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VG WORTTour 59: Errachidia - Agadir (1005 km)


Miri on the Bike: Eis-Tour in der Bergwüste: Pistenfahrt im Atlas-Gebirge, Marokko
Pistenfahrt im Atlas-Gebirge: Eis-Tour in der marokkanischen Bergwüste

Bike-Blog & Routen-Karte & Etappen-Übersicht
Errachidia - Agadir (5.2.-16.2.2012)
Kälte-Radln in marokkanischer Sonne

Ausrüstung: Bike & More
Ausrüstung:
Bike & More
Die Straße der Kasbahs am südlichen Rand des Atlas-Gebirges ist seit langem eine Lücke, die meine Marokko-Touren 2002 und 2006 hinterlassen haben. Idealerweise wollten wir in Errachidia starten, doch das wird im Winter nur von Militärmaschinen angeflogen. Blieb der Flug nach Ouarzazate. Von dort geht es zunächst nach Osten bis Errachidia. Nach einer nächtlichen Taxi-Fahrt zurück nach Ouarzazate, geht es von dort in Teil 2 nach Westen bis zum Atlantischen Ozean bei Agadir.
Foto Special: Kasbah-Täler
Foto Special:
Kasbah-Täler

Die Tour bei YouTube


Maroc magique - unsere besten Videos und Fotos als Film zum Klang der Oud


Räder-Verpackung am Frankfurter Flughafen
Räder-Verpackung am Frankfurter Flughafen


Mitarbeiter von Air Maroc am Flughafen von CasablancaVerspätung im Tiefkühl-Flugzeug
Samstag, 4. Februar 2012: Flug Frankfurt - Casablanca - Ouarzazate

Die Anti-Fluglärm-Demos machen uns nicht nur ein schlechtes Gewissen, sondern führen auch zu einer Aufforderung von Air Maroc, schon vier Stunden vor Abflug vor Ort zu sein. Bei der Rad-Verpackung hat sich Miri wieder für eine dünne blaue Plane entschieden, ich für vier Packungen Klarsichtfolie à 50 Meter. Das wird akzeptiert. Dauert so seine Zeit. Aber die haben wir ja heute. 55 Euro will Air Maroc für jedes Rad haben.
Die Tür zum Espace Fumeur steht in der Inlandsflüge-Wartehalle in Casablanca sperrangelweit offen. So müssen wir mitrauchen. Kalter Rauch, so kalt wie das Wetter in Casa. Das Ende scheint absehbar. Um 22 Uhr sitzen wir im Flugzeug. Doch der Cäptn verlässt bald darauf den Flieger. Und wir auch. Eine Ladeluke lässt sich nicht richtig schließen.
Wir werden zurück in die Inlandsflüge-Wartehalle verfrachtet. Dort ist es inzwischen noch kälter, es gibt keine Versorgung mit Informationen, Getränken, Essen, geschweige denn Hotel-Gutscheinen. Irgendwann ist auch der verspätete Flug nach Nador-Oujda vom Acker. Dann taucht ein Mann auf, der irgendwas mit unserem Flug zu tun hat und nicht fotografiert werden möchte (Foto links). Die Schar der zwanzig Ouarzazate-Möchtegern-Flieger umkreist ihn. Er bekommt auf Arabisch und Französisch nun einige wüste Beschimpfungen zu hören.

Miri on the plane: im eiskalten Flugzeug am Flughafen Casablanca vor dem Start nach Ouarzazate Drei weitere Deutsche, sowie Holländer und Italiener halten sich zurück. Miri schläft mehr recht als schlecht eingemummelt auf der Bank. Dabei will der Mann uns nur sagen, dass es gleich losgeht. Nur glaubt das keiner mehr.
Es ist ein Uhr, als wir wieder in den Bus steigen. In das nun nahe Nullpunkt erkaltete Flugzeug steigen (Foto rechts). Ich werde erst wieder wach, als das Flugzeug in Ouarzazate aufsetzt. Dort ist es genau jene Null Grad kalt. Die Fahrräder sind wohlbehalten eingetroffen.
Eine halbe Stunde nach den andern Passagieren verlassen wir rollend das Flughafengebäude. Und radeln durch die klare Nacht über den Boulevard Mohammed VI. zum Boulevard Mohammed V. Die Stadt ist so tot wie kalt. Auch unser booking-com-gebuchtes Hotel Azoul. Ein leichtes Klopfen an der Holztür bewirkt mit ein bisschen Verzögerung die Öffnung der Hoteltür für uns. Zwei booking-com-buchungs-faxe liegen auf der Rezeption. Nur unsere nicht. Scheinen aber fast alle Zimmer leer zu sein. Und in dem geschmackvollen Hotel haben wir bald das schicke Sunset-Zimmer. Ebenfalls recht kalt. Drei Uhr morgens.


Teil 1: Ouarzazate - Errachidia (5.-13. Februar 2012)


Kasbah Ouarzazate
Die Kasbah von Ouarzazate


Islamische Weihnacht auf der Straße der Kasbahs
Sonntag, 5. Februar 2012: Ouarzazate - Skoura (58 km)

