leichte Auto- und Flug-Geräusche. Woher? Ansonsten bin ich absolut ungestört. Zelten unter Reinraum-Bedingungen (Foto rechts). Kein Wind, keine Feuchtigkeit, keine Tiere, keine Unsicherheit. Das Zelt kann ich am Morgen direkt zusammenfalten. Nur die Unterlegplane ist feucht von unten und trocknet in der Sonne, während ich Cornflakes in Kakao esse.
Als ich starte, ist die Sonne durch einen Wolkenschleier gedämpft, der sich heute den ganzen Tag hält. Trotzdem wird es 28 Grad, während ich mich den ganzen Tag auf mas o menos 700 Meter halte.
Schon früh am Morgen der obligatorische ganz-nah-ran-Fahrer. Ärgerlich. Das verbreitet Schrecken.
Die einzige Stadt heute, Khonj, erreiche ich nach 80 easy Kilometern. Ein Shop-Besitzer spricht zwölf Sprachen, darunter Russisch, Ukrainisch. Verrät aber nicht, woher er sie kann. Er lädt mich ein zu Kaffee. Schenkt mir O-Saft. Ein paar Meter weiter ein Imbiss mit Steckdose. Das einzige Problem bei zwei Zelt-Nächten in Folge: das iPhone muss zwischendurch geladen werden. Jetzt hat es wieder 60 Prozent.

Wasserspeicher südöstlich von Khonj, Iran Drei Kilometer weiter am Stadtrand liegt der "Sada International Hotel Complex". Die Rezeptionistin will meinen Pass, ohne zu verraten, wie teuer das Zimmer ist und ohne es mir zu zeigen. Nebenbei sehe ich auf meinem Smartphone, dass hier kein Wlan existiert. Macht also keinen Sinn, hier zu bleiben. Ist auch gerade erst Mittag. Also weiter.
Immer häufiger sehe ich Kuppelbauten am Wegesrand. Schöne Foto-Motive (Foto links). Ich hantiere gerade mit meinen beiden Kameras, als ich hinter mir einen Hund hecheln höre. Bisher im Iran nie eine Gefahr. Ganz im Gegenteil: sie verkriechen sich eher am Straßenrand dahintrottend. Jetzt aber ist es knapp. Ich quere die beiden Fahrbahnen. Autofahrer verlangsamen ihre Fahrt. Ich kann ihn abschütteln. Durch das Gebelle ist aber eine ganze Hunde-Armada ein paar Meter weiter alarmiert. Auf beiden Seiten der Straße. Mit Hilfe der Autofahrer kann ich alle auf Abstand halten. Glück gehabt.
Dann der letzte 1000-Meter-Pass. Atemberaubend in die Berge gesprengt (Foto unten). Ein Zuckerschlecken für Geologen (Foto ganz unten). Kurz vor dem Gipfel rechts eine kleine Oase. Hundert Palmen. Noch vor kurzem geflutet. Aber alle Gebäude sind verlassen. Und zwei dieser merkwürdigen Kuppelbauten. Sie erweisen sich als Wasser-Reservoir. Am Rande der Oase stelle ich mein Zelt auf (Foto unten rechts). Das Wasser sieht aber zum Waschen nicht so vertrauenserweckend aus. Bleibt nicht allzu viel für die Katzenwäsche.


Auffahrt zur Passhöhe (1060 m) zwischen Khonj und Evaz, Iran
Auffahrt zur Passhöhe (1060 m) zwischen Khonj und Evaz


Wilder Zeltplatz mit Palmen (27.790703, 53.812309) an der Nationalstraße 94 zwischen Khonj und Evaz, Provinz Fars, IranInternet im Copy-Shop und Handy-Shop
Dienstag, 24. November 2015: Khonj + 45 km - Pass (1060 m) - Evaz - Pass (980 m) - Lar (61 km)

Ich warte auf die Sonne im Zelt (Foto rechts), um aufzustehen. Vergeblich. Gestern die leichten Wolkenschleier. Heute eine geschlossene Wolkendecke. Das schlechte Wetter, das mir an der Küste kräftigsten Gegenwind bereitet hätte. Hier aber harmlos ist.
Ich verlasse meine Oase. Niemand ist am Morgen aufgetaucht. Noch 20 km bis Evaz (wo Heiner Zimmer und Patrick Mai, denen ich insgeheim seit Firuzabad folge, bei der Feuerwehr untergekommen sind, wie ich später erfahre), weitere 20 km bis Gerasa, noch mal 20 km bis Lar. Ein easy Tag. Dringend nötig.
Schon mittags bin ich in Lar. Das riesige Khowsar Hotel ist wohl für immer geschlossen. Aber um die Ecke gibt es das Lar Tourist Hotel. Die Dame an der Rezeption will mir ein Zimmer zeigen. Bei Nummer 111 und 112 funktioniert die Keykarte nicht. Kein Wunder, ich habe ja gesehen, dass sie die Karte auf Zimmer 106 programmiert hat. Und siehe da, dort funktioniert sie. Allerdings ist das Zimmer nicht gemacht oder noch bewohnt. Bekomme ich also nach den obligatorischen Preisverhandlungen Zimmer 205. Da rauscht dann, wen wundert's, wenig später jemand mit autorisierter Keykarte rein. Nachts will mir jemand Essen aufs Zimmer bringen, das ich nicht bestellt habe. Und am nächsten Morgen klopft jemand an meine Tür, der da nichts zu suchen hat. Aber das Hotel ist nett.

Mit Soniya Hosseini, Faegheh Arman und Ayman Abdoli im Copy-Shop von Lar, Provinz Fars, Iran Zeit auch für die Suche nach einem Internet-Café, hier wie auch im arabischen Raum meist als "Coffee-Net" bezeichnet. In einem Copy-Shop frage ich nach. Und bin herzlich eingeladen, an einem der Computer zu arbeiten. Das hiesige Notebook ermöglicht zum ersten Mal die Bilder von meinem iPhone auf einem Stick zu sichern. Soniya und Faegheh, die beiden jungen Frauen, die hier mit ihrem Chef arbeiten (Foto links), sind ganz begeistert. Aber auch voll beschäftigt mit dem steten Strom der Kunden, die meist Ausweise, Urkunden aber auch akademische Arbeiten kopiert haben möchten. Am Ende haut mich der Chef übers Ohr und kassiert für knapp zwei Stunden mit mehreren langwierigen Unterbrechungen durch den Copy-Shop-Betrieb ein Vielfaches des Umsatzes, den ich in dieser Zeit beobachten konnte. Dafür haben mich die Ladies zu einem Sandwich eingeladen.
All das spielt in der Neustadt von Lar. Die Altstadt liegt einige Kilometer weit im Norden. Ein Ladenbesitzer setzt mich umgehend in ein Linien-Taxi, als ich nach dem Bazar frage. Der erweist sich dann als sehr überschaubar. Immerhin entdecke ich auf diese Weise die Burgruine auf einem Berg über der Stadt (Foto unten). Und bekomme nach langwierigen Diskussionen mit dem Pizza-Bäcker tatsächlich eine vegetarische Pizza. Ein anderer Besitzer eines Handy-Shops lässt mich noch auf seinem Computer sichern, was ich im Copy-Shop vergessen habe. Nachdem sein Sohn meinen Stick freischaltet. Alles kostenlos natürlich.


Burgberg von Lar, Provinz Fars, Iran
Der Burgberg von Lar


Alte Bausubstanz beim Bazar von Lar, Provinz Fars, IranBurgberg in der Mittagspause
Mittwoch, 25. November 2015: Lar

Pause vom Radeln. Im Gegensatz zu gestern finde ich heute ein richtiges Internet-Café. Auch das macht natürlich die obligatorische Mittagspause von 13 bis 17 Uhr. Lar liegt so nah am Persischen Golf, dass es hier mittags im Sommer zu heiß zum Arbeiten ist. Heute ist es angenehm und ich nutze die Pause...

Blick vom Burgberg auf Lar, Provinz Fars, Iran ...um auf die Burgruine (Foto oben; Foto links: Blick von der Burg auf die Altstadt) oberhalb der Altstadt (Foto rechts) zu klettern.


Felsformationen bei Hormood Abassi, Lar - Bandar Abbas - Road, Iran
Rolling hills und Felsformationen


Chris on the Bike am Schild 'Persian Gulf 165 Km' auf der Lar - Bandar Abbas Road, IranGewaltige Landschaft, gewaltiger Flüssigkeitsbedarf
Donnerstag, 26. November 2015: Lar - Shib Rawan (147 km)

Langsam - nach fast vier Wochen - beginne ich zu verstehen: sieben Uhr Frühstück bedeutet im Iran: ab sieben Uhr beginnen die Vorbereitungen zum Frühstück. Sukzessive kommen Brot, Tee, Eier und schließlich eine Suppe. Und zwar eine andere als gestern.
Fünf Kilometer sind es zunächst bis zur Stadtmitte von Lar. Mit dem Linientaxi hat das rund 25 EuroCent gekostet. Heute ist es anfangs bedeckt. 15 Grad. Trotzdem fahre ich kurzärmelig. Die Straße ist gut. Wenig Verkehr für iranische Verhältnisse. Nachdem schon in Teheran die Autobahn-Schilder zum Persischen Golf führten und in Schiras der Persische-Golf-Boulevard aus der Stadt nun das Schild: "Persian Gulf 165 Km" (Foto rechts).
Ein anderes Schild "Qeshm 240 km" bringt mich auf die Idee, über die Insel Qeshm zu fahren und vom Ort Qeshm aus die Fähre nach Bandar Abbas zu nehmen. Aber existiert die Brücke auf die Insel schon? Die Stunde, die ich gestern in die Recherche der Weiterfahrt stecken wollte, ging ruckzuck mit der Homepage drauf. Dann ein fremdes Geräusch am Vorderreifen. Sicherheitshalber halte ich. Siehe da: zwei Drähte stecken im Mantel. Bei der ersten Pause fliegt die Sonnenbrille auf dem Lenker unbemerkt fünf Meter weit durch den Fahrtwind eines Lkw. Ich suche, suche.

Wilder Zeltplatz (27.253353, 55.456673) bei Shib Rawan, Hormozgan, Lar - Bandar Abbas - Road, Iran Es ist flach und wenn nicht, dann geht es eher runter. Erwähnenswerte Steigungen sind selten (Foto oben).
Lange zieht die Wolkendecke mit. Dann ist sie weg. Das Thermometer schnell bei 30 Grad. Ab 9 km/h Fahrtgeschwindigkeit bin ich umgeben von Fliegen. All around. Erst recht bei jeder Pause. Bei einer Steigung steigt das Thermometer auf 36 Grad. Her mit der Flüssigkeit. Ein Loblied auf das salzige Doogh. Ein Kefir-Ayran-Verschnitt. Malzbier. Gern auch von Bavaria Holland. Ich finde eine 1,5-Liter-Flasche Mineralwasser ungeöffnet am Straßenrand.
Eine gewaltige Landschaft. Riesige Flusstäler. Wadis. Leer (Foto unten). Manchmal führt die Straße mitten hindurch. Plötzlich ist es mit der Einsamkeit der Einöde vorbei. Felder links und rechts. 150 Meter überm Meeresspiegel. Mit Mühe schlage ich mich halbwegs unbemerkt in halbwegs unbewohntes, dorniges Terrain, um mein Zelt aufzubauen (Foto links). Entferntes Rauschen der Straße auch heute ein nächtlicher Begleiter.


Felsformationen bei Hormood Abassi, Lar - Bandar Abbas - Road, Iran
Felsformationen bei Hormood Abassi

Ruine bei Kohurestan an der Straße Lar - Bandar Abbas, Iran
Ruine am Straßenrand bei Kohurestan


Kamele weiden neben der Straße bei Kal Motali, 60 km westlich von Bandar Abbas, Iran1800 Kilometer unglaublicher Iran
Freitag, 27. November 2015: Shib Rawan - Bandar Abbas (103 km)

Die Mücken haben mich gestern Abend schnell ins Zelt getrieben, obwohl es draußen noch angenehm warm war unterm Vollmond. Erst nach Sonnenaufgang gibt es keine Mücken mehr. Dafür hunderte von Fliegen, die mit Vorliebe mein(e) Frühstück(sreste) in Angriff nehmen.
Die abendliche Zelt-Recherche hat auch keine Antwort ergeben, ob ich über die Insel Qeshm fahren soll. Hinweise sind seit dem Ortsaugang von Lar nicht mehr aufgetaucht. Vermutlich ist also die Brücke nicht fertig (Wikipedia Dez. 2015: "currently under construction"; "groundbreaking ceremony" März 2011). Es gäbe wohl auch eine Fähre, aber dann wäre der Weg weiter. Erst am Abzweig treffe ich die Entscheidung. Für den einfachsten, direkten Weg nach Bandar Abbas. Nicht über die Insel Qeshm.
An der Abzweigung selbst sind es drei Kilometer Umweg. Typisch iranische Lösung für das Linksabbieger-Problem: kein Linksabbiegen an der Kreuzung sondern erst in gewisser Entfernung die Möglichkeit zum U-Turn. Mit dem Rad könnte man kurz vorher auf die Gegenfahrbahn wechseln und vorsichtig auf eigene Gefahr...


