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VG WORTTour 67 - Teil 2: Ronda - Tarifa / Casablanca - Melilla (1016 km)


20. Dez. 2013 Sol Invictus: Sonnenuntergang mit Ridgeback Rapide Velocity im Atlantik am nordwestlichen Punkt Afrikas, dem Cap Spartel
20. Dez. 2013 Sol Invictus: Sonnenuntergang im Atlantik am nordwestlichen Punkt Afrikas, dem Cap Spartel

20. Dez. 2013 Sol Invictus: Sonnenuntergang mit Ridgeback Rapide Velocity im Atlantik am nordwestlichen Punkt Afrikas, dem Cap Spartel

Bike-Blog & Routen-Karte & Etappen-Übersicht
Ronda - Tarifa / Casablanca - Melilla (16.-25.12.2013)
Sonnenwende an der marokkanischen Atlantik- und Mittelmeerküste

Früher als erhofft kam die Möglichkeit, den Torso gebliebenen ersten Teil der Tour zu ergänzen. Allein allerdings. Mit demselben Rad von bike2malaga schließt sich die andalusische Lücke von Ronda bis Gibraltar. Ich radle bis zum südlichsten Punkt: Tarifa. Von dort geht es per Fähre und Bus nach Casablanca. Um von dort die nördliche Atlantik- und Mittelmeerküste von Marokko zu beradeln.

Teil 1
Malaga - Gibraltar / Ronda - Malaga (218 km) Nov. 2013
Sonnige November-Tage an der andalusischen Küste


Die Tour bei YouTube


Unsere besten Fotos und Videos der Tour als Film


Chris und Vladimir vor bike2malaga; Foto: AnastasiaDoppeltes Pech: Schlüssel weg und Schloss zu
Samstag, 14. Dezember 2013: Hahn - Flug - Malaga - Zug - Ronda

Vieles ist relaxter, wenn man es erst wenige Wochen zuvor gemacht hat. Beim Ausstieg aus dem Bus in Malaga laufe ich schon Vladimir und Anastasia von bike2malaga übern Weg. Ich bekomm dasselbe Rad wie im November (Foto links) - mit reparierter Speiche und neuen Schläuchen. Alles geht wie immer ruckzuck. Auch am Bahnhof (Foto unten). Die Strecke nach Bobadilla ist phantastisch. Phasenweise rauscht der Zug durch atemberaubende Schluchten und schon wird er vom nächsten Tunnel verschluckt.
Im Bahnhof von Bobadilla installiere ich Fahrrad-Computer (mein Magnet ist noch vom letzten Mal in den Speichen) und den neuen Halter für die Ortlieb-Lenkertasche. Leider fallen mir die Schlüssel auf den bunten Kacheln im Bahnhof am Ende nicht mehr auf. Ich lasse sie liegen. Und kann eine Stunde später im Hotel in Ronda die Lenkertasche nicht mehr entfernen. Doppeltes Pech: Schlüssel weg und Schloss zu. Muss ich alles einzeln rauskramen aus der Lenkertasche.
Ronda ist weihnachtlich erleuchtet (Foto unten). Die beiden wichtigsten Kirchen am späten Abend noch geöffnet. Und die Läden, Lokale, das Leben. Es ist zwei, drei Grad kälter als bei unserer Stippvisite vor genau einem Monat.


Ridgeback Rapide Velocity im Bahnhof von Malaga
Im Bahnhof von Malaga

Weihnachtsbeleuchtung in Ronda, Andalusien
Weihnachtsbeleuchtung in Ronda


Ortlieb-Lenkertaschenhalter-Schlüssel auf Azulejos im Bahnhof von Bobadilla Schlüsseltag
Dritter Adventssonntag, 15. Dezember 2013: Ronda - Zug - Bobadilla - Zug - Ronda

Ich könnte den Schlüssel zum Lenkertaschenhalter Schlüssel sein lassen. Aber dann müsste ich die Lenkertasche immer am Lenker lassen und könnte am Ende vermutlich den Halter gar nicht mehr vom Lenker lösen. Ich checke die Zugverbindungen zurück nach Bobadillo und stehe kurz nach halb acht am Bahnhof. Meine Idee: den Mann am Schalter, der ähnlich beschäftigungslos ist wie der in Bobadilla, dazu zu bewegen, seinen Kompagnon in Bobadillo nach meinem Schlüssel schauen zu lassen und ihn am besten mit dem nächsten Zug nach Ronda zu transferieren. Dann wäre um 9.17 Uhr alles gut. Aber er mag nicht mal dort anrufen. So muss ich selber hinfahren. In der Ungewissheit, ob der Schlüssel überhaupt noch dort ist. Er liegt genau dort, wo ich ihn vermutet habe: auf den Azulejos-Kacheln des Fensterbretts (Foto rechts). Das dumme nur: der nächste Zug fährt erst in zwei Stunden. Urplötzlich wird mir übel. Kehrt meine andalusische Krankheit zurück. Ich halt mich halbwegs auf den Bänken in- und außerhalb der Bahnhalle und später auf dem Sitz des Zuges. Dann kehre ich in meine Pension zurück. Dieser Tag wird kein Radtag mehr. Erst am späten Nachmittag mache ich eine Ronda-Promenade (Fotos unten) mit einem Weihnachtslieder-Straßenkonzert (YouTube-Filme unten).


El Tajo: Die Schlucht von Ronda
El Tajo: Die Schlucht von Ronda

Stilisierter Stier vor Stierkampfarena von Ronda
Stilisierter Stier vor der Stierkampfarena von Ronda




Weihnachtslieder in der Fußgängerzone von Ronda



Weiße Dörfer in Andalusien: Blick auf AlgatocinFahrradausfahrt auf der Autobahn
Montag, 16. Dezember 2013: Ronda - Puerto de Encinas Borrachas (1006 m) - Algeciras - Tarifa (125 km)

Ich bin wieder fit. Stelle aber fest, dass ich versehentlich keine richtige Windstopper-Jacke dabei habe. Zwei Neon-Teile habe ich vor kurzem bei Aldi gekauft. Eine wärmt richtig, die andere mehr symbolisch. Die hab ich dabei. Egal. Es ist ja immerhin so um die zehn Grad. Es geht zum Warmwerden auch direkt rauf auf einen Pass, den Puerto de Encinas Borrachas (1006 m). Wolken ziehen auf. Wind weht. Das stand nicht im Prospekt. Nach dem Pass ist vor dem Pass. Immer wieder geht's ein bisschen hinauf. Die weißen Dörfer erhaschen gelegentlich einen Sonnenstrahl (Foto links: Algatocin). Dann die lange Abfahrt. Es wird ein bisschen wärmer. Beim Bahnhof von San Roque - La Linea schließt sich der Kreis zu unserer November-Tour. Frage nur: Fahre ich diesmal die Autovia über die beiden großen Brücken, oder mache ich einen riesigen Umweg auf kleineren Straßen, um nach Algeciras zu kommen. Im Restaurant an der Straße ist das Votum eindeutig: einfach mal Autobahn fahren. Ob das erlaubt sei? Komische Frage, ein bisschen rechts halten halt.
Ich bin müde genug, um diesem Rat gern zu folgen. Rauf auf die mit Autobahn-Schild geschmückte Auffahrt. Es gibt tatsächlich meist einen schmalen Seitenstreifen. Nur einer hupt. Ist das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen? Die erste Ausfahrt nach der ersten Brücke reizt nicht so recht zum Rausfahren. Man kann nicht erkennen, ob bis zum nächsten Fluss eine Parallel-Straße zur Autovia existiert. Dann ein Autobahn-Dreieck. Das ist unangenehm. Überhaupt sind Autobahnauffahrten die größte Gefahr. Gleich eine ganze Autobahn. Die Überraschung: eine offizielle Fahrradausfahrt führt von der Autobahn ab (Foto rechts). Legalized it.