Die erste Wärme der Tour bereitet uns das Frühstück auf dem Hoteldach. In der Sonne ist es erstaunlich warm. Aber keineswegs heiß. Im Hintergrund sind die Gipfel des Atlas-Gebirges verzuckert. Es gibt ein zweites Paar im Hotel. Eine Holländerin ist mit einem gebürtigen Iraker einige Zeit im Land unterwegs. Ihre Erzählungen sind der beste Einstieg in den ersten Tourtag.
Als wir kurz nach elf starten, bleiben wir schon nach wenigen Metern hängen am Hinweis zur Kirche St. Thérèse. Tatsächlich wir kommen fast pünktlich zum Sonntagsgottesdienst. Der Priester Daniel Duigou, zugleich Psychotherapeut und Eremit, stellt heute irgendwo ein Buch vor, deshalb bleibt der Platz hinter dem Altar leer. Die Schwestern feiern Wortgottesdienst mit Eucharistieausteilung. "Mit Genehmigung" wie sie betonen. Nette französische Liturgie.
Dann noch basic shopping. Miri wehrt die ersten Attacken zu Teppichkäufen etc. erfolgreich ab. Und schon heißt es rolling am Fuß des Atlas auf der "Straße der Kasbahs" nach Osten. Alles rundherum ist Kasbah - Lehmburg (Foto oben). Entweder echt, oder nachemfpunden, oder Stein in Lehmfarbe. Eine tolle Bergwüstenlandschaft, die vom Reise Know-How mal wieder als langweilig verkannt wird.
Das Thermometer zeigt 18 bis 23 Grad an, aber es fühlt sich nicht wirklich warm an. Erst als wir gegen zwei Uhr Mittagspause an einer Palme machen, ist es angenehm. Mit Windstopper versteht sich. Gleichwohl alles traumhaft. Die Sonne, die Landschaft, der Schnee auf den Bergen (Foto unten), der Rückenwind. Bevor Miri zum Mittagsschläfchen ansetzen kann, bettelt ein Familienvater um Schokolade für seine Kinder. Ruhe und Romantik sind dahin. Wir radeln weiter. Kaum Verkehr. Zumal heute dank Mohammeds Geburtstag Feiertag ist. "Islamisches Weihnachten", wie ein Gottesdienstbesucher meinte.
Miri on the Bike in den Palmengärten von SkouraKurz vor Skoura besichtigen wir ein weitgehend verfallenes Lehmdorf. Dann geht's zur Kasbah Amerhidil (17. Jh.), gut restauriert, aber geschlossen. Macht nichts, jedenfalls ist hier eine Einfahrt in die Palmengärten, die sich beiderseits des Oued erstrecken. Wir lassen uns zehn Kilometer treiben, Pisten-Kilometer (Foto links).
Dann sind wir immer noch nicht im Centre von Skoura. Machen aber kehrt zur Kasbah Ait Abou, sieben Kilometer nördlich von Skoura. Eine einzige Enttäuschung. Kein Flair, hohe Preise, Eiseskälte. Beim Verlassen treffen wir ein französisches Paar, das ganz in der Nähe in einer Edel-Anlage (Foto unten links) untergekommen ist. Da finden wir auch einen Bungalow - beheizt, nach dem dritten Besuch des Portiers.


Chris on the Bike vor den verschneiten Gipfeln des Atlas-Gebirges
Vor den verschneiten Gipfeln des Atlas-Gebirges


Hotel bei Skoura: Chris in der HängematteRosen-Produkte, Rosen-Tal und Rosen-Kasbah
Montag, 6. Februar 2012: Skoura - El-Kelaa - Hdida (74 km)

Beim Frühstück leistet uns ein älteres französisch-amerikanisches Paar, das in Casablanca lebt, Gesellschaft. Sie stehen am Ende eines Wochenendtrips. Laden uns noch ein, auf eine Palmengartenbesichtigung mitzukommen, aber davon haben wir gestern schon einiges gesehen. Wir fahren die sieben Kilometer bis ins Zentrum von Skoura, wo wir uns wieder eindecken mit basic Lebensmitteln und Batterien, die zu billig sind, um Miris Fotoapparat in Gang zu setzen.
Wieder Sonne, die bald alles ringsum erwärmt. Die Straße swingt durchs rötliche Gestein. Miri immer ein gutes Stück voran. Was mir gestern schon lästernde Kommentare eines Passanten einbrachte. Ein Pässle, der Tizi-n-Taddert (1370 m), danach geht's ein bisserl bergab. In einer schönen Straßenkasbah essen wir das erste Tajine und eine Art Omelette. Alles ist sonnig relaxed. Die Straße windet sich dann im Tal durch einige Dörfer, die alle mehr oder weniger im Kasbah-Look gehalten sind. Ton in Ton die Menschen, Häuser und Berge.

Kasbah im Oued Mgoun bei El-Kelaa Die Versuchungen der Rosen-Produkte verstärken sich, je näher wie El-Kelaa Mgouna (El-Kelaa des M'gouna, Kelaat M'Gouna) kommen. Versuchungen, die eher den weiblichen Teil unseres Expeditionsteams betreffen. In El-Kelaa angekommen, kann frau dann unmöglich weiter widerstehen. Die Rosenläden liegen Tür an Tür. Und die stehen mehr als offen. Ich unterhalte mich unterdessen mit dem Nachbarrosenhändler über die Route. Auf dieser Basis lasse ich mich breitschlagen, in das Oued Mgoun, das Rosental, zu steuern. Schon in der ersten Kurve werden wir mit der ersten verfallenden Kasbah belohnt, die sich majestätisch im Oued erhebt (Foto oben). Um die Kurve herum steht schon die nächste (Sh. Foto Special: Kasbah-Täler). Ebenso ruinig, aber von mehr Gebäuden umgeben.

Chris: Schlafen mit Kefije bei KälteEine ganze Weile verläuft die Straße im belebten Tal, dann durch ein Nebental über ein Pässle. Kurz nachdem man wieder im Tal ist, sind wir in Hdida (Hadida). Der Kasbah des Roses wiederum kann ich nicht widerstehen. Richtig begeistert wird auch Miri, als sie den Holzofen hochfahren kann. Und auf ihm noch Tee, heiße Schokolädle und Brot zubereitet. Schlafen kann ich gleichwohl nur mit Kopfbedeckung (Foto links).
Ähnlich sind unsere Nachbarn zugange. Cecilia und Victor, ein argentinisches Paar, die im spanischen Surfer-Eldorado Tarifa leben. Er ist Koch. Sie betreiben zusammen das Fisch-Restaurant El Pescaderia.


Reste einer Kasbah bei den Affenfelsen im Oued Dades
Bei den Affenfelsen im Oued Dades


Flutlicht-Vollmond in der Dades-Schlucht
Dienstag, 7. Februar 2012: Hdida - Bou Tharar - Ait Youl - Msemrir (79 km)

Weil wir unbedingt schon um acht frühstücken wollen, müssen wir mit altem Brot vorlieb nehmen. Miris Versuch, den Aufenthaltsraum für dieses Event zu heizen, endet in einer Rauchwolke, die weit über das Zimmer hinausreicht. Westwind als vermutete Ursache. So frühstücken wir in unserm Zimmer. Die Argenitinier dann schon in der Sonne auf der Loggia.
Miri on the Bike neben der Piste zwischen Bou Tharar und Ait Youl In der radeln wir los, nachdem uns noch die Rosen-Produkte des Hauses vorgeführt wurden. Trotz Sonne: vier Grad. Am Ortseingang von Bou Tharar beginnt die Piste rüber ins Dades-Tal (Gorges du Dadès). 13 Kilometer soll die Pistenstrecke lang sein, am Ende sind es 15. Tatsächlich nur mit Geländewagen befahrbar und mit Rädern (Foto links). Einsam unter vielen Schafherden zieht sie sich über die Höhe bis auf 1750 Meter. Thomas-Cook- und ähnliche Fahrzeuge überholen uns gelegentlich. Ein paar Dromedare trödeln in der Ferne. Der schönste Teil ist die Abfahrt auf der Höhe einer Schlucht, in der Frauen die Wäsche waschen und auf Bäumen trocknen.

