Hagel, Hitze, Heiterkeit
Frust und Genuss in Atlas und
Sahara
Montag, 6. Mai 2002: ...Fähre
nach Tanger - Larache (94 km)
Mittags: In Tanger, der legendären
Schmuggler- und Hafenstadt, umgehe ich mit dem Rad den Pulk der Dealer,
Schlepper und Nepper an der Anlegestelle weiträumig. Trotzdem rennen sie
hinter mir her, versuchen mich zu stoppen. Welcome to Africa. Allein mit
dem Rad hier gibt's nur eins: weiter. Außerdem macht der afrikanische
Regen genauso nass und kalt wie der andalusische. Immerhin: der Rückenwind
bleibt mir auch am zehnten Tag treu. An der Antlantikküste entlang umfahre
ich das Haschisch-Epizentrum Rif-Gebirge. Ola amigo, werde ich
allenthalben gegrüßt. Dieser Teil Marokkos war vor der Unabhängigkeit
spanisch. In Larache daher Paella. Und endlich wieder Internet. Drei
Stunden kosten 2 Euro und 50 "Centimos", wie der Spanier sagen würde.
Dienstag, 7. Mai 2002:
Larache - Sidi Kacem - Meknès (179 km)
Regenschauer werden ab und
zu angereichert durch Sturmböen und Hagelkörner. - Immer wieder
eigenartig, wie die Reaktionen sich in gesamten Landstrichen gleichen. Von
totaler Begeisterung zu absoluter Fremdenskepsis, aber darin gleicht sich
dann ein Dorf dem andern. Ob die Jungen aufhören Fußball zu spielen, wenn
sie mich sehen, folgt ungeschriebenen kollektiven Gesetzen. Gestern zum
Beispiel überall schallendes Gelächter. Egal wieviel Kopftuch: wo zwei
Mädchen zusammen stehen, können sie sich kaum halten vor Lachen, sobald
sie mich erblicken. Heute anfangs Gleichgültigkeit, Apathie. Bestenfalls
die Bitte um Zigaretten.
Am späten Nachmittag dann eine Gegend, in der
ich überall eingeladen werde. Aber ich habe längst keine Zeit mehr. In
Sidi Kacem, wo ich eigentlich bleiben wollte, sind beide "hotels simples",
die ich mühevoll vorher ausfindig gemacht hatte, angeblich voll.
Anscheinend sind sie jedoch zu maximal zehn Prozent ausgelastet.
Vermutlich haben die Hoteliers schlechte Erfahrungen gemacht mit Wessis
und ihren Ansprüchen an einfache Hotels. Mir bleibt nichts, als noch 48 km
dranzuhängen bis Meknès. Macht 179 km insgesamt.
Achahir, "je suis
tchadien", studiert eigentlich "à Casa"(-blanca), macht aber gerade
Praktikum hier bei einer Marmeladenfabrik und begleitet mich ins
"Cybercafe", wie die frankophone Welt das nennt, um mir die Lage der
Haupt- und Heimatstadt N'djamena zu erläutern. Auf einer Karte, die
ungefähr 13 Minuten Ladezeit beansprucht.
Mittwoch, 8. Mai 2002: Meknès - Azrou (72 km)
Die
Zeitungen berichten von 110 km/h Windgeschwindigkeit, Regen und Schnee.
Trotzdem sollen alle Pässe im Atlas-Gebirge frei sein. Also weiter. Von
500 m Höhe geht's heute zunächst auf 1.400 m. Karges Bergland, aber auch
hier ist es - dank Regen - irre grün. Und über allem meist ein Hauch
Liebstöckel-Duft. Ansonsten gilt verkehrstechnisch die marokkanische
Grundregel: für Fahrradfahrer wird nicht gebremst. Begegnen sich zwei
Fahrzeuge in meiner Nähe, kann ich von Hup-Dauer und -Power auf die
Ausmaße des Wagens hinter mir schließen. Bei den schmalen Straßen bleibt
in der Regel nur die Totalräumung mit Abfahrt auf den
Geröll-Seitenstreifen. Möglichst felgenschonend. (Wie auf dem Foto ganz
unten auf dieser Seite.) - Zu guter Letzt liegt vor einem
Breitband-Panorama aus Zedernwäldern das Etappenziel Azrou. Wo unter
starker Anteilnahme meiner marokkanischen Umgebung Dortmund in Rotterdam -
auf einem Fernseher, der so alt wie Sammer sein dürfte, aber soviel ist
noch zu erkennen: das Uefa-Cup-Finale verliert.
Donnerstag, 9.
Mai 2002: Azrou
Das Abendessen hat meinen Magen ruiniert.
Zwangsruhetag im beschaulichen Berber-Bergstädtchen Azrou. 35.000
Einwohner, 5 Internet-Cafés. Einziger Störfaktor: Gestern, kurz nach
meiner Ankunft plötzlich Blaulicht und Sirenengeheul von drei
Polizei-Motorrädern. Gefolgt von etwa hundert westlichen Motorradfahrern
und einigen Begleitfahrzeugen preschen sie von den Höhen des Atlas durch
die Stadt.
