CHRIS & EAPPI
Ecumenical Accompaniment Programme in Palestine and Israel (EAPPI) Dec. 2004 - Feb. 2005


Wahl Teil 3
Palästinenser-Präsident mit Power-Orange und Power-Point


Mustafa Barghouthi auf Wahlkampftour im Westbank-Dorf Jayyous
10. Dez. 2004

Erst sollte er um zwei Uhr kommen, dann eine halbe Stunde später, schließlich recht bald. Es ist kurz nach vier als Präsidentschaftskandidat Dr. Mustafa Barghouthi auch den letzten Westbank-Checkpoint der Israelis mit seiner Karawane samt Krankenwagen hinter sich gelassen hat. Zwei Tage zuvor ist er noch von israelischen Soldaten am Jaba-Checkpoint bei Jenin krankenhausreif geschlagen worden. Davon ist nichts mehr zu merken. Händeschüttelnd erklimmt der smarte, sportliche Mann mit kleiner Palästinenserfahne am Jackett die Treppen zum Versammlungssaal im ersten Stock des Charity-Hauses von Jayyous, einem kleinen Dorf direkt an der umstrittenen Mauer, 20 km nordöstlich von Tel Aviv. In der letzten Reihe geht er auf die drei Ausländer zu. Begrüßt sie mit "How are you?" Die Stimmung im Saal ist familiär. Man(n) kennt sich, Frauen sind nicht gekommen. 200 Zuhörer bei 1.700 Männern im Ort sind eine respektable Quote, zumal Barghouthi als aussichtsloser Kandidat gilt, im Gegensatz zu seinem von den Israelis auf fünf mal lebenslänglich plus 40 Jahre Haft verurteilten Konkurrenten Marwan Barghouthi. Viele müssen stehen, für die lange Verspätung haben sie Verständnis, kennen sie aus ungezählten eigenen Erlebnissen mit permanenten und fliegenden Checkpoints in der Westbank.

Zuallererst wird Abu Amar, alias Arafat, mit einer Schweige-Gebetsminute bedacht. Dann ist er Geschichte. Barghouthi trägt Anzug und Krawatte. Es fallen Worte wie Oslo, Camp-David und Al Quds, alias Jerusalem, was den größten Applaus hervorbringt. Ein Junge verteilt kostenlos Limo-Dosen der Marke Power-Orange. Ebenso überraschend: Während der Kandidaten-Rede wird auf die recht kleine und von Honoratioren überladene Bühne eine ziemlich herkömmliche Dialeinwand bugsiert. Ein Projektor wandert ebenso auf den Tisch vor dem redenden Präsidentschaftskandidaten wie ein Notebook. Minutenlang ist auf blauem Hintergrund "Liesegang Multimedia Proiettore" zu lesen, bevor ein Computer-Bildschirm für amerikanische Dell-Hardware wirbt.
Die Rede geht zu Ende und es gibt kurzen, wohlwollenden Applaus. Auf der Leinwand herrscht immer noch Dell. Jetzt dürfen erst mal Fragen gestellt werden. Als jemand wissen will, wie wichtig dem Kandidaten das Recht der vertriebenen Palästinenser auf Rückkehr in ihre Heimat ist, wird kräftig geklatscht. Bald gehen die Fragen unauffällig in eine zweite Barghouthi-Rede über. Mit der linken Hand steuert er dabei eine Funkmaus durch sein Notebook. Womöglich ist er weltweit der einzige Präsidentschaftskandidat, der fehlerfrei eine Wahlkampfveranstaltung mit Power-Point-Präsentation präsentieren kann. Sie zeigt Karten des deprimierenden Wegs vom UN-Teilungsplan 1947 über die Lage nach dem Sechs-Tage-Krieg 1967, den Barak-Plan von 2000 bis zur heutigen Realität durch Scharons Mauerbau und Siedlungspolitik.

Besonders geht Barghouthi auf die Lage in und um Jayyous ein. Der Ort ist durch den israelischen Zaun-Bau um die Westbank fast von seiner gesamten Ackerbaufläche abgeschnitten. Vier Mal am Tag wird das Tor im unter Strom stehenden Zaun von Soldaten geöffnet. Sie prüfen die Genehmigung der Passanten. Und entscheiden häufig willkürlich. Am Mittag wurden am Nord-Tor des Dorfes zwei Kinder, die in aller Regel durchgelassen werden, zurückgeschickt. Weil sie keine Ausweispapiere haben (können). Die Preise für die Lebensmittel, die Bauern trotz der schwierigen Bedingungen ernten können, sind ins Bodenlose gefallen, weil durch die vielen israelischen Beschränkungen und Kontrollen längere Transport-Wege nicht mehr genutzt werden können. Trotzdem verbreitet Barghouthi Selbstbewusstsein ohne Militanz. Noch während er spricht wird das Power-Point-Equipment abgebaut. Der Kandidat trinkt aus der Saft-Flasche. Die Karawane zieht weiter. Nach genau einer Stunde Wahlkampf in Jayyous. Ich ziehe zu unserm Häuschen. Vorbei an zwei Plakaten, die die "Märtyrer" des Dorfes zeigen. So werden alle genannt, die in direkter Auseinandersetzung mit Israel ums Leben gekommen sind: Selbstmord-Bomber ebenso wie die, die von Israelis gezielt oder nicht gezielt getötet wurden. Zwei davon kamen bisher aus Jayyous: Einer hat mit einem Selbstmordkommando in Haifa weitere fünf Menschen in den Tod gebombt, der andere wurde in Tulkarem von israelischen Soldaten erschossen. Wie viele palästinensische Welten liegen zwischen diesen Plakaten und dem smarten Kandidaten!?




Wahl Teil 4
Wahlauszählung in der Altstadt von Nablus
Wo Osama bin Laden und Yassir Arafat eine Stimme bekommen
9. Jan. 2005


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Bitte beachten: Ich war von Dez. 2004 bis Feb. 2005 tätig im Auftrag des Evangelischen Missionswerks in Südwestdeutschland (EMS) als ein Ökumenischer Friedensdienstler für das Programm Ecumenical Accompaniment Programme in Palestine and Israel (EAPPI) des Weltkirchenrates (ÖRK). Diese Seite gibt nur meine persönlichen Ansichten wieder, die nicht unbedingt die des EMS und/oder des ÖRK sind. Wer diese Informationen verbreiten will unter Berücksichtigung des offiziellen Standpunkts der Organisationen, kann diese in Erfahrung bringen beim EMS-Koordinator oder beim EAPPI Communications Officer in englischer Sprache (eappi-co@jrol.com). Danke.