Miri & Chris im Dades-Tal, Marokko; Foto: Cecilia RomeroDie Dades-Talstraße führt zunächst in größtem Bogen um einen Talkessel. Ganz am Ende wollen wir in einer Kasbah Mittagessen. Zwei Jungen sind vor Ort und können nur Getränke herbeischaffen. Machen wir self-catering in dem sehr schönen Blumen-Hof mit Ausblick. Wenig später treffen wir die beiden Argentinier wieder. Cecialia macht ein Foto von uns (Foto rechts). Weitere Höhepunkte: Der Haarnadel-Anstieg auf 1850 m, die Fahrt durch eine Schlucht, in der nur noch Wasser und Straße zwischen den engen Felswänden Platz haben. Sehr schön auch am Ende die Abfahrt von 2100 m nach Msemrir.
Im letzten Tageslicht erreichen wir hier das Ende der Straße. Der vollmondige Mond reckt sich wie Riesenflutlicht grad über die Felswand. Drei "Hotels" sind im Zentrum. Eins rechts, zwei links. Alles spottbillig im Vergleich zu unseren bisherigen Unterkünften. Aber auch very basic. Im ersten und zweiten sind jede Menge Zimmer frei und kalt, eine Etage über den Rauch-gefüllten Jugend-Locations.
Ähnlich auch im dritten, Aït Atta, wobei das Hotel kein Hotel ist, sondern nur Café, Restaurant und Werbung für Gästezimmer im Hauskomplex des Chefs Hamid Achour. Der lotst uns mit seinem Mofa hin. Kalt (acht Grad) und leer ist es auch hier, aber sehr viel netter, sauberer. Der Gas-Durchlauferhitzer wird angeworfen. So können wir zumindest halbwegs warm duschen. Und mit vier Decken und der fast kompletten Nicht-Radler-Kleidung werden wir die Nacht schon überstehen.


Abfahrt in die Todra-Schlucht bei Tamtattouchte
Abfahrt in die Todra-Schlucht bei Tamtattouchte


42 Kilometer Pisten-Marathon auf über 2000 Metern Höhe
Mittwoch, 8. Februar 2012: Msemrir - Pass (2700 m) - Tamtattouchte - Todra-Schlucht (72 km)

Am Morgen ist das Zimmer dann vier Grad kalt. Wir haben gut geschlafen. Es gibt Frühstück. Und draußen scheint wie stets die Sonne. In der ich die Fahrräder kurz checke. Die 15 Kilometer Piste haben vor allem die Schrauben an den Ortlieb-Taschen gelockert. Und Miris Rücklicht hat den Abgang gemacht.
42 Kilometer lang soll die Piste heute sein. Hamid Achour, unser Gastgeber, malt eine kleine Skizze. Und die ist von Wert. Denn nicht schon drei Kilometer hinter Msemrir am steinernen Hinweisschild sollte man auf die Piste einschwenken, sondern noch 500 Meter der Straße folgen und ohne Hinweisschild auf der andern Seite der Äcker in die Piste einsteigen.
An der Passhöhe (2700 m) zwischen Msemrir und Tamtattouchte (Name unklar; man findet Tizi-n-Tirherhouzine, Tizi-n-Tirberbnuzine, Tizi-Tirherhozine, Tizi-n-Uguent-Zegasaoun) Anfangs begegnen uns noch ein paar Schäfer, dann haben wir den Atlas für uns. Der Weg steigt kontinuierlich von 2000 auf 2700 Meter. Wir verlieren keinen einzigen Höhenmeter. Die Piste ist fast überall in gutem Zustand. So lange sie trocken ist. Das ein oder andere Schneefeld ist auf dieser Seite des Passes am frühen Morgen noch recht stabil.
Bei 2500 Metern beginnt meine 3000-Meter-Höhenkrankheit. Ich muss mich akklimatisieren. Pause. Essen. Auch danach geht's nicht viel besser. Miri dreht - wie stets - auf dieser Höhe erst richtig auf. Übernimmt meinen Rucksack. Bei 2600 Metern noch einmal Pause. Eine einzige Haarnadel und wir haben nach 19 Kilometern (ab Msemrir) die Passhöhe erreicht. (Name unklar; man findet Tizi-n-Tirherhouzine, Tizi-n-Tirberbnuzine, Tizi-Tirherhozine, Tizi-n-Uguent-Zegasaoun; Foto links). Vier Stunden haben wir gebraucht. Trotz Anflügen von Höhenkrankheit absolute traumhafte Stunden. Ein einziges Auto, ein schweizer Paar aus Luzern hat uns überholt. Eine irre Szenerie aus Berg. Berg. Berg.
Auf der andern Seite des Passes das nächste Tal. Die geschmolzenen Passagen machen uns Schwierigkeiten. Versauen mit ihrem Schlamm unsere Räder, unser Gepäck und uns. Dann geht's meist schneller dahin. Ein paar Schikanen machen die Route für PKW unpassierbar. Doch schließlich erlaubt die Piste mir sogar 49,5 km/h. Da sind wir schon im Plateau oberhalb der Todra-Schlucht (Foto oben). Vorher haben wir am einzigen Café an der Strecke, und auch das gibt's erst seit zwei Jahren, ein Omelette berbère bekommen. Café mit Campinggelegenheit.



Abfahrt in der Todra-Schlucht



Nach genau 42 Kilometern endet die Piste tatsächlich am oberen Ortsrand von Tamtattouchte. Es folgt der nächste Traum. Die Abfahrt durch die Todra-Schlucht (Todhra-Schlucht, Gorges de Todra; s. YouTube-Video oben). Die ist kontinuierlich sehr schluchtig. Am allerschluchtigsten Teil klatschen die Felswände fast aneinander. Und die Touri-Industrie feiert ein Hochamt.
Wir rollen noch weiter hinab bis neun Kilometer an Tinerhir heran. Am Camping Le Lac nehmen wir ein Zimmerchen. Von Lac ist nichts zu sehen, aber wir spazieren noch durch einen Palmentunnel und über einzelne Steine im Bach hinüber zur Kasbah im letzten Abendlicht.


