CHRIS & EAPPI
Ecumenical Accompaniment Programme in Palestine and Israel (EAPPI) Dec. 2004 - Feb. 2005


Wahl Teil 4
Wahlauszählung in der Altstadt von Nablus

Wo Osama bin Laden und Yassir Arafat eine Stimme bekommen
9. Jan. 2005


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Es ist Ruhe eingekehrt in Wahllokal 1 der Khadir-Fatima-Schule am Rande der Altstadt von Nablus. Sorgsam abgeschirmt vom Sicherheitspersonal am Eingang soll die Wahlauszählung beginnen. Die Türen des Klassenzimmers werden verschlossen. Den ganzen Wahl-Sonntag über schoben sich fast mehr internationale Beobachter als Wähler durch dieses und viele andere Wahllokale der mit 120.000 Einwohnern größten Westbank-Stadt. Direkt nebenan, für westeuropäischen Geschmack ein bisschen nah, hat die lokale Fatah-Wahlkampftruppe ein Zelt aufgebaut (Foto links), rundum beflaggt mit Mahmud-Abbas-Plakaten, umgeben von Autos mit Mahmud-Abbas-Postern. Hat das dem aussichtsreichsten Kandidaten den letzten Schub gegeben? Jetzt sind wir in Wahllokal 1 die einzigen internationalen Beobachter. Die andern verbliebenen Internationalen verteilen sich in den Nachbarräumen 2 und 3. Wahllokal 4 und 5 bleiben international unbeobachtet. Genauer betrachtet haben wir über unser Ökumenisches Begleitprogramm für Palästina und Israel (EAPPI) vom Weltkirchenrat nicht einmal einen offiziellen Status. Aber wie schon den ganzen Tag über in den vielen Wahllokalen, meist in Schulen oder der An-Nadjah-Universität, freuen sich die Wahlkomitees über das internationale Interesse an einer Wahl, die als eine der wenigen freien Wahlen in der arabischen Welt gelten kann.
Da wird auch einer Delegation aus der Ukraine – „Wir haben sehr frische Wahl-Erfahrungen, gute wie schlechte.“ – gern der ganze Vorgang erklärt (Foto rechts). Von der Registrierung, die schon Wochen vor Arafats Tod angelaufen war, als Vorbereitung auf Kommunalwahlen und später auch Parlamentswahlen. Über die Tinte, die den Wählern vom Fingernagel aus ein Zentimeter lang über den Daumen gestrichen wird; geprüft von der EU und garantiert 72 Stunden nicht abwaschbar. Bis zu den vielen Riemen, die die Stimmzettelboxen aus milchigem Plastik versiegeln.
Eigentlich sollte die Wahl um sieben zu Ende sein. Aber über Radio, Fernsehen, Minarett und Handy gab die Wahlkommission bekannt, dass die Stimmabgabe bis neun Uhr verlängert werde. Weil vielerorts noch Fragen über Registrierung zu klären waren. Warteschlagen haben wir nirgends gesehen. Was an geringer Beteiligung oder an der Vielzahl der Wahllokale liegen kann. Das ist die erste Frage, die jetzt in Wahllokal 1 beantwortet wird: 432 von genau 700 Wahlberechtigten haben gewählt, macht 60 Prozent.
Eifrig notiert von den vier lokalen Wahlbeobachtern, die im Auftrag von Parteien oder Kandidaten neben uns sitzen. Ausgewiesen durch Plastikkarten an grünen Bändern um den Hals. Anfangs standen sie um den Tisch mit der Wahlurne und diskutierten mit über das weitere Vorgehen. Aber nur, bis die Oberaufseherin in der Khadir-Fatima-Schule auftauchte und alle Beobachter auf eine Stuhlreihe am Rande verbannte.
Jetzt beginnt die Auszählung. Eine Frau liest den angekreuzten Kandidaten laut vor, die nächste zeigt mit nie erlahmendem Gleichmut jeden einzelnen Zettel der Phalanx der Wahlbeobachter, bevor die dritte Dame den Zettel dem Packen des gewählten Kandidaten zuordnet. Und alle Männer notieren die Stimmen an der Tafel bzw. auf ihren Formularen. Anfangs kann der unabhängige Kandidat Mustafa Barghouthi, der besonders Intellektuelle anspricht und heftig gegen Korruption in der Autonomiebehörde gewettert hat, fast mit dem haushohen Favoriten und PLO-Vorsitzenden Mahmud Abbas mithalten. Die andern fünf Kandidaten spielen überhaupt keine Rolle. Einer muss fast eine Stunde warten, bis er seine erste und letztlich einzige Stimme verbuchen kann.
Wie vermutlich in den Wahllokalen in aller Welt bereiten die ungültigen Stimmen den Stimmzählern die meiste Unterhaltung. Viele Wähler haben mehrere Kandidaten angekreuzt, andere haben Kommentare zu ihrer Stimmabgabe verfasst. Auf einem Stimmzettel steht quer über alle Kandidaten in Arabisch: „Osama bin Laden“. Wenig später bekommt auch „Abu Amar“ alias Yassir Arafat eine natürlich ungültige Stimme. Am Ende summieren sich ungültige Stimmen und Enthaltungen in diesem Wahllokal auf fast zehn Prozent der Stimmen. Eine ganze Menge. Um 22.30 Uhr, anderthalb Stunden nach Wahlschluss, ist Mahmud Abbas dann auch hier der Sieger. Mit 224 Stimmen gegen 142 für Mustafa Barghouthi. Mehr als die Hälfte für den PLO-Vorsitzenden, ein Drittel für den unabhängigen Kandidaten. Alle Unterlagen werden feierlich versiegelt. Draußen fährt der ein oder andere kleinere Autokorso vorbei. Irgendwo wird aus Jubel in die Luft geschossen. Zumindest in dieser Nacht ist nicht mit israelischen Militäreinsätzen in der Stadt zu rechnen. Vor allem noch nicht mit der Vergeltung für den palästinensischen Anschlag auf ein Militärfahrzeug, bei dem am Freitag ein Soldat ums Leben kam und drei weitere verletzt wurden. Schließlich bleiben viele Wahlbeobachter über Nacht.



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Bitte beachten: Ich war von Dez. 2004 bis Feb. 2005 tätig im Auftrag des Evangelischen Missionswerks in Südwestdeutschland (EMS) als ein Ökumenischer Friedensdienstler für das Programm Ecumenical Accompaniment Programme in Palestine and Israel (EAPPI) des Weltkirchenrates (ÖRK). Diese Seite gibt nur meine persönlichen Ansichten wieder, die nicht unbedingt die des EMS und/oder des ÖRK sind. Wer diese Informationen verbreiten will unter Berücksichtigung des offiziellen Standpunkts der Organisationen, kann diese in Erfahrung bringen beim EMS-Koordinator oder beim EAPPI Communications Officer in englischer Sprache (eappi-co@jrol.com). Danke.