CARRIL BICI: Fahrrad-Ausfahrt auf der Autovia bei Algeciras Die Ausfahrt weist über kleine Straßen unter dem Autobahn-Dreieck hindurch. Dann geleiten die Fahrradschilder wieder auf die Autobahn, die aber bald zur Schnellstraße wird. Und auf der Höhe durch Algeciras führt. Noch höher geht's auf der Straße nach Tarifa. Die Fähren von Algeciras steuern inzwischen den neuen Hafen Tanger Med an, der 40 Kilometer östlich von Tanger liegt. Das passt mir nicht. Außerdem will ich nach Tarifa: südlichster Punkt Spaniens, der Ort Europas, der Afrika am nächsten liegt.
Ein Freak mit Schlafsack auf seinem Rennradgepäckträger liegt deutlich vor mir. Steigt aber immer wieder vom Rad ab, schiebt, wenn es aufwärts geht. Selbst, wenn die Steigung sich sehr in Grenzen hält. Die Straße führt auf zwei kurz aufeinander folgende "Pässe" mit 320 und 340 Metern Höhe. Wenige Meter vor dem letzten Pass kann ich den Freak überholen. Auch wenn mich der rechte Unter-Oberschenkel schon eine Weile zwickt. Außerdem auf der Höhe: eine Armada von Windrädern. Tarifa ist ein Wind-Nest. Also: Windsurfer-Paradies. "Costa del Windsurf", wie man am Straßenrand lesen kann.
Zig Hostels werben um Gäste, ich düse erst mal zu den Fähren durch. Zwei Unternehmen kämpfen hier mit fast den gleichen Preisen um Kunden. Etwa 35 Euro kostet die Überfahrt, FRS will 15 Euro zusätzlich fürs Fahrrad haben, Intershipping nichts. Und die fahren morgen um acht. Ideal. Vom Hostal Melting Pot, seit gestern in der tiefsten Nebensaison, kämpfe ich mich durch den Wind zum Strand, wo unentwegte Kitesurfer und Surfbrett-Artisten Wind und Wellen abpassen (YouTube-Filme unten).
Beim Fähren-Ticketkauf seh ich den Freak-Fahrer später in der Wartehalle mit kleinem Rucksack und Schlafsack auf dem Gepäckträger. Denis heißt er, 45 Jahre, kommt aus Litauen, "born in the USSR". Zuletzt habe er in England gearbeitet. Glaubt irgendwie an den Kommunismus und die allgemeine Manipulation. Jetzt ist er auf dem Weg nach Cadiz zum Überwintern. Vielleicht fährt er noch in die Nacht. Immer mit Energy Drinks. Auch er legt übrigens Wert darauf, unser 20-Kilometer-Rennen gewonnen zu haben. Bei der Abfahrt habe er mich doch wieder überholt...
Dann esse ich noch Fisch in der Pescaderia von Tarifa. Die Besitzer, Cecilia und Victor, haben wir im vergangenen Jahr in Marokko kennengelernt. Leider sind sie momentan in Argentinien. Der Fisch ist exzellent. Im Melting Pot kreisen die marokkanischen Joints. Gute Nacht.



Kite-Surfer am Strand von Tarifa


Rundumblick am Strand von Tarifa mit Wellenreitern


Approaching Kite-Surfer


Ankunft bei düsteren Wolken mit der Fähre von Tarifa im Hafen von Tanger
Ankunft im Hafen von Tanger


Osama-Komfort
Dienstag, 17. Dezember 2013: Tarifa - Fähre - Tanger - Bus - Casablanca - Mohammedia (33 km)

Langsam wird es während der kurzen Überfahrt von Europa nach Afrika hell, zumindest halbduster. Dunkle Wolken liegen über der marokkanischen Küste, noch dunklere ziehen von Westen heran (Foto oben). Erste Regentropfen. Keine Stimmung, um sich auf den Sattel zu setzen.
Ich bin das erste Fahrzeug an der Zollkontrolle. Extrem penibel. Alle drei Fahrradtaschen muss ich komplett auspacken. Alles wird hochgehalten, hinterfragt. Dann bin ich immer noch der erste, der durchs Gitter nach draußen kommt. Die Armada der Best-Hostel-best-moneychange-best-taxi-Agenten ist noch nicht wach oder abgeschafft. Wo sind die Nepper, Schlepper, Bauernfänger? Die 500 Meter zum alten Bahnhof, früher ein Spießrutenlaufen, sind obsolet. Der Bahnhof ist ein paar Kilometer weiter neu gebaut. Die Gleise sind verschwunden, die Promenade wird verbreitert, ein neuer Yacht-Hafen geschaffen.
Busbahnhof von Larache Mit dem Fahrrad komm ich gar nicht erst in den neuen Bahnhof. Die großen Fernzüge nehmen Räder offenbar nicht mit. Am Schalter schicken sie mich zu einem nahe gelegenen kleineren Bahnhof. Das klingt nicht nach großem Bahnhof. Ich wende mich dem Busbahnhof zu. Ganz der alte. Klein, runtergekommen, dreckig, hektisch. Sofort werde ich von Mann zu Mann gereicht und schon verschwindet mein Rad in Bus von "Confort Oussama". Destination Casablanca. Angeblich in fünf Stunden, um 14 Uhr sollen wir dasein.
Der Osama-Komfort ist sehr in die Jahre gekommen. Die Sitze speckig, die Vorhänge abgewetzt, die Rückenlehnen verbogen. Dafür zahle ich für 400 Kilometer Busfahrt mit Fahrradtransport und zahlreichen Trinkgeldern weniger als die Hälfte als für die 20 Kilometer Fährfahrt. Es dauert fast eine Stunde, bis der Bus Tanger verlassen hat und niemanden mehr aufnehmen kann, weil er auf der gebührenpflichtigen Autobahn fährt.
In Larache dauert es eine Dreiviertelstunde, um von der Autobahn in die Stadt zu kommen, dort eine Gepäckklappe provisorisch zu reparieren (Foto links) und wieder zurück zur Autobahn zu kommen. Die Stippvisite nach Rabat ist kürzer. Und um halb drei wird der Bus quer zwischen vielen andern Bussen am Gare routière Ouled Ziane stehend entleert. Mein Rad ist schnell wieder zusammengesetzt. Und ich radle direkt aus der Sechs-Millionen-Stadt raus Richtung Norden. Fotografiere noch die ein Jahr alte Tramway und ein paar Impressionen:


Orangen-Lieferung in Casablanca
Orangen-Lieferung in Casablanca

Straßenbahn in Casablanca - ein Jahr alt
Straßenbahn in Casablanca - ein Jahr alt

Müllverwertung in Casablanca
Müllverwertung in Casablanca


Nach 15 Kilometern bin ich raus aus dem Stadtgebiet. Nach 30 im Edel-Küstenort Mohammedia. Hier promenieren zum Sonnenuntergang viele am Strand (Foto unten). Trotz der vielen Gäste lassen sich Hotels nur sehr schwer finden. Am Ende bin ich in einem traditionellen arabischen, in dem sich die Zimmer um einen Hof mit Bananenstaude gruppieren. Direkt nebenan ist eine Bar mit Alkohol-Ausschank. Bier und Wein zum Halbfinale der Klub-WM, die heute in Agadir und Marrakesh ausgetragen wird. Eine chinesische Mannschaft bekommt keine Schnitte gegen Bayern München aber viele Gegentore. Die zweite Halbzeit verbringe ich in der Café-Promenade von Mohammedia mit ihren Free-Wifi-Angeboten.