Freitag, 10. Mai 2002: Azrou
Dauerregen.
Eiseskälte schon hier auf 1.250 m. Ich bleibe in Azrou. Magen wieder ok.
Samstag, 11. Mai 2002:
Azrou - Col Djebl Hebri (1.945 m) - Midelt (126 km)
In 80 Minuten
von 1.250 auf 1.945 m - du bist warm und schon ist der erste Pass passé.
Mittlerer Atlas. Runter auf 1.450 m, rauf auf 2.000 m. Kurzer Abstecher zu
einem bizarren Bergsee und schon taucht hinter dem Col du Zad, 2.178 m,
das verschneite Massiv des Hohen Atlas auf. Bei der Abfahrt liegen
allenthalben Hunde in der Sonne, bei 66 km/h springt einer auf und quert
die Bahn. Glück gehabt. Seit der schwäbische Lkw-Fahrer auf der Fähre
erzählt hat, wie er in der Türkei als Fahrradfahrer von einem Hund
krankenhausreif gebissen wurde, hat meine Angst erstaunlicher Weise weiter
nachgelassen. Der Zielort Midelt liegt auf 1.488 m in einem Hochtal
zwischen Mittlerem und Hohem Atlas, ein bisschen Monument-Valley-like. Und
vor allem viel wärmer. Ein Festtag.
Sonntag, 12. Mai 2002:
Midelt - Col du Talghamt (1.907 m) - Errachidia (140 km)
Ein
Horrortag. Hoher Atlas. Die letzten Kilometer vor dem einzigen Pass, 1.907
m, fegt ein Südwindsturm über den Kamm mir entgegen. Der Spaß hört auf,
wenn du bergab strampeln musst, um überhaupt voran zu kommen. Der Wind ist
so laut, dass ich nicht mal mehr das Hupen hinter mir höre. Schon mittags
falle ich bei der Rast an einer Tankstelle fast in Tiefschlaf. Dazu
versuchen mich ständig alle unter allen möglichen Vorwänden anzuhalten. Am
beliebtesten die Bitte um Wasser, als wenn ich einen Tankwagen hinter mir
her zöge. In Wahrheit verbirgt sich immer ein Link zu einer bombastischen
Einkaufsmöglichkeit von Souvenirs dahinter. Dabei ist meine Ladekapazität
für Teppiche, Pottery und versteinerte Fossilien sichtbar begrenzt. Als
ich gerade mehr als fertig das Eincheckformular im Hotel ausgefüllt habe,
das niemals auch nur bis nach der Dusche warten kann, will mir der
Hotelmensch eine supertolle Wüstentour mit Jeep andrehen. Es reicht.
Gerade fragt mich mein Nachbar im Internet-Cafe, ob ich nicht morgen noch
einen Guide...
Montag, 13. Mai 2002:
Errachidia - Source bleue de Meski - Boudnib (90 km)
Ich folge
zunächst weiter der Canyon-artigen Schlucht von Ziz, auf deren Boden sich
ein grüner Saum von Palmen und Feldern hinzieht. Bei der Source bleue de
Meski lege ich ein vierstündiges Wellness-Programm ein. Sauge aus den
dürren Zeilen der Reiseführer ein paar positive Gedanken für den wüsten
Rest der Tour.
Dann geht's in die Sahara. Rückenwind regained. Die
Straße wird einspurig. Jetzt muss ich bei jedem Fahrzeug von der Piste.
Aber nur alle fünf bis zehn Minuten taucht eins am Horizont auf. Boudnib
ist die einzig mögliche Station. Das "sehr einfache" (Reise Know-How)
Hotel ist laut Schild seit fünf Jahren eine Baustelle, gefördert vom
Tourismus-Ministerium. Nun gut, eine Zimmertür würde die Illusion von
Sicherheit erhöhen. Zumal der Hotelier darauf besteht, dass das Fahrrad
mit aufs Zimmer wandert. Immerhin ist die Bettwäsche eindeutig gewaschen.
Kostet 3 Euro. 1,60 für das Abendessen. In einem 7.000-Einwohner-Ort, der
mit seinen staubigen Wegen überall in Afrika liegen könnte.
Dienstag, 14. Mai 2002: Boudnib - Bouarfa (181
km)
Aufstehen mit der Sonne. 5 Uhr 30: Rolling. 6 Uhr 30: Das erste
Auto. 7 Uhr 31: Das nächste Auto. 8 Uhr 17: Zum ersten Mal werde ich an
einem Checkpoint in Marokko angehalten. Passport. Die beiden Herren von
der königlichen Gendarmerie sitzen schon im Schatten. Der eine legt seine
Lektüre beiseite: Albert Camus: L'etranger. (besser als erfunden, oder?)
