|
CHRIS & EAPPI Ecumenical Accompaniment Programme in Palestine and Israel (EAPPI) Dec. 2004 - Feb. 2005 |
|
English version of this page |
Es muss irgendwo zwischen Kilometer 23 und 24 gewesen sein,
als ich Daniel zum ersten Mal sah. In seinem weißen Trikot und weißer Hose.
Er lief nicht mehr, er ging kaum noch. Von hinten sah es aus wie ein
mühsamer Spaziergang. Allein deshalb konnte ich Daniel einholen. Denn ich
lief selbst nicht mehr. Ich hatte die erste Marathon-Hälfte in knapp zwei
Stunden bewältigt. Schneller als geplant. Und setzte danach tatsächlich um,
was ich mir vorgenommen hatte: Gehen. Schnelles Gehen. Nach nur 99
Trainings-Kilometern im letzten Jahr, hätte alles andere Knochen, Gelenke,
Sehnen mehr als gefährdet. Die ersten Walking-Kilometer zeigten: Neun
Minuten brauchte ich so für tausend Meter. Ich würde es knapp unter fünf
Stunden schaffen. Meinen zehnten Marathon. Locker, eigentlich.
Einziges
Problem: Es gab nichts zu essen. Gar nichts. Bei deutschen Marathonläufen
wird man zumindest mit Bananen in der Regel lückenlos eingedeckt. Hier am
Ostufer hatte ich sie permanent vor Augen: Tausende Bananenstauden, über die
der Blick auf dunkelblaues Wasser und den hellen Start- und Zielort Tiberias
fiel. Unter den blauen Plastikfolien hängen die Früchte, die unreif geerntet
werden... Die Verpflegungsstände boten für alle, die sich dort keine eigene
Verpflegung hatten postieren lassen, im Kern nur Wasser. Immerhin politisch
korrektes Wasser, nicht von der Marke „Eden“. Denn die riet mir ein
Friedenskämpfer, solle ich boykottieren, weil das Eden-Wasser am Fuß einer
jüdischen Siedlung in der Westbank aus dem Fels quelle. Leider hat „Eden“
die trink-freundlichsten Verschlüsse. Das muss in einer Weltgegend
zurückstehn, in der nichts unpolitisch ist, schon gar nicht Wasser.
Irgendwann waren wir
an der Südspitze des Sees an einer Tankstelle vorbeigekommen. Und weil
Mirjam in einer kleinen Internet-Recherche auf einen fast verhungerten
deutschen Marathonläufer unweit der jesuanischen Brotvermehrung gestoßen
war, hatte ich zwar nichts zu essen, aber immerhin 120 Schekalim dabei. Was
im Zweifel auch für einen Restaurant-Besuch gereicht hätte. Aber da lief
bzw. ging ja auch Daniel. Der friemelte gerade aus einem kleinen Stück
Frischhaltefolie noch kleinere Dattel-Bällchen mit Kokosflocken.
„Energyballs“ gab er mir lächelnd zu verstehen. Und bot mir einen davon an.
Für einen Minimal-Planer wie mich unfassbar, wie jemand so weit vor dem Ziel
seine – wie ich annahm – präzise kalkulierten Broteinheiten mit mir
teilte.
Mir blieb kaum Zeit zum Dank, denn Daniel nahm wieder seinen Lauf
auf. Einen Lauf allerdings, dem man ansah, dass er bald wieder zum Erliegen
käme. Und so stiefelte ich weit ausholend bald wieder auf seine Versen zu.
„Go!“ rief ich ihm zu, um ihn wieder zu zügigem Gehen zu animieren. Damit er
diesseits des Zeitlimits von sechs Stunden über die Ziellinie käme.
„Come
on!“ Ich half noch etwas mit dem Arm nach, um ihn in schnellere Bewegung zu
versetzen. So kamen wir halbwegs auf Gesprächshöhe. Ich immer einen Schritt
voraus, um ihn und mich nicht erlahmen zu lassen. Logo, Daniel ist
Marathondebütant. Und sein Bruder und Schwager, mit denen er in Tel Aviv
trainiert, haben ihn verlassen. Weil sie schneller sind. Und Daniels will
nur seinen ersten Marathon in weniger als fünf Stunden über die flache
Uferstraße bringen. Genau darauf würde er mit meinem Tempo hinauslaufen.
Siehe oben. Deshalb: Yalla!
