CHRIS & EAPPI
Ecumenical Accompaniment Programme in Palestine and Israel (EAPPI) Dec. 2004 - Feb. 2005


"Wer die Macht hat, steht über dem Recht."

Nablus: Unbarmherziger Checkpoint bei den Samaritanern
5. Dez. 2004

Nablus gilt als "Gaza der Westbank". Will sagen: Nirgendwo ist der Widerstand erbitterter, die Konfrontation härter, die Polarisierung größer. In der Altstadt blockieren Müllberge und Container die Gassen, um israelischen Soldaten die nächtlichen Zugriffe zu erschweren. Der Checkpoint Huwarra am Ortseingang ist besonders gefürchtet. Zwei, drei Stunden Wartezeit sind normal, und nur mit Sondergenehmigung aussichtsreich. Der anglikanische Diakon ist deshalb zum Gottesdienst mit dem Krankenwagen von Ramallah gekommen. Auch damit musste er schon zwei Stunden warten. Viele der rund 110.000 Einwohner haben die Stadt seit Beginn der zweiten Intifada vor vier Jahren nicht mehr verlassen dürfen. Als ich am Nachmittag den Berg Garizim hinaufsteige, um nach den dort lebenden Samaritanern Ausschau zu halten, stehe ich nach einer Stunde Fußmarsch vor einem weiteren, recht kleinen Checkpoint: At Tur. Obwohl die Signaljacke samt Kreuz und Friedenstaube mich als "Ökumenischen Begleiter", als internationalen Helfer ausweist, hebt der Soldat an der Schranke Hand und Gewehr, um mich auf Sicherheitsabstand zu halten. Nie dürfen sich zwei Personen gleichzeitig dem Checkpoint nähern. Zu gefährlich.

Linker Hand auf halber Strecke zwischen Checkpoint-Schranke und Wachturm sitzen drei junge Männer im Abstand von je zehn Metern. Alle gucken in die gleiche Richtung bergab nach Nablus (Foto oben). Es sieht merkwürdig aus, aber sie könnten auch freiwillig so sitzen. Ich bekomme seit Tagen Schikanen israelischer Soldaten erzählt. Aber ich kann und will nicht glauben, dass ich hier sebst Augenzeuge werde. Ich will ja auch nur zu den Samaritanern. "Passport." Der Soldat blättert eine Weile. Ruft dann den Cäpt'n aus dem Wachturm herbei. Der bewegt sich langsam auf uns zu. Befragt mich nach den arabischen Visa, nach den israelischen Einreisestempeln, was ich hier wolle. Schließlich lässt er mich passieren. Ich blicke noch einmal zu den ruhig sitzenden Jungs, die mich nicht sehen können, rüber. Dann bin ich im Dorf der Samaritaner. Bekannt sind sie durch den barmherzigen Samariter. Die haben sich in alttestamentlicher Zeit vom Mainstream der Juden abgesondert und die Opferriten des Jerusalemer Tempels auf den Berg Garizim übertragen.

Die Kultstätte, an der Jahr für Jahr nach alttestamentlicher Vorschrift unschuldige Lämmer am Pessachfest geopfert werden, lag vor wenigen Jahren noch recht einsam hier. Jetzt ist sie umgeben von Wohnhäusern und mit Zuschauertribüne samt überdachtem Versammlungsplatz ausgebaut. Auf einer Parkbank gegenüber sitzt ein Mann mit Wasserpfeife, ein anderer mit rotem Hut, der ihn als Priester aus dem Stamm Levi ausweist (Foto rechts). Sie seien 1988, kurz nach Beginn der ersten Intifada, von Nablus auf den Berg gezogen, berichten sie. Aber sie würden sich nach wie vor bestens mit Palästinensern wie Israelis verstehen. Schließlich lebe die andere Hälfte der 675 Samariter seit mehr als hundert Jahren in der Nähe von Tel Aviv. Sie empfehlen mir im nächstgelegenen Haus ein nicht ausgeschildertes Museum. Der Bewohner des zweiten Stocks, Museumsdirektor Husney W. Kohen, führt mich durch den Ausstellungsraum im ersten Stock (Foto links). Lange kann ich mich nicht aufhalten, denn der Sonnenuntergang schickt schon seine Kälte voraus.