Chris on the Bike vor Schneefeldern bei der Pistenfahrt zwischen Msemrir und Tamtattouchte
Schneefelder auf der Pistenfahrt zwischen Msemrir und Tamtattouchte


Die Fußwärmer-Premiere am Schnee-Tag
Donnerstag, 9. Februar 2012: Todra-Schlucht - Tinerhir - Tizi-n-Boujou (1290 m) - Alnif - Tiguerna (91 km)

Die Statistik hat uns einen Tag pro Woche mit Niederschlag prognostiziert. Das ist heute. Schnee. Ganz leichter Schneefall. Vor allem verbunden mit der entsprechenden Temperatur.
Miri treibt uns aus dem Hotel. Bei 1 Grad Celsius. Dabei bleibt es auf meinem Fahrrad-Thermometer zwei Stunden lang. Zum ersten Mal ever trage ich Fußwärmer. Denn nach zehn Kilometern Todra-Schlucht-Rest sind die Zehen eiskalt. Die kleinen Fußwärmer werden um die Zehen gewickelt und halten auch noch ein bisschen Fahrtwind ab. Am Anfang spüre ich die Wärme, später immerhin die ausbleibende Eiseskälte.
Dazu Gegenwind. Hatten wir bisher West-, so ist es nunmehr Ostwind. Auch deshalb - und weil die Hotellage zwischen Tinejdad und Erfoud ungewiss ist - drehen wir nach Tabesbeste ab Richtung Alnif. Die gute Nachricht des Tages: Die 45 Kilometer lange Verbindungsstrecke zur N 10 im Süden ist asphaltiert.
Wolken über der neuen Straße zwischen der N 10 (Tinerhir) und Alnif Hinter Ait-el-Farsi steigt die Straße auf den Tizi-n-Boujou. Allerdings wesentlich steiler als die alte Piste, die in weitem Bogen mit großem Anlauf auf den Pass führt. Es hat aufgehört zu schneien, ganz kurz kommt die Sonne durch. Unter der düsteren Wolkendecke (Foto rechts) rollen wir 30 Kilometer mehr oder weniger bergab bis Alnif. Wieder eine tolle Strecke mit ganz unterschiedlichen schwarzen, grauen, braunen Felsen. Wir sind so überwältigt von den Landschaften. Und der Kälte. Über neun Grad will das Thermometer heute nicht hinaus.
Alnif ist erreicht, scheint aber keinerlei Heizungen zu beherbergen. Wir bleiben bei acht Grad draußen sitzen im Café-Restaurant Soleil. Soleil! Es gibt auch heute Omelette berbère mit Salade berbère und Thé nach unserm Geschmack: Nana pur in heißem Wasser. Da wir von gestern her schon wissen, dass das Omelette berbère so seine Zeit braucht, sondiere ich schon mal die Hotellage im Ort und jenseits des Ortes.
Im Café-Restau Palmier bietet man uns ÜF für 200 Dirham (ca. 18 Euro), im Hotel La Gazelle du Sud ÜF für 150 Dirham aber ohne heißes Wasser. Das bekämen wir - nachdem ich mich als Deutscher geoutet habe - bei einem Hotelboy zu Hause, der noch Schwierigkeiten mit dem Dativ und Akkusativ im Deutschen hat und ab August in Deutschland Physik studieren will. Gegenüber im Hotel Bougafer gibt es zwar heißes Wasser, aber kein Fenster im Zimmer. Heizung überall Fehlanzeige. 13 Kilometer weiter westlich, also entgegen unserer geplanten Fahrtrichtung allerdings, sei so ein Hotel mit Heizung. Viel mehr, als dass es auch einen Swimming-Pool hat, finden wir nicht heraus. Wir wagen den Trip mit Rückenwind.
Direkt hinterm kleinen Örtchen Tiguerna (Ksar Tiguirna) erscheint die Anlage des Hotel Kasbah Meteorites. Anspielung auf die vielen Versteinerungen von Fossilien, die hier in der Gegend zu finden und zu kaufen sind. Eine tolle weite Hotel-Anlage, bei immer noch acht Grad. Aber mit heißem Wasser und heißer Luft und kaum teurer als das Palmier. Il hamdulila.


Miris linke Gepäcktasche stark erleichtert
Linke Gepäcktasche stark erleichtert


Kinder-Diebe: Anstieg am Ortsausgang von AschbarouDie Kinderdiebe von Achbarou
Freitag, 10. Februar 2012: Tiguerna - Alnif - Rissani (110 km)

Am Ortsausgang von Achbarou (arab. أشــبـارو‎) steigt die Straße ein Stück (Foto links). Wir werden langsam. Zumal uns heute vom ersten Meter an heftiger Gegenwind quält. Immerhin scheint die Sonne wieder wolkenlos über der Steinwüste. Es ist halb zwölf. Wie so oft nähern sich von der rechten Seite ein paar Kinder. Stürmen auf uns zu. Bitten um Stylos, Dirham, Cadeaux.
Miri ist wie meist auf dieser Tour rund fünfzig Meter vor mir. Von den zehn bis zwölf Jungs im Alter von zehn bis zwölf nähern sich zwei bedenklich meinen Fahrradtaschen. Blicken begierig. Auffällige Limo-Flaschen und andere Lebensmittel habe ich längst in die Radtaschen verbannt. Die Jungs finden anscheinend keinen Ansatzpunkt. So weit ich das beim Umdrehen feststellen kann. Vorne strecken mir andere noch ihre Hände zum Abklatschen entgegen. Weiter vorne ist Miri genauso umringt. Dann sind wir durch. Ich schließe langsam zu Miri auf. Und sehe, dass ihre linke Fahrradtasche offen ist. Und leerer aussieht als sonst. Tatsächlich: Mindestens das große Reise-Necessaire fehlt. Mit vielem Kleinzeug und Silberring und Stirnlampe und Geld und... Wir drehen um. Hundert, zweihundert Meter. Aber die Kids sind natürlich über alle Berge.
Einen Passanten spreche ich an. Er geht sofort in die Richtung, in die die Kids gelaufen sein müssen. Wir sollen warten. Ich folge ihm. Weit und breit niemand zu sehen. Wir sprechen in einem Palmengarten mit ein paar Leuten, die dort arbeiten. Drei Jungs schließen sich uns an, um uns zu unterstützen. Vor allem Hamid. Aber hier gibt es mindestens zwei größere Orte, die von der Straße so nicht zu erahnen sind. Die Kinder hat niemand gesehen. Wir gehen in eins der beiden Dörfer. Viele, viele Grüppchen Kinder und Jugendliche stehen herum. Meine Helfer sprechen mit einem Dorfältesten, schnell bildet sich eine Ansammlung. Niemand kann offenbar helfen. Wir gehen zurück. Die Jungs empfehlen uns, nach Alnif zurückzukehren, dort eine Anzeige zu erstatten. Das Diebesgut werde sicher wieder auftauchen, aber das sei eine Frage der Zeit. Zeit, die wir nicht damit verbringen wollen.
Wir sind schon fast wieder an der Straße, als der Ersthelfer in dem Steinefeld Vitamintabletten findet. Schon entdecken wir Zahnpasta, Zahnbürste, aufgerissene Hautcreme-Packungen, Salben-Flaschen. Das Reise-Nessecaire, Silberring, Stirnlampe, Geld, dazu eine Alutasse, Löffel etc. bleiben verschwunden. Wir ärgern uns. Hätten es bemerken müssen, dass wir beklaut werden. Es scheint mehr ein Dummer-Jungen-Streich als gezielter Diebstahl. Aber es wirkt wie eine Grundmentalität: dass man sich bedienen kann an den Touristen. Der Verlust liegt bei rund 300 Euro. Es ist vor allem ärgerlich. Liebe deine Diebe?

