CHRIS & EAPPI
Ecumenical Accompaniment Programme in Palestine and Israel (EAPPI) Dec. 2004 - Feb. 2005



Umgebung von Yanoun

Der Israel-Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ), Jörg Bremer, berichtete in der Ausgabe vom 14. Dezember 2004 über die Deutsche Ursula Gelis, die in der vorherigen Gruppe des EAPPI-Programms von September bis November 2004 in Yanoun eingesetzt war. Mit freundlicher Genehmigung des Autors hier sein Text.

Olivenernte hinter Stacheldraht
Siedlergewalt gegen Palästinenser

Von Jörg Bremer (Frankfurter Allgemeine Zeitung)

YANOUN, im Dezember. Wenn die israelischen und internationalen Beobachter nicht geholfen hätten, hätten die Menschen in Yanoun in diesem Jahr ihre Olivenernte wohl nicht einbringen können. Bürgermeister Rasched Marar schätzt, es seien gerade einmal zwanzig Prozent dessen gewesen, was die Bauern noch Mitte der neunziger Jahre hätten ernten können. Seitdem hat sich das Schicksal von Yanoun dramatisch geändert. Die Siedler aus Itamar mit seinen Außenposten rücken immer näher. Bei jeder Gelegenheit wollen diese Israelis ihre messianische Idee ausleben und den Leuten zeigen, daß das Land eigentlich ihnen gehört. Dabei sind ihre Zementhäuser auf den Hügeln neu, alt dagegen die steinernen Gebäude der Araber im Tal.
Rashed sitzt mit seiner Familie auf dem Boden vor seinem Haus in der Wintersonne und ißt Hoummus und Pita. Auf dem Nachbarhügel stehen Siedler und schauen ihnen durchs Fernglas zu. Einst lebten etwa 250 Menschen in Ober-Yanoun südöstlich von Nablus im Westjordanland. Während der Olivenernte 2002 begannen dann Siedler aus Itamar aktiv zu werden: Sie kamen immer wieder in den Ort, mal nachts, mal tags; sie schlugen, raubten und zerstörten, bis einige der schutzlosen Einwohner ins nahe Aqaba auswichen. Bis heute stehen Häuser leer, nur noch 120 Menschen leben in dem Ort, die Bauern können auch nur auf einen kleinen Teil ihrer Felder. „Die Siedler schießen einfach, wenn sie glauben, wir kämen ihnen zu nahe", sagt Rascheds Onkel Mahmud. „Sie geben vor, Angst vor uns zu haben. Dabei terrorisieren sie uns."
Von dieser Angst ist wenig zu spüren: Erst vor kurzem brachten Siedler einen weißen Container einer ihrer illegalen Außenposten wieder einige hundert Meter näher ans Dorf heran. Sie suchen offenbar das Feuer. Doch Einwohner von Yanoun verübten noch nie einen Anschlag. Der Ort lebt in Panik. Rasched wagt sich nicht einmal mehr zu dem Feigenbaum an der Gartengrenze, unter dem er als Kind mit seinen Brüdern spielte. Mittlerweile erhalten die Palästinenser Hilfe von außen. Jede Veränderung an den Grenzen der Außenposten dokumentiert die israelische Bewegung „Frieden Jetzt", um die Regierung in Jerusalem und das Militär auf diesen Landraub aufmerksam zu machen. „Sonst würde nichts geschehen", sagt Dror Etkes, der diese Aufgabe für „Frieden Jetzt" übernommen hat. „Das Militär steht aus Furcht oder aus ideologischen Gründen auf selten der Siedler, die das israelische Recht brechen, ohne daß ihnen jemand Einhalt gebietet." Rasched zeigt eine Kopie aus dem Landregister über den Grundstückserwerb im nahen Jafa al Nun. Mit Stempel und Unterschrift bestätigt das Dokument, daß seine Familie am 5. November 1986 vom bosniakischen Buschnak-Clan Land erwarb. „Da können wir heute nicht mehr hin. Dort bewachen Siedler ihren „Hügel 777" und behaupten, das Land gehöre ihnen", sagt Rasched resigniert.