Schließlich bietet sich Daniel diese Chance
nur einmal im Jahr. Heute, am 6. Januar 2005. Denn der Tiberias-Marathon ist
der einzige im Heiligen Land. Zum 28. Mal. Und er ist der tiefstgelegene der
Welt. 197 Meter liegt der See unter dem Meeresspiegel. Und im tiefsten
Winter herrschen hier optimale Bedingungen. Durchschnitts-Temperatur zur
Startzeit um 9 Uhr: 15 Grad. Heute ist es noch ein Stückchen wärmer. In
manchen Passagen ist es fast zu heiß, doch dann schützen wieder ein paar
Schönwetter-Wolken.
Vieles ist wie daheim: Die Pasta-Party am Vorabend. Der kleine
Markt von Sportherstellern. Die Warenprobe im Start-Set mit einer Tube Uriel
Pfefferminz-Gel gegen Muskelkater. Die Startnummern mit den vier
Sicherheitsnadeln. Die Handbiker, die vorneweg starten. Der 12-km-Lauf, der
eine halbe Stunde später startet. Kinderläufe. Der Preis von 50 Dollar. Mir
bietet sich die Chance vermutlich nur einmal im Leben. Weil ich seit Ende
November für drei Monate im Land bin. Als „Ökumenischer Begleiter“ im
Ökumenischen Begleitprogramm des Weltkirchenrats für Palästina und Israel.
Seit einigen Kilometern begleite ich also Daniel, einen Journalisten, der
für die kritische Zeitung Haaretz gearbeitet hat und jetzt arabische
Zeitungen für die amerikanische Botschaft in Tel Aviv auswertet. Er klagt,
dass die englische Haaretz-Ausgabe nur von Übersetzern erstellt wird. Und
die Autoren nachher oft für Fehler in der Übersetzung geradestehen müssen.
Dabei sei die internationale Ausgabe, die wichtige, in der ganzen Welt
gelesene.
Er fängt schon wieder an zu laufen. Ich laufe mit. Die
Gehpausen werden erstaunlicher Weise immer kürzer. Daniel läuft immer wieder
an. Zieht mich mit. Schon sind wir wieder über die Südspitze hinaus und
laufen mit dem Südwind zurück nach Tiberias. Sehen den schneebedeckten
Hermon, die Golanhöhen weit überragend. Wieder kommt ein Verpflegungsstand.
Wieder findet Daniel Energiebällchen in der Folie. Wieder versorgt er
mich.
Die Gegend, in der die Bibel Himmel, Sonne, Fels und Wasser ist,
fliegt vorbei. Wir erreichen die ersten Hotels von Tiberias. „Kol Hakavod!“
rufen die Zuschauer nun. „Alle Achtung!“ muss das etwa heißen, wenn ich an
mein altes Vokabel-Zettelchen denke, auf dem „Kavod“ als „Macht, Ehre,
Herrlichkeit“ notiert war. Schon sehen wir die Uhr über der Ziellinie. Sie
läuft irgendwo zwischen 4:45 und 4:46. Herrlichkeit! Daniel will mir den
Vortritt lassen: „You saved me.“ Ich zerre ihn auf gleiche Höhe: „You saved
me.“ Gemeinsam hoppeln wir durch den Plastik-Bogen. Die Matten piepsen,
registrieren zeitgleich unsern Zeitchip am Fuß. Daniel stellt mir seine Frau
vor. Die hat die Energiebällchen gemacht. Für ihn. Und für mich. Auch sie
hat mich und meinen zehnten Marathon ins Ziel gerettet.

Drei Sekunden vor dem Zieleinlauf
Dies ist die private Homepage von
Bitte beachten: Ich war von Dez. 2004 bis Feb. 2005 tätig im Auftrag des Evangelischen Missionswerks in Südwestdeutschland (EMS) als ein Ökumenischer Friedensdienstler für das Programm Ecumenical Accompaniment Programme in Palestine and Israel (EAPPI) des Weltkirchenrates (ÖRK). Diese Seite gibt nur meine persönlichen Ansichten wieder, die nicht unbedingt die des EMS und/oder des ÖRK sind. Wer diese Informationen verbreiten will unter Berücksichtigung des offiziellen Standpunkts der Organisationen, kann diese in Erfahrung bringen beim EMS-Koordinator, Pfr. Andreas Maurer (maurer@ems-online.org), oder beim EAPPI Communications Officer in englischer Sprache (eappi-co@jrol.com). Danke.