Seigneur, sur cette terre, montre-moi ton amour
Sans toi à mes côtés, je ne fais que tomber
Viens affermir en moi l'Esprit de charité
Que je sache donner, aimer et pardonner
(Communauté de l'Emmanuel: Plus près de toi mon Dieu)

Miri on the Bike und Dromedare an der Straße zwischen Alnif und Rissani Stimmungstief bei Gegenwind. Wir quälen uns mit 14 Stundenkilometern über die Hügel. In Mecissi machen wir erstmals wieder Rast. Zwei Omelette, eine Coca-Cola, eine Fanta für 27 DH, 2,50 Euro. Eine andere Seite von Marokko. Wir haben zwei Stunden verloren durch den Diebstahl. Wenn wir jetzt weiter fahren, müssen wir durch die Dunkelheit radeln. Um halb sieben rüsten wir uns für die restlichen 24 Kilometer Nachtfahrt. Zwei Freiburger mit Wohnmobil aus Parchim halten noch und bieten an, uns samt Rädern mitzunehmen. Aber es geht jetzt besser. Der Wind hat nachgelassen. Der Sternenhimmel zieht auf. Sterne wie Sand in den Dünen, zu denen wir morgen wollen.
Die beiden besseren Hotels am Stadtrand, die eigentlich auf unserm Weg liegen, bleiben uns verborgen. Müssen wir mit einem bescheideneren im Ortszentrum vorlieb nehmen. Unterstützt von den ersten Schleppern, die im Tafilalet, in dem wir uns jetzt befinden, ihr Unwesen treiben.


Sand-Dünen von Erg Chebbi, Tafilalet, Marokko

Sand-Dünen von Erg Chebbi, Tafilalet, Marokko
Sitzgruppe in den Sand-Dünen von Erg Chebbi, Tafilalet, Marokko

Sand-Dünen von Erg Chebbi, Tafilalet, Marokko


Tea-Time in der Auberge Les Dunes d'Or an den Sand-Dünen von Erg Chebbi, Tafilalet, MarokkoGolddünen in der Sandwüste
Samstag, 11. Februar 2012: Rissani - Erg Chebbi (30 km)

Unter idealen Bedingungen hätten wir es gestern noch geschafft. So radeln wir nach einer ausführlichen Shopping- & Ksar-Tour in Rissani zu den Sand-Dünen von Erg Chebbi. Kaum ist man aus den Palmen von Rissani heraus, sind sie am Horizont zu erkennen. Immer noch 20 Kilometer entfernt. Der Wind kommt heute aus Süd-West. Größtenteils haben wir daher Rückenwind. Als wir auf Höhe der ersten Dünen ankommen, nehmen wir die Wellblech-Piste, um zu den Auberges direkt am Fuß der Dünen zu gelangen. Alle paarhundert Meter ist eine Art Kasbah zu sehen. Wir entscheiden uns für die Dunes d'Or. Und werden schnell handelseinig. Sind die einzigen Gäste. Werden von einem Begrüßungstee überrascht (Foto links).



Rund-Panorama im Erg Chebbi


Ich wandere über die Sanddünen (sh. YouTube-Video oben), durch die auch ein paar Dromedare dahinziehen, walke zu den benachbarten Wüstenherbergen mit ihren Berberzelten. Mustafa steht einsam mit seinem abgewrackten Mountainbike auf einer Höhe. Wir unterhalten uns. Und dann hat er den kleinen Rucksack doch voller Souvenirs. Kreuz-des-Südens-Anhänger, Armreife und natürlich Steine voller Versteinerungen oder Kristalle. Ich widerstehe. Schweren Herzens. Das momentan hier nix los ist, zählt er zu seinen Verkaufsargumenten.


Dromedare vor Sand-Dünen von Erg Chebbi, Tafilalet, Marokko

Sand-Dünen von Erg Chebbi, Tafilalet, Marokko


Plus près de toi mon Dieu, j'aimerais reposer
C'est toi qui m'as créé, et tu m'as fait pour toi
Mon coeur est sans repos tant qu'il ne demeure en toi
(Communauté de l'Emmanuel)


Quand prendra fin ma vie, daigne me recevoir
En ton coeur ô Jésus dans la maison du Père
Donne-moi de te voir et de te contempler
De vivre en ton amour durant l'éternité
(Communauté de l'Emmanuel)

Dromedare vor Sand-Dünen von Erg Chebbi, Tafilalet, Marokko


Miri on the DunesWie der Läufer einen Elfmeter auslöst
Sonntag, 12. Februar 2012: Erg Chebbi Running Dunes d'Or - Hassi Labied - Dunes d'Or (13 km)

