Der Israel-Korrespondent der
Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ), Jörg Bremer, berichtete in der
Ausgabe vom 14. Dezember 2004 über die Deutsche Ursula Gelis, die in der
vorherigen Gruppe des EAPPI-Programms von September bis November 2004 in
Yanoun eingesetzt war. Mit freundlicher Genehmigung des Autors hier sein
Text.
Olivenernte hinter Stacheldraht
Siedlergewalt gegen
Palästinenser
Von Jörg Bremer
(Frankfurter Allgemeine Zeitung)
YANOUN, im Dezember. Wenn die
israelischen und internationalen Beobachter nicht geholfen hätten, hätten
die Menschen in Yanoun in diesem Jahr ihre Olivenernte wohl nicht einbringen
können. Bürgermeister Rasched Marar schätzt, es seien gerade einmal zwanzig
Prozent dessen gewesen, was die Bauern noch Mitte der neunziger Jahre hätten
ernten können. Seitdem hat sich das Schicksal von Yanoun dramatisch
geändert. Die Siedler aus Itamar mit seinen Außenposten rücken immer näher.
Bei jeder Gelegenheit wollen diese Israelis ihre messianische Idee ausleben
und den Leuten zeigen, daß das Land eigentlich ihnen gehört. Dabei sind ihre
Zementhäuser auf den Hügeln neu, alt dagegen die steinernen Gebäude der
Araber im Tal.
Rashed sitzt mit seiner Familie auf dem Boden vor seinem
Haus in der Wintersonne und ißt Hoummus und Pita. Auf dem Nachbarhügel
stehen Siedler und schauen ihnen durchs Fernglas zu. Einst lebten etwa 250
Menschen in Ober-Yanoun südöstlich von Nablus im Westjordanland. Während der
Olivenernte 2002 begannen dann Siedler aus Itamar aktiv zu werden: Sie kamen
immer wieder in den Ort, mal nachts, mal tags; sie schlugen, raubten und
zerstörten, bis einige der schutzlosen Einwohner ins nahe Aqaba auswichen.
Bis heute stehen Häuser leer, nur noch 120 Menschen leben in dem Ort, die
Bauern können auch nur auf einen kleinen Teil ihrer Felder. „Die Siedler
schießen einfach, wenn sie glauben, wir kämen ihnen zu nahe", sagt Rascheds
Onkel Mahmud. „Sie geben vor, Angst vor uns zu haben. Dabei terrorisieren
sie uns."
Von dieser Angst ist wenig zu spüren:
Erst vor kurzem brachten Siedler einen weißen Container einer ihrer
illegalen Außenposten wieder einige hundert Meter näher ans Dorf heran. Sie
suchen offenbar das Feuer. Doch Einwohner von Yanoun verübten noch nie einen
Anschlag. Der Ort lebt in Panik. Rasched wagt sich nicht einmal mehr zu dem
Feigenbaum an der Gartengrenze, unter dem er als Kind mit seinen Brüdern
spielte. Mittlerweile erhalten die Palästinenser Hilfe von außen. Jede
Veränderung an den Grenzen der Außenposten dokumentiert die israelische
Bewegung „Frieden Jetzt", um die Regierung in Jerusalem und das Militär auf
diesen Landraub aufmerksam zu machen. „Sonst würde nichts geschehen", sagt
Dror Etkes, der diese Aufgabe für „Frieden Jetzt" übernommen hat. „Das
Militär steht aus Furcht oder aus ideologischen Gründen auf selten der
Siedler, die das israelische Recht brechen, ohne daß ihnen jemand Einhalt
gebietet." Rasched zeigt eine Kopie aus dem Landregister über den
Grundstückserwerb im nahen Jafa al Nun. Mit Stempel und Unterschrift
bestätigt das Dokument, daß seine Familie am 5. November 1986 vom
bosniakischen Buschnak-Clan Land erwarb. „Da können wir heute nicht mehr
hin. Dort bewachen Siedler ihren „Hügel 777" und behaupten, das Land gehöre
ihnen", sagt Rasched resigniert.
Fares Hanani ist 70 Jahre alt und hat
schon viele Ernten erlebt. Doch sein Land bei Beit Fourik liegt nun im
Schatten von Itamar, das israelische Militär erklärte es zur
„Sicherheitszone". Niemand darf näher als 400 Meter an die Siedlung heran.
Stacheldraht und Sicherheitskameras bewachen das Areal und damit auch die
Olivenbäume des HananiClans. Seiner Familie gehören 10 000 davon. Sie
könnten bis zu 30 000 Liter Öl erbringen. Statt dessen gibt es keine Ernte.