Unsere ganze Iran-Route
vom Kaspischen Meer zum Persischen Golf



Blaue Linie = Touren-Route; Buchstaben = Start und Ziel der Etappen

Fahrrad Panther Dominance Trekking auf der Strandpromenade von Bandar Abbas, an der Straße von Hormus, Hormozgan, Iran Pause im Schatten einer Bushaltestelle. Schon beim Start am Morgen sind es heute 25 Grad. Das erste Kamel-Warnschild. Dann ein skelettiertes Kamel. Dann ein gerade erst durch den Verkehr getötetes. Dann lebendige Dromedare (Foto rechts).
Der Verkehr nimmt zu. Obwohl es Freitag ist. Die meisten Geschäfte sind auch geschlossen. Erst spät kann ich kühle Getränke dazukaufen. Die Straße verläuft leider nicht direkt am Ufer. Riesige Container-Häfen schieben sich dazwischen. Die vielen Schiffe in der Straße von Hormus sind nur in den Lücken zu erkennen (Foto links dann an der Stadtpromenade). Zuletzt zieht sich die Stadt Bandar Abbas zehn Kilometer lang dahin. Trotzdem Höchststimmung bei mir. Nach 1800 km vom Kaspischen Meer (Karte oben) erreiche ich den Persischen Golf.
Unglaublicher Iran: Ich mache Pause im Schatten eines Bankgebäudes. Zufällig - von mir unbemerkt - genau neben der Agentur, die die Fährtickets nach Dubai verkauft. Ein Mann hält an mit seinem Auto, um mir zu erklären, dass die Agentur heute geschlossen sei, morgen aber ab acht auf habe. Im zweiten Stock gebe es die Tickets auf der linken Seite. Zum Abschied will er mir noch ein Essenspaket schenken samt Cola, das er gerade für die Familie geholt hat. Ich kann's gerade noch verhindern.
Das Fünf-Sterne-Hotel Homa ist mir auch mit zehn Prozent Discount zu teuer. Im Hotel Amin bieten sie mir nur ein Doppelzimmer. Müde bin ich, bleibe hier. Zehn Meter weiter wäre das Hotel Maryam wahrscheinlich die bessere Wahl gewesen.
Ich kümmere mich endlich mal um meine linke Achillessehne. Obwohl ich mein linkes Bein von Anfang an geschont habe, schmerzt sie schon lange. Heute behandle ich sie erstmals mit Diclofenac. Sie ist sehr viel dicker als die rechte. Auch die muckt.
Ich sitze vor Sonnenuntergang lange am Strand. Es ist Ebbe. Die Gezeitenunterschiede sind hier sehr stark. Friedliche Atmosphäre (Foto unten). Als ich gehe, sehe ich, wie eine Schlange, Länge über ein Meter, gesteinigt wird. Offenbar nicht erfolgreich. Zwei Jungs auf Mofa fahren kurz darauf mit ihr auf der Promenade entlang an mir vorbei. Dann gibt's Rosenwasser-Softeis in frischem Karotten-Saft. Danach Abendessen im Top-Restaurant Fanouss. Frischer Thunfisch. Exzellent.


Strand von Bandar Abbas, Hormozgan, Iran
Stadtstrand in Bandar Abbas


Briefmarken/Stamps Iran 20.000 Rl. and 2.000 Rl.Zu guter Letzt jede Menge deutsche Fernradler
Samstag, 28. November 2015: Bandar Abbas - Fähre...

Ein letztes Mal zur iranischen Post. Es gibt noch drei Postkarten, die ich am liebsten von hier aus verschicken würde. Spannende Frage: wie hoch ist das Postkarten-Porto in Bandar Abbas? Ich steuere die Hauptpost an. Und muss ein Warteticket ziehen. Der Schaltermensch geht mit mir in die hinteren Räume. Nach den bisherigen Porto-Angaben von 20.000, 25.000 und 40.000 Rial diesmal ein neuer Preis: 22.000 Rial. Das Geld muss ich dalassen. Briefmarken gibt es allerdings momentan keine. Prinzip Hoffnung. (Sie sind tatsächlich nach etwa einem Monat angekommen - mit unleserlichem Poststempel-Datum aber schönen Briefmarken im Wert von 22.000 Rial; Foto links. Danke, Caro!)
Nächste Besorgung: das Ticket für die Fähre. Vermutlich kann man das auch am Abend direkt am Hafen kaufen, aber bei der Vorbeifahrt gestern Nachmittag war man dort anderer Meinung. Ich fahre mit dem Taxi zur Shipping Agency. Es stimmt, was der nette Mann gestern bei meiner Pause hier gesagt hat: zweiter Stock links.
Ich habe noch nicht alle Unterlagen rausgekramt, kommt ein weiterer Radler herein: Jakob. Seit sechs Monaten ist er von Deutschland aus unterwegs. In Schiras allerdings waren seine Knieprobleme so stark geworden, dass er mit dem Bus über Yazd nach Bandar Abbas gereist ist. Und nun nicht weiß, wie es weiter gehen soll. Wir sehen uns am Abend.
Fernradler Heiner Zimmer alias Bikeroadcruiser, Patrick Mai, Christoph Gocke alias Chris on the Bike in Bandar Abbas, Hormozgan, IranIm Internet-Café gelingt es mir nach vier Wochen zum ersten Mal in großem Stil Fotos vom iPhone zu sichern. Dann noch ein Besuch beim Friseur. Der Bart muss ab. Damit ich meinem Pass-Bild wieder etwas ähnlicher werde. So bin ich zur günstigen Check-out-Zeit kurz vor 14 Uhr wieder im Hotel.
Für den Nachmittag habe ich mir noch ein Highlight, die Insel Hormus, aufgespart. Als ich das Ticket für die 14-Uhr-Fähre kaufen will, Ernüchterung: die Rückfahrt ist erst um 18 Uhr. Da soll ich aber schon bei der zehn Kilometer entfernten Fähre nach Sharjah sein. Gestern fuhren den ganzen Nachmittag über Fähren zurück. Das hatte ich beobachtet. Aber gestern war Freitag. Jetzt ist mir das Risiko zu groß.
Zum Schwimmen kann ich mich auch nicht durchringen. So schwingen die bewegten und bewegenden Wochen im Iran ganz ruhig aus mit einer Siesta-Beobachtung an verschiedenen Plätzen im Zentrum. Ganz, ganz zuletzt, als ich ein letztes Mal die Uferstraße zum Hotel überquere, sehe ich noch zwei Radler mit langen Zöpfen ohne Gepäck Richtung Innenstadt fahren. Ich schreie hinterher. Leichte Reaktion, aber sie sehen mich nicht. Ich renne und schreie lauter. So bemerkt mich der hintere. Im Näherkommen fällt mir ein: das könnten Heiner Zimmer und Patrick Mai aus dem Gästebuch vom Ardeshir-Palast bei Firuzabad sein. Und sie sind es (Foto rechts). Unglaublich. Seit einer Woche fahre ich ihnen hinterher und hab immer gehofft, sie zu sehen. Sie fahren auch schon ein halbes Jahr von Deutschland aus und haben sich während der Tour kennengelernt. Heiner Zimmer hat seinen Blog. Sie sind gerade total happy über 30 Tage Visa-Verlängerung im Iran. Wollen jetzt auf die Insel Qeshm. Danach sieht man weiter.

Wartende Passagiere und Fahrräder im Fährhafen von Bandar Abbas, Valfajr-Ferry to Sharjah, UAE Im Dunkeln fahre ich zur Fähre. Es ist viel zu früh. Ich hätte locker noch zur Insel Hormus fahren können. Stunden warten wir bei der Abfertigung (Foto links) und dann auf dem Schiff. Die Sicherung der Fahrräder im Ladebereich ist rudimentär. Nirgendwo kann man das Rad gut befestigen. Es fliegt viel zu viel Krempel auf der Ladefläche rum. Jede Menge Holzpaletten. In Europa undenkbar.
Es dauert ewig, bis ein paar LKW einrangiert sind. Und dann noch der überdimensionierte Riesen-Camper einer französischen Familie mit drei Kindern. 800 Dollar haben sie für die Überfahrt des Tonnengefährts zahlen müssen. So viel wie sie in ihrer ganzen Iran-Zeit ausgegeben haben. Auch sie sind eine nette Begleitung durch die vielen Warte-Stunden.
Kurz vor Mitternacht legt die 21-Uhr-Fähre endlich ab. Vorher gab es sogar überraschend ein komplettes Abendessen als Bordverpflegung. Zum Glück ist die Fähre nicht übermäßig voll. Frauen, Männer und Familien sind in dem großen Passagierraum grob getrennt. Ich habe drei Sitze zum Querliegen. Könnte was werden mit Schlaf.


Sunrise on the Valfajr-Ferry Bandar Abbas / Iran - Sharja / United Arab Emirates, Strait of Hormuz / Tange-ye Hormoz
Sonnenaufgang auf der Straße von Hormus

Tanker auf der Straße von Hormuz am Morgen
Tanker rundum

Iranian Women on the Valfajr-Ferry Bandar Abbas / Iran - Sharja / United Arab Emirates, Strait of Hormuz
Iranische Frauen auf der Fähre


Jakob Meister auf Jakobs Fahrradreise, Valfajr-Fähre Bandar Abbas - SharjahEin überwältigender Tag klingt aus auf der Oud
Sonntag, Erster Advent, 29. November 2015: ... Grenze Iran/Vereinigte Arabische Emirate - Sharjah

Die Fahrt dauert viel länger als angegeben. Die Sonne geht auf und nirgendwo ist Land in Sicht. Ringsherum der Tanker-Verkehr im Persischen Golf (Fotos oben). Dank Jakob sehen wir sogar ein paar Delfine.
Gegen neun Uhr legt die Fähre im Hafen vor Sharjah an. Dieses Emirat schließt sich im Norden an Dubai an und ist ebenfalls zu einer Mega-City geworden. Bevor wir sie entern können, steht uns meine mit Abstand längste Grenzabfertigung ever bevor. Die längste Zeit passiert gar nichts. Dabei war ich so happy, dass Jakob und ich als Radler vorneweg zum Passagier-Terminal radeln konnten. Die Schalter allerdings sind nicht besetzt. Und das wird eine ganze Weile so bleiben. Wir sitzen vor einem Monitor auf dem ununterbrochen Staats-Propaganda der Emirate läuft. In drei Tagen wird die Vereinigung der sieben Emirate 44 Jahre alt.
Arroganz ohne Ende. Irgendwann beginnt zumindest für Iraner und Araber ein Iris-Scan. Schließlich wird jede Passseite einzeln gewürdigt. Erst um 13 Uhr, vier Stunden nach der Einfahrt im Hafen, kommen wir raus. Man stelle sich das am Flughafen von Dubai vor.
Ich radle mit Jakob (Foto rechts noch auf der Fähre) sechs Kilometer zum Sharjah Heritage Youth Hostel. Ein total unfreundlicher Typ dort schmeißt mich mehr oder weniger raus, weil ich mich nicht sofort festlegen kann, ob ich hier übernachte. Und er kann Ibrahim am Telefon nicht klarmachen, wo er mich abholen soll. Ibrahim ist der Bruder eines syrischen Zahnarztes, den ich in Deutschland kennengelernt habe. Ibrahim arbeitet hier seit zwei Jahren mit der Installation von Zwischendecken, nachdem sein Handelsgeschäft in Syrien durch den Krieg zum Erliegen kam. Nach dem Telefonat mit dem Hostel-Menschen fährt er jedoch zum Hafen statt zum Hostel.

Ibrahim Saad and Christoph Gocke: russian church of Sharjah by Night Ich muss also in der Mittagshitze zurück zum Hafen. Dort kommt das Rad soweit möglich in den Kofferraum. Sharjah ist riesig und überwältigt mit den vielen neuen Hochhäusern. Und mit seinen endlosen Staus. Wir fahren in Ibrahims Wohnung. Eine Junggesellenbude, die er sich mit einem Landsmann teilt. Ibrahim holt einen kleinen Imbiss bei KFC. Dafür ist er mindestens eine Stunde unterwegs. Zeit, in der ich ein bisschen fehlenden Fähren-Schlaf nachholen kann.
Da nun heute auch Sonntag, Erster Advent, ist, hatte ich Interesse an einem Kirchenbesuch geäußert, was ich angesichts der fortgeschrittenen Zeit und des Ortes Sharjah allerdings inzwischen für nahezu ausgeschlossen halte. Ibrahim weiß es besser. Wieder sind wir eine Stunde im Auto unterwegs, finden eine Lücke zum Parken und sind in einer Straße, in der eine Kirche neben der anderen steht. Allen voran die pittoreske und beleuchtete russische (Foto links). Dahinter und daneben ein armenischer Kirchenkomplex, eine syrisch-jakobitische Kirche, eine anglikanische, ein protestantisches Worship Center und eine römisch-katholische Anlage. Um 19 Uhr ist hier Abendmesse. Eine von rund zwanzig Messen am langen Wochenende, das sich für die Christen über den arbeitsfreien Freitag, den zum Teil arbeitsfreien Samstag und Sonntag hinzieht. Und auch in diese letzte Erste-Advent-Messe sind noch einmal mehr als 2000 Leute gekommen. Überwiegend Asiaten. Die Antworten auf Englisch kommen wir aus der Pistole geschossen. Auf Bildschirmen laufen abwechselnd die Texte und Live-Bilder vom Priester. Ordner versuchen die ganze Messe über den Strom der Massen zu organisieren. Es gibt am Ende keine Stehplätze mehr.
Danach zeigt mir Ibrahim noch Sharjah Lake. Einige der Hochhäuser sind wechselnd bunt beleuchtet (Foto unten). Eine Fitnessstrecke führt drumherum. Zurück in der Wohnung ist Mitbewohner Talal von der Arbeit zurück. Schon zehn Jahre arbeitet er hier. Mit der Inneneinrichtung von Restaurants, Büros etc. Durch das auf dem Fernsehbildschirm laufende illustrierte Radioprogramm von shams.fm - Shams bedeutet Damaskus - kommen wir auf Musik. Talal outet sich als Oud-Spieler. Und ganz zuletzt spielt er an diesem letztlich überwältigenden Tag noch ein paar Lieder auf dem Saiten-Instrument, das er aus Rosenholz selbst gebaut hat.


