CHRIS & EAPPI
Ecumenical Accompaniment Programme in Palestine and Israel (EAPPI) Dec. 2004 - Feb. 2005



Christ sein in Nablus
Der lange Exodus aus dem Heiligen Land

„Manchmal bete ich abends vor dem Einschlafen.“ Wisam Ghateet steht mitten unter Studentinnen in der Al-Najah-Universität von Nablus in der Westbank. Religiöse Themen sind in diesen Gängen kein Tabu. Ganz im Gegenteil. Hier tobt seit Jahren eine vehemente islamische Auseinandersetzung. Im letzten Herbst haben die eher säkularen PLO-Anhänger von der Fatah erstmals seit langer Zeit die islamistische Hamas bei den Studentenwahlen schlagen können. Ganz knapp. Das betrifft Wisam nicht direkt. Sie ist Christin. Und dieses Glaubensbekenntnis hat an dieser Uni gerade mal jeder Hundertste. Wofür betet eine 18jährige Palästinenserin in dieser Umgebung? Das wil sie hier nicht sagen, wo sie sich noch nicht auskennt. Sie steht kurz vor dem Abitur, ist Klassenbeste und will ab dem Sommer am liebsten Informationstechnologie studieren. Das ist doppelt so teuer wie ein normaler Studienplatz in Nablus. Am allerliebsten ginge sie ins Ausland, in die jordanische Hauptstadt Amman, was alles noch teurer machen würde.
Wisam ist nicht allein mit ihren Auslandsträumen. „Dubai“ antwortet ihre drei Jahre ältere Schwester Mira ohne eine Sekunde zu zögern. Dort würde sie am liebsten leben. "Dubai, das ist Freiheit, das ist Frieden." Auch Mira macht im Sommer einen Abschluss, ihr Examen in Business. Und obwohl auch sie Jahrgangsbeste ist, rechnet sie sich in der darnieder liegenden palästinensischen Wirtschaft weder im von Checkpoints umgebenen Nablus noch im gesamten Flickenteppich Westbank Chancen auf einen Job aus. Obwohl ihre Ausbildung exzellent ist. Die Palästinenser gelten als die besten Absolventen der arabischen Welt. Bildung steht auf der Prioritätenliste der palästinensischen Autonomiebehörde ganz oben.
Das hat allerdings auch der ältesten Schwester Suha bisher nichts genützt. Sie ist 23, hat das juristische Examen, aber keine Arbeit. Ein paaar Tage in der Woche kann sie einen Anwalt zum Gericht begleiten. Vor kurzem war sie zu einem Kongress in Beirut. “Beirut ist ein Traum, der Libanon ist für uns ein Paradies.” Von dem sie weiter träumen muss. In einem kleinen Zimmer, das sie seit Kindheitstagen mit ihren beiden Schwestern teilt. Ihr und der jüngsten bleiben immerhin zwei Zimmerecken für die Poster ihrer Lieblingssänger. Mira, die mittlere, schläft vor dem Fenster. Ersatzweise hat sie das Bild ihrer libanesischen Lieblingsmusikerin Nancy Ajlam auf das farbige Handy-Display geladen. Bei Anruf klingelt ihr derzeitiger Hit „Ach o nos“.
Das Zimmer, in dem die drei Mädchen lernen, leben und schlafen, hätten sie längst verlassen müssen. Die Miete ist seit zwei Jahren nicht mehr bezahlt worden. Denn auch der Familienvater ist arbeitslos. Der diplomierte Mechaniker Yacoub Ghateet hatte einen soliden Job als Ausbilder für LKW- und Busfahrer. Bis zum Jahr 2000. Im Heiligen Jahr begann die zweite Intifada, die Al-Aqsa-Intifada. Und mit ihr die Abkoppelung der palästinensischen von der israelischen Wirtschaft. Bald konnte er nur noch hin und wieder als Krankenhausfahrer ein paar israelische Schekel verdienen. Seitdem die Lage ruhiger geworden ist, haben die medizinischen Notfall-Einsätze und damit seine Einkünfte abgenommen. Jetzt hat er Aussicht auf eine Stelle, die seiner Qualifikation entspricht. Zu einem Gehalt, das inzwischen üblich geworden ist: 200 Dollar. Und weil der Arbeitsplatz in Ramalllah liegt, ginge der halbe Lohn dafür drauf, hin und her zu fahren oder dort eine Unterkunft zu suchen.