Fares Hanani ist 70 Jahre alt und hat schon viele Ernten erlebt. Doch sein Land bei Beit Fourik liegt nun im Schatten von Itamar, das israelische Militär erklärte es zur „Sicherheitszone". Niemand darf näher als 400 Meter an die Siedlung heran. Stacheldraht und Sicherheitskameras bewachen das Areal und damit auch die Olivenbäume des HananiClans. Seiner Familie gehören 10 000 davon. Sie könnten bis zu 30 000 Liter Öl erbringen. Statt dessen gibt es keine Ernte. Als Anfang Oktober Bauern in der Nachbarschaft bei Asirah ihre Bäume leeren wollten, eröffneten Siedler das Feuer und verwundeten Hani Abdel Raouf mit einem Streifschuß am Hals, meldeten die Agenturen. Kurz darauf töteten Siedler aus Itamar einen Taxifahrer. Es gab drei palästinensische Zeugen; aber deren Aussagen zählten nicht. Das Militärgericht ließ den Todesschützen aus „Mangel an Beweisen" frei, berichten die Zeitungen.
Anfang Oktober gab die Armee dann den Orten jeweils drei Tage für die Ernte. Soldaten zeigten so zum Beispiel in Dschit bei Kalkilija Karten und befahlen, die Bäume in den eingetragenen Zonen an bestimmten Daten abzuernten. An anderen Tagen würde die Armee nicht vor den Siedlern schützen. Einerseits hielten sich die Bauern daran. Sie riefen israelische Helfer von der Gruppe „Tajush", dem „Machsom-Watch" und den „Rabbinern für Menschenrechte". So konnte die Zeit genutzt werden. Aber diese Anordnung hielten viele für höhnisch: Sollten nicht Eigentümer zu jeder Zeit vor Rechtsbrechern geschützt werden? Und was sind drei Tage, wenn Ernten drei Wochen dauern? Zudem sollen nicht nur die Oliven vom den Bäumen geholt, die Bäume müssen beschnitten, der Grund aufgerauht werden. Früher liefen Schafe durch die Olivenhaine. Heute schwebt über allem die Drohung, daß nach geltendem osmanischen Recht jener seinen Besitz an Grund und Boden verliert, der ihn fünf Jahre hintereinander nicht pflegt.
Als am 20. Oktober die Bauern von Ai Hatab östlich von Nablus nach dem Militär-Plan ernten wollten, brachten sie internationale Helfer mit. 18 Mitglieder der „Internationalen Solidaritätsbewegung" wollten sie unterstützen. Doch nach fünf Minuten kam das Militär und verbot den Einsatz ohne weiteren Grund, wie Augenzeugen berichten. Sie waren wohl aus der nahen Siedlung und ärgerten sich über das Aufgebot an Helfern, das eine gute Ernte versprach. Sie bedrängten Bauern und Besucher mit ihren Waffen und schlugen zu. Ein Brite wurde verletzt. Ein Däne fiel zu Boden. Ein Soldat hielt ihm die Waffe an die Schläfe: „Du hast noch zehn Sekunden zugehen!"
Der Deutschen Ursula Gelis ist das noch nicht passiert. Sie will für den Ökumenischen Rat der Kirchen in Genf als „Begleiterin" dazu beitragen, daß die Bauern aus Yanoun die Ernte friedlich einbringen können. Als Frau hat sie Zugang zu den Frauen im Dorf und kennt sich in den Familien aus. Als frühere Judaismus-Studentin kann sie zudem Hebräisch. Das hilft, denn die Soldaten merken, daß sie keine „Fremde ist, die Israel haßt und darum, wie alle Antisemiten, mit Israels Feinden im Bund steht", wie in der Armee über die „Internationalen" gern gesagt wird. Immer häufiger verweigert Israel ihnen die Einreise und schickt sie schon am Flughafen wieder zurück, wie jüngst auch eine britische Jüdin. Sie wolle „Brücken bauen, das Menschliche herauskehren, Frieden möglich machen", sagt Ursula Gelis.
Am 7. Oktober sollte in Unter-Yanoun geerntet werden, rund um ein osmanisches Herrenhaus. Elf Soldaten wollten die Bauern aber davon abhalten, weil bald Siedler kämen, wie ihnen gesagt wurde. „Sie waren offenbar von den Itamar-Siedlern ausgeschickt worden", sagt Frau Gelis. Als die Bauern dennoch weiter pflückten und tatsächlich zwei Siedler kamen, wurden zwei junge Palästinenser festgenommen, einem von ihnen wurden die Hände gefesselt. Zwei Siedler bewachten sie. Ursula Gelis und eine Schwedin sollten weichen. Aber sie blieben. Sie konnten die Soldaten zum Abwarten bewegen und die Gruppe „Tajush" alarmieren. Die kam und entspannte die Lage. Schließlich habe eine Gruppe Soldaten mit den Siedlern gesprochen. Sie tauschten offenbar Eindrücke aus, bevor die Siedler abziehen. Wegen der Dunkelheit habe man aber nicht weiterernten können.