Sonnenuntergang am Strand von Mohammedia
Strand in Mohammedia

Atlantik-Wellen und Felsen südlich von Rabat
Atlantik-Wellen und Felsen kurz vor Rabat


Pflanzenschule/Pépinière beim königlichen Palast von Skhirat Fünf Frauen im Gentle Man: Italienische Odyssee in der zweiten Halbzeit
Mittwoch, 18. Dezember 2013: Mohammedia - Rabat - Kénitra (112 km)

Kénitra ist ein hupender Auto-Korso. Casablanca hat gerade das zweite Halbfinale der Klub-WM in Marokko gewonnen. Gestern in München wird es kaum so etwas gegeben haben, geschweige denn in einer Stadt, die 150 Kilometer entfernt ist. So wie Kénitra von Casablanca.
Um sieben Uhr bekomme ich Frühstück in einem der vielen Cafés von Mohammedia. Mache noch einen Schlenker durch die Kasbah und schwinge mich dann auf die Küstenstraße nach Norden. Der Wind mit mir. Immer wieder kann ich die Gischt zehn, zwanzig Meter aufschäumen sehen. Wenn die Sicht nicht gerade durch die Neuanlage einer Feriensiedlung verbaut wird. Es ist sehr flach. Gute Gelegenheit, eine kleine Video-Studie zu machen: Die Kette über dem Asphalt der Straße - vom Gepäckträger aus gesehen:



Video-Studie: Fahrradkette über einem Kilometer Asphalt bei Bouznika
(Sorum find ich das Video besser als auf dem Kopf)


Ein ständiger Begleiter sind auch Pépinerien (pépinières), kleine Pflanzenzüchter am Wegesrand. In Shkirat, gegenüber vom Königspalast, zeigt mir Abad seine (Foto links). Im Norden Marokkos hat er einige Jahr für eine deutsche Zuckerfabrik aus Braunschweig gearbeitet. Wenn er aus seinem gepflegten Französisch versucht ins Deutsche zu wechseln, kommen nur ein paar Fabrik-Duzer zustande. Als wir von Spanien sprechen, sagt er: "Da war ich auch mal. 1972."
Zu Rabat hin wird die Küste zu einer leichten Steilküste. Was den Effekt der brechenden Wellen noch erhöht (Foto oben). In Rabat spaziere ich durch die Kasbah. Die Burg innerhalb der Medina. In pittoreskem Blau-Weiß gehalten. Ein bisschen touristisch, aber kaum Touristen (Fotos unten).


Mädchen in der Kasbah von Rabat
Kasbah von Rabat

Chris in der Kasbah von Rabat

Türen in der Kasbah von Rabat


Ich halte Ausschau nach der Brücke über den Bou Regreg, in einiger Entfernung sehe ich eine neue, vielspurige. Direkt unterhalb der Kasbah setzen Fischerboote über. Mit meinem Fahrrad vielleicht nicht das richtige. Vor allem will ich noch zum Hassan-Turm. Überbleibsel einer riesigen Moschee, die im 12. Jahrhundert erbaut und seither nie vollendet wurde. Highlight ist das Mittagessen in einem Café: Avocado-Saft, schwarzer Tee mit Minze, Omelette au fromage, Brot. Wlan. Sehr fein.
Nach langer, warmer Pause kommt der kleinere Teil der Tagesetappe. Die erste Hälfte der 40 Kilometer kann ich auf einer Nebenstrecke direkt am Meer weiterfahren. Dann geht's auf die Nationalstraße, die hier recht stark befahren wird. Zuletzt durch das größte Waldgebiet Marokkos. Zügig komme ich in die Stadt. Bis drei Kilometer vor dem Zentrum die Kette reißt. Schon von Beginn an hakte es vorne beim Umschalten gelegentlich. Hinten drehte sie in verschiedenen Kombinationen durch. Außerdem war das vordere Tretlager schon bei unserer ersten Tour im November leicht angegriffen. Jetzt ist die Kette wohl beim Umschalten vorne gerissen. Es fehlt ein Teil.
Meine Helfer Chakir und Mbarak vor einem Fahrradladen in Kénitra, Marokko Ich frage zwei junge Männer, die vorbeiradeln nach einem Fahrradladen. Zwei Kilometer sind es. Bald schiebt mich einer von beiden auf meinem Rad der Werkstatt entgegen. Sie sieht mehr aus wie ein kleiner Kiosk (Foto rechts mit meinen beiden Helfern: Chakir (li.) und Mbarak, der mich geschoben hat).
Noch bevor es losgeht, brettert ein Wagen quer über die Hauptstraße und rammt einen anderen. Der Fahrer begleicht den Blechschaden mit rund 50 Euro. Der Reparateur ist gut ausgestattet und arbeitet vor dem düsteren Kiosk. Möchte aber, wie so viele hier, nicht fotografiert werden. Anfang Dezember mussten sich Jugendliche vor einem Gericht in Nador verantworten, weil sie sich küssend auf Facebook gepostet hatten. Anfang Oktober waren sie deshalb drei Tage lang festgenommen worden. Die diffuse Angst, jedes Bild könne irgendwo im Netz veröffentlicht werden, sei weit verbreitet, sagen mir meine beiden Retter Chakir und Mbarak. Der Mechaniker kürzt die Kette um ein Glied. Ölt alles und danach scheint es wieder richtig gut zu laufen. Kostenpunkt: 90 Cent umgerechnet.
Chakir und Mbarak zeigen mir noch die Ecke mit den Hotels und wir verabreden uns fürs Fußballspiel in zwei Stunden. Die ersten beiden großen Hotels sind angeblich ausgebucht. Ein Déjà-vu zum nahe gelegenen Sidi Kacem, wo ich vor elf Jahren in zwei ziemlich heruntergekommenen Hotels abgeblitzt bin, weil die Besitzer wohl Angst hatten, ich würde nicht zufrieden sein und deshalb gleich behaupteten, der Laden sei voll. Anders als damals muss ich nicht noch 48 Kilometer weiterfahren, sondern um die Ecke ist das nächste, wohl auch bessere. Der einzige Mann in der (wie meist) völlig entleerten Rezeption meint, leider gebe es heute keine Einzelzimmer, deshalb müsse ich ein Doppelzimmer zahlen. Die 18 Euro lassen sich verschmerzen, nicht aber der spätere Blick hinter den Tresen, der mir beweist, dass alle Zimmerschlüssel da sind, mithin ich der einzige Gast im ganzen Etablissement bin.
Im "Café Gentle Man" verfolgen wir das Fußballspiel. Die vielen, vielen Cafés ringsherum sind alle gefüllt, an vielen Türen stehen sie traubenbildend draußen. Im Gentle Man sind auch fünf, sechs Frauen. Mit und ohne Kopftuch. Es sind die, die dann in der zweiten Halbzeit richtig Stimmung machen. Das ist die Phase, als der Kommentar nicht mehr so oft "Oh, oh, oh, oh" sagen muss, wenn Casablanca in Bedrängnis kommt. Casablanca führt 1:0, es folgt der Ausgleich: ein Freistoß von Ronaldinho, der beim brasilianischen Atletico Mineiro sein Gnadenbrot verdient. Chakir hat mir inzwischen seine italienische Odyssee erzählt. Ein Marokkaner habe ihm für sehr viel Geld eine Arbeitserlaubnis in Italien verkauft, die sich dann vor Ort nicht realisieren ließe. Nach ein paar Monaten bei seinem Bruder in Veneto und an andern Orten sei er zurückgekehrt und sitze nun mit 37 Jahren auf jeder Menge Schulden. Wenigstens heute Abend, hat er Grund zum Jubeln. In der Schlussphase schießen die Casablankenesen noch zwei Tore. Und der Autokorso hält auch jetzt am Ende dieses Textes immer noch an. Samstag Abend ist das Finale gegen Bayern München in Marrakesch.