Dann wäre auch nicht mehr an den Sonntagsgottesdienst in der griechisch-orthodoxen Kirche zu denken, wo Yacoub zu den Vorsängern und Kirchenvorstandsmitgliedern gehört. Denn Freitag ist der freie Tag in Westbank und Gaza. Sonntags wird normal gearbeitet. Sogar in Bethlehem. Selbst dort sind die Christen inzwischen in der Minderheit. Seit Jahrzehnten hält ihr Exodus aus dem Heiligen Land an. Nur noch rund 48.000 Christen leben unter 3,4 Millionen Palästinensern in den Autonomiegebieten. In Nablus sind von 120.000 Einwohnern gerade mal 700 getauft.
Im Stadtbild sieht das ganz anders aus. Mitten in der City, an der Rafidia-Straße, glänzen in hellstem Weiß zwei nagelneue Kirchen: die gerade eingeweihte anglikanische und ein paar Meter weiter die fast fertige griechisch-orthodoxe. Damit nicht genug. Ein weiteres griechisch-orthodoxes Kirchengebäude erhebt sich in Kathedralengröße neuerdings über der uralten Jakobsquelle, aus der der griechische Mönch Justinus Malaosh aus vierzig Meter Tiefe heiliges Wasser heraufbefördert. Abrahams Enkel Jakob soll den Brunnen gegraben haben, Jesus traf laut Johannes-Evangelium hier die Samaritanerin und unterhielt sich mit ihr – gegen alle geltenden Umgangsformen.
Abuna Justinus hat kein einziges Gemeindemitglied. Oder Milliarden davon. Denn die Kirche hat er gebaut für die Touristen, für die Pilger. Doch wann werden sie wieder nach Nablus kommen? In eine Stadt, die von israelischen Checkpoints umgeben ist, die als die unbarmherzigsten der ganzen Westbank gelten? Wo regelmäßig israelische Soldaten schießen und beschossen werden. Wo militante jüdische Siedler den Pfarrer zwei Mal niedergestochen haben. Weil sie jüdische Ansprüche auf den Jakobusbrunnen geltend machen wollen. Seinen Vorgänger haben sie aus diesem Grund erschossen. Der ein paar hundert Meter entfernte Josefsgrab ist eine Brandruine. Was passiert ist, lässt sich nicht recht ermitteln. Jetzt ist alles mit Stacheldraht abgesperrt. Eine viel größere Ruine ist das alte Gerichtsgebäude, das die israelische Luftwaffe in Schutt und Asche legten. Die Touristen-Information in Nablus ist ein lebloser Kiosk, in dem sich Sperrgut stapelt.
Und doch leben mitten in der Altstadt von Nablus Ausländer, Christen. Maria Fahmy (26), Erik Mohlin (31) und David Rowland (68) zum Beispiel. Das skandinavisch-britische Trio ist im Stadtbild an ihren beigen Jacken mit orangenem Kreuz und Friedenstaube zu erkennen. Als „ökumenische Friedensdienstler“ sind sie für drei Monate mit dem Begleitprogramm des Weltkirchenrats für Palästina und Israel (EAPPI) in das enge Tal zwischen den Bergen Garizim und Ebal geschickt worden. Ihr wichtigster Auftrag: Dasein. Mitleben. Um christlichen wie muslimischen Palästinensern zu zeigen: Die Welt hat euch nicht vergessen. Die Welt will, dass die israelische Besatzung beendet wird. Und wo es geht, versuchen sie zu helfen. Sei es, wenn akkut Kranke am Checkpoint aufgehalten werden. Sei es, um in Englisch-Konversations-Kursen den Dialog mit der Welt zu fördern.
