CHRIS & EAPPI
Ecumenical Accompaniment Programme in Palestine and Israel (EAPPI) Dec. 2004 - Feb. 2005


Wahl Teil 2
Die parteilose Afaf Shatara und die palästinensischen Kommunalwahlen


Wie eine christliche Schulleiterin einen Wahlsieg ohne Wahlkampf erringt
23. Dez. 2004


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„Erfolg ist schön“, sagt sie. Kein Zweifel, Afaf Shatara ist glücklich. Seit 30 Jahren leitet sie die Mädchenschule von Azzun mit heute 500 Schülerinnen und 28 Lehrerinnen - allesamt Muslima. Und jetzt haben ihr die Schülerinnen und Kolleginnen und der ganze Ort dieses Weihnachtsgeschenk gemacht - am 23. Dezember 2004, bei der ersten Kommunalwahl in den palästinensischen Autonomie-Gebieten. 861 Wählerinnen und Wähler von rund 2.000 haben für die Schul-Direktorin gestimmt. Nur einer hat ein paar Stimmen mehr bekommen. „Das heißt doch: die Leute mögen mich und schätzen meine Arbeit.“ So zieht sie als einzige unabhängige Kandidatin neben zehn Mitgliedern von Arafat’s Fatah in den elfköpfigen Gemeinderat ein.
Das sensationelle Ergebnis hat Afaf Shatara ohne jeden Wahlkampf erreicht. Auch am Wahltag nicht, als sie zum Wahllokal in ihre eigene Schule gehen musste. „Ich habe nur gewählt und bin sofort wieder gegangen.“ Vorbildliche Lehrerin auch in Sachen Demokratie. Und so kamen an diesem Heiligabend ihre muslimischen Nachbarn nicht nur, um ihr wie alljährlich ein frohes Weihnachtsfest zu wünschen, sondern vor allem um ihr zu diesem Ergebnis zu gratulieren. Und wie immer wurden sie mit selbst gebackenen Plätzchen bewirtet.
Nebenbei ist sie auch die einzige Frau, die es allein dank ihrer Stimmenzahl in den Gemeinderat geschafft hat. Eine zweite Lokalpolitikerin bekommt nur dank Frauenquote einen Sitz. Monatelang hatten Frauengruppen, unterstützt von internationalen Nicht-Regierungs-Organisationen wie dem Ecumenical Accompaniment Programme in Palestine and Israel (EAPPI) vom Weltkirchenrat, vor der Wahlbehörde in Ramallah für die Quote demonstriert. Erst sollten es 25 Prozent werden, dann 20, schließlich wurden es 16. Bedeutet für Azzun: Zwei der elf Gemeinderats-Sitze waren den Frauen garantiert. Afaf Shatara findet die Quote gut, aber das eigene Abschneiden besser. Zumal unter den Kommunal-Wählern schätzungsweise nur zehn Prozent Frauen waren. Und selbst dann, so glaubt sie, würden die Frauen von ihren Ehemännern oder von ihrem Bruder bei der Stimmabgabe angeleitet. „Die Männer bestimmen, wen die Frauen wählen. Wahlen sind eine Sache der Familie.“ Und sie sagt das so, wie fast alles, mit dem sichtbaren Bemühen um Neutralität, Verständnis und Toleranz. Sie ist sogar als Bürgermeisterin im Gespräch, will den Vollzeit-Job aber nicht. Sie möchte Direktorin ihrer Schule bleiben, wo die Tür zu ihrem Empfangs- und Arbeitszimmer weit offen steht. Ständig suchen die Lehrerinnen den Rat der Direktorin. Es ist Examenstag. Im 12. Schuljahr werden die Abschlussarbeiten in Arabisch geschrieben. Afaf Shatara hört geduldig zu und gibt jeder lächelnd eine knappe, präzise Antwort. Und lächelnd verlassen die Lehrerinnen das Zimmer wieder. „Beim letzten Examen waren wir unter den zehn besten Schulen der Westbank.“ Das ist ihr wichtig. Und, dass das neue Schulgebäude gut ausgestattet ist mit Computern, Laboratorien und Bücherei. Und dass sie als Unesco-Schule bevorzugt mit Informationsmaterial beliefert. Die Freundschaft mit einer Schule in Norwegen wird durch regelmäßige Besuche der Lehrerinnen gepflegt. Wie wär’s mit einer Partnerschaft mit einer israelischen Schule? „Nein, dafür ist jetzt nicht die richtige Zeit. Vielleicht in der Zukunft. Aber im Moment töten sie uns und zerstören unsere Häuser und unser Leben. Wie können wir da gute Beziehungen mit denen aufbauen? Wir sehen ja hier nur die Armee und nicht die Menschen, von denen sicher auch viele gut sind.“
