
Start an Land's End
Live-Ticker-Diary Teil 1 End to End: Prolog &
England/Wales Auf Energy Lane und Penny Lane zum Hadrian's Wall
Die Idee Einmal quer
durch das Vereinigte Königreich: von Land's End in Cornwall to John
O'Groats in Schottland, oder einfach: End to End. Rund 4.000 Menschen
machen sich Jahr für Jahr auf diesen Weg. Zu Fuß, mit Hund, Esel, Pferd
oder Fahrzeugen aller Art, vor allem dem Fahrrad. Auf vielfältigen Routen,
von denen die kürzeste 874 Meilen lang ist. Es gibt einen eigenen Verein
der End to
Enders. Hier wird nur aufgenommen, wer das Ziel bereits erreicht hat:
Ein End-To-End-Finisher. Wie auf der Santiago-Pilgerroute kann man in
einem Ausweis Stempel sammeln, um die Tour lückenlos nachzuweisen. Viele
machen aus der Tour ein Charity Event - sammeln pro zurück gelegten
Kilometer Geld für einen guten Zweck. Wir nicht.
Montag, 2. August 2004:
Zugfahrt Mainz - Paris - Rennes Im Euro-City französischer Bauart
ist ein normales Abteil zum Fahrradabteil umgebaut. Trotz
Reservierungspflicht stapeln sich die Räder. Eins landet in der Toilette.
Fast alle sind auf dem Weg zur Loire. In Paris radln wir in der
Mittagshitze vom Gare de l'Est nach Montparnasse mit Umweg über die
Louvre-Glaspyramide. Es wird der heißeste Tag der Tour bleiben. Einmal
täglich nimmt der Paris-Brest-TGV Fahrräder mit, nicht aber in den Ferien.
So sind wir gezwungen mit tiefgekühlten Regionalzügen einen Umweg über Le
Mans und Nantes nehmen mit Übernachtung in Rennes, wo am Abend Gewitter
aufkommen.
Dienstag, 3. August 2004: Brest - Lesneven -
Mengleus - Plouescat - Santec - Roscoff - Kanal-Fähre Frankreich/England -
Plymouth (92 km) Restfahrt nach Brest. Dann Start im Nebel, der
sich bald aufklärt. Wir heizen über die Hügel. So bleibt Zeit für einen
Zickzack-Kurs samt Menhir (Foto rechts) und Picknick am Kanal bei Ebbe.
Als die Fähre in Plymouth ankommt, wird es gerade dunkel. Da wir nordwärts
fahren, wird die Sonne jeden Tag etwa zur gleichen Zeit untergehen: 20:45
Uhr. Tolle, lange Radtage. In Plymouth haben wir kein Quartier gebucht.
Wir lernen die erste Lektion: "No vacancies!" Alles ausgebucht. Ein Bed
& Breakfast (B&B) hat noch ein freies Zimmer, wir müssten aber die
Fahrräder draußen vor dem Haus lassen. Das ist nicht mal der Wirtin nicht
geheuer. Wir irren durch die wenig belebte Innenstadt, finden schließlich
noch ein kleines, nicht übermäßig günstiges Hotel.
Mittwoch, 4. August
2004: Plymouth - Fähre - Torpoint - Looe - Fowey-Fähre - Truro - Hayle -
Penzance (130 km) Die Bretagne-Hügel waren das ideale Training für
die Cornwall-Berge. Wir fahren an der Süd-Küste entlang Richtung Westen.
Wir fahren zu schnell. Extrem anstrengend vor allem die ersten 47 km bis
Fowey. Rauf auf die Klippen, runter in die Bucht, rauf. Meine Kette
springt ständig ab, ist schnell wieder drauf, doch die Folgen werden sich
auf den nächsten 4.000 km zeigen. Zwei Holländerinnen haben eine Karte
mit dem Verlauf der National Cycle Route 3. Für uns zu umwegig verspielt.