Morgensonnendunst bei Kénitra
Morgensonnendunst bei Kénitra


Gepäckträger am Ridgeback-Rad als Wäschetrockner mit OrtliebtaschenZentimeter für Zentimeter gegen den Regen
Donnerstag, 19. Dezember 2013: Kénitra - Suq-el-Arbaa-du-Gharb - Dlalha - Larache (159 km)

Es gehört zu den Phänomenen solcher Touren, dass die Reaktion vor allem von Kindern und Jugendlichen in bestimmten Regionen sehr ähnlich ist. Wird man im einen Dorf bejubelt, ist es meist auch im nächsten so. Andernorts wird man angefeuert, dort ignoriert, woanders mit Steinen beworfen. Im nördlichen Marokko haben sie mich vor elf Jahren ausgelacht. Wo immer eine Gruppe von Mädchen herumstand und mich in meinem Papageien-Outfit wahrnahm, brachen alle sofort in Gelächter aus. Dieses kollektive Gelächter ist mir nirgends sonst so extrem begegnet. Wird es nach elf Jahren immer noch so sein?
Ich nähere mich (mit meinem rollenden Wäscheständer: Foto links) einer Kreuzung, will anhalten, um nach dem Weg zu fragen. Und schon bricht eine ganze Gruppe junger Frauen in Gelächter aus. Es ist das einzige Mal heute, aber es ist auch die einzige Gruppe junger Frauen, der ich heute so begegne. Aber sie sind nicht mehr ganz so jung wie vor zehn Jahren. Die jüngeren ignorieren mich eher, so wie seit Casablanca fast alle.
Nach dem Weg frage ich sicherheitshalber einen Mann. Der rät mir ab, zurück zur Küste nach Moulay Bousselham zu fahren. Direkt am Ortsausgang von Kénitra habe ich heute Morgen die Abzweigung zum Meer verpasst. Die einzige Abzweigung war eher in der Art eines Industriegebiets beschildert. Als ich die Autobahn kreuze, ist es schon zu spät. Ich stecke auf der alten Nationalstraße, die in einem riesigen Bogen zum Tagesziel Larache führt. Immer wieder frage ich vergeblich, ob es eine Querverbindung zur Küste gebe. Das Oued Sebou liegt dazwischen und ich bräuchte eine Brücke.
Es ist gerade zwölf Uhr, als ich nach 78 Kilometern Suq-el-Arbaa-du-Gharb erreiche. Ein Name wie ein Gedicht, auch wenn es vermutlich nichts anderes als Mittwochs-Markt im Gharb heißt. Die wie immer extrem heiße Tajine, Gemüse (und Fleisch) unter einem Tondeckel, bekomme ich serviert. Ich will es doch noch wissen mit der Verbindung zum Meer. Bei der gegenüberliegenden Shell-Tankstelle. Der Tankstellenwart meint, es seien nach Moulay Bousselham 44 Kilometer und von dort noch einmal 55 Kilometer bis nach Larache. Beides im Grunde richtig, nur sind die letzten 55 Kilometer nicht, wie behauptet, Piste sondern ganz normale Straße. Vorher muss ich mich gegen den Wind zur Küste kämpfen. Außerdem macht die Straße anfangs einen Riesenbogen, den mir eine neu asphaltierte kleinere Straße erspart hätte. Richtig frustrierend wird es, als die Kilometersteine wieder Kénitra ankündigen. Das bedeutet: die Küstenstraße ist durchgehend asphaltiert, auch wenn sie eng an der neuen Autobahn entlangführt. 40 Kilometer Umweg habe ich gemacht. Auf der dicht befahrenen Nationalstraße.
Die letzten acht Kilometer zum Badeort Moulay Bousselham spare ich mir. Ich will nach Larache kommen, nachdem mir ein Taxifahrer an der Abzweigung die Entfernung mit seiner Hand auf die Fußmatte gemalt hat: 36 Kilometer. Auch das ist, wie viele, viele Auskünfte heute, leider falsch. Nun gut, wer kann einem in Mainz sagen, ob der Nahe-Radweg bis Saarbrücken führt. Sonne und Wolken im Spiegel der Sonnenbrille bei Moulay Bousselham Bis Larache sind es am Ende 44 Kilometer. Schon einmal ist es heute Nachmittag düster am Himmel geworden (Foto rechts). Jetzt fängt es leicht an zu regnen. Dann wendet sich die Straße im 90-Grad-Winkel zur Küste. Der Wind fegt mir wieder ins Gesicht. Mit Regentropfen. Unter der Autobahnbrücke halte ich kurz an. Ein Junge, der schon ein paar Kilometer vor oder hinter mir ist, ebenfalls. Als der Regen etwas nachlässt, schwinge ich mich aufs Rad. Denn die verdunkelte Sonne geht gleich ganz unter. Jetzt legt der Regen erst mal richtig los. In wenigen Sekunden bin ich durch und durch nass. Selbst wenn ich Regenüberschuhe mitgenommen hätte, ich hätte keine Zeit mehr gehabt, sie anzulegen. Dazu der Wind. Im Windschatten eines Wasserturms warte ich ein paar Momente ab. Nass. Kalt. Der Junge fährt vorbei. Mein Rücklicht ist tief unten in der Satteltasche, die ich im Regen nicht öffnen mag. Mit einer Nachtfahrt war nun gar nicht zu rechnen. Ich fahre weiter. Regen und Wind nutzen die Chance und drehen noch mal so richtig auf. Obwohl es nur minimal bergauf geht, komme ich gegen den Wind nicht über sechs, sieben Stundenkilometer hinaus.
Zwei Schweizer Fahnen tauchen samt einer Fabrik auf. Zwei weitere Fahnen künden "Rieker Antistress". Eine spätere Online-Recherche zeigt mir, dass es eine Schuhfabrik sein muss. Der Pförtner ruft mir etwas wohl Wohlmeinendes zu. Allein die Vorstellung, jetzt anzuhalten, ist widerlich. Weiter, weiter, weiter. Zentimeter für Zentimeter. Der Mini-Hügel ist überwunden. Selbst jetzt kämpfe ich mich mühsam den Berg hinab. Ein Lichtblick in immer düsterer Dunkelheit: Die Straße macht wieder eine 90-Grad-Kurve. Ich habe nur noch Seiten-Böen. Und kein Licht. Und kalte Füße. Und kein Ende in Sicht. Rolling hills.
Als die Lichter der Stadt schon zu sehen sind, kreuzt die Straße wieder die Autobahn. Von der Stadt weg. Bald kreuzt sie die gut bekannte Nationalstraße, und die führt über die Autobahn hinweg in die Stadt. Auf dieser Strecke fuhr auch der Bus vorgestern zu seinem Zwischenstopp am Busbahnhof. Ich habe mir alles eingeprägt: das unpersönliche Truckerhotel fast an der Autobahn, das Dialysezentrum und irgendwann das Hotel Choumis. Eines von der altehrwürdigen Sorte. Eben in die Jahre gekommen. Das Warmwasser laukalt, Waschbecken-Abfluss läuft nicht, Wind pfeift durchs Fenster, Wlan ein paar Meter rund um die Rezeption. Booking.com hätte besseres zu bieten gehabt. Irgendwie werde ich warm und die Klamotten bis morgen hoffentlich trocken.


Angler in der Mündung des Oued Mharhar in den Atlantik, Marokko
Angler in der Mündung des Oued Mharhar


Sonnenwende am nordwestlichsten Punkt Afrikas
Freitag, 20. Dezember 2013: Larache - Cap Spartel - Tanger (105 km)

