„Margarate Rai“ (Foto links) schreibt sie mangels Visitenkarte
auf meinen karierten A6-Spiral-Notizblock von Herlitz. Wie eine
feministische Heiligenerscheinung entdeckte ich sie unter zwanzig Männern in
dem palästinensischen Wahllokal, einem kleinen Klassenzimmer: allesamt
einheimische Wahlbeobachter, die akribisch jede Bewegung des fünfköpfigen
Wahlkomitees verfolgen. Von der männlichen Bauernwelt des Westbank-Ortes
Azzun, 20 km östlich von Tel Aviv, hebt sie sich ab durch ihre Frisur, ihre
Brille, ihren Blick. Durch alles. Und durch ihren Vornamen: Margarate. Ist
sie Christin oder Muslimin? Blitzschnell die Antwort: „Kommunistin!“
Es
ist kurz vor 19 Uhr. Eigentlich müsste das Wahllokal gleich schließen. Doch
aus drei verschiedenen Gängen drängen die Wähler unverändert auf die beiden
Polizisten an der Klassentür zu. Genauer betrachtet drängeln die beiden
Männerreihen, die Schlange für die Frauen ist sehr kurz und wird bevorzugt
behandelt. Wenig Wählerinnen. Margarate Rai ist enttäuscht. Und bestärkt,
wie wichtig ihre Arbeit als politische Aktivistin mit Frauengruppen in Azzun
und Umgebung ist. Vor allem junge Frauen will sie für eine streitende
Zivilgesellschaft gewinnen.
Und immerhin:
sechs Frauen sind unter den 28 Kandidaten auf dem Wahlzettel, die der
Wahllokal-Leiter einen nach dem andern vom Block reißt. Margarate Rai hofft,
dass es drei Frauen schaffen werden. Zwei sind auf jeden Fall im Gemeinderat
– dank der Frauenquote. Monatelang haben sie vor der Wahlbehörde in Ramallah
dafür demonstriert. Gemeinsam mit Aktivistinnen von ausländischen
Nichtregierungs-Organisationen, wie dem Ecumenical Accompaniment Programme
in Palestine and Israel (EAPPI) des Weltkirchenrats. Erst sollte es 25
Prozent Quotenfrauen geben, dann 20, schließlich bekamen die Frauen 16
Prozent der Sitze garantiert.
Heißt bei elf Sitzen in Azzun: zwei Frauen
kommen durch an diesem 23. Dezember 2004. Die erste Kommunalwahl seit 1976.
Ein demokratischer Neuanfang. Obwohl auch heute nur in ausgewählten Orten
der palästinensischen Autonomiegebiete gewählt wird. In jenen Orten, in
denen sich Arafat’s Fatah Chancen auf den Sieg ausrechnet. Die Ergebnisse
sollen zum Rückenwind werden für den Fatah-Kandidaten Mahmud Abbas alias Abu
Mazen, der am 9. Januar zu Arafats Nachfolger gewählt werden will.
Ist Abu Mazen der
richtige, um endlich das Ziel der Unabhängigkeit Palästinas, der Befreiung
von der israelischen Besatzung zu erreichen? Darüber reden hier alle. In den
Räumen der Schule und drum herum diskutieren, debattieren, streiten die
Männergruppen. Nach dem langen, quälenden Ende von Arafat herrscht
Aufbruchstimmung. Politisiert sind die Menschen durch den alltäglichen Kampf
mit den Demütigungen der Besatzung sowieso. Hier werden die Meinungen
leidenschaftlich ausgetragen, stoßen die Optionen von Islamismus und
Demokratie aufeinander: Hamas, Jihad, PLO, Fatah, Ökologen, Sozialisten. Und
eben Margarate Rai. Sie ist Mitglied der PFLP. Auf Deutsch: „Volksfront zur
Befreiung Palästinas“. Das klingt mehr nach Terrorismus der 70er Jahre.
Davon distanziert sich die Frau mit dem arabischen Taschenkalender der
Friedrich-Ebert-Stiftung in der Hand. Ja, früher hätten sie sich an Moskau
orientiert, jetzt dächten sie mehr an einen arabischen Kommunismus. Moscheen
und Kirchen würden sie keinesfalls verbieten. Wichtig seien Verstaatlichung
und Gleichberechtigung der Frauen. Vor allem: Keine Verhandlungen mit
Israel. Kampf.
Ihr Wahlprogramm in Kurzfassung wird unterbrochen von einem
rückwärts ins Klassenzimmer laufenden Kameramann. Er filmt Basam Sawalhe
(links im Foto rechts), einen der neun Kandidaten, die am 9.1. gegen Abu
Mazen antreten werden. Der Wahllokal-Leiter komplimentiert ihn samt Gefolge
sofort aus dem überfüllten Klassenzimmer. Wahlkampf im Wahllokal verboten.
Dieser demokratische Ernst. Drei Plakate an der Tafel verkünden: Rauchen
verboten. Handy verboten. Schießen verboten. Auf einem Plakat an der
gegenüberliegenden Wand rollt ein Panzer mit Davidstern über vermutlich
palästinensische Blumen. Unermüdlich erläutert der Leiter jedem den
Wahlzettel.
Um 19:27 Uhr hat auch der letzte Wähler den gefalteten
Zettel in die Urne geworfen. Feierlich wird an diesem Vorabend von
Heiligabend eine Kerze angezündet. Der Leiter träufelt sechs Wachstropfen
rund um den Stimmzettel-Schlitz, der dann mit einem Blatt Papier versiegelt
wird. Nur für die paar Minuten, die das Wahlkomitte braucht, um die Anzahl
der abgegebenen Stimmen zu summieren. Und mit der Anzahl der übrig
gebliebenen Stimmzettel abzugleichen. Stimmt. Von 1235 Wahlberechtigten
haben 411 gewählt, 824 Stimmzettel sind übrig. Angesichts von geschätzten
zehn Prozent Frauen-Wähler-Anteil immerhin eine männliche Wahlbeteiligung
von etwa zwei Dritteln.
Vor dem Öffnen
der Wahlurne verschwinden alle überflüssigen Stifte, Papiere und sonstige
Schreibwaren in einer schwarzen Plastiktüte. Auch das Schloss ist versiegelt
(Foto unten). Zu viel rotes Wachs ist darin versiegt. Der Schlüssel kann
erst mit Hilfe eines Messers wieder greifen. 411 Stimmzettel gleiten auf die
Tischfläche (Foto links). Auf den DIN-A-0-Bögen der Palestinian Authority
beginnen die langen Spalten für die Kandidaten sich mit Strichen zu füllen.
Die Wähler konnten bei der Personenwahl bis zu elf Kandidaten ankreuzen. Die
Auszählung dauert entsprechend lang.
Am nächsten Tag,
Heiligabend-Morgen, rufe ich Margarate Rai an. Wie hat der Kandidat der PFLP
abgeschnitten? Unter ferner liefen. Und die Frauen? Muss die Frauenquote
helfen? Ja, eine Frau rutscht dank Quote in den Gemeinderat. Die
Überraschung aber: Eine andere Frau, Schul-Direktorin Afaf Shartana, eine
Christin, belegt den zweiten Platz unter den 28 Kandidaten. Und wird
vielleicht vom neuen Gemeinderat zur Bürgermeisterin gewählt. Aber das ist
eine andere Geschichte...
Die parteilose
Afaf Shatara und die palästinensischen
Kommunalwahlen
Wie eine
christliche Schulleiterin einen Wahlsieg ohne Wahlkampf erringt
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