Truro erfreut uns am Rand mit einem Tesco-Supermarkt und einer süßen
Innenstadt in der inzwischen warmen Nachmittagssonne. Die Anschaffung
einer englischen Pre-Paid-Karte scheitert an den hohen Einstiegskosten.
Kurz darauf landen wir auf der vierspurigen Schnellstraße mit kleinem
Seitenstreifen. So kommen wir schließlich auf mittags noch undenkbare 130
km.
Donnerstag, 5. August 2004: Penzance - St. Buryan - LAND'S
END (km 244) - St. Just - St. Ives - Hayle - St. Agnes - Newquay (112
km) Am Morgen Internet-Versuch im YMCA. Schlechter als in jedem
türkischen Bergdorf. Und entscheidende Seiten für Tagebuch und Mails sind
zensiert, geblockt. Fahren wir in den Hafen von Penzance zum Frühstück.
Dann Internet-Versuch II im Bahnhof. Funktioniert. Die weit und breit
steilste Straße führt uns Richtung Land's End. Unser eigentlicher
Startpunkt. Das Ziel für eine humpelnde Gruppe in Karate-Anzügen,
Aufdruck: End to End 23.7. - 6. August 2004. Sie sind einen Tag schneller
als geplant. Per Handschlag geben sie uns das Startzeichen vor dem Visitor
Information Center, in dem wir uns ins Register eingetragen und das
Stempel-Sammelformular bekommen haben. Weiter rauf und runter. Max. speed
64 km/h. Und weiter springt die Kette ab. Reparaturversuch beim ersten
Fahrradladen. Der Zug wird ausgewechselt.
Freitag, 6. August 2004: Newquay - Padstow - Camel Trail -
Altarnun - Launceston - Okehampton (121 km) Am Camel-Fluss wird es
endlich flacher. Der Camel-Trail ist der erste richtige Fahrradweg, wenn
auch nicht asphaltiert. Er führt uns etwas von der Richtung ab und endet
recht plötzlich. Danach führt National Cycle Network 3 auf eine kahle
Hochfläche im Bodmin Moor (Foto Special Seite).
So stelle ich mir Schottland vor. Ein Pärchen überholt uns auf der
langen Abfahrt. Sie wollen End to End in zehn Tagen schaffen. Unser Tempo
hat etwas nachgelassen, ist jetzt angemessen. Trotz Reparatur weiter Ärger
mit der Gangschaltung. Ich komme nur auf Umwegen aus dem kleinsten Gang
zurück in die großen. Eine Speiche am Hinterrad, das gestern zentriert
worden ist, löst sich, ist zum Glück nicht gebrochen. Der Linksverkehr ist
weiter voller Überraschungen und gilt auch beim Ausweichen mit dem Tablett
in der Jugendherberge.
Samstag, 7. August 2004: Okehampton -
Crediton - Bradninch - Taunton - Glastonbury (127 km) Eine Stunde
bastelt der supernette Fahrradhändler von Okehampton an meiner Gangschaltung.
Wieder ein neuer Zug. Alles wackelt ihm viel zu stark und ist ihm zu sehr
verbogen. Er macht mir wenig Hoffnung, aber mit seiner Einstellung komme
ich ein paar tausend Kilometer weit. Auf das bergige Cornwall folgen das
hügelige Devon und das flache Sommerset. Nachdem wir anfänglich
abwechselnd unseren beiden Führern "Cycling Britain" (Lonely Planet) und
"Bike Britain" (Epic Guide) gefolgt sind, entscheiden wir uns nun fast
ausschließlich für letzteren. Er ist sicherer, zielstrebiger, einfacher.
Führt über kleine Straßen. Die National Cycle Routes sind fast nie zu
gebrauchen. Es ist sonnig, warm. Immer wieder überraschen Wolken wie
aus dem Nichts heraus am Himmel. Ständig kann es in Kürze regnen. Tut es
aber nicht. Wind wechselnd, aber weitgehend im Rücken. Miri will abends
meist noch ein Stück weiter. Ich bremse. Meine Knie schmerzen. Mit Mühe
finden wir noch ein B&B im Esoterik-Zentrum Glastonbury, wo Aushänge
für Living-Gnosis-Seminare, Healing-Centre und Kornkreis-Kalender werben.