Abend am Lake Sharjah
Abend am Lake Sharjah


Bike Panther Dominance Trekking in front of Royal Consulate General of Saudi Arabia, DubaiKeine Visum-Chance in Saudi-Arabien
Montag, 30. November 2015: Sharjah - Dubai - Palm Jumeirah - Dubai Marina (80 km)

Mit einer Tasse Kaffee und Keksen beginnt der Morgen im Junggesellen-Haushalt. Talal ist schon vor sechs Uhr zur Arbeit gefahren. Den Großteil des Arbeitstages verbringen beide im Stau auf den Straßen. Denn Arbeit gibt es vor allem in Dubai. Mit dem Fahrrad bin ich wohl auch schneller in Dubai als mit dem Auto.
Vor dem Besuch beim saudi-arabischen Generalkonsulat will ich schnell ein Zimmer in Deira, dem früheren Handelszentrum von Dubai, nehmen. Leider habe ich nichts vorgebucht, weil ich nicht so recht planen konnte. Obwohl keine Hauptsaison ist, versuchen die Hoteliers mich mit allen möglichen Tricks zum Geldausgeben zu bewegen. Ich muss mich auch nach vier Wochen Iran umstellen auf ein völlig anderes Preisniveau. Und das Leben in der kapitalistischen Welt. Ibrahim schwärmte im Kontrast dazu vom einfachen Leben vor dem Krieg in Syrien.
In einem Guest House, das mir zu teuer ist, helfen mir noch ein paar junge Deutsche, die gerade mit dem Mietwagen durch den Oman getourt sind, mit ein paar Online-Infos. Im Hotel Al Burak wollen sie sich aber nicht auf den booking.com-Preis einlassen. Wollen es mich aber auch nicht auf booking.com buchen lassen. Ich zieh ab. Geh zurück zum ersten Hotel Al Ras. Auch hier umständlich. Ich will keine Zimmerbesichtigungen sondern ein Zimmer. Einfach mein Zeug abstellen. Und schnell zum saudischen Konsulat.
Für die Holzfähre über den Dubai Creek wollen sie 20 Dirham, 5 Euro haben. Ein Spezial-Preis wg. Fahrrad. Fahre ich über die Brücke etwas weiter im Osten. Geht schnell. Noch schneller geht die Abfertigung im königlichen Generalkonsulat, das sich direkt neben dem amerikanischen und das wiederum neben dem britischen Konsulat befindet.
Visa-Angelegenheiten werden am Nebeneingang bearbeitet. Alle Handys muss ich abgeben, samt Ladegerät, Kameras und mein Taschenmesser. Dann kaum Wartezeit, aber vom ersten und einzig sichtbaren Botschaftsmitarbeiter eine klare Ansage: Für den Transit auf 150 saudischen Kilometern zwischen den Emiraten und Katar müsse ich mal mindestens eine Sondergenehmigung des saudischen Sportministeriums haben. Schon allein wegen der Sicherheit und überhaupt.
Ich ziehe ab. Nicht ohne in Ruhe ein Foto zu konfigurieren: das Schwert des Propheten beendet die Reise meines Rades (Foto rechts). Aufgeregt kommen die Saudis aus der Pforte. Ich stehe auf dem Standpunkt, dass ich die Fotos von öffentlichem Boden aus mache und dass sie von den Hochhäusern auf der andern Seite des Creek mindestens genauso gut gemacht werden könnten. Bei der UK-Botschaft sehe ich später Foto-Verbotsschilder. Hier nicht. Ich erkläre meinen Souvenir-Bedarf. Dass, nachdem ich nun 1800 Kilometer bei den schiitischen Glaubensbrüdern im Iran fahren konnte, ich leider Null Kilometer in Saudi-Arabien zurücklegen kann und mir nur dieses eine Bild von Saudi-Arabien bleibe. Der Typ von der Botschaft löscht - von mir unbemerkt - das Foto. Ich kann es aber später ganz einfach wiederherstellen.

Bike Panther Dominance Trekking and the Burj Khalifa, Dubai Da ich kaum mit einem Visum rechnen konnte, hält sich die Enttäuschung in Grenzen. Ich widme mich dem Touri-Programm per Rad. Im Heritage-Café wird Hummus zu unglaublichen Preisen serviert. Am Ufer fahre ich weiter. Auch da wächst Dubai all überall ins Meer hinein. Ich entdecke noch eine freie Passage. Wo ich wunderbar schwimmen kann. Sand, Wasser, Sonne. Und nur zwei, drei Menschen.
Später lande ich auf einer mindestens 5000 Meter langen elastischen Joggingbahn, die am Strand entlang führt. Fahrradfahren ist da verboten - aber exzellent möglich. Es sind die letzten fünf Kilometer zu dem Komplex von Jumeirah Beach Hotel und dem Sechs-Sterne-Hotel und Wahrzeichen Burj Al Arab (Foto unten rechts). Auf den letzten Metern nimmt die Zahl der Touristen zu, auch die Preise für Eis und Snacks. Aber alles ist inzwischen eine sehr schöne Strandanlage.
Ich fahre jetzt weiter nach Süden als vor acht Jahren, bei unserer Oman-Tour. Palm Jumeirah, eine Riesenanlage, die in Form einer stilisierten Palme ins Meer gebaut wurde, interessiert mich. Sie soll vom Mond aus zu erkennen sein. Und ein bisschen fühle ich mich auch selbst vom Mond aus sichtbar. Um auf den äußersten Ring der Palme zu kommen, muss man durch einen Tunnel. Der ist für Fahrräder gesperrt, aber es gibt keine Alternative. Der Tunnel erweist sich auch als gut beleuchtet und geht nur rund 15 Meter unter den Meeresspiegel. Hinter dem großen Bogen vom Hotel Atlantis sind aber nur Straße und Befestigungen gegen die Fluten zu entdecken. Enttäuschend. Zurück mit 57,5 km/h durch die Tunnel-Radarfalle und das Tempolimit von 50 km/h.
Das nächste Highlight: Shopping im Mini-Carrefour. Was es alles gibt. Und noch doller: Marina Dubai (Foto unten). Unglaublich, was hier alles in den letzten Jahren seit unserer Oman-Tour 2007 entstanden ist. Sieben Kilometer Promenade rings um ein mit Jachten gespicktes Gewässer, das von Hunderten von Hochhäusern umgeben ist. Und das wiederum ist nur eine Hochhaussiedlung von vielen.
Da ich nun schon 30 Kilometer südlich von meinem Hotel bin (Strecken-Karte der Emirate weiter unten) und keine Lust habe, wieder zurückzufahren, überlege ich, mein Fahrrad dort zu lassen. Ich nähere mich der fahrerlosen Metro an, mit der ich zurückfahren kann. Ein merkwürdiger Fahrradständer mit vielen defekten ausgeschlachteten Rädern kann mich nicht so recht überzeugen. Auf der andern Seite der hier 16-spurigen Sheikh-Zayed-Road steht ein Fahrradparkschild ohne Fahrradparkmöglichkeit. Die Leute haben zwei Räder daher einfach an dem Fahrradparkschild festgemacht. Ich entscheide mich für die nächste Metro-Station. Drei, vier Räder mit ganz schlechten Schlössern stehen hier. Da wird mein Schloss wohl reichen. Helm und Wasserflaschen bleiben auch.
Die Metro-Fahrt unterbreche ich an der Mall of the Emirates, u.a. das Ski-Paradies der Wüste. Im Riesen-Carrefour suche ich nach einer Fahrradverpackung für die anstehenden Flüge. Ich entdecke ein "Goodyear Motorcycle Cover (228 x 99 x 124 cm)" für 15 Euro, das von der 'Nippon Auto Spare Parts L.L.C. Dubai' offensichtlich eher als Fake-Produkt vertrieben wird. Denn nirgendwo sonst auf der Welt sind Goodyear-Motorcycle-Cover zu bekommen.
Von Fahrt zu Fahrt wird es enger in der Metro. Nächster Stopp an der Mall of Dubai mit dem Burj Khalifa. Mittags habe ich ihn nur vom Strand aus der Entfernung im Dunst gesehen (Foto links). Jetzt läuft man ewig durch eine übderdachte, klimatisierte Hochstrecke mit Gehbändern von ThyssenKrupp - aber sie führen am Burj vorbei. Es ist schon dunkel und man sieht nichts richtig.
Zurück zum Hotel. Wo mir ein Hotel-Boy, der mir am Morgen beim Waschen zusah, helfen will, ins Internet zu kommen. Ja, ja. Ich gehe sowieso noch ins Internet-Café. Recherchiere ein bisschen rum. Der Fahrrad-Transport von Land zu Land ist nicht ganz einfach. Bin etwas ratlos, was ich machen soll. In jedem Fall muss ich nach Kuwait.


Bike Panther Dominance Trekking in der Dubai Marina
Dubai Marina


Panther Dominance Trekking mit den Burj Al Arab, Dubai, VAE Ticket nur mit Weiterreise-Beleg
Dienstag, 1. Dezember 2015: Dubai

Ein Sudanese rastet am Nachbartisch beim Frühstück aus, weil der Kellner den Tee schon während des Frühstücks und nicht erst nach dem Frühstück serviert. Mir wäre es lieber gewesen, er hätte ihn schon früher gebracht.
Mehr als vier Stunden geister ich durch Deira. Mein Ziel: das Büro von Kuwait Airways. Ich will sicher gehen, dass mit dem Fahrradtransport alles klar geht. Das Büro soll im Pearl Building sein. An dem ich erst vorbei laufe. Als ich es gefunden habe, stellt sich heraus, dass Kuwait Airways hier nicht mehr ist. Vielmehr im City Center. Fahre ich mit der Metro hin. City Center Deira bedeutet zunächst mal eine riesige Mall. Das Etihad Building mit dem Kuwait-Büro liegt gegenüber. Dort wollen sie bei einem Einweg-Flug einen Beleg, dass ich wieder ausreise: also zurück ins Einkaufszentrum mit seinem kostenlosen Wlan. Ticket Kuwait - Frankfurt weitergeleitet. Jedenfalls sind vier Stunden um, als ich zurück im Hotel bin. Wahrscheinlich hätte ich das alles auch in zehn Minuten im Internet-Café machen können. Aber so schläft es sich besser.


Sand on the Road, Ghantoot, Abu Dhabi, United Arab Emirates
Sand auf der Fahrbahn


Exit 13 auf der E 11, Sheikh Zayed Road, dem Dubai-Abu-Dhabi-Highway im Emirat DubaiHitzeschlacht auf der Autobahn
Mittwoch, 2. Dezember 2015: Dubai Marina - Abu Dhabi Airport (120 km)

Ich wache früh auf, verzichte deshalb aufs bescheidene Frühstück. Hab ja noch Kniften geschmiert gestern mit iranischem Brot. So komme ich schon kurz nach sieben aus dem Haus. Feiertag. Vereinigungstag. Vor 44 Jahren vereinten sich die Emirate. Ruhe. Die Metro ist leer.
An meiner Endhaltestelle hat ein Minimarkt auf. Mahlzeit und Getränke bunkere ich sicherheitshalber mal. Es ist schon 26 Grad, als ich alles zum Rad schleppe. Und das steht nach 40 Stunden noch an seinem Platz vor der Metro-Station. Erleichterung.
Vor den meisten Etappen denke ich über alles Mögliche nach. Besonders, was an Schwierigkeiten auftreten könnte. Oft treffe ich dabei nicht den entscheidenden Punkt. Bei der heutigen Etappe, dachte ich daran, ob das Fahrrad noch an der Metro-Station stehen würde. Welches Hotel ich erreichen könnte. Die Strecke stand weniger im Fokus. Eine gewisse Ungewissheit brachte die Tatsache mit sich, dass auf der Karte die Strecke zwischen Dubai und Abu Dhabi eine einzige Autobahn ist. Aber als Stadtstraße in Dubai, und sei sie noch so breit, wirkt sie halt als naheliegende Fahrbahn.
Sehr bald bin ich dann auf dieser Autobahn. Mangels Alternative. An den ersten Ausfahrten fahr ich meistens raus. Vergebens. Ich habe weniger Angst vor Autos als vor der emiratischen Polizei. Und ihren ruppigen Strafen, vor denen überall gewarnt wird.
Der Randstreifen ist breit. Die Ausfahrten natürlich immer eine besondere Beachtung Wert. Vergleichsweise wenig Verkehr auf den zunächst zwölf, später acht Spuren.
Der Hafen zieht sich ewig lang. Die letzten Gates kommen dann entlang der Querstraße D 53 an Exit 13 (Foto rechts). Auf der hoffe ich wenigstens ein Stück parallel fahren zu können. Auf dem Weg Richtung Küste kämpfe ich erstmals mit dem Gegenwind. Und nach sechs Kilometern mit einem wieder mal indischen Security-Menschen. Die Straße ist gesperrt. Die Gegend ist weit und breit gesperrt wegen der Küstengestaltung rund um das neue Meer-Palmen-Projekt Jebel Ali.
Ich könnte ganz sicher da durchfahren. Sehe später das andere Ende von der Autobahn. Aber kein Durchkommen. Sechs Kilometer zurück. Bei der Gelegenheit mache ich die erste Pause. Den einzigen Schatten weit und breit bietet das Einfahrthäuschen des Schieß-Clubs von Dubai. Die Security-Männer füllen mir die Wasserflaschen. Es ist noch keine zehn Uhr und schon deutlich über 30 Grad. Einen Moment denke ich darüber nach, einen Umweg von rund 50 Kilometern zu fahren, um die Autobahn zu umgehen. Das würde mich auch zum Airport "Al Maktoum International Airport" der in zehn Jahren der weltweit größte Flughafen sein soll und deshalb in aller Bescheidenheit auch auf "Dubai World Central" (IATA: DWC) (beide Bezeichnungen oben im Foto der Autobahn-Ausfahrt) getauft ist. Zurück an der Autobahn-Auffahrt ist mir der Umweg einfach zu weit. (Über die vielen Unwägbarkeiten im Radverkehr von Dubai lese ich erst später daheim.)