Feucht sind am Morgen vor allem noch die Handschuhe. Kaputt ist eine Speiche am Hinterrad. Gestern im Sand unter der Autobahnbrücke quietschte es schon verdächtig. Ich versuche das halbwegs auszugleichen und fahre erst um neun. Wärmer ist es da auch nicht. Obwohl die Sonne scheint. Es kommt lange, lange nicht so recht über 13 Grad hinaus. Schlimmer ist der Wind. Er kommt m.E. von Nordwest, mir meistens entgegen, aber er ist vor allem laut. Sehr laut. Den ganzen Tag tobt er zusammen mit Wellen und Autos um meinen Kopf.
Stan PETITDEMANGE aus der Gegend um Lyon auf dem Weg nach Dakar Es geht auf 200 Meter. Hier und da Baustellen für einen TGV von Tanger nach Casablanca. Weil die Grenze mit Algerien nach wie vor geschlossen ist, konzentriert sich die Infrastruktur auf die Nord-Süd-Verbindungen. Die letzte Anhöhe vor Asila, Tages-Kilometer 42. Ich bin schon zermürbt, kann mich nur durch ständige Mentalarbeit vom Absteigen abhalten. Da kommt der erste Fernradler der Tour. Stan Petitdemange aus der Gegend um Lyon, bisher in Asien unterwegs gewesen, fährt Richtung Süden. Genau die Route, die ich vor sieben Jahren geradelt bin: Casablanca - Dakar. Ich blühe auf, schwärme vom Rückenwind, von der Sahara, vom Meer, von Mauretanien, vom Senegal. Stan hat keinen Rückflug gebucht und daher Zeit. In Casablanca will er sich die Visa besorgen. Bonne route! (Trotz meiner Hinweise verpasst er leider genauso die Küstenstraße bei Larache, wie ich den Abzweig in Kénitra verpasst habe.) Ich vergesse das meist zu erwähnen: Auch dieser Tag mit all seiner Plackerei ist letztlich ein Genuss. Die Sonne, die Wellen, der Sand, die Wälder, das Leben der Leute, die vielen kurzen Begegnungen. Und jeder Tag diese Masse an Eindrücken über diese großen Entfernungen. Und hier im Norden wird nicht gebettelt. Kann ich die Lösung von Wolfgang Herrndorf nicht anwenden, der in seinem Blog schreibt, sie hätten Kindern bei Zagora für jeden deutschen Fußballspieler, den sie nennen konnten, einen Dirham (ca. 9 Euro-Cent) gegeben.
Asila habe ich schon verlassen, bevor ich was gefunden habe für eine Pause. Muss ich an der Tankstelle gegenüber vom Bahnhof halten. Im Café läuft National Geographic Abu Dhabi. Ich lese die Zeitung mit den Jubelberichten über die Finalisten von Raja aus Casa. "Dima, Dima, Raja" brachte mir der Zeitungsverkäufer heute Morgen den Basis-Schlachtruf bei. Zur Feier des Tages fotografiere ich jeden Fußballplatz. Hier nicht im Bild.
Als die Straße nach Westen Richtung Tanger dreht, ist es nicht mehr ganz so mühsam mit dem Wind. Einen Spanier aus Madrid treffe ich, der grad gelandet ist und mit seinem Mountainbike zwei Wochen durch Nordmarokko radelt. Er entschuldigt sich, dass er heute nur noch bis Asila kommen will. Morgen gehe es richtig los.
Ich bin schon am Ortsrand von Tanger. Und weil ich eh nicht mehr viel weiter komme, entschließe ich mich, einen Schlenker zum nordwestlichsten Punkt Afrikas zu machen: Cap Spartel. An einem Container, in dem Ferry-Tickets verkauft werden, geht's 12,5 Kilometer vor dem Zentrum von Tanger links. Genau fünf Kilometer bis zur Küste (früher etwas kürzer, aber eine Fabrik hat sich mitten auf der Straße angesiedelt. Ringsum wachsen weitere Fabriken empor als Werkbank Europas. Das Pulen deutscher Krabben in Marokko wird ausgebaut. Dafür hat die Fabrik Straßenbeleuchtung im Look der Werksbeleuchtung spendiert.). An der Küste rechts und wieder genau fünf Kilometer weiter die Abzweigung zu den Grotten, die dann noch 250 Meter entfernt sind. Von der Abzweigung sind es vier Kilometer bis zum Cap. Da geht's in der Abendsonne ein vorerst letztes Mal rauf.


Fahrrad-Schattenspiele im Abendlicht am Cap Spartel
Fahrrad-Schattenspiele im Abendlicht am Cap Spartel

Fahrrad-Schattenspiele im Abendlicht am Cap Spartel

Fahrrad-Schattenspiele im Abendlicht am Cap Spartel


Leuchtturm am Cap Spartel in der Abendsonne, Marokko Und in diesem Moment geht die Sonne unter. Hier am nordwestlichsten Punkt Afrikas stehen ein Leuchtturm, ein Café, ein obligatorischer Military Oberservation Punkt, und jede Menge Marokkaner. Und mein Fahrrad (Fotos ganz oben). Pünktlich zur Sonnenwende. Ein unweihnachtliches Naturspektakel.
Drei Kekse müssen reichen für die letzten Kilometer nach Tanger. Als sehr flach haben mehrere die Strecke beschrieben. Es beginnt mit dem stärksten Anstieg des Tages: nahtlos bis auf 250 Meter. Dann hält sich die Straße im Wald oben auf der Höhe mit gelegentlichen Absackern. Alles ist fast durchgehend beleuchtet. Aber da ich das Rücklicht nach der gestrigen Dunkel-Regen-Fahrt aus den Tiefen der Radtaschen befördert habe, montiere ich es auch. Nach 16 Kilometern erreiche ich die Medina von Tanger. Ich will zum Melting-Pot-Hostel, in dessen Dépendance ich schon in Tarifa war. Verpasse aber die Einfahrt in die Altstadt, lande von außen an der Kasbah, durch die ich in die Medina fahre, wo ich das Rad ein paar Treppen hinunter schiebe. Es lohnt sich: Die Medina ist fantastisch ursprünglich, heruntergekommen, lebendig. Im Hostel geht's auf steilen, gekachelten Treppen bis auf eine geniale Dachterrasse. Viele Gäste. Während ich in Tarifa nur mit einem Schweizer und einem Polen in einem Zimmer war, sind hier überall Leute, in meinem Zimmer eine Deutsche, die mit einem Franzosen reist. Lea hängt mit 21 Jahren ihr Zweitstudium in Mannheim an den Nagel, um zehn Monate durch die Welt zu reisen. Weihnachten geht's heim zur Mama. Lea ist mit Adrian und andern Hostelgästen auch noch mal in die Stadt gegangen. Alle gemeinsam haben sie am Geldautomaten Geld geholt. Da kam das berühmte Betteln: "Un Dirham." Zu guter Letzt nebeln sich alle im Dachrestaurant ein. Selbst meine Sinne werden eingetrübt- im Nachbarzimmer.


Kilometerstein 8 vor Ceuta, von den Marokkanern Sebta genannt
Ceuta, die spanische Enklave auf afrikanischem Boden, wird von den Marokkanern Sebta genannt


Weg: Leas HTC und Ronaldinhos Schuhe
Samstag, 21. Dezember 2013: Tanger - Ksar Sghir - Tétouan (101 km)