Sonntag, 8. August 2004: Glastonbury - Wells - Bath - Stroud
- Gloucester - Newent (121 km) Die Frau, die mit uns frühstückt,
ist ohne ihren 17jährigen Sohn aus Arizona gekommen, um im Süden Englands
ihrer "Energy Lane" zu folgen. Stonehenge war ihr zu crowded und
abgesperrt. Die Stadt ist voller junger Menschen auf ihrem
individualisierten Heilstrip. Auf dem "Tor", dem heiligen Berg, der
Glastonburys esoterische Steinzeit-Quelle ist, hüpfen zwei Nackte durch
den frischen Südwind hinab, vorbei an einem Mädchen mit Blumen im Haar,
die mit verschlossenen Augen und ausgebreiteten Armen in grünem
Indien-Look auf der Park-Bank zum Himmel blickt. Im superschwülen
anglikanischen Gottesdienst hat ein älterer Mann einen Schwächeanfall. Als
der Notarzt samt Atemmaske und Rollstuhl ansetzt, den Mann zu retten,
unterbricht die Pfarrerin die Liturgie. An den Resten der alten
Abteikirche üben sich 20 Frauen in Yoga und Tai Chi... Bald nachdem wir
Englands Poona verlassen haben reißt der vordere Schaltzug. Zwischen
Kathedrale und römischem Bad von Bath ersetze ich ihn, unterhalten von
einem Gitarrenspieler. Aus der Schwüle wird immer mehr Regen. Es ist schon
fast dunkel, als Miri am letzten langen Berg noch ein paar Brombeeren
entdeckt. Völlig durchnässt erreichen wir das kleine Örtchen Newent, wo
Polizeiwagen die Hauptstraße gesperrt haben und hektisch mit Schusswaffen
hantieren. Über den Friedhof gelangen wir zum Trocknen ins George Hotel.
Montag, 9. August 2004: Newent - Ledbury - Bromyard - Tenbury -
Ludlow - Church Stretton - Frodesley - Shrewsbury (116 km) Leicht
trüb, nur gelegentlich Regentropfen. Einen kleinen Schauer in Ludlow
warten wir ab. Landschaft unspektakulär, schön, flach. Die Tourist
Information von Shrewsbury ist am Stadtrand bei Burger King untergebracht
und erweist sich als eine Ansammlung fliegender Zettel, u.a. mit
Stadtplan, der uns zum College Guest House bringt, einem 500 Jahre alten
Fachwerkhaus. Fahrräder lassen sich nur gegenüber beim Pub unterstellen,
wo uns unsere Gastgeberin zu einem Besuch verpflichtet. Wir bleiben bis
zur letzten Runde geläutet wird.
Dienstag, 10. August
2004: Shrewsbury - Ellesmere - Grenze England/Wales - Penley - Grenze
Wales/England - Chester - Shropshire Union Canal - Ellesmere Port -
Birkenhead - Fähre - Liverpool (105 km) Anfangs Regen. Weiter mit
Rückenwind. Durch einen Zipfel Wales. Zweisprachig: Neben dem ständig auf
den Straßenbelag gemalten SLOW steht hier auf Walisisch ARAF. Chester
erweist sich auch als ein sehr nettes Städtchen. Die Tourist Information
verführt uns zu einem "neuen" Fahrradweg am Shropshire Union Canal.
Rumpelwege. Und an jeder Brücke (meist noch schlimmer als auf dem Foto
rechts) muss man balancieren, um nicht ins Wasser zu fallen. So wie ein
Hund, den Miri und Frauchen zusammen wieder an Land retten. Dann bricht
wirklich eine Speiche, hinten rechts, nicht selbst zu ersetzen. Drei Tage
nach der letzten Reparatur. Wir wählen die Südseite des River Mersey
fast bis zur Mündung und sehen so Liverpool über den Fluss hinweg in der
Sonne, um dann in Birkenhead die Fähre hinüber zur Stadt zu besteigen. Es
ist ein bisschen Ruhrgebiet und nichts anscheinend älter als 150 Jahre.