Blaue Linie = Touren-Route; Buchstaben = Start und Ziel der Etappen

Swimming-Pool Premier Inn Hotel Airport Abu Dhabi Das Emirat Dubai endet mit einem Power- oder Desalination-Plant. Dubai hat jeden Meter Küste inzwischen verplant. Und baut überall ins Meer.
Jetzt beginnt das allergrößte der sieben Emirate: Abu Dhabi. Die Straße wechselt ihren Namen von Sheikh Zayed Road zu Sheikh Maktoum Road. Die Nummer - E 11 - bleibt.
Woran man nicht denkt, wenn man auf die Autobahn radelt: was passiert eigentlich an einer Baustelle? Was an der Raststätte? Erst kommt die Baustelle. Es ist halt eng. Dann endlich eine Raststätte. Ich muss dringend raus aus der Hitze. Auch wenn an der Raststätte eine Polizei-Station ist. Haben sie mich bemerkt? Es ist inzwischen 36 Grad. Zwei Liter Apfelsaft eisgekühlt. Sandwiches. Ich kippe schon stetig Wasser über den Kopf.
Dann kommt Ghantoot. Eine Art Naturschutzgebiet mit Bäumen, eingefasst mit einer kilometerlangen Mauer. Endlich eine Abfahrt (sh. Karte oben). Ich frage einen Fahrer, der grad aus der Stichstraße kommt. Ja man könne da Richtung Meer und irgendwann dann parallel zur Autobahn fahren. Irgendwann bedeutet sechs Kilometer Gegenwind. Zwischen zwei Mauern. Alle zehn Minuten kommt ein Lkw mit der Aufschrift "Drinking Water". Dann links oder rechts. So oder so nur zwischen Mauern. Hinter den Mauern jetzt Bäumchen, der "Al Sameih Forest". Ich passiere ein einziges Tor auf 14 Kilometern. Das bietet Schatten. Wieder kann ich das Wasser auffüllen Dank eines Wächters. Einsam verbringt er seinen 24-Stunden-Dienst. Kurz danach Sand auf der Fahrbahn (Foto oben). Gefährlich. Vor allem, wenn es Autoverkehr gäbe.
Ich überquere eine achtspurige neue Fahrbahn, deren Trassen zum Meer führt. Zu "Emirates Aluminium". Endlich kommen wieder Orte. D.h. ein endloser Ort und Grünstreifen. "Farms." Ich muss immer wieder fragen, wo es genau weitergeht. Ich halte einen unscheinbaren weißen Wagen an. Es öffnet: Die Traffic Police persönlich. Kein Problem. Bin ja schon seit 30 Kilometern nicht mehr auf der Autobahn. Was rät mir der Polizist? Fahr doch auf die Autobahn! Ah ja. Aber die Parallelstraße ist doch viel ruhiger, wage ich zu bedenken zu geben. Ach, da seien doch Brücken und Roundabouts. Von wegen: Straße Nr. 15 später 13 sind wunderbar leer. Ganz am Ende führen sie wieder auf die Autobahn, die ich jetzt mit besserem Gefühl befahre. Auch wenn die Autos zahlreicher geworden sind.
Dann ginge es rechts ab zur Formel-1-Strecke, dem Yas Marina Circuit, wo gerade vor drei Tagen der Tross gastierte. Dann Abfahrt zum Flughafen. Hab mir gestern das Flughafen-Hotel Premier Inn gemerkt - nur halbernst. Vor Ort kostet es noch mal die Hälfte mehr als bei booking.com angegeben. Nach kurzer Bedenkzeit ist klar: ich hab keine Kräfte mehr für 40 Kilometer bis in die Stadt, wo sicher heute Abend ein Feiertags-Feuerwerk zu erwarten ist. Die Hitze hat mich erschöpft.
Ich checke ein. Auch an der Rezeption Menschen, die wie Maschinen agieren. Die nur ihre Arbeit kennen und die möglichst schnell und präzise erledigen wollen. Die sind mir in den Emiraten in den letzten Tagen immer wieder aufgefallen. Im Iran ist mir so was nicht begegnet.
Ich schiebe mein Fahrrad wie selbstverständlich aufs Zimmer. Der Aufzug groß genug. Die Hitzeschlacht ist vorbei. ZDF gibt es auch noch. Und das Premier Inn hat einen Roof Pool (Foto links). Mit Blick auf die Startbahn, wo sich um diese Zeit wenig tut. Im Pool dagegen mehr. Nach Sonnenuntergang lande ich sogar im warmen Whirlpool. First class regeneration. Durst und Staub der langen Reise - wer denkt daran zurück?
Meine Achillessehnen lasse ich durch Wasserstrahlen massieren. Durch konsequentes Massieren und Dehnen sind sie viel besser geworden.


Scheich-Zayid-Moschee in Abu Dhabi, Vereinigte Arabische Emirate
Scheich-Zayid-Moschee in Abu Dhabi


Fahrradweg in Khalifa City auf dem Weg vom Airport Abu Dhabi und Masdar City Richtung InnenstadtKälteschock in Kuwait
Donnerstag, 3. Dezember 2015: Abu Dhabi Airport - Abu Dhabi - Airport - Flug - Kuwait Airport - Kuwait (80 km)

Roof Pool auch am Morgen. Eine Araberin geht mit allen Klamotten in den Whirlpool. Beim bescheidenen Frühstück mit den Tea-making-Facilities auf meinem Zimmer denke ich über die Gepäck-Logistik nach. Sowohl laut allen Internet-Seiten als auch nach Infos des Büros von Kuwait Airways darf ich zwar 30 Kilo transportieren, aber die nur in einem Gepäckstück. Also, das Fahrrad. Alles andere werde pro Kilogramm mit 25 oder 28 AED, also sechs bis acht Euro, berechnet. Vergleichsweise günstig. Trotzdem verteile ich alles so, dass ich möglichst schweres Handgepäck habe.
Doch zunächst ist noch Zeit für einen Trip in die Stadt. Ein neun Kilometer langer Radweg (Foto rechts) führt von Masdar City am Rande von Khalifa City. Dann kommt ein wildes Autobahnkreuz. Eine große Brücke und ich bin an der Moschee. Bei meinem Flug nach Pakistan zum Karakorum Highway 2009 hatte ich schon mal einen Tag Zwischenstopp in Abu Dhabi. Ohne Rad. Damals war die Moschee fast fertig. Heute scheint sie Touristenattraktion Nummer eins zu sein.
Nicht-muslimische Menschenmassen schieben sich durch die weiße Moschee (Foto oben). Danach komme ich noch bis zum Kirchenkomplex von St. Joseph und Therese. Dann muss ich hurtig zurück. Noch mal Roof Pool. Ein kurzes Essen im iranischen Restaurant, das zwischen den üblichen Fastfood-Ketten zu finden ist. Der Salat ist großzügig und großartig. Dazu Brot frisch gebacken: man sieht die Flammen im Ofen.
Ich schreibe noch zwei Postkarten. Die Rezeption hat angeboten, sie zu frankieren. Die Flughafen-Post hat zu, weil heute immer noch Vereinigungs-Feiertag ist. Der Rezeptionsmensch tackert meinen Geldschein an die Karten und schiebt sie in die Schublade. Keine Fein-Ästheten. (Angekommen sind sie aber.)

Bike wrapped in 'Goodyear Motorcycle Cover' of Nippon Auto Spare Parts L.L.C., Dubai, UAE Vor dem Abflug eine Odyssee durch die Security-Leute. Schon morgens, als mir der nette Scheich von der Touri-Info am Flughafen einen Stadtplan gibt, ertönt das indische Singsang: "Bicycle is not allowed." Hallo, ich schiebe! Und wie soll ich mit dem Fahrrad fliegen, wenn ich es nicht ins Flughafen-Gebäude mitnehmen kann? Nerv.
Jetzt am Zugang zum langen Eingangs-Scan wird wieder ein Security-Mensch wach. Er muss erst mal fragen, ob ich weiter darf. Oh Wunder, ich darf in den Scan-Bereich. Dann wollen sie, dass ich das Rad auseinander baue, damit es durch die X-Ray-Machine geht. Mache ich. Soll ich aber plötzlich nicht da direkt bei der Maschine machen, weil so viel los sei. Es ist gar nichts los. Nach dem Kuwait-Flug kommen noch drei Flüge heute. Deshalb war es ja auf dem Airport-Hotel so schön leise.
Endlich bin ich am Schalter. Ich soll die Luft rauslassen. Das ignoriere ich, wie üblich. Plötzlich aber ist die Zahl der Gepäckstücke egal. Entscheidend sei nur, dass die Summe 30 kg nicht überschreite. Meine Angaben, dass das Rad 20 Kilogramm wiegt, reicht ihnen nicht. Es muss gewogen werden. Weil die Waage viel zu klein ist, liegt es nicht richtig auf und "wiegt" folglich nur 17 Kilogramm. Plötzlich kann ich das ganze Gepäck aufgeben. Ohne irgendwas für Rad oder Gepäck zu zahlen.
Jetzt fehlen aber die Sicherheitsbapper vom Scan. Haben sie vergessen. Muss ich mein Gepäck noch mal durchleuchten lassen. Ich weigere mich allerdings, das Rad wieder auszupacken und auseinanderzubauen. Das 'Goodyear'-Motorcycle-Cover aus Dubai passt fast optimal (Foto links). Es geht dann auch so. Ich altere bei jedem Radtransport um Jahre.
Der Flieger ist leer. Abu Dhabi liegt schön in der Abendsonne (Foto unten). Plötzlich tauchen Wolken auf. Und der Pilot kündigt 18 Grad am Zielort Kuwait an.
Das Visum kostet 10 Euro. Und dauert. Geldwechsel. Gebührenmarke. Stempel. Passkontrolle. Wo ist das Gepäck? Mein Flug wird bei den Gepäckbändern nicht angezeigt. Ich frage eine Frau erst mal nach dem Rad. Sie sieht es später. Zeigt es mir. Daneben steht auch das ganze Gepäck von unserm Flug beisammen.
Da ich durch einen weiteren Scan muss, baue ich das Rad erst hinter der letzten Kontrolle zusammen. Als ich schon eine ganze Weile rummache, kommt ein kuwaitischer Polizist: "This no." Die Inder können wenigstens ein paar englische Wörter mehr. Jedenfalls kann ich nur versichern: "This yes." Ich werde das Rad nicht in der Dunkelheit vor dem Flughafen assembeln. Der Polizist wartet bis ich fertig bin, schleppt mich dann samt Rad zur Wache. Sein Chef versteht das nicht ganz.
Der Flughafen wirkt alt. Die Straßen sind nicht gerade im Top-Zustand. Folge des zweiten Golfkriegs? Gegen den ich als Zivi damals auf die Straße gegangen bin. Was wäre gewesen, hätte man die Kuwaitis ihrem Schicksal überlassen? Und in welchem Verhältnis steht dieser Krieg zu all denen, die folgten?
Die Fahrer sind rabiater. Es hat geregnet. 19 Grad. Das ist nach den Hitzeschlachten in den Emiraten gewöhnungsbedürftig. Im Hotel läuft die Klimaanlage allerdings weiter, als sei draußen Hochsommer. Ich mache sie, wie meist, sofort aus. Außerdem stelle ich fest: die Temperaturen sollen nachts in den nächsten Tagen bis auf zwei, drei Grad runtergehen. Bei heftigem Wind. Wie geht's weiter?


Luftbild Abu Dhabi aus einem Flugzeug der Kuwait Airways
Abu Dhabi im Sonnenuntergang


Panther Dominance Trekking mit den Kuwait TowersDie Golf-Flüge
Freitag, 4. Dezember 2015: Kuwait - Kuwait Towers - Green Island - Kuwait - Flug - Bahrain (21 km)

Es ist auch heute Morgen kalt. Dazu kräftiger Wind. Reumütig kehre ich ins Haus zum Frühstück zurück. Elfte Etage. Grandioser Blick auf den Golf. Und ein grandioses Angebot: alles, was wir in diesen fünf Wochen bisher irgendwann, irgendwo mal zum Frühstück angeboten bekommen haben, all das gibt es hier auf einen Schlag. Nur das Wlan lässt zu wünschen übrig. Mit dem Endeffekt, dass ich beschließe angesichts des Wetters und des Zeitplans, heute nach Bahrain zu fliegen. Bei Kuwait Airways will ich einen Flug nach Bahrain und zurück ab Katar buchen. Und zwischendrin von Bahrain nach Katar mit British Airways am späten Abend. All das ohne Rad. Denn die Radflüge kosten einfach zu viel Nerven. Und für zwei Tage Radfahren lohnt sich der Aufwand nicht. Ich werde versuchen, vor Ort Räder zu leihen. Auch Zelt und einiges mehr lasse ich im Hotel. So viel, dass ich den Rest zur Not eine Weile auf dem Rücken transportieren könnte.
Vorher gönne ich meinem Rad noch eine Tour durch Kuwait. Ganz in der Nähe des Hotels ist der Kirchenkomplex. Heute am Freitag läuft gerade die Messe auf Arabisch. Ich fahre immer an der Küsten-Promenade entlang. Zu den Kuwait Towers (Foto rechts und ganz oben). Und zur Green Island. Dann zurück quer durch die Stadt vorbei am Fernsehturm Liberation Tower (Foto links). Liberation - weil er nach dem Rückzug der Iraker vollendet wurde.
Ein paar Meter vom Hotel entfernt am Panasonic Tower fährt Bus-Linie 13 zum Flughafen. Hier ist es ganz eng, die alten Busse werden getrieben, mehr noch die Busfahrer treiben sich und alle an. Tickets, Wechselgeld, alles später. Hauptsache weg vom Fleck. Und so ist der ganze Fahrstil. Die Türen sind immer halb auf und zu. Ständiges raus und rein. Kein Fahrgast sieht nach Fahrtziel Flughafen aus, aber die Richtung stimmt. Und am Ende gehen die Wohngebiete direkt in den Flughafenbereich über.

