CHRIS & EAPPI
Ecumenical Accompaniment Programme in Palestine and Israel (EAPPI) Dec. 2004 - Feb. 2005


Chris und Daniel on the run

Teil 1
Vermehrung der Broteinheiten am See Genesaret
Retter beim tiefstgelegenen Marathon der Welt in Tiberias
6. Jan. 2005


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Es muss irgendwo zwischen Kilometer 23 und 24 gewesen sein, als ich Daniel zum ersten Mal sah. In seinem weißen Trikot und weißer Hose. Er lief nicht mehr, er ging kaum noch. Von hinten sah es aus wie ein mühsamer Spaziergang. Allein deshalb konnte ich Daniel einholen. Denn ich lief selbst nicht mehr. Ich hatte die erste Marathon-Hälfte in knapp zwei Stunden bewältigt. Schneller als geplant. Und setzte danach tatsächlich um, was ich mir vorgenommen hatte: Gehen. Schnelles Gehen. Nach nur 99 Trainings-Kilometern im letzten Jahr, hätte alles andere Knochen, Gelenke, Sehnen mehr als gefährdet. Die ersten Walking-Kilometer zeigten: Neun Minuten brauchte ich so für tausend Meter. Ich würde es knapp unter fünf Stunden schaffen. Meinen zehnten Marathon. Locker, eigentlich.
Einziges Problem: Es gab nichts zu essen. Gar nichts. Bei deutschen Marathonläufen wird man zumindest mit Bananen in der Regel lückenlos eingedeckt. Hier am Ostufer hatte ich sie permanent vor Augen: Tausende Bananenstauden, über die der Blick auf dunkelblaues Wasser und den hellen Start- und Zielort Tiberias fiel. Unter den blauen Plastikfolien hängen die Früchte, die unreif geerntet werden... Die Verpflegungsstände boten für alle, die sich dort keine eigene Verpflegung hatten postieren lassen, im Kern nur Wasser. Immerhin politisch korrektes Wasser, nicht von der Marke „Eden“. Denn die riet mir ein Friedenskämpfer, solle ich boykottieren, weil das Eden-Wasser am Fuß einer jüdischen Siedlung in der Westbank aus dem Fels quelle. Leider hat „Eden“ die trink-freundlichsten Verschlüsse. Das muss in einer Weltgegend zurückstehn, in der nichts unpolitisch ist, schon gar nicht Wasser.
Irgendwann waren wir an der Südspitze des Sees an einer Tankstelle vorbeigekommen. Und weil Mirjam in einer kleinen Internet-Recherche auf einen fast verhungerten deutschen Marathonläufer unweit der jesuanischen Brotvermehrung gestoßen war, hatte ich zwar nichts zu essen, aber immerhin 120 Schekalim dabei. Was im Zweifel auch für einen Restaurant-Besuch gereicht hätte. Aber da lief bzw. ging ja auch Daniel. Der friemelte gerade aus einem kleinen Stück Frischhaltefolie noch kleinere Dattel-Bällchen mit Kokosflocken. „Energyballs“ gab er mir lächelnd zu verstehen. Und bot mir einen davon an. Für einen Minimal-Planer wie mich unfassbar, wie jemand so weit vor dem Ziel seine – wie ich annahm – präzise kalkulierten Broteinheiten mit mir teilte.
Mir blieb kaum Zeit zum Dank, denn Daniel nahm wieder seinen Lauf auf. Einen Lauf allerdings, dem man ansah, dass er bald wieder zum Erliegen käme. Und so stiefelte ich weit ausholend bald wieder auf seine Versen zu. „Go!“ rief ich ihm zu, um ihn wieder zu zügigem Gehen zu animieren. Damit er diesseits des Zeitlimits von sechs Stunden über die Ziellinie käme.
„Come on!“ Ich half noch etwas mit dem Arm nach, um ihn in schnellere Bewegung zu versetzen. So kamen wir halbwegs auf Gesprächshöhe. Ich immer einen Schritt voraus, um ihn und mich nicht erlahmen zu lassen. Logo, Daniel ist Marathondebütant. Und sein Bruder und Schwager, mit denen er in Tel Aviv trainiert, haben ihn verlassen. Weil sie schneller sind. Und Daniels will nur seinen ersten Marathon in weniger als fünf Stunden über die flache Uferstraße bringen. Genau darauf würde er mit meinem Tempo hinauslaufen. Siehe oben. Deshalb: Yalla!