Die ganze Hostelherrlichkeit von Tanger ist dahin, als Lea mit entsetzten Augen am Frühstückstisch auftaucht. Ihr HTC-Smartphone ist weg. Hostel-intern bin ich im Grunde der Hauptverdächtige, weil bis Mitternacht einziger Zimmergenosse. Es ist aus einer Innentasche ihrer kleinen Umhängetasche verschwunden. Anrufen kann man es nicht, weil schon gestern der Akku leer war und das Teil dauernd ausgegangen ist. Daran kann sie sich zuletzt erinnern: an das Schauen nach dem Akku-Zustand im Restaurant. Ich vermute zunächst, dass sie es dort oder beim Gang durch die Medina losgeworden ist. Als Lea mit Adrian noch mal das Restaurant ansteuert, fällt mir ihre Erzählung vom Geldautomaten ein. Womöglich hat das Betteln sie erfolgreich abgelenkt.
Der marokkanische Hostel-Typ regt sich kurz darauf über eine ähnliche Schlüsselszene auf: kurz nach Ende des Klub-WM-Halbfinals zwischen Casablanca und Mineiro kamen marokkanische Spieler und Betreuer auf Mineros Altstar Ronaldinho zu. Sie sicherten sich zunächst sein Stirnband, bald darauf zogen sie mit seinen Schuhen davon. Hochnotpeinlich, findet der Hostel-Mitarbeiter.
Vier Anläufe habe ich gebraucht, um die Schönheiten von Tanger zu entdecken. Der Ruf der Diebstahl-Hochburg hatte mich bisher immer schnell das Weite suchen lassen. Jedenfalls verzichte ich auch heute auf weiteres Shopping in Tanger und mache mich auf den Weg an der Küste entlang Richtung Algerien. Die Straße von Gibraltar liegt in der Sonne. Ein Kriegsschiff patroulliert zwischen den Fähren. Unwirklich nah: Tarifa, Algeciras, Gibraltar: alles deutlich zu erkennen, ein Steinwurf weit weg. Für die meisten Afrikaner eine unüberwindliche Grenze. Die Temperaturen sind so wie gestern, aber mangels Wind gefühlt sehr viel wärmer. Zum ersten Mal fahre ich mit dem kurzärmelingen Fahrrad-Trikot. Bis Ksar Sghir sind es 35 Kilometer, die Straße erreicht zwei Mal 200 Meter. Das Schalten mit Feinstgefühl habe ich inzwischen verinnerlicht, damit die Kette nicht noch einmal reißt. Die Erschöpfung reicht für eine längere Pizzeriapause.
Hafen Tanger Med mit dem Felsen von Gibraltar im HintergrundDann kommen Nationalstraße und Autobahn zusammen und es geht vierspurig weiter. Letztlich bis Tétouan. Zunächst aber der neue, große Mittelmeerhafen: Tanger Med, was so viel mit Tanger zu tun hat, wie Frankfurt-Hahn mit Frankfurt. Bei Tages-Kilometer 40 ist die erste Einfahrt (Foto links: Fähren und Felsen von Gibraltar), bei 42 die zweite. Dann der Container-Terminal. Ab Kilometer 45 geht es aufwärts. Mit einer kleinen Zwischenepisode bis auf 400 Meter. Da ist es dann wieder so kalt, dass ich meinen Pseudo-Windstopper brauche. Und sehr schön, weil waldig und die Meerenge wirkt hier oben wie ein Sträßchen von Gibraltar. Für die Römer immerhin sowas wie das Tor zum Ende der Welt. Gruppen von Schwarzafrikanern stehen am Straßenrand. Im Vorbeifahren wechseln wir ein paar nette Worte auf Französisch. Die letzte Gruppe spricht eher Englisch, einer schlenkert mehr oder weniger auffällig mit seiner Wasserflasche. Ich hätte ihnen ein bisschen Wasser und meine bescheidenen Lebensmittelvorräte geben können. Als der Gedanke da ist, bin ich schon vorbei. Es geht abwärts nach Ceuta, was die Marokkaner Sebta nennen. Man sieht die Halbinsel der spanischen Enklave (Foto oben), später auch den hohen Zaun, mit dem sich Europa abschottet.
Die Küstenstraße bis Tétouan ist weiterhin vierspurig und ganz easy. Außerdem ein Fahrradweg auf beiden Seiten, der keine Wünsche offenlässt.
Auf Tétouan bin ich mittelprächtig vorbereitet. Ich sehe viele einfache Hotels, will aber wie in Tanger in der Medina übernachten. Auf der Avenue Mohammed V. sind so viele Menschen unterwegs, dass ich schieben muss, erst recht, als es in den überdachten Schmuck-Suq geht. Ein Hotel-Schlepper heftet sich an meine Versen, bis ich ihm nachhaltig klar mache, dass ich auf seine Begleitung keinen Wert lege. Das Stichwort Hotel Dalia ist aber auf diese Weise schon gefallen, und auch im Suq werde ich in dieser Richtung weiterempfohlen und begleitet. Kann man sich ja mal anschauen. Auch die Medina von Tétouan ist ein absolutes Highlight. Jetzt in der Abendstimmung. Hinter einer der alten Holztüren öffnet sich der überdachte zweistöckige Innenhof eines 300 Jahre alten Hauses. Das ganze Hotel Riad Dalia habe ich im Grunde für mich allein. Zu einem Spottpreis.
Mich drängt's wieder in den Suq, denn das Endspiel Casablanca-Bayern steht an. Die erste Halbzeit sehe ich in einem Imbiss, die zweite auf der überdachten Straße vor einem Teppichhändler, der eine größere Flatscreen vor den Laden gestellt hat. Raja Casablanca hat überhaupt keine Chance. Wenn die Europäer die besten Fußballer aus der ganzen Welt zusammenkaufen, darf man sich nicht wundern, wenn außerhalb Europas keine Mannschaft mehr mit den "europäischen" Mannschaften mithalten kann.


Medina von Tétouan bei Nacht
Medina von Tétouan bei Nacht


Hotel Riad Dalia in Tetouan, Marokko Gesprengte Berge
Vierter Adventssonntag, 22. Dezember 2013: Tétouan - Oued Laou (48 km)

Ich wache auf im gelobten Hotel Riad Dalia. Und bin allein. Weit und breit kein Lebenszeichen. Für acht Uhr hatten wir ein Frühstück angepeilt. Ein Missverständnis? Es ist himmlisch. Ich habe einen ganzen Palast (Foto rechts) für mich allein. Mich treibt's sowieso nicht so schnell fort. Um elf Uhr ist laut Wandmalerei ein Gottesdienst in der spanischen Kirche. Gegen neun Uhr erklimme ich die Dachterrasse, eine Katze nutzt die Gunst der Stunde und bevölkert nunmehr die Herberge. Kurz darauf entschlüpft einem Zimmer auf halber Treppenhöhe der Wächter, der leider weder viel Spanisch noch Französisch spricht. Als Notintervention presst er erst mal hurtig einen Orangensaft und stellt ihn mir zu meiner Computersammlung. Marokko erwacht aus dem Fußball-Kater.
Er geht einkaufen und irgendwann gibt's Frühstück in gediegener Umgebung. Ja, es gefällt mir so gut und die Kälte auf der Passhöhe gestern steckt mir noch ein bisschen in den Knochen, dass ich überlege, eine weitere Nacht zu bleiben. Einfach so. Ich checke rein routinemäßig noch die Wetteraussichten. Und die stellen alle Pläne in Frage: Heute, morgen und übermorgen soll es kalt aber sonnig sein. Am Ersten Weihnachtstag wird es wärmer. Aber nur, weil dann unweigerlich ein gewaltiges Unwetter, das momentan über dem Atlantik heranrauscht, sich über dem westlichen Mittelmeer ergießt. Und Windstärke 5-6 aus westlicher Richtung mit sich bringt. Immerhin Rückenwind. Aber fahren dann auch die Fähren von Melilla noch? Also ein bisschen weiter muss ich heute kommen, um es irgendwie noch zur Fähre zu schaffen.

Kirche Iglesia de Bacturia, erbaut 1917 oder 1926, am Place Moulay el Mehdi von Tétouan Morgenspaziergang durch Tétouan. Sonntag ist in Marokko relativ sonntäglich. Die Postämter sind geschlossen, die Apotheken, Schulen und so weiter. Auch das Archäologische Museum, in dem fast alle Ausgrabungsstücke aus der spanischen Protektoratszeit im Norden Marokkos (1912-1956) stecken, ist sonntags (und montags) zu.
Die große "Iglesia de Bacturia" ist auf. Drei sehr alte, spanische Frauen warten auf den Beginn des Gottesdienstes. Ein wohl ebenso alter Priester zieht ein. Ich erwische mich bei dem Gedanken, wie der Gottesdienst hier wohl in zehn Jahren aussehen könnte. Eine der Frauen kündigt und stimmt die Lieder an, liest die erste Lesung, die andere Frau die zweite Lesung, die dritte Frau kollektiert. Der Priester predigt zwischen uns wandelnd. Aus gegebenem Anlass über die Jungfräulichkeit. Und Glaube, Hoffnung, Anbetung. Er hält die Augen meist geschlossen und wirkt dann so blind wie der Bettler an der Kirchtür. Um zehn nach elf sind noch zwei junge Männer wohl arabisch-asiatischer Herkunft in die Kirche gekommen und setzen sich hinter mich. Noch später schwingt sich von mir unbemerkt ein junger Schwarzafrikaner in die Kirchenbank. Nach dem Gottesdienst versucht die Zweit-Lesung-Frau den jungen Männern zu erläutern, wann sie hier einen Gottesdienst erwarten können. Die Verständigung erweist sich als schwierig. Außerdem steht es ja draußen an der Wandmalerei. Heiligabend ist um 19 Uhr Gottesdienst, wie an jedem Werktag - laut Wandmalerei.
Ich packe mich warm ein. Packe offenbar nicht eins meiner grauen Odlo-Unterhemden ein. Jedenfalls fehlt es am Abend. Verlust kann vorkommen. Jetzt also weiter an der Mittelmeerküste. Dass die hier - wie meist - recht bergig ist, ist keine Überraschung. Für knapp 50 Kilometer reicht aber das Tageslicht. Die Straße ist in den vergangenen zwei, drei Jahren neu gemacht worden. In großem Stil. Überall sieht man die immensen Lücken, die in die Berge gesprengt worden sind (Foto unten). Das macht die Strecke ein bisschen kürzer (Länge bis Oued Laou 45 Kilometer, weitere 77 Kilometer bis Sebha, weitere 100 Kilometer bis zum Abzweig nach Al Hoceima), verringert die Höhenmeter, erhöht gelegentlich die Steigung.