Hochhäuser mit Fernsehturm Liberation Tower in Kuwait City Gut zwei Stunden vor Abflug starte ich meinen Ticketkauf. Will ihn starten. Aber von 13:30 bis 14 Uhr werden bei Kuwait Airways Zentralticketverkauf am Flughafen Kuwait keine Tickets verkauft. Mittagspause. Ich könne ja auch bei jedem Reisebüro im Flughafen kaufen. Ich versuche es. Waren bei Google Flights der Rückflug (Kuwait - Bahrain - Kuwait) mit 190 Euro fast genauso teuer wie mein geplanter Flug (Kuwait - Bahrain / Katar - Kuwait), so ist letzterer hier plötzlich 30 Euro teurer. Warte ich also auf das Ende der Mittagspause. Siehe da, bei Kuwait Airways selbst ist es gleich 90 Euro teurer. Also zurück zum Reisebüro. Das verlangt dann noch alle möglichen Gebühren, u.a. zehn Euro für den Gebrauch der Visa-Karte und schon kostet das Ticket 250 Euro.
Danach wird es tatsächlich entspannter. Wenn man kein Fahrrad einzuchecken hat, weiß man gar nicht, was man die ganze Zeit über machen soll. Das Flugzeug ist so wie gestern wieder reichlich leer. Etwa jeder sechste Platz ist besetzt.
Das Visum in Bahrain kostet mit 60 Euro das Zehnfache von dem, was der Reiseführer ankündigt. Das Kuwait-Visum hat gestern 10 Euro gekostet. Der Flughafen ist wieder chic. Viel Platz. Ruhe. Die Gepäckstücke von den paar Passagieren finden sich wieder nicht auf einem der Gepäckbänder, sondern irgendwo dazwischen abgestellt.
Mit dem Bus fahre ich in die Stadt. Der totale Kontrast zum Kuwait-Bus: skandinavische Sicherheits-Fahrweise. Alles extrem langsam. Und da Busse beim Ablegen von der Haltstelle offenbar keine Vorfahrt haben, dauert auch das ewig.
Noch ein paar Meter zu Fuß und ich bin am Hotel. Frage gleich nach einem Fahrrad, das ich leihen kann. Man will sich umhören. Auf dem Weg durch die Stadt habe ich jede Menge Uralt-Gebrauchträder gesehen. Und ultramassive Fahrrad-Ständer an den großen Busstationen.
Dann Ticketkauf letzter Akt. Ein paar Smartphone-Versuche, die am Ende das Smartphone oder das Hotel-Wlan oder beides überfordern. Also raus zum Internet-Café. Sonst ist es morgen u.U. schon wieder zu spät für eine Buchung. Alles in allem dauert auch das 'ne Stunde. Und am Ende hab ich wohl bei British Airways gebucht. Nur auf die Bestätigungsmail warte ich noch. Sie findet sich später im Spam-Folder.


Kuwait von oben
Kuwait: Wohnviertel beim Flughafen

World Trade Center in Manama, Bahrain
World Trade Center Manama/Bahrain


Breakfast in the indian restaurant Saravanaa Bhavan, Manama, BahrainMiet-Rad: das große Glück dank Rolando
Samstag, 5. Dezember 2015: Manama - Amwaj Islands - Manama(45 km)

Das Frühstücks-Buffet im Concord International Hotel sagt mir nicht so zu. Ich entdecke gegenüber im vegetarischen indischen Restaurant Saravanaa Bhavan eine alternative Variante. Richtig indisch gewürzt und in dem original Alu-Geschirr (Foto rechts).
Wenig später sitze ich mit Hossam wieder da bei Masala-Tee und Schoko-Shake. Der Ägypter ist aber nicht so angetan davon. Kennengelernt habe ich ihn über das Rad-Übernachtungs-Portal warmshowers.org. Er ist einer von zwei Mitgliedern in Bahrain überhaupt. Aber er fährt gar kein Rad. Vielmehr sucht er Freizeit-Kontakte, eidiweil seine Familie noch in Kairo lebt. Wo seine fünf Jahre alte Tochter auf die deutsche Schule geht. Und dafür findet man hier nicht so schnell Ersatz.
Rad gefahren ist er zuletzt als Kind. Jetzt ist auch klar, warum er mir im Vorfeld, als ich ihn schon vor einigen Monaten nach Radleih-Möglichkeiten in Bahrain fragte, nicht so recht weiter helfen konnte. Immerhin haben wir ein paar Radläden recherchiert, von denen aber keiner Homepage oder Email hatte.
Einen davon versuchen wir jetzt mit seinem Auto anzusteuern. Aber wir verfranzen uns völlig. Meist stimmt die Himmelsrichtung nicht, dann sind Straßen von Panzerwagen gesperrt, dort, wo in Folge der Arabellion seit 2011 Unruhen der schiitischen Mehrheitsbevölkerung (auch wenn die wahre Mehrheit längst von Indern gestellt wird) aufkamen. Einbahnstraßen und ein nicht funktionierender Google-Navi tun ihr übriges. Ich bedanke mich herzlich und steige aus. Bin dem Fahrradladen inzwischen auch ziemlich nah. Aber der verkauft eigentlich nur Kinderräder. Und auch alle andern Läden in der Straße tun es ihm gleich. Verleih? Das haben wir vor 50 Jahren mal gemacht.

Alma verleiht das MTB-Rad Fuji Nevada One.9 26'' ihres Mannes Noel an Chris on the Bike Am Wahrzeichen Bab el Bahrain, einem unscheinbaren, nachempfundenen Stadttor aus dem Jahr 1945, sehe ich ein Rennrad stehen. Ich passe den Fahrer ab, aber der springt auch nicht so recht an. Die Touri-Info ist geschlossen, weil hier Samstag zum Wochenende zählt. Bleiben die Top-Hotels der Stadt. Manche davon sollen Räder verleihen, habe ich irgendwo gelesen.
Ich versuche mein Glück beim InterContinental Regency Hotel. Fünf Sterne. An der Rezeption verweisen sie mich an die Concierge. Eine Dreiviertelstunde kann ich mich da halten. Zeitweise beschäftigen sich alle drei Mitarbeiter mit Ideenfindung und Recherche in Sachen Radverleih. Auch als sie längst wissen, dass ich nicht im Hotel abgestiegen bin. Vor allem Rolando. Er ruft Bekannte an. Und Fahrradläden. Denkt darüber nach, wer von den Hotelangestellten vielleicht ein Rad leihen könnte. In welchen Parks man zumindest für Parkrunden Räder ausleihen kann. Und schließlich stöbert er auf der Seite von Expatriates in Bahrain. Dort werden mehrere gebrauchte Räder angeboten. Zum Verkauf natürlich. Aber jetzt rufen wir einen nach dem andern an, ob sie ihre Räder nicht auch für zwei Tage verleihen. Ich stelle mal so 20 Dollar Miete pro Tag in den Raum. Es scheitert ein ums andere Mal aus verschiedenen Gründen. Als ich mich schließlich zurückziehe, um die Concierge-Bemühungen nicht über Gebühr zu strapazieren, macht Rolando offensichtlich weiter. Denn nachdem ich beim Inder auch noch Mittagessen war, entdecke ich zurück im Hotel eine Mail: Ruf doch bei Alma an.
Eine halbe Stunde später treffe ich die Filipina aus Manila an einer Bushaltestelle. Sie führt mich zu ihrem Apartment, in dem sie mit ihrem Mann Noel und einigen anderen Filipinos lebt. Zwischen den beiden Eingangstüren steht ein nagelneues, jungfräuliches Mountain-Bike der Marke Fuji (Foto links). Ihr Mann habe es gerade gekauft. Und den wolle sie nicht verärgern. Zur Sicherheit gebe ich ihr meinen Zweitpass, auf den ich zur Not auch verzichten könnte.
Dann tausche ich noch schnell Geld. Ich biete 50 Euro für knapp zwei Tage, vermutlich eher 30 Stunden. 350 Euro soll das Teil gekostet haben. Für alle ein gutes Geschäft. Schließlich ist es 16 Uhr, als ich meinen Kilometerzähler montiert habe und losgurke. Helm sitzt auch. Das scheint hier Pflicht. Selbst der ein oder andere indisch Gurkenrad-Fahrer trägt einen.
Im Sonnenuntergang bin ich auf einer der Causeways unterwegs (Foto unten; Karte weiter unten) zu den östlichen Inseln, auf denen auch der Flughafen ist. Jenseits davon sind neue Inseln aufgeschüttet worden. Allen voran Amwaj Islands. Eine künstliche Welt mit mehreren kleinen Inseln und der "Floating City": Villen, die mehr oder weniger mitten im Wasser stehen, die Yacht vor der Tür. Ganz am Ende entdecke ich noch Amwaj Marina. Nichts gegen die von Dubai, aber jetzt nach Sonnenuntergang ziehen an den Edel-Restaurants viele Inder und Araber entlang. So komme ich unerwartet noch auf 45 Kilometer heute. Und einen Blick in Bereiche von Bahrain, die den Kreuzfahrt-Deutschen, die mir mittags in der Stadt überall über die Füße gelaufen sind, nicht vor die Linse kommen. Nur: ein ruhiger Tag, wie ich ihn mir eigentlich nach den großen Sprüngen der letzten Tage vorgestellt hatte, war das nun nicht.


Chris on the Bike im Sonnenuntergang mit dem MTB Fuji Nevada One.9 26''
Happy mit dem Miet-Rad im Sonnenuntergang von Manama


Barbar Tempel, BahrainInselrundfahrt in den Westen und Süden
Sonntag, Zweiter Advent, 6. Dezember 2015: Manama - Budaiya - Jazair Beach - Awali - Manama (111 km)

Als ich um 6.30 Uhr zur englischen Advents-Messe in der Herz-Jesu-Kirche von Manama erscheine, läuft da noch ein Rosenkranz. Er beginnt mit "Santa Maria", geht dann aber irgendwie auf Philippinisch weiter. Die Kirche ist auch vergleichsweise leer. Frühmesse halt, denke ich. Aber auch nach Ende des Rosenkranzes kommt der Kult nicht so richtig in Gang. Ich genieße die Ruhe. Und bin noch im Halbschlaf. Erst um 6.54 Uhr erinnere ich mich: der englische Gottesdienst ist ja in der "Mother Church" - eine holzvertäfelte Kapelle auf dem Kirchencompound, die ich erst später entdecke. Jetzt nehme ich erst mal den philippinischen Gottesdienst um sieben Uhr mit.
Die philippinischen Texte und Lieder auf der Video-Projektion kann ich leicht mitbeten, weil Philippinisch mit lateinischen Buchstaben geschrieben und ziemlich Deutsch ausgesprochen wird. Nur wahnsinnig schnell. Der Priester baut offenbar den einen oder andern Gag in seine Predigt ein. Und die überwiegend weiblichen Besucher, von denen die meisten vermutlich heute noch arbeiten müssen, lassen sich am Ende noch persönlich von ihm segnen.
Eine Insel-Rundfahrt also heute. Über Wind auf einer Insel kann man sich so wenig beschweren wie über Hitze in der Wüste. Allerdings ist das Wetter in diesen Tagen für hiesige Verhältnisse so schlecht, dass die Regierung eigens davor in den Medien gewarnt hat. Windstärke sechs herrscht heute weitgehend. Und da ich letztlich im Kreis fahre, bekomm ich ihn von allen Seiten ab.
Zunächst geht's raus an der Nordküste entlang. Das Fort Bahrain, das ich entdecke, ist offensichtlich nicht das richtige. Ich sehe nur ein paar Trümmer, ein Mann bestätigt mir, dass es sich um das Fort handelt. Allein, meine Lektüre später im Reiseführer beschreibt es sehr viel spektakulärer. Auch der sumerische Barbar Tempel ist nicht beschildert. Diesmal finde ich die richtigen Trümmer, was ein kleiner Besucher-Pavillon bekräftigt. Viel zu sehen ist nicht, aber vor 2.100 v.Chr. wurden hier nacheinander drei Tempel (Foto rechts) errichtet, die zur Dilmunkultur gehörten, die in der Nähe auch durch riesige Hügelgräber und andere Ausgrabungen dokumentiert ist. Daraus, dass der Tempel im dritten Jahrtausend vor der Zeitrechnung geschaffen wurde, schließt der ein oder andere Reiseführer, dass er 5.000 Jahre alt sei. Da wir allerdings bereits im dritten Jahrtausend n.Chr. leben, müsste man dann gleich von 6.000 Jahren sprechen. Was allerdings noch falscher wäre.

King Fahd Causeway as seen from Al Jasrah Harbour, Bahrain Obwohl die ganze Insel zu einer ganzen Stadt zusammenzuwachsen scheint, gibt es doch immer noch viele beschauliche Dörfer und kleine Städte. Zunächst fahre ich weiter zur Hafenstadt Budaiya. Hier bekomme ich in einem indischen Restaurant für 75 Cent ein komplettes indisches Mittagessen und eine Mirinda Citrus. Unglaublich. Doch auch in Budaiya werkelt man schon an einer Marina mit zig Hochhäusern.
Rund um die Autobahn nach Saudi-Arabien, die ich nun Richtung Süden überqueren will, sollen sich die Riesengrabhügel finden. Es soll auch ein "unterirdischer Ort" - vermutlich ein Übersetzungsfehler meines Reiseführers: der Ort war einfach verschüttet - ausgegraben sein, ergänzt von einem Museum. Kein Schwein weit und breit weiß etwas von der Ausgrabung, geschweige denn von einem Museum.
Zwölf Kilometer gurke ich zusätzlich durch die Gegend um Sar, bis ich mehr oder weniger zufällig die Ausgrabung finde, die noch in vollem Gange ist. Von Museum weit und breit keine Spur. In der Nähe auch einige der vielen Gräber.
Einen Kilometer fahre ich dann auf der Autobahn, die danach in den "King Fahad Causeway" übergeht, der die Insel mit dem saudischen Festland verbindet. Für mich leider kein Durchkommen. Mir bleibt der Blick auf die Riesenbrücke (Foto links).
Kurz darauf die nächste Attraktion: das Al Jasra House. Ein ganz bescheidener Hof mit ein paar anliegenden kleinen Räumen, gebaut aus Korallensteinen und Palmwedeln. Hier kam 1933 noch der Thronerbe zur Welt.
Der Nordwestwind treibt mich nun easy die Küste hinunter. Das geliehene nagelneue Rad ist großartig. Mit einem Kilo Gepäck auf dem Rücken fährt es sich wunderbar. Und so nehme ich hinter dem grässlichen Sofitel-Bunker von Zallaq auch noch den großen Bogen bis Jazair Beach (Foto unten) in Kauf. Eigentlich wollte ich hier schwimmen. Aber der Wind und die vergleichsweise kühlen Temperaturen halten mich davon ab.
Zurück führt die Fahrt direkt an der Formel-1-Strecke von Bahrain vorbei. Das weckt offenbar bei einigen Fahrern niedere Instinkte. Sie müssen aus ihren eigenen Fahrzeugen Geräusche herauskitzeln, die zumindest ansatzweise an die Formel 1 erinnern. Ich umrunde den riesigen Universitäts-Komplex und komme nach Awali. Hier sollte längst der Grundstein zur neuen Kathedrale Our Lady of Arabia gelegt werden. So habe ich es heute Morgen bei der Kirche gelesen. Doch die Stadt gehört zu den vielen Bereichen, die nur durch eine Extra-Einfahrt zugänglich sind. Ich bin auch zu müde, es ist zu dunkel. Und am nächsten Morgen erfahre ich, dass die Baugenehmigung weiter auf sich warten lässt. Die römisch-katholische Kirche hat nach der Schenkung des Grundstücks durch den König den Hauptsitz ihres Apostolischen Vikariats Nördliches Arabien von Kuwait hierhin verlegt. Der Bischof wohnt schon hier.
In der Dunkelheit erreiche ich die kleine boomende Hauptstadt Manama (Routen-Karte unten). Das Akku-betriebene Vorderlicht des Rades hat gestern Abend schon den Geist aufgegeben. Mangels Ladegerät behelfe ich mich jetzt mit meiner Stirnlampe. Schon um 18 Uhr bin ich wieder vor der Wohnung von Alma, um das nunmehr eingerittene Rad zurückzugeben. Sie kommt eine halbe Stunde später von ihrer Arbeit. Ein Firmenbus bringt die Mitarbeiter reihum nach Haus. So hat der Tag elf Arbeitsstunden - mit Transport. Alma will mir die Hälfte meines Geldes wiedergeben, weil ich ja das Rad im Grunde nur 30 statt 48 Stunden hatte. Ich lehne dankend ab. Spaziere zurück zum Hotel. Bei etwa 17, 18 Grad. Viele frieren. Ich auch. Ein bisschen.




