CHRIS & EAPPI
Ecumenical Accompaniment Programme in Palestine and Israel (EAPPI) Dec. 2004 - Feb. 2005


Anna, Karin, Inger, Chris: STOP THE OCCUPATION!

Teil 2
Halb-Marathon am Toten Meer
Von der Unmöglichkeit eines Friedenslaufs im Heiligen Land
19. Feb. 2005

„Running for Peace“ – so lud das Flugblatt zu einer Veranstaltung ein, die in den letzten Wochen unseres Aufenthaltes als ökumenische Friedensdienstlier in Westbank und Israel eine Menge Zeit, Nerven und Geduld kostete. Der 23. Halb-Marathon am Toten Meer war wie seine Vorgänger den beiden Brüdern Giora und Tomer Ron gewidmet. Genauere Recherchen ergaben, dass beide im Kibbutz En Gedi aufgewachsen waren und sehr jung starben. Der eine fiel von einer Plattform bei der Dattel-Ernte. Der andere wurde 1982 während des Libanon-Feldzugs aus einem Haus mit weißer Fahne erschossen. Da das genau 23 Jahre her ist, geht der Halb-Marathon vermutlich unmittelbar auf dieses Ereignis zurück. Für manche in der Gruppe ausreichend, um eine Teilnahme daran abzulehnen.
Hinzu kommt, dass einer der Sponsoren des Laufs die Firma Ahava ist, die die einmaligen Substanzen des Toten Meers zu Schönheits- und Gesundheitsprodukten veredelt und weltweit vermarktet. Die Produktionsstätte liegt nördlich von En Gedi am Ufer und damit auf der Westbank, besetztem Gebiet. Gleichwohl profitiert Ahava von den günstigen Konditionen, die israelischen Waren in der Europäischen Union eingeräumt werden. Viele Friedensgruppen unterstützen den Plan, Produkte aus illegalen jüdischen Siedlungen in der Westbank - wie die Ahava-Kosmetik - von den günstigen Konditionen auszunehmen. Ahava steht auf vielen Boykott-Listen ganz oben.
Obwohl ich beide Argumente beachtenswert finde, lehne ich einen Boykott des Laufs ab. Ich schlage stattdessen vor, den Friedens-Lauf als Podium zu nutzen, um unsere Vorstellungen von einem gerechten Frieden zu propagieren. Dazu entwerfe ich einen Text-Aufdruck für T-Shirts: „Don’t stop me...“ steht vorne, „...stop the occupation“ auf der Rückseite. Dazu stecken wir die Regenbogen-Friedens-Fahne aus unserer Zentrale in Jerusalem mit ihrem arabischen Aufdruck „Salam“ (Friede) in unser Gepäck.
Vier aus unserer Gruppe haben sich entschlossen mit zu laufen bzw. mit zu walken, drei weitere kommen als (skeptische) Zuschauer mit. Alle singen mit, als wir samt Gitarre in unserem Mini-Van-Taxi den tiefsten Punkt der Erde erreicht haben und am Ufer entlangrollen. Startort ist das En Gedi Spa am südlichen Ende der Oase. Die Strecke führt auf der Uferstraße ausschließlich auf israelischem Territorium südlich fast bis zur ehemaligen Festung Masada und auf dem gleichen Weg zurück. Für die 10-km-Läufer und –Walker kommt der Wendepunkt schnell, für die Halbmarathon-Läufer entsprechend später. Eine bizarre Szenerie, die an diesem Morgen durch leichten Dunst noch ein wenig eintöniger wirkt als sonst. Das jordanische Ufer ist nicht zu sehen.
„Da muss man ganz schön Mut haben, wenn man solche T-Shirts anzieht“, meint eine aus unserer Begleitcrew. Tatsächlich ist uns ein bisschen mulmig als wir die gelben Trikots mit dem schwarzen Aufdruck „...stop the occupation“ überstreifen. Doch schon kommt der erste Fotograf und bittet uns, uns abwechselnd mit Gesicht und Rücken ihm gegenüber aufzustellen, damit er beide Text-Teile auf einem Bild hat: „Don’t stop me ... stop the occupation“ „Which occupation?“ fragt uns eine Israelin, wobei nicht ganz klar wird, ob sie nicht verstehen will oder kann. Ansonsten bekommen wir nur positive Reaktion. „You’re right!“ hören wir häufig. Auch eine Gruppe israelischer Araber, die einen der ihren unterstützen will, ist begeistert. Dem Lauf ging auch ein einwöchiges Seminar voraus, zu dem je sieben jüdisch-israelische, arabisch-israelische, westbank-palästinensische, jordanische und Sportler einzelner europäischer Nationen eingeladen waren. Von der Westbank bekamen allerdings die meisten keine Genehmigung nach En Gedi zu reisen. Trotzdem für mich ein Indiz, dass die Veranstalter, die Regional-Verwaltung von Tamar und eine Organisation mit dem englisch geschriebenem jiddisch-deutschen Titel „shvoong“, es ernst meinen mit dem Frieden, wenn auch unter israelischen Vorzeichen. Eine Schwierigkeit sei auch, erklärten sie mir bei einem der vielen Telefongespräche, dass Laufen unter Palästinensern viel weniger verbreitet sei.
Wir starten alle vier gemeinsam mit der Regenbogen-Fahne. Auch ich laufe mit, dreh nach kurzer Zeit samt Fahne wieder um für den etwas später angesetzten Halb-Marathon-Start. Das Rennen selbst gehe ich viel zu schnell an. Auch gibt es nichts zu essen. Sodass ich in der zweiten Hälfte einbreche und einige Zeit gehen muss. Vorteil: So sehen noch mehr Läufer unser T-Shirt. Irgendwann erreiche auch ich das Ziel und erhalte das sehr schöne Erinnerungs-T-Shirt, auf dem leider auch der getötete Soldat auf Hebräisch erwähnt wird. Eine Ahava-Tube findet sich in der Tüte für jeden Teilnehmer und bewährt sich später daheim, VW ist allerdings zweifellos der bedeutendere Sponsor, der amerikanische Sport-Schuh-Hersteller Saucony und das Ein Gedi Country weitere. Wir genießen den Rest des Tages auf dem Strand oder auf dem Wasser liegend oder zur Gitarre singend. Friedenslieder zu allermeist. Wir gehören zu den letzten Läufern, die das Bad verlassen. Mit gemischten Gefühlen. Weil ein kleiner Friedenslauf so viel von der scheinbaren Unmöglichkeit des Friedens vermittelt hat.

Teil 1
Vermehrung der Broteinheiten am See Genesaret
Retter beim tiefstgelegenen Marathonlauf der Welt


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Bitte beachten: Ich war von Dez. 2004 bis Feb. 2005 tätig im Auftrag des Evangelischen Missionswerks in Südwestdeutschland (EMS) als ein Ökumenischer Friedensdienstler für das Programm Ecumenical Accompaniment Programme in Palestine and Israel (EAPPI) des Weltkirchenrates (ÖRK). Diese Seite gibt nur meine persönlichen Ansichten wieder, die nicht unbedingt die des EMS und/oder des ÖRK sind. Wer diese Informationen verbreiten will unter Berücksichtigung des offiziellen Standpunkts der Organisationen, kann diese in Erfahrung bringen beim EMS-Koordinator oder beim EAPPI Communications Officer in englischer Sprache (eappi-co@jrol.com). Danke.