Es ist so schön hier, dass wir noch einen Tag bleiben. Ich höre Plus près de toi mon Dieu, das mich die ganze Tour über begleitet.
Am Nachmittag jogge ich in das nahegelegene Örtchen Hassi Labied. Es hat zwei Cybercafés, in denen die Ortsjugend surft - bis das Signal plötzlich und unerwartet erstirbt. Da habe ich mir schon Viren und Trojaner auf meinem USB-Stick eingefangen.
Am Ortsausgang spielt ein anderer Teil der Ortsjugend Fußball. Ein paar Spanier sind auch darunter. Vielleicht wegen meines Joggingoutfits fragen mich die Marokkaner, ob ich mitspiele. Ich mach mit, auch wenn ich wegen meines Joggens inzwischen miserabel spiele. Mein erster wesentlicher Einsatz besteht darin, auf der Linie einen Ball zu klären. Das ist aber leider nur möglich mit Hilfe der Arme. Was der andern Mannschaft einen Elfmeter einbringt, den sie aus etwa sieben Metern verwandelt.
Ich kläre noch einmal auf der Linie - aber mit dem Fuß. Dann muss ich auch schon weiter, um im allerletzten Tageslicht wieder an der paradiesischen Auberge Dunes d'Or zu sein. Der Generator ist offenbar heute schon mit Sonnenuntergang angeworfen. Daraus schließe ich zurecht, dass weitere Gäste eingetroffen sind. Wir sind nicht mehr allein. Zwei Japanerinnen sitzen beim Abend-Couscous am Nachbartisch hier am Rande der Sahara.


Oued Ziz südlich von Errachidia, Marokko
Oued Ziz südlich von Errachidia


Der Sekundenschlaf-Taxifahrer mit Kabelbinder
Montag, 13. Februar 2012: Erg Chebbi - Erfoud - Errachidia (113 km) - Taxi - Ouarzazate

Die beiden Japanerinnen hüpfen im Restaurant. Nahezu erfroren bei ihrem morgendlichen Kamel-Ausritt in den Sonnenaufgang auf den Dünen. Und ein französisches Paar ist am späten Abend auch noch eingetroffen. Entsprechend gibt's auch am Morgen Strom. Die Air-Condition-Heizung weckt uns daher am frühen Morgen.
Source bleue de Meski bei Errachidia, Marokko Der auch Japanisch sprechende Auberge-Manager empfiehlt uns die Piste nach Erfoud. Wichtigster Orientierungspunkt: die Antennen. Mit dieser Hilfe finden wir ganz gut zur Herberge Derakoua und weiter zum Asphaltanfang. Der führt uns an einer Mülldeponie vorbei, die uns Plastiktüten ins Getriebe treibt.
Jenseits von Erfoud machen wir Pause in einem Palmengarten. Als wir aus den Palmenkilometern raus sind, kommt uns ein Radler mit Anhänger entgegen. Schwabe Jens Baumann ist 4000km.net unterwegs. Von Stuttgart bis Agadir. Besonders günstig. Eben auch dank Anhänger mit Rundum-Ausstattung. Da kann ihn auch nicht aus der Bahn werfen, wenn er in Frankreich ein Zelt verliert.
Dann geht's wieder ins Oued Ziz. Ein Palmenstrom im Taleinschnitt. Einfach famos. Zuletzt führt eine lange Rampe, die uns bis auf 1059 Meter bringt, aus dem Oued hinauf. Jetzt erfasst uns der Ostwind ganz und trägt uns zu der blauen Quelle von Meski (Foto links). Vor zehn Jahren ein vergleichsweise einsames Örtchen, heute von allen möglichen Wohnmobilen und Souvenirshops überflutet. Für eine kurze Pause immer noch das richtige.
Von hier sind die letzten 20 Kilometer bis Errachidia von einem komfortablen Radweg eskortiert. Der auch reichlich genutzt wird. Erstmals sehen wir auch viele Mädchen auf dem Rad. Ein Mann überholt uns wiederholt. Schließlich spreche ich ihn an. Elf Kilometer radelt Hamid täglich zur Arbeit. Jetzt will er uns einladen, bei seiner Familie zu bleiben. Aber wir wollen heute abend noch nach Ouarzazate, um morgen früh den zweiten Teil der Tour dort beginnen zu können.

Taxi-Fahrer Abdel-Rahmed befestigt die Fahrräder auf dem Kopf stehend auf seinem Mercedes-Taxi in ErrachidiaDer nächste Bus fährt erst um 23 Uhr. Fragen wir uns zum Sammeltaxi-Platz hinter der Moschee durch. Doch Sammeltaxis gibt's nur bis Tinerhir, die halbe Strecke. Ein Fahrer erklärt sich bereit, uns bis Tinerhir zu bringen. Unsere Räder kommen auf dem Kopf aufs Dach (Foto rechts mit Taxifahrer Abdel-Rahmed). Erstaunlicher Weise ist das dank Kabelbinder und Gurten bald auch stabil.
Abdel-Rahmed kann starten. Beim zweiten Zwischenstopp zur Radstabilitäts-Prüfung bzw. Raucher-Pause spreche ich ihn noch einmal auf Ouarzazate an. Ja, er ist bereit uns gegen höheres Entgelt dorthin zu bringen. Wir müssen sozusagen die Leer-Rückfahrt nach Tinerhir, wo er wohnt, mitbezahlen. Dann muss er noch seine Frau anrufen, die krank ist. Dann ist alles klar.
Ich versuche, den Taxifahrer durch gelegentliche Gespräche wach zu halten. Denn Phänomene von Sekundenschlaf sind nicht zu übersehen. Als ich nachfrage, ob alles ok sei, hält er von sich aus, um einen Kaffee zu trinken. Wo er doch eigentlich nie Kaffee trinke. Als er nach dem Kaffee wieder durchstarten will, springt die Batterie nicht an. Die beiden Kaffeeverkäufer und ich schieben den Wagen an, bis der Motor anspringt.
Gut vier Stunden braucht er für die 300 Kilometer nach Ouarzazate. Es wird bitter kalt im Auto. Lüftung und Heizung stehen auf Null. Wohl seit Jahren. Acht Jahre fährt er den Mercedes schon, 22 Jahre fährt er Taxi. Da macht es ihm offenbar nichts, so spät in die Nacht zu fahren. "C'est mon metier."
Wir kommen an, finden wieder Einlass in das Hotel Azoul, in dem wir vor einer Woche nach dem Flug um halb drei morgens eingecheckt hatten. Dagegen ist Mitternacht eine geradezu zivile Zeit.