Als Anfang Oktober Bauern in der Nachbarschaft bei Asirah ihre Bäume leeren
wollten, eröffneten Siedler das Feuer und verwundeten Hani Abdel Raouf mit
einem Streifschuß am Hals, meldeten die Agenturen. Kurz darauf töteten
Siedler aus Itamar einen Taxifahrer. Es gab drei palästinensische Zeugen;
aber deren Aussagen zählten nicht. Das Militärgericht ließ den Todesschützen
aus „Mangel an Beweisen" frei, berichten die Zeitungen.
Anfang Oktober
gab die Armee dann den Orten jeweils drei Tage für die Ernte. Soldaten
zeigten so zum Beispiel in Dschit bei Kalkilija Karten und befahlen, die
Bäume in den eingetragenen Zonen an bestimmten Daten abzuernten. An anderen
Tagen würde die Armee nicht vor den Siedlern schützen. Einerseits hielten
sich die Bauern daran. Sie riefen israelische Helfer von der Gruppe
„Tajush", dem „Machsom-Watch" und den „Rabbinern für Menschenrechte". So
konnte die Zeit genutzt werden. Aber diese Anordnung hielten viele für
höhnisch: Sollten nicht Eigentümer zu jeder Zeit vor Rechtsbrechern
geschützt werden? Und was sind drei Tage, wenn Ernten drei Wochen dauern?
Zudem sollen nicht nur die Oliven vom den Bäumen geholt, die Bäume müssen
beschnitten, der Grund aufgerauht werden. Früher liefen Schafe durch die
Olivenhaine. Heute schwebt über allem die Drohung, daß nach geltendem
osmanischen Recht jener seinen Besitz an Grund und Boden verliert, der ihn
fünf Jahre hintereinander nicht pflegt.
Als am 20. Oktober die Bauern von
Ai Hatab östlich von Nablus nach dem Militär-Plan ernten wollten, brachten
sie internationale Helfer mit. 18 Mitglieder der „Internationalen
Solidaritätsbewegung" wollten sie unterstützen. Doch nach fünf Minuten kam
das Militär und verbot den Einsatz ohne weiteren Grund, wie Augenzeugen
berichten. Sie waren wohl aus der nahen Siedlung und ärgerten sich über das
Aufgebot an Helfern, das eine gute Ernte versprach. Sie bedrängten Bauern
und Besucher mit ihren Waffen und schlugen zu. Ein Brite wurde verletzt. Ein
Däne fiel zu Boden. Ein Soldat hielt ihm die Waffe an die Schläfe: „Du hast
noch zehn Sekunden zugehen!"
Der Deutschen Ursula Gelis ist das noch
nicht passiert. Sie will für den Ökumenischen Rat der Kirchen in Genf als
„Begleiterin" dazu beitragen, daß die Bauern aus Yanoun die Ernte friedlich
einbringen können. Als Frau hat sie Zugang zu den Frauen im Dorf und kennt
sich in den Familien aus. Als frühere Judaismus-Studentin kann sie zudem
Hebräisch. Das hilft, denn die Soldaten merken, daß sie keine „Fremde ist,
die Israel haßt und darum, wie alle Antisemiten, mit Israels Feinden im Bund
steht", wie in der Armee über die „Internationalen" gern gesagt wird. Immer
häufiger verweigert Israel ihnen die Einreise und schickt sie schon am
Flughafen wieder zurück, wie jüngst auch eine britische Jüdin. Sie wolle
„Brücken bauen, das Menschliche herauskehren, Frieden möglich machen", sagt
Ursula Gelis.
Am 7. Oktober sollte in Unter-Yanoun geerntet werden, rund
um ein osmanisches Herrenhaus. Elf Soldaten wollten die Bauern aber davon
abhalten, weil bald Siedler kämen, wie ihnen gesagt wurde. „Sie waren
offenbar von den Itamar-Siedlern ausgeschickt worden", sagt Frau Gelis. Als
die Bauern dennoch weiter pflückten und tatsächlich zwei Siedler kamen,
wurden zwei junge Palästinenser festgenommen, einem von ihnen wurden die
Hände gefesselt. Zwei Siedler bewachten sie. Ursula Gelis und eine Schwedin
sollten weichen. Aber sie blieben. Sie konnten die Soldaten zum Abwarten
bewegen und die Gruppe „Tajush" alarmieren. Die kam und entspannte die Lage.