Hotel Rama, Oued Laou Einzige Pause nach drei Vierteln der Strecke. Aus dem nächstbesten Haus mit tollem Blick auf die Bucht und das Meer kommt ein älterer Mann. Spricht Deutsch. Hat ein Geschäft in Paguera auf Mallorca, das inzwischen sein Sohn führt. Dann kommt die letzte große Steigung bis auf 250 Meter. Und die lange Abfahrt. Ich nehme den Abzweig zum Strand von Oued Laou. Und fahre die drei Kilometer lange neue Promenade entlang. Sie endet am Orts-Zentrum. Wo sich völlig unerwartet ein Parkwächter gleich auf mich stürzt, um mir Zimmer, Hotels aufzudrängen. Dazu bin ich nun gar nicht in der Stimmung. Auch, wenn ich dringend dergleichen brauche. Ich ziehe von dannen, pfeifend macht er den nächsten Parkwächter auf mich aufmerksam. Sie verfolgen mich bis zum Hotel Oued Laoud direkt am Strand. Meerblick. Es sieht nicht übermäßig komfortabel aus. Zwei, drei Häuser zurück beim Hotel Rosa öffnet niemand. Unbeirrt rolle ich weiter durchs Örtchen. Frage einen Taxi-Fahrer, ein anderer hilft, siehe da, es gibt ein ganz neues Hotel. So neu, dass es von außen nicht als solches zu erkennen ist (Foto rechts). Außerdem ist niemand da. Der Waschmaschinenverkäufer nebenan tut alles, um Wahli herbeizutrommeln. Nach ein paar Minuten kommt er von selbst. Geht innerhalb von Sekunden mit seinen Forderungen von 40 Euro runter auf 27. Was immer noch viel für hiesige Verhältnisse ist. Das Zimmer im Hotel Rama, wie es heißen soll, ist einfach, aber recht geschmackvoll eingerichtet. Das Bad ist modisch schwarz-weiß-marmorgestreift gekachelt. Nun gut, man hätte die Handtücher seit der letzten Belegung des Zimmers austauschen können. In der Deckenlampe brennt nur eine von zwei Birnen, der Neonstrahler am Spiegel ist nicht angeschlossen, es lu-egen nur einige offene Kabel über den Spiegelrand, der Duschabfluss funktioniert nicht, sodass bald das Wasser im ganzen Bad steht. Nicht steht dagegen das Wasser im Waschbecken, wo der Gummipfropf das Abfließen nur leicht behindert. So viel zum marokkanischen Bauboom.


Danke, Dynamit! Gesprengter Durchlass auf der Route Nationale 16 zwischen Tétouan und Oued Laou
Danke, Dynamit!


Marokkanische Frauen mit Strohhüten und Kind auf Esel Training für die Königsetappe
Montag, 23. Dezember 2013: Oued Laou - El Jebha ( 81 km)

Abfahrt aus Oued Laou: wieder kilometerlange Neubauten. Aus einem winzigen Fischerdorf ist in kürzester Zeit ein riesiger Badeort geworden. In den Dörfern, die heute folgen, geht die Entwicklung sehr viel langsamer vor sich. Und es ist auch kein weiterer Badeort in Sicht. Obwohl viele Buchten zum Baden einladen. Wenn auch nicht gerade, jetzt im Winter. Die Strohhüte, die hier viele tragen, erinnern an Spanien (Foto). Durch die Sonne wird es halbwegs warm, Wind ist kaum zu spüren. Sehr angenehmes Fahren. Immer wieder bis 250 Meter Höhe. Training für die morgige Königsetappe (sh. Höhenprofil unten).
El Jebha ist die einzige Station mit Hotels weit und breit. Ich bin so früh, dass ich die Abfahrt der Fischer zur Abendfischung noch mitbekomme (Fotos unten).


Blick auf Jebha und Umgebung von Westen, Marokko
Jebha

Schiffe im Hafen von Jebha, Marokko
Schiffe im Hafen von Jebha

Höhenprofil Route Nationale 16 Tanger - Tétouan - Oued Laou - Jebha - Al Hoceima
Höhenprofil von vier Tour-Tagen


Marokkanische Stroh-Ballen-TrockungDeplatziertes Weihnachten in bethlehemitischer Landschaft
Heiligabend, Dienstag, 24. Dezember 2013: El Jebha - Al Hoceima (109 km)

Frühstück in einer der Spelunken, in denen ich schon seit Tagen ein und aus gehe. Dreckig, die meisten lungern herum, halten sich an eine Tasse Tee, über allem thront der Fernseher. Meist läuft Fußball. Jeden Tag. Jeden Abend. Endlos. Spiele aus Europa, Spiele aus Marokko. Kommentar meist auf Arabisch. Gestern bei der Premier League wurde eingeblendet, dass die Verbreitung dieser Bilder nur im Nahen Osten und Nordafrika zulässig sei. Jetzt am Morgen laufen auch schon mal Informationsprogramme. Gestern France 24, heute Euronews. Jede Menge Weihnachten mit arabischem Kommentar. Die Marokkaner schauen aufmerksam hin. Auch, wenn kaum etwas deplazierter sein könnte. Der Wirt kann meist Französisch. Hat immer Eier. Brot. Und jede Menge Olivenöl, in nicht sehr hygienisch aussehenden Flaschen. Schmeckt großartig. Tee, Kaffee, Milch dazu. So kann es losgehen.
Das Höhenprofil (s.o.) bildet ziemlich genau die Strecke ab: es geht gleich rauf auf 800 Meter, später 550, 440 und zwei Mal 350. Durchschnittlich mit sieben Prozent Steigung. Es ist selten steil, sodass ich auch beim Abfahren kaum Bremsen muss. Es sind nur alles in allem wahnsinnig viele Höhenmeter. Nachmittags ist es dann flacher. Und eine Landschaft wie sie bethlehemitischer nicht sein könnte. Olivenbäume, Felder, Hirten, Esel, Schafe, Ziegen. Und so lange kein Auto in der Nähe ist, hört man über Kilometer jedes Geräusch, jeden Zuruf. Immer wieder zu sehen: Netze, die Strohballen zusammen halten (Foto rechts).
Das erste Hotel steht in Al Hoceima. Erst vor hundert Jahren wurde der Ort von den Spaniern gegründet. Von hier eroberten sie den Norden Marokkos. Ich habe Hoffnung auf eine Christmette. Frage mich als erstes durch zu einer Kirche. Die große sei lange geschlossen, aber die kleine steht am Park. Sonntags um 11 ist hier Messe. Über Weihnachten steht da nichts. Nur eine Telefonnummer. Die ist besetzt.


Felder im Abendlicht bei Ait Kamara
Felder im Abendlicht bei Ait Kamara

Spanische Mini-Insel vor der marokkanischen Küste: Peñón de Alhucemas
Spanische Mini-Insel vor der marokkanischen Küste: Peñón de Alhucemas


Chris on the Bike mit uvex-Helm an der marokkanischen Küste bei Ait TaabaneDie falsche Entscheidung von Nador
Erster Weihnachtstag, Mittwoch, 25. Dezember 2013: Al Hoceima - Nador - Grenze Marokko/Spanien - Melilla (143 km)

Nachmittags soll's regnen, also früh los: Zwei Mal hundert Meter runter und wieder hoch zurück zur Nationalstraße. Dann volle Breitseite Rückenwind. Ich presche durch die Bucht von Al Hoceima. Links liegt der spanisch besetzte Felsen Peñón de Alhucemas direkt am Ufer (Foto oben). Am Ende der Bucht schwankt der Wind ein bisschen, später lässt er gelegentlich nach, aber alles in allem heute eine große Unterstützung. Und jetzt die Küstenstraße so, wie sie besser nicht sein könnte: ein bisschen auf und ab, größere Hindernisse sind weggesprengt, wenig Verkehr, Rückenwind, kaum Häuser. Und das rund 60 Kilometer lang. Hier und da ein paar Regentropfen, die vor allem zu ständigen Regenbögen führen (Foto links). Genau auf halber Strecke zwischen Al Hoceima und Nador steht ein ganz anständiges Hotel, das aber offenbar zur Zeit geschlossen ist, bei Tages-Kilometer 93 ein schickes Motel. Bei meiner windgeschützten Rast in einem Café, wo man im Grunde nichts trinken und essen, nichts kaufen kann, bekomme ich Mandarinen geschenkt. Kurz vor Nador geht die Straße auf 180 Meter hoch. Kinkerlitzchen. Die lange Abfahrt beginnt. Die Strecke ist zehn Kilometer kürzer als lange ausgeschildert.