Teil 2: Ouarzazate - Agadir (14.-16. Februar 2012)


Unesco-Weltkulturerbe Ait Benhaddou
Unesco-Weltkulturerbe Ait Benhaddou


Dunkle Felskulisse
Dienstag, 14. Februar 2012: Ouarzazate - Ait Benhaddou - Anzel (80 km)

Wieder Frühstück auf dem Dach. Wie am ersten Morgen im Hotel Azoul. Beim Bezahlen fragen sie an der Rezeption einfach, was wir beim letzten Mal gezahlt hätten. Gebucht war das Zimmer bei booking.com für 28 Euro, gezahlt haben wir 30. Zahlen wir wieder 30. Die Preisliste an der Rezeption weist 40 Euro aus.
Unesco-Weltkulturerbe Ait Benhaddou Nach der langen Nacht kommen wir erst gegen zehn Uhr los. Um halb eins sind wir in Ait Benhaddou (Foto oben). Den Abstecher wollen wir uns nicht entgehen lassen. Das Mittagessen mit Blick auf das alte Lehmdorf ist grandios, die Besichtigung des Ksar (Foto links) eher ernüchternd. Kein rundum stimmiges Ensemble.
Zurück auf die Hauptstraße nach Marrakesch. Miri heute immer mit zwei Ohrstöpseln ihres MP3-Players im Ohr. Dann links ab auf die anfangs noch fast einspurige Straße N 10 nach Agadir. Jetzt dunkler Felsen als Kulisse. Immer weiter hinauf führt die Straße. Gelegentlich an blühenden Bäumen und Palmen entlang. Den 1700er Pass schaffen wir leider nicht mehr, aber vor Anzel müssen wir trotzdem auf über 1650 Meter. Das Hotel in Anzel (Anezal, Anzal) ist nicht so schlimm wie befürchtet. Die Einrichtung ist basic aber nicht schlecht. Es könnte nur ganz einfach einiges sauberer sein. So schaffen wir uns Inseln akzeptablen Drecks.


Ruinen vor Bergkulisse bei Taliouine, Marokko
Ruinen vor Bergkulisse bei Taliouine


Chris: Jubler in der BergwüsteSafran-City hinterm Hochplateau
Mittwoch, 15. Februar 2012: Anzel - Taznakht - Taliouine (109 km)

Bei fünf Grad frühstücken wir im Freien vor dem Hotel in der Sonne. Großartig. Der kleine Ort lebt auf. Das bedeutet: die meisten warten vor dem Hotel auf Transport in die nähere oder weitere Welt. So starten auch wir, wie stets auf unsern Rädern.
Wir behalten zunächst die Höhe. Vor dem wenig höheren Pass geht's allerdings noch in eine Schlucht. Von dort über drei Kilometer mit 150 Höhenmetern bergauf auf den Tizi-n-Bachkoum, der sich über drei Spitzen mit max. 1725 Metern zieht. Lange Abfahrt in die Hochebene von Taznakht (Tazenakht).
Für die folgende Passage hatten wir vorab nur völlig irreführende Angaben. Das ist unsere Realität: Die N 10 steigt über 23 Kilometer auf der Hochebene wieder auf 1650 Meter. Kourkouda liegt am Hang, der uns auf 1780 Meter führt. Jetzt haben wir ein erstes Hochplateau erreicht, das wenig später noch einmal hundert Meter höher steigt. Vier Spitzen, von denen die vorletzte (Tizi-n-Taghatine) mit 1889 Metern die höchste ist, sind kleine Highlights auf dem Hochplateau. Dann folgt etwa 60 Kilometer hinter Taznakht die lange Abfahrt (sh. YouTube-Video:).



Abfahrt vom Tizi-n-Taghatine



Während es auf dem Hochplateau nur einen Souvenir-Anbieter und ein Café ("Ezzaouia") gibt, kommt endlich wieder ein Ort: Irhahi. Dann geht's auch mal wieder bergauf. Die längste Abfahrt führt schließlich runter nach Taliouine (1050 Meter). Der Wind ist weitgehend mit uns. So sind wir heuer mal um halb fünf am Ziel. Machen ein Ausflügle in die City, die von Safran-Produktion lebt. Wir landen im Maison du Safran, Safran-Läden und schließlich im Safran-Restaurant bei Safran-Salaten, Safran-Suppen, Safran-Tajine, Safran-Reis und Safran-Tee.


Miri on the Bike am Rande der Straße nach Taliouine
Am Rande der Straße nach Taliouine


Kashgar - Dakar en directe
Donnerstag, 16. Februar 2012: Taliouine - Arazane - Guerdane - Agadir (189 km)

Ahmed Jadid, mit seiner allerdings irgendwie abwesenden Frau Michelle Chef der Auberge Souktana, meint, wir könnten es heute bis Agadir schaffen. Es sind mindestens 180 Kilometer. Der Wind ist günstig. Und es geht bergab. Die 1050 Meter von Taliouine werden nicht mehr erreicht, auch wenn die Karten noch einen gleich hohen Pass verzeichnen, den wir aber nie zu sehen bekommen.
Der Schweizer Benedikt mit seinem Minimal-Gepäck Benedikt aus der Schweiz (Foto links) ist der zweite und letzte Fernradler, dem wir begegnen auf unserer Tour. Er hat ein super Rad, second-hand-mäßig in Inezgane erworben. Das wenige Gepäck ist sehr improvisiert angebracht. Eine Plastiktüte dient als Gepäcktasche auf einer Seite. Auf der bereits eine Speiche gebrochen ist. Oben drüber der Rucksack quer. Zum Minimalgepäck gehören Zelt und Schlafsack. Trotz der Kälte beschlafbar. Sagt Benedikt, der ein bisschen durch die Berge gezogen ist und jetzt in etwa auf unserer Route weiter will. Mit andern hat er Urlaub gemacht, bis der Moment kam, wo er spürte: er muss rauf aufs Rad.
Arganbäume bestimmen zunächst das Bild links und rechts der Straße (Foto unten). Eine rein marokkanische Pflanze, deren Öl Miri schon begeistert hat. Als die Straße von der N 10 abführt ins Oued Souss, kommen andere Pflanzen hinzu: Kürbis, Kartoffel, Orangen. Ein fruchtbares Tal, das von Agadirs Kanaren-Klima profitiert. 29 Grad zeigt das Rad-Thermometer. Wir bekommen mehrfach Orangen geschenkt. Und den Rückenwind.
Bei Taroudant endet die gemütliche Talstraße. Wir werden vor die Wahl gestellt: Wieder N 10 oder die Nebenstrecke über Guerdane. Die ist fast durchgängig vierspurig, aber ein Umweg von rund zehn Kilometer. Sie führt am Flughafen vorbei. Dort scheint keine Bleibe für uns oder zumindest unsere Räder, auch Ait Melloul und Inezgane reizen nicht wirklich als Finlae. Hier habe ich meine Route von 2006 Casablanca - Dakar erreicht. Und somit auf meinen Routen Kashgar mit Dakar verbunden. Verkehr und untergehende Sonne lassen das in den Hintergrund treten. Längst hat der Wind auch gedreht und macht uns gelegentlich das Vorankommen schwer. Dennoch mit 21,7 Stundenkilometern Durchschnittsgeschwindigkeit einer unserer allerschnellsten Tage.
Ab Inezgane gibt es auch einen Radweg, der uns den üppigen Feierabendverkehr leichter ertragen lässt. Kurz vor acht erreichen wir die Hotelarea von Agadir. Finden schnell ein schönes Zimmer im Hotel Mabrouk und feiern im Restaurant am Strand mit einem Festmahl und einem kleinen Fläschchen Wein. Zum ersten Mal gibt's Alk à Maroc.


