Nablus gilt als "Gaza der Westbank". Will sagen: Nirgendwo
ist der Widerstand erbitterter, die Konfrontation härter, die Polarisierung
größer. In der Altstadt blockieren Müllberge und Container die Gassen, um
israelischen Soldaten die nächtlichen Zugriffe zu erschweren. Der Checkpoint
Huwarra am Ortseingang ist besonders gefürchtet. Zwei, drei Stunden
Wartezeit sind normal, und nur mit Sondergenehmigung aussichtsreich. Der
anglikanische Diakon ist deshalb zum Gottesdienst mit dem Krankenwagen von
Ramallah gekommen. Auch damit musste er schon zwei Stunden warten. Viele der
rund 110.000 Einwohner haben die Stadt seit Beginn der zweiten Intifada vor
vier Jahren nicht mehr verlassen dürfen. Als ich am Nachmittag den Berg
Garizim hinaufsteige, um nach den dort lebenden Samaritanern Ausschau zu
halten, stehe ich nach einer Stunde Fußmarsch vor einem weiteren, recht
kleinen Checkpoint: At Tur. Obwohl die Signaljacke samt Kreuz und
Friedenstaube mich als "Ökumenischen Begleiter", als internationalen Helfer
ausweist, hebt der Soldat an der Schranke Hand und Gewehr, um mich auf
Sicherheitsabstand zu halten. Nie dürfen sich zwei Personen gleichzeitig dem
Checkpoint nähern. Zu gefährlich.
Linker Hand auf
halber Strecke zwischen Checkpoint-Schranke und Wachturm sitzen drei junge
Männer im Abstand von je zehn Metern. Alle gucken in die gleiche Richtung
bergab nach Nablus (Foto oben). Es sieht merkwürdig aus, aber sie könnten
auch freiwillig so sitzen. Ich bekomme seit Tagen Schikanen israelischer
Soldaten erzählt. Aber ich kann und will nicht glauben, dass ich hier sebst
Augenzeuge werde. Ich will ja auch nur zu den Samaritanern. "Passport." Der
Soldat blättert eine Weile. Ruft dann den Cäpt'n aus dem Wachturm herbei.
Der bewegt sich langsam auf uns zu. Befragt mich nach den arabischen Visa,
nach den israelischen Einreisestempeln, was ich hier wolle. Schließlich
lässt er mich passieren. Ich blicke noch einmal zu den ruhig sitzenden
Jungs, die mich nicht sehen können, rüber. Dann bin ich im Dorf der
Samaritaner. Bekannt sind sie durch den barmherzigen Samariter. Die haben
sich in alttestamentlicher Zeit vom Mainstream der Juden abgesondert und die
Opferriten des Jerusalemer Tempels auf den Berg Garizim übertragen.
Die Kultstätte, an der Jahr für Jahr nach alttestamentlicher
Vorschrift unschuldige Lämmer am Pessachfest geopfert werden, lag vor
wenigen Jahren noch recht einsam hier. Jetzt ist sie umgeben von Wohnhäusern
und mit Zuschauertribüne samt überdachtem Versammlungsplatz ausgebaut. Auf
einer Parkbank gegenüber sitzt ein Mann mit Wasserpfeife, ein anderer mit
rotem Hut, der ihn als Priester aus dem Stamm Levi ausweist (Foto rechts).
Sie seien 1988, kurz nach Beginn der ersten Intifada, von Nablus auf den
Berg gezogen, berichten sie. Aber sie würden sich nach wie vor bestens mit
Palästinensern wie Israelis verstehen. Schließlich lebe die andere Hälfte
der 675 Samariter seit mehr als hundert Jahren in der Nähe von Tel Aviv. Sie
empfehlen mir im nächstgelegenen Haus ein nicht ausgeschildertes Museum. Der
Bewohner des zweiten Stocks, Museumsdirektor Husney W. Kohen, führt mich
durch den Ausstellungsraum im ersten Stock (Foto links). Lange kann ich mich
nicht aufhalten, denn der Sonnenuntergang schickt schon seine Kälte voraus.