Gebeten um diese Unterstützung haben die Kirchenoberhäupter in Jerusalem, allen voran der lateinische Patriarch Michael Sabbah. Für ihn ist alles wichtig, was gegen die inzwischen 38 Jahre währende Besatzung der Westbank getan wird. Sein Credo: "Wenn die Besetzung der Westbank aufhört, endet die Gewalt." Ex-Präsident Jimmy Carter ergänzt, dadurch werde auch der dramatische Rückgang der christlichen Bevölkerung gestoppt. Den führt der baptistische Prediger und Friedensnobelpreisträger auf die harte Behandlung der Palästinenser durch die Israelis zurück.
Kirchbauer Justinus muss vorerst weiter damit leben. Gerade steckt der Marmor-Fußboden für sein Lebenswerk im Hafen von Haifa fest. Die israelischen Zöllner wollen 75.000 Dollar kassieren. Doch Justinus ist Mystiker, Künstler und Schlitzohr, dem es immer wieder gelingt, auf verschlungenen Wegen seine Bauten voranzutreiben. Innerhalb von sechs Jahren hat er so den Kirchbau vollendet, der zuvor Jahrzehnte brach lag. Jetzt fehlen eben fast nur noch der im Hafen dahindümpelnde Marmorboden.
Der Kirchbau ist ein gutes Mittel gegen die Angst, dass irgendwann der Rest der Christen ganz aus dem „Heiligen Land“ verdrängt wird. „Schon drei Kirchen sind in Nablus zu Moscheen verwandelt worden“, klagt Familienvater Yacoub Ghateet. Er sagt das, als wäre es in der letzten Woche passiert. Tatsächlich geschah es im 13./14. Jahrhundert, als die Kreuzfahrer auf dem Rückzug waren. Geschichte ist hier Gegenwart. Natürlich hat er auch versucht mit Frau und seinen drei Töchtern auszuwandern. Ab nach Kanada. Ein Freund ermittelte dort für ihn die Kosten: 5.000 Kanadische Dollar allein für den Anwalt, 30.000 Kanadische Dollar insgesamt. Undenkbar. Zwei Brüder leben in den USA. Können nichts für ihren Bruder tun.
So geht seine 18jährige Tochter Wisam weiter Freitag für Freitag nachmittags um vier zur "Sonntags-Schule", dem mega-ökumenischen Katechismus-Unterricht in Nablus: eine Stunde gemeinsam für römisch-katholische, griechisch-katholische, griechisch-orthodoxe, anglikanische Schüler aller Altersstufen, Jungs wie Mädchen. Und wofür betet die 18jährige Wisam nun abends vor dem Schlafengehen in ihrem Bettchen in dem Zimmerchen, das sie mit ihren beiden älteren Schwestern teilt? Tatsächlich schickt sie noch eine SMS-Nachricht mit ihrem Handy. Ihre wichtigste Bitte verbindet sie mit den Palästinensern aller Religionen: „Vor allem bitte ich Gott, unsere Lebensbedingungen zu verbessern durch ein Ende der israelischen Besatzung, dann um ein gutes Examen, um auf eine gute Universität zu kommen und schließlich für meine Eltern.“
Christoph Gocke


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Bitte beachten: Ich war von Dez. 2004 bis Feb. 2005 tätig im Auftrag des Evangelischen Missionswerks in Südwestdeutschland (EMS) als ein Ökumenischer Friedensdienstler für das Programm Ecumenical Accompaniment Programme in Palestine and Israel (EAPPI) des Weltkirchenrates (ÖRK). Diese Seite gibt nur meine persönlichen Ansichten wieder, die nicht unbedingt die des EMS und/oder des ÖRK sind. Wer diese Informationen verbreiten will unter Berücksichtigung des offiziellen Standpunkts der Organisationen, kann diese in Erfahrung bringen beim EMS-Koordinator oder beim EAPPI Communications Officer in englischer Sprache (eappi-co@jrol.com). Danke.