
Christ sein in Nablus
Der lange Exodus aus dem Heiligen Land
„Manchmal bete ich
abends vor dem Einschlafen.“ Wisam Ghateet steht mitten unter Studentinnen
in der Al-Najah-Universität von Nablus in der Westbank. Religiöse Themen
sind in diesen Gängen kein Tabu. Ganz im Gegenteil. Hier tobt seit Jahren
eine vehemente islamische Auseinandersetzung. Im letzten Herbst haben die
eher säkularen PLO-Anhänger von der Fatah erstmals seit langer Zeit die
islamistische Hamas bei den Studentenwahlen schlagen können. Ganz knapp. Das
betrifft Wisam nicht direkt. Sie ist Christin. Und dieses Glaubensbekenntnis
hat an dieser Uni gerade mal jeder Hundertste. Wofür betet eine 18jährige
Palästinenserin in dieser Umgebung? Das wil sie hier nicht sagen, wo sie
sich noch nicht auskennt. Sie steht kurz vor dem Abitur, ist Klassenbeste
und will ab dem Sommer am liebsten Informationstechnologie studieren. Das
ist doppelt so teuer wie ein normaler Studienplatz in Nablus. Am
allerliebsten ginge sie ins Ausland, in die jordanische Hauptstadt Amman,
was alles noch teurer machen würde.
Wisam ist nicht allein
mit ihren Auslandsträumen. „Dubai“ antwortet ihre drei Jahre ältere
Schwester Mira ohne eine Sekunde zu zögern. Dort würde sie am liebsten
leben. "Dubai, das ist Freiheit, das ist Frieden." Auch Mira macht im Sommer
einen Abschluss, ihr Examen in Business. Und obwohl auch sie Jahrgangsbeste
ist, rechnet sie sich in der darnieder liegenden palästinensischen
Wirtschaft weder im von Checkpoints umgebenen Nablus noch im gesamten
Flickenteppich Westbank Chancen auf einen Job aus. Obwohl ihre Ausbildung
exzellent ist. Die Palästinenser gelten als die besten Absolventen der
arabischen Welt. Bildung steht auf der Prioritätenliste der
palästinensischen Autonomiebehörde ganz oben.
Das hat allerdings auch
der ältesten Schwester Suha bisher nichts genützt. Sie ist 23, hat das
juristische Examen, aber keine Arbeit. Ein paaar Tage in der Woche kann sie
einen Anwalt zum Gericht begleiten. Vor kurzem war sie zu einem Kongress in
Beirut. “Beirut ist ein Traum, der Libanon ist für uns ein Paradies.” Von
dem sie weiter träumen muss. In einem kleinen Zimmer, das sie seit
Kindheitstagen mit ihren beiden Schwestern teilt. Ihr und der jüngsten
bleiben immerhin zwei Zimmerecken für die Poster ihrer Lieblingssänger.
Mira, die mittlere, schläft vor dem Fenster. Ersatzweise hat sie das Bild
ihrer libanesischen Lieblingsmusikerin Nancy Ajlam auf das farbige
Handy-Display geladen. Bei Anruf klingelt ihr derzeitiger Hit „Ach o nos“.
Das Zimmer, in
dem die drei Mädchen lernen, leben und schlafen, hätten sie längst verlassen
müssen. Die Miete ist seit zwei Jahren nicht mehr bezahlt worden. Denn auch
der Familienvater ist arbeitslos. Der diplomierte Mechaniker Yacoub Ghateet
hatte einen soliden Job als Ausbilder für LKW- und Busfahrer. Bis zum Jahr
2000. Im Heiligen Jahr begann die zweite Intifada, die Al-Aqsa-Intifada. Und
mit ihr die Abkoppelung der palästinensischen von der israelischen
Wirtschaft.
Bald
konnte er nur noch hin und wieder als Krankenhausfahrer ein paar israelische
Schekel verdienen. Seitdem die Lage ruhiger geworden ist, haben die
medizinischen Notfall-Einsätze und damit seine Einkünfte abgenommen. Jetzt
hat er Aussicht auf eine Stelle, die seiner Qualifikation entspricht. Zu
einem Gehalt, das inzwischen üblich geworden ist: 200 Dollar. Und weil der
Arbeitsplatz in Ramalllah liegt, ginge der halbe Lohn dafür drauf, hin und
her zu fahren oder dort eine Unterkunft zu suchen.