Blaue Linie = Touren-Route; Buchstaben = Start und Ziel der Etappen


MTB Fuji Nevada One.9 26'' am Jazair Beach, Bahrain
Mein Bahrain-Rad am Strand von Jazair


Skulptur, Bahrain National MuseumDer Flughafen-Bus, der nicht zum Flughafen fährt
Montag, 7. Dezember 2015: Bahrain - Flug - Katar

Jetzt also wirklich mal ein ruhiger Tag. Der Flug nach Doha ist erst am späten Abend. Computer-Internet-Arbeit ist angesagt. Pause mit einem Besuch im Nationalmuseum (Foto rechts). Nicht gerade eine Fußgänger-Destination. Ringsherum toben die breiten Autostraßen. Ich komme dennoch hin.
Die Gräber-Abteilung ist leider geschlossen. Immerhin sind die Museen hier nicht montags geschlossen. Die Informationen und Exponate zu den Ausgrabungsstätten, die ich gestern gesehen habe, sind jedenfalls eine wunderbare Ergänzung.
Ich schlender zurück zum Hotel in Manama. Eine Stadt, die sehr viel Atmosphäre hat. Ich habe mich sehr wohl gefühlt im Hotel und drumherum. Nicht zuletzt dank der ganz vielen indischen Restaurants, die eben wirklich indisch scharf kochen.
Der Bus A 1 fährt theoretisch ganz in der Nähe des Hotels vorbei. Aber da mir die roten neuen Busse in den letzten Tagen in dieser Gegend nicht weiter aufgefallen sind, bin ich skeptisch. Gehe mit reichlich viel Reservezeit an den Start, die Bushaltestelle.
Innerhalb der ersten Minuten kommen zwei Busse in Gegenrichtung. Und zwei Inder warten auch auf den Bus Richtung Flughafen. Der kommt aber einfach nicht. Dann der dritte Bus in Gegenrichtung. Die Inder geben auf. Nach fast einer halben Stunde ich auch. Und gehe weiter Richtung Hauptstraße.

The Pearl by Night, Airview, Doha, Qatar Im Umdrehen sehe ich von der nächsten Kreuzung aus hinter mir: die A 1. Ich erreiche gerade noch die nächste Haltestelle. Dann beginnt Teil 2 der Odyssee. Für die etwa sieben Kilometer bis zum Flughafen braucht der Bus über eine Stunde. Es geht erst in die andere Richtung zur zentralen Bus-Station. Und dann ganz langsam durch Manama und dann hinüber zur Flughafen-Insel. Da heißt es plötzlich: alle aussteigen. Mit der Linie 10 geht es weiter zum Flughafen.
Am liebsten wäre ich ohnehin auch zwischen Bahrain und Katar geradelt. Seit Jahren haben sie den Bau einer Brücke zwischen den Ländern, die etwa 40 Kilometer voneinander entfernt sind, geplant. Aber das Projekt scheint nicht voran zu kommen. So steige ich in eine Maschine von British Airways, die auf dem Weg von London einen Zwischenstopp eingelegt hat. Der Flieger steigt gar nicht erst bis zur normalen Flughöhe. Kaum sind wir gestartet und eine Runde O-Saft ist im Schnelldurchlauf verteilt, kündigt der Käpt'n schon wieder die Landung an.
Dank des nach wie vor sehr starken Nordwest-Winds muss die Maschine erst über die Stadt hinweg fliegen. Um dann von Süden zurück zu kommen. So bekommen wir die Stadt und Umgebung von oben zu sehen. Unter anderem das Prestige-Objekt "The Pearl" (Foto links).
Die Schlange bei der Einreise ist beachtlich. So bin ich erst um Mitternacht in meinem Hotelzimmer.


Specialized Crave MTB Hardtail 29'' in Al Wakrah, Qatar
Mein Katar-Rad in Al Wakrah


Spuren im Watt, Al Wakrah Strand bei EbbeMit dem Miet-Rad zur Baustelle der WM 2022
Dienstag, 8. Dezember 2015: Doha - Al Wakrah - Al Wukair - Doha (64 km)

Da der Fahrradladen meiner Wahl erst um zwölf Uhr öffnet, bleibt der Vormittag für einen kleinen Stadtrundgang. Eigentlich soll der in das Islamische Kunst-Museum führen, das selbst als architektonisches Kunstwerk am Ufer steht. Allerdings ist das Museum dienstags geschlossen. Wie alle andern Museen des Landes auch.
Gehe ich weiter an der Promenade über große Kreuzungen. Bald kenne ich die Ampelphasen. Wie in allen Golfstaaten habe ich auch hier den Eindruck, dass eine intelligente Ampel-Steuerung hier bisher nicht zum Zug gekommen ist. Ewig lange hat jede Spur grün, an jeder Kreuzung in derselben Reihenfolge. Da ließe sich sicher der ein oder andere Stau halbieren.
Mehr zufällig gerate ich in den großen Suq. Man weiß nicht so genau, ob da irgendwas wirklich alt ist, aber er hat Atmosphäre. Und bietet alles Mögliche. Richtung Gold-Suq wird er touristischer. Es gibt Top-Restaurants und Top-Hotels.
Im Umfeld vom Busbahnhof suche ich nach alternativen Hotels. Muss aber feststellen, dass ich bei La Villa ein Top-Preis-Leistungs-Verhältnis bekomme. Es gibt offenbar keine wirklich preiswerten, einfachen Unterkünfte in Doha. Und das Frühstück war doch ein Ausgleich für die Hellhörigkeit der Nacht.
Ich verlängere also in meinem Hotel, was ein längerer Verwaltungsakt ist: der Pass muss wieder munter gescannt und kopiert werden, alle möglichen Unterschriften geleistet werden, selbst auf der mit PIN-Nummer autorisierten Kreditkarten-Transaktion. Der Rezeptionist versucht mir noch den direkten Transfer meiner Daten an die hiesige Polizei-Sicherheitsbehörde schmackhaft zu machen und schwärmt von der damit einhergehenden angeblich großen Sicherheit. Ich sage: nicht totale Sicherheit, sondern totale Kontrolle sei das Konzept hier.
Über Google Maps habe ich überraschender Weise Busverbindungen zu verschiedenen Zielen in Doha gefunden. Auch zu meinem Fahrradladen. Und weil alle Linien offenbar vom Busbahnhof ausgehen und auch mein Hotel direkt am Busbahnhof liegt, habe ich optimale Startvoraussetzungen. Allerdings fährt der Bus nicht alle neun sondern nur alle 15 Minuten Richtung Fahrradladen und er braucht nicht zwölf Minuten sondern 30, aber prinzipiell hat Google Maps mit vielem recht.
Mit dem Typen vom Rennrad-Laden "Carbon Wheels Doha" habe ich im Vorfeld über Facebook korrespondiert. Wenn man nach einem Fahrradverleih in Doha googelt, ist der einzige brauchbare Link dessen Facebook-Seite. Sie hatten mir zwar nur ein Rennrad zugesagt. Aber jetzt stellt sich raus, dass sie auch ein Mountainbike hätten. Was mir sehr viel lieber, weil stabiler ist. Außerdem habe ich während des Flugs einiges verheißungsvolles über Off-Road-Strecken gelesen. Dazu wollen sie 150 Dinar, knapp 40 Euro, nicht wie angekündigt für jeden Tag haben, sondern bis morgen Abend nur einmal.
Kein Pfand, keinen Ausweis. Alles easy hier. Was ich vorhabe, interessiert sie nicht. Ich hätte mir ein paar Strecken-Tipps erhofft. Als ich frage, ob man auch auf Schnellstraßen fahren darf, meinen sie, ich sollte möglichst auf kleinen Straßen fahren. So viel hab ich schon mitbekommen: so was scheint es zumindest im Umfeld von Doha nicht zu geben.
Bis der Sattel eingestellt, mein Kilometer-Zähler und mein Schloss installiert sind, ich noch mal was gegessen habe und es richtig losgeht, ist es dann doch kurz vor zwei. Ich will eine kleine Tour in den Süden machen. Mal sehen, wie weit ich komme.

Illustrierter Bauzaun Fußball-Stadion-Bau in Al Wakrah für die Fifa-WM 2022 mit dem Entwurf der irakisch-englischen Architektin Zaha Hadid; MTB Specialized Crave MTB Hardtail 29'' Auf der gestern um Mitternacht völlig leeren Strecke zum Flughafen schieben sich die Automassen Richtung Süden. Nach dem Flughafen-Abzweig geht der Metro-Neubau überirdisch weiter. Auf Stelzen wird eine Hochbahn bis Al Wakrah gebaut. An mehreren Stellen werden Beton-Elemente eingesetzt. Der Verkehr lässt nicht nach. Der Randstreifen meist nicht vorhanden - auch dadurch, dass alles irgendwie Baustelle ist.
In Al Wakrah rette ich mich an den Strand. Es ist Ebbe (Foto rechts). Mehrere hundert Meter weit hat sich das Wasser zurückgezogen. Überall Muscheln und Spuren. Weiter Richtung Süden ist die gesamte Altstadt von Al Wakrah gerade restauriert worden (Foto oben). Die Strandpromenade ist ein sehr breiter Streifen geworden. Mit Sicherheitsleuten. Ohne Fahrradfahrer. Nur am Sandstrand wird noch gebaggert.
Ich biege von der Küste ab Richtung Westen, weil dort "Singende Sanddünen" auf Karte und im Führer verheißen werden. Bei dem Wind heute dürfte dort einiges zum Vortrage kommen. Allerdings von den Menschen hier kennt das niemand. Der Verkehr hat immer noch Horrordimensionen.
Immerhin komme ich auf diese Weise an einer Baustelle für ein Stadion der Fußball-Weltmeisterschaft 2022 vorbei. Die Baustelle hat einen hundertprozentigen Sichtschutz, der immerhin sehr pittoresk ist: mit einem Modell des klimatisierten Stadions (Foto links), entworfen von der irakisch-englischen Architektin Zaha Hadid. In der Sonne ist das nur hinter einer Absperrung zu finden. Gleich ist ein Wächter zur Stelle. Ich versuche den Afrikaner mit ein paar launigen Worten über die WM in Südafrika für mein Foto-Projekt zu gewinnen. Das gelingt ansatzweise. Er kommt aus Ugandas Hauptstadt Kampala. Aber während ich die ersten Bilder mache, denkt er schon wieder voller Angst an seinen Chef. Ich muss abhauen.
Die Hoffnung auf Singende Sanddünen habe ich schnell aufgegeben. Alle größeren Erhebungen sind Sandberge für die Baustellen. Gegen den Wind und den Verkehr kämpfe ich mich weiter nach Osten. Wie sich später herausstellt, wäre es noch reichlich weit bis zu den Singenden Sanddünen gewesen. Bei Sonnenlicht hätte ich sie sowieso nicht mehr erlebt. Ich will abdrehen Richtung Doha. Aber von den beiden Stichstraßen raten sie mir ab. Ich muss zurück nach Al Wukair, wo an einem Roundabout Doha ausgeschildert war. Bloß nicht zurück auf die Küstenstraße.
Der Sonnenball steht glutrot über dem Horizont. Ich klemme mein Rücklicht blinkend an den Rucksack. Und erreiche schneller als erhofft die Ausläufer von Doha. Und zwar genau an der Stelle, wo ich sowieso heute noch hin wollte - wenn auch eher mit dem Bus: dem "Religious Complex" - dem Kirchenensemble, das hier in der Wüste entstanden ist. Im Jahr 2008 wurde die katholische Kathedrale St. Mary of the Rosary als erste Kirche seit der Islamisierung Katars im siebten Jahrhundert geweiht. Die Straße vor dem Komplex ist gesperrt, an der Einfahrt zum Parkplatz steht ein Polizeiwagen und wer auf den Kirchencompound will, muss von einem Soldaten sein Gepäck durchleuchten lassen. Mein Fahrradwerkzeug darf nicht mit rein, das Fahrrad sowieso nicht.
Mariae Empfängnis wird heute gefeiert - aber um 18 und 19 Uhr sind hier sowieso an jedem Tag Abendmesse. Um 18 Uhr bekomme ich in der Sakramentskapelle nur noch einen Stehplatz. Rund 250 Leute sind da. Feiertags-Hochamt. Die übliche Mischung aus Philippinen, Indern, Koreanern und ganz wenigen Europäern. Mit Orgel und Sängerin. Am Ende lädt der Priester dazu ein, noch den Anfang der zweiten Messe mitzunehmen. Der schweizer Bischof des Apostolischen Vikariats Süd-Arabien, Paul Hinder, eröffnet an der Kirchenpforte das Heilige Jahr der Barmherzigkeit. Mehrere Tausend Gläubige ziehen nun feierlich in die Kathedrale.
Ich drehe ab Richtung Stadt. Denke ich. Aber die Strecke, vor der sich in der Dunkelheit riesige Brücken abzeichnen, ist noch nicht freigegeben. Fünf Kilometer Umweg zurück. Wieder massig Verkehr. Und wenig Platz. Und viele Baustellen. Obwohl es ganz weit draußen rund um den Kirchenkomplex durchaus neue breite Radwege gibt. Spaß macht das jedenfalls alles nicht. In der Innenstadt klemmt mich dann beinah noch ein indischer Taxi-Fahrer ein. Er hört mein Schreien. Viele drumherum auch.


