Ein Nebensatz ist mir noch in Erinnerung aus einer 30 Jahre
alten Wahlkampfrede von Jimmy Carter. Aus jener Kampagne, die ihn 1975/76
per Zug durch die USA zum Weißen Haus nach Washington führte. Er wolle sich
einsetzen für jene, “who cannot express themselves in strong terms as
national politics are shaped”. Ein Halbsatz aus einer Rede, die ich gegen
Ende meiner Schulzeit mal auswendig gelernt habe. Weil es ein Englisch war,
das mir gefiel. Von der Rhetorik und vom Inhalt. Und Jahrzehnte später geht
der kleine, gebeugte, 80 Jahre alte Friedensnobelpreisträger James Earl
Carter jr. durch die Gänge des päpstlichen Gästehauses Notre Dame in
Jerusalem um uns lebendigen Geschichtsunterricht in Sachen Friedenspolitik
zu geben und zu hören, was wir zu sagen haben über die, die sich in der
internationalen Politik nicht genügend Gehör verschaffen können.
Eine
halbe Stunde nimmt er sich Zeit. So lange hat er kurz zuvor wohl auch mit
Abu Mazen alias Mahmud Abbas gesprochen, am Tag nach dessen überwältigendem
Wahlsieg als Spitze der palästinensischen Autonomiebehörde. Von dort brachte
Carter die Erkenntnis mit: „Wir haben neuen Grund zur Hoffnung.“ Doch bevor
er das erläutert, hört er sich das Anliegen der 13 Jerusalemer Kirchenführer
an, mit denen er im großen Rund sitzt: syrisch-orthodox, russisch-orthodox,
griechisch-orthodox, griechisch-katholisch, römisch-katholisch,
armenisch-katholisch, armenisch, maronitisch, lutherisch, anglikanisch.
Schon 1972, bei seinem ersten Besuch als Governor von Georgia, hätten die
christlichen Führer von der Misshandlung des palästinensischen Volkes
gesprochen und dem Versuch, die Zahl der Christen zu verringen. Das ist auch
die Botschaft des lateinischen Patriarchen Michel Sabbah. Die Besetzung und
Unterdrückung der Palästinenser sei die Ursache für den Terror. Zwei Völker
mit drei Religionen, Judentum, Christentum und Islam, wollten alle den
Frieden, aber keiner habe bisher einen Weg gefunden. Sabbah hält es daher
für „die Pflicht der amerikanischen Regierung beiden Völkern Frieden und
Sicherheit zu bringen“.
Und Carter setzt an, um mit seinem Charisma den
Raum zu füllen. Die Stimme klingt vertraut von jenem Erdnuss-Farmer und
Friedensförderer, der selber sieben Jahre in der US-Navy diente, in seiner
Amtszeit den Umweltschutz und Minderheitenrechte voran brachte, und danach
nie müde wurde, für den Frieden in aller Welt und besonders im Nahen Osten
zu kämpfen. Er deutet an, im Hintergrund an den Oslo-Verträgen 1993
mitgewirkt zu haben, nennt sie „ein wirklich feines Ergebnis“. Jassir Arafat
habe damals „heldenhaft“ gehandelt. Der PLO-Führer sei ein Mensch gewesen,
der alles ihm mögliche für den Frieden getan habe. Obwohl er die letzten
dreieinhalb Jahre in „unwürdiger Gefangenschaft“ gehalten worden sei, sei er
dennoch für Gewalttaten verantwortlich gemacht worden.
Carter kritisiert
andere, vor allem die jetzige US-Regierung. Sie habe ihre ehemals „faire,
objektive und ausgeglichene Rolle“ in den Verhandlungen zwischen Israel und
seinen Nachbarn aufgegeben. Bush beuge sich ganz dem Wunsch des israelischen
Premierministers „zum Schaden der Palästinenser und zum Schaden ihrer
Hoffnungen auf die Zukunft“. Darüber hinaus hätten die USA mit der Besetzung
des Irak einen Tiefpunkt an „Anerkennung, Freundschaft und Bewunderung“
erreicht. Die günstigen Möglichkeiten nach dem 11. September 2001 für
uneingeschränkte Unterstützung im Kampf gegen den Terror, seien so vergeben
und verloren worden.