Schließlich bietet sich Daniel diese Chance nur einmal im Jahr. Heute, am 6. Januar 2005. Denn der Tiberias-Marathon ist der einzige im Heiligen Land. Zum 28. Mal. Und er ist der tiefstgelegene der Welt. 197 Meter liegt der See unter dem Meeresspiegel. Und im tiefsten Winter herrschen hier optimale Bedingungen. Durchschnitts-Temperatur zur Startzeit um 9 Uhr: 15 Grad. Heute ist es noch ein Stückchen wärmer. In manchen Passagen ist es fast zu heiß, doch dann schützen wieder ein paar Schönwetter-Wolken.
Vieles ist wie daheim: Die Pasta-Party am Vorabend. Der kleine Markt von Sportherstellern. Die Warenprobe im Start-Set mit einer Tube Uriel Pfefferminz-Gel gegen Muskelkater. Die Startnummern mit den vier Sicherheitsnadeln. Die Handbiker, die vorneweg starten. Der 12-km-Lauf, der eine halbe Stunde später startet. Kinderläufe. Der Preis von 50 Dollar. Mir bietet sich die Chance vermutlich nur einmal im Leben. Weil ich seit Ende November für drei Monate im Land bin. Als „Ökumenischer Begleiter“ im Ökumenischen Begleitprogramm des Weltkirchenrats für Palästina und Israel. Seit einigen Kilometern begleite ich also Daniel, einen Journalisten, der für die kritische Zeitung Haaretz gearbeitet hat und jetzt arabische Zeitungen für die amerikanische Botschaft in Tel Aviv auswertet. Er klagt, dass die englische Haaretz-Ausgabe nur von Übersetzern erstellt wird. Und die Autoren nachher oft für Fehler in der Übersetzung geradestehen müssen. Dabei sei die internationale Ausgabe, die wichtige, in der ganzen Welt gelesene.
Er fängt schon wieder an zu laufen. Ich laufe mit. Die Gehpausen werden erstaunlicher Weise immer kürzer. Daniel läuft immer wieder an. Zieht mich mit. Schon sind wir wieder über die Südspitze hinaus und laufen mit dem Südwind zurück nach Tiberias. Sehen den schneebedeckten Hermon, die Golanhöhen weit überragend. Wieder kommt ein Verpflegungsstand. Wieder findet Daniel Energiebällchen in der Folie. Wieder versorgt er mich.
Die Gegend, in der die Bibel Himmel, Sonne, Fels und Wasser ist, fliegt vorbei. Wir erreichen die ersten Hotels von Tiberias. „Kol Hakavod!“ rufen die Zuschauer nun. „Alle Achtung!“ muss das etwa heißen, wenn ich an mein altes Vokabel-Zettelchen denke, auf dem „Kavod“ als „Macht, Ehre, Herrlichkeit“ notiert war. Schon sehen wir die Uhr über der Ziellinie. Sie läuft irgendwo zwischen 4:45 und 4:46. Herrlichkeit! Daniel will mir den Vortritt lassen: „You saved me.“ Ich zerre ihn auf gleiche Höhe: „You saved me.“ Gemeinsam hoppeln wir durch den Plastik-Bogen. Die Matten piepsen, registrieren zeitgleich unsern Zeitchip am Fuß. Daniel stellt mir seine Frau vor. Die hat die Energiebällchen gemacht. Für ihn. Und für mich. Auch sie hat mich und meinen zehnten Marathon ins Ziel gerettet.



Drei Sekunden vor dem Zieleinlauf

Teil 2
Halb-Marathon am Toten Meer
Von der Unmöglichkeit eines Friedenslaufs im Heiligen Land
19. Feb. 2005


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Bitte beachten: Ich war von Dez. 2004 bis Feb. 2005 tätig im Auftrag des Evangelischen Missionswerks in Südwestdeutschland (EMS) als ein Ökumenischer Friedensdienstler für das Programm Ecumenical Accompaniment Programme in Palestine and Israel (EAPPI) des Weltkirchenrates (ÖRK). Diese Seite gibt nur meine persönlichen Ansichten wieder, die nicht unbedingt die des EMS und/oder des ÖRK sind. Wer diese Informationen verbreiten will unter Berücksichtigung des offiziellen Standpunkts der Organisationen, kann diese in Erfahrung bringen beim EMS-Koordinator oder beim EAPPI Communications Officer in englischer Sprache (eappi-co@jrol.com). Danke.