Bay of Doha, Qatar, Specialized Crave MTB Hardtail 29''
Mein Rad vor der Bucht von Doha


Hochhäuser in der Bucht von Doha, KatarMuskelprotz-Architektur beim Ausflug in den Norden
Mittwoch, 9. Dezember 2015: Doha - Al Khor - Doha (114 km)

Heute also in den Norden. Zu Beginn die Bucht von Doha. Fünf Kilometer radle ich auf die Hochhäuser am Nordufer zu und schließlich an ihnen entlang. Die Uferpromenade ist durchgehend gut zu radeln und alle hundert Meter - wohl für Läufer - die Restlänge markiert. Der vor Jahren angekündigte überdachte klimatisierte Fahrradweg an dieser Stelle wird wohl nicht realisiert.
Die verschiedenen Hochhausformen und das Gesamtensemble wirken aus jeder Perspektive anders (Foto oben und rechts). Und fährt man um das Ende der Bucht geht es auf der linken Seite so weiter und auf der rechten Seite taucht in der Ferne The Pearl auf - eine künstliche Inselgruppe im Nordosten der Stadt. Irgendeine Brücke ist dort wohl gesperrt, deshalb nähere ich mich den futuristischen Bauten nicht allzu sehr, sondern fahre um die Westbay herum. Dabei ist auch diese Strecke wieder extrem unangenehm zu radeln, weil sie auf der rechten Seite durchgehend von Betonbarrieren blockiert ist. Käme mir ein Fahrzeug zu nahe, gäbe es keine Ausweichmöglichkeit (Foto links).
Ich lande am Startpunkt der Nationalstraße 1 A - die Parallele zur 1, die noch autobahniger sein dürfte (Routen-Karte unten). Ich radle also auf der alten Verbindungsstraße nach Al Khor, meinem heutigen Tagesziel. Die Straße ist allerdings auch vierspurig ausgebaut. Hat allerdings einen großzügigen Seitenstreifen. Der Wind fegt unverändert kräftig aus Nord-West, der typische Winter-Frühjahrs-Wind. Schamal, "Der Nördliche", genannt. Er zauselt permanent an allem - auch den Nerven. Auch in jeder Pause.
Platte Wüste ringsum. Wenn nicht überall Riesenbaustellen wären für weitere Großprojekte. Links taucht die Rennstrecke von Doha auf. Keine Formel-1-Strecke aber auch mit einem markanten Gebäude davor: der Lusail Multipurpose Hall (Foto unten), erbaut für die Handball-Weltmeisterschaft der Männer 2015. Das Äußere finde ich, hat Architekt Alastair Richardson einem Muskelprotz nachempfunden. Markant.


Lusail Multipurpose Hall des Architekten Alastair Richardson (Cox Architects), erbaut für die Handball-Weltmeisterschaft der Männer 2015, bei Doha, Katar
Lusail Multipurpose Hall
erbaut für die Handball-Weltmeisterschaft der Männer 2015


Beton-Barrieren am Straßenrand, Katar Al Khor ist im Vergleich zu Al Wakrah gestern enttäuschend. Der Hafen zwar voller Boote, aber ohne Atmosphäre. Und der Ort wirkt nach nichts, weil ohne Mittelpunkt, ohne Struktur. Ich frage mich immer, ob noch was kommt. Aber da sind nur die Mangroven, die in der Ebbe stehen (Foto unten). Auch ich stelle mich ins Wasser. Drei Nepalesen finden, dass es dafür viel zu kalt sei. Richtig Schwimmen kann man nicht, weil es zu flach ist. Also Rückweg. Der Ausflug hat sich kaum gelohnt. Immerhin habe ich nun Rückenwind. Rund um die Rennstrecke wieder Motorengeprotze. Am schlimmsten die Motorräder.
Einmal setze ich auf dem Bordstein auf, weil eine Fahrerin zu wenig Platz gelassen hat. Oder ich einfach nicht mehr hundertprozentig konzentriert bin. Die Kette springt ab. Kein Problem. Praktischerweise geht es von 1 A nahtlos über in den C-Ring. Und an dem liegt der Fahrradladen. Ich bin froh, im Tageslicht heil wieder das Fahrrad los zu werden. Katar scheint mir nicht gerade die Top-Fahrrad-Destination.
Die Bushaltestelle auf der Gegenseite, die mir der Busfahrer gestern grob gestikulierend gezeigt hat, finde ich nicht. Nach einer Stärkung im Schnellrestaurant schließe ich mich einem Äthiopier auf der Wanderung Richtung Stadt an. Irgendwo steckt in der Dunkelheit ein Bus-Schild. Das entdecke ich nur, weil ein Bus dort hält. Und ich den nächsten nehmen kann. Alle Busse fahren hier offensichtlich zur zentralen Bus-Station.




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Mangroven-Bäume am Strand von Al Khor, Katar
Mangroven am Strand von Al Khor


Museum of Islamic Art, Doha, QatarUnterschrift 20: keine Regressforderungen an das Hotel
Donnerstag, 10. Dezember 2015: Katar - Flug - Kuwait

Ruhiger Vormittag im Hotel. Das aus einem Computer bestehende "Business Center" des Hotels wird ausnahmsweise genutzt. Von mir. Drei Stunden lang. Ich versuche, aus den mit Bluetooth-Tastatur oder iPhone geschriebenen Notizen des ersten Teils der Tour halbwegs verständliche Sätze zu machen. Teilweise weiß ich nicht mehr, was ich schreiben wollte. Größtenteils ist es aber verständlicher als ich dachte.
Abschied von den Kontroll-Freaks im Hotel La Villa: ich muss noch eine Erklärung unterschreiben, dass ich keine weiteren Ansprüche gegen das Hotel habe, keine weiteren Gerichtsverfahren einleite etc. Die gefühlt zwanzigste Unterschrift. Würden sie mal gegen die Kakerlaken mit gleicher Intensität vorgehen.
Ich habe eine leichte Erkältung. Der tagelange Sturm fegte auch durch mein Zimmer hier im achten Stock. Heute hat der Wind endlich, endlich nachgelassen. Ich gehe ins MIA - Museum of Islamic Art. Dem architektonischen Senioren-Werk des amerikanisch-chinesischen Star-Architekten I. M. Pei (dem Créateur der Glaspyramide am Louvre) auf der südlichen Seite der Doha-Bucht. Von außen wie von innen (Fotos rechts und links): klasse. Vieles aus dem Iran. Auch die Sonderausstellung Women of Qajar, über eine persische Dynastie des 19. Jahrhunderts.

Innenansicht Museum of Islamic Art, Doha, Qatar Bus 109 bringt mich zum Flughafen. Wie in all den andern Bussen zum oder vom Flughafen bin ich wohl der einzige Flugreisende. Zum ersten Mal habe ich von der lokalen Währung noch etwas übrig. Ich tausche also Katarische Rial gegen Kuwaitische Dinar.
Wie bei der Ankunft dauert die Passkontrolle ewig. Eine halbe Stunde werden wir durch endlose Schlangenlinien manövriert. "Best Airport of the Middle East" steht überall.
Im Gegensatz zu den andern beiden Kuwait-Airways-Flügen ist die Maschine diesmal bis auf den letzten Platz gefüllt. Neben mir in der letzten Reihe ein philippinischer Innen-Dekorateur. Marc hat vierzehn Monate hier bei einer libanesischen Firma gearbeitet und darf jetzt über Weihnachten zum ersten Mal nach Hause. Über tausend Dollar hat das Ticket gekostet. Er zeigt mir ein paar Skizzen auf seinem Spezial-Tablet. Toller Zeichner.
Zurück im Carlton Tower Hotel in Kuwait. Mein Fahrrad ist noch da. Reifen prall gefüllt. Mit Luft aus Mainz. Kein Platten bisher auf der ganzen Tour. Die Erkältung ist durch den Flug nicht gerade besser geworden. Ich schmeiß mich direkt ins Bett.


Picnic in Kuwait City am Freitag
Freitags-Picknick vor der Skyline von Kuwait City


Hochhaus in KuwaitDritter Advent: Katholische, kuwaitische Weihnachtsplätzchen
Freitag, 11. Dezember 2015: Kuwait - Doha Port - Doha - Entertainment City - Kuwait (73 km)

Die Nacht war übel, aber der Morgen ganz ok. Eigentlich wollte ich heute in den Süden Richtung saudi-arabische Grenze fahren und die letzte Nacht am Strand zelten. Dafür bin ich nicht fit genug. Zumal es nachts vier Grad kalt werden soll. Ich versuche im Hotel zu verlängern. Leider ausgebucht. Ich schwanke. Letztlich finde ich über booking.com ein etwas besseres Hotel in der Stadt.
Ich radle durch die Hochhaus-Fassaden (Fotos rechts und links) zum Vier-Sterne-Continental, wo nicht nur - wie üblich - Null Isolierung ist, sondern die Fenster so wenig schließen, dass man von Lärm und Temperatur her den Eindruck hat, man sei auf der Straße. Den schönen Pool kann ich mir wegen der Erkältung nur anschauen.
So kann ich heute noch einen Ausflug nach Westen machen. Da mal wieder Freitag ist, dieser Wochenrhythmus ist mir schon seit einiger Zeit ins Blut übergegangen, ist sehr wenig Verkehr. An der Corniche picknicken die Kuwaitis (Foto oben).
Die Straße Richtung Westen und auch zum Irak (auf der ich ursprünglich mal auf dieser Tour nach Kuwait einradeln wollte, aber kein Visum bekam) wird überbaut von einer Hochstraße. Dann geht's ab nach Norden auf eine Landzunge. Zu Beginn eine ganze Stadt neu gebaut, fast fertig, aber noch nicht bezogen. Dann rechter Hand die Achterbahn und mehr der "Entertainment City" und ganz am Ende Doha Port.

Neubau an der Arabian Gulf Street, KuwaitEingerahmt ist die Straße von Stacheldraht bewehrten Power Plant und Meerwasser-Entsalzungsanlagen. Auch der Hafen ist nicht zugänglich, aber jenseits der Industrie-Bucht liegt das Dorf Doha. Die Villen-Grundstücke erstrecken sich samt Strand aber bis ins Meer. Gegen den Protest aber letztlich mit Billigung von zwei Besitzern kann ich über ihre Grundstücke auf die Dorfstraße. An der Entertainment City bin ich fehl am Platze. Zehn Euro Eintritt lohnen sich kurz vor Sonnenuntergang für mich nicht.
Leider ist der Asphalt sehr rau hierzulande. Was meinem Schädel zu schaffen macht. Aber morgen ist ja Finale.
Um 18 Uhr komme ich an der Holy-Family-Cathedral vorbei - rechtzeitig zum englischen Gottesdienst. Tatsächlich wird hier schon am Freitag der dritte Advent gefeiert. Die dritte Kerze brennt. Wie stets in den vergangenen zwei Wochen ist der Gottesdienst brechend voll. Texte und Lieder werden projiziert. Die Gemeinde feiert lebhaft und konzentriert. Über das dreitägige Wochenende gibt es 34 Gottesdienste in zwölf Sprachen. Während sich ringsum auf dem ganzen Kirchencompound das Gemeindeleben in Verkaufsständen, Weihnachtsbäumen, verkleideten Nikoläusen manifestiert. Ich kaufe kuwaitische Weihnachtsplätzchen für daheim. Als mir einer den Gottesdienstplan für Weihnachten überreichen will, lehne ich dankend ab. Bekomme so schon heute eine Merry Christmas nach Deutschland mit auf den Weg.