Dann zeichnet Carter seine klaren Vorstellungen von
einer endgültigen Friedenslösung: Israel müsse sich von einem wesentlichen
Teil der Westbank zurückziehen, die Rückkehr der palästinensischen
Flüchtlinge gelöst und die Verantwortung für Jerusalem – auch als Hauptstadt
der Palästinenser - geteilt werden: „All das ist kein Ding der
Unmöglichkeit.“ Es folgt lebendiger Geschichtsunterricht über seine Jahre
als US-Präsident, als er 1978/79 in Camp David einen Friedensvertrag
zwischen Israel und Ägypten zustande brachte. Sein Stolz: „Diese Verträge
sind niemals gebrochen worden.“ Und: Schon damals habe sich Israel zum
vollständigen Rückzug von der Westbank und aus dem Gasa-Streifen
verpflichtet. „Seitdem hat sich die Situation verschlechtert.“
Das
wissen die Bischöfe um ihn herum und die etwa ebenso große Zahl christlicher
Friedenskräfte, die mit am Tisch sitzen, nur allzu gut. Carter hört den
Freiwilligen aus Europa (Foto links) zu, die mit dem „Ecumenical
Accompaniment Programme in Palestine and Israel“ (EAPPI) des Weltkirchenrats
(ÖRK) im Land sind und den Verlauf der Präsidentschaftswahlen in der
Westbank beobachtet haben. Sie beschreiben die Schwierigkeiten, die eine
Beduinen-Familie am Wahltag wie im Alltag hat, weil sie jenseits der
Absperrung lebt, die Israel rund um die Westbank gebaut hat. Täglich werden
sie durch die Kontrollen der israelischen Soldaten an den Übergangsstellen
gedemütigt. Carter verurteilt das Bauwerk, eine Kombination aus Zaun und
einer bis zu neun Meter hohen Mauer: "Wir sollten das eine Trennmauer
nennen. Sie ist viel schlimmer als die Berliner Mauer. Die Berliner Mauer
wurde von den Kommunisten auf ihrem eigenen Land gebaut, um die Bürger
festzuhalten außerhalb der freien Welt. Diese Mauer hier wird gebaut auf
palästinensischem Land."
Und wieder bedauert er, dass Präsident Bush
seinen Einfluss auf den israelischen Premierminister, etwa zur Umsetzung des
jüngsten Fahrplans zu einer Friedenslösung, der Road Map, nicht geltend
mache. Doch der Baptisten-Prediger Carter, der Sonntag für Sonntag in seiner
650-Einwohner-Heimatgemeinde Plains in Georgia die Bibel auslegt, ist sich
sicher, dass anhaltendes Gebet gepaart mit Hoffnung, Mut, Vertrauen und
aktiver Unterstützung den Traum vom Frieden, von einem „Frieden in
Gerechtigkeit“ Wirklichkeit werden lasse.
Und dann muss Carter schon zum
nächsten Treffen. "Thank you, Mister President!" ruft der Amerikaner
Jonathan Frerichs vom ÖRK in Genf noch zwischen die zusammenfahrenden
Aufzugtüren im päpstlichen Gästehaus hinterher. Während im Saal der
lutherische Bischof Munib Younan die ökumenischen Friedens-Begleiter noch
aufruft: „Seid nicht pro-palästinensisch oder pro-israelisch! Seid für
Gerechtigkeit, für Frieden und für Versöhnung!“
Fotos
Nachwahl-Treffen
von Jimmy Carter mit Kirchenführern und dem EAPPI in Jerusalem
10. Jan. 2005
Wahlauszählung
in der Altstadt von Nablus
Wo Osama bin Laden und Yassir Arafat eine
Stimme bekommen
9. Jan. 2005
Überblick CHRIS &
EAPPI
Offizielle EAPPI-Homepage
Dies ist die private Homepage
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