Erst sollte er um zwei Uhr kommen, dann eine halbe Stunde später,
schließlich recht bald. Es ist kurz nach vier als Präsidentschaftskandidat
Dr. Mustafa Barghouthi auch den letzten Westbank-Checkpoint der Israelis mit
seiner Karawane samt Krankenwagen hinter sich gelassen hat. Zwei Tage zuvor
ist er noch von israelischen Soldaten am Jaba-Checkpoint bei Jenin
krankenhausreif geschlagen worden. Davon ist nichts mehr zu merken.
Händeschüttelnd erklimmt der smarte, sportliche Mann mit kleiner
Palästinenserfahne am Jackett die Treppen zum Versammlungssaal im ersten
Stock des Charity-Hauses von Jayyous, einem kleinen Dorf direkt an der
umstrittenen Mauer, 20 km nordöstlich von Tel Aviv. In der letzten Reihe
geht er auf die drei Ausländer zu. Begrüßt sie mit "How are you?" Die
Stimmung im Saal ist familiär. Man(n) kennt sich, Frauen sind nicht
gekommen. 200 Zuhörer bei 1.700 Männern im Ort sind eine respektable Quote,
zumal Barghouthi als aussichtsloser Kandidat gilt, im Gegensatz zu seinem
von den Israelis auf fünf mal lebenslänglich plus 40 Jahre Haft verurteilten Konkurrenten Marwan
Barghouthi. Viele müssen stehen, für die lange Verspätung haben sie
Verständnis, kennen sie aus ungezählten eigenen Erlebnissen mit permanenten
und fliegenden Checkpoints in der Westbank.
Zuallererst wird Abu Amar, alias Arafat, mit einer
Schweige-Gebetsminute bedacht. Dann ist er Geschichte. Barghouthi trägt
Anzug und Krawatte. Es fallen Worte wie Oslo, Camp-David und Al Quds, alias
Jerusalem, was den größten Applaus hervorbringt. Ein Junge verteilt
kostenlos Limo-Dosen der Marke Power-Orange. Ebenso überraschend: Während
der Kandidaten-Rede wird auf die recht kleine und von Honoratioren
überladene Bühne eine ziemlich herkömmliche Dialeinwand bugsiert. Ein
Projektor wandert ebenso auf den Tisch vor dem redenden
Präsidentschaftskandidaten wie ein Notebook. Minutenlang ist auf blauem
Hintergrund "Liesegang Multimedia Proiettore" zu lesen, bevor ein
Computer-Bildschirm für amerikanische Dell-Hardware wirbt.
Die Rede geht
zu Ende und es gibt kurzen, wohlwollenden Applaus. Auf der Leinwand herrscht
immer noch Dell. Jetzt dürfen erst mal Fragen gestellt werden. Als jemand
wissen will, wie wichtig dem Kandidaten das Recht der vertriebenen
Palästinenser auf Rückkehr in ihre Heimat ist, wird kräftig geklatscht. Bald
gehen die Fragen unauffällig in eine zweite Barghouthi-Rede über. Mit der
linken Hand steuert er dabei eine Funkmaus durch sein Notebook. Womöglich
ist er weltweit der einzige Präsidentschaftskandidat, der fehlerfrei eine
Wahlkampfveranstaltung mit Power-Point-Präsentation präsentieren kann. Sie
zeigt Karten des deprimierenden Wegs vom UN-Teilungsplan 1947 über die Lage
nach dem Sechs-Tage-Krieg 1967, den Barak-Plan von 2000 bis zur heutigen
Realität durch Scharons Mauerbau und Siedlungspolitik.
Besonders geht Barghouthi auf die Lage in und um Jayyous ein. Der
Ort ist durch den israelischen Zaun-Bau um die Westbank fast von seiner
gesamten Ackerbaufläche abgeschnitten. Vier Mal am Tag wird das Tor im unter
Strom stehenden Zaun von Soldaten geöffnet. Sie prüfen die Genehmigung der
Passanten. Und entscheiden häufig willkürlich. Am Mittag wurden am Nord-Tor
des Dorfes zwei Kinder, die in aller Regel durchgelassen werden,
zurückgeschickt. Weil sie keine Ausweispapiere haben (können). Die Preise
für die Lebensmittel, die Bauern trotz der schwierigen Bedingungen ernten
können, sind ins Bodenlose gefallen, weil durch die vielen israelischen
Beschränkungen und Kontrollen längere Transport-Wege nicht mehr genutzt
werden können. Trotzdem verbreitet Barghouthi Selbstbewusstsein ohne
Militanz. Noch während er spricht wird das Power-Point-Equipment abgebaut.
Der Kandidat trinkt aus der Saft-Flasche. Die Karawane zieht weiter. Nach
genau einer Stunde Wahlkampf in Jayyous. Ich ziehe zu unserm Häuschen.
Vorbei an zwei Plakaten, die die "Märtyrer" des Dorfes zeigen. So werden
alle genannt, die in direkter Auseinandersetzung mit Israel ums Leben
gekommen sind: Selbstmord-Bomber ebenso wie die, die von Israelis gezielt
oder nicht gezielt getötet wurden. Zwei davon kamen bisher aus Jayyous:
Einer hat mit einem Selbstmordkommando in Haifa weitere fünf Menschen in den
Tod gebombt, der andere wurde in Tulkarem von israelischen Soldaten
erschossen. Wie viele palästinensische Welten liegen zwischen diesen
Plakaten und dem smarten Kandidaten!?

Wahlauszählung
in der Altstadt von Nablus
Wo Osama bin Laden und Yassir Arafat eine
Stimme bekommen
9. Jan. 2005
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