Der Stellenwert, den die Palästinenser der Bildung beimessen, ist extrem hoch. Selbst in den kleinsten Dörfern gibt es Schulen mit qualifizierten Lehrern. Waren während der ersten Intifada (1987-1994) Schulen und Universitäten oft über lange Zeiträume geschlossen, so hat die palästinensische Verwaltung während der zweiten Intifada (seit 2000) viel unternommen, damit das Bildungssystem weiter funktioniert. Der Lehrplan ist verändert worden. Englisch wird neuerdings vom ersten Schuljahr an unterrichtet, was die ehemalige Englisch-Lehrerin Shatara besonders freut. Verändert hat sich auch die Kleidung der Mädchen. Die dunkelblaue Schuluniform verschwindet fast bei allen unter langen Gewändern. 90 Prozent der Schülerinnen tragen ein Kopftuch, so wie alle Lehrerinnen bis auf eine Ausnahme. „Das ist hier eine ländliche, sehr konservative Gegend“, erklärt Afaf Shatara. Unter einer Gruppe Schülerinnen am Schultor ist kaum eine bereit, einem Mann Auskunft über den Weg zum Lehrerzimmer zu geben. „Manche sind halt so erzogen. Wenn ihnen der Vater nicht erlaubt, mit Männern zu sprechen, dann tun sie das auch nicht.“
Die Schülerinnen stehen zu Beginn des Tages eine Minute lang und beten, wenn ein Einwohner als „Märtyrer“ gestorben ist. So werden alle bezeichnet, die in Auseinandersetzungen mit Israelis ums Leben gekommen sind. Sei es durch israelische Soldaten oder durch ein Selbstmord-Attentat. Wird das in den Klassen diskutiert? „Wir sollen uns nicht so sehr in die Politik einmischen.“ Dabei weiß sie genau, dass auch das Politik ist. Die Familien hier im Ort stammen zum großen Teil aus Haifa und Jaffa. Das ist ihre Heimat, die sie 1948 mit der Unabhängigkeit Israels verlassen haben. „Viele glauben, dass sie dorthin zurückkehren werden, wann auch immer das ist.“
Die eigene Familie lebt seit 1650 im Ort. Aber übrig geblieben sind nur sie, ihr Bruder und dessen Frau, mit denen sie zusammenlebt. Die drei Katholiken sind die einzigen Christen in dem 10.000-Einwohner-Ort. Die nächste Kirchengemeinde ist in Nablus. Bis zum Beginn der Intifada sind sie sonntags meist dort zur Kirche gefahren. Inzwischen liegen dazwischen mehrere israelische Checkpoints, vor allem der gefürchtete Hwara-Checkpoint am Ortseingang von Nablus. Seitdem beten sie, wenn sie beten, eben zu Hause. Die kirchliche Infrastruktur auf dem Land wird immer dünner. Zuletzt zogen 1992 ein Onkel und eine Tante von Azzun nach Ramallah. „Die Christen verlassen das Land, weil sie in den Städten wohnen wollen, in der Zivilisation“, meint Shatara. Doch der Umzug nach Nablus oder Ramallah ist häufig nur der erste Schritt im unaufhaltsamem Exodus der Christen aus dem Heiligen Land. Der nächste führt nach Amman, Syrien oder in den Libanon und häufig darüber hinaus nach Amerika oder Europa. Lebten vor ein paar Jahrzehnten noch 60 getaufte Shataras in Azzun, so ist die Verwandschaft heute zerstreut in Michigan, Frankreich, Berlin, Jordanien und Palästina. Afaf ist geblieben. Genauer gesagt immer wieder gekommen von Reisen nach Malaysia, Rumänien, Marokko, Italien: Rom, Mailand, Venedig. Sehr gut kennt sie die USA. „Die Amerikaner sind sehr nett. Aber sie machen eine sehr schlechte Politik. Sie stehen immer auf der Seite der Israelis.“ Und die sind ihr viel zu mächtig. Es gelte der Grundsatz, dass die Mächtigen das Recht bestimmen. „Might is right. Wir hoffen, dass das besser wird.“ Große Hoffnung ist da kaum herauszuhören.
Und unterstützt sie einen der zehn Kandidaten, die am 9. Januar bei der Wahl des Nachfolgers von Yassir Arafat als Präsident der Palästinensischen Autonomiebehörde konkurrieren? Ja. Aber wen, das behält sie für sich.


Wahl Teil 1
Wie Afaf Shatara gewählt wurde:
Palästinensische Kommunalwahl mit Frauenquote
Von Christinnen, Kommunistinnen und Muslima in einer arabischen Demokratie
23. Dez. 2004


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Bitte beachten: Ich war von Dez. 2004 bis Feb. 2005 tätig im Auftrag des Evangelischen Missionswerks in Südwestdeutschland (EMS) als ein Ökumenischer Friedensdienstler für das Programm Ecumenical Accompaniment Programme in Palestine and Israel (EAPPI) des Weltkirchenrates (ÖRK). Diese Seite gibt nur meine persönlichen Ansichten wieder, die nicht unbedingt die des EMS und/oder des ÖRK sind. Wer diese Informationen verbreiten will unter Berücksichtigung des offiziellen Standpunkts der Organisationen, kann diese in Erfahrung bringen beim EMS-Koordinator oder beim EAPPI Communications Officer in englischer Sprache (eappi-co@jrol.com). Danke.