Als ich mich dem Checkpoint nähere, sehe ich die drei Jungs immer noch dort sitzen. Kein Zweifel mehr: Sie sitzen so auf Befehl. Ich gehe auf den ersten zu. Frage, wie es ihm geht. Der nächste kann besser Englisch. Alle drei sind wie elektrisiert. Beglückt, dass jemand Interesse für sie zeigt. Seit neun Uhr würden sie hier hocken. Da war es noch eiskalt. Mittags saßen sie in der prallen Sonne. Jetzt, kurz nach vier, kurz vor Sonnenuntergang sind sie wieder in kalten Schatten geraten. Was ihnen vorgeworfen wird: Sie sind durch die Landschaft gestreift. Haben sich nicht auf den Straßen aufgehalten. Und sind deshalb mit Hilfe von Warnschüssen festgenommen worden. Ich frage den Soldaten, der umgeben von Betonblocks und Betonwachhäuschen allein an der Schranke steht. Er wisse nicht, wie lange die drei schon dort sitzen. Er habe erst seit zwölf Uhr Dienst. Aha. Und warum dürfen sie nicht gehen? Nun, der Fall werde untersucht. Aber sieben Stunden lang? Dazu könne er nichts sagen. Da müsse ich seinen Chef fragen. Der komme bestimmt bald, momentan sei er nicht zu erreichen. Angesichts seiner von technischem Equipment strotzenden Uniform kaum zu glauben. Ich gehen zurück zu den Jungs. Biete an, was zu trinken und zu essen zu kaufen. Begeisterung. Ich gehe zurück ins Dorf. Kaufe Limo, Kekse, Riegel.

Als ich zurück am Checkpoint bin, stehen die Jungs. Unverändert im Abstand von zehn Metern. Debattieren in Hebräisch mit dem Soldaten auf dem Wachturm. Mit einer Handbewegung will der Soldat mich auf Abstand zu den Jungen halten. Ich versuche ihn zu beruhigen, rede weiter mit den Jungen. Gebe ihnen die Lebensmittel. Der letzte kramt ein paar Dollars aus seiner Kleidung, will meinen Service zu bezahlen. Die Soldaten haben den Jungs die Zigaretten weggenommen. Wo ist da das Sicherheitsrisiko? Ich gehe schnurstracks zum Soldaten an der Schranke. Was haben wir in der Vorbereitung gelernt: De-Eskalation. Tief atmen. Sachlich bleiben. Fragen stellen. Von den Zigaretten will der Soldat nichts wissen. Das müsse vor seinem Dienstantritt gewesen sein. Ist denn irgend etwas bei den Jungen gefunden worden? Nein, so weit er wisse, nicht. Von ihm aus, könnten die Jungs auch längst gehen. Aber seine Kommilitonen hätten den Eindruck, dass die Jungs den Checkpoint umgehen wollten. Ohne den Checkpoint hätte es das Problem gar nicht gegeben, gebe ich zu bedenken.

Ich rufe unsere Programm-Koordinatorin in Jerusalem an. Sie kümmert sich sofort bei den übergeordneten Stellen um den Fall. Ich informiere vorsorglich meinen Kollegen David unten in Nablus via Handy. Demonstratives Telefonieren kann die Situation zuspitzen - oder beschleunigen. Jetzt kommen tatsächlich zwei israelische Soldaten zum Checkpoint zurück. Der eine ist Amerikaner und verwickelt mich in ein unverfängliches Gespräch. Offensichtlich sind sie längst auf ihrem Rückweg informiert worden. Denn im selben Moment, als sich die Koordinatorin meldet und bestätigt, dass auch höhere Militär-Stellen von dem Festsetzen der Jungs seit neun Uhr wissen, dürfen die Jungs plötzlich gehen. Während ich noch mit dem Amerikaner spreche, bedanken sie sich überschwänglich bei mir. Auf dem Weg runter zur Stadt hole ich sie später ein. Sie erzählen, sie hätten am Vormittag einen Job in der Stadt gehabt. Wieder ist ein Tag der Besatzung geopfert worden. Einer will nach der Schule Recht studieren. Obwohl ihm, sagt er, auch an diesem Tag wieder klar geworden sei: "Wer die Macht hat, steht über dem Recht."


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Bitte beachten: Ich war von Dez. 2004 bis Feb. 2005 tätig im Auftrag des Evangelischen Missionswerks in Südwestdeutschland (EMS) als ein Ökumenischer Friedensdienstler für das Programm Ecumenical Accompaniment Programme in Palestine and Israel (EAPPI) des Weltkirchenrates (ÖRK). Diese Seite gibt nur meine persönlichen Ansichten wieder, die nicht unbedingt die des EMS und/oder des ÖRK sind. Wer diese Informationen verbreiten will unter Berücksichtigung des offiziellen Standpunkts der Organisationen, kann diese in Erfahrung bringen beim EMS-Koordinator oder beim EAPPI Communications Officer in englischer Sprache (eappi-co@jrol.com). Danke.