Kuwait Nationalstraße 40: The Custodian Of The Two Holy Mosques King Fahad Bin Abdul Aziz Road
Kuwaits Nationalstraße 40: Die Straße mit dem kurzen Namen


Kuwait City: Ras al Ard am Samstag MorgenFranzösischer Weltenwandler, ägyptische Kopftuch-Schönheit und der kuwaitische Speichen-Fühler
Samstag, 12. Dezember 2015: Kuwait - Ras al Ard - Ali Sabah Al Salem - Ahmadi - Kuwait Airport (124 km)

Es ist bedeckt. Und wenig Verkehr. In Kuwait ist der Samstag zusätzlich zum Freitag weitgehend frei. Ich rolle auf der "Arabian Gulf Street" (seit einigen Jahren versuchen arabische Länder den Begriff 'Persischen Golf' zu vermeiden und in 'Arabischen Golf' umzuwandeln) zur Landspitze Ras al Ard. Wo Jogger und Spaziergänger den ruhigen Morgen genießen (Foto rechts). Die Fähre zur Insel Failaka kann ich nicht so richtig entdecken. Der eine Reiseführer behauptet, ihre Fahrzeiten richteten sich nach den Gezeiten, der andere sagt, sie fahre einmal morgens los und mittags zurück. Wie auch immer.
Reise Know-How empfiehlt auch das Radison Blue. Die auf einem Wasserfilm rotierende Granit-Kugel aus Deutschland ist inzwischen in den Hof verbannt. So bekomme ich das Brunch-Panorama zu sehen.
Von Ring 6 bis Ring 7 muss ich zum ersten Mal Autobahn fahren. Ein explizites Fahrrad-Verbotsschild sehe ich nur ein Mal. Aber die Strecke ist alternativlos. Dann gibt es wieder eine Straße direkt an der Küste bis Fahaheel. Dort darf ich mein Fahrrad mal wieder nicht schieben - durch eine fast menschenleere Anlage. Gehe ich zum Canary Imbiss. Falafel, Auberginen, auch ein Abschied.
Dann kommen weiter im Süden die Raffinerien von Mina Al Ahmadi und Mina Abdullah. Einige der größten der Welt. So fühlt es sich auch an. Die Autobahn ist ohnehin ätzend. Dazu ständig Brücken. Dann auch noch Regentropfen. Ich dreh ab.
Eine ruhige, breite Straße führt mich zur Ölarbeiter-Stadt Ali Sabah Al Salem. Dort geht's dann auf der nächsten Autobahn zurück in den Norden: die Nationalstraße 40 mit dem leicht gängigen Namen "The Custodian Of The Two Holy Mosques King Fahad Bin Abdul Aziz Road". Ich mache noch einen Schlenker durch Ahmadi, die Öl-Hauptstadt. Auch Hauptquartier der Kuwait Oil Company, deren riesigen Lettern in Gold am Straßenrand stehen. Allerdings darf ich offensichtlich nicht die Straße 51 - wie von Google Maps verheißen - durch das "Burgan Oil Field", das zweitgrößte Ölfeld der Welt, nehmen. Sicherheitsbereich.
Ich muss leider wieder zurück auf die 40. Komme über die Straßen 208, 51 und 60 (Routen-Karte unten) schließlich im Halbdunkel zum Flughafen. Die Freude ist groß. Vor allem heil über all die Autobahnen und jenseits all der Unfälle durchgekommen zu sein. Es ist 17:45 Uhr. Noch neun Stunden bis zum Abflug.




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Es gibt nur acht Sitzplätze im Flughafen, die nicht zu Restaurants gehören. Und die sind im Arrival-Bereich, direkt hinter der Absperrung, wo Menschen Menschen erwarten. Genau dort, wo ich vergangene Probleme hatte, als ich mein Fahrrad zusammenbauen wollte. Es dauert auch heute nicht lange, bis jemand auftaucht von der Security. Bis dahin hat Sara, eine junge Ägypterin neben mir, mit mir Kontakt aufgenommen. "Throw your Hijab away" habe ich ihr gerade einfühlsam geantwortet - auf ihre Klage, mit langer schwarzer Kleidung sei das mit dem Fahrrad fahren schwierig. Aber das Kopftuch mache sie doch noch schöner. Und sie ist verdammt schön. Trotz Kopftuch.
Dann kommt ihr Vater durch die Sperre. Mutter etc. blasen zum Aufbruch. Vorher kann Sara noch mit dem kaum Englisch sprechenden Security-Leuten aushandeln, dass ich auf unbestimmte Zeit hier sitzen bleiben kann. Ich lese stundenlang die heutige Ausgabe der Arab Times. Hauptthema erstaunlicher Weise Kriminalität. Und da: Alkohol-Produktion und -Schmuggel. Anonyme Alkoholiker laden offen ein zu Hilfe. In einem Land, in dem Alkohol verboten ist.
Kuwait Airport Security and Administration Ich bin umgeben von Arrival-Jubel-Szenen. Jedesmal wenn ein Hochzeitspaar ankommt, gibt es Knaller. Ein alter Mann wird im Rollstuhl geschoben. Um ihn herum zwanzig junge Männer, die alle aussehen als wären sie seine Söhne. Zwölf Söhne Jakobs reloaded. Und auch die kuwaitischen Männer tragen hier quasi alle ein Kopftuch: die Keffiye.
Ein französischer Wanderer spricht mich an. Jamel Balhi ist im Netz und in der Realität als Coureur du Monde unterwegs. Er spricht mich auf den deutschen Weltenradler schlechthin, Heinz Stücke, an. Der habe häufig bei ihm in Paris gewohnt. Wenn das so ist, habe ich mit Jamel schon einmal telefoniert. Als ich vor fünf Jahren versucht habe, mit Heinz Stücke Kontakt aufzunehmen, um ein paar Etappen mit ihm und der Kamera zusammen zu fahren. Daraus ist leider nichts geworden. Inzwischen ist Stücke in seine Heimat Hövelhof im Kreis Paderborn zurückgekehrt. Small world.
Der letzte große Akt: das Einchecken mit Fahrrad. Ich wasche mich zunächst im Dunkeln zwischen parkenden Autos. Es ist warm draußen. Am Turkish Airlines Schalter winkt einer schon von weitem ab. So gehe das auf keinen Fall mit meinem Fahrrad. Ich will es ja auch erst noch verpacken. Die Goodyear-Hülle aus Dubai ist schon leicht beschädigt. Aber es wird ganz ansehnlich. Außerdem stehen die Turkish-Mitarbeiter meinem Vorhaben recht positiv gegenüber, weil ich ja dafür extra zahlen muss.
Zunächst wollen sie Geld pro Kilogramm. Ich nehme eine Radtasche, die schon auf dem Gepäckbank liegt, direkt wieder an mich, um das Gesamtgewicht zu reduzieren. Dann wollen sie doch Geld fürs Rad. 60 Dollar. 21 Kuwaitische Dinar (KD), nach ihrer Umrechnung. Kreditkartenzahlung nicht möglich. Ich soll wechseln. Habe zum Glück noch einen KD. Weitere 20 hole ich am Automaten.
Zudem brauche ich eine Extra-Genehmigung durch den Civil Administrator. Der will mir aber keine geben. Ich bräuchte eine Box, in die ich das Fahrrad stecken würde. Zwei weitere Männer unterstützen seine Meinung. Ich versuche zu diskutieren. Und verweise auf die vielen Flugreisen ohne "Box". Zeige Bilder vom Transport mit Kuwait Airways letzte Woche. Von Abu Dhabi nach Kuwait. Also könne der Flughafen offensichtlich doch Fahrräder mit solcher Verpackung händeln.
Das macht einen gewissen Eindruck. Vor allem bleibe ich stur. Wiederhole ruhig alle meine Argumente, die mir so einfallen. Und urplötzlich geht es doch. Wobei er natürlich keinerlei Verantwortung übernehme und ich dürfe mich nicht auf ihn berufen, aber wenn die Airline das mitmache, dann in Gottes Namen.
So habe ich Bapper Nummer eins. Doch als ich mit meinem Fahrrad auf dem Gepäckwägelchen zu Turkish Airlines zurückkomme, reicht das nicht. Ich brauche einen weiteren Bapper und ein Formular. Von den X-Ray-Leuten. Ich schiebe alles wieder quer durch den Flughafen. Die Verpackung wird immer schlechter. Zum Durchleuchten. Der Chef ist aber nicht da. Ansatzweise soll das Rad hier durch den X-Ray. Meine Erfahrung sagt, dass das bestenfalls mit Werkzeug geht. Das ist aber schon auf dem Weg zum Flugzeug. Aber so richtig wollen sie es auch nicht. Der Chef kommt, fühlt durch die dünne Verpackung nach Fremdkörpern. Schon habe ich den zweiten Bapper (Foto links) und das Formular. Jetzt wieder zu Turkish Airlines. Der Typ klebt den Gepäckaufkleber zur Abwechslung mal an die Speiche (Foto unten rechts in Frankfurt). Den kleinen Sicherheitsaufkleber, der zu jedem Fluggepäck gehört, hat er bei keinem einzigen Gepäckstück aufgeklebt. Prinzip Hoffnung. Kurz vor Mitternacht ist alles geregelt.


Aerial View: Kuwaits Stadtteil Salmiya mit dem Ras al Ard
Blick auf Kuwaits Stadtteil Salmiya mit dem Ras al Ard


Bike wrapped in 'Goodyear Motorcycle Cover', Frankfurt AirportAuf ein anderes Mal
Sonntag, Dritter Advent, 13. Dezember 2015: Flüge Kuwait - Istanbul - Frankfurt

In Istanbul zeigt sich, dass wir bei der Hinreise doch - vermutlich wegen der knappen Umsteigezeit - eine Sonderbehandlung hatten. Im Gegensatz zum 1. November geht's diesmal ganz normal durch die Transfer-Handgepäck-Kontrolle und über lange Wege bis zum Gate.
In Frankfurt muss ich ungewöhnlich lange auf mein Rad warten. Wie sich herausstellt, steht es wenige Meter von mir, aber die müssen eben irgendwie auch noch überwunden werden. Von einem Flughafen-Mitarbeiter. Die Verpackung hat halbwegs gehalten. Vorne fehlt das Ventil. Da habe ich natürlich Ersatz dabei.

Die längste aller Touren geht zu Ende. Nicht die weiteste. Das geben die Knochen nicht mehr her. Der Genuss ist umso größer. Iran war ein wunderbarer Traum. Die Golf-Staaten waren sehr interessant, sehr unterschiedlich. Die Passagen durch den Irak und Saudi-Arabien waren leider nicht möglich. Auf ein anderes Mal.


Turkish Airlines airplanes at Istanbul Airport
Flughafen Istanbul am frühen Morgen


Teil 1
Iran: Tschalus - Schiras (1205 km)
Zum Herzen der persischen Kultur



Gesamt-Route Iran - Persischer Golf



Blaue Linie = Touren-Route; Buchstaben = Start und Ziel der Etappen

Route Iran - Persischer Golf
mit Fähre undFlügen

Routen-Karte Iran - Persischer Golf
Route in Rot; Gestrichelt = Fähre/Flugzeug


Etappen Iran - Persischer Golf (1.11.-12.12.2015)

Details mit Geschwindigkeiten, Höhenmetern etc. als Excel-Tabelle

Tag Datum Start Zwischenstationen Ziel km
1. 1.11.2015 Teheran Airport Karaj 61
2. 2.11.2015 Karaj Gachsar 67
3. 3.11.2015 Gachsar Kandovan-Tunnel (2670 m) Tschalus 92
4. 4.11.2015 Teheran Airport Mohammad Ali Khan 35
5. 5.11.2015 Mohammad Ali Khan Ghom 77
6. 6.11.2015 Ghom Kashan 101
7. 7.11.2015 Kashan
8. 8.11.2015 Kashan Militär-Zwangstransport (10 km) Abyaneh 70
9. 9.11.2015 Abyaneh Pass (2850 m) Kamoo 33
10. 10.11.2015 Kamoo Meymeh Isfahan 137
11. 11.11.2015 Isfahan
12. 12.11.2015 Isfahan
13. 13.11.2015 Isfahan Pir Bakran - Pass (2410 m) Boroujen 107
14. 14.11.2015 Boroujen Pass (2350 m) - Pass (2265 m) - Pass (2265 m) Qara 108
15. 15.11.2015 Qara Yasuj 97
16. 16.11.2015 Yasuj Pass (2450 m) Molabaloot 62
17. 17.11.2015 Molabaloot Pass (2590/2550 m) - Sepidan-Ardekan Schiras 109
18. 18.11.2015 Schiras
19. 19.11.2015 Persepolis
20. 20.11.2015 Schiras Gärten - Flughafen Schiras Schiras 49
21. 21.11.2015 Schiras Ardeshir Palast 109
22. 22.11.2015 Ardeshir Palast Gur - Firuzabad - Pass (1450 m) Ghir + 15 km 101
23. 23.11.2015 Ghir + 15 km Khonj + 45 km 127
24. 24.11.2015 Khonj + 45 km Pass (1060 m) - Evaz - Pass (980 m) Lar 61
25. 25.11.2015 Lar
26. 26.11.2015 Lar Shib Rawan 147
27. 27.11.2015 Shib Rawan Bandar Abbas 103
28. 28.11.2015 Bandar Abbas - Fähre...
29. 29.11.2015 ...Grenze Iran/VAE - Sharjah
30. 30.11.2015 Sharjah Dubai - Palm Jumeirah Dubai Marina 80
31. 1.12.2015 Dubai
32. 2.12.2015 Dubai Marina Abu Dhabi Airport 121
33. 3.12.2015 Abu Dhabi Airport Abu Dhabi - Airport - Flug - Kuwait Airport Kuwait 80
34. 4.12.2015 Kuwait Kuwait Towers - Green Island Kuwait 21
35. 5.12.2015 Manama Amwaj Islands Manama 45
36. 6.12.2015 Manama Budaiya - Jazair Beach - Awali Manama 111
37. 7.12.2015 Bahrain - Flug - Katar
38. 8.12.2015 Doha Al Wakrah - Al Wutair Doha 64
39. 9.12.2015 Doha Al Khor Doha 114
40. 10.12.2015 Katar - Flug - Kuwait
41. 11.12.2015 Kuwait Doha Port - Doha - Entertainment City Kuwait 73
42. 12.12.2015 Kuwait Ras al Ard - Ali Sabah Al Salem - Ahmadi Kuwait Airport 124
Summe 2690



Anschluss Tour 48: Karakorum-Highway (1010 km) Juni/Juli 2009

Anschluss Tour 37: Dubai - Salalah (1750 km) Nov. 2007

Anschluss Tour 27: Baku - Samarkand (2707 km) Sept. 2005


Nächste Tour: Genfer See - Stuttgart (792 km) März 2016

Vorherige Tour: Rheinhessen - Donnersberg (300 km) Aug./Sept. 2015


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Tour 48: Karakorum-Highway (1010 km) 2009
Karakorum 2009
Chris Tour 51: Khartum - Addis Abeba (1760 km) 2010
Äthiopien 2010
on the Tour 58: Alpen - Prag - Berlin (2060 km) 2011
Moldau 2011
Bike Tour 59: Errachidia - Agadir (1005 km) 2012
Marokko 2012
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