Als
ich mich dem Checkpoint nähere, sehe ich die drei Jungs immer noch dort
sitzen. Kein Zweifel mehr: Sie sitzen so auf Befehl. Ich gehe auf den ersten
zu. Frage, wie es ihm geht. Der nächste kann besser Englisch. Alle drei sind
wie elektrisiert. Beglückt, dass jemand Interesse für sie zeigt. Seit neun
Uhr würden sie hier hocken. Da war es noch eiskalt. Mittags saßen sie in der
prallen Sonne. Jetzt, kurz nach vier, kurz vor Sonnenuntergang sind sie
wieder in kalten Schatten geraten. Was ihnen vorgeworfen wird: Sie sind
durch die Landschaft gestreift. Haben sich nicht auf den Straßen
aufgehalten. Und sind deshalb mit Hilfe von Warnschüssen festgenommen
worden. Ich frage den Soldaten, der umgeben von Betonblocks und
Betonwachhäuschen allein an der Schranke steht. Er wisse nicht, wie lange
die drei schon dort sitzen. Er habe erst seit zwölf Uhr Dienst. Aha. Und
warum dürfen sie nicht gehen? Nun, der Fall werde untersucht. Aber sieben
Stunden lang? Dazu könne er nichts sagen. Da müsse ich seinen Chef fragen.
Der komme bestimmt bald, momentan sei er nicht zu erreichen. Angesichts
seiner von technischem Equipment strotzenden Uniform kaum zu glauben. Ich
gehen zurück zu den Jungs. Biete an, was zu trinken und zu essen zu kaufen.
Begeisterung. Ich gehe zurück ins Dorf. Kaufe Limo, Kekse, Riegel.
Als ich zurück am Checkpoint bin, stehen die Jungs. Unverändert im
Abstand von zehn Metern. Debattieren in Hebräisch mit dem Soldaten auf dem
Wachturm. Mit einer Handbewegung will der Soldat mich auf Abstand zu den
Jungen halten. Ich versuche ihn zu beruhigen, rede weiter mit den Jungen.
Gebe ihnen die Lebensmittel. Der letzte kramt ein paar Dollars aus seiner
Kleidung, will meinen Service zu bezahlen. Die Soldaten haben den Jungs die
Zigaretten weggenommen. Wo ist da das Sicherheitsrisiko? Ich gehe
schnurstracks zum Soldaten an der Schranke. Was haben wir in der
Vorbereitung gelernt: De-Eskalation. Tief atmen. Sachlich bleiben. Fragen
stellen. Von den Zigaretten will der Soldat nichts wissen. Das müsse vor
seinem Dienstantritt gewesen sein. Ist denn irgend etwas bei den Jungen
gefunden worden? Nein, so weit er wisse, nicht. Von ihm aus, könnten die
Jungs auch längst gehen. Aber seine Kommilitonen hätten den Eindruck, dass
die Jungs den Checkpoint umgehen wollten. Ohne den Checkpoint hätte es das
Problem gar nicht gegeben, gebe ich zu bedenken.
Ich rufe unsere
Programm-Koordinatorin in Jerusalem an. Sie kümmert sich sofort bei den
übergeordneten Stellen um den Fall. Ich informiere vorsorglich meinen
Kollegen David unten in Nablus via Handy. Demonstratives Telefonieren kann
die Situation zuspitzen - oder beschleunigen. Jetzt kommen tatsächlich zwei
israelische Soldaten zum Checkpoint zurück. Der eine ist Amerikaner und
verwickelt mich in ein unverfängliches Gespräch. Offensichtlich sind sie
längst auf ihrem Rückweg informiert worden. Denn im selben Moment, als sich
die Koordinatorin meldet und bestätigt, dass auch höhere Militär-Stellen von
dem Festsetzen der Jungs seit neun Uhr wissen, dürfen die Jungs plötzlich
gehen. Während ich noch mit dem Amerikaner spreche, bedanken sie sich
überschwänglich bei mir. Auf dem Weg runter zur Stadt hole ich sie später
ein. Sie erzählen, sie hätten am Vormittag einen Job in der Stadt gehabt.
Wieder ist ein Tag der Besatzung geopfert worden. Einer will nach der Schule
Recht studieren. Obwohl ihm, sagt er, auch an diesem Tag wieder klar
geworden sei: "Wer die Macht hat, steht über dem Recht."
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