Regenbogen an der marokkanischen Mittelmeerküste bei Ichamraran Eigentlich will ich in Nador übernachten, morgen noch an der Küste die restlichen 75 Kilometer bis zum Grenzort Saidia fahren, mit Bus/Taxi zurück und dann mit der Nachtfähre rüber nach Malaga. Sicherheitshalber steuere ich in Nador als erstes ein Reisebüro an. Zwei junge Frauen versuchen mir zu helfen. Tickets von Melilla nach Malaga scheinen ihr Alltagsgeschäft. Relativ schnell können sie mir Fahrzeit und Tarif sagen. Dann stockt das Ganze. Für jede Frage muss die Kopftuchträgerin der beiden verschiedene Nummern anrufen, die meisten davon vergeblich. Auch mein Reisepass (ein neuer Reisepass hat es in mehreren Wochen nicht von der Mainzer Innenstadt bis zur Ortsverwaltung Gonsenheim bzw. zu mir geschafft...) mäandert zwischen den beiden etwas ziellos hin und her. Die eine ist sowieso an ihrem Computer mehr mit sozialen Netzwerken beschäftigt. Dann die überraschende Wende nach einem weiteren Telefonat: heute fahre die Fähre, morgen wegen Unwetter nicht. Was insofern überraschend ist, als heute Nacht schlechteres Wetter vorhergesagt ist als morgen. Die Ankündigung des Unwetters hat sich eh von Tag zu Tag abgeschwächt.
Mir bleibt nur die sichere Variante: Rest-Geld tauschen, Rest-Rest-Geld ausgeben, noch 15 Kilometer bis Melilla fahren. Und während ich den ganzen Tag über nur ein paar Tropfen abbekommen habe, regnet es sich jetzt richtig ein. Ich schütze meine Schuhe mit Plastiktüten, damit ich nicht auf der Fähre mit nassen Schuhen rumhocke. Vor elf Jahren bin ich diese Strecke zur Fähre auch schon gefahren. Ich habe sie als einsam und ruhig in Erinnerung. Jetzt ist sie vierspurig, lückenlos befahren und in der einsetzenden Dunkelheit wälzt sich eine Blechlawine Richtung spanische Enklave. Am Ende geht's zur Grenze links ab. Jetzt stürzt das Wasser vom Himmel und unten sind überall Riesenpfützen. Ich mäander zwischen dem Fußgänger-Grenzübergang und dem Auto-Fahrstreifen, auf dem Radler normalerweise Grenzen überqueren. Offensichtlich immer im richtigen Augenblick: der letzte Marokkaner ist der erste, der meinen Pass zu sehen bekommt. Er guckt nur noch auf mein Foto. Dass ich keinen Ausreisestempel habe, bemerkt er nicht. Der Spanier winkt mich schon von weitem durch. Jetzt lässt der Regen wieder nach. Erster Weihnachtsfeiertag in Melilla. Nichts los auf den düsteren, nassen Straßen. Ich steuere direkt den Fähr-Terminal an. Heute zumindest fährt die Fähre. Die Tour ist zu Ende.
Als ich am späten Abend das Ticket kaufe, erfahre ich, dass sie doch morgen ganz normal fährt. Zu spät. Die Informationen der Girlies im Reisebüro von Nador waren leider falsch. Schade.


Melilla am Ersten Weihnachtsfeiertag abends
Melilla am Ersten Weihnachtsfeiertag abends


Malagas maurische Festung aus dem elften Jahrhundert: La AlcazabaErmüdung und Regeneration: wacher als gewünscht
Zweiter Weihnachtstag, Donnerstag, 26. Dezember 2013: Malaga

Die Fähre legt pünktlich um acht Uhr an. Alles wäre morgen schöner, weil ich dann easy direkt zum Flugzeug könnte, aber es soll nicht sein. Auch der Morgen hier ist sehr schön (Foto unten). Ich will nach Tarifa und Tanger auch das dritte Melting-Pot-Hostel kennenlernen: Malaga. Frühstück dort. Danach Radrückgabe bei bike2malaga. Das Rad hat - wie bei einer solchen Tour nicht anders zu erwarten - ein paar Macken gezeigt, aber alles in allem lief es sehr gut. Die Rückgabe ist wie immer schnell, nett und problemlos. Sie hätten mich sogar extra morgen um halb acht erwartet. So kann ich aber heute noch Malagas maurische Festung aus dem elften Jahrhundert La Alcazaba (Foto rechts) mit dem Castillo de Gibralfaro erschlendern. Ermüdung und Regeneration gehen Hand in Hand. Und die Wehwehchen, allen voran die Zerrung an rechter Wade rauf zum Oberschenkel, lässt sich nun nicht mehr ignorieren. Am Abend lerne ich noch den Melting-Pot-Chef kennen, seine Frau leitet das Tarifa-Hostel, sein Sohn Tanger. Er kocht und unterhält das abendliche Hostel. Und will nur 8 Euro für die Nacht im Zehn-Bett-Zimmer. Das ich mit meinem Husten allerdings wacher halte als gewünscht.


Sonnenaufgang am Weihnachtsfest in Malaga
Sonnenaufgang in Malaga



Freitag, 27. Dezember 2013: Flug Malaga - Hahn

Alles easy.


Teil 1
Malaga - Gibraltar / Ronda - Malaga (280 km) Nov. 2013
Sonnige November-Tage an der andalusischen Küste

Zur gesamten Tour
Malaga - Casablanca (1296 km) Nov./Dez. 2013
Rund um die Straße von Gibraltar


Gesamt-Route Malaga - Casablanca - Malaga



Blaue Linie = Touren-Route; Buchstaben = Start und Ziel der Etappen

Route Ronda - Tarifa / Casablanca - Melilla



Blaue Linie = Touren-Route; Buchstaben = Start und Ziel der Etappen

Etappen Teil 2: Ronda - Tarifa / Casablanca - Melilla (16.-25.12.2013)

Details mit Geschwindigkeiten, Höhenmetern etc. als Excel-Tabelle

Tag Datum Start Zwischenstationen Ziel km
1. 16.12.2013 Ronda Puerto de Encinas Borrachas (1006 m) - Algeciras Tarifa 125
2. 17.12.2013 Casablanca Mohammedia 33
3. 18.12.2013 Mohammedia Rabat Kénitra 112
4. 19.12.2013 Kénitra Suq-el-Arbaa-du-Gharb - Dlalha Larache 159
5. 20.12.2013 Larache Cap Spartel Tanger 105
6. 21.12.2013 Tanger Ksar Sghir Tétouan 101
7. 22.12.2013 Tétouan Oued Laou 48
8. 23.12.2013 Oued Laou El Jebha 81
9. 24.12.2013 El Jebha Al Hoceima 109
10. 25.12.2013 Al Hoceima Nador - Grenze Marokko/Spanien Melilla 143
Summe 1016

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Tour 48: Karakorum-Highway (1010 km) 2009
Karakorum 2009
Chris Tour 51: Khartum - Addis Abeba (1760 km) 2010
Äthiopien 2010
on the Tour 58: Alpen - Prag - Berlin (2060 km) 2011
Moldau 2011
Bike Tour 59: Errachidia - Agadir (1005 km) 2012
Marokko 2012
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