In der palästinensischen Wirtschaft spielen Oliven eine zentrale Rolle. Auf etwa 45 Prozent des landwirtschaftlich genutzten Landes im Westjordanland und im Gaza-Streifen, auf etwa 90 000 Hektar, stehen rund zehn Millionen Olivenbäume. Insgesamt werden jedes Jahr 160 000 Tonnen Oliven geerntet, 90 Prozent davon zur Herstellung von 30 000 Tonnen Olivenöl. Die eingemachten Oliven und etwa zwei Drittel des Öls sind für den Hausgebrauch. Die übrigen 10 000 Tonnen kommen in den besetzten Gebieten und in Israel auf den Markt. Doch nicht nur das Ernten wird durch israelische Sperranlagen, die zehn Prozent der Bäume unzugänglich machen, und die Siedler immer schwieriger. Früher ließ sich in zehn Minuten von Yanoun nach Nablus zum Markt fahren. Heute liegt die Barriere Kedumim dazwischen. Der Weg dauert mindestens dreimal so lange. Und dann baut sich vor Nablus der große Kontrollpunkt Huwarra auf, der nicht immer und für jeden passierbar ist. Nach UN-Angaben gehen der palästinensischen Wirtschaft jährlich 35 Millionen Dollar durch diese Beschränkungen verloren. Der Öl-Konsum ging in den vergangenen Jahren von zehn auf 3,5 Liter pro Person zurück. Überdies entwurzelte die Armee nach palästinensischen Angaben 338 250 Bäume und verursachte einen Verlust von etwa 16 Millionen Dollar.
Für Ursula Gelis und ihre Freunde ist Yanoun längst so etwas wie Heimat; „eine traurig schöne Landschaft" inmitten einer Natur, die einst intensiv bewirtschaftet wurde und nun verwildert. Die Menschen sind bitterarm, ihre Häuser ohne Schmuck und Teppich. Sie teilen ihr Essen mit den Gästen. Bürgermeister Rasched Marar gab der Gruppe des Ökumenischen Rats der Kirchen das Haus seines Bruders. Dort teilen sie sich zwei Zimmer, Bad und Küche: „Auch wenn sie hier nur den ganzen Tag vor dem Haus auf diesen Plastikstühlen sitzen und nichts tun, so sind sie uns doch die besten Bewacher", sagt Rasched. „Denn die Siedler dort oben nutzen jede Chance zum Terror, wenn wir allein sind."
Dann zeigt Rasched auf sein Reich, das einst über die nächsten Bergkuppen hinweg ging, aber heute 100 Meter den Hang am Dorf hinauf an einer Felsenmauer endet, über der die Siedler ohne Genehmigung Hühnerhäuser errichtet haben. Rasched weist auf die andere Seite des Hangs, den man nicht betreten darf, weil dort oben nicht nur auf halber Höhe der Container steht, sondern auf der Kuppe beim Wasserturm ein Aussichtsposten jede Bewegung verfolgt, die die Bauern von Yanoun auf ihrem eigenen Grund und Boden wagen. Sie wissen aus Erfahrung, daß er schußbereit ist.



Ober-Yanoun (Fotos: Lydia Gall)


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Bitte beachten: Ich war von Dez. 2004 bis Feb. 2005 tätig im Auftrag des Evangelischen Missionswerks in Südwestdeutschland (EMS) als ein Ökumenischer Friedensdienstler für das Programm Ecumenical Accompaniment Programme in Palestine and Israel (EAPPI) des Weltkirchenrates (ÖRK). Diese Seite gibt nur meine persönlichen Ansichten wieder, die nicht unbedingt die des EMS und/oder des ÖRK sind. Wer diese Informationen verbreiten will unter Berücksichtigung des offiziellen Standpunkts der Organisationen, kann diese in Erfahrung bringen beim EMS-Koordinator oder beim EAPPI Communications Officer in englischer Sprache (eappi-co@jrol.com). Danke.