Schließlich habe eine Gruppe Soldaten mit den Siedlern gesprochen. Sie
tauschten offenbar Eindrücke aus, bevor die Siedler abziehen. Wegen der
Dunkelheit habe man aber nicht weiterernten können.
In der palästinensischen Wirtschaft spielen Oliven eine zentrale
Rolle. Auf etwa 45 Prozent des landwirtschaftlich genutzten Landes im
Westjordanland und im Gaza-Streifen, auf etwa 90 000 Hektar, stehen rund
zehn Millionen Olivenbäume. Insgesamt werden jedes Jahr 160 000 Tonnen
Oliven geerntet, 90 Prozent davon zur Herstellung von 30 000 Tonnen
Olivenöl. Die eingemachten Oliven und etwa zwei Drittel des Öls sind für den
Hausgebrauch. Die übrigen 10 000 Tonnen kommen in den besetzten Gebieten und
in Israel auf den Markt. Doch nicht nur das Ernten wird durch israelische
Sperranlagen, die zehn Prozent der Bäume unzugänglich machen, und die
Siedler immer schwieriger. Früher ließ sich in zehn Minuten von Yanoun nach
Nablus zum Markt fahren. Heute liegt die Barriere Kedumim dazwischen. Der
Weg dauert mindestens dreimal so lange. Und dann baut sich vor Nablus der
große Kontrollpunkt Huwarra auf, der nicht immer und für jeden passierbar
ist. Nach UN-Angaben gehen der palästinensischen Wirtschaft jährlich 35
Millionen Dollar durch diese Beschränkungen verloren. Der Öl-Konsum ging in
den vergangenen Jahren von zehn auf 3,5 Liter pro Person zurück. Überdies
entwurzelte die Armee nach palästinensischen Angaben 338 250 Bäume und
verursachte einen Verlust von etwa 16 Millionen Dollar.
Für Ursula Gelis
und ihre Freunde ist Yanoun längst so etwas wie Heimat; „eine traurig schöne
Landschaft" inmitten einer Natur, die einst intensiv bewirtschaftet wurde
und nun verwildert. Die Menschen sind bitterarm, ihre Häuser ohne Schmuck
und Teppich. Sie teilen ihr Essen mit den Gästen. Bürgermeister Rasched
Marar gab der Gruppe des Ökumenischen Rats der Kirchen das Haus seines
Bruders. Dort teilen sie sich zwei Zimmer, Bad und Küche: „Auch wenn sie
hier nur den ganzen Tag vor dem Haus auf diesen Plastikstühlen sitzen und
nichts tun, so sind sie uns doch die besten Bewacher", sagt Rasched. „Denn
die Siedler dort oben nutzen jede Chance zum Terror, wenn wir allein
sind."
Dann zeigt Rasched auf sein Reich, das einst über die nächsten
Bergkuppen hinweg ging, aber heute 100 Meter den Hang am Dorf hinauf an
einer Felsenmauer endet, über der die Siedler ohne Genehmigung Hühnerhäuser
errichtet haben. Rasched weist auf die andere Seite des Hangs, den man nicht
betreten darf, weil dort oben nicht nur auf halber Höhe der Container steht,
sondern auf der Kuppe beim Wasserturm ein Aussichtsposten jede Bewegung
verfolgt, die die Bauern von Yanoun auf ihrem eigenen Grund und Boden wagen.
Sie wissen aus Erfahrung, daß er schußbereit ist.

Ober-Yanoun
(Fotos: Lydia Gall)
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EAPPI
Offizielle EAPPI-Homepage
Dies ist die private Homepage
von
Bitte beachten: Ich war von
Dez. 2004 bis Feb. 2005 tätig im Auftrag des Evangelischen Missionswerks
in Südwestdeutschland (EMS) als ein Ökumenischer Friedensdienstler für
das Programm Ecumenical
Accompaniment Programme in Palestine and Israel (EAPPI) des Weltkirchenrates
(ÖRK). Diese Seite gibt nur meine persönlichen Ansichten wieder, die
nicht unbedingt die des EMS und/oder des ÖRK sind. Wer
diese Informationen verbreiten will unter Berücksichtigung des offiziellen
Standpunkts der Organisationen, kann diese in Erfahrung bringen beim
EMS-Koordinator, Pfr. Andreas Maurer (maurer@ems-online.org), oder beim
EAPPI Communications Officer in englischer Sprache (eappi-co@jrol.com).
Danke.