Esel unter Argan-Bäumen
Esel unter Argan-Bäumen


Vor dem Freitagsgebet in der Moschee von AgadirThe Day After
Freitag, 17. Februar 2012: Agadir

Relaxen am und im Atlantischen Ozean. Mit einem Kurzbesuch der Moschee vor dem Freitagsgebet (Foto rechts).


Überdurchschnittliche Flugverluste: Tasche, Reifen und Reflektor
Samstag, 18. Februar 2012: Agadir - Aéroport Al Massira (22 km) Flug Agadir - Casablanca - Frankfurt

Es ist ganz dunkel beim Weckerklingeln um 5 Uhr 30. Es bleibt auch dunkel, denn der Strom im Hotel Mabrouk wird nachts abgestellt. Erst als wir die Räder mobil machen, wirft man den Strom an. Immerhin stellen wir zwei Drittel der Hotelgäste.
Es ist wenig Verkehr. Der Wind angenehm. So rollen wir erst nach Süden bis Ait Melloul, dann nach Osten zum Flughafen. 22 Kilometer genau. Das haben wir vorgestern schon gemessen.
Die Verpackungsorgie der Räder dauert wie üblich eine halbe Stunde. Bis dahin hat das Computersystem des Flughafens von Agadir beschlossen zu streiken. Fast eine halbe Stunde passiert gar nichts. Dann wird umgestellt auf Handbetrieb. Handbeschriebene Bordkarten. Ohne Sitzplatznummer.
Marokko von obenMit etwas Verspätung heben wir ab (Foto links). Das kann knapp werden in Casablanca. Wir haben nur noch 50 Minuten zum Umsteigen. Die Transfer-Schalter sind bevölkert, die Schlange an der Gepäckkontrolle ist rund 20 Meter lang. Ein Mann ruft "Francfort" aus, um die Passagiere an der langen Schlange vorbeizulotsen. Aber wir brauchen erst Bordkarten, die man in Agadir wegen des Computer-Ausfalls nicht ausstellen konnte. Dabei fällt auf, dass man vergessen hat, für unsere Räder zu kassieren. Der Chef entscheidet, dass wir nicht zahlen müssen. Dann laufen wir an der Warteschlange vorbei direkt zum Durchleuchtungsgerät. Die letzten marokkanischen Dirham bleiben ein Souvenir. Es geht direkt in den Flieger.
In Frankfurt aus dem Flieger fehlt Miris Fahrradtasche. Die Gepäckermittlung macht Hoffnung. Warten. (Zwei Tage später, am Rosenmontag, wird sie nach Mainz geliefert.) Bei meinem Fahrrad hat man mit Gewalt die Luft aus beiden Reifen gelassen. Folgen: Das Ventil des Vorderrads ist ruiniert, ich muss nach Hause schieben. Der Reflektor am Hinterrad ist verschwunden. Überdurchschnittliche Flugverluste.


Route Errachidia - Agadir



Blaue Linie = Touren-Route; Buchstaben = Start und Ziel der Etappen

Etappen Errachidia - Agadir (5.2.-16.2.2012)

Details mit Geschwindigkeiten, Höhenmetern etc. als Excel-Tabelle

Tag Datum Start Zwischenstationen Ziel km
1. 5.2.2012 Ouarzazate Skoura 58
2. 6.2.2012 Skoura El-Kelaa Hdida 74
3. 7.2.2012 Hdida Bou Tharar - Ait Youl Msemrir 79
4. 8.2.2012 Msemrir Pass (2700 m) - Tamtattouchte Todra-Schlucht 72
5. 9.2.2012 Todra-Schlucht Tinerhir - Tizi-n-Boujou (1290 m) - Alnif Tiguerna 91
6. 10.2.2012 Tiguerna Alnif Rissani 110
7. 11.2.2012 Rissani Erg Chebbi 30
8. 12.2.2012 Erg Chebbi
9. 13.2.2012 Erg Chebbi Erfoud Errachidia 113
10. 14.2.2012 Ouarzazate Ait Benhaddou Anzel 80
11. 15.2.2012 Anzel Tizi-n-Bachkoum (1725 m) - Taznakht - Tizi-n-Taghatine (1889 m) Taliouine 109
12. 16.2.2012 Taliouine Arazane - Guerdane Agadir 189
Summe 1005

Miri on the Bike bei Skoura, Marokko
Bei Skoura


Anschluss Tour 33: Casablanca - Dakar (3165 km) Nov./Dez. 2006

Anschluss Tour 17: Santiago - Figuig (2106 km) April/Mai 2002


Nächste Tour: Mainz - Brocken (455 km) April 2012

Vorherige Tour: Alpen - Prag - Berlin (2060 km) Aug./Sept. 2011


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Tour 48: Karakorum-Highway (1010 km) 2009
Karakorum 2009
Chris Tour 51: Khartum - Addis Abeba (1760 km) 2010
Äthiopien 2010
on the Tour 58: Alpen - Prag - Berlin (2060 km) 2011
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Bike Tour 59: Errachidia - Agadir (1005 km) 2012
Marokko 2012
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