Dann wäre auch nicht
mehr an den Sonntagsgottesdienst in der griechisch-orthodoxen Kirche zu
denken, wo Yacoub zu den Vorsängern und Kirchenvorstandsmitgliedern gehört.
Denn Freitag ist der freie Tag in Westbank und Gaza. Sonntags wird normal
gearbeitet. Sogar in Bethlehem. Selbst dort sind die Christen inzwischen in
der Minderheit. Seit Jahrzehnten hält ihr Exodus aus dem Heiligen Land an.
Nur noch rund 48.000 Christen leben unter 3,4 Millionen Palästinensern in
den Autonomiegebieten. In Nablus sind von 120.000 Einwohnern gerade mal 700
getauft.
Im
Stadtbild sieht das ganz anders aus. Mitten in der City, an der
Rafidia-Straße, glänzen in hellstem Weiß zwei nagelneue Kirchen: die gerade
eingeweihte anglikanische und ein paar Meter weiter die fast fertige
griechisch-orthodoxe. Damit nicht genug. Ein weiteres griechisch-orthodoxes
Kirchengebäude erhebt sich in Kathedralengröße neuerdings über der uralten
Jakobsquelle, aus der der griechische Mönch Justinus Malaosh aus vierzig
Meter Tiefe heiliges Wasser heraufbefördert. Abrahams Enkel Jakob soll den
Brunnen gegraben haben, Jesus traf laut Johannes-Evangelium hier die
Samaritanerin und unterhielt sich mit ihr – gegen alle geltenden
Umgangsformen.
Abuna Justinus hat kein einziges Gemeindemitglied. Oder
Milliarden davon. Denn die Kirche hat er gebaut für die Touristen, für die
Pilger. Doch wann werden sie wieder nach Nablus kommen? In eine Stadt, die
von israelischen Checkpoints umgeben ist, die als die unbarmherzigsten der
ganzen Westbank gelten? Wo regelmäßig israelische Soldaten schießen und
beschossen werden. Wo militante jüdische Siedler den Pfarrer zwei Mal
niedergestochen haben. Weil sie jüdische Ansprüche auf den Jakobusbrunnen
geltend machen wollen. Seinen Vorgänger haben sie aus diesem Grund
erschossen. Der ein paar hundert Meter entfernte Josefsgrab ist eine
Brandruine. Was passiert ist, lässt sich nicht recht ermitteln. Jetzt ist
alles mit Stacheldraht abgesperrt. Eine viel größere Ruine ist das alte
Gerichtsgebäude, das die israelische Luftwaffe in Schutt und Asche legten.
Die Touristen-Information in Nablus ist ein lebloser Kiosk, in dem sich
Sperrgut stapelt.
Und doch leben mitten in der Altstadt von Nablus Ausländer,
Christen. Maria Fahmy (26), Erik Mohlin (31) und David Rowland (68) zum
Beispiel. Das skandinavisch-britische Trio ist im Stadtbild an ihren beigen
Jacken mit orangenem Kreuz und Friedenstaube zu erkennen. Als „ökumenische
Friedensdienstler“ sind sie für drei Monate mit dem Begleitprogramm des
Weltkirchenrats für Palästina und Israel (EAPPI) in das enge Tal zwischen
den Bergen Garizim und Ebal geschickt worden. Ihr wichtigster Auftrag:
Dasein. Mitleben. Um christlichen wie muslimischen Palästinensern zu zeigen:
Die Welt hat euch nicht vergessen. Die Welt will, dass die israelische
Besatzung beendet wird. Und wo es geht, versuchen sie zu helfen. Sei es,
wenn akkut Kranke am Checkpoint aufgehalten werden. Sei es, um in
Englisch-Konversations-Kursen den Dialog mit der Welt zu fördern.