Recht jung ist im Untergeschoss der alten Hafen-Gebäude die "Beatles
Story". Samt Audio Tour gehe ich heute als letzter Besucher durch die 60er
und 70er Jahre bis ich in Tränen Postkarten im Souvenir-Shop kaufe. Schräg
gegenüber ein Billighotel der Formule-1-Kette, die andernorts nur an
Autobahn-Ausfahrten existiert. Ist ok. Die Fußgängerzone ist abends öd und
leer, der McDonald hat immerhin ein paar Internet-Terminals mit harter
Metall-Tastatur.
Mittwoch, 11. August
2004: Liverpool Wir bleiben. Ruhetag zugunsten der Beatles. Die
Magical Mystery Tour (Foto links) führt uns zu Geburts-/Elternhäusern der
vier Musiker, zur Penny Lane, zum Cavern Club in der Mathew Street ("where
it all began") und zu den Strawberry Fields: der Tourleiter, geadelt durch
Begegnungen mit Paul McCartney, führt uns vor ein verrostetes und
verschlossenes Tor an einer hohen Mauer. Ende aller Erdbeer-Illusionen,
hier wird ein Kinderheim besungen. Ein all-you-can-eat-Mittagessen
steigert die allgemeine Müdigkeit. Kostenloses Internet in der
Stadtbibliothek. Aber nur bis ein Online-Kurs beginnt. Miri schläft von
acht bis acht.
Donnerstag, 12. August 2004: Liverpool - Preston
- Lancaster Canal - St. Michael's on Wyre - Lancaster - Kellet -
Underbarrow - Crook (137 km) Starker Rückenwind treibt uns aus
Liverpool Richtung Norden. Die vielen Ampeln lassen keinen Rhythmus
aufkommen. Weiter flach. Erst am Nachmittag machen die Ausläufer des Lake
District die Strecke anspruchsvoller. Neue Rekordtageslänge: 137,3 km. Wir
halten an einem B&B mitten im Grünen, im Glebe House von Julia (Foto
rechts). Für 725.000 Pfund, gut eine Million Euro zu kaufen, denn Julia
will mit ihrem Mann in den wärmeren Süden Frankreichs. Zum Wetter hier meint sie nur lakonisch: "It's summer - what did you expect?"
Freitag, 13. August 2004: Crook - Windermere - Kirkstone
Pass - Greystoke - Hutton End - Carlisle - Grenze England/Schottland...
(92 km) Der Lake District bringt uns zur höchsten Stelle zwischen
Land's End und John O'Groats: dem Kirkstone Pass, 1489 feet, gerade mal
rund 475 Meter. Eine Stunde brauchen wir für den zehn Kilometer langen
Aufstieg, auf dem es immer wieder auch abwärts geht. Dann rollen wir durch
die prächtige Kulisse (Foto unten) zu den nächsten Seen. Bald auch in der
Sonne. Meine Sonnenbrille gerät unter einen LKW, lässt sich erstaunlicher
Weise aus den Einzelteilen wieder zusammenbauen. Miri möchte Hutton in
the Forest alias Hutton End besichtigen. Ein großer Landhaussitz, ein
Schloss, samt riesigem Garten. Ich stretche unterdessen. Danach fliegen
wir förmlich. Nach Carlisle. Im nördlichsten Aldi von England kann Miri
innerhalb einer Dreiviertelstunde unsere Reserven nochmal "günstig"
aufstocken (Foto auf der Foto-Special-Seite).
Den Hadrian's Wall überqueren wir an der englisch-schottischen Grenze
leider nur virtuell: an dieser Stelle sind keine römischen Trümmer
erhalten...
Route
Grün = Gefahrene Route; Rot =
Übernachtungsstationen
Etappen Frankreich -
England - Wales - England |