Der andere holt ein neues Schulheft aus dem Häuschen und schreibt auf der
Basis meines Passes und eines Interviews 15 französische Zeilen. Weiter
zieht sich einsam das schmale Asphaltband durch die Steinwüste. 177
Kilometersteine. Die Sonne knallt unerbittlich. Gelegentlich habe ich eine
Fata Ohrgana: Ich höre Autos, die gar nicht kommen. Höchste Zeit, aus der
Sonne zu kommen. Der einzige Ort erweist sich als Ansammlung von ein paar
weit verstreuten Hütten. An der ersten halte ich. Ein Militärposten. Alle
Orte hier bestehen im Wesentlichen aus Kasernen. Der Verlauf der Grenze zu
Algerien ist umstritten. Ich frage nach einem Laden, den scheint es nicht
wirklich zu geben. Aber vom Mittagessen ist noch etwas übrig. Ibrahim
lässt mich im Schatten eines Baumes optimal verpflegen. Alle entschuldigen
sich erst mal: Mittagsgebet. Wenn die Araber alle nur den Islam befolgen
würden, meint Ibrahim später, wären alle Probleme gelöst.
Es wird
heißer und heißer. Acht Liter trinke ich. Und aus der Brauchwasserflasche
ab und zu eine Dusche, die in Minuten trocknet.
Mittwoch, 15. Mai 2002:
Bouarfa - Figuig (109 km)
Was hast du von nur 34 Grad im Schatten,
wenn es keinen Schatten gibt? Schon ab 9 Uhr kannst du nicht mehr
anhalten, weil es einfach zu heiß ist. So schwitze ich mich zur Oase:
Figuig. Ziel erreicht. Ein Paradies. Für 8 Euro quartiere ich mich im
besten Hotel im Umkreis von 350 Quadratkilometern ein. Die erste Dusche
nach drei Tagen, dann in den Swimming-Pool. Zimmer mit Terrasse und Blick
auf einen beträchtlichen Teil der 160.000 Dattelpalmen. Ruhe. - Viermal
bin ich in den vergangenen 16 Monaten in Nordafrika geradelt. So oft wie
Bayer Leverkusen Vizemeister wurde. Es fehlt der letzte Durchbruch:
Algerien, um die Mittelmeerumrundung zu koplettieren. Aber die Grenze hier
ist geschlossen. Seit 1994. Aus Angst vor den Islamisten.
A propos
Bayer. Im Cafe werfen sie die Satelittenschüssel an und schon füllen
Günther Jauch und Reiner Calmund den Bildschirm im Verhältnis 1:4.
Champions-League-Finale. Der Ton ist nicht ganz synchron, na ja. Während
ich das Länderspiel Deutschland-Wales gestern nur in der Version von Dubai
TV betrachten konnte, heute ein Heimspiel. Bis die Kamera beim Schwenk
über die eingelaufene Mannschaft bei Placente ankommt. Freeze. Fünf
Minuten sehen wir nur das stehende Bild, allein der Ton läuft weiter. Und
das Spiel. Dann plötzlich die Einblendung: Signal strength to weak. Die
Schüssel wird geschwenkt, der Kellner zappt von ARD bis ZDF, bis Iran und
Oman, nur RTL taucht nicht wieder auf. Es gibt eben doch kein Paradies.
Donnerstag, 16. Mai 2002: Figuig
6 Uhr 15: Ich laufe.
Genuss-Joggen in der Sahara. Runter zur Grenzstation, die einen völlig
verlassenen Eindruck macht. Die Versuchung ist groß, den Fuß auf
algerischen Boden zu setzen. Dann durch die langsam erwachende Oase, über
die verwinkelten Pfade mit ihren Lehmmauern und Bewässerungskanälen. Ein
Traum. (Wie auf dem Foto oben.) Nach 15 km in den Swimming-Pool...
Epilog: Ein Wiedersehen am Flughafen
Noch ein Genusstag
in der Oase. Am Samstag dann neunstündiger Busmarathon ans Mittelmeer. Das
Fahrrad verschwindet mit einigen Schafen und Ziegen in den Gepäckfächern.
Ich radle in die spanische Exklave Melilla. Schengen- und Euroland in
Afrika. Die Nachtfähre bringt uns nach Malaga. Wo ich am Flughafen
tatsächlich Johan wiedertreffe. Ein paar steinige Wege haben sein
Hinterrad einige Speichen gekostet. Aber ansonsten hat er 1.200 km
Andalusien gut überstanden. Heimkehr an Pfingsten. Halbmarathon am
Pfingstmontag. Das Leben läuft weiter.
Route
Hellblau = Gefahren; Dunkelblau =
Etappenziel; Gelb = Mögliche Route
Rot = Strasbourg - Santiago
(1987); Lila = Béni
Ounif - Jerba (2002)
Etappen Tanger - Figuig (Marokkanischer
Teil)