Gebeten um diese Unterstützung haben die Kirchenoberhäupter in
Jerusalem, allen voran der lateinische Patriarch Michael Sabbah. Für ihn ist
alles wichtig, was gegen die inzwischen 38 Jahre währende Besatzung der
Westbank getan wird. Sein Credo: "Wenn die Besetzung der Westbank aufhört,
endet die Gewalt." Ex-Präsident Jimmy Carter ergänzt, dadurch werde auch der
dramatische Rückgang der christlichen Bevölkerung gestoppt. Den führt der
baptistische Prediger und Friedensnobelpreisträger auf die harte Behandlung
der Palästinenser durch die Israelis zurück.
Kirchbauer Justinus muss
vorerst weiter damit leben. Gerade steckt der Marmor-Fußboden für sein
Lebenswerk im Hafen von Haifa fest. Die israelischen Zöllner wollen 75.000
Dollar kassieren. Doch Justinus ist Mystiker, Künstler und Schlitzohr, dem
es immer wieder gelingt, auf verschlungenen Wegen seine Bauten
voranzutreiben. Innerhalb von sechs Jahren hat er so den Kirchbau vollendet,
der zuvor Jahrzehnte brach lag. Jetzt fehlen eben fast nur noch der im Hafen
dahindümpelnde Marmorboden.
Der Kirchbau ist ein gutes Mittel gegen die Angst, dass
irgendwann der Rest der Christen ganz aus dem „Heiligen Land“ verdrängt
wird. „Schon drei Kirchen sind in Nablus zu Moscheen verwandelt worden“,
klagt Familienvater Yacoub Ghateet. Er sagt das, als wäre es in der letzten
Woche passiert. Tatsächlich geschah es im 13./14. Jahrhundert, als die
Kreuzfahrer auf dem Rückzug waren. Geschichte ist hier Gegenwart. Natürlich
hat er auch versucht mit Frau und seinen drei Töchtern auszuwandern. Ab nach
Kanada. Ein Freund ermittelte dort für ihn die Kosten: 5.000 Kanadische
Dollar allein für den Anwalt, 30.000 Kanadische Dollar insgesamt. Undenkbar.
Zwei Brüder leben in den USA. Können nichts für ihren Bruder tun.
So
geht seine 18jährige Tochter Wisam weiter Freitag für Freitag nachmittags um
vier zur "Sonntags-Schule", dem mega-ökumenischen Katechismus-Unterricht in
Nablus: eine Stunde gemeinsam für römisch-katholische,
griechisch-katholische, griechisch-orthodoxe, anglikanische Schüler aller
Altersstufen, Jungs wie Mädchen. Und wofür betet die 18jährige Wisam nun
abends vor dem Schlafengehen in ihrem Bettchen in dem Zimmerchen, das sie
mit ihren beiden älteren Schwestern teilt? Tatsächlich schickt sie noch eine
SMS-Nachricht mit ihrem Handy. Ihre wichtigste Bitte verbindet sie mit den
Palästinensern aller Religionen: „Vor allem bitte ich Gott, unsere
Lebensbedingungen zu verbessern durch ein Ende der israelischen Besatzung,
dann um ein gutes Examen, um auf eine gute Universität zu kommen und
schließlich für meine Eltern.“
Christoph Gocke
Weitere
Fotos
von Familie Ghateet und anderen
Christen in Nablus und
Umgebung
Handy-Family Ghateet
Überblick CHRIS &
EAPPI
Offizielle EAPPI-Homepage
Dies ist die private Homepage
von
Bitte beachten: Ich war von
Dez. 2004 bis Feb. 2005 tätig im Auftrag des Evangelischen Missionswerks in
Südwestdeutschland (EMS) als ein Ökumenischer Friedensdienstler für das
Programm Ecumenical Accompaniment Programme
in Palestine and Israel (EAPPI) des Weltkirchenrates (ÖRK).
Diese Seite gibt nur meine persönlichen Ansichten wieder, die nicht
unbedingt die des EMS und/oder des
ÖRK sind. Wer diese
Informationen verbreiten will unter Berücksichtigung des offiziellen
Standpunkts der Organisationen, kann diese in Erfahrung bringen beim
EMS-Koordinator, Pfr. Andreas Maurer (maurer@ems-online.org), oder beim
EAPPI Communications Officer in englischer Sprache (